Taubertal100 2017 – Mein erster 100 km Lauf

06.10.2017, Freitag
Ich erreiche Rothenburg ob der Tauber, eine kleine Stadt mit wunderschöner, mittelalterlicher Altstadt. Es ist der Startort meines ersten 100 km Laufes und das Ziel liegt in Wertheim. Ich suche das Hotel auf, checke mich ein. Kurz danach hole ich meine Startunterlagen und meine Dropback Taschen ab und packe sie entsprechend. Für alle, die jetzt keine Vorstellung haben, was ein Dropback ist: Das ist eine kleine Tasche, die man für einen vorher definierten Punkt abgeben kann. In einen Dropback darf man alles packen, was man an diesem Punkt haben möchte und irgendwie in diese Tasche passt. Die Dropbacks haben die Größe eines Turnbeutels. Am Ende darf ich einen Dropback behalten, den anderen muss ich wieder abgeben.

Ich darf zwei Dropbacks abgeben. Für den Km 20 Dropback gebe ich nur Gels und Energieriegel ab. Für Km 71 hingegen packe ich Gels, Riegel und ein komplettes zweites Kleidungsset, bestehend aus einem Capi, T-Shirt, Jacke, Hose, Schuhe etc. Das erste Mal packen klappt nicht sonderlich gut, doch nach dem 2. Versuch passt endlich alles in den Beutel für Km 71. Ich bereite mich so komplett auf den Lauf vor, bevor meine Freundin, Sina, in Rothenburg ankommt, um mich entsprechend auf dem Lauf zu begleiten. Sie stellt das Auto in Wertheim ab und kommt mit dem Fahrrad per Zug nach Rothenburg. Als ich alles gepackt habe, erreicht sie Rothenburg und ich hole sie vom Bahnhof ab und bringe sie in unser Hotelzimmer. Es sind nur noch wenige Stunden bis zum Start. Wir nutzen die Zeit daher sehr gut und gehen einmal durch Rothenburg spazieren, bevor das Sicherheitsbriefing um 17 Uhr anfängt, gefolgt von einer Kartoffelparty und zwei Vorträgen über die Motivation beim Ultralaufen.

Auf der Kartoffelparty sitzt Jens mir gegenüber. Ein Löhner, der ungefähr 300 m von einer meiner alten Wohnungen in Löhne-Obernbeck entfernt wohnt. Was für eine kleine Welt! Er läuft die 71 km und versucht unter 7 Stunden zu bleiben. Es ist sein längster Lauf bis zum heutigen Tag.
Dann geht es schnell zu den Vorträgen. Als ich die zwei Vorträge gehört habe, denke ich mir, dass ich unbewusst schon einiges richtig mache. Insbesondere, dass man nicht die Demut vor langen Distanzen verlieren soll, predige ich auch andauernd: Habe Respekt vor der Distanz und verliere sie niemals und sei dankbar, dass du das laufen kannst!
Nach diesem ganzen Programm ist es schon 21:15 Uhr und somit sind es nur noch 6,5 Stunden bis zum Klingeln meines Weckers. Auch wenn es direkt ins Bett geht, die Nacht ist irgendwie sofort vorbei.
Ich realisiere beim aufstehen nicht, dass ich mich überhaupt nicht mental auf den Lauf eingestellt habe. Ich bin weder nervös, noch angespannt. Das Programm ist so voll, dass ich ständig ablenkt bin und mich bemühe alle getakteten Termine einzuhalten. Was mache ich hier eigentlich? Bin ich doch noch nie über 63 km hinaus gelaufen. Ich war im Sommer verletzt, konnte mich nicht entsprechend vorbereiten. Achja. Mir fällt es wieder ein. Ich möchte 100 km laufen. Na, wenn ich sonst keine anderen Pläne habe, dann packe ich das Projekt mal an.

07.10.2017, Samstag
Vor dem Start
Um 03:45 Uhr klingelt der Wecker und die Nacht ist vorbei. Alles ist vorbereitet, die Wettkampfkleidung liegt bereit, die Taschen sind gepackt. Alles funktioniert wie ein Automatismus. Wach bin ich nicht. Sina und ich machen uns fertig und nehmen alle Taschen mit zum Frühstück, welches um 04:30 Uhr ist. Wir sind bei weitem nicht die Ersten, obwohl wir überpünktlich sind. Eigentlich sind wir sogar fast die Letzten. Es ist ein gutes Buffet und viele reden durcheinander. Manche Läufer klingen wie aufgescheuchte Hühner. Ihnen merkt man die Nervosität einfach an. Sina und ich schweigen uns eher an und fühlen uns noch müde. Sie schlürft ihren Kaffee und ich meinen O-Saft. Um 05:05 Uhr gebe ich meine Dropbacks und die Reisetasche für das Ziel ab. Anschließend gehe ein letztes Mal auf die Toilette. Sinas Tasche muss sie selbst auf dem Fahrrad mitführen. Sie hatte das eingeplant und entsprechend wenig gepackt.

