7. Ballon – A – Thon – Sechs

Ich verlasse um halb sechs das Haus und befinde mich auf dem Weg zum 7. Ballon – A – Thon. Das Motto diese Woche ist „Jetzt geht’s erst richtig los“. Ich lasse die letzten Wochen Review passieren. Dies wird mein sechster Ballon – A – Thon werden. Ich bin überrascht, wie die Wochen vergehen. Mir wird bewusst, dass ich nun in den letzten sechs Wochen gute 600 Kilometer gelaufen bin und kann es selbst nicht glauben.

Ich erreiche das Schloss in Hagen-Hohenlimburg und parke auf dem Wanderparkplatz, steige aus und sehe, dass ich fast neben Marina und Frank geparkt habe. Das geht schnell mit dem Wiedersehen von bekannten Gesichtern. Ich freue mich, denn ich kann gleich Marina beweisen, dass ich ihre Kritik mir zu Herzen genommen habe. Als ich es anspreche, sieht sie mich erst fragend an. Sie meinte, ich würde ja immer nur in Hoka Kleidung laufen. Ich meinte, das stimmt nicht. Also zog ich für diese Woche einfach mal andere Sachen an, die mir mehr oder weniger in die Hände fallen. Ich nehme meinen Rucksack und meine Trailstöcke aus dem Auto. Die Stöcker nehme ich nur zur Sicherheit mit, da ich nicht weiß wie technisch es wird. Schließlich kann ich aus Angst vor dem Umknicken (Siehe die drei Berichte zum Transalpine Run) nicht wirklich Downhill laufen. Ich schnüre mir die Stöcke an den Rucksack und mache abschließend ein Selfie mit Marina und Frank. Wir unterhalten uns und dabei berichte ich, dass ich meiner Frau sagte, dass ich den Marathon heute in unter sechs Stunden schaffen möchte. Dann gehen wir zum Whiteboard, bevor es auf die 21,5 km Runde mit guten 850 Höhenmeter geht. Als ich kurz vor dem Whiteboard eintreffe, kommt mir Jan-Philipp entgegen, der meint, dass ich ihn wohl einholen werde. Da bin ich mir nicht so sicher, da mir Erinnerungen an Arnsberg hochkommen. Ich kenne schließlich die Strecke nicht.

Der Lauf – Samstag, 23. Mai 2020

Am Whiteboard warte ich auf zwei Herren, die sich gerade bereit machen und sich eingetragen habe. Frank läuft vor mir los und folgt den grünen Pfeilen in die eine Richtung. Ich trage mich an diesem Tag in die sechste Zeile auf dem einem Board ein. Danach laufe ich in die entgegengesetzte Richtung, indem ich den orangen Pfeile folge. Marina ist erst vor mir und entscheidet sich dann mich vorbeizulassen. Die ersten hunderte Meter gehen recht steil einen Asphaltweg bergab. Als wir beide fast gleichzeitig am Fuße des Gefälles ankommen, geht es direkt auf einen Singletrail. Gefühlt kommt der wie aus dem Nichts. Das ist auch der Moment, wo ich Marina aus dem Blick verliere.

Ich kämpfe mich den Berg hoch und atme schwer. Machen wir uns nichts vor, dieser Anstieg ist nicht ohne. Ich laufe gerne Höhenmeter und vor allem bergauf, aber ich war nicht darauf eingestellt, dass es so schnell, so anspruchsvoll wird. Der Singletrail wird immer enger und ich muss gebückt laufen, damit die Äste mir nicht eine Backpfeife verpassen. Ich komme nach knapp zwei Kilometern auf einem Forstweg an. Ich zücke mein Handy und spreche, wohlgemerkt noch schwer atmend, meiner Frau eine Sprachnachricht und das ich gut angekommen bin und entschuldige mich, dass ich so schwer atme. Ich habe mich nicht getraut mir jemals diese Nachricht wieder anzuhören.

Die Strecke flacht hier ab und ich bekomme langsam wieder etwas Luft und einen lockeren Laufschritt. Die Dächer die eben noch auf meiner Blickhöhe waren, sind nun deutlich unter mir gelegen. Mit einem guten Gefühl, schon die ersten Höhenmeter geschafft zu haben, folgen meine Füße weiter dem Weg.

