Taubertal100 2017 – Mein erster 100 km Lauf

06.10.2017, Freitag
Ich erreiche Rothenburg ob der Tauber, eine kleine Stadt mit wunderschöner, mittelalterlicher Altstadt. Es ist der Startort meines ersten 100 km Laufes und das Ziel liegt in Wertheim. Ich suche das Hotel auf, checke mich ein. Kurz danach hole ich meine Startunterlagen und meine Dropback Taschen ab und packe sie entsprechend. Für alle, die jetzt keine Vorstellung haben, was ein Dropback ist: Das ist eine kleine Tasche, die man für einen vorher definierten Punkt abgeben kann. In einen Dropback darf man alles packen, was man an diesem Punkt haben möchte und irgendwie in diese Tasche passt. Die Dropbacks haben die Größe eines Turnbeutels. Am Ende darf ich einen Dropback behalten, den anderen muss ich wieder abgeben.

Ich darf zwei Dropbacks abgeben. Für den Km 20 Dropback gebe ich nur Gels und Energieriegel ab. Für Km 71 hingegen packe ich Gels, Riegel und ein komplettes zweites Kleidungsset, bestehend aus einem Capi, T-Shirt, Jacke, Hose, Schuhe etc. Das erste Mal packen klappt nicht sonderlich gut, doch nach dem 2. Versuch passt endlich alles in den Beutel für Km 71. Ich bereite mich so komplett auf den Lauf vor, bevor meine Freundin, Sina, in Rothenburg ankommt, um mich entsprechend auf dem Lauf zu begleiten. Sie stellt das Auto in Wertheim ab und kommt mit dem Fahrrad per Zug nach Rothenburg. Als ich alles gepackt habe, erreicht sie Rothenburg und ich hole sie vom Bahnhof ab und bringe sie in unser Hotelzimmer. Es sind nur noch wenige Stunden bis zum Start. Wir nutzen die Zeit daher sehr gut und gehen einmal durch Rothenburg spazieren, bevor das Sicherheitsbriefing um 17 Uhr anfängt, gefolgt von einer Kartoffelparty und zwei Vorträgen über die Motivation beim Ultralaufen.

Auf der Kartoffelparty sitzt Jens mir gegenüber. Ein Löhner, der ungefähr 300 m von einer meiner alten Wohnungen in Löhne-Obernbeck entfernt wohnt. Was für eine kleine Welt! Er läuft die 71 km und versucht unter 7 Stunden zu bleiben. Es ist sein längster Lauf bis zum heutigen Tag.
Dann geht es schnell zu den Vorträgen. Als ich die zwei Vorträge gehört habe, denke ich mir, dass ich unbewusst schon einiges richtig mache. Insbesondere, dass man nicht die Demut vor langen Distanzen verlieren soll, predige ich auch andauernd: Habe Respekt vor der Distanz und verliere sie niemals und sei dankbar, dass du das laufen kannst!
Nach diesem ganzen Programm ist es schon 21:15 Uhr und somit sind es nur noch 6,5 Stunden bis zum Klingeln meines Weckers. Auch wenn es direkt ins Bett geht, die Nacht ist irgendwie sofort vorbei.
Ich realisiere beim aufstehen nicht, dass ich mich überhaupt nicht mental auf den Lauf eingestellt habe. Ich bin weder nervös, noch angespannt. Das Programm ist so voll, dass ich ständig ablenkt bin und mich bemühe alle getakteten Termine einzuhalten. Was mache ich hier eigentlich? Bin ich doch noch nie über 63 km hinaus gelaufen. Ich war im Sommer verletzt, konnte mich nicht entsprechend vorbereiten. Achja. Mir fällt es wieder ein. Ich möchte 100 km laufen. Na, wenn ich sonst keine anderen Pläne habe, dann packe ich das Projekt mal an.

07.10.2017, Samstag
Vor dem Start
Um 03:45 Uhr klingelt der Wecker und die Nacht ist vorbei. Alles ist vorbereitet, die Wettkampfkleidung liegt bereit, die Taschen sind gepackt. Alles funktioniert wie ein Automatismus. Wach bin ich nicht. Sina und ich machen uns fertig und nehmen alle Taschen mit zum Frühstück, welches um 04:30 Uhr ist. Wir sind bei weitem nicht die Ersten, obwohl wir überpünktlich sind. Eigentlich sind wir sogar fast die Letzten. Es ist ein gutes Buffet und viele reden durcheinander. Manche Läufer klingen wie aufgescheuchte Hühner. Ihnen merkt man die Nervosität einfach an. Sina und ich schweigen uns eher an und fühlen uns noch müde. Sie schlürft ihren Kaffee und ich meinen O-Saft. Um 05:05 Uhr gebe ich meine Dropbacks und die Reisetasche für das Ziel ab. Anschließend gehe ein letztes Mal auf die Toilette. Sinas Tasche muss sie selbst auf dem Fahrrad mitführen. Sie hatte das eingeplant und entsprechend wenig gepackt.

Um 05:15 Uhr treffen sich alle vor unserem Hotel. Für alle die wollen gibt es eine Fackel für den Fackellauf. Ich möchte ein Teil dessen sein und hole mir eine ab. Der Fackellauf ist ca. 1-2 Km lang und gehört nicht zu den 100 km. Wir laufen in den Burggarten von Rothenburg ob der Tauber, wo wir unsere Fackeln später löschen werden. Dort empfängt uns ein Ritter zu Pferd, der uns einen Auftrag gibt. Wir sollen Botschaften zu den vier Orten überbringen, die 50 km, 71 km, 100 km und 161 km (100 Meilen) entfernt sind. Ach, ich mag diese Rahmenstory. Wirklich! Für mich ist das wie eine zusätzliche Motivation. Welche Botschaft wir konkret überbringen sollen? Ich schlage vor: Nehmt am Lauf teil und ihr erfahrt es. *zwincker*


Danach gehen wir nochmal einen guten Km zum Start. Es ist komplett dunkel, es gibt keine Straßenlaternen. Nur unsere Kopflichter geben uns Licht.
Am Start angekommen stellen wir uns auf. Hier trennen Sina und ich uns. Sina steht mit ihrem Fahrrad ebenfalls am Start, aber an der Seite, um niemanden beim loslaufen zu stören. Der Start wird eng und voll, da ist ein Fahrrad noch nicht geeignet als Begleiter, denken wir uns. Ich hoffe, dass wir uns nach 5 km sehen würden. Ich sollte mich irren, denn wir sahen uns erst deutlich später.
Ich blicke einmal in alle Richtungen. Über alle vier Distanzen starten insgesamt 250 Läufer_innen gleichzeitig. Danach gehe ich meinen Tagesplan durch: Ich habe es nicht eilig und meine Strategie für den Tag ist klar: Für die ersten 50 km, möchte ich unter 5 Stunden bleiben, für die 71 km möchte ich unter 7:30h Stunden bleiben und danach gucke ich mal was so geht. Irgendwo zwischen 10 und 12 Stunden möchte ich ins Ziel einlaufen. Sollte der Plan A scheitern, dann sieht mein Plan B wie folgt aus: Ich möchte auf jeden Fall unter dem alten Cut-Off von 13 Stunden bleiben, denn zu diesem hatte ich mich angemeldet. Dieser wurde jedoch nach meiner Anmeldung auf 15 Stunden abgesengt, um Genussläufer diesen Lauf ebenfalls zu ermöglichen.

06:00 Uhr, Km 000, 0:00h Laufzeit
Der Startschuss! Als wir loslaufen, wird noch Pyro gezündet und Fontänen zäumen die ersten Meter. Es ist und bleibt total dunkel. Ich laufe ungefähr mit einer 5:45 min/km Pace los. Ich unterhalte mich schon nach 2 km mit der ersten Läuferin. Sie schätzt, dass sie vierte Frau wird und erhoffte sich eigentlich mehr. Ich frage mich in Gedanken versunken, wieso sie das nach 2 km schon so sicher weiß?

Nach 5 km am ersten Verpflegungspunkt (VP) trennen sich unsere Wege. Ich schreibe Sina, dass ich am VP (Verpflegungspunkt) 1 bin. Noch sehe ich sie nicht. Sie ist irgendwo hinter mir. Nach zwei, drei Minuten laufe ich weiter. Ich sehe sie einfach nicht. Es bleibt tiefste Nacht und ehrlich gesagt ist es das erste Mal, dass ich einen Wettkampf so früh am Morgen im Dunkeln bestreite und ich muss ehrlich sagen, es gefällt mir. Ich könnte mir sogar einen Lauf vollständig in der Nacht vorstellen. Der 100 km Lauf zu Biel ist ein solcher Nachtlauf, oder der FiNaMa (Fidelitas Nacht Marsch/Lauf). Diese Ruhe ist so erholsam. Der ganze Weg ist nur punktuell durch die Stirnlampen erhellt. Ich drehe mich immer wieder um, ob ich Sina sehe, doch ich sehe nur unzählige Stirnlampen hinter mir, die sich zu einer langen Schlange formieren. Es sieht wunderschön aus und ich mache doch kein Foto, weil die GoPro mit dem wenigen Licht einfach nicht klar kommt. Diese ersten Eindrücke sind unglaublich intensiv, auch weil ich alleine bin.
Ich habe keinen MP3 Player dabei, keine Kopfhörer. Ich genieße einfach diese Ruhe und diese Phase vom Rennen.

06:58 Uhr, Km 010, 0:58h Laufzeit
Nach knapp einer Stunde laufe ich zur VP 2 und genehmige mir etwas Essen und Getränke. An den VPs bei 5, 15, 25, 35 usw. gibt es immer nur Getränke und bei 10, 20, 30, 40 usw. gibt es Getränke und Essen. Im Moment habe ich gute 18 Minuten auf den Cut-Off. Tatsächlich ist der erste harte Cut-Off bei Km 50 und 6:30h und somit der schwerste Cut-Off in meinem Kopf. Daher rechne ich mind. bis dorthin immer meinen Vorsprung aus. Grundsätzlich hat man 76 Minuten pro 10 km im Durchschnitt Zeit auf den ersten 50 Km.
Nachdem ich etwas gegessen und getrunken habe, laufe ich weiter. Bei Km 11 bleibe ich stehen und warte auf Sina. Ich merke, wie es mich stresst, dass sie irgendwo hinter mir ist, und wahrscheinlich nicht / kaum durch kommt. Ich habe mittlerweile sehr viel Platz, um mich herum und sie könnte problemlos neben mir fahren. Ich versuche sie anzurufen, aber der Empfang in der Natur ist einfach nicht vorhanden. Ich packe das Handy wieder weg. Nach knapp 3,5 Minuten warten kommt sie. Ab diesem Moment sind wir zusammen unterwegs. Endlich!

Es wird langsam hell und so mache ich mein Kopflicht aus und packe es weg. Wir unterhalten uns kurz und sie berichtet, dass der große Knubbel an Läufer_innen hinter uns ist.
Die ersten gemeinsamen Kilometer reden wir sehr viel. Ich möchte unbedingt wissen, wie es hinter mir im Feld aussieht. Die Strecke selbst ist ein asphaltierter Fahrradweg, der mehr an den Dörfern vorbei führt, als durch sie hindurch.

07:56 Uhr, Km 020, 1:56h Laufzeit
Schon bei km 19 war die erste Dropbackstation und damit gab es auch zum zweiten Mal Essen. Als ich in den VP einlief, rief jemand meine Nummer und danach eilt ein anderer Helfer mit meinem Dropback zu mir. Ich empfinde diesen Service als sehr angenehm, weil ich als Läufer mich ausschließlich auf den Lauf konzentrieren kann. Ich nehme alles das, was ich brauche und fülle meine Vorräte auf. Ich nehme bei weitem nicht alles. Auch entscheide ich mich dagegen meine Stirnlampe abzugeben. Es gibt das Risiko, dass ich über 13:00h brauchen könnte und dann wird es wieder dunkel und ich bräuchte das Kopflicht.

Bei Km 20 habe ich 1:56h auf der Uhr stehen und habe nun ungefähr 36 Minuten Vorsprung auf den Cut-Off. Die Landschaft verändert sich, da wir durch ein Dorf laufen. Wir werden ab jetzt durch einige Dörfer laufen.

Bei Km 23 überhole ich Jens, den Löhner. Wir unterhalten uns kurz und ich wünsche ihm weiterhin alles Gute.
Der Abschnitt ist zwischen 20 und 30 ist schön, da er viel an dem Fluss Tauber direkt entlang führt. Doch es bleibt dabei: Der Weg ist vollständig asphaltiert.

08:54 Uhr, Km 030, 2:54h Laufzeit
Als ich die Km 30 passiere schaue ich wieder auf die Uhr. Ich habe nun 2:54h auf der Uhr und somit 54 Minuten Vorsprung zum Cut-Off. Wir sind auf einem langen, geraden Stück und das erste Mal merke ich den Gegenwind deutlich. Ich werde den ganzen Tag auf den gesamten 100 km Gegenwind haben. Mal werden Bäume mich schützen und mal wird der Wind mich Kraft kosten. Sina merkt an, dass die ersten aus der WhatsApp Supporter Gruppe wach seien und geschrieben hätten. Das ist eine Gruppe aus Personen, die Interesse an einer Live Berichterstattung angemeldet haben, oder wo ich mir dachte, dass sie Interesse haben könnten. Ich freue mich über die ersten Nachrichten, die sie vorliest. Es tut gut zu wissen, dass andere den Lauf mitverfolgen und mitfiebern!

Bei Km 34 laufe ich an einen Finisher vom Deutschlandlauf heran und befrage ihn zum Lauf. Das war ein 1300 Km langer Lauf von Sylt zur Zugspitze in ungefähr 2,5 Wochen. Es gibt nur knapp 40 oder 50 Finisher. Er erzählt ein wenig vom Lauf und ich meine, dass mich höchstens eine Etappe reizen würde, aber nicht der gesamte Lauf. Danach trennen sich unsere Wege für einige Km, aber nicht zum letzten Mal. Wir werden uns an diesem Tag noch einige Male unterhalten. Wir trennen uns und er gibt mir folgende Worte mit: „Denk dran. Die erste Hälfte eines 100 km Laufes ist 70 km lang. Die zweite Hälfte ist aber dann doch ein wenig länger.“
Wir erreichen den Getränkepunkt bei km 36 und befinden uns vor einem Schloss. Als die Strecke ins Schloss führt, wird Sina aufgehalten: „Nur die Läufer dürfen durch die nächste Passage. Begleiter müssen außen rum fahren.“ Ich darf durch einen Schlossinnenhof laufen und komme durch einen weiteren Torbogen in den Schlosspark. Der ist schön, nicht gewaltig, aber wirklich nett. Ich bin alleine von der Tatsache total angetan, dass ich durch ein Schloss und den Park laufen darf und feiere das auch laut. Die Streckenposten freuen sich scheinbar für mich und feuern mich an.

Als ich durch den Schlosspark durch bin, sehe ich Sina wieder, die an einer Kreuzung auf mich wartet. Ich bin total positiv gestimmt und gerade enorm gut drauf.
Bei Km 37 parkt ein Auto an der Strecke, ein Läufer steigt aus, läuft zu uns und schließt sich uns an. Er laufe nur 5 oder 10 km Volksläufe, wolle aber für einige wenige Km mal das Gefühl bekommen, wie es so ist bei einem solchen Ultralauf teilzunehmen. Wir unterhalten uns nett. Primär ist er sehr interessiert und stellt viele Frage, die ich alle beantworte. Wie lang man dafür trainiert? Wieso man so lange durchhalten kann? Usw. Er bleibt für ungefähr 1,5 Km bei uns. Bei 38,5 ist der nächste Punkt für Essen und Getränke. Dort dreht er um und läuft zurück. In Wertheim ist ein 5 km Lauf an dem er mit einem Team am selben Tag noch teilnimmt.

09:45 Uhr, Km 040, 3:54h Laufzeit
Bei dem Km 40 Schild steht eine junge Frau. Sie kommt aus ihrem Auto gesprungen und fragt mich, wo der Verpflegungspunkt für Km 40 sei, denn hier sei keiner. Ich sage ihr, dass der schon bei Km 38,5 war. Sie bedankt sich und steigt wieder ins Auto und fährt los.

Ich gucke auf die Uhr und sehe, dass ich bei 3:54h Stunden bin. Ich habe nun 1:10h Vorsprung zum Cut-Off.
Bei Km 42 klatschen Sina und ich uns ab. Der erste Marathon ist geschafft in etwas über 4 Stunden. Ich liege damit voll und ganz in meiner Taktik, es locker anzugehen. Bisher fühle ich mich gut, bin vollständig beschwerdefrei und habe keine Schmerzen. Wir durchlaufen den x-ten Ort und es wird der letzte vor Bad Mergentheim sein, wo das 50 km Ziel liegt. Es ist schon ein komisches Gefühl einen Marathon gelaufen zu sein und eben nicht im Ziel zu sein. Vor zwei Wochen lief ich in Berlin die 42,195 km in 3:15h und nun? Es wirkt alles so fern und so weit weg. Ich meine jetzt nicht die 100 km, sondern die Tatsache einen Marathon zu laufen. Mehr denn je merke ich, dass der Marathon in Berlin nur eine lange Trainingseinheit war. Ach, ich könnte jetzt wieder in den Gedanken verfallen, dass sich die Maßstäbe verschieben, wenn jemand zum ersten Mal ein Marathon läuft, oder einen Ultra. Ich lasse den Gedanken fallen, schaue zu Sina und lächle sie an. Sie guckt mich an, lächelt mich zurück und fragt: „Was?“ Ich bekräftige, dass alles in Ordnung sei und mich freue, dass sie da ist.
Ich denke nur an die Kilometer, die ich habe und nicht an die Km, die vor mir sind. Das ist mein Weg mit den 100 Km mental umzugehen.
Bei Km 44 habe ich die erste kleine Krise. Ich fühl mich plötzlich müde, schwach. Ich muss auch etwas Tempo rausnehmen. Mich überholt eine Frau, sowie zwei Männer, die ein Finisher T-Shirt des Sparthalons tragen (246 km Non-Stop Lauf, der auch von den Cut-Offs anspruchsvoll ist). Ich nehme ein Gel und hoffe auf den nächsten Getränkepunkt, der hoffentlich bald kommt. Als wir bei Km 45 endlich ankommen, nehme ich einen meiner Energieriegel und entsprechende Getränke vom VP zum runterspülen. Hier mache ich das erste Mal eine längere Pause und gehe die ersten 100 m nach dem VP, um mein Essen anzuverdauen. Hier überholt mich der Deutschlandlauf-Läufer und Jens, der Löhner.

Wenige Meter nach dem VP werde ich von einem Streckenposten angesprochen, ob alles okay sei. Ich bestätige das. Ich habe etwas gegessen und brauche gerade 1-2 Minuten, bevor ich weiterlaufe. Er nickt erleichtert und wünscht mir viel Spaß weiterhin. Ich laufe wieder los. Ab Km 47 geht es mir wieder gut und ich fühle mich wieder richtig fit.


Die letzten Kilometer bis zum Ziel in Bad Mergentheim sind durch den Kurpark, was eine schöne Abwechslung zur sonstigen Landschaft ist. Ein weiteres kleines Highlight und es hilft sicher noch einmal zur Motivation bis in Km 50 Ziel.

10:57 Uhr, Km 050, 4:57h Laufzeit
Bei Km 49,5 ertönt eine Fanfare von einem Kirchturm her für jede Läuferin und jeden Läufer. Ich muss lächeln und bin glücklich. Ich mag das ganze Mittelalter Thema drum herum einfach unheimlich.
Gedanken zur Halbzeit: Sina lieferte bisher einen perfekten Support. Sie ist für mich da und ist verständnisvoll. Wir reden viel und doch gibt es auch lange Schweigephasen, die wir entspannt und positiv hinnehmen. Sie liest mir aus der Supportgruppe immer wieder die Nachrichten vor und schreibt Nachrichten zurück. Sie motiviert mich, alleine durch ihre Anwesenheit. Sie feuert mich an, als es mir bei Km 44 nicht gut ging und freut sich mit mir, wenn ich etwas abfeiere, wie den Schlosspark.