Um 05:15 Uhr treffen sich alle vor unserem Hotel. Für alle die wollen gibt es eine Fackel für den Fackellauf. Ich möchte ein Teil dessen sein und hole mir eine ab. Der Fackellauf ist ca. 1-2 Km lang und gehört nicht zu den 100 km. Wir laufen in den Burggarten von Rothenburg ob der Tauber, wo wir unsere Fackeln später löschen werden. Dort empfängt uns ein Ritter zu Pferd, der uns einen Auftrag gibt. Wir sollen Botschaften zu den vier Orten überbringen, die 50 km, 71 km, 100 km und 161 km (100 Meilen) entfernt sind. Ach, ich mag diese Rahmenstory. Wirklich! Für mich ist das wie eine zusätzliche Motivation. Welche Botschaft wir konkret überbringen sollen? Ich schlage vor: Nehmt am Lauf teil und ihr erfahrt es. *zwincker*


Danach gehen wir nochmal einen guten Km zum Start. Es ist komplett dunkel, es gibt keine Straßenlaternen. Nur unsere Kopflichter geben uns Licht.
Am Start angekommen stellen wir uns auf. Hier trennen Sina und ich uns. Sina steht mit ihrem Fahrrad ebenfalls am Start, aber an der Seite, um niemanden beim loslaufen zu stören. Der Start wird eng und voll, da ist ein Fahrrad noch nicht geeignet als Begleiter, denken wir uns. Ich hoffe, dass wir uns nach 5 km sehen würden. Ich sollte mich irren, denn wir sahen uns erst deutlich später.
Ich blicke einmal in alle Richtungen. Über alle vier Distanzen starten insgesamt 250 Läufer_innen gleichzeitig. Danach gehe ich meinen Tagesplan durch: Ich habe es nicht eilig und meine Strategie für den Tag ist klar: Für die ersten 50 km, möchte ich unter 5 Stunden bleiben, für die 71 km möchte ich unter 7:30h Stunden bleiben und danach gucke ich mal was so geht. Irgendwo zwischen 10 und 12 Stunden möchte ich ins Ziel einlaufen. Sollte der Plan A scheitern, dann sieht mein Plan B wie folgt aus: Ich möchte auf jeden Fall unter dem alten Cut-Off von 13 Stunden bleiben, denn zu diesem hatte ich mich angemeldet. Dieser wurde jedoch nach meiner Anmeldung auf 15 Stunden abgesengt, um Genussläufer diesen Lauf ebenfalls zu ermöglichen.

06:00 Uhr, Km 000, 0:00h Laufzeit
Der Startschuss! Als wir loslaufen, wird noch Pyro gezündet und Fontänen zäumen die ersten Meter. Es ist und bleibt total dunkel. Ich laufe ungefähr mit einer 5:45 min/km Pace los. Ich unterhalte mich schon nach 2 km mit der ersten Läuferin. Sie schätzt, dass sie vierte Frau wird und erhoffte sich eigentlich mehr. Ich frage mich in Gedanken versunken, wieso sie das nach 2 km schon so sicher weiß?

Nach 5 km am ersten Verpflegungspunkt (VP) trennen sich unsere Wege. Ich schreibe Sina, dass ich am VP (Verpflegungspunkt) 1 bin. Noch sehe ich sie nicht. Sie ist irgendwo hinter mir. Nach zwei, drei Minuten laufe ich weiter. Ich sehe sie einfach nicht. Es bleibt tiefste Nacht und ehrlich gesagt ist es das erste Mal, dass ich einen Wettkampf so früh am Morgen im Dunkeln bestreite und ich muss ehrlich sagen, es gefällt mir. Ich könnte mir sogar einen Lauf vollständig in der Nacht vorstellen. Der 100 km Lauf zu Biel ist ein solcher Nachtlauf, oder der FiNaMa (Fidelitas Nacht Marsch/Lauf). Diese Ruhe ist so erholsam. Der ganze Weg ist nur punktuell durch die Stirnlampen erhellt. Ich drehe mich immer wieder um, ob ich Sina sehe, doch ich sehe nur unzählige Stirnlampen hinter mir, die sich zu einer langen Schlange formieren. Es sieht wunderschön aus und ich mache doch kein Foto, weil die GoPro mit dem wenigen Licht einfach nicht klar kommt. Diese ersten Eindrücke sind unglaublich intensiv, auch weil ich alleine bin.
Ich habe keinen MP3 Player dabei, keine Kopfhörer. Ich genieße einfach diese Ruhe und diese Phase vom Rennen.

06:58 Uhr, Km 010, 0:58h Laufzeit
Nach knapp einer Stunde laufe ich zur VP 2 und genehmige mir etwas Essen und Getränke. An den VPs bei 5, 15, 25, 35 usw. gibt es immer nur Getränke und bei 10, 20, 30, 40 usw. gibt es Getränke und Essen. Im Moment habe ich gute 18 Minuten auf den Cut-Off. Tatsächlich ist der erste harte Cut-Off bei Km 50 und 6:30h und somit der schwerste Cut-Off in meinem Kopf. Daher rechne ich mind. bis dorthin immer meinen Vorsprung aus. Grundsätzlich hat man 76 Minuten pro 10 km im Durchschnitt Zeit auf den ersten 50 Km.
Nachdem ich etwas gegessen und getrunken habe, laufe ich weiter. Bei Km 11 bleibe ich stehen und warte auf Sina. Ich merke, wie es mich stresst, dass sie irgendwo hinter mir ist, und wahrscheinlich nicht / kaum durch kommt. Ich habe mittlerweile sehr viel Platz, um mich herum und sie könnte problemlos neben mir fahren. Ich versuche sie anzurufen, aber der Empfang in der Natur ist einfach nicht vorhanden. Ich packe das Handy wieder weg. Nach knapp 3,5 Minuten warten kommt sie. Ab diesem Moment sind wir zusammen unterwegs. Endlich!

Es wird langsam hell und so mache ich mein Kopflicht aus und packe es weg. Wir unterhalten uns kurz und sie berichtet, dass der große Knubbel an Läufer_innen hinter uns ist.
Die ersten gemeinsamen Kilometer reden wir sehr viel. Ich möchte unbedingt wissen, wie es hinter mir im Feld aussieht. Die Strecke selbst ist ein asphaltierter Fahrradweg, der mehr an den Dörfern vorbei führt, als durch sie hindurch.