Was danach folgt, macht mir große Freude. Es ist erneut ein Singletrail, der einen angenehmen weichen Waldboden hat und zwischen durch Matschpfützen vorzuweisen hat. Hier kommt mir ein Läufer entgegen, den ich direkt frage, ob er sich verlaufen hätte. Ich bin schon irritiert jemanden am Ende der grünen Runde zu erblicken. Er verneint dies und meint, er sei schon seit halb sechs am Laufen und beende gleich seine erste Runde. Das Singletrailstück führt mich auf den Abschnitt, der wir die Mitte einer Acht ist. Hier läuft jeder zweimal pro Runde entlang.

Nach gut 4,5 Kilometer stehe ich vor einer Abzweigung, die ich zuerst als solche nicht erkenne. Es ist kaum ein Weg auszumachen. Ich folge dem Weg und entscheide mich schon nach wenigen Metern, als ich bemerke, dass es ein teils technischer Downhill ist, die Stöcker auszupacken und mich damit zu sichern. Ich bin jetzt schon froh, dass ich sie dabei habe.

Je weiter ich dem Downhill folge, umso besser kann ich ihn laufen, weil der technische Anspruch sinkt. Doch ich lasse mir insgesamt Zeit. Bleibe auch mal stehen, genieße die ersten Aussichten.

Der Downhill endet an einer Straße, der ich folgen darf. Ich ziehe kurzzeitig mein Tempo an und freue mich laufen zu können. Der Abschnitt endet sehr schnell und es geht auf einem Trailweg erneut weiter. Und dann stehe ich vor ihm und lache laut. Da ist er: Der Arschlochberg Teil 2 (Arnsberg, der 4. Ballon – A – Thon lässt grüßen!).

Ich laufe teilweise diesen Berg hoch, wohl wissend, dass da gleich eine Markierung sagt: „Einmal umdrehen und wieder runterlaufen.“ Ich stoße mich mit den Stöcken ab und laufe, wie ich zuletzt einen solchen Anstieg beim Transalpine Run hoch. Vor mir wandert ein weiterer Läufer den Berg hoch. Ich frage mich, was der Läufer denkt, als ich an ihm vorbei springe. Vielleicht so etwas wie „Wieso läuft der?“

Am Ende des Berges erwartet mich eine Aufgabe. Es liegt ein Buch vor einer Tanne. Ich hebe es auf und lese den Text. Jeder soll in das Buch schreiben, was er nach dem Anstieg denkt. Meine Gedanken und Worte seht ihr ja auf dem Bild. Ich reiche das Buch weiter an den anderen Läufer, der wartend hinter mir steht und schleiche sehr vorsichtig den Berg runter. Jetzt bin ich schon ein zweites Mal froh, dass ich die Stöcker dabei habe, denn sie geben mir in dem Moment Halt und Sicherheit. Als ich unten ankomme, schaue ich in den Weg zurück, wo ich zuvor herkam und erblicke niemanden. Ich habe gehofft, dass ich Marina nochmal sehe, doch sie ist wohl noch ein paar Meter außerhalb meiner Sichtweite.

Gut gelaunt folge ich weiter der Markierung. Der nächste Anstieg lässt nicht lange auf sich warten. Diesmal ist es wieder anstrengender. Irgendwann fällt mir auf, dass ich eine Mountenbike Line hochlaufe. Ich frage mich, wie es wohl ist hier runter zu laufen. Das werde ich wohl in meiner zweiten Runde herausfinden.

Als ich den Anstieg absolviert habe, bleibe ich stehen. Ich schaue nach links und rechts und genieße die Fernsicht. Ich frage mich, ob ich wirklich in Hagen bin. Doch die Strecke bleibt schwierig zu laufen.

Es geht über quer liegende Bäume, unebenen Boden und vor allem es geht ständig leicht bergauf. Ich frage mich, wann es endlich mal wieder bergab geht. Es ist ein Wechsel zwischen Laufen und schnellem Wandern, was mich in dieser Phase nach vorne bringt.

