Hannover Halbmarathon 2018 – Die Entscheidung zu Scheitern

Diesen Eintrag widme ich zum einen Sven Domke, der sich enorm dafür eingesetzt hat, dass Sina und ich beim Hannover Halbmarathon gestartet sind. Sven war ein Botschafter des Laufes und ich muss sagen, dass er diese Aufgabe wirklich mit Biss erfüllt hat.
Außerdem widme ich diesen Eintrag Ariane Elsner. Du bist die Heldin des Tages gewesen. Deine Anwesenheit, deine Unterstützung und Aufopferung waren unglaublich.
Vielen Dank an Euch Beide! Ohne Euch würde es diesen Bericht nicht geben.

08. April 2018
Ich möchte diesen Bericht von dem Hannover Halbmarathon anders schreiben, als ich sonst meine Laufberichte verfasse. Ich habe eigentlich über diesen Lauf nichts zu sagen, aber auf der anderen Seite habe ich unglaublich viel zu berichten.
Ich persönlich mag Laufberichte, die nach und nach aufzeigen, wie sich das Gemüt und die Stimmung verändern. Mal ist alles gut und mal ist es eben schlecht gelaufen. Dieser Bericht soll über das Scheitern gehen. Okay, ich gebe es direkt zu, scheitern ist hier wohl das falsche Wort und dennoch werde ich es verwenden. Ich scheiterte, eben weil ich mein Ziel nicht erreicht habe. Aber wovon ich genau rede, folgt nun.

Vor dem Start
Vor dem Start suchen Sina und ich nach Sven und finden ihn nicht. Dafür treffen wir Ariane. Die kam mit einem Fahrrad und einem kompletten Verpflegungsprogramm. Hunger? Durst? Nicht mit ihr! Sie wollte an mehreren Stellen auf uns warten und entsprechend anfeuern. So sollte es auch kommen und dazu gleich mehr.

Sina und ich gehen in unsere Startblöcke, begleitet von Ariane. Einer meiner ersten Gedanken im Block: Es ist warm. Mist. Den Start der Marathonläufer um 9 Uhr hatten Sina und ich noch gesehen. Da diskutierten wir schon darüber, dass die Temperatur kritisch wird. Unser Start soll um 10:45 Uhr sein. Wir werden also in die Mittagshitze rein laufen. An einem warmen und sonnigen Tag zu laufen, ist an sich schön. Nicht aber, wenn man 2 Wochen vorher noch bei Minusgraden und voller Winterlaufmontur gelaufen ist. Ich glaube mich zu erinnern, dass die Temperatur binnen 2 Wochen um mehr als 30 Grad angestiegen ist. Ich ahnte schon, dass es für mich und wahrscheinlich auch für manch anderen ziemlich anstrengend werden dürfte, weil so ein Temperaturwechsel als Läufer in so kurzer Zeit doch anspruchsvoll zu verkraften ist. Ich habe zumindest damit öfter meine Probleme.

Wir, Sven, Sina und ich, hatten an dem Tag unsere Ziele. Sven wollte unter 2:00h beim Halbmarathon bleiben. Sina unter 1:45h und ich unter 1:30h. Eines möchte ich direkt vorweg nehmen: Dieser Blogeintrag wird kein Happy End haben. Ich meine, der Untertitel verrät es schon: „Die Entscheidung zu Scheitern“.

Die Bedingungen
Es gibt ingesamt 5 Blöcke, die alphabetisch durchnummeriert sind. Im Block A sind die Schnellsten des Feldes und in Block E sind die Langsamsten des Feldes zu finden. Ich stehe im B Block des Hannover Halbmarathons. In Block A und B stehen unter anderem die Teilnehmer_innen der deutschen Meisterschaft im Halbmarathon.
Ich ärgere mich, dass ich mich über den Verein nicht angemeldet habe. Aber so ist das manchmal, insbesondere, wenn die Entscheidung an diesem Lauf teilzunehmen so kurzfristig gefallen ist. Erst fünf Tagen vor dem Start nahmen wir das Angebot von Sven an. Er bot uns zwei Startplätze an, die eben kurzfristig frei wurden. Sina und ich hatten eigentlich beschlossen nicht an diesem Lauf teilzunehmen. Hier geht wirklich ein Dankeschön an Sven, der wie verbissen immer wieder fragte und eben mit dem Angebot von zwei Karten kurz vor dem Start uns überzeugte.
Das sollte der erste schnelle Halbmarathon seit vier Jahren für mich werden. Ich hatte also mein altes Ziel ausgepackt. Ich wollte unter 1:30h bleiben und das zum ersten Mal. Wer nicht wagt, ist schon gescheitert. An diesem Punkt lag es also schon einmal nicht.