Ich laufe durch das 50 Km Ziel und gehe direkt an den VP, um richtig viel zu essen. An keinem Stand zuvor, oder danach, werde ich so viel Essen wie hier. Ich nehme mir fast 10 Minuten Zeit. Ich werde sogar gefragt, ob ich abbreche oder noch weiterlaufen möchte. Ich sage, dass ich bald aufbreche, doch gerade einfach Hunger habe. Beim Essen treffe ich den Deutschlandlauf-Läufer wieder. Es geht ihm nicht so gut, da er mit dem Essen nicht klar kommt. Seine Frau besorgt ihm gerade ein Brötchen vom Bäcker von neben an. Ich wünsche ihm alles Gute, doch ich ahne, dass wir uns nicht zum letzten Mal gesehen haben.
Mein erstes Ziel hab ich erreicht. Ich blieb unter 5 Stunden bei 50 km. Nun hieß es: Der nächste Halbmarathon sollte in unter 2,5 Stunden bleiben. Nun habe ich noch 10 Stunden Zeit für zweite Hälfte des 100 km Laufes. Ab diesem Moment weiß ich, dass der Cut-Off für mich keine Rolle mehr spielt. Ich verlasse den VP.

Der Abschnitt zwischen 50 und 60 fängt schön an der Tauber an. Jedoch ändert sich das schon nach gut 1,5 km und es wird ein größtenteils unansehnlicher Abschnitt. Wir laufen immer häufiger durch Industriegebiete und an gut befahrenden Landstraßen entlang. Seit Km 50 ist es sehr einsam um mich herum geworden. Ich sehe immer seltener andere Läufer_innen. Ich bin so froh, dass Sina da ist, die fast zum selben Zeitpunkt, dieselbe Erkenntnis hat.

Bei Km 54 laufe ich an einer rothaarigen Dame vorbei. Auf ihrer Nummer sehe ich später, da wir uns nun mehrmals treffen werden, den Namen: Iris. Ich grüße sie. Mir fällt sofort auf, dass sie eine Mütze von Transalpine-Run 2017 trägt. Sie holt mich am VP bei Km 55 wieder ein. Sie macht sehr kurze Pausen, und ich lange. Ich werde sie bei Km 57 wieder überholen. So wird das nun bis zum Ziel gehen.
Bei Km 58 erlaube ich mir ausnahmsweise den Gedanken, dass es jetzt „nur noch“ ein Marathon bis ins Ziel ist. Darunter kann ich mir etwas vorstellen. Dennoch ist ein sonderbares Gefühl, jetzt schon fast sechs Stunden zu laufen und einen Marathon vor sich zu haben. Ansonsten bleibe ich hart bei meiner Linie: Denke nur an die Km, die du geschafft hast und nicht an jene, die vor dir liegen. „Nur noch“. Bei diesen zwei Wörtern muss ich selbst gerade, wo ich diesen Bericht verfasse, den Kopf schütteln.

12:06 Uhr, Km 060, 6:06h Laufzeit
Als Sina und ich die 60 km passieren, habe ich 6:06h auf der Uhr. Abzüglich meiner 10 minütigen Pause bei Km 50, brauchte ich so nur um die 60 Minuten für die letzten 10 km. Ich merke aber, dass ich etwas langsamer werde und die Pausen an den VPs länger werden. Es sollen die letzten 10 km an diesem Tag sein, die ich in unter 60 Minuten laufen sollte.
Es gibt immer mehr hässliche Industriegebiete, die wir passieren. Sogar über Ampeln führt die Route, so dass ich erst einmal 1,5 Minuten an einer roten Ampel stehe und nicht weiter kann.
Wirklich schöner wird es erst wieder bei Km 65. An dem dortigen Verpflegungspunkt, sagt ein Helfer, dass das kurz vor mir ein 100 Meilenläufer war. Wir reden kurz darüber und ich meine „Der hat noch knapp 100 km vor sich, also meine gesamte Tagesdistanz. Ich bin froh, dass ich gleich schon zweidrittel absolviert habe.“ Der Helfer vom VP nickt zustimmend. Bei dem Gedanken, dass der Läufer meine gesamte Strecke vor sich hat, stockt mir selbst der Atem. Das lässt die Maßstäbe nochmals irgendwie verquer wirken. Ich atme tief ein und aus. Ich verlasse den VP. Kurz vor Tauberbischofsheim komme ich wieder in ein Gespräch mit einem Läufer, der gleich bei 71 km aufhören wird.

Wir reden bis kurz vor dem 71er Ziel. Wir bekommen auch beide hier eine Fanfare gespielt und gut 200m vor dem Ziel, zieht er an und sprintet zügig ins Ziel. Ich denke in dem Moment an Jens, wie es ihm wohl geht und ob er sein Ziel geschafft hat, unter 7 Stunden zu bleiben? Das hat er leider nicht. Er wird sogar erst kurz nach mir einlaufen. Gesehen habe ich ihn leider nicht mehr, sonst hätte ich einige motivierende Worte zu ihm gesagt. Ich habe keine Ahnung, wann ich ihn überholt habe. Auf jeden Fall herzlichen Glückwunsch zu deinem ersten und erfolgreichen 71 km Lauf, Jens! Eine großartige Leistung und ich hoffe du freust dich über dein Ergebnis und deine Leistung.

13:19 Uhr, Km 071, 7:19h Laufzeit
Ich werde zwar etwas langsamer, doch ich schaffe mein zweites Ziel: Die 71 km in unter 7:30h. An diesem VP stehe ich nun so lange, wie an keinem anderen VP vorher oder nachher.

Ich esse zuerst in Ruhe und trinke etwas. Bei weitem nehme ich nicht so viel Essen wie bei Km 50 zu mir. Die meiste Zeit brauche ich für mein Dropback. Ein Helfer reicht es mir und ich entscheide mich die Kleidung oberhalb der Gürtellinie vollständig zu wechseln: Also neue Jacke, neues T-Shirt, Armlinge und ein neues Capi. Es fühlt sich so gut an, trockene Sachen anzuziehen. Gegen eine neue Hose und neue Schuhe entscheide mich. Meine Beine sind müde und das Bücken fällt mir schwer. Ich denke hier rein pragmatisch. Nach knapp 15 Minuten geht es erst weiter für mich, aber was soll der Stress? Ich habe nun für die ersten 71 km weniger als die halbe Zeit gebraucht. Ich habe jetzt noch einmal so viel Zeit für die letzten 29 km. Die Worte von Deutschlandlauf-Läufer kommen wieder in mein Ohr „Die erste Hälfte eines 100 km Laufes ist 70 km lang. Die zweite Hälfte ist aber doch ein wenig länger.“

Auch sagte Hubert Beck beim Briefing: Der 100 km Lauf fängt erst nach Km 71 an. Auch andere, erfahrene Ultraläufer meinten immer zu mir: Ab 70 km wird es schwer. Doch davon ließ ich mich jetzt nicht stressen. Ich hatte 71 km geschafft und hatte noch 7,5 Stunden für die letzten 29 km Zeit. Das sollte doch wohl reichen! Oder etwa nicht? Ich bin sehr optimistisch. Ja, ich rechnete hier nicht auf eine 12 oder 13 Stunden Zeit, sondern auf den offiziellen Cut-Off von 15 Stunden. Als ich müder wurde, war es mir nur noch wichtig zu finishen, egal mit welcher Zeit. Daher rechne ich meine restliche Zeit auf 15 Stunden hoch.
Hubert meinte auch, dass ab jetzt die Strecke schöner und anders werden würde. Er sollte damit Recht behalten. Die Strecke wurde nun sehr viel grüner, hügliger und hatte weite lange geraden, die ich persönlich mag. Doch bevor es schöner wurde, geht die Strecke erst einmal an einer Landstraße weiter, die endlos und gerade war. 1 km vor mir und gut 1 km hinter mir gab es keine anderen Läufer_innen.
Erst ungefähr ab Km 75 verlassen wir die Straße und es wird endlich grüner und wieder schöner. Sina und ich reden immer weniger. Vieles wurde gesagt und wir beide werden müde. Mein Kopf ist teilweise schon abgeschaltet. Das Laufen funktioniert wie ein Automatismus und mein Körper arbeitet. Schritt für Schritt. Nicht mehr schnell, nicht mehr so geschmeidig, aber er setzt einen Schritt vor den anderen.

14:37 Uhr, Km 080, 8:37h Laufzeit
Als ich Km 80 passiere, weiß ich, dass ich nur noch eine Pace von ca. 6:20 min pro km laufe und der Rest der Zeit für die Pausen an den VPs drauf geht. Doch das ist mir egal. Bisher bin ich durchgelaufen, was Sina überraschend feststellt mit den Worten: „Unglaublich. Ich habe erwartet, dass du viel mehr gehst und viel früher nicht mehr kannst. Jetzt sind wir bei Km 80 und du läufst immer noch.“ Das erste Mal stellt sie das bei Km 60 fest und dann eigentlich bei Km 70, 80 und 90.
Doch hier ereilt mich meine zweite Krise. Es geht mir gerade gar nicht gut. Der Akku ist leer und ich frage mich, ob es das nun war. Ungefähr bei Km 81 sehe ich endlich den VP, der nicht nur Getränke hat, sondern auch Essen. Außerdem sehen Sina und ich von der Ferne schon einen Krankenwagen mit Blaulicht. Sina sagt sowas wie: „Oh shit“, denn der Wagen steht direkt am VP. Als ich ankomme, setze ich mich erst einmal, esse und trinke in Ruhe. Auch einen Energieriegel esse ich. Ich fühle mich gerade Scheiße. Ein Mann von der Feuerwehr fragt mich, wie es mir geht. Im Krankenwagen liegt ein Teilnehmer, der einfach umgekippt ist. Kreislauf. Sie seien gerade etwas vorsichtig und er wolle sich nur erkundigen. Ich antworte, dass ich dem Teilnehmer wünsche, dass es ihm bald wieder besser geht. Ich selbst hätte nur ein tief, was nach über 80 km sicher erlaubt sei. Ansonsten hätte ich keine Schmerzen oder Probleme, eben nur ein tief und bräuchte nur etwas Essen. Der Mann von der Feuerwehr nickt und beobachtete, wie ich reichlich Essen zu mir führe und ebenfalls Getränke. Ich stehe auf, bedanke mich wie an jedem VP für alles und gehe noch 100 m. Als ich den VP verlasse, kommt Ines an. Irgendwie schön bekannte Gesichter auf dem Ultra zu sehen. Das ich kurz nach dem VP gehe, nenne ich einfach „Verdauungszeit“, die ich mir nehme, da ich diese 1-2 Minuten nicht sinnlos am VP verbringen möchte. Dann laufe ich weiter.


Bei Km 83 / 84 laufe ich unterhalb einer Burg entlang und wo sonst nur ein offenes Feld ist. So pustet der Gegenwind mich mal wieder voll an, wie eigentlich fast die ganze Zeit. Plötzlich erklingt eine Fanfare. Erst dachte ich, wir laufen zur Burg hoch, doch bei dem VP bei Km 85, weiß ich, dass die Fanfare für mich war, als ich unterhalb der Burg entlang lief. Ich freue mich riesig im Nachhinein. Mittlerweile geht es mir auch wieder deutlich besser. Ich bin aus meinem Tief heraus und fühle mich fast wie neu geboren.
Beim Passieren der Km 84 Marke juble ich laut und springe in die Luft und rufe: „Yeah, 2. Marathon geschafft.“ Auch wenn ich das sage, realisieren kann ich das nicht mehr. Ehrlich gesagt, habe ich das bis heute, wo ich diese Zeilen schreibe, immer noch nicht realisiert.
Bei Km 85 verlassen wir erneut ein Dorf und komme direkt zum VP. Hier stehen Km 50 Finisher mit ihren Medaillen und jubeln. Ich freue mich enorm darüber. Sie sehen glücklich aus und machen Stimmung. Nach einigen Getränken, geht es langsam weiter. Ines holt mich nun immer wieder ein, auch den Deutschlandlauf-Läufer sehe ich seit Km 50 immer mal wieder.
Bei Km 86 überholt mich der Deutschlandlauf-Läufer erneut und zum letzten Mal. Ich werde ihn nicht mehr einholen, aber ich sollte ihn trotzdem nicht zum letzten Mal während meines Laufes gesehen haben, doch dazu gleich mehr.
Der Abschnitt ist nun definiert durch lange Geraden, ein kleines Tal und hohe Berge zur linken und rechten Seite.
Sina und ich schweigen uns sehr viel an, denn wir haben uns schon länger nichts mehr zu erzählen und es passiert auch nicht so viel auf der Strecke, worüber man sich unterhalten könnte. Doch dieses Schweigen tut uns beiden gut. Es ist ein positives Schweigen. Manchmal kreuzen sich unsere Blicke und wir lächeln. Mehr muss in diesen Momenten nicht gesagt werden. Ich spüre, wie ich zwar noch klar denken kann, aber wie einfach alles langsam anfängt schwerer zu werden. Die Beine sind müde, ich werde müde und meine Gedanken formen sich langsamer.

Irgendwann bei Km 89 fragt sie mich, was sie für mich tun kann. Ich antworte, dass sie mir was erzählen könnte. Ich kann nicht mehr so viel reden. Außerdem merke ich langsam meinen Magen ganz leicht. Doch sie selbst kann nichts mehr erzählen. Sie wird auch langsam müde, was sie versucht zu verstecken. Erfolglos.

15:59 Uhr, Km 090, 9:59h Laufzeit
Nach ziemlich genau 9:59h durchlaufe ich die 90 km Marke und freue mich. Jetzt habe ich noch 5 Stunden für 10 km und weiß innerlich, dass der Lauf so gut wie durch ist. Das motiviert mich enorm. Dennoch wird das Laufen immer schwerer. Ich habe mittlerweile eine Pace von 7:20 min/km. Mit den Pausen, die ich im Moment mir an den VPs nehme, tippe ich, dass ich noch gut 1,5 Stunden für diese letzten 10 km benötige.
Ich passiere die 91 km Marke und erreiche den letzten VP mit Essen vor dem Ziel. Ich bekomme mit, wie eine Zuschauerin zu Sina sagt: „Du bist meine Heldin des Tages.“ Sie hätte Sina mehrmals gesehen und feiere es, dass sie mit dem Fahrrad mich begleitet. Ja, Sina ist auch meine Heldin des Tages und deswegen habe ich eine Überraschung für sie im Ziel vorbereitet, von dem sie absolut nichts weiß. Diese Überraschung ist in meinem Rucksack versteckt und in einem Zipbeutel sicher verpackt. Ich unterdrücke meinen Wunsch etwas zu sagen oder anzudeuten. Alternativ schiebe noch etwas Essen in mich, was zusätzlich dafür sorgt, dass ich nicht reden kann. Dann gehe ich einige Schritte und trabe an. Hier überholt mich Ines zum letzten Mal. Kurz nach dem VP erreiche ich die Km 91 Markierung. Warte. Moment. Hier passt was nicht. Ein anderer Läufer der mich überholt sieht mich komisch an und spricht das aus, was ich denke: „Hätte das nicht 92 sein müssen?“ Ja, hätte es! Was soll der Scheiß? Zweimal die 91 Km? Ich sage mir: Auch wenn jetzt der Km doppelt kam, so lief ich dennoch erst „91 km“. Ich gehe vom Worst-Case aus und stelle mich mental darauf ein, dass ich halt erst bei Km 91 bin. Sollte dieser Fehler sich noch von selbst beheben, so werde ich mich freuen, und wenn nicht, dann habe ich meine Energie eben neu eingeteilt.
Bei der Markierung kurz nach Km 92 hole ich Ines ein und quatsche mit ihr kurz über ihren Transalpine-Run 2017, da sie die Mütze davon trägt, und ob es ihr erster 100 Km Lauf ist. Danach wünschen wir uns für den restlichen Weg alles Gute.
Bei Km 94, nach den Markierungen, erreiche ich den letzten VP. Auch hier wird kommuniziert, dass die Schilder falsch aufgehängt wurden. Hier sei es wirklich schon Km 95. Nur noch 5 km sei es bis ins Ziel. Mental stelle ich mich trotzdem auf sechs ein, was auch die sinnvollere Entscheidung war, denn tatsächlich werden es noch 6 Km sein. Der Km 91 ist doppelt, wie andere Läufer es auch betonen und auch in Berichten schon gesagt haben. Es ist also ein 101 km Lauf! Alle Km Marken, die nun nenne, beziehen sich immer auf die gegebenen Markierungen.
Auf den letzten 10 Km kommen mehrere Anstiege. Die ersten werde ich noch laufen, doch die letzten zwei gehe ich hoch. Es sollen die einzigen beiden, je ca. 100 m bis 200 m Abschnitte sein, die abseits eines VPs gehe.
Bei dem Km 95 Schild fängt es plötzlich an zu regnen. Es ist 17 Uhr und ich bin genau 11 Stunden gelaufen. Ich ziehe schnell meine Jacke an und bin froh, sie in meinen Rucksack bei Km 71 eingepackt zu haben.

Kurz nach Km 98 sehe ich das Schild „Wertheim“ und bitte Sina ein Foto von mir unter dem Schild zu machen. Die 2 Minuten wolle ich mir nehmen und Stress habe ich keinen mehr. Ich laufe langsam weiter und bemerke, dass der Regen wieder aufgehört hat. Auch erscheint die Burg von Wertheim vor mir. Bei der Km 99 Marke laufe ich an meinem Hotel um wenige Meter vorbei und weiß, dass das Ziel nicht mehr weit ist. Einen kleinen Bogen muss ich in Wertheim laufen. Es geht zur Tauber-Main-Mündung und dann von dort in den Ortskern, wo das Ziel auf mich warten.

Jetzt sind es nur noch 200, vielleicht 300 m. Ich bitte Sina vorzufahren und ein Foto vom meinem Zieleinlauf zu machen. Seit Km 98 denke ich nichts mehr, mein Kopf ist leer, auch jetzt. Erleichterung? Erlösung? Freude auf das Ziel? Alles das verspüre ich im Moment noch nicht. Im Gegenteil. Der Lauf hat mir Spaß gemacht und hat mich gefordert. Natürlich werde ich im Ziel froh sein, dass ich es geschafft habe. Aber bin ich froh, dass es zu Ende ist? Irgendwo schon. Gerade zum Ende kam mir immer wieder der Gedanke, dass ich keine Lust mehr habe. Da es aber absehbar ist, dass der Lauf in wenigen Metern zu Ende geht, habe ich wieder Lust. Und dann macht es Klick. Es ist wie ein Schalter, der sich plötzlich umlegte.

17:36 Uhr, Km 100, 11:36h Laufzeit
Die letzten Meter sind wie ein Gefühlsbad. Verschiedene Finisher kommen mir entgegen, geben mir ein High Five, darunter auch der Deutschlandslauf-Läufer, der dazu sagt: „Herzlichen Glückwunsch zu deinem ersten 100!“ Er schien wenige Minuten vor mir eingelaufen zu sein. Einige Fußgänger und Zuschauer applaudieren und ich sehe das Ziel. 70 m vor dem Ziel spricht mich ein offizieller an und möchte meine Startnummer wissen. Er gratuliert mir und funkt meine Nummer zum Ziel durch. Wenige Sekunden später höre ich, wie ich angekündigt werde.

Ich hebe meinen Arm gegen den Himmel und juble. Ja, ich freue mich. Als ich über die Ziellinie trete, springe ich vor Freude hoch, was vom Sprecher mit „Also bisher ist noch niemand ins Ziel gesprungen.“ kommentiert wurde. Ich werde kurz interviewt. Auf die Frage, wie es mir geht, sage ich blendend, was bei ihm zur Verwunderung führt. Ich denke mir, ja Mann. Ich bin gerade meinen ersten 100er gelaufen und das ohne wirkliches Training. Natürlich geht es mir super!