Es wechselt sich immer wieder das Bild ab. Mal laufe ich im Wald und dann habe ich wieder weite Aussichten. Meine Uhr berichtet mir irgendwann, dass ich nun 10 km absolviert habe. Ich verlasse in den Moment einen Waldabschnitt und blicke nach links in die Ferne. Ich träume etwas und genieße die Natur. Plötzlich laufe ich neben zwei Pferden vorbei und frage mich, was ich heute noch alles sehen werde. Zum Beispiel der Bauernhof, der direkt vor mir ist. Aber wieso sehe ich keine Markierung mehr? Ich schaue auf die Uhr und sehe, dass ich mich ordentlich verlaufen habe. Bei dem letzten Waldstück hätte ich beim Verlassen nach rechts orientieren müssen. Wie gut, dass mein Blick nach links die Aussicht genossen hat.

Ich laufe gute 200, 300 m zurück und kehre auf den markierten Weg zurück. Dort kommt mir Frank entgegen. Wir treffen uns damit ungefähr auf der Hälfte der Runde. Er weist mich darauf hin, dass es gleich für mich richtig bergauf geht. SUPER… Wann geht es mal bergab?

Wir verabschieden uns laufen weiter. Doch es geht endlich erst einmal für mich bergab. Hier kommen mir einige Läufer entgegen, die nach einem Pfeil suchen und froh sind, dass ich ihnen entgegenkomme. Jemand hat wohl einige Markierungen entfernt. Ich treffe kurz danach eine Läuferin, die auf fehlende Pfeile hinweise. Sie meint, davon hätte sie auch schon gehört. Ich bin überrascht, wie schnell sich das herumspricht. Aber ich tippe, dass in der Chatgruppe wohl die Informationen schnell fließen.

Es folgt wieder ein bergauf Stück. Es offenbaren sich große Wiesen, Ausblicke und es fühlt sich beruhigend an. Ich fühle mich gut. Im Nachhinein muss ich klar sagen, ich fühle mich besser, als es auf so manchen Bildern aussieht. Klar, niemand sagte, dass es leicht wird, aber ich genieße den Moment und die Strecke. Ich merke umso mehr, wie sehr es mir fehlt in den Alpen zu laufen.

So drücke ich mich den Anstieg mit den Stöckern hoch, vorbei an Höfen und wenigen bewohnten Häusern. Kurz danach treffe ich Torsten und Reinhard sowie Kerstin und Frank. Wer den Moment aus ihrer Sicht sehen möchte: Hier ist das Video, dass unser Treffen festhielt: https://www.youtube.com/watch?v=TKRdsXcrQHE

Es geht weiter und es folgt ein bergab Stück, dass mich zwingt über Stämme und Äste zu klettern. Ich krieche da eher drüber. Danach geht es weiter bergab. Nur einmal so nebenbei: Wieso gibt es keine flachen Abschnitte? Es geht nur bergauf oder bergab. Zurück zum aktuellen bergab – Abschnitt.

Ach endlich es mal einfach laufen lassen. Ich komme zu einer Kreuzung, sehe einem Pfeil und folge dem Downhill. Dieser Weg lässt sich wirklich gut laufen. Es ist fast zu schön um wahr zu sein. Mit großen Schritten laufe ich weiter und schaue auf die Uhr und erstarre. Verlaufen! Es ist zu schön, um wahr zu sein. Ich blicke hinter mich und sehe einen Anstieg. Es formt sich ein Gedanke: Dann gibt es heute einige Extrahöhenmeter! Also laufe ich bis zur Kreuzung zurück. Ich sehe, dass der Pfeil den einen danebenliegenden Weg meinen könnte. Gut, dann nehme ich halt den anderen Weg.

Einige Grüße und freundliche Läuferinnen und Läufer später bin ich auf dem einem Stück was sozusagen die Mitte der acht symbolisiert und laufe es zurück. Ich erblicke am Ende eine andere Mountenbike Line, die ich nun hochlaufen darf. Yeah! Und nur mal so in den Raum gefragt: Geht wieder oder immer noch bergauf?