Tapering? Pah! Dafür habe ich keine Zeit. Ich hatte schon drei Wettkämpfe in den letzten 15 Tagen gemacht: Ibbenbürender Klippenlauf (sehr gute Zeit gelaufen), Paderborner Osterlauf (neue persönliche Bestleitung über 10 km aufgestellt) und der A33 Autobahnlauf über 10,2 km, wo ich Sina pacte.

Fazit: Läuft! Ich würde sagen, ich hatte die besten Voraussetzungen um mein Ziel anzugreifen und gepaart mit diesem herrlichen Wetter waren es geradezu ideale Bedingungen. Ich hoffe, ihr liest den Sarkasmus in dem aktuellen Abschnitt heraus.

Das Rennen
Der Startschuss fällt und ich laufe los. Ich nehme mir eine Pace von 4:09min pro Km vor. Das entspricht einer Zielzeit von 1:27:30h ca. Ihr denkt, dass ist zu schnell? Nein! Auf Basis meiner aktuellen Leistungen ist das realistisch.

Die ersten 5 Km laufe ich fast genau in der Pace und benötige 20:46 min. Also liege bis auf eine Sekunde exakt in meinem Plan. Ich muss aber ehrlicherweise sagen, ich quäle mich. Schon beim dritten absolvierten Kilometer dachte ich: „Das wird heute nichts.“ Ich spüre es: Es ist mir zu warm und es läuft nicht rund. Mimimi. Natürlich hätte ich versuchen können mir einzureden, dass es schon wird und ich es schaffen werde. Aber tief in mir weiß ich es schon beim beim dritten Km: Das wird nichts! Dennoch denke ich mir, ich probiere es. Bis Km 10 ziehe ich die Pace durch und gucke, wie es mir geht und sehe weiter. Vielleicht habe ich bis dahin einen Rhythmus und es geht mir gut? Vielleicht brauche ich einfach nur einige Kilometer bis es läuft. Das ist der einzige Strohhalm an den ich mich Kralle. Fotos mache ich in dieser Phase keine mehr. Warum trag ich sie eigentlich mit mir rum?
Die Sonne brennt von oben und von unten strahlt der Asphalt zusätzlich die Wärme zurück. Na super, denke ich mir. Warum bin ich hier? Warum tue ich mir das an? Achja … ich will unter 1:30h laufen.