Ein Ritter und ein Burgfräulein kommen zu mir und wollen mich zum Ritter schlagen, doch ich sage, dass ich vorher etwas Wichtiges machen muss. Ich hätte eine Überraschung für meine Freundin, die mich auf den 100 km begleitet hat. Ich finde es schade, dass sie keine Medaille erhält, wo sie doch auch den gesamten Weg bestritten hat. Ich hole eine aus Holz selbstgebastelte Medaille aus meinem Rucksack und hänge sie ihr um. Was um mich herum honoriert wird. Der Ritter und das Burgfräulein scheinen das zu feiern und haben volles Verständnis, dass ich diesen Akt der Anerkennung und Dankbarkeit vorziehe. Es ist mein Versuch ihre Unterstützung, ihren Einsatz in irgendeiner Form zu würdigen und mich dankbar zu zeigen. Sie freut sich über die Medaille und bedankt sich. Danach gehe ich zum Ritter und dem Burgfräulein. Er wolle mich nun zum Ritter schlagen, als Finisher des Taubertals 100 km Laufes. Ich frage, ob ich knien oder stehen solle. Das überlässt er mir. Ich antworte, dass ich es richtig machen wollen würde. Ich knie nieder und erhalte in der Prozedur meinen Ritterschlag. Danach erhebe ich mich, wir alle jubeln und ich erhalte meine Finisher Medaille. Das Angebot auf Bier aus einem Horn lehne ich dankend ab. Wie die meisten wissen dürften, ist Alkohol nicht so mein Ding.

Danach esse und trinke ich am VP im Ziel. In dem Moment läuft auch Ines ein. Ich gratuliere ihr. Danach erhält sie ihren Schlag und ihre Medaille. Wir verabschieden uns. Sina und ich hingegen machen uns auf die Odyssee meine Dropbacks und meine Tasche wieder einzusammeln. Das ist gar nicht so einfach. Der Weg ist nicht ausgeschildert, den Plan halte ich zwischendurch falsch rum, weil ich so fertig bin. Seit dem Zieleinlauf geht es mit mir bergab. Ich merke, wie die Anspannung abfällt. Erst einmal muss ich auf dem Weg zum Dropback vor Freude weinen.
Nachdem wir uns einmal verlaufen haben, erreichen wir die Taschen und meinen Dropback. Sina ist großartig. Sie packt bei den Taschen mit an und gemeinsam gehen wir zum Hotel. Wir checken ein, werden auf unser Zimmer gebracht und ich suche als allererstes die Dusche auf. Nach einer heißen Dusche und in trockenen und warmen Sachen gekleidet, bin ich nur noch fertig. Ich packe mich dick ins Bett ein und friere heftig. Schnell trinke ich noch ein Sportgetränk für die Regeneration und schlafe sofort ein.
Nach einer Stunde erwache ich und möchte noch zur Burg, um an der Siegerehrung teilzunehmen, doch Sina und ich sind zu erschöpft vom Tag. Wir besorgen uns so noch etwas zu Essen und werden den Tag früh beenden, denn am nächsten Morgen geht es schon wieder zurück in die Heimat.

12.10.2017 – Korrektur der Finisherzeit
Nach einigen Tagen wird von Hubert Beck, der der Organisator des Laufes ist, bestätigt, dass der 91. Km doppelt vorkam. Somit waren die 100 km und 161 km Strecken um einen Km zu lang. Daher werden alle Finisherzeiten runtergerechnet, um die Zeit eines durchschnittlichen Kilometers. Meine nun offizielle Finisherzeit ist 11:29:14h.
Ich wurde zudem auch oft in den letzten Tagen gefragt, ob ich nochmal einen 100 km machen würde, oder gar einen 100 Meilenlauf? Für die Antwort zitiere ich aus einem Lied von Fettes Brot: „Ja klar. Äh nein. Ich mein … Jein.“

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Berlin Marathon 2017 – Ein unerwartetes Ergebnis

Vorab:
Ich könnte in diesem Blogartikel sicher euphorisiert darüber schreiben, wie ich meine neue persönliche Bestleistung (PB) im Marathon finde. Wie es dazu kam, darüber schreibe ich. Doch dieser Abschnitt gehört dieses Mal meinem Orthopäden und meiner Physiotherapeutin:
Es tut mir leid. Ich hielt mein Wort und irgendwie doch nicht. Ich weiß, ihr beide habt mir das Wort abgenommen, dass ich nicht auf eine neue Bestzeit laufen darf. Und so viel schon einmal vorweg: Bis Km 32 habe ich das auch nicht, bzw. irgendwie doch. Ich lief locker, entspannt, wie ich es euch beiden zugesagt habe. Erst bei Km 30 merkte ich, dass es trotzdem eine neue PB wird. Ungewollt und einfach so! Das klingt unglaubwürdig, aber ich meine das total ernst. Ich war geschockt und total verblüfft. Ich habe euch beiden gegenüber schon ein schlechtes Gewissen. Was hätte ich tun sollen? Einfach stehen bleiben, damit es keine PB wird? Ich habe es wirklich nicht drauf angelegt, ich lief wie besprochen, zumindest bis Km 32.

So nun aber der Bericht:
Samstag, 23.09.2017 – Der Frühstückslauf
Über den Frühstückslauf möchte ich zuerst kurz berichten, denn entweder kennen einige diesen Lauf nicht, oder andere glauben, der Lauf lohnt sich nicht. Ganz ehrlich? Als Teilnehmer des Berlin Marathon ist dieser Lauf kostenfrei und daher ist es sicher eine schöne Gelegenheit mit tausenden anderen Läufern gemeinsam auf eine letzte 6 Km lange Runde zu gehen und entsprechend gemeinsam zu frühstücken.

Los geht es am Schloss Charlottenburg. Gemeinsam geht es mit einer wirklich sehr entspannten Pace zwischen 6:15 und 7:30 min Pro Km im vorderen Feld in Richtung des Olympiastadions. Dort läuft man einmal durch das Stadion und am Ende gibt es ein großes Frühstücksbuffet.


Es war mein dritter Frühstückslauf beim vierten Berlin Marathon und mittlerweile gehört er für mich einfach dazu. Ich finde die Atmosphäre nett und das Frühstück ist wirklich vielseitig und gut. Für mich gehört der Frühstückslauf mittlerweile zum Pflichtprogramm, wenn ich den Berlin Marathon laufe.

Sonntag, 24.09.2017 – 44. Berlin Marathon 2017
5:15 Uhr – Der lange Weg zum Start
Dieses Jahr bin ich in einem Hotel und nicht in der Jugendherberge am Wannensee, doch ich wollte wieder in die Nähe des Wannensees. Bei meiner Anreise am Freitag merke ich, dass ich sehr weit vom Zentrum entfernt bin. Ich bin in Potsdam an der Grenze zu Zehlendorf am Wannensee. Sonntagmorgens fahren hier noch keine Busse und ich habe einen 2 km langen Fußweg zur nächsten S-Bahnhaltestelle, die mich aber dann direkt zum Hauptbahnhof bringt. Der Start ist also um 9:15 Uhr und so stehe ich um 5:15 Uhr auf.
Ich krieche aus dem Bett und ziehe meine Wettkampfkleidung an. Ich packe meinen Laufrucksack mit einigen Gels, Handy, Schlüssel und einem Fahrticket für den Tag.
Das Hotel machte mir am Vorabend eine Lunchbox, doch sie machten mir so viel, dass ich nur leider einen Teil schaffe. Auch gaben sie mir eine Mülltüte, die ich mir überziehen konnte, denn ich wollte keinen Kleiderbeutel mitnehmen und es war dunkel, kalt und es regnete. Also war ein Müllbeutel perfekt. Danke noch einmal für die Mülltüte, die hat mir wirklich den Morgen gerettet.
Um 6:15 Uhr verlasse ich das Hotel und gehe zur S-Bahnhaltestelle. Um 6:50 Uhr ca. fährt die S-Bahn, gegen 7:20 Uhr bin ich am Berliner Hauptbahnhof und gegen 7:30 Uhr treffe ich mich mit Inga vorab.

Beim Einlass bekomme ich die erste Krise: Man lässt mich nicht mit meinem Laufrucksack hinein. Ich bekomme Panik, erkläre was ein Laufrucksack ist, dass darin meine Papiere und Handy drin ist und nicht mehr. Sie lassen mich dann doch rein und in der Läuferzone selbst sehe ich eine Menge Läufer_innen mit einer Menge Läufrucksäcken. Ich bin irritiert, wieso das bei mir nun so ein Problem war.
Inga und ich quatschen ein wenig und suchen ein Klo auf. Zum Glück sind die Schlangen noch sehr kurz, was sich 10 Minuten später rasant ändert. Wir treffen weitere Läufer vom TSVE 1890 Bielefeld und unsere Gesprächsrunde wird größer. Etwas später löst sich die Runde auf und jeder sucht seinen Startblock auf.

Kurz vor den Blöcken E und F trennen sich die Wege von Inga und mir. Wir verabschieden uns und ich frage mich, ob sie mich wohl einholt? Der F Block, in dem sie stehen wird, startet 20 Minuten nach dem E Block. Gegen 8:40 Uhr stehe ich im E Block.

Ich darf zum ersten Mal in E. Ein kleiner Funfact am Rande: 2009 startete ich im H Block (dem letzten Block). 2013 durfte ich in G starten, 2015 in F und nun in E. Ich war und bin darüber sehr amüsiert. Ich stelle mich ganz vorne rein, zur Grenze zum D Block.

Es ist noch eine gute halbe Stunde bis zum Start der ersten Welle, die bis Block E reicht. Sprich: Ich darf direkt mit rauslaufen. Ich gehe direkt nach ganz vorne an die Grenze zum D Block. Neben mir ist eine ARD Bühne aufgebaut und die Kamera hält genau auf mich. Später sehe ich in der ARD Mediathek, dass ich tatsächlich in der Aufzeichnung bin.

9:15 Uhr – Start
Und dann endlich um 9:15 Uhr geht es los. Es dauert etwas mehr als drei Minuten bis ich auf meine Uhr drücke und über die Startlinie laufe. Ich bin schon auf der Strecke und das erste Mal beim Berlin Marathon habe ich das Gefühl nicht ausgebremst zu werden, sondern einfach los laufen zu können. Ich bin angetan von dem Gefühl ungebremst direkt zu laufen und ermahne mich, es locker anzugehen. Ich gucke mich um, mache erste Fotos und genieße die Stimmung. Es ist jedoch grau in grau. Auch fällt mir direkt auf, dass es deutlich weniger Publikum als in den Jahren zuvor gibt.

Ich weiche ersten Pfützen aus und mache die ersten Kilometer. Sogar nach gut 3 Km habe ich immer noch nicht das Gefühl, dass es sich im Läuferfeld staut, sondern die Masse einfach ihre Bahn zieht. Wie immer verengt sich die Laufbahn von Anfangs sechs Spuren erst auf vier, dann auf zwei und kurz vor dem Bundeskanzleramt auf eine Spur. Hier wird es dann doch ein wenig enger. Nach einigen hundert Metern jedoch wir die Laufbahn wieder breiter und plötzlich habe ich viel Platz.

Bei Km 5 nehme ich mir einen Becher Wasser und ignoriere die offizielle Uhr am Straßenrand und laufe weiter. Wen interessiert schon die Zeit, wenn man nicht auf Zeit laufen darf? So bleibt mehr Zeit für die Zuschauer. Vor allem viele Kinder stehen am Rand, halten die Hand aus und wollen abgeklatscht werden. Ich versuche möglichst vorsichtig abzuklatschen, schließlich bin ich im Laufschritt und die Kinder meist kaum älter als drei oder vier Jahre.

Ich passiere die 10 km Marke, ignoriere die Zeitanzeige erneut und laufe einfach über die Matte. Was soll ich schon berichten, wenn ich den Lauf einfach ablaufen möchte?

Km 14 – Hektik und das Ende des ersten Drittels
Ich habe vier Gels dabei, wovon ich drei plane zu nehmen: Bei Km 12, 22 und 32 möchte ich eines nehmen. Wenige Meter vor der 12er Km Marke kommt ein Wasserpunkt, denn ich gar nicht realisiert habe. Schnell reiße ich ein Gel auf, nehme ein Becher Wasser, drück mir das Gel völlig chaotisch in den Mund und spüle nach. Das war total hektisch. Einen anderen Läufer bremse ich dadurch aus, der verständlicherweise verärgert ist. Ich wollte mich entschuldigen, aber bevor ich den Mund frei hatte, ist er schon weg. Ich sammle mich hingegen kurz und versuche nicht zu gestresst auszusehen. Ich vermute, der Versuch dürfte sicher gescheitert sein.

Als ich Km 14 passiere habe ich ein Drittel des Laufes absolviert und schaue zum ersten Mal auf die Uhr. 1:05h zeigt sie mir an. Okay, denke ich mir, du bist schon zügig unterwegs, aber es kommt ja noch die zweite Hälfe. Da wirst du automatisch langsamer, weil du nur wenige lange Läufe machen konntest und es sieht vieles nach einer guten 3:30h aus. Es ist alles im Rahmen, wenn es nicht in dem Moment anfangen würde, zu regnen. Ich seufze.

Bei Km 15 lerne ich einen Läufer auf Oelde kennen. Den erwähnte ich sogar einmal, weil wir uns bis Km 20 komplett durchgehend unterhalten. Er läuft eigentlich Sub 3h Zeiten. Berlin ist für ihn ein Trainingslauf und richtig auf Zeit läuft er erst in Frankfurt. Auch erzählte er mir, dass er nicht so gut die letzten Wochen trainieren konnte. Ich berichte ihm ähnliches: Wenig Training und es wird daher bei mir wohl eine 3:30h bis 3:50h. Wir tauschen Erfahrungen aus, welcher Lauf sich lohnen würde. Die Km gehen unglaublich schnell vorbei, nicht von der Geschwindigkeit, aber eben weil wir uns gut unterhalten. Irgendwann frage ich ihn, aus welchen Block er sei und er meinte aus C. Sowieso schaue ich mich um und sah nur noch D und C Blockstarter um mich herum. Das kommt wohl, wenn man an der Grenze zu D startet, denke ich mir.
Kurz nach Km 20 verabschiedet er sich. Seine Frau stehe gleich am Rand und er wolle sich ein bis zwei Minuten für sie Zeit nehmen. So trennen sich unsere Wege.

Km 21 – Halbzeit und immer diese Klopausengeschichten
Ich laufe durch einen Torbogen, der die Halbmarathonmarke darstellt.

Als ich mich der Km 22 Marke nähere, nehme mein Gel und warte auf den nächsten Wasserpunkt, der kurz danach kommen sollte. Noch einmal so ein Stress und Chaos wie bei Km 12 wollte ich nicht erleben. Ich fühle mich immer noch gut und locker. Ich atme nicht schwer und habe keine Beschwerden. Naja fast keine. Mein rechter Oberschenkel zwickte einmal kurz leicht, aber das war es. Das kannte ich schon und wusste, dass ich einfach aufpassen musste, dass ich keinen Krampf dort bekomme. Aber, da ich das Tempo nicht anziehen werde, sollte es beim kurzen Zwicken verbleiben. Warum auch sollte ich das Tempo anziehen? Ich darf es nicht, ich will es nicht und es gibt keinen Grund dafür.

Ich gebe lieber mehr Kindern High Fives, bejubele Zuschauer, danke ihnen und mache Fotos und achja, nebenbei laufe ich natürlich noch weiter.
Irgendwann bin ich bei Km 28 angekommen. 2015 musste ich hier auf das Klo und verlor ungefähr 1,5 Minuten. Einen kurzen Moment überlege ich wieder auf das Klo zu gehen, verwerfe aber den Gedanken und laufe weiter. Das Ziel hat sicher auch schöne Dixi Klos. Und im Ernst: Ich genieße den Laufrhythmus, dass ich meinen Schritt habe und das es einfach läuft.

2015 verlor ich genau dieses Gefühl und den Rhythmus, als ich auf das Klo sprang. So mache ich einfach weiter und erfreue mich an der Tatsache, dass ich mich einfach durch Berlin bewege. Okay das Wetter ist nicht perfekt. Wobei ich mir auch denke, dass ich bei so einem Wetter oft Bestzeiten lief. Dennoch ist es ungemütlich. Der Regen setzt mal ein und hört wieder auf. Ich bin froh, dass ich meine Laufweste angezogen habe. Die hält mich gut warm und ich empfinde es als ideale Kleidung an diesem Tag.

Km 30 – Der Schock, die Entscheidung und der Wettkampfmodus
Und was nur wenige Km später passiert, war für mich wie ein Schock. Ich habe wirklich nicht damit gerechnet. Doch von vorne und in Ruhe: Ich passiere die 30 Km Marke und achte zum ersten Mal bewusst auf die Zeitanzeige: 2:22h. Okay das ist die Bruttoanzeige. Also schaue ich auf meine Uhr und sehe: 2:19h. WAS? Ich meine… WAS? Ich atme tief ein und aus. Ich realisiere gerade erst, was die Brutto / Netto Zeit eigentlich bedeutet.

Das ist ungefähr meine Zeit auf den Hermannsläufen bei Km 31,1. Ich bin unglaublich schnell unterwegs. Sicher eine 4:40 min/km Pace.
Ach du … Wie soll ich das den anderen erklären? Ich sagte, ich lauf locker und werde weit ab jeglicher Bestzeit mich bewegen. Und jetzt? Ach du …
Ich beruhige mich erst einmal: Ich habe nichts falsch gemacht. Ich bin locker gelaufen. Ich habe die Zeit missachtet und jetzt ist es halt eine unfassbar gute Zeit. Das … kommt … unerwartet. Als ich meine Gedanken sortiere, passiere ich Km 31. Ich fühle in mich hinein, ich möchte schauen, wie es mir geht, abseits von dem Rennen und allem anderen. Bei Km 32 schaue ich erneut auf meine Uhr und die zeigt mir 2:28:45h. Es geht mir absolut blendend, die Zeit ist fantastisch und ich habe noch 10 km bis ins Ziel. Ich nehme mein drittes Gel, warte auf den Wasserpunkt und trinke einen Schluck für das Gel und einen zweiten für den Schock. Ich merke, wie die Gedanken aufkommen: „Wer weiß, wann ich nochmal die Chance habe, dass ich mich so gut zu fühle bei einer solchen Zeit?“ Ferner denke ich: „Ich bin bei 2:29h, wenn ich jeden Km um 5 Minuten laufe, schaffe ich eine 3:19h. Wahnsinn. Unfassbar. Das ist eine unglaubliche Chance die eigene persönliche Bestleistung so deutlich zu verbessern. Wenn ich das Tempo einfach halte, dann schaffe ich das. Ja, ich will das schaffen. Ich werde das jetzt einfach machen. 3:19:59h ist jetzt meine Mission. Ich werde das schaffen!“
Und ich lief weiter. Ab jetzt werde ich jeden Km auf die Uhr gucken, um durchzurechnen, wo ich liegen würde, wenn ich mit einer 5 min/Km Pace weiterlaufen würde.

Km 35 – Nur noch 7 Km
Als ich Km 35 passiere, geht es mir weiterhin blendend. Ich realisiere, dass ich irgendwo zwischen einer 3:17h und einer 3:18h raus kommen könnte. Ich halte mein Tempo und kämpfe. Jeder Kilometer wird anstrengender, aber, da ich im Moment mehr Leute ein- und überhole, motiviert mich das ungemein und gibt mir Kraft.

Als ich bei Km 38 den Potsdamer Platz passiere und weiß, dass es nur noch 4 Km sind, bin ich immer noch unter der 3 Stunden Marke. Im Moment liege ich zwischen einer 3:16h und 3:17h Zielzeit. Ich kann das immer noch nicht fassen, schiebe aber diese Gedanken zur Seite. Ich laufe gegen die Uhr und gegen die Zeit, ich will es jetzt wissen. Die Km fliegen dahin und ich laufe unverändert auf meiner Pace.

Dann kurz vor der Km 40 Marke sehe ich zwischen zwei Häusern durch die 3:15h Pace Läufer. Die sind höchsten 400m vor mir und die starteten am Anfang des D Blocks.