Als ich beim passieren eines Mountenbikes inklusive des Fahrers den Gipfel erreiche, erkenne ich, dass es kein Gipfel ist und es einfach nur flacher bergauf geht. Dort treffe ich Gabi. Wir grüßen uns kurz und tauschen uns aus. Ich zücke mein Handy und sie reagiert mit einem: „Wie jede Woche?“ Und ich lächle und meine „Klar!“.

Nach dem kurzen Gespräch bringen mich meine Beine weiter und ich bemerke, dass ich gut vorankomme und folge dem Forstweg. Einige hundert Meter später sehe ich auf die Uhr und gucke in den Himmel und es entgleitet mir ein Schrei: „MAAAAAAAAN!“ Ich drehe mich um und laufe zurück. Ich habe mich nun zum dritten Mal verlaufen und stelle fest, dass ich eine Abzweigung übersehen habe, die bergauf führt. Dreimal habe ich mich nun verlaufen. Ich ärgere mich über mich selbst und ich beschließe erstmal zügiger zu laufen und diesen Ärger über mich selbst gleich zu verarbeiten. Nach ein paar hundert Metern ist die Welt wieder in Ordnung und ich bin wieder gut gelaunt.

Mir kommen wieder einige Läufer*innen entgegen, grüßen freundlich und wechseln ein paar Worte. Nach einigen weiteren Laufmetern treffe ich Jan-Philipp, der Organisator und er fragt, wieso ich ihn nicht einhole. Ich berichte ihm, dass ich mich dreimal verlaufen hätte. Dann trennen sich unsere Wege. Was jetzt folgt, ist ein Wechsel zwischen Forstwegen und erneut sehr schönen Singletrails. Ich laufe recht zügig und erfreue mich wieder an dem Moment und der Strecke, den Aussichten. Wenn jetzt noch blauer Himmel wäre, wäre es perfekt. So blicke ich ständig in die Ferne oder nach Hagen-Hohenlimburg und bin überrascht, wie weit über den Häusern ich noch bin.

Wie aus dem Nichts taucht plötzlich vor mir die Zeittafeln auf. Geschafft! 22,5 km zeigt mir meine Uhr. Ich trage mich direkt ein und laufe zum Auto. Dort fülle ich meine Vorräte auf und rede mit anderen, die ebenfalls gerade ihre Runde beendet haben und sich auf eine zweite Runde vorbereiten.

Nach nicht mal zehn Minuten folge ich schon den grünen Pfeilen und beginne meine zweite Runde. Es geht zurück über die Forstwege und den Singletrails. Ich finde den Anstieg gleich viel leichter zu laufen. Nach 24 km treffe ich Marina wieder, die sich mit zwei Männern zusammenschloss. Die drei beenden bald ihre erste Runde. Ich frage sie, ob sie eine zweite Runde angehen wird, was sie verneint. Wir machen ein Foto und trennen uns wieder. Kurz danach werde ich von Spaziergängern angehalten, die mit ihrem Hund unterwegs sind. Sie erkundigen sich neugierig, was heute los sei, denn sie hätten auch die Whiteboards entdeckt. Ich berichte Ihnen von den Streckenempfehlungen und sie finden die Idee toll.

Ich laufe an der Stelle vorbei, an der mich zuletzt verlaufen habe. Diesmal bleibe ich an dieser Stelle auf dem rechten Pfad und bin erleichtert. Es fühlt sich wie ein kleines Pflaster an, oder wie etwas Trost. Ich bin mir sicher, dass ich mich jetzt nicht mehr verlaufen werde. Schließlich kenne ich jetzt die Runde.

Es geht zurück in den Wald, die eine Mountenbike Line entlang und schon sind einfach so sechs Kilometer vergangen. Einfach so. Die grüne Laufrichtung läuft sich bisher sehr viel angenehmer.

Bei 29 Kilometern treffe ich Torsten und Reinhard wieder. Wir unterhalten uns lange, fast 10 Minuten über Torstens unglücklichen Umstände und das er letzte Woche nicht teilnehmen konnte, über unsere alten Läufe und welche T-Shirts wir tragen und sonst noch über das eine oder andere. Ich mag diese Unterhaltungen mit den Beiden. Irgendwann reiße ich mich los. In meinem Hinterkopf schwebt immer noch das Vorhaben unter sechs Stunden zu bleiben.