Zwischen Km 5 und Km 10 setzt mir die Hitze zu. Die Strecke ist nicht so pralle, die Stimmung nur punktuell gut und Schatten ist Mangelware.
Mein erstes und einziges Highlight in dieser Rennphase habe ich ungefähr bei Km 7. Ich freue mich Ariane zu sehen. Sie macht ordentlich Stimmung und bejubelt mich. Sie hält ein Schild hoch. Noch nie hat jemand ein Schild am Streckenrand für mich hochgehalten. Weiß sie das eigentlich? Ich tippe nicht. Ich freue mich richtig darüber und ziehe daraus tatsächlich Kraft. Doch die wenigen Meter Freude können nicht über das Leid der anderen Kilometer hinweg täuschen. Ich kann kaum einen Meter genießen. Ich versuche die Pace zu halten, doch … ach ich möchte es nicht schön reden. Ich kann es nicht. Es ist echt ein großer Mist. Nach 42:04 min erreiche ich die Km 10 Marke. Für eine Zeit unter Sub 1:30h würde das immer noch reichen. Doch die Zweifel werden immer größer. Hier laufe ich auf das Schlussfeld des Marathons, die schon bei Km 25 sind. Die durften einige Schleifen mehr laufen, daher ist es überhaupt erst möglich, so schnell auf das Schlussfeld aufzulaufen, schließlich sind sie 1:45h früher gestartet. Ich sehe in ihren Gesichtern, wie sie leiden und kämpfen. Ich empfinde aufrichtiges Mitleid für sie. Ich habe in diesem Moment nicht unbedingt Lust einen Marathon laufen zu wollen. Denke ich das gerade wirklich? Ich? Der den Marathon als Herausforderung so liebt? Ja! Meine grundsolide Motivation hat sich an den Rand gesetzt, natürlich dort wo Schatten ist, und winkt mir jetzt hinterher.
In diesem Moment habe ich folgenden Gedanken: „Was mache ich hier eigentlich? Geh mal einen Schritt zurück und reflektiere die Situation.“ Ich denke nach und frage mich: Was möchte ich und was ist mir wichtig? Ich möchte Gesund ins Ziel kommen und mir ist eine neue persönliche Bestleitung auf der Halbmarathonstrecke wichtig. Noch wichtiger ist der Hermannslauf, der in drei Wochen nach diesem Halbmarathon sein wird. Mir wird bewusst, dass ich mein Ziel erreichen kann, doch auf Kosten meiner Gesundheit und/oder Fitness. Die Hitze ist gefährlich und wer weiß, wie sehr sie mir zusetzt. Schließlich laufe ich gerade am Limit. Diese Reflektion dauert ungefähr 1,5 Km. Meine Entscheidung war endgültig zwischen dem 11. und 12. Kilometer. Ich nehme sofort das Tempo raus und reduzierte meine Laufgeschwindigkeit auf eine 4:50 min/km Pace. Die Pace bei der ich im Training auch auf flacher Strecke im GA1 (Grundlagen Ausdauer Stufe 1. Sowas wie ein lockerer Lauf, der nicht anstrengend ist) laufen kann. Es geht mir nicht gut und gerade ist mir meine Gesundheit am wichtigsten. Ich bin traurig, aber nicht deprimiert, als ich das Tempo rausnehme. Ich denke, dass es eben nicht der Tag sein soll. Mein Tag wird sicher kommen, an dem ich dieses Ziel erreiche, nur eben nicht heute. Das ist meine Entscheidung, eben an meiner Zielsetzung zu scheitern. Ich atme tief durch und versuche erst einmal meinen Puls runterzubekommen und meinen Zustand zu verbessern.
Bei Km 12,5 überholt mich der offizielle 1:30h Paceläufer. Ich schaue ihn mir an und bin wieder traurig. Es gibt da diese eine Sekunde, wo ich direkt wieder antreten möchte, um mein Ziel doch zu erreichen. Ich habe mich aber entschieden. Ich spüre, wie ich leicht nicke, um mir zuzustimmen. So lasse ich ihn ziehen, schweren Herzens.
Kurz nach diesem Moment kommt der nächste Verpflegungspunkt. Ich greife zu Wasser und einem Isogetränk und gehe. Ich brauche dieses Gehen, um nicht in die Versuchung zu verfallen, wieder schneller zu laufen. Ich möchte den 1:30h Pacer aus meinem Blickfeld verlieren. Außerdem soll diese kurze Gehpause mir helfen, meinen Puls runterzubekommen und mich etwas zu erholen. Nach einigen Schritten im Gehen, trete ich wieder meine 4:50 Pace an. Ich beschließe meine Kamera wieder raus zu holen und einige Fotos zu machen.

Es dauert gute zwei Km bis es mir wirklich besser geht. Ich sehe mir die Menschen um mich herum an. Sie leiden ebenfalls. Einige schreien vor Schmerzen durch Krämpfe. Sie humpeln an den Rand und dehnen ihre Waden. Andere gehen resigniert und mit gesenktem Kopf. Andere sehen völlig fertig und erschöpft aus. Fast niemand scheint die Hitze locker hinzunehmen. Die meisten hatten mit der Hitze Probleme.
Und irgendwann, als ich mich eben umsehe, so zwischen Km 14 und 15 erblicke ich eine Person, die ich kenne: Stefanie Strate. Eine herausragend gute Läuferin, die ich mehr vom Sehen und wenigen Wortwechseln kenne. Wir sind immer mal wieder auf den gleichen Läufen oder Meisterschaften gewesen. Sie geht auf dem Bürgersteig und entgegengesetzt der Laufrichtung.
Ich rufe ihr zu, was los sei und ob sie Hilfe braucht. Sie dreht sich zu mir um, erkennt mich und kommt zu mir. Ich gehe ihr entgegen, so dass ich niemanden auf der Strecke behindere und bleibe am Rand des Bürgersteiges stehen.
Stefanie erklärt sich, dass sie Magenkrämpfe hat und aufgegeben hat. Wir reden kurz. Ich erkläre, dass ich locker ins Ziel laufen werde. Seit Km 11 ist der Wettkampf für mich vorbei und ich möchte nur noch Gesund und heile ankommen. Ich biete ihr an, sie bis ins Ziel zu begleiten. Mir sei die Zeit völlig egal und daher auch meine Pace und zu zweit ist es oft einfacher. Außerdem, wenn sie schon bis hier gekommen ist, sind es ja nur noch sechs Km bis zur Finishermedaille. Sie schaltet Ihre Uhr wieder an und wir laufen gemeinsam los. Wir reden im Grunde zuerst über unser beider Scheitern an unseren großen Zielen. Ihr Ziel war noch wesentlich ambitionierter und geht schon in Richtung 1:20h. Wir haben beide bemerkt, dass sehr viele aus dem A Block aufgegeben habe, darunter auch Favoriten auf den deutschen Meistertitel. Das ist kein Trost, aber auf jeden Fall eine Bestätigung, dass eben sehr viele ihre Probleme haben und eben nicht nur wir beide.