Km 40 – So schlimm ist der Km gar nicht
Ich biege nach links und sofort steht dort die Matte für 40 km. 3:06:10 zeigt mir meine Uhr an. Warte, ich habe noch 9:49 min und dann hätte ich sogar vorne eine 3:15h stehen? 2,2 km in 9:49 min? Das bedeutet aber, dass ich das Tempo anziehen muss. Ich laufe weiter und bei dem Gedanken, dass ich eine 3:15h laufen könnte, kommen mir die Tränen vor Freude. Ich muss mich zusammenreißen und merke, dass ich es erst einmal ins Ziel bringen muss. Doch der Gefühlsausbruch ist groß und es dauert einige Sekunden bis ich mich wieder fange und atme erst einmal stark durch. Ich passiere die Km 41 Marke bei einer 3:10:50. Noch 1,2 Km und ich habe noch 5:09 min Zeit. Zudem war dieser Km dieses Mal gar nicht so schlimm für mich.
Normalerweise mag ich den Km von 40 nach 41 auf dem Berlin Marathon nicht. Ich kann auch nicht erklären warum, aber ich mag ihn nicht.

Ich biege in die Straße des 17. Juli ein und sehe das Brandenburger Tor. Hin und her gerissen zwischen der knappen Zeit und der dem Anblick, ziehe ich das Tempo hoch. Meine Uhr zeigt mir eine Pace von einer 4:05 min/Km. Das muss ich auch laufen, wenn ich bei ungefähr 5 Minuten für die 1,2 Km raus kommen möchte. Ich ziehe und laufe sehr angestrengt. Ich halte meine GoPro für Bilder nur noch in die Luft, ohne zu wissen, ob auch nur ein gutes Bild rauskommt.

Ich merke, wie ich beiße und das Ziel verfolge. Erst als ich wenige Meter vor dem Ziel bin schaue ich auf die Uhr und weiß: Ich habe es geschafft. Die offizielle Nettozeit bestätigt das später: 3:15:47h für den Marathon. Die erste Hälfte lief ich in 1:37:48h und die zweite in 1:37:59h. Zwischen dem ersten und zweiten Halbmarathon liegen nur 11 Sekunden. Das nenne ich ein konstantes Rennen. Ich hätte sogar weiter laufen können. Luft und Kraft wäre noch da gewesen, ein gutes Zeichen für den meinen nächsten und längsten Ultra in zwei Wochen.

Nachdem Zieleinlauf
Ich juble und freue mich, lasse ein Foto im Ziel machen, erhalte meine Medaille und eine blaue Plastikdecke. Plötzlich bemerke ich, dass ich Kopfhörer auf hatte, ohne sie benutzt zu haben. Ich muss schmunzeln, was soll es, sage ich mir. Ich nehme mir einen Verpflegungsbeutel und jogge locker zum Bahnhof, um meine S-Bahn zu erreichen, was auch klappt. In der S-Bahn merke ich erst so richtig, wie ich bis auf die Knochen nass bin und mir kalt wird. Ich decke mich fester in die Plastikdecke ein und esse und trinke aus dem Verpflegungspaket. Als ich von der S-Bahn in den Bus umsteige, kommen ich mit zwei älteren Damen und einem älteren Herrn ins Gespräch, die den Lauf im Fernsehen gesehen hatten. Wir unterhalten uns über den Lauf und das sehr wenig an der Strecke los war, für Berliner Verhältnisse. Sie sagen, sie gehen sonst auch immer anfeuern, aber das Wetter sei einfach schlecht für Zuschauer. Da stimme ich ihnen zu.
Als ich nach 45 Minuten Fahrt endlich am Hotel angekommen bin, gehe ich erwartungsvoll sofort unter eine heiße Dusche. Die tut gut und wärmt mich wieder auf. Doch so viel Zeit habe ich am Ende nicht. Ich muss schließlich zurück zum Hauptbahnhof, denn dort wartet mein Zug in die Heimat. Ich gucke noch schnell in die Ergebnisliste und sehe, dass Inga auch ihr Ziel geschafft hat und ebenfalls eine neue PB lief. Jetzt aber schnell los!
Als ich zurück am Hauptbahnhof bin, sehe ich viele Finisher, die gerade erst einlaufen und sicher bei 5,5h Zielzeit sind, denn der letzte Block H startete ja 45 min nach den Blöcken A bis E.
Viele tragen ihre Medaillen offen, ich trage meine auch, aber unter meinem Pullover. Ich trage sie nur für mich. Ich merke, wie ich das brauche, um alles zu realisieren, was eben passiert ist. Ich muss lächeln, was soll ich auch anderen tun, als einen Moment lang glücklich, stolz und zufrieden über die erbrachte Leistung zu sein?!
Ich gehe zum Zug und denke mir: Tja Juliane, jetzt musst du beim Frankfurt Marathon nachziehen. Ich hab vorgelegt, nehme du es als Motivation für deinen ersten Sub 3:20h Lauf in Kürze. Kurz danach telefonieren wir und ich werde es ihr genauso sagen. Sie lacht und meint, sie arbeite dran.

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Biggesee Marathon 2017 – Entspannt und schön

Der Biggesee Marathon 2017

Ich schrieb schon 2014 über den Biggesee Marathon ausführlich. Es gibt keinen Lauf, den ich so oft als Geheimtipp weitergebe. Ich war 2014, 2015 und nun 2017 am Start. Leider konnte ich 2016 nicht starten, denn ich lief den Zugspitzultra Lauf am gleichen Tag. Dieses Jahr konnte ich beide Läufe machen, denn eine Woche lag dieses Jahr zwischen den Zugspitzultra und dem Biggesee Marathon. Ich möchte hier festhalten, dass ich keine Zeitambitionen hatte. Im Gegenteil. Ich wollte den Lauf einfach laufen und genießen. Die Freude am Sport ausleben und den Tag positiv in Erinnerung behalten. Daher war es mir egal, dass nur eine Woche zwischen diesen beiden Läufen lag.
Ich fuhr auch nicht alleine zum Marathon. Ich konnte zwei Personen dieses Jahr überzeugen mitzukommen: Niklas und Inga. Inga läuft mit mir den Marathon mit 930 Höhenmeter und Niklas den Halbmarathon mit guten 450 Höhenmetern.

Anreise und vor dem Start
Die Anreise ist wie immer unproblematisch. Nach knapp zwei Stunden Autofahrt kommen wir gegen 12 Uhr auf dem Parkplatz an, der nur 200 m vom Start entfernt ist. Um 14 Uhr ist der Marathon- und um 15 Uhr der Halbmarathonstart. Wir holen zuerst unsere Startnummern und legen danach eine Mittagspause ein, um uns etwas zu stärken.
Wir stellen beim Mittagessen fest, dass wir mit dem Wetter sehr viel Glück haben. In der Woche zuvor war es teilweise über 30 Grad warm gewesen und es gewitterte. Nun am Tag des Biggesee Marathons ist es trocken, bewölkt und es sind 21 Grad. Das beste daran ist, dass es noch einen kühlenden und angenehmen Wind obendrauf gab.

Start
Ich habe das Gefühl, dass ich Inga etwas nerve, da ich immer wieder sage: „Lass uns das ganz entspannt runter laufen, ohne Stress, ohne Zeitambitionen und einfach mit Freude am Laufen.“ Wenn es so ist, dann lässt sie es sich zumindest nicht anmerken. Niklas steht am Start und feuert uns und die anderen Starter an, denn er hat noch eine Stunde bis zu seinem Start.

Km 1 bis Km 5 – Der erste Anstieg
Nach wenigen hundert Metern geht es den ersten Berg hinauf. Ich finde, dass der erste Anstieg einer der beiden schwersten Anstiege des gesamten Laufes ist, der erst nach gut 2,5 km endet. Wir laufen locker hoch, lernen einen Marathon-Finisher kennen, der kurz zuvor den Stockholm Marathon lief. Wir kommen ins Gespräch und quatschen bis Km 5 über Läufe und auch über den Biggesee Marathon an sich. Bei Km 1,5 steht ein Dudelsackspieler und spielt Musik. Großartig, denke ich. Der war doch schon 2015 da.

Bei Km 3 ist Inga überrascht, als ich sage, das war der erste Anstieg. Zu diesem Zeitpunkt ist sie sogar 2. Frau im Gesamtfeld, was uns ziemlich egal ist, wie folgender Dialog kurz vor dem Verpflegungspunkt bei Km 5 zeigt:
Ich: „Lass dich nicht irritieren, falls sie am VP was sagen.“
Inga: „Was meinst du damit?“
Ich: „Naja, du bist 2. Frau, wenn ich mich nicht verzählt habe.“
Inga: „Ich will nicht auf das Podest, hoffentlich überholen andere mich noch.“
Ich muss lachen. In diesem Moment beim ersten VP (Verpflegungspunkt) bei Km 5 ist mir klar, dass wir beide im entspannten Laufmodus sind.

Km 5 bis Km 10 – Das Battle der Top 3 Frauen
Nach dem ersten VP geht es weiter in einen Singletrailabschnitt. Der Wind kommt leicht einem entgegen. Wir springen von rechts des Weges nach links und wieder zurück. Ein Sprung über Wurzeln und Geäst steigert das Gefühl von rauer Natur umgeben zu sein.

Gefolgt sind diese Eindrücke von den ersten weiten Aussichten ins Tal und in die Ferne. Diese Momente machen für mich den Biggesee Marathon aus. Ich mag die Strecke sehr, ich mag die Abwechslung, die einem geboten wird.

Inga und ich laufen weiter, vorbei an dem zweiten Verpflegungspunkt bei ungefähr Km 7,5. Plötzlich werden wir von zwei Frauen überholt, die eilig an uns vorbei rennen. Wir beobachten das Geschehen ungefähr 100 m vor uns über mehrere Km. Die nun zweite und dritte Dame kämpfen richtig. Ich sage zu Inga, dass es so ähnlich auf dem Hermannslauf war und ich auch dort den Kampf um Platz drei sehr interessiert verfolgt habe.
Der Untergrund wechselt von Forstweg zu Straße. Wir passieren die 10 Km Marke und ich sehe auf der Uhr, dass wir so bei 55 Minuten sind. Ich denke an meine ersten beiden Biggesee Marathons zurück und denke mir: Wir sind wirklich entspannt unterwegs. Gerade zwischen Km 5 und Km 10 haben uns viele Leute überholt.

Km 10 bis Km 20 – Das Feld wird langsamer
Nach dem 10. Km geht es langsam etwas bergauf. Es ist gut laufbar, auch wenn die Steigung nicht ganz ohne ist. Wir werden immer wieder von anderen Läufern überholt, aber weitere Läuferinnen sehen wir nicht. Eine Autofahrerin reiht sich hinter uns ein. Sie macht keinen Stress. Als etwas Platz ist, überholt sie sehr vorsichtig und jubelt bei offenen Fenstern jedem zu.
Wir erreichen bei Km 12 das Ende des Anstieges und damit den nächsten VP. Das ist die erste Versorgung, wo es nicht nur Wasser gibt. Ich nehme etwas Iso zu mir und esse ein viertel Apfel. Ein weiteres Viertel nehme ich mit und esse es beim Laufen. Wir stellen fest, dass die 2. und 3. Dame erneut die Plätze getauscht haben und wir nun langsam auf die 3. Dame auflaufen, ohne, dass wir unser Tempo erhöht haben. Wald und Straßenabschnitte wechseln sich hier ab. Bei Km 16 erscheinen Tümpel auf der rechten Seite. Ich zeige durch die Kronen der Bäume neben uns und meine: „Hier siehst du das Kloster oder die Burg, von dem ich im Vorfeld sprach. Die nächste Verpflegung ist erreicht.“ Wir trinken etwas, ich esse erneut etwas Apfel und es geht nach einer halben Minute weiter.

Wir laufen einen Singletrail Downhill, nur um dann nach einigen hundert Metern „unten“ anzukommen sein. Wir folgen einem Bach / Fluss entlang. Der Abschnitt ist wieder flach und führt uns in die Stadt Attendorn hinein. Hier überholen wir die dritte Frau und Inga nimmt ihre Position ein. Als uns erneut einige Herren überholen und Inga plötzlich mitziehen möchte, ermahne ich sie, sich nicht verleiten zu lassen und mit den Überholern mithalten zu wollen. Es würde hier keinen Sinn machen jetzt das Tempo zu erhöhen und wir sollten ruhig bleiben. Wir werden die Kraft in der zweiten Hälfte brauchen, da dieser Abschnitt anspruchsvoller sein wird. Sie vertraut mir und wir bleiben bei unserer Pace.

Der Abschnitt in der Stadt ist nicht schön, aber dafür sehr kurz. Weiter geht es am Fluss und damit wieder aus dem Stadtabschnitt heraus. Wir laufen kurz danach Serpentinen hoch. In weißer Farbe sind dort Zahlen notiert, die einem runterzählen, wie viele Serpentinen es noch sind, bis man oben ankommt. Dann sind es nur noch wenige hundert Meter bis wir zur Streckenteilung zu kommen. Die Streckenteilung ist gleichzeitig die Km 20 Marke. Links geht es für die Halbmarathonläufer und rechts für die Marathonläufer weiter. Wir haben ungefähr 1:52h Stunden auf der Uhr. Wir laufen beide im niedrigen Pulsbereich und für uns gesehen locker. Auch auf den letzten 10 km wurden wir von einigen überholt. Inga meint, ob wir so langsam wären? Ich antworte mit einem klarem nein. Wir hätten gut mit den Kräften hausgehalten. Der zweite Abschnitt sei der für mich schönere Abschnitt, aber auch der schwierigere. Wer auf der ersten Hälfte seine Kräfte unnötig verspielt, hat es auf der zweiten Hälfte deutlich schwerer. Wir biegen rechts in die zweite Hälfte ab.

Km 20 bis Km 26 – Quatschen und Stille
Es wird flach bis Km 22. Beim Halbmarathon laufen wir an der Verpflegungsstation der JVA (Justizvollzugsanstalt) Attendorn vorbei, wo wir wieder eine gute Verpflegung erhalten. Es geht weiter zu dem wohl härtesten Anstieg des Laufes. Auf diesem Anstieg gehen alle, auch wir. Inga und ich unterhalten uns auf diesem Abschnitt darüber, dass sie zuvor nie auf einem Lauf gegangen ist, was mich überrascht.

Ich erzähle ihr, dass es beim Trail, insbesondere beim Ultra völlig normal wäre Passagen zu gehen und dies absolut kein Zeichen von Schwäche ist, sondern auch Taktik sein kann. So gehen wir diese 200m bis 300m steil bergauf. Oben angekommen laufen wir weiter und haben einen wunderschönen Abschnitt bis Km 26 vor uns, der uns durch urige Wälder führt.

Mal geht es leicht hoch, mal leicht bergab. Alles ist dicht bewachsen und einsam. Kurz vor der Verpflegung bei Km 26 gehen wir nochmal 50 m einen steilen Abschnitt hinauf. Warum auch nicht? Die Zeit war uns egal. Interessanterweise beginnen wir hier automatisch wieder einige Leute einzuholen, die oft länger gingen oder deutlich langsamer laufen, als noch auf der ersten Hälfte.

Km 26 bis Km 32 – Der Märchenwald
Meiner Meinung nach, ist der wohl härteste Abschnitt des Marathons liegt zwischen Km 26 und Km 30. Wer diesen Abschnitt hinter sich gebracht hat, hat auf dem Biggesee Marathon die meisten positiven Höhenmeter abgelaufen. Bei Km 30 ist ungefähr der höchste Punkt des gesamten Marathons.

Inga und ich laufen fast als einzige bis Km 29, wo wir kurz stehen bleiben. Vor uns liegt eine schöne Aussicht und wir nehmen uns ein paar Sekunden, um sie auf uns wirken zu lassen und zu genießen den Moment.

Wir gehen von hier aus einige hundert Meter weiter. Ich merke nun langsam, dass ich eine Woche vorher den Zugspitzultra gelaufen bin. Bei ungefähr Km 29,5 laufen wir weiter, wohlwissend, dass nun mein persönliches Highlight der Strecke kommt: Der Märchenwald!

Auf einer Länge von ungefähr einen Km laufen wir durch einen Wald, der zudem ein Singletrailabschnitt voller Dekorationen ist. Ein Paradies für Kinder und Familien, aber mich erheitert es immer wieder. Wir sehen Statuen, Holzschmuck und geflochtene Äste. Wunderschön dekoriert und erlebbar! Der eine Kilometer geht viel zu schnell vorbei und endet in einem Downhill, der uns direkt zur drittletzten Verpflegung bei Km 32 bringt.

Hier bei Km 32 angekommen, wird Inga zum ersten Mal begrüßt als: Da ist die dritte Frau im Gesamtfeld. Sie nahm das entspannt zur Kenntnis und wir trinken, essen, bedanken uns und laufen weiter.

Km 32 bis Km 42 – Partystimmung ohne Ende
Wer glaubt, dass so ein kleiner Lauf keine Stimmung erzeugen kann, der sollte sich auf die letzten 10 Km und die letzten zwei Verpflegungspunkte freuen.
Doch zuerst müssen wir sie erreichen. Von Km 32 an bis ungefähr Km 36 geht es bis auf wenige Meter nur bergab und es ist flach. Inga und ich holen nach und nach wieder Läufer ein. Hier zeigt es sich, dass wir gut mit unserer Kraft hausgehalten haben. Den Läufer, der beim Stockholm Marathon startete, sehen wir das erste Mal seit Km 5 wieder und lassen ihn, nach einem kurzen Gespräch über sein Befinden, hinter uns. Wir holen noch eine Reihe weiterer Läufer ein und werden gar nicht mehr selbst eingeholt.

Die Strecke führt aktuell fast vollständig durch den Wald und es ist schön kühl und angenehm. Kurz vor dem VP bei Km 36 erklingt der laute Anfeuerungslärm. Ach! Ich mag diesen Punkt und ich mochte in den Jahren zuvor. Wir erreichen ihn unter großem Jubel einiger weniger. Wir bekommen sogar Getränke angeboten, die pauschal gar nicht auf den Verpflegungstischen stehen. Inga wird wieder als dritte Frau angesprochen und nebenbei versorgt man uns vorbildlich. Wir werden gefragt wie es uns geht und die Leute am Verpflegungspunkt sprechen uns großen Mut zu, dass bald es geschafft sei. Sie jubeln und feuern jeden einzelnen energisch immer wieder an. Wir brechen auf und laufen weiter.

Diesmal sind es nur drei Km bis zum letzten Verpflegungspunkt des Marathons. Ich erzähle Inga, dass nun es noch ein Highlight gibt. Der VP bei Km 36 macht immer unheimlich viel Stimmung und der bei Km 39 bietet eine Sirene zur Begrüßung. Mir geht es immer weniger gut und ich merke leichte Magenprobleme, die mich nicht wundern. Schließlich hatte ich nur vor einer Woche massive Probleme beim Zugspitzultra, doch ich kämpfe mich irgendwie durch. Erst wollte ich Inga anbieten, ob sie nicht Vorlaufen möchte, aber ich bitte sie bei mir zu bleiben. Es wären nur noch 4 Km und so viel könnte sie nun auch nicht mehr raus laufen und zu zweit sei es doch schöner, wenn man schon 38 km zusammen gelaufen ist.
Kurz vor dem letzten VP verlassen wir die Natur und kehren nach Attendorn zurück. Wir erreichen den letzten VP und die Sirene in mitten eines Siedlungsgebietes erklingt für uns. Dazu gibt es Applaus und Jubel von den Zuschauern. Ich bekomme wieder ein gutes Gefühl und ich bin für die Motivation dankbar. Inga erzählt mir nach dem Lauf, dass dieser Moment ihr Highlight des gesamten Laufes war. Unsere Pause ist recht kurz und wir laufen weiter. Nun müssen wir nur noch 3 Km durch die Stadt laufen und dabei einen letzten Anstieg nehmen. Gesagt, getan. Am Ende des Anstieges bitte ich Inga, noch ein letztes Mal die letzten Meter mit mir zu gehen. Als wir oben auf dem Damm des Biggesees ankommen, laufen wir erneut los.