07:56 Uhr, Km 020, 1:56h Laufzeit
Schon bei km 19 war die erste Dropbackstation und damit gab es auch zum zweiten Mal Essen. Als ich in den VP einlief, rief jemand meine Nummer und danach eilt ein anderer Helfer mit meinem Dropback zu mir. Ich empfinde diesen Service als sehr angenehm, weil ich als Läufer mich ausschließlich auf den Lauf konzentrieren kann. Ich nehme alles das, was ich brauche und fülle meine Vorräte auf. Ich nehme bei weitem nicht alles. Auch entscheide ich mich dagegen meine Stirnlampe abzugeben. Es gibt das Risiko, dass ich über 13:00h brauchen könnte und dann wird es wieder dunkel und ich bräuchte das Kopflicht.

Bei Km 20 habe ich 1:56h auf der Uhr stehen und habe nun ungefähr 36 Minuten Vorsprung auf den Cut-Off. Die Landschaft verändert sich, da wir durch ein Dorf laufen. Wir werden ab jetzt durch einige Dörfer laufen.

Bei Km 23 überhole ich Jens, den Löhner. Wir unterhalten uns kurz und ich wünsche ihm weiterhin alles Gute.
Der Abschnitt ist zwischen 20 und 30 ist schön, da er viel an dem Fluss Tauber direkt entlang führt. Doch es bleibt dabei: Der Weg ist vollständig asphaltiert.

08:54 Uhr, Km 030, 2:54h Laufzeit
Als ich die Km 30 passiere schaue ich wieder auf die Uhr. Ich habe nun 2:54h auf der Uhr und somit 54 Minuten Vorsprung zum Cut-Off. Wir sind auf einem langen, geraden Stück und das erste Mal merke ich den Gegenwind deutlich. Ich werde den ganzen Tag auf den gesamten 100 km Gegenwind haben. Mal werden Bäume mich schützen und mal wird der Wind mich Kraft kosten. Sina merkt an, dass die ersten aus der WhatsApp Supporter Gruppe wach seien und geschrieben hätten. Das ist eine Gruppe aus Personen, die Interesse an einer Live Berichterstattung angemeldet haben, oder wo ich mir dachte, dass sie Interesse haben könnten. Ich freue mich über die ersten Nachrichten, die sie vorliest. Es tut gut zu wissen, dass andere den Lauf mitverfolgen und mitfiebern!

Bei Km 34 laufe ich an einen Finisher vom Deutschlandlauf heran und befrage ihn zum Lauf. Das war ein 1300 Km langer Lauf von Sylt zur Zugspitze in ungefähr 2,5 Wochen. Es gibt nur knapp 40 oder 50 Finisher. Er erzählt ein wenig vom Lauf und ich meine, dass mich höchstens eine Etappe reizen würde, aber nicht der gesamte Lauf. Danach trennen sich unsere Wege für einige Km, aber nicht zum letzten Mal. Wir werden uns an diesem Tag noch einige Male unterhalten. Wir trennen uns und er gibt mir folgende Worte mit: „Denk dran. Die erste Hälfte eines 100 km Laufes ist 70 km lang. Die zweite Hälfte ist aber dann doch ein wenig länger.“
Wir erreichen den Getränkepunkt bei km 36 und befinden uns vor einem Schloss. Als die Strecke ins Schloss führt, wird Sina aufgehalten: „Nur die Läufer dürfen durch die nächste Passage. Begleiter müssen außen rum fahren.“ Ich darf durch einen Schlossinnenhof laufen und komme durch einen weiteren Torbogen in den Schlosspark. Der ist schön, nicht gewaltig, aber wirklich nett. Ich bin alleine von der Tatsache total angetan, dass ich durch ein Schloss und den Park laufen darf und feiere das auch laut. Die Streckenposten freuen sich scheinbar für mich und feuern mich an.

Als ich durch den Schlosspark durch bin, sehe ich Sina wieder, die an einer Kreuzung auf mich wartet. Ich bin total positiv gestimmt und gerade enorm gut drauf.
Bei Km 37 parkt ein Auto an der Strecke, ein Läufer steigt aus, läuft zu uns und schließt sich uns an. Er laufe nur 5 oder 10 km Volksläufe, wolle aber für einige wenige Km mal das Gefühl bekommen, wie es so ist bei einem solchen Ultralauf teilzunehmen. Wir unterhalten uns nett. Primär ist er sehr interessiert und stellt viele Frage, die ich alle beantworte. Wie lang man dafür trainiert? Wieso man so lange durchhalten kann? Usw. Er bleibt für ungefähr 1,5 Km bei uns. Bei 38,5 ist der nächste Punkt für Essen und Getränke. Dort dreht er um und läuft zurück. In Wertheim ist ein 5 km Lauf an dem er mit einem Team am selben Tag noch teilnimmt.

09:45 Uhr, Km 040, 3:54h Laufzeit
Bei dem Km 40 Schild steht eine junge Frau. Sie kommt aus ihrem Auto gesprungen und fragt mich, wo der Verpflegungspunkt für Km 40 sei, denn hier sei keiner. Ich sage ihr, dass der schon bei Km 38,5 war. Sie bedankt sich und steigt wieder ins Auto und fährt los.