Wenn jemand neben mir läuft, dem es schlecht geht, dann schweige ich, oder erzähle Anekdoten, um die Person abzulenken. Ich frage sie, was ihr lieber sei. Reden! Alles klar, dass bekomme ich hin. Schließlich geht es mir mittlerweile wieder gut. Mein Puls ist im GA1 Bereich und ich fühle mich wieder gut. Ja ich könnte jetzt wieder deutlich schneller laufen. Somit erzähle ich Anekdoten vergangener Tage und sicher auch einigen Mist. Ich frage zwischendurch auch, wenn es sie nervt, solle sie es sagen. Ich mache das primär nur, damit sie abgelenkt sei. Aber es stört sie nicht.
Wir treffen bei Km 18 auf Ariane, die wie wild anfeuert, wieder ein Schild hoch hält und uns Mut macht und bejubelt. Ach wie schön. Ich freue mich riesig! Dieses Mal kann ich dieses Anfeuern noch mehr genießen. Ich rufe ihr zu, dass ich mein Ziel aufgegeben haben, ganz bewusst. Ich erkundige mich auch bei Ariane nach Sina. Die läuft wohl recht ordentlich, meint Ariane.

Dann sind Stefanie und ich wieder in unserem Gespräch vertieft. Irgendwann sagt sie zu mir: „Schon seltsam. Andere Mühen sich so sehr ab und wir laufen hier entspannt den Lauf zu Ende und das in einem Bereich, der schon an sich ordentlich ist. Wir dürfen uns eigentlich nicht beschweren.“ Damit hat sie Recht und dennoch hatten wir andere Ziele und können sie an diesem Tag nicht erreichen. Dies ist unser Weg zumindest ins Ziel zu kommen.
Die letzten Kilometer sind recht kurzweilig. Wir laufen locker und entspannt ins Ziel, klatschen uns mit einem High Five ab und wissen: Der Tag ist gelaufen. Im Ziel scheint Stefanie zufrieden zu sein, dass sie zumindest den Lauf beendet hat. Sie bedankt sich, dass ich sie dazu motivieren konnte. Ich denk mir: Juhu, wenigstens hab ich wohl eine gute Tat an diesem Tag vollbracht.


Im Ziel warte ich auf Sina. Sie schafft auch ihr gesetztes Ziel nicht: Es ist ihr zu warm. Und Sven mit seinem Ziel von einer Zeit von unter 2 Stunden? Auch er schafft es um wenige Sekunden nicht. Grund: Die Wärme.
Im Ziel höre ich viele Sirenen von Rettungswagen, dass mir schon Bange wird. Als ich auf Sina warte, wird gefühlt jede zwei Minuten erklärt, dass die ersten 50 m nach dem Ziel für die Rettungskräfte seien, um direkt zu helfen und man solle direkt weitergehen.

Fazit
Und jetzt? Der Moment ist gekommen, wo sich der Kreis dieser Geschichte schließt. Ich habe viel über diesen Lauf zu sagen gehabt und doch irgendwie auch nicht. Ich hätte schließlich auch nur schreiben brauchen: Zum Sport gehören Erfolge und genauso Niederlagen. Ich finde aber, der Sport lehrt uns mit diesen Niederlagen umzugehen. Gute Zeiten bei Wettkämpfen sind bei weitem nicht alles. Schließlich geht es beim Sport, oder in meinem Fall dem Laufen, um so viel mehr. Zum Beispiel um Freundschaft, Hilfsbereitschaft, Verbundenheit und Zusammengehörigkeit, dass füreinander und miteinander Fiebern und Bangen. All das und mehr findet ihr nämlich auch in diesem Bericht.

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