Ziel und Fazit
Ich zeige über den Biggesee und sage zu Inga, dass unser Ziel sichtbar ist. Wir laufen eine gute Pace für die letzten gut 1,5 km. Gefühlt geht die Zeit schnell vorbei und irgendwie sind wir dann schon im Ziel. Wir bekommen unsere Finisher-Medaillien umgehängt und Inga wird als dritte Frau begrüßt bei ihrem Zieleinlauf.

Im Ziel wartet Niklas auf uns und begrüßt uns und gratuliert uns. Er war von dem Halbmarathon völlig begeistert. Er lief ihn in 1:39h und möchte unbedingt wieder kommen.

Er überlegt auch den Marathon beim nächsten Mal zu machen. Inga sagte mir einige Tage nach dem Lauf, dass sich eine Rückkehr ebenfalls vorstellen könnte. Und ich? Ich bin sowieso ein Fan von diesem Marathon. Dies war meine dritte Teilnahme beim Biggesee Marathon und sicherlich nicht meine Letzte. Nur wer kommt beim nächstes Mal mit?

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Zugspitzultra Supertrail 2017 – Ein Lauf, wo Leid und Freud nah beieinander sind

Vorweg ist mir eines wichtig zu erwähnen: Leiden gehört unweigerlich zum Laufen. Egal, ob jemand zur S-Bahn sprintet, auf 3000 m alles gibt, auf 10 Km an seine Grenzen geht, einen Marathon absolviert oder gar Ultraläufe macht. Irgendwann, irgendwo kommt ein Tal und wenn dies erfolgreich durchschritten ist, kann es wieder besser werden. Es muss aber nicht besser werden. Es kann auch einfach Scheiße bleiben. Dann bleibt nur die Frage: Kann ich das ertragen und aushalten oder nicht. Die Antwort ist ausschlaggebend, ob das Ziel erreicht wird. Es gab sicher Läufer_innen, die vergleichbares an diesem Tag durchlitten haben. Einigen ging es schlimmer, anderen vielleicht besser. Ich selbst hatte bei diesem Lauf, dass erste Mal mich dazu entschieden, dass ich am Ende bin und meine Grenzen erreicht habe, aufhöre und den Lauf abbreche und mein erstes DNF (Did not Finish) in Kauf nehme. Ich erzähle euch nun, wie es dazu kam und ich den Lauf trotzdem erfolgreich beendete.
Und ich merkte, wie noch nie zuvor, dass Ultraläufer_innen nicht nur auf sich selbst aufpassen, sondern auch auf andere. Diese Gemeinschaft ist wertvoll.

Freitag, 16. Juni 2017
Dominik, ein erfahrener Ultraläufer den ich bei den Sudbrackläufern in Bielefeld kennen gelernt habe, und ich fuhren von Bielefeld aus in 700 km mit dem Auto nach Garmisch-Partenkirchen. Gegen 14 Uhr waren wir im Hotel, gegen 15:15 Uhr trafen wir Juliane, die ich seit dem Herbst letzten Jahres zwar häufig sprach, aber nicht persönlich wiedergesehen hatte. Ich war so froh, sie nach all der Zeit wieder neben mir sitzen zu haben und nicht nur am Telefon zu hören. Es war Pasta-Partyzeit und wir saßen und aßen Nudeln. Bis zu jenem Moment, als ich etwas bemerkte. Stellt euch hier bitte eine dramatische Musik vor. Sie hatte ihr Armband vom Berlin Marathon 2015 nicht mehr um, ich hingegen schon. Okay, ihr fragt euch nun, warum ist das so dramatisch? Sie schlug auf dem Transalpine Run 2016 eine Wette vor. Nimmt sie es zuerst ab, darf sie nochmal zum Hermannslauf antreten. Wenn ich es zuerst abnehme, darf ich nochmal zum Frankfurt Marathon an die Startlinie. Sie hat keine Lust auf den Hermannslauf und ich keine auf den Frankfurt Marathon. Da ich nun die Wette gewonnen habe, freue ich mich auf den Tag, wo sie mit mir an der Startlinie des Hermannslaufes steht, wahrscheinlich 2018. Sie war völlig fassungslos, dass sie ihre eigene Wette vergessen und das Band einfach abgenommen hatte.


Ich traf auch Dom, der Juliane und mich beim Transalpine-Run begleitet hatte, sowie seine Brüder Joschi und Benni und auch seine Eltern. Benni startete über die 100 km, Dom über die 80 und Joschi über die 64 km.

Bei der Pasta Party gesellten sich auch Björn und Daniel zu uns, mit denen ich im zweiten Winter in Folge zusammen für den Hermannslauf trainiert hatte. Die beiden wollten den Basetrail XL (39 km mit 1900 Höhenmetern) laufen. Ihr Ziel war es in unter 5 Stunden diesen Lauf zu absolvieren. Auch Anna gesellte sich zu uns, die gleich für ihren ersten Ultra den 100 km Zugspitzultra festlegte. Auch die Jungs von exito (vgl. Zugspitzmarathon 2016 und Zugspitzultra 2016) traf ich nach der Pasta Party wieder. Ich traf so viele bekannte Gesichter an diesem Abend, dass ich unmöglich alle aufzählen kann, ohne dabei einige Person zu vergessen. All die Personen wiederzusehen, war einfach eine schöne Sache. Ich realisierte hier zum ersten (von zwei Malen an diesem Wochenende), dass ich wirklich viele Läufer_innen die letzten Jahre kennen gelernt hatte. Über diesen Umstand war und bin ich wirklich froh. Mein erstes Ziel des Zugspitzultras (ZUT) Wochenende war hiermit erledigt. Ich hatte gehofft, dass das ZUT Wochenende sich wie ein Familientreffen anfühlen würde. So und nun schnell zurück zum Hotel in Garmisch-Partenkirchen und ab ins Bett, den in wenigen Stunden sollte es losgehen.

Samstag, 17. Juni 2017
Aufgestanden, frisch gemacht und los geht zum Parkplatz P1 in Grainau. Von dort aus durften wir erst einmal 2 km zum Bus-Shuttle gehen, der uns nach Leutasch-Weidach in Österreich bringen sollte. Vor den Shuttle Bussen trafen wir Juliane wieder. Wir stiegen gemeinsam ein und fuhren los. Alles war recht entspannt. In Österreich angekommen trafen wir Joschi, der von den Klöppel Brüdern die 64er Distanz lief.

Nach einem Gang aufs Klo, einigen Foto-Sessions ging es zur Check-In Kontrolle mit der zentralen Frage: Habe ich die Pflichtausrüstung dabei, um starten zu dürfen? Die Antwort nach der Kontrolle war: Ja.
Während der gesamten Phase traf ich weitere Leute, die ich zuvor kennen gelernt hatte. Unter anderem sprach mich Dirk an. Dirk lernte ich auf dem Zugspitzmarathon kennen. Er gehörte damals auch zu den letzten, die überhaupt noch im Juli 2016 die Zugspitze hoch steigen durften.

Der Lauf
Km 0 bis Km 16 (Verpflegungspunkt 5)
Juliane, Dominik und ich starteten um 9:00 Uhr relativ entspannt. Im großen Unterschied zum letzten Jahr, wusste ich nun was vor mir lag. Dieser Lauf sollte der dritte von vier Läufen werden, den ich nur aus Freude am Laufen machen wollte. Die ersten Kilometer waren flach und leicht zu laufen. So kamen wir recht schnell bis Km 4, wo das Laufen in ein Wandern überging, da es zu steil wurde. Hier traf ich einen weiteren Dirk, den ich beim Teutoburger Waldmarathon kennen gelernt hatte.


Er machte Fotos, ich machte Fotos und andere machten Fotos an dieser einen schönen Aussicht. Wir quatschten kurz und ich zog weiter. Dominik war einige Meter vor mir, Juliane einige Meter hinter mir. Als ich oben ankam, musste das jährliche Scharnitz Joch Foto gemacht werden und wir zogen weiter. Juliane lief sofort schnell den Downhill runter und es war das letzte Mal das ich sie während des Laufes sah. Ich kann kein Downhill laufen und akzeptierte diesen Umstand einfach und blieb locker. Auch Dominik kam den Berg besser runter.


Ich lernte beim Abstieg wieder mehrere Personen kennen, denn irgendwie kommt man oft einfach so ins Gespräch. Der Abstieg kam mir dieses Jahr leichter vor, wohl weil der Weg nicht so rutschig und schlammig war, wie das Jahr zuvor. Irgendwann ertönte es hinter mir „Ich wusste, dass ich dich beim Downhill kriege“. Joschi rief dies zu mir. Ich musste lachen und rief zurück „Das ist jetzt keine Überraschung.“ Ich spielte damit auf den Umstand an, dass er Juliane und mich auf dem Transalpine Run 2016 immer am Downhill überholte.

Ich kam am Fuße an und konnte nun wieder ordentlich laufen. Der Weg zur ersten Verpflegungsstation (VP) war ein Forst-/Waldweg wie ich ihn vor meiner Haustür hatte. Da sie für die 100 km Läufer_innen durchnummeriert wurden, war meine erste Verpflegungsstation (VP). die Nr. 5.

Km 16 (Verpflegungspunkt 5) bis Km 26 (Verpflegungspunkt 6)
An der VP5 traf ich Dominik wieder, der auf mich gewartet hatte. Ich hörte, dass Juliane wohl schwer gestürzt sei. Joschi war auch noch beim VP, verließ ihn aber kurz nachdem ich ihn erreichte. Ich füllte meine Flaschen auf, trank etwas, aß etwas und fühlte mich gut. 2:30h waren bisher vergangen und 16 von gut 64 km abgelaufen. Dominik schloss sich mir wieder an und so liefen wir locker nach VP 6. Da die Strecke weitestgehend flach war, konnten wir diese 10 km sehr gut laufen. Es fühlte sich wie ein heimischer Waldlauf an. Wir liefen zwischen einer 5:30 min/km und 6:00 min/km.
Irgendwo bei Km 19 holten Dominik und ich den Joschi mit seinem Laufpartner ein. Bei Km 20 überholte uns der erste Läufer von der 80er Strecke. Der hatte bei nur einer Stunde mehr Zeit schon 20 km gute 1300 Höhenmeter mehr in den Beinen.
Und dann kamen wir in die Leutasch-Weidach Geisterklamm und langsam begann es. Ich fühlte mich nicht mehr so gut und nahm etwas Tempo raus und meinte zu Dominik, er könne ruhig sein Tempo machen. Er lief auch etwas vor. An der Klamm selbst, machte ich ein Foto und trabte weiter. Bis hierhin war ich ungefähr bei Km 25. Plötzlich bekam ich starke Kopfschmerzen, Magenschmerzen und ich fühlte mich schummerig. Ich dachte, bis zum VP 6 ist es nicht mehr weit, bis dahin ziehe ich erst einmal durch. Doch es ging mir immer schlechter. Ich erreichte gerade so den VP 6. Katja, eine Asics Frontrunnerin, die ich beim Transalpine Run kennen gelernt hatte, empfang mich, machte ein Foto und erklärte mir, dass Juliane gut durchläuft, trotz ihres Sturzes wohl nichts wildes hat. Ich war erleichtert zu hören, dass es ihr gut ging.

Ich musste mich erst einmal hinsetzen, da mein Kreislauf weg war. Dominik wartete und kam auf mich zu. Ich war in diesem Moment sehr mit mir selbst beschäftigt. Wieso leide ich so? Was ist los? Ich aß, ich trank. Die Speicher waren definitiv nicht leer. Kraft war da, Muskeln waren in Ordnung. Woher kamen diese Defizite? Ich verspeiste etwas Wassermelone und Orangen, denn die ging bisher immer. Ich fand keine Antwort. Ich hatte gut 1:45h Vorsprung vor dem Cut-Off, aber der sollte heute keine Rolle spielen. Ich bat Dominik ab hier ohne mich weiterzulaufen. Ich wollte alleine sein und erst einmal mich selbst ergründen. Ich wollte kein schlechtes Gewissen haben, dass ich ihn aufhielt oder er immer auf mich warten musste. So zog er mit Joschi und dessen Laufpartner Bernd los.

Km 26 (Verpflegungspunkt 6) bis Km 31 (Verpflegungspunkt 7)
Ich blieb noch sitzen und dachte einen Moment weiter nach. Als mir immer noch kein Grund einfiel, wieso es mir so ging, stand ich auf. Es hilft nichts, ich hab noch einiges vor mir und der nächste VP ist nur 5 km entfernt. Ich wanderte fast die gesamte Strecke nach VP 7, obwohl sie teilweise gut laufbar gewesen wäre. So verlor ich zwar keine Zeit, ich gewann aber auch keine. Es ging mir aber langsam wieder besser. Das ruhigere Tempo tat mir gut. Die Einsamkeit, das fokussieren auf mich, halfen mir enorm. Nach 4:45h Stunden traf ich mit besserer Verfassung beim VP 7 ein. Ich traf Dominik hier kurz, der schon fast dabei war weiter zulaufen.

Als Dominik los lief, setzte ich mich zu Joschi. Er sprach mir gut zu und gab mir einen Schluck von seiner Fanta. Ferner berichtete er mir, dass sein Laufkollege Bernd und er auch Magenprobleme haben. Ich erkundigte mich nach Dom und Benny, seinen Brüdern. Er hatte bisher nur etwas von Benny gehört. Der sei bei VP4 und es ginge ihm nicht so gut.

Km 31 (Verpflegungspunkt 7) bis Km 43 (Verpflegungspunkt 8)
Joschi, Bernd und ich liefen gemeinsam los. Schon nach einigen hundert Metern erkannte ich, dass das keinen Sinn machte. Ich ließ die beiden ziehen und wollte wieder alleine sein. Ich wollte mein Tempo laufen oder wandern und meinen Magen schonen, sofern das überhaupt möglich war. Es ging mir wieder schlechter. Berg runter quälte ich mich zum Traben, weil ich wusste, dass es irgendwie gehen musste, aber je länger ich trabte, umso schlechter ging es mir. Ich sprach in dieser Phase mit niemand und wollte es auch nicht. Die Idee diesen Lauf aus Spaß und Freude zu laufen, war hier faktisch vorbei. Am Ende des bergab Stückes kam ich bei Schloss Elmau an.

Ich zwang mich förmlich die paar flachen hundert Meter zu joggen, weil ich wusste, dass gleich ein längerer bergauf Abschnitt kam, wo ich eh wandern konnte. Genau beim Wechsel zwischen flach und bergauf fühlte ich mich wieder wie an VP 6. Ich beschloss mich auf die nächste Bank zu setzen und zu pausieren, sofern eine kam. Ich sollte Glück haben. Ich setzte mich und packte ein Gel aus und nahm es zu mir. Nach nicht einmal 3 Minuten war ich schon wieder unterwegs und es ging mir erheblich besser. Mein Magen beruhigte sich, die Kopfschmerzen gingen auch zurück. In diesem Moment wurde mir auch langsam klar, was mein Problem war: Ich kam mit der Hitze nicht zurecht. Der kleine Anstieg war im Wald, wo viel Schatten war und es kühler wurde, tat mir sehr gut. Das Gel führte dazu, dass ich wieder etwas Kraft bekam.
Ich stieg weiter langsam auf und musste am Ende an einer Hütte vorbei, wo viele Wanderer leckere Dinge zu sich nahmen. Wahrscheinlich erschien mir in dieser Phase einfach alles als sehr lecker. Ich war schon ein wenig neidisch, muss ich gestehen.
Es ging weiter in Richtung VP8. Es folgte ein Abschnitt, wo es keinen Schatten mehr gab und mein Unwohlsein wieder zunahm. Das bestätigte meine Vermutung, dass die Hitze mir zu schaffen machte. Ich erinnere mich, dass ich letztes Jahr hier gut laufen konnte, aber dazu hatte ich jetzt nicht die Möglichkeit. Jedes Antraben führte unweigerlich dazu, dass mein Magen sich sofort meldete. So war es ständig ein zügiges Wandern wechselnd mit langsames traben. Ich traf eine Läuferin, die erste Person seit VP7 mit der ich sprach. Sie beklagte sich, dass ihr die Hitze zu viel sei und sie an ihrer Grenze wäre und wohl aussteigen werde. Wir redeten kurz, ich versuchte sie zu motivieren weiter zu machen, dass der letzte Anstieg wunderschön sei und es sich lohnen würde. Wir trennten uns, da ich etwas zügiger unterwegs war.

Ich mochte diesen Abschnitt schon 2016, da er einfach wunderschön ist. Ich verfluchte den Umstand, dass es keinen Schatten gab und die Sonne mich weiter brutzelte, aber ich ging weiter. Schritt für Schritt. Ich traf ein polnisches Pärchen, die ich darum bat ein Foto von mir zu machen. Auch sie klagten über die Heftigkeit der Berge, dass sie das so nicht erwartet hatten und über die Hitze.
Irgendwann kam endlich der Downhill im Wald, auf den ich so lange gewartet hatte. Abkühlung und lockeres bergab joggen. Hier, ungefähr bei km 40 überholte mich der 1. Mann aus dem 100 km Rennen. Er rannte förmlich und er hatte schon 37 km mehr in den Beinen, sowie 2500 Hm. Ich fand das sehr beeindruckend.
Dann endlich erreichte ich die Klamm vor VP8. Was für ein wunderschöner Ort. Nachdem 2016 dort alle Bilder nur Müll waren, wollte ich dieses Jahr unbedingt ein gelungenes Foto machen. Gesagt getan. Nun kam der letzte kleine Aufstieg hoch zur VP8. Alle um mich herum quälten sich dort hoch. Katja kam mir entgegen, machte ein Foto und munterte mich auf. Juliane ginge es wohl gut, sie sei mehr als eine Stunde vor mir. Puh, wenigstens sie scheint gut durchzukommen!

Ich erreichte endlich die VP 8 und in dem Moment brach Dominik brach auf. Er schien einen Laufpartner gefunden zu haben. Ich freute mich, dass es ihm gut ging. Schließlich hab ich ihn überredet mit hierhin zukommen. Und dann kam Joschi mir zielstrebig entgegen und sagte etwas, was ich nicht erwartet hatte.
Joschi offenbarte mir, dass sein Laufpartner Bernd aussteigt. Er hat massive Magenprobleme und könne nicht mehr. Joschi sei faktisch auch am Ende, hätte auch Magenprobleme, wolle aber irgendwie nicht aufgeben. Er suche jemanden, der ihn bis zum Gipfel motiviert. Ich zögerte nicht und sagte ja, ohne zu wissen, ob ich es selbst packen werde. Ich versuchte etwas zu essen, doch mehr als einen Bissen in eine Wassermelone und einen losen bissen in eine viertel Orange war mir nicht möglich.
Ich füllte hier meine Vorräte auf und ging zur Medical Crew. Meine Arme wurden rot und mein Gesicht spannte. Ich ahnte, dass ich schon einen Sonnenbrand hatte. Ich fragte nach, ob ich nicht etwas Sonnencreme bekommen könnte. Offiziell hatten sie keine, doch ein Helfer hatte privat etwas dabei, das er mit gab. Besser etwas eincremen, als gar nicht, dachte ich mir.
Ich holte Joschi ab, der auf einer Bank saß und noch um mehr Pause bittete, doch ich sagte, wir müssten weiter. Ich war der festen Überzeugung, dass es nichts brachte das weitergehen hinaus zu zögern. Er hatte schon 20-30 Minuten und ich hatte für mich auch ausreichend Pause gehabt. Dachte ich.