Ich gucke auf die Uhr und sehe, dass ich bei 3:54h Stunden bin. Ich habe nun 1:10h Vorsprung zum Cut-Off.
Bei Km 42 klatschen Sina und ich uns ab. Der erste Marathon ist geschafft in etwas über 4 Stunden. Ich liege damit voll und ganz in meiner Taktik, es locker anzugehen. Bisher fühle ich mich gut, bin vollständig beschwerdefrei und habe keine Schmerzen. Wir durchlaufen den x-ten Ort und es wird der letzte vor Bad Mergentheim sein, wo das 50 km Ziel liegt. Es ist schon ein komisches Gefühl einen Marathon gelaufen zu sein und eben nicht im Ziel zu sein. Vor zwei Wochen lief ich in Berlin die 42,195 km in 3:15h und nun? Es wirkt alles so fern und so weit weg. Ich meine jetzt nicht die 100 km, sondern die Tatsache einen Marathon zu laufen. Mehr denn je merke ich, dass der Marathon in Berlin nur eine lange Trainingseinheit war. Ach, ich könnte jetzt wieder in den Gedanken verfallen, dass sich die Maßstäbe verschieben, wenn jemand zum ersten Mal ein Marathon läuft, oder einen Ultra. Ich lasse den Gedanken fallen, schaue zu Sina und lächle sie an. Sie guckt mich an, lächelt mich zurück und fragt: „Was?“ Ich bekräftige, dass alles in Ordnung sei und mich freue, dass sie da ist.
Ich denke nur an die Kilometer, die ich habe und nicht an die Km, die vor mir sind. Das ist mein Weg mit den 100 Km mental umzugehen.
Bei Km 44 habe ich die erste kleine Krise. Ich fühl mich plötzlich müde, schwach. Ich muss auch etwas Tempo rausnehmen. Mich überholt eine Frau, sowie zwei Männer, die ein Finisher T-Shirt des Sparthalons tragen (246 km Non-Stop Lauf, der auch von den Cut-Offs anspruchsvoll ist). Ich nehme ein Gel und hoffe auf den nächsten Getränkepunkt, der hoffentlich bald kommt. Als wir bei Km 45 endlich ankommen, nehme ich einen meiner Energieriegel und entsprechende Getränke vom VP zum runterspülen. Hier mache ich das erste Mal eine längere Pause und gehe die ersten 100 m nach dem VP, um mein Essen anzuverdauen. Hier überholt mich der Deutschlandlauf-Läufer und Jens, der Löhner.

Wenige Meter nach dem VP werde ich von einem Streckenposten angesprochen, ob alles okay sei. Ich bestätige das. Ich habe etwas gegessen und brauche gerade 1-2 Minuten, bevor ich weiterlaufe. Er nickt erleichtert und wünscht mir viel Spaß weiterhin. Ich laufe wieder los. Ab Km 47 geht es mir wieder gut und ich fühle mich wieder richtig fit.


Die letzten Kilometer bis zum Ziel in Bad Mergentheim sind durch den Kurpark, was eine schöne Abwechslung zur sonstigen Landschaft ist. Ein weiteres kleines Highlight und es hilft sicher noch einmal zur Motivation bis in Km 50 Ziel.

10:57 Uhr, Km 050, 4:57h Laufzeit
Bei Km 49,5 ertönt eine Fanfare von einem Kirchturm her für jede Läuferin und jeden Läufer. Ich muss lächeln und bin glücklich. Ich mag das ganze Mittelalter Thema drum herum einfach unheimlich.
Gedanken zur Halbzeit: Sina lieferte bisher einen perfekten Support. Sie ist für mich da und ist verständnisvoll. Wir reden viel und doch gibt es auch lange Schweigephasen, die wir entspannt und positiv hinnehmen. Sie liest mir aus der Supportgruppe immer wieder die Nachrichten vor und schreibt Nachrichten zurück. Sie motiviert mich, alleine durch ihre Anwesenheit. Sie feuert mich an, als es mir bei Km 44 nicht gut ging und freut sich mit mir, wenn ich etwas abfeiere, wie den Schlosspark.


Ich laufe durch das 50 Km Ziel und gehe direkt an den VP, um richtig viel zu essen. An keinem Stand zuvor, oder danach, werde ich so viel Essen wie hier. Ich nehme mir fast 10 Minuten Zeit. Ich werde sogar gefragt, ob ich abbreche oder noch weiterlaufen möchte. Ich sage, dass ich bald aufbreche, doch gerade einfach Hunger habe. Beim Essen treffe ich den Deutschlandlauf-Läufer wieder. Es geht ihm nicht so gut, da er mit dem Essen nicht klar kommt. Seine Frau besorgt ihm gerade ein Brötchen vom Bäcker von neben an. Ich wünsche ihm alles Gute, doch ich ahne, dass wir uns nicht zum letzten Mal gesehen haben.
Mein erstes Ziel hab ich erreicht. Ich blieb unter 5 Stunden bei 50 km. Nun hieß es: Der nächste Halbmarathon sollte in unter 2,5 Stunden bleiben. Nun habe ich noch 10 Stunden Zeit für zweite Hälfte des 100 km Laufes. Ab diesem Moment weiß ich, dass der Cut-Off für mich keine Rolle mehr spielt. Ich verlasse den VP.

Der Abschnitt zwischen 50 und 60 fängt schön an der Tauber an. Jedoch ändert sich das schon nach gut 1,5 km und es wird ein größtenteils unansehnlicher Abschnitt. Wir laufen immer häufiger durch Industriegebiete und an gut befahrenden Landstraßen entlang. Seit Km 50 ist es sehr einsam um mich herum geworden. Ich sehe immer seltener andere Läufer_innen. Ich bin so froh, dass Sina da ist, die fast zum selben Zeitpunkt, dieselbe Erkenntnis hat.