Dann trennen wir uns und folgen jeweils unseren Markierungen. Egal ob es gerade bergauf oder bergab geht, ich laufe und erlebe diese „grüne“ Runde als sehr kurzweilig. Etwas später lasse ich gut gelaunt auch die zweite Stelle hinter mir, an der ich mich verlief. Es bleibt einfach ein gutes Gefühl. Ich klettere über Geäst sowie Stämme und klettere nun dafür bergauf. Dann passiert nicht viel, denn ich bin weitestgehend alleine unterwegs. Ich erreiche die wenigen Häuser und freue mich auf die Wiese, die danach folgen müsste.

Dann komme ich zu einer Kreuzung und sehe dort mehrere Markierungen für Wanderwege. Ich kann meine Uhr gerade nicht richtig lesen und beschließe gerade aus zulaufen. *Zonk Melodie* Ich bleibe nach 20 m stehen und bin mir sofort sicher, dass dies nicht der Weg ist. An der Kreuzung umlaufe ich einen Traktor, der mitten auf der Kreuzung steht und folge einem anderen Weg. Ich bin mir sicher, dass ich diesmal richtig bin … *Zonk Melodie erklingt erneut* Eine Frau ruft mir zur „Sie müssen zurück und dahinten nach rechts abbiegen! Sie stehen vor unserem Innenhof. Da ist kein Durchgang.“ Ich rufe zurück: „Vielen Dank und entschuldigen Sie bitte. Ich wollte nicht stören.“ Wir verabschieden uns in der Ferne. Ich folge dann endlich den richtigen Weg. Mein „Ich verlaufe mich“-Counter ist nun bei vier.

Endlich geht es wieder über diese Wiesen mit dem schönen Ausblick. Diese Strecke, insbesondere dieser Abschnitt ist meiner Meinung nach einfach schön.

Und ich genieße das runterlaufen. Ich kann es selbst kaum glauben, was ich da gerade denke. Doch mir ist auch bewusst, dass der nächste Anstieg nicht lange auf sich warten lässt. Gibt es überhaupt richtig flache Abschnitte heute? Ich denke eher nicht. Beim nächsten Anstieg hab ich gute 33 km auf der Uhr und ich beschließe etwas zu Essen. Ich habe das Gefühl, dass ich Hunger bekomme. Bei leichten Nieselregen, mitten im grünen Wald auf einem Anstieg, esse ich genüsslich, was ich mir zuvor in der Pause in den Rucksack packte. Als das Ende des Anstieges erreicht ist, laufe ich sehr langsam weiter, damit mein Magen erstmal in Ruhe arbeiten kann.

Vor mir tauchen zwei Reiterinnen auf, die mir auch dankbarer Weise etwas Platz machen, nachdem ich mich vorsichtig angekündigt hatte. Kurz danach treffe ich Frank auf der Hälfte der Runde wieder. Er meint, dass die orange Richtung kaum laufbar sei. Ich stimme ihm zu. Die grüne Runde mache mir auch viel mehr Spaß und fühle sich nicht so an, als würde es ständig bergauf gehen. Er stimmt mir zu, dass ihm die grüne Runde ebenfalls besser gefällt.

Wir folgen wieder jeweils unseren Markierungen. Ich lasse es laufen und folge entspannt einem Weg. Es sieht alles so heimelig aus, ja gerade zu als, wenn ich auf einem Abenteuer bin und versteckte Wege suche. Instinktiv gucke ich regelmäßig auf die Uhr und bleibe stehen. Ich könnte jetzt zur letzten Kreuzung zurücklaufen, oder gute 50 m durch das dornige Unterholz robben. Ich überlege kurz und komme zum Entschluss: Unterholz! Als ich mit großen Schritten und elegant, wie ein Klotz Holz was einen Abhang runterfällt, mich an den dornigen Sträuchern vorbeibewege, hinterfrage ich mich selbst wieso ich mich heute so häufig verlaufe. Als ich auf dem richtigen Weg bin erhöht sich mein Verlauf-Counter auf fünf. Doch mein Glück des richtigen Weges hält nur 400 m. Ich erreiche eine Kreuzung… Ach verkürzen wir das: Das ist das Verlaufen Nummer sechs! Erneut nach 100 m umdrehen, lächeln, zurücklaufen und den richtigen Weg wieder finden. Gesagt, getan.