Km 43 (Verpflegungspunkt 8) bis Km 51 (Verpflegungspunkt 9)
Wir wanderten los und bergab joggten wir auch kurz. Plötzlich wurden meine Magenbeschwerden immer schlimmer. Jedes Mal, wenn wir auch nur leicht berghoch gingen, atmete ich besonders schwer und mein Magen rebellierte. Ich fühlte mich schon nach wenigen Minuten nicht mehr gut. Auf einem flachen Stück kurz nach VP 8 brauchte ich die erste Pause. Joschi wartete auf mich. Als es sich in mir beruhigt hatte, gingen wir weiter. Auf dem Anstieg wuchs unsere Gruppe um Lukas, den wir beide dort erst kennen lernten. Doch relativ früh beim Anstieg bemerkte ich, dass nichts mehr ging. Ich hatte nicht nur mental einen Durchhänger, die Schmerzen und die Übelkeit nahmen stetig zu. Irgendwann bei Km 49, gute 2 km vor dem VP9 setzte ich mich an ein Gebüsch und auf einen Stein mit den Worten: „Ich kotze gleich. Ich muss ein Gel nehmen. Wenn ich das nicht in mich rein bekomme, war es das. Ich bin am Ende meiner Kräfte.“ Joschi sprach mir gut zu und beide warteten auf mich. Ich war sehr langsam in allem was ich nun tat. Ich nahm meinen Rucksack ab und packte mein Gel aus. Ich öffnete es und nahm nur einen kleinen Tropfen und schluckte ihn runter und sofort kam es zu einem heftigen Würgereiz, der zum Glück nicht zum Erbrechen führte. Ich pausierte, holte Luft und wartete, bis es sich beruhigte hatte. Ich nahm nach 2 oder 3 Minuten den nächsten Tropfen vom Gel. Als ich bemerkte, dass Lukas weiter ging, meinte ich zu Joschi er solle sich Lukas anschließen. „Geh davon aus, dass ich mich bei VP9 disqualifizieren lasse und aussteige. Ich kenne die Strecke durch 2016 und werde sicher in 2-3 Stunden beim nächsten VP erst ankommen“, sagte ich zu Joschi. Joschi haderte mich sich. Ich sagte ihm, er brauche kein schlechtes Gewissen haben. Alles sei in Ordnung, ich wäre nicht böse, sondern hätte eher selbst ein schlechtes Gewissen, wenn ich ihn hier aufhalten würde. So ging er mit Lukas weiter und ich war alleine.
Ich nahm sehr, sehr langsam das Gel zu mir. Es liefen gute 20 Personen an mir vorbei und fast alle fragten, ob ich Hilfe bräuchte. Auf Deutsch oder Englisch antwortete ich immer, dass man mir nicht helfen könne. Ich hätte sehr schlimme Magenprobleme und bräuchte eine Pause und würde an VP9 wohl aussteigen. Ich musste wie ein Häufchen Elend ausgesehen habe, da einige mich sehr mitleidig ansahen. In diesem Moment war ich wirklich fest im Entschluss, dass ich aufgebe und aussteige.
Als ich das Gel komplett gegessen hatte, wartete ich nochmal 5-10 Minuten. Ich wollte meinem Magen die Zeit geben, die er wohl bräuchte. Fast eine halbe Stunde saß ich nun auf dem Stein. Als ich minutenlang zitterte, weil ich so fror, stand ich auf, nahm meinen Rucksack und ging langsam weiter.

Nur kurz danach lernte ich Patrick kennen, der gerade eine kleine Pause gemacht hatte. Er schloss sich mir an und wir gingen zu zweit den Berg hoch. Alleine das Reden mit ihm tat mir gerade gut. Mein Magen beruhigte sich, ich fühlte mich wieder besser und war zumindest mit ein wenig Energie gesegnet. Allerdings trank ich fast nichts mehr, denn bei jedem Schluck drehte mein Magen sofort wieder durch. Die Zeit verging, es wurde Abend und somit endlich kühler. Meine Kopfschmerzen ließen nach und mein Kreislauf stabilisierte sich.
Wenige Meter vor der VP9 bat ich jemanden von der Bergwacht ein Foto von mir zu machen. Ich meinte zu ihm, dass ich ja nicht mehr so viel Zeit hätte, denn der Cutoff käme immer näher, doch er meinte, ich hätte genügend Zeit und bräuchte mir keine Sorgen machen. Er machte ein Foto von mir und ich bedankte mich und ging weiter.

Ich kam an die VP 9 und sah mich um. Meine Getränkeflaschen am Körper waren faktisch noch voll. Nachfüllen musste ich somit gar nichts. Ich nahm mir ein kleines Stück Wassermelone, biss einmal rein, merkte sofort, dass mein Magen nicht wollte und ließ es sein. Alles andere was noch im Angebot war, sah lecker aus, aber war für mich undenkbar. Ich war keine zwei Minuten am VP 9. Ich hatte ja kurz vorher eine längere Pause gemacht und brauchte nicht noch eine. In diesem Moment stellte sich für mich nicht die Frage, ob ich aufhöre oder weitermache. Es ging mir zwar schlecht, aber ich konnte es ertragen. Solange ich es ertragen kann, solange mache ich weiter. Außerdem hatte ich noch 5 Stunden für 12 km. Selbst mit sehr vielen extra Pausen, sollte das machbar sein, dachte ich.

Km 51 (Verpflegungspunkt 9) bis Km 58 (Verpflegungspunkt 10)
VP 9 und VP 10 waren identisch. Es musste im Grunde eine 6 km lange Schleife gelaufen werden. Da ich am VP 9 weder Juliane, noch Joschi oder Dominik gesehen hatte, ging ich davon aus, dass alle schon weg waren. So lief ich los. Okay, es war zügiges wandern. Zu mehr war ich nicht mehr in der Lage. Vor nicht mal 30 Minuten beschloss ich aufzuhören und jetzt sagte ich einfach nichts. Rückblickend bin ich der festen Überzeugung, wäre ich bei einem VP und nicht an einem Busch gewesen, wäre ich tatsächlich ausgestiegen. Da ich aber irgendwo an einem Busch saß, hatte ich wohl genügend Zeit, um meine Meinung zu ändern.

Nun fehlten mir noch knappe 400 Höhenmeter bis zum Gipfel des zweiten Berges. Bei dem Aufstieg sah ich in der Ferne jemanden der nicht sehr frisch aussah. In einer Kurve sah sich diese Person zu mir um, und guckte wieder weg, nur um dann sofort geschockt zu mir zu gucken. Es war als wenn du Person denkt: „Warte mal, was macht der denn hier?“ Ich holte nach und nach diese Person ein und es war Joschi. Als das passierte umarmten wir uns und er sagte zu mir „Ich kann nicht mehr.“ und ich antwortete „Ich sagte doch, ich treib dich zum Gipfel. Du bist im Downhill stark. Runter wirst du es schaffen.“ Ich überspielte damit meine eigene Erschöpfung, keine Frage. Ich erklärte ihm, dass es mir gerade – naja – geht und ich mich auch nicht gut fühle. Dann kamen wir gemeinsam an dem „Noch 10 km“ Schild vorbei und jubelten.

Joschi machte seine Musik an und wir gingen hoch bis zum Wendepunkt bei der Alpspitze. Dort war auch die Bergwacht, eingepackt in großen Decken und sitzend in bequem aussehenden Stühlen. Ich rief laut zur Bergwacht „MOIN MOIN“. Einer antwortete sogar in hamburgischen Dialekt und ich verneinte lachend, dass ich von der Küste käme. Ich sei Ostwestfale und dort würde man es auch noch gerade sagen, was der eine von der Bergwacht lachend bestätigte.

Joschi und ich klatschten uns ab und die Bergwacht meinte, dass es jetzt eigentlich nur noch bergab gehen würde. Das ist natürlich nicht gerade meine Paradedisziplin, aber zumindest Joschi hatte es nun geschafft. Wir stiegen ab zu VP 10. In dem Moment kam Patrick erneut und ich erfuhr, dass er und Joschi sich schon kannten. Bis kurz vor VP 10 waren wir eine kleine Gruppe und wurden von zügigen 100 und 80 km Läufer_innen überholt. Bei der VP 10 angekommen, ging ich zur Verpflegung. Ich musste wieder nichts an meinen Vorräten auffüllen, da ich nichts getrunken hatte. Ich bat darum mir einen kleinen Schluck von der Tomatensuppe zu geben. Es war wirklich nur ein Schluck, nicht mehr wie 1,5 Eßlöffel und das war mein Abendessen. Vorsichtig schlürfte ich die warme Suppe. Es tat gut etwas zu bekommen, aber mehr wollte ich meinem Magen nicht zumuten. Ich hatte das letzte Mal bei VP 7 richtig gegessen und natürlich merkte ich das.

Km 58 (Verpflegungspunkt 10) bis Km 64 (Ziel)
Joschi saß in einer Decke neben mir und wir unterhielten uns kurz. Als wir nach 3, 4 Minuten aufstanden, um weiter zu gehen, fragte er mich, ob es okay sei, dass er sein Tempo bergab machen könnte. Ich meinte nur „Auf jeden Fall. Seh‘ zu, dass du ins Ziel kommst und dich ausruhen kannst.“ Er schien erleichtert und lief los. Ich ging erst einmal langsam los und holte Luft und sah in den Himmel und dann auf die Uhr. Ich bezweifelte gerade, dass ich im hellen den Abhang noch vollständig runter käme.

In dem Moment wurde ich aus meinen Gedanken gerissen. Jochen von exito (vgl. Zuspitzmarathon 2016 oder ZUT 2016) begrüßte mich mit den Worten „running-barthelomeo. Mensch, das ist ja toll, dass ich dich noch sehe. Komm geh ein wenig und ich mach ein Foto von dir.“ Gesagt, getan. Er nutzte meinen Instagram Namen als Rufnamen in dem Moment, was mich zum Schmunzeln brachte. Wir redeten kurz und er berichtete mir, dass seine Jungs gut auf der 100 km Strecke unterwegs seien und top Zeiten erreichen werden. Er fragte noch, wie es bei mir läuft und ich sagte nur, dass ich ins Ziel kommen werde und das ich vor allem Magenprobleme habe. Wir verabschiedeten uns und ich ging weiter.
Der letzte Abstieg. Was soll ich dazu noch sagen, was ich nicht schon in den alten Blogartikel gesagte habe? Er war einfach anspruchsvoll und wird nicht mein Lieblingsabschnitt werden. Zumindest war es trocken. Ich stieg langsam ab und mit einigen, die mich überholten, quatschte ich kurz. Kurz vor dem „Noch 4 km Schild“ musste ich mein Kopflicht auspacken, denn es wurde dunkel.

Es folgte das noch 3 km Schild und mit ihm neue Gesprächspartner und neue Themen. Die letzten 2 km waren auf einer flachen Straße in Grainau und führten durch die Stadt. Somit waren alle Höhenmeter im positiven und negativen absolviert. Diesen Abschnitt nutze ich zum lockeren Auslaufen. Ich war nicht schnell, aber ich lief. Jeder der mir entgegenkam, wirklich jede und jeder applaudierte und feuerte einen an, nachts nach 22 Uhr. Es war so, als wenn das ganze Dorf entspannt den Samstagabend verbringe und einfach alle Läufer_innen anfeuern würde.
Noch 1 km. Je näher ich zum Ziel kam, umso mehr Leute traf ich, umso mehr wurde angefeuert. Und dann kamen die letzten 300, 400 m und ich wusste, dass es vorbei war. 150 m vor dem Ziel wurde schon einmal die Nummer automatisch beim Vorbeilaufen eingescannt, so dass der Sprecher wusste, wer einläuft. Und ich hörte die Ankündigung meines Namens und ich lief zur Ziellinie, holte Luft, sprang über sie hinweg und schrie mir die Seele aus dem Leib. Ich war so überglücklich es geschafft zu haben, obwohl ich mich entschieden hatte aufzugeben.

Nach dem Ziel
Juliane war die erste die mir persönlich gratulierte mit den wundervollen Worten „Herzlichen Glückwunsch und drück nicht so fest. Du bist total verschwitzt und das ist nicht so schön.“ Ja, da kam es wohl über mich, dass ich meine Freude noch nicht kanalisieren konnte.
Essen konnte ich noch nichts und sollte ich an dem Abend auch nicht mehr. Meine Zielverpflegung war ein süßer Tee, auf den mein Magen nicht so ansprechen wollte. Ich ging dann zu Joschi, um mit ihm kurz zu reden. Er war bei seiner Familie und es ging ihm sichtlich schlechter als mir. Er war 20 Minuten vor mir im Ziel gewesen. Wir umarmten uns und bedankten beieinander. Ich redete kurz mit den Eltern von Joschi und erkundigte mich ein letztes Mal nach Dom und Benni. Benni war wohl bei VP8 und Dom bei VP9. Beide hatten ihre Probleme und beide bissen sich durch.
Ich setzte mich zu Juliane und Dominik und wir redeten. Joschi hatte Juliane gesagt, dass ich aussteige als er bei VP9 und sie bei VP 10 war. Sie wollte das erst nicht glauben und dachte er meine einen anderen Daniel. Doch ich bestätigte, dass er mich meinte. Ich erzählte davon, wie es mir erging und warum ich jetzt immer noch nichts esse und auch nichts essen kann. Wir unterhielten uns über vieles, ihren Sturz, den Rennverlauf eines jeden. Auch Anna war ein Thema, da sie in dem Moment beschlossen hatte den 100 Km Lauf an der VP 6 zu beenden. Nach kurzer Zeit meinte Dominik, dass ihm kalt wäre und er ins Hotel möchte. Schließlich wartete er schon eine Stunde auf mich. So standen wir auf und ich holte mir eine Apfelschorle, die ich auf dem Weg zur Finishershirt Abholung austrank. Wir holten uns das Shirt und gingen zurück ins Hotel. Dafür mussten wir erst einmal knapp 2 km gehen, um den Parkplatz P1 zu erreichen, auf dem mein Auto stand. Nicht, dass ich nicht schon ausreichend gelaufen wäre.

Im Hotel angekommen wurde nur noch schnell geduscht und geschlafen. Als ich schon schlief, liefen Dom und Benni ins Ziel ein. Ich führ meinen Teil musste am nächsten Morgen 700 km mit dem Auto zurück nach Hause fahren. Am nächsten Morgen telefonierte ich kurz mit Björn, der mir berichtete, dass er und Daniel ebenfalls erfolgreich ihren 39 km Base XL Lauf beendeten.
In einer Woche geht es mit dem vierten von vier Läufen unter dem Motto „Freude am Laufen“ weiter: Mein dritter Biggeesee Marathon.

Und die letzten 4 Km:

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Preußisch Oldendorfer Volkslauf 2017

Der Volkslauf in Preußisch Oldendorf ist einer dieser Läufe, auf die ich mich immer wieder freue. In meinen ersten Jahren als Läufer und als ich noch in Löhne wohnte, nahm ich jahrelang an der Mühlenkreisserie teil. Dieser Volkslauf ist der 2. Lauf der Serie und ist mir daher seit vielen Jahren wohl bekannt. Leider schaffe ich es nicht jedes Jahr teilzunehmen, aber wenn ich es schaffe, dann empfinde ich wirklich eine Vorfreude.
Für Mai und Juni habe ich mir vier Läufe vorgenommen, die ich alle nur aus Lust und Freude am Laufen mache und wo der Wettkampfgedanke völlig in den Hintergrund tritt. Die einzige Zielsetzung, die für mich gilt ist, gesund ins Ziel zu kommen. Nach dem Teutoburger Waldmarathon war dieser Volkslauf der zweite von meinen vier Läufen.

21. Mai 2017
Vor dem Start
Wer mich als Läufer kennt, weiß, dass ich gerne andere zu solchen Läufen motiviere. Erfolgreich konnte ich Markus und Inga motivieren mich dieses Jahr zu begleitet. Markus nehme ich schon zum zweiten Mal mit und er freut sich ebenfalls auf den Lauf. Inga nehme ich zum ersten Mal mit. Die Hinfahrt ist anstrengend, denn viele Baustellen stellen sich uns in den Weg. Einige Umleitungen später kommen wir 35 Minuten vor dem Start an. Da wir nicht an der Mühlenkreisserie teilnehmen, müssen wir uns vor Ort anmelden. Dafür gehen wir ins Waldfreibad. Am Tag des Volkslaufes ist Tag der offenen Tür und der Eintritt ist frei. An diesem Waldfreibad ist der Start- und Zielbereich, sowie die Anmeldung. Die Anmeldung selbst geht schnell und unproblematisch.

Nachdem alle Formalien erledigt sind und die Startnummern vor unserem Bäuchen hängen, gehen wir zum Start. Wir schaffen es sogar um 9:40 Uhr den Start der 12,5 km Läufer_innen zu beobachten. Kurz bevor die 12,5 km Läufer_innen loslaufen, sehe ich einen anderen Läufer im Tokio Marathon 2017 T-Shirt. Ich spreche ihn sofort an und sage, dass ich das gleiche T-Shirt zu Hause im Schrank habe. Er berichtet mir, dass er mit 76 der älteste deutsche Teilnehmer beim diesjährigen Marathon in Tokio war. Da es nur 122 Starter_innen aus ganz Deutschland gab, ist es etwas besonders für mich einen anderen Starter zu treffen. Wir unterhalten uns kurz, tauschen unsere Erfahrungen aus und stellen uns dann für den Start auf. Hinter uns stellen sich die Nordic-Walker für 5 km und 12,5 km auf.

Ich hab extra meine GoPro mitgenommen, damit ich über diesen Lauf endlich einen Blogartikel schreiben kann. Am Ende habe ich zwei Videos, sowie 1187 Bilder gemacht. Ehrlich gesagt sind davon mehr als die Hälfte Schrott, da ich nicht stehen bleibe, sondern im vollem Tempo die Bilder mache. Ich liebe die Funktion 30 Bilder in 6 Sekunden zu machen. 😉
Der Volkslauf ist deswegen so etwas Besonderes für mich, weil er eine schöne Waldstrecke hat, die abwechslungsreich ist, sehr viel Schatten bietet, einen kurzen aber wirklich schönen Singletrail, um eine Burg herum, hat und sehr gut organisiert ist. Das ganze stellt sich in Daten so dar: 350 Höhenmeter auf 20 km, die aber sehr zügig gelaufen werden können.

Der Lauf
Um 9:50 Uhr fällt der Startschuss und die ersten knapp zwei km gehen durch einen urigen Wald mit einem Bachlauf. Es geht vorwiegend berghoch. Ein Läufer mit einem orangenen T-Shirt läuft ungefähr auf meiner Höhe und wird dort auch bis Km 14 bleiben. Mal ist er kurz vor mir, mal kurz hinter mir. Auf diesen ersten zwei Km geht es berghoch und deswegen ist hier Vorsicht geboten. Gerade bergauf Passagen zu Anfang eines Laufes verleiten einen gleich sich zu übernehmen, denn man fühlt sich ja noch gut.

Am Ende des ersten Waldstückes kommt der erste von vier Verpflegungspunkten. Es wird an allen Verpflegungspunkten ausschließlich Wasser angeboten. An dieser Verpflegungsstelle wechselt der Lauf auf einen Straßenabschnitt, der einzig dazu dient in einen zweiten Wald zu laufen. Die Runde im zweiten Wald muss zweimal durchlaufen werden. Das erste Mal muss sie gegen den Uhrzeigersinn gelaufen werden und das zweite Mal im Uhrzeigersinn. Das nimmt mir immer das Gefühl Runden zu laufen, eben weil man die Strecke aus einem anderen Blickwinkel sieht.
Am Rande bemerkt: Bis 2014 gab es einen anderen Streckenverlauf der eher einer Form einer Acht entsprach und abwechslungsreicher war. Ich bedauere sehr, dass es zur Streckenänderung kam, aber das lässt sich leider nicht ändern. Kommen wir zurück zur ersten Runde im zweiten Wald.

Die 12,5 km Läufer_innen laufen diese Runde nur einmal im Uhrzeigersinn und kommen einen so entgegen. Ich sehe und höre immer wieder wie Leute, die sich entgegen laufen, abklatschen und gegenseitig zujubeln und motivieren. Ich fühle mich wie ein Zuschauer, da ich genau sehen kann, ob es Duelle um Platzierungen auf der 12,5 km Strecke gibt. Bei der Hälfte der Runde gibt es den zweiten Verpflegungspunkt. Damit sich die 20 km und die entgegenlaufenden 12,5 km Läufer_innen nicht in die Quere kommen, sind auf beiden Seiten die Getränkepunkte aufgebaut. In diesem Moment liegen schon ungefähr 5,5 km hinter mir.
Sagte ich schon, dass ich die Strecke mag? Sie belohnt mit teilweisen weiten und schönen Aussichten, wenn man den Blick nach rechts durch das Geäst wagt. Ansonsten ist es einfach ein toller und schattiger Waldweg, der leicht hügelig ist.
Als die erste Runde im zweiten Wald und damit ungefähr 7 km erledigt sind, geht es auf die Straße zurück. Hier Laufe ich plötzlich mit einigen 12,5 km Teilnehmer_innen bis zur nächsten Kreuzung kurz zusammen. Die 12,5 km Läufer_innen werden in Richtung des Ziels geleitet. Für die 20 km Läufer_innen führt die Straße zum Singletrailabschnitt, der Rund um eine Burg führt. (Auf dem Singletrail einfach nach links schauen). Der schmale Weg endet im Hinterhof einer Gaststätte. Dort ist ein Streckenposten und zeigt einem die Richtung zurück auf die Straße.