Bei Km 54 laufe ich an einer rothaarigen Dame vorbei. Auf ihrer Nummer sehe ich später, da wir uns nun mehrmals treffen werden, den Namen: Iris. Ich grüße sie. Mir fällt sofort auf, dass sie eine Mütze von Transalpine-Run 2017 trägt. Sie holt mich am VP bei Km 55 wieder ein. Sie macht sehr kurze Pausen, und ich lange. Ich werde sie bei Km 57 wieder überholen. So wird das nun bis zum Ziel gehen.
Bei Km 58 erlaube ich mir ausnahmsweise den Gedanken, dass es jetzt „nur noch“ ein Marathon bis ins Ziel ist. Darunter kann ich mir etwas vorstellen. Dennoch ist ein sonderbares Gefühl, jetzt schon fast sechs Stunden zu laufen und einen Marathon vor sich zu haben. Ansonsten bleibe ich hart bei meiner Linie: Denke nur an die Km, die du geschafft hast und nicht an jene, die vor dir liegen. „Nur noch“. Bei diesen zwei Wörtern muss ich selbst gerade, wo ich diesen Bericht verfasse, den Kopf schütteln.

12:06 Uhr, Km 060, 6:06h Laufzeit
Als Sina und ich die 60 km passieren, habe ich 6:06h auf der Uhr. Abzüglich meiner 10 minütigen Pause bei Km 50, brauchte ich so nur um die 60 Minuten für die letzten 10 km. Ich merke aber, dass ich etwas langsamer werde und die Pausen an den VPs länger werden. Es sollen die letzten 10 km an diesem Tag sein, die ich in unter 60 Minuten laufen sollte.
Es gibt immer mehr hässliche Industriegebiete, die wir passieren. Sogar über Ampeln führt die Route, so dass ich erst einmal 1,5 Minuten an einer roten Ampel stehe und nicht weiter kann.
Wirklich schöner wird es erst wieder bei Km 65. An dem dortigen Verpflegungspunkt, sagt ein Helfer, dass das kurz vor mir ein 100 Meilenläufer war. Wir reden kurz darüber und ich meine „Der hat noch knapp 100 km vor sich, also meine gesamte Tagesdistanz. Ich bin froh, dass ich gleich schon zweidrittel absolviert habe.“ Der Helfer vom VP nickt zustimmend. Bei dem Gedanken, dass der Läufer meine gesamte Strecke vor sich hat, stockt mir selbst der Atem. Das lässt die Maßstäbe nochmals irgendwie verquer wirken. Ich atme tief ein und aus. Ich verlasse den VP. Kurz vor Tauberbischofsheim komme ich wieder in ein Gespräch mit einem Läufer, der gleich bei 71 km aufhören wird.

Wir reden bis kurz vor dem 71er Ziel. Wir bekommen auch beide hier eine Fanfare gespielt und gut 200m vor dem Ziel, zieht er an und sprintet zügig ins Ziel. Ich denke in dem Moment an Jens, wie es ihm wohl geht und ob er sein Ziel geschafft hat, unter 7 Stunden zu bleiben? Das hat er leider nicht. Er wird sogar erst kurz nach mir einlaufen. Gesehen habe ich ihn leider nicht mehr, sonst hätte ich einige motivierende Worte zu ihm gesagt. Ich habe keine Ahnung, wann ich ihn überholt habe. Auf jeden Fall herzlichen Glückwunsch zu deinem ersten und erfolgreichen 71 km Lauf, Jens! Eine großartige Leistung und ich hoffe du freust dich über dein Ergebnis und deine Leistung.

13:19 Uhr, Km 071, 7:19h Laufzeit
Ich werde zwar etwas langsamer, doch ich schaffe mein zweites Ziel: Die 71 km in unter 7:30h. An diesem VP stehe ich nun so lange, wie an keinem anderen VP vorher oder nachher.

Ich esse zuerst in Ruhe und trinke etwas. Bei weitem nehme ich nicht so viel Essen wie bei Km 50 zu mir. Die meiste Zeit brauche ich für mein Dropback. Ein Helfer reicht es mir und ich entscheide mich die Kleidung oberhalb der Gürtellinie vollständig zu wechseln: Also neue Jacke, neues T-Shirt, Armlinge und ein neues Capi. Es fühlt sich so gut an, trockene Sachen anzuziehen. Gegen eine neue Hose und neue Schuhe entscheide mich. Meine Beine sind müde und das Bücken fällt mir schwer. Ich denke hier rein pragmatisch. Nach knapp 15 Minuten geht es erst weiter für mich, aber was soll der Stress? Ich habe nun für die ersten 71 km weniger als die halbe Zeit gebraucht. Ich habe jetzt noch einmal so viel Zeit für die letzten 29 km. Die Worte von Deutschlandlauf-Läufer kommen wieder in mein Ohr „Die erste Hälfte eines 100 km Laufes ist 70 km lang. Die zweite Hälfte ist aber doch ein wenig länger.“