Und dann endlich erreiche die eine Mountenbike Line, bei der ich mich fragte, wie sie wohl runterzulaufen sei. Ohne Furcht umzuknicken, springe ich sie fast runter. Ich nutze zwar meine Stöcker, doch so ein Gefühl bei einem Downhill hatte ich seit vielen Jahren nicht mehr. Es großartig hier zu laufen. Ich nehme den ganzen Schwung mit und renne den gesamten Anstieg runter. Ich passiere drei Wanderinnen und Wanderer, die die Streckenempfehlung des Ballon – A – Thon folgen. Ich renne weiter und die Kilometer zerbröseln unter meinen Füßen und plötzlich stehe ich vor dem Arschlochberg. Diesmal muss ich kräftig kämpfen, um ihn zu erklimmen.

Ich nehme am Ende des Berges das Buch, trage etwas Zweites ein und steige wieder ab. Dabei treffe ich Nils, der mir erst berichtet, dass er diese Beiträge liest. Ich frage ihn, ob er diesmal mit dabei sein möchte und er meint sinngemäß: „Klar.“ Ich zücke mein Handy und mache ein Foto von uns. Wir unterhalten uns noch kurz, bevor ich aufbreche und diesen wundervollen Berg mit den Stöckern runterwandere.

Als ich den Weg am Fuße des Arschlochberges erreiche, laufe ich weiter. Meine Uhr sagt mir, dass ich immer noch auf einen Kurs von unter sechs Stunden sei. Ich nehme ein gutes Tempo auf.

Doch dann treffe ich erneut Torsten und Reinhard und wir verquatschen uns. Als ich aufbreche und wir uns für heute verabschieden, kommt Frank. Er lief doch die zweite Runde entsprechend der orangen Markierung und nun folgt er der grünen Markierung? Ich frage ihn und er berichtet mir, dass er sich verlaufen hätte, und zwar richtig. Er kam erst bei dem Buch auf dem Arschlochberg raus. Ich fühle in dem Moment mit ihm. Ich verlief mich zwar nicht so stark, aber dafür sechsmal. Wir vergleichen unsere Kilometerstände, da er die Sorge hat nicht auf die 42 km zu kommen, für zwei vollwertige Runden. Ich beruhige ihn und sage ihm, dass ich wohl bei 44 Kilometer rauskommen werde und er hat nur einen Kilometer weniger auf der Uhr.

Ich teile ihm auch mit, dass ich weiterhin versuchen werde unter sechs Stunden zu bleiben. Er meint, er geht es lockerer an. Für ihn sei es nur wichtig, dass er die 42 km voll bekommt. Als ich eine höhere Schrittfrequenz angehe, sagt er, er würde es lockerer angehen und mich ziehen lassen. Wir verabschieden uns.

Und dann laufe ich wie der Wind… zumindest gefühlt. Es geht nun mehrere Kilometer immer leicht bergab. Ich renne und wechsel zum ersten Mal in eine Art Wettkampfmodus auf dem Ballon – A – Thon und dabei renne ich nur gegen die Uhr, die Jan-Philipp aufgestellt hat.

Bei 40,5 km bleibe ich kurz stehen, da ich Kerstin und Frank wiedertreffe. Wir unterhalten uns kurz. Die Zeit muss einfach sein und die nehme ich mir auch. Für solche Momente bin ich ja primär hier. Ich ziehe meinen Hut vor den Beiden. Da laufen sie 100 km in der Woche zuvor und jetzt einen sehr anspruchsvollen Marathon. Chapeau!