Es geht über die Straße zurück in den zweiten Wald, um dieses Mal die Runde im Uhrzeigersinn zu laufen. Bei Km 12,5 wird der dritte Verpflegungspunkt erreicht, der natürlich identisch mit dem zweiten ist. Hier hole ich einige Nordic-Walker ein. Das ist aber kein Problem, da die Waldwege breit genug sind. Bei Km 14 löse ich mich zum letzten Mal vom Läufer im orangenen T-Shirt und setze mich endgültig ab.


Nach der zweiten Runde geht es über die Straße zurück zum ersten Wald. Am Ende des Straßenabschnittes gibt es den vierten Verpflegungspunkt an dem ich kurz stehen bleibe. Nachdem ich mich mit etwas Wasser aufgefüllt habe, geht es weiter. Der letzte Waldabschnitt im ersten Wald hat einen anderen und längeren Verlauf, als die ersten zwei Km. Am Eingang des Waldes sehe ich das Km 16 Schild. Noch 4 Km sollen es also sein? Meine Uhr zeigte mir zu diesem Moment nur 15,2 km.

Im letzten Waldabschnitt wird vermehrt bergab gelaufen mit kleineren bergauf Passagen. An einigen Kreuzungen stehen Streckenposten, die aufpassen, dass man sich nicht verläuft. Alternativ gibt es Flatterband, welche einige Wege ganz absperren. Ein Verlaufen ist während des gesamten Laufes meiner Meinung nach nicht möglich.
Einen Kilometer vor dem Ziel sehe ich, dass ich auf den Läufer vor mir auflaufe und ihn vielleicht sogar noch überholen könnte. Ich starte durch und laufe ein hohes Tempo, doch er dreht sich um, bemerkt mich und zieht selber sein Tempo an. So schaffe ich es nicht mehr ihn einzuholen und komme eine Sekunde nach ihm ins Ziel.

Am Ende zeigt mir meine Uhr knappe 19 km und eine Zeit von 1:29:27h. Die Zeit ist mir jedoch ehrlich gesagt egal. Wichtig war es mir nur, dass ich den Lauf erneut erleben und genießen konnte.

Im Ziel nehme ich mir etwas zu trinken und warte auf Inga. Während dessen unterhalte ich mich mit der Dame, die vorlas, wer gerade einlief. Ich nenne sie mal, die Zielsprecherin. Sie wollte unter anderem wissen, wieso ich denn die Kamera dabei habe. Ich erklärte ihr, dass ich sie dabei habe, um über diesen Lauf zu schreiben. Wir unterhalten uns ein wenig über diesen und andere Läufe. Das Gespräch endet als Inga einläuft und dritte Frau wird. Markus läuft mit Ansage später ein und wir treffen uns im Freibad, da er direkt nach seinem Zieleinlauf schwimmen gehen möchte.
Was ich nicht verschweigen möchte ist, dass das Duschsituation vor Ort immer etwas schwierig ist. Für ein so großes Läuferfeld gibt es einfach nicht viele Duschen. Also mache ich das, was ich machen kann: Ich stelle mich an und warte drauf, dass eine Dusche frei wird. Frisch geduscht, treffen wir uns drei und fahren gemeinsam nach Hause. Dieses Mal wollen wir direkt die Baustellen klever umfahren und finden dafür andere. *Seufz*

Vielen Dank für die Mühen und diesen Lauf. Ich komme sicher wieder, keine Frage.

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Teutoburger Waldmarathon 2017 – Wie sich Maßstäbe verschieben

Bevor ich zum eigentlichen Teutoburger Waldmarathon 2017 komme, möchte ich einige Gedanken erst im Allgemeinen loswerden, insbesondere, um den Titel zu erläutern.
Gedanken:
Als ich anfing zu laufen, war die 10 km Marke ein großes Ziel. Wisst ihr wie weit 10 km sein können, wenn sie zum ersten Mal macht? Erinnert ihr euch dran? Ich erinnere mich gut, es war ein erhabenes Gefühl. Ich fing an dies zu vergleichen mit dem Weg zur Uni, zum Supermarkt oder der Weg zu Freunden. Wow, ich konnte nun also soweit rennen. Es war ein langer Weg, doch dann veränderten sich die Maßstäbe. 10 km zu laufen wurde normal und Alltag, bzw. es war nichts Besonderes mehr. 10 km unter 60 Minuten waren der Wahnsinn. Es fühlte sich so schnell an im Vergleich zu früher. Der erste 20 km Lauf war auch neuer Maßstab. Verrückt, da läuft man plötzlich das Doppelte von 10 km. Es folgten wieder die Vergleiche, um die Distanz greifbar zu machen. 20 km reichten um von einem Dorf zu nächsten zu Laufen, bzw. von einer Stadt zur nächsten. Wieder gab es einem neuen Maßstab. So ein Lauf hieß nun lange Einheit und wurde einmal pro Woche gelaufen. War es nicht gerade noch der 10 km Lauf der so bedeutsam war? Dieses Spiel geht weiter. Der erste Halbmarathon, der erste 30 km Lauf, der erste Marathon. Einen Marathon pro Jahr, bloß nicht mehr. 2017 werden es bei mir wohl mindestens vier Marathons und ein Ultra bei denen ich jetzt schon fest angemeldet bin. Moment Ultra? Ja, auch so ein neuer Maßstab, wenn man länger als 42,195 km laufen möchte.
Der Blick und die Leistung verschieben sich. Je weiter ich dieses Spiel treibe, umso mehr ungläubige Blicke erhalte ich. Sätzen wie „Du bist doch verrückt.“ fallen schnell oder „Das könnte ich nicht.“ Und dann stehe ich da und bin traurig. Ich bin nicht verrückt, sondern akribisch in meiner Entwicklung als Läufer. Mir ist vollkommen bewusst, dass dieses Spiel ein Ende hat. Ich spiele dieses Spiel seit mehr als 9 Jahren und nichts passiert unüberlegt. Entscheide ich mich für eine neue Runde in diesem Spiel, dann gingen Wochen der Überlegungen ins Land, Abwägungen und Planungen wie der nächste Zug aussehen wird. Am 1. Januar 2008 fing mein Spiel an, als ich nach 12 Minuten „laufen“ schwer hechelnd und keuchend nicht mehr konnte und meinen ersten Lauf damit beendete, sagte ich ebenfalls „Ich kann das nicht. Aber ich möchte es.“
Was hat das alles mit dem Marathon nun zu tun? Heute habe ich wieder einen solchen Maßstab verschoben. Ich hätte entweder ein Doppelpack gemacht (Samstag 25 km und Sonntag 32 km) oder eben diesen Marathon. Doppelpack ist eine Trainingsform für eine Ultramarathonvorbereitung. Dabei laufe ich zwei lange Einheiten an zwei Tagen hintereinander, um mit der Ermüdung vom Vortag weiter zu trainieren. Das soll sehr lange Distanzen simulieren. Ich bin noch nie einen Marathon gelaufen, als gezieltes Training. Ich beschloss im eher niedrigen Pulsbereich zu bleiben damit es wirklich ein Training bleibt und ca. 6 kg auf meine Schultern zunehmen. So schwer ist mein Rucksack, wenn ich alles für den Zugspitzultra an Pflichtausrüstung einpacke plus 2,5 Liter Wasser als vollen Trainingsbalast.
Als meine Freundin mich am Morgen des Laufes verabschiedete, sagte ich zu ihr, dass man niemals den Respekt vor einem Marathon verlieren dürfte. Es ist und bleibt ein Marathon. Ich habe auch schon 35 km lange Trainingseinheiten abgebrochen, weil nichts mehr ging. Egal wie viele Marathons ich bisher lief oder noch laufen werde, jeder Marathon bleibt etwas Besonderes, was dieser Bericht nun zeigen wird. Und ganz wichtig, auch wenn ich mich wiederhole: Man braucht bei entsprechender Vorbereitung keine Angst vor einem Marathon haben, aber den Respekt davor sollte man niemals verlieren.

Samstag, 13. Mai 2017
Vor dem Start
Auf ging es nach Lage, was zwischen Detmold und Bielefeld liegt. Den Teutoburger Waldmarathon zu laufen war nicht meine erste Idee für dieses Wochenende. Eigentlich war mein Plan zum zweiten Mal den Rheinsteigextremlauf zu laufen, der bei 35 km gute 1200 Höhenmeter hatte. Leider fiel dieser Lauf kurzfristig aus und so entschied ich mich als alternative diesen Marathon mit knapp 700 Hm zu laufen. Dieser Marathon sollte eine lange Einheit als Vorbereitung für mich in meinem Trainingsplan darstellen für den Zugspitzultratrail (ZUT) in fünf Wochen.
Die Austeilung der Startnummer schnell ging. Sowieso muss ich betonen, dass die gesamte Organisation hervorragend funktionierte. Kurz vor dem Start ging eine Gruppe an mir vorbei und sie fragten sich untereinander laut, warum ich denn Stöcker und so einen vollen Rucksack dabei habe. Ob das nicht übertrieben sei? Als ich anbot, ihnen die Frage zu beantworten und sie bejahten, kamen wir ins Gespräch. Ich erklärte meine Absichten, dass ich mit vollem Gepäck laufen möchte, so wie beim ZUT in einigen Wochen. Ich gab ihnen den Rucksack zum Probetragen, und sie bemerkten, dass er doch eine gewisse Belastung war und ihr Blick stempelte mich als „So ein Verrückter ab“.
Ein weiterer Herr kam dazu. Er berichtete, dass er den ZUT schon gelaufen sei. Die Gesprächsrunde wurde größer. Als wir gemeinsam zum Start gingen, sah ich immer mehr ZUT Finisher und/oder welche, die erwähnten, dass sie auch den ZUT laufen werden. Ich fühlte mich meinem Vorhaben bestätigt, dass ich nicht der einzige war, der diesen Marathon als Vorbereitung nahm.
Da standen wir nun, als großer Haufen von Läufer_innen, und lauschten den Worten des Wettkampfrichters, der uns letzte Hinweise gab. Um 12:30 Uhr fiel der Startschuss und der 42,195 km Spaß begann.

Die erste Runde
Ich nahm mir vor locker zu laufen. Im ernst. Ich hab das wirklich gemacht und mich den gesamten Lauf dran gehalten. Trotzdem war ich sofort recht weit vorne, was mich irritierte. Ich schaute auf die Uhr und sagte mir, dass ich mein Ding draus mache, unabhängig von anderen. Eine Runde entsprach einem Halbmarathon und die Runde durfte ich zweimal durchlaufen. Diese Runde ließ sich in Vierabschnitte unterteilen: Vom Start zum einzigen Verpflegungspunkt, erste Schleife, zweite Schleife und zurück zum Start. Jede Schleife endete immer bei diesem einen Verpflegungspunkt.
Ich lief vom Start 5 km in Richtung des einzigen Verpflegungspunktes. Auf diesen 5 km war ich nur im Wald und zu einem Teil auch auf der Strecke vom Hermannslauf. Beim Hermannslauf war es der Abschnitt zwischen Km 13,5 und Km 15 (Anfang des Tönsberg). Wir liefen aber nicht wie beim Hermannslauf den Tönsberg hoch, sondern bogen vorher ab. Immer wieder sah ich Streckenposten die mal alleine, mal zu zweit an Kreuzungen standen und dafür sorgten, dass niemand falsch abbog. Mein Respekt für diese Frauen und Männer wuchs über den Tag, denn am Ende des Marathons standen sie mit gleichem Einsatz an den Kreuzungen.

Am Getränkepunkt angekommen, hatte ich 5 km bei besten Wetter im Wald hinter mir. Die Helfer_innen kamen mir gleich entgegen und fragten, was ich wollte, hielten mir auch schon Wasser entgegen. Es gab hier alles was man braucht. Elektrolyte, Wasser, Tee, Bananen, Müsliriegel und Weißbrot. Egal wann ich später noch vorbei kam, es gab immer ausreichend und genügend.
Der Verpflegungspunkt selbst war an einer Kreuzung, an der man dreimal vorbei kam. Von diesem Verpflegungspunkt ging es in die erste Schleife und die bestand aus urigen Waldwegen, Singletrails und einer wunderschönen Panoramaaussicht. Dieser Abschnitt war der schönste für mich. Was ein toller Lauf, stand für mich da schon fest. Hier begann auch mein erstes Gespräch mit einem anderen Läufer, das bis Km 13 anhalten sollte.


Am Ende der Schleife, waren knapp 10 km abgespult und ich kam wieder an dem einen Verpflegungspunkt heraus. Der eine Laufbegleiter und ich blieben kurz stehen, tranken und aßen etwas. Danach hieß es: Auf geht es in die zweite Schleife. Diese Schleife bestand aus einem kleinen Straßenanteil und sonst nur Forstwegen im Wald und am Waldesrand. Auch hier fühlte ich mich wohl und fand die Umgebung, gerade im Wald, sehr schön. Ungefähr bei Km 12,5 stand in der zweiten Schleife ein Streckenposten, der genau notierte, welcher Marathonläufer vorbei lief.

Es ging nun langsam zurück. Ihr ahnt es sicher schon, dass ich zum dritten Mal nun am selben Verpflegungspunkt raus kam. Von dort aus ging es nun 6 km zurück zum Start/Zielbereich. Der Weg war in Teilen mit dem Hinweg identisch, aber in Teilen auch unterschiedlich, eben weil der Rückweg länger war. Mir kamen auf den identischen Abschnitt die 10 km Läufer entgegen.

Am Ende der ersten Runde bog ich auf einen Fußballplatz ein und vor der Ziellinie gab es eine weitere Verpflegungsstation. Als die Speicher aufgefüllt waren, ging es unter Applaus weiter durch den Startbereich, in dem sich mittlerweile die Halbmarathonläufer_innen aufgestellt hatten. Ich sah auf die Uhr: 1:51h hatte ich für die erste Runde gebraucht. In 9 Minuten würden diese Leute mit ihrem Wettkampf anfangen und ich würde regelmäßig überholt werden.

Die zweite Runde
Die zweite Runde war vom Laufweg hier identisch zur ersten Runde. In der ersten Schleife wurde ich regelmäßig von Halbmarathonläufern überholt. Ich bemühte mich darum immer Platz zu machen. In dieser Phase lief ich mit der zweiten Frau zusammen und wir quatschten ein wenig. Sie hoffte, dass ihr Freund das rennen gewinnen würde. Dieser Marathon sei für sie eigentlich nur die Vorbereitung für einen anderen Marathon, der in Kürze folgen sollte.
Beim Singletrailabschnitt fiel mir auf, dass der ganze Weg plötzlich sehr sumpfig war. Es musste hier sehr stark geregnet haben. Das hat es auch, wie ich später erfuhr. Ich bekam vom Regen gar nichts mit.

Und dann gibt es diese schönen Momente, die einem in Erinnerung bleiben. Wir liefen beim Panoramaausblick entlang und trafen ein Hochzeitspaar, dem erst einmal gratuliert wurde. Sie strahlten einen an und schienen sich zu freuen. Hier verabschiedete ich mich von der zweiten Frau. Sie zog das Tempo an und ich genoss einfach das Laufen und wollte nicht das höhere Tempo mitgehen.

In der zweiten Schleife ging es mir plötzlich schlechter und ich hatte nach ungefähr 32 Km ein großes Tief. Ich nahm mir zwei Minuten zum Gehen, um ein Gel zu nehmen und trank etwas von meinen 2,5 l Wasser. Ich lief dann sofort weiter und kam zum Glück auch wieder gut in den Tritt.
Ein Läufer klopfte mir auf die Schulter. Sein Name war Dirk, wie ich später von ihm im Ziel erfuhr. Er lief den Halbmarathon und wollte wissen, worauf ich mich vorbereite. Ich rief ihm hinterher, dass es der ZUT sei. Er feierte das und meinte, er wolle den auch laufen. Im Ziel später bei einem Gespräch fanden wir raus, dass wir beide den Supertrail (63 Km mit 3000 Hm) machen werden.
Als ich zum letzten Mal am Verpflegungspunkt vorbei kam, was ungefähr bei Km 36 für mich war, blieb ich zwei Minuten stehen. Ich trank nochmal ordentlich und aß in Ruhe etwas. Ich verabschiedete mich von den Helfer_innen und bedankte mich für die tolle Verpflegung und die netten, kurzen Gespräche. Somit ging es zurück zum Start- / Ziel Bereich. Ich merkte am letzten Berg, den ich hochlaufen durfte, dass ich am Ende meiner Kräfte war. Da die letzten 4,5 Km danach vorwiegend bergab gingen, war das für meine Moral und Kraft ideal.
Als ich das Schild „Noch 1 km“ sah, wusste ich, dass es gleich vorbei sei. Ich suchte auf meinem MP3 Player noch kurz das passende Lied für eben diesen letzten Km. Ich lief erneut auf den Fußballplatz und freute mich. Kaum blieb ich nach der Ziellinie stehen und hatte auf meine Uhr gedrückt, hielt man mir ein leeres Bierglas hin. Begleitet wurde diese Aktion mit den Worten „Hier. Für dich.“ Völlig überfordert, bedankte ich mich und nahm mir etwas zu trinken. Ich ging erstmal an den Rand des Spielfeldes und legte alles zur Seite. Ich brauchte einen Moment für mich. Ich war emotional, glücklich und erleichtert. Am meisten war ich darüber dankbar, dass ich den Lauf gut überstanden hatte, es mir im Grunde gut ging und ich heile im Ziel ankam.

Zum Bierglas noch kurz: Ich wusste, dass es keine Finishermedallien gab, aber dass es ein Bierglas als Ersatz geben würde, fand ich positiv überraschend.
Als ich zurück zur Zielverpflegung ging, sprach mich eine Wettkampfrichterin an. Wofür ich mich vorbereite, denn ich hätte nach ihrem Ermessen eine volle Ausrüstung dabei. Als ich ihr mein Vorhaben erläuterte, meinte sie, sie würde auch den ZUT laufen, jedoch nicht den Supertrail, sondern den Base (25 km). Am Ende war ich wirklich irritiert, wie viele Anwesende diesen Lauf machen werden. Ich kam so auf sieben oder acht. Für einen so kleinen Lauf empfand ich das als sehr hohe Quote an ZUT Läufer_innen. Erst danach sah ich überhaupt auf meine Uhr, um zu schauen, wie lange ich eigentlich gebraucht habe.
Auf dem Weg zur Dusche, die völlig in Ordnung waren, traf ich Dirk und wir unterhielten uns kurz über den ZUT und auch andere Ultraläufe.
Nach dem Duschen erfuhr ich, dass ich zwar 13. im Gesamtfeld mit einer Zeit von 3:52:30h war, aber Platz 4. in meiner Altersklasse. Ich beschloss nach Hause zu fahren. Ich mag solche Läufe, wo ich merke, wieviel Einsatz die Helfer_innen zeigen. Das hatte ich überall gespürt und es zeigte mir, dass gerade solche kleinen Läufe jetzt wieder öfter auf meiner Laufliste zu finden sind. Sie kommen nicht mit einer großen Technik oder Laufchips daher, sondern mit Menschen, die am Rand stehen. Die man freundlich anlächeln, sich bedanken kann und die positiv reagieren. Kombiniert mit der tollen Strecke war das ein Tag, der mir sehr positiv in Erinnerung bleiben wird. Es war ein wirklich schöner Marathon in familiärer Atmosphäre. Danke an alle Helfer_innen und den TG Lage für diesen Lauf. Es war sicher nicht das letzte Mal, dass ich vorbeischauen werde, egal für welche Distanz.