Auch sagte Hubert Beck beim Briefing: Der 100 km Lauf fängt erst nach Km 71 an. Auch andere, erfahrene Ultraläufer meinten immer zu mir: Ab 70 km wird es schwer. Doch davon ließ ich mich jetzt nicht stressen. Ich hatte 71 km geschafft und hatte noch 7,5 Stunden für die letzten 29 km Zeit. Das sollte doch wohl reichen! Oder etwa nicht? Ich bin sehr optimistisch. Ja, ich rechnete hier nicht auf eine 12 oder 13 Stunden Zeit, sondern auf den offiziellen Cut-Off von 15 Stunden. Als ich müder wurde, war es mir nur noch wichtig zu finishen, egal mit welcher Zeit. Daher rechne ich meine restliche Zeit auf 15 Stunden hoch.
Hubert meinte auch, dass ab jetzt die Strecke schöner und anders werden würde. Er sollte damit Recht behalten. Die Strecke wurde nun sehr viel grüner, hügliger und hatte weite lange geraden, die ich persönlich mag. Doch bevor es schöner wurde, geht die Strecke erst einmal an einer Landstraße weiter, die endlos und gerade war. 1 km vor mir und gut 1 km hinter mir gab es keine anderen Läufer_innen.
Erst ungefähr ab Km 75 verlassen wir die Straße und es wird endlich grüner und wieder schöner. Sina und ich reden immer weniger. Vieles wurde gesagt und wir beide werden müde. Mein Kopf ist teilweise schon abgeschaltet. Das Laufen funktioniert wie ein Automatismus und mein Körper arbeitet. Schritt für Schritt. Nicht mehr schnell, nicht mehr so geschmeidig, aber er setzt einen Schritt vor den anderen.

14:37 Uhr, Km 080, 8:37h Laufzeit
Als ich Km 80 passiere, weiß ich, dass ich nur noch eine Pace von ca. 6:20 min pro km laufe und der Rest der Zeit für die Pausen an den VPs drauf geht. Doch das ist mir egal. Bisher bin ich durchgelaufen, was Sina überraschend feststellt mit den Worten: „Unglaublich. Ich habe erwartet, dass du viel mehr gehst und viel früher nicht mehr kannst. Jetzt sind wir bei Km 80 und du läufst immer noch.“ Das erste Mal stellt sie das bei Km 60 fest und dann eigentlich bei Km 70, 80 und 90.
Doch hier ereilt mich meine zweite Krise. Es geht mir gerade gar nicht gut. Der Akku ist leer und ich frage mich, ob es das nun war. Ungefähr bei Km 81 sehe ich endlich den VP, der nicht nur Getränke hat, sondern auch Essen. Außerdem sehen Sina und ich von der Ferne schon einen Krankenwagen mit Blaulicht. Sina sagt sowas wie: „Oh shit“, denn der Wagen steht direkt am VP. Als ich ankomme, setze ich mich erst einmal, esse und trinke in Ruhe. Auch einen Energieriegel esse ich. Ich fühle mich gerade Scheiße. Ein Mann von der Feuerwehr fragt mich, wie es mir geht. Im Krankenwagen liegt ein Teilnehmer, der einfach umgekippt ist. Kreislauf. Sie seien gerade etwas vorsichtig und er wolle sich nur erkundigen. Ich antworte, dass ich dem Teilnehmer wünsche, dass es ihm bald wieder besser geht. Ich selbst hätte nur ein tief, was nach über 80 km sicher erlaubt sei. Ansonsten hätte ich keine Schmerzen oder Probleme, eben nur ein tief und bräuchte nur etwas Essen. Der Mann von der Feuerwehr nickt und beobachtete, wie ich reichlich Essen zu mir führe und ebenfalls Getränke. Ich stehe auf, bedanke mich wie an jedem VP für alles und gehe noch 100 m. Als ich den VP verlasse, kommt Ines an. Irgendwie schön bekannte Gesichter auf dem Ultra zu sehen. Das ich kurz nach dem VP gehe, nenne ich einfach „Verdauungszeit“, die ich mir nehme, da ich diese 1-2 Minuten nicht sinnlos am VP verbringen möchte. Dann laufe ich weiter.


Bei Km 83 / 84 laufe ich unterhalb einer Burg entlang und wo sonst nur ein offenes Feld ist. So pustet der Gegenwind mich mal wieder voll an, wie eigentlich fast die ganze Zeit. Plötzlich erklingt eine Fanfare. Erst dachte ich, wir laufen zur Burg hoch, doch bei dem VP bei Km 85, weiß ich, dass die Fanfare für mich war, als ich unterhalb der Burg entlang lief. Ich freue mich riesig im Nachhinein. Mittlerweile geht es mir auch wieder deutlich besser. Ich bin aus meinem Tief heraus und fühle mich fast wie neu geboren.
Beim Passieren der Km 84 Marke juble ich laut und springe in die Luft und rufe: „Yeah, 2. Marathon geschafft.“ Auch wenn ich das sage, realisieren kann ich das nicht mehr. Ehrlich gesagt, habe ich das bis heute, wo ich diese Zeilen schreibe, immer noch nicht realisiert.
Bei Km 85 verlassen wir erneut ein Dorf und komme direkt zum VP. Hier stehen Km 50 Finisher mit ihren Medaillen und jubeln. Ich freue mich enorm darüber. Sie sehen glücklich aus und machen Stimmung. Nach einigen Getränken, geht es langsam weiter. Ines holt mich nun immer wieder ein, auch den Deutschlandlauf-Läufer sehe ich seit Km 50 immer mal wieder.
Bei Km 86 überholt mich der Deutschlandlauf-Läufer erneut und zum letzten Mal. Ich werde ihn nicht mehr einholen, aber ich sollte ihn trotzdem nicht zum letzten Mal während meines Laufes gesehen haben, doch dazu gleich mehr.
Der Abschnitt ist nun definiert durch lange Geraden, ein kleines Tal und hohe Berge zur linken und rechten Seite.
Sina und ich schweigen uns sehr viel an, denn wir haben uns schon länger nichts mehr zu erzählen und es passiert auch nicht so viel auf der Strecke, worüber man sich unterhalten könnte. Doch dieses Schweigen tut uns beiden gut. Es ist ein positives Schweigen. Manchmal kreuzen sich unsere Blicke und wir lächeln. Mehr muss in diesen Momenten nicht gesagt werden. Ich spüre, wie ich zwar noch klar denken kann, aber wie einfach alles langsam anfängt schwerer zu werden. Die Beine sind müde, ich werde müde und meine Gedanken formen sich langsamer.