Und was dann passiert ist wie eine Heilung. Ich laufe den Singletrail bergab in einem Tempo und mit einer Sicherheit, die mich selbst überrascht. Was ist mit den erwähnten Matschpfützen? Pah ich renne voll durch. Angst umzuknicken? Verschwunden. Seit 4 Jahren fühle ich mich nicht mehr sicher und habe eine Blockade immer stabil im Tritt zu bleiben, wenn ich bergab laufe. Es scheint, dass ich meine negativen Erfahrungen und damaligen Verletzungen durch die Downhills vom Transalpine Run 2016 langsam überwinde und verarbeite. Ich wünschte eine gute alte Freundin und meine damalige Begleitung vom besagten Lauf wäre jetzt da und würde das sehen. Liebe Juliane, ich wünschte, du hättest mich in diesem Moment begleitet.

Die Beine werden jetzt durch den Kraftakt müde, doch ich halte die Geschwindigkeit und renne so lange und so weit wie ich kann und erlebe dabei eine riesige Lauffreude, die mich ständig antreibt. Ich muss zwischendurch auch wieder gebückt laufen, denn der letzte Singletrail des Tages wird wieder eng und die Äste hängen immer noch auf der Höhe meines Gesichtes.

Tja. Wenn da nicht der letzte Anstieg gewesen wäre. Ich laufe und wandere ihn abwechselnd hoch. Als ich den Parkplatz erreiche, sehe dort Marina auf einem Stuhl sitzend. Sie ruft mir etwas zu, was ich gar nicht wirklich verstanden habe, weil ich mich so auf das Laufen konzentriere. Ich rufe ihr zu „Dein Mann hat sich verlaufen. Er kommt gleich und ist hinter mir. Vielleicht braucht er etwas Trost.“ Dann blicke ich fest in Richtung des Whiteboards und beiße die Zähne zusammen.

Als ich das Whiteboard erreiche und die Uhrzeit sehe, juble ich… aber nur innerlich. Für alles andere habe ich gerade keine Luft und Kraft. Ich habe es geschafft und blieb auf unter 6 Stunden. Ich hole Luft und erhole mich kurz. Nachdem ich meine Zieluhrzeit eingetragen habe, mache ich noch ein kurzes Finisher-Selfie. Erleichtert gehe ich zurück zum Auto, wo mir Frank entgegenkommt. Auch er wird es unter sechs Stunden schaffen und seinen Marathon erfolgreich beenden.

Ich unterhalte mich hintereinander auf dem Parkplatz noch mit Frank, Marina, Gabi, Sandra und Christian. Hätten wir eine Diskussionsgruppe gehabt, wären wir mit mir zu sechst gewesen. Das sind zudem alles Personen, über die ich schon in den vergangenen Berichten schrieb. Es freut mich, dass ich so viele nette Menschen durch diese Laufreihe kennengelernt habe. Ich packe nebenbei meine Ausrüstung ins Auto. Ich denke, die Trailstöcker waren nicht notwendig für die Strecke. Ich bin aber dennoch froh, dass ich sie dabei hatte. Diese Strecke gehört nun zu meinen Favoriten der Ballon – A – Thon Reihe. Es ist auf jeden Fall ein Glanzstück der Reihe und wahrscheinlich die bisher schönste und anspruchsvollste Strecke. Wieder einmal geht mein Dank an Jan-Philipp und seiner Streckenempfehlung. Einfach unglaublich, was er erneut an Zeit und Kraft investiert hat.

Nach über einer Stunde guter Gespräche steige ich in mein Auto. Wieder kommt die Frage in mir auf, ob ich nächste Woche zum Abschluss beim großen Finale dabei sein kann. Doch dies ist nun noch ungewisser als die Woche zuvor. Wir werden es alle sehen. Jetzt geht es aber erst einmal vom Ballon – A – Thon nach Hause und das schon zum sechsten Mal.

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2 Antworten zu 7. Ballon – A – Thon – Sechs

  1. Reinhard Dyckhoff sagt:

    Wir haben echt viel zu erzählen gehabt. Was war das ein Spaß.
    Wir sehen uns ins Bönen.

    Gruß Reinhard

  2. Wow! Was ein geiler Bericht! Wieder mal 🙂
    Ein großer Dank geht für diese tolle Erinnerungen an dich zurück. Großes Lob für die Art und Weise deiner Berichterstattung, die tollen und abwechslungsreichen Momentaufnahmen und auch die Zeit und Arbeit, die du für diese Berichte aufwendest.
    Finale, oh-oh-oh-oh!

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