Irgendwann bei Km 89 fragt sie mich, was sie für mich tun kann. Ich antworte, dass sie mir was erzählen könnte. Ich kann nicht mehr so viel reden. Außerdem merke ich langsam meinen Magen ganz leicht. Doch sie selbst kann nichts mehr erzählen. Sie wird auch langsam müde, was sie versucht zu verstecken. Erfolglos.

15:59 Uhr, Km 090, 9:59h Laufzeit
Nach ziemlich genau 9:59h durchlaufe ich die 90 km Marke und freue mich. Jetzt habe ich noch 5 Stunden für 10 km und weiß innerlich, dass der Lauf so gut wie durch ist. Das motiviert mich enorm. Dennoch wird das Laufen immer schwerer. Ich habe mittlerweile eine Pace von 7:20 min/km. Mit den Pausen, die ich im Moment mir an den VPs nehme, tippe ich, dass ich noch gut 1,5 Stunden für diese letzten 10 km benötige.
Ich passiere die 91 km Marke und erreiche den letzten VP mit Essen vor dem Ziel. Ich bekomme mit, wie eine Zuschauerin zu Sina sagt: „Du bist meine Heldin des Tages.“ Sie hätte Sina mehrmals gesehen und feiere es, dass sie mit dem Fahrrad mich begleitet. Ja, Sina ist auch meine Heldin des Tages und deswegen habe ich eine Überraschung für sie im Ziel vorbereitet, von dem sie absolut nichts weiß. Diese Überraschung ist in meinem Rucksack versteckt und in einem Zipbeutel sicher verpackt. Ich unterdrücke meinen Wunsch etwas zu sagen oder anzudeuten. Alternativ schiebe noch etwas Essen in mich, was zusätzlich dafür sorgt, dass ich nicht reden kann. Dann gehe ich einige Schritte und trabe an. Hier überholt mich Ines zum letzten Mal. Kurz nach dem VP erreiche ich die Km 91 Markierung. Warte. Moment. Hier passt was nicht. Ein anderer Läufer der mich überholt sieht mich komisch an und spricht das aus, was ich denke: „Hätte das nicht 92 sein müssen?“ Ja, hätte es! Was soll der Scheiß? Zweimal die 91 Km? Ich sage mir: Auch wenn jetzt der Km doppelt kam, so lief ich dennoch erst „91 km“. Ich gehe vom Worst-Case aus und stelle mich mental darauf ein, dass ich halt erst bei Km 91 bin. Sollte dieser Fehler sich noch von selbst beheben, so werde ich mich freuen, und wenn nicht, dann habe ich meine Energie eben neu eingeteilt.
Bei der Markierung kurz nach Km 92 hole ich Ines ein und quatsche mit ihr kurz über ihren Transalpine-Run 2017, da sie die Mütze davon trägt, und ob es ihr erster 100 Km Lauf ist. Danach wünschen wir uns für den restlichen Weg alles Gute.
Bei Km 94, nach den Markierungen, erreiche ich den letzten VP. Auch hier wird kommuniziert, dass die Schilder falsch aufgehängt wurden. Hier sei es wirklich schon Km 95. Nur noch 5 km sei es bis ins Ziel. Mental stelle ich mich trotzdem auf sechs ein, was auch die sinnvollere Entscheidung war, denn tatsächlich werden es noch 6 Km sein. Der Km 91 ist doppelt, wie andere Läufer es auch betonen und auch in Berichten schon gesagt haben. Es ist also ein 101 km Lauf! Alle Km Marken, die nun nenne, beziehen sich immer auf die gegebenen Markierungen.
Auf den letzten 10 Km kommen mehrere Anstiege. Die ersten werde ich noch laufen, doch die letzten zwei gehe ich hoch. Es sollen die einzigen beiden, je ca. 100 m bis 200 m Abschnitte sein, die abseits eines VPs gehe.
Bei dem Km 95 Schild fängt es plötzlich an zu regnen. Es ist 17 Uhr und ich bin genau 11 Stunden gelaufen. Ich ziehe schnell meine Jacke an und bin froh, sie in meinen Rucksack bei Km 71 eingepackt zu haben.

Kurz nach Km 98 sehe ich das Schild „Wertheim“ und bitte Sina ein Foto von mir unter dem Schild zu machen. Die 2 Minuten wolle ich mir nehmen und Stress habe ich keinen mehr. Ich laufe langsam weiter und bemerke, dass der Regen wieder aufgehört hat. Auch erscheint die Burg von Wertheim vor mir. Bei der Km 99 Marke laufe ich an meinem Hotel um wenige Meter vorbei und weiß, dass das Ziel nicht mehr weit ist. Einen kleinen Bogen muss ich in Wertheim laufen. Es geht zur Tauber-Main-Mündung und dann von dort in den Ortskern, wo das Ziel auf mich warten.

Jetzt sind es nur noch 200, vielleicht 300 m. Ich bitte Sina vorzufahren und ein Foto vom meinem Zieleinlauf zu machen. Seit Km 98 denke ich nichts mehr, mein Kopf ist leer, auch jetzt. Erleichterung? Erlösung? Freude auf das Ziel? Alles das verspüre ich im Moment noch nicht. Im Gegenteil. Der Lauf hat mir Spaß gemacht und hat mich gefordert. Natürlich werde ich im Ziel froh sein, dass ich es geschafft habe. Aber bin ich froh, dass es zu Ende ist? Irgendwo schon. Gerade zum Ende kam mir immer wieder der Gedanke, dass ich keine Lust mehr habe. Da es aber absehbar ist, dass der Lauf in wenigen Metern zu Ende geht, habe ich wieder Lust. Und dann macht es Klick. Es ist wie ein Schalter, der sich plötzlich umlegte.

17:36 Uhr, Km 100, 11:36h Laufzeit
Die letzten Meter sind wie ein Gefühlsbad. Verschiedene Finisher kommen mir entgegen, geben mir ein High Five, darunter auch der Deutschlandslauf-Läufer, der dazu sagt: „Herzlichen Glückwunsch zu deinem ersten 100!“ Er schien wenige Minuten vor mir eingelaufen zu sein. Einige Fußgänger und Zuschauer applaudieren und ich sehe das Ziel. 70 m vor dem Ziel spricht mich ein offizieller an und möchte meine Startnummer wissen. Er gratuliert mir und funkt meine Nummer zum Ziel durch. Wenige Sekunden später höre ich, wie ich angekündigt werde.

Ich hebe meinen Arm gegen den Himmel und juble. Ja, ich freue mich. Als ich über die Ziellinie trete, springe ich vor Freude hoch, was vom Sprecher mit „Also bisher ist noch niemand ins Ziel gesprungen.“ kommentiert wurde. Ich werde kurz interviewt. Auf die Frage, wie es mir geht, sage ich blendend, was bei ihm zur Verwunderung führt. Ich denke mir, ja Mann. Ich bin gerade meinen ersten 100er gelaufen und das ohne wirkliches Training. Natürlich geht es mir super!


Ein Ritter und ein Burgfräulein kommen zu mir und wollen mich zum Ritter schlagen, doch ich sage, dass ich vorher etwas Wichtiges machen muss. Ich hätte eine Überraschung für meine Freundin, die mich auf den 100 km begleitet hat. Ich finde es schade, dass sie keine Medaille erhält, wo sie doch auch den gesamten Weg bestritten hat. Ich hole eine aus Holz selbstgebastelte Medaille aus meinem Rucksack und hänge sie ihr um. Was um mich herum honoriert wird. Der Ritter und das Burgfräulein scheinen das zu feiern und haben volles Verständnis, dass ich diesen Akt der Anerkennung und Dankbarkeit vorziehe. Es ist mein Versuch ihre Unterstützung, ihren Einsatz in irgendeiner Form zu würdigen und mich dankbar zu zeigen. Sie freut sich über die Medaille und bedankt sich. Danach gehe ich zum Ritter und dem Burgfräulein. Er wolle mich nun zum Ritter schlagen, als Finisher des Taubertals 100 km Laufes. Ich frage, ob ich knien oder stehen solle. Das überlässt er mir. Ich antworte, dass ich es richtig machen wollen würde. Ich knie nieder und erhalte in der Prozedur meinen Ritterschlag. Danach erhebe ich mich, wir alle jubeln und ich erhalte meine Finisher Medaille. Das Angebot auf Bier aus einem Horn lehne ich dankend ab. Wie die meisten wissen dürften, ist Alkohol nicht so mein Ding.

Danach esse und trinke ich am VP im Ziel. In dem Moment läuft auch Ines ein. Ich gratuliere ihr. Danach erhält sie ihren Schlag und ihre Medaille. Wir verabschieden uns. Sina und ich hingegen machen uns auf die Odyssee meine Dropbacks und meine Tasche wieder einzusammeln. Das ist gar nicht so einfach. Der Weg ist nicht ausgeschildert, den Plan halte ich zwischendurch falsch rum, weil ich so fertig bin. Seit dem Zieleinlauf geht es mit mir bergab. Ich merke, wie die Anspannung abfällt. Erst einmal muss ich auf dem Weg zum Dropback vor Freude weinen.
Nachdem wir uns einmal verlaufen haben, erreichen wir die Taschen und meinen Dropback. Sina ist großartig. Sie packt bei den Taschen mit an und gemeinsam gehen wir zum Hotel. Wir checken ein, werden auf unser Zimmer gebracht und ich suche als allererstes die Dusche auf. Nach einer heißen Dusche und in trockenen und warmen Sachen gekleidet, bin ich nur noch fertig. Ich packe mich dick ins Bett ein und friere heftig. Schnell trinke ich noch ein Sportgetränk für die Regeneration und schlafe sofort ein.
Nach einer Stunde erwache ich und möchte noch zur Burg, um an der Siegerehrung teilzunehmen, doch Sina und ich sind zu erschöpft vom Tag. Wir besorgen uns so noch etwas zu Essen und werden den Tag früh beenden, denn am nächsten Morgen geht es schon wieder zurück in die Heimat.

12.10.2017 – Korrektur der Finisherzeit
Nach einigen Tagen wird von Hubert Beck, der der Organisator des Laufes ist, bestätigt, dass der 91. Km doppelt vorkam. Somit waren die 100 km und 161 km Strecken um einen Km zu lang. Daher werden alle Finisherzeiten runtergerechnet, um die Zeit eines durchschnittlichen Kilometers. Meine nun offizielle Finisherzeit ist 11:29:14h.
Ich wurde zudem auch oft in den letzten Tagen gefragt, ob ich nochmal einen 100 km machen würde, oder gar einen 100 Meilenlauf? Für die Antwort zitiere ich aus einem Lied von Fettes Brot: „Ja klar. Äh nein. Ich mein … Jein.“

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