P.S.: Und wie wird nun mein nächster Spielzug aussehen? Wenn ich so darüber nachdenke, habe ich schon eine Idee.

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Hermannslauf 2017 – Der neunte Streich

Hermannslauf 2017
Vor dem Start
So schnell vergeht ein Jahr. Ich erinnere mich als wäre es gestern, dass ich den Hermannslauf 2016 lief. Ich beiße nicht von meinem Brötchen, sondern halte einen Moment inne und muss mir bewusst machen, was ich alles in diesem einem Jahr erlebt habe, damit ich nicht im Glauben bleibe, dass ich gerade Gestern den letzten Hermannslauf gelaufen bin. Zugspitzultra, Transalpine Run, Zugspitzmarathon, Röntgenultra, Tokyo Marathon und etliche mehr. Ich hebe mein Brötchen und beiße ab und bin über mich selbst überrascht und auch etwas entsetzt.
Nach dem Frühstück packe ich meine letzten Sachen und gehe los, sammele noch zwei Fahrgäste ein, Markus und Inga. Wir fahren zum Bus Transfer. Markus geht ab hier seinen eigenen Weg. Inga und ich treffen unter anderem die Sudbrackläufer, zumindest einige von ihnen. Wir teilen uns einen gemeinsamen Bus und quatschen während der Fahrt. Auch wenn die Zeit schnell vergeht, so brauchen wir dieses Jahr gefühlt länger für die Fahrt von Bielefeld nach Detmold.

Oben beim Hermannsdenkmal angekommen suchen wir ein Klo auf, ziehen uns um und geben unser Gepäck ab. Ich eile zum Denkmal, um einige Leute aus der FatBoysRun-Community zu treffen. Ich komme zu spät, was schade ist. Lediglich einen treffe ich und das auch nur, weil er ein FatBoysRun T-Shirt anhat. Wir unterhalten uns kurz und dann trennen sich unsere Wege.

Inga und ich treffen am Denkmal Björn und Daniel. Mit diesen beiden habe ich einige lange Läufe gemacht und die beiden laufen auch den Zugspitz-Ultra (die 39 km Distanz) im Juni. Wir laufen uns gemeinsam warm in dem wir etliche Male um das Denkmal rennen. Die Zeit verfliegt enorm und wir eilen in den Startblock A. Ich stehe viel zu weit hinten, dass wird mir sofort klar. Was soll es, mache ich alt das Beste draus, denke ich mir zumindest.


Dieser Lauf lässt mich immer wieder nachdenklich werden. Ich lasse meinen Blick über die Startblöcke gleiten und erinnere mich an 2009, als ich im C Block startete. Ich blicke rüber zum B Block, wo ich 2010, 2011 und 2012 startete. Jetzt stehe ich zum fünften Mal im A Block. Wie die Zeit vergeht und wie die Routine Einkehr hält. Ich erinnere mich daran, wie ich bei meinen ersten Starts beim Hermannslauf immer Gänsehaut hatte. Die blieb mittlerweile aus, was meiner Vorfreude keinen Abbruch tat. Ich meine, es ist der Hermannslauf, eines meiner persönlichen Highlights im Jahr.

Der Lauf
Es ist 11 Uhr und da fängt mein 9. Hermannslauf bei bestem Wetter an. Ich hatte schon 27 Grad Hermannsläufe (2009 und 2010), ich hatte Regen (2015) oder auch Schnee mit Graupel (2016) und wettertechnisch viel dazwischen. Der Hermannslauf ist wie eine Pralinenschachtel, du weißt nie welches Wetter du erwarten kannst. Nur eines ist sicher: Die Stimmung, egal bei welchem Wetter, ist großartig auf der Strecke.

Der Startschuss fällt und es geht los und ich werde ausgebremst. Ich bin viel zu weit hinten. Ich laufe über eine halbe Minute langsamer pro Km, als ich es geplant hatte. Ich erwische mich selbst, wie ich laut fluche. Ich laufe Zickzack und versuche mir meinen Weg zu bahnen und ärgere mich. Das bleibt bis ungefähr Km 3 am Fuße des ersten Berges. Ich habe endlich Platz und ziehe das Tempo an in dem Glauben Zeit gut machen zu können. Ich mache in diesem Moment einen Anfängerfehler, den ich nach dem Tönsberg spüren werde.


Ich treffe Christian von den Sudbrackläufern kurz vor dem 4. Km. Jetzt läuft es langsam besser. Den Ehberg nehme ich zügig und leicht. Die Panzerstraße zwischen Km 8 und 10 ist dieses Jahr besonders stimmungsvoll. Die ersten 10 km durchlaufe ich in 43:34 min. Ich bin knapp eine Minute hinter meiner gesteckten Zwischenzeit und bin traurig, dass der Start nicht ideal für mich verlief. In dem Moment wird mir schon klar, dass es mit einer neuen PB sehr schwer wird. Langsam wird es mir tatsächlich zu warm und merke, wie ich damit Probleme bekomme.


Beim Tönsberg (Km 15) gehe ich das letzte Drittel und spare Kräfte. Alle die an mir vorbei liefen, hole ich fast ausnahmslos bis Oerlinghausen wieder ein. Unter den Personen, die mich am Tönsberg überholen ist eine blonde Dame in blauem Trikot, auf die ich später noch zurückkommen werde. Auf dem Weg nach Oerlinghausen merke ich plötzlich einen Anflug eines Krampfes in meinem rechten Oberschenkel und ich denke nur „Oh nein“. Die Zuschauermengen pushen mich und lenken mich zumindest zeitweise ab. Zu dem Oberschenkel kommt ein Gefühl von Erschöpfung. Mein eben erwähnter Anfängerfehler wirkt sich nun voll aus. Ich beiße die Zähne zusammen und beginne damit mich zu quälen. Die Kamera werde ich nicht mehr auspacken und somit auch keine Aufnahmen mehr machen. Ich bin viel zu sehr mit mir selbst beschäftigt.

In Oerlinghausen ist die Stimmung enorm gut. Als ich zum Sprecher und der Matte bei km 18,5 komme, sagte er, dass gerade die 3., 4. und 5. Frau vorbei laufen. Ich schaue mich um und fixiere die drei Damen und finde es spannend zu beobachten welche Dame am Ende das Rennen machen wird. Hier geht schließlich um die Topplatzierungen der Frauen. Die dritte setzt sich bald ab und die vierte und fünfte laufen immer wieder zueinander ran und zwar so, dass ich es fast die ganze Zeit beobachten kann. Zum einen ist da eine Dame, die einen Mann bei sich hat, der sie pacte. Die andere ist die blonde Dame im blauen Trikot.

Ich laufe ins Schöptketal und bin froh, als ich es hinter mir lasse. Auch hier ist eine tolle Stimmung zu spüren, jedoch mag ich diesen Laufabschnitt nicht sehr. Ich passiere die 21 km in 1:34:40. Ich habe noch 40 Sekunden Rückstand auf meine Zeit vom letzten Jahr. Ich sehe immer weniger die Chance mich zu verbessern. Auch schwinden meine Kräfte und mein Oberschenkel macht immer mehr Probleme und auch langsam zu. In diesem Moment entscheide ich mich, nicht mehr meine PB anzugreifen.

Gesagt, getan. Bei Km 23 nehme ich mir einen Becher Iso und trinke ihn auf den Treppen, wo ich eh gehe. Die Dame im blauen Trikot überholt mich wie schon am Tönsberg auch hier erneut, da sie die Treppen hochläuft. Die Dame mit dem Mann bleibt auf den Treppen knapp hinter mir. Zwischen ihnen liegen in diesem Moment sicher keine 10 Sekunden unterschied. Ich finde es immer noch sehr spannend. Wenige Meter später bei der Teilung für echte Hermänner und Weicheier nimmt die Dame mit dem blauen Trikot den Weg für echte Hermänner. Sofort ruft der Mann“ Die andere macht einen Fehler. Komm, jetzt haben wir sie. Los!“ Sie laufen mit mir den Weicheierweg hoch. Ich komme gleichzeitig mit der Dame im blauen Trikot an dem Punkt zusammen, wo sich beide Wege vereinen. Wir laufen nebeneinander weiter. Die andere bleibt knapp hinter mir. Zum eisernen Anton (km 25) geht es mir immer schlechter und ich rechne schon durch, ob ich überhaupt noch unter 2:30h bleibe. Bis Km 27 quäle ich mich. Es geht mir schlecht, richtig schlecht wie schon lange nicht mehr. Ich muss die Zähne zusammen beißen, taktiere und variiere das Tempo fast alle 100 m, um meinen Oberschenkel in den Griff zu bekommen. Bloß kein Krampf, denke ich mir. Ich passiere Km 27 nach 2:05:00. Ich war 4 Minuten langsamer als letztes Jahr. Die beiden Damen liefen seit den Treppen immer wieder an einander ran. Doch die Dame im blauen Trikot blieb stets vorne bis zu Km 27,5. Die Frau mit dem Mann als Pacer setzt hier ein höheres Tempo an und zog von dannen. Ich versuche erst das höhere Tempo mitzugehen, doch ich höre sofort wieder auf. Die Pace ist mir zu hoch und einen Krampf will ich nicht riskieren.

Bei Km 28,5 nehme ich nach Jahren den letzten Verpflegungspunkt mit. Ich drehe mich um und sah die Dame mit dem blauen Trikot nicht mehr. Mir geht es besser und ich kann die letzten Km endlich genießen. Das Tempo erhöhe ich nicht mehr. Die Zuschauermengen auf der Promenade sind diesmal größer als die Jahre zuvor. Wahnsinn. Ich bin vom Support und den Menschenmengen völlig überwältig. Als plötzlich die Mengen auch noch jubeln , bin ich irritiert und sehe mich um. Ah, die Dame im blauen Trikot läuft in meinem Windschatten. Da wird mir klar, dass sie für die fünfte Dame jubeln. Ich freue mich und sauge die Stimmung auf und nehme sie mit. Einige hundert Meter vor dem Ziel schaue ich mich immer wieder um und versuche der Dame im blauen Trikot ausreichend Platz zu machen, falls sie los sprinten möchte. Ich möchte ihr unter keinen Umständen im Weg sein, doch sie überholt nicht und so laufen wir zeitgleich ins Ziel. Ich stoppe meine Uhr und bin völlig erledigt. Ich atme tief durch und sehe, dass es sogar noch eine 2:22h geworden ist. Ich habe also ungefähr 47:40 min für die letzten 10 km gebraucht, gute 2,5 Minuten mehr als im Training. Egal. Ich bin sehr zufrieden und freue mich über das Resultat. Es wurde am Ende (netto) eine offizielle 2:22:22h.

So toll die Atmosphäre ist, so wundervoll die Strecke ist, so sehr musste ich dieses Jahr leiden, wie seit vielen Jahren nicht mehr. Im Ziel stehen drei Damen, die auf mich warten, was mich völlig überwältigt: Katja, Marilena und Sophie! Vielen Dank nochmal an euch, dass ihr da wart und mich empfangen habt.

Auch treffe ich Daniel vom „Laufen Liebe Erdnussbutter“-Podcast ( http://laufenliebeerdnussbutter.de/ ). Er gehörte zu jenen, die ich vor dem Start beim „FatBoysRun“-Treffen treffen wollte. Ich war wirklich froh, ihn noch hier zu erblicken. Die anderen vom Treffen wie Marius und René sah ich leider nicht mehr. Auch kommt Inga kurz nach mir ins Ziel und sieht zufrieden aus. Danach hole ich meine Kleidung ab und treffe dort sogar noch Stephanie, die 2. Gesamtfrau. Wir tauschten unsere Ergebnisse aus und gratulierten einander mit einem High 5.

Nun sitze ich hier, ich Läuferjung, und warte wie zuvor auf den nächsten Hermannslauf. Der zehnte soll es dann werden, der mich endlich in die lang ersehnte Liste der echten Hermänner bringt. (Datenbank der echten Hermänner: https://daten.hermannslauf.de/hl2000/a/hlechte.htm )

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Paderborner Osterlauf 2017 – Wie ich das zweite von sechs Zielen erreichte

15.04.2017, Vor dem Start
Ich war mit Inga beim Paderborner Osterlauf 2017. Ich erinnere mich deutlich daran, dass ich zu ihr meinte, dass es mir nicht so optimal gehen würde, und ich mit einer Zeit zwischen 40:30 min und 42:30 min rechnen würde. Das war kein bla bla, sondern ich meinte es wirklich so. Meine Beine fühlten sich schwer an, da ich wegen dem Hermannslauf hart trainiert hatte und viele Berge in den Wochen davor gelaufen bin.

Wir holten unsere Unterlagen, zogen uns um, suchten das Klo und gingen motiviert zum Block A. Dieses Jahr war es das erste Mal, dass beim 10 km Läufe Blöcke A – C gab. Wir waren einer der ersten, die in den Block gingen, als dieser geöffnet wurde. Wir nutzten den reichhaltigen Platz und wärmten uns auf und liefen von einem Ende des Blocks zum anderen. Wir waren nicht die einzigen und so gab es einen Kreisverkehr gegen den Uhrzeigersinn, wo sich eine Menge Leute aufwärmten. Als es immer voller wurde, entschieden wir uns vorne im A Block stehen zu bleiben. Vor dem A Block gab es noch den Block der Profiläufer, die sich auch aufwärmten. Wir trafen noch Björn und seine Freundin. Björn versuchte sein persönliche Bestzeit auf eine Sub 35 min zu verbessern. Mit Björn hatte ich unter anderem für den Hermannslauf trainiert.

Der Block war voll, die Blockgrenzen zu den Profiläufern wurden geöffnet und die Football Mannschaft von Paderborn ging als lebende Grenze voran, wie jedes Jahr. Sie brachten uns in Ruhe zu den Profis und wir so standen wir in der 5. oder 6. Reihe. Vor uns waren sicher nur so 200 Läufer und hinter uns um die 4300. Ich sagte zu Inga, dass wir jetzt irgendwie ziemlich weit vorne sind, und dass sie einen kühlen Kopf bewahren sollte. Soweit vorne dürfte das Anfangstempo zwischen 3:30 und 4:00 min pro Kilometer sein. Ich hoffte einfach, dass weder sie, noch ich uns direkt kaputt machen würden. Dann kam der Countdown. Ich schließe meine Augen für 2 Sekunden und atme tief ein und aus. Ich öffne sie wieder. 3 … 2 … 1 … PENG

Km 0
Die ersten Meter sind holperig. Ich komme nicht direkt in den Tritt. Zwei Männer bremsen mich aus und ich muss langsamer loslaufen, als ich möchte. Nach gut 100 m kann ich sie überholen. Ich habe noch nicht den Platz den ich mir wünsche, aber es wird besser. Nach 500 m gucke ich auf die Uhr: Pace 3:35 min/Km. Ruhig Blut bewahren. Ich erhöhe die Pace nicht mehr, sondern verharre hinter zwei Läufern.

Km 1
Ich laufe an der Marke des 1. Km vorbei. Ich bin zu diesem Moment bei einem Puls von 87% des Maximalpulses. Ich hoffe nicht, dass ich mich direkt übernehme. Wieso gebe ich Inga einen Ratschlag, den ich in diesem Moment selbst nicht einhalte? Ich ärgere mich über mich selbst.

Km 2
Ich sehe die Km 2. Mittlerweile habe ich den Freiraum um mich herum, den ich brauche, um mich beim Laufen wohl zu fühlen. Ich passiere den 2. Km mit einer Zeit von 7:50 min. Damit habe ich eine 3:55 min/Pace nun. Ich gucke mal, wie lange ich diese Geschwindigkeit halten kann.

Km 3
Der erste Getränkepunkt ist erreicht. Ich nehme mir einen Becher Wasser ohne abzubremsen. Der Becher ist viel zu voll und ich schütte fast dreiviertel weg. Die letzten zwei Schlucke verschwinden im Magen.

Km 4
Scheiß Gegenwind. Ich muss mich enorm anstrengen, um meine Geschwindigkeit zu halten. Mehrere überholen mich oder kleben in meinem Rücken. Ich habe niemanden direkt vor mir. Die nächste Gruppe ist sicher gute 40 m vor mir.

Km 5
Der Wind wird immer anspruchsvoller, gepaart mit einem sehr leichtem bergauf zu einer Brücke. Dies ist der langsamste Kilometer und der einzige, für den ich bisher mehr als 4 Minuten gebraucht habe. Ich passiere nach 19:46 min die Halbzeit. Ich habe für ein Sub 40 Minuten Lauf nun 13 Sekunden heraus gelaufen. Mein Puls ist aktuell bei 93% meines maximalen Pulses. Dieser Umstand verunsichert mich, da ich in dem Moment erwarte, dass ich in den nächsten Minuten einbreche.

Km 6
Der zweite Wasserpunkt. Jemand reicht mir einen Becher Wasser. Ich bekomme ihn nicht richtig zu greifen, und der Inhalt des Bechers ergießt sich über meinen Arm. Egal. Es regnet sowieso. Kurz danach sehe ich das Führungsfahrzeug und die ersten Läufer, die gerade in dem Moment das Schild Km 8 passieren. Ich sehe mein Km 6 Schild und erkenne, dass ich an diesem Tag nicht mehr gewinnen werde. Kleiner Spaß am Rande! Was für ein Tempo der Topathleten. Puh!

Km 7
Wir laufen in ein Siedlungsgebiet. Ich habe das Gefühl, dass ich langsamer werde. Mich überholen von Km 6 bis 7 einige Läufer_innen. Prüfende Blicke auf meiner Uhr sagen mir aber, dass ich den 6. und 7. Km unter 4 Minuten lief und wenige Sekunden gut machen konnte. Mir fehlen noch 3 Km. Ich rechne im Kopf meine Pace aus, mit der ich es um eine Sekunde noch schaffen würde, um unter 40 Minuten zu bleiben. Sie ist 4:07 min/km. Das Rechnen hilft mir fokussiert zu bleiben. Mittlerweile regnet es in Strömen, der Wind ist zwischendurch immer noch großer Mist. Einige Zuschauer hingegen grillen oder bauen ein Pavillon auf. Ich stelle jetzt schon fest, dass es deutlich weniger Zuschauer als 2016 gibt. Wen wundert das auch bei dem Wetter?

Km 8
Der Wind kommt mir wieder entgegen. Ich kämpfe mittlerweile weiter und habe einen Puls von 96% zu meinem Maxpuls und laufe komplett am Limit. Zumindest dachte ich, dass ich am Limit laufe. Ich spüre tief in mir, dass wird was. So seltsam wie es klingt, in diesem Moment, als ich den 8. Kilometer passierte und auf die Uhr sah, wusste ich, dass ich es schaffen werde. Ich machte nochmal wenige Sekunden gut und durfte nun eine Pace von 4:12 min/km auf den letzten beiden Km laufen und würde es schaffen. In mir flammte der Wille auf alles zu geben, um mein Ziel, einmal unter 40 Minuten zu bleiben, zu erreichen. Ich schaue auf die Uhr, sehe meinen Puls und gehe aufs Ganze und erhöhe das Tempo. Bis zu diesem Punkt lief ich ca. 3:56 – 3:59 min pro Kilometer. Jetzt lief ich 3:50 min pro Kilometer.

Km 9
Zwischen Km 8 und 9 ist der dritte Verpflegungspunkt und trinke zwei Schlucke Wasser. Der Rest vereinigt sich mit dem Regen. Ich beschließe erst bei Km 9 auf meine Uhr zu gucken und bis dahin mich voll auf meinen Körper zu konzentrieren. Als ich das Km 9 Schild passiere, sehe ich auf meine Uhr: 35:31 min. Ich habe noch 4:28 min Zeit für den letzten Km. Ich halte das Tempo. Bei Km 9,5 sehe ich erneut auf die Uhr und beschließe, dass Risiko nicht noch weiter zu erhöhen und halte das Tempo.

Km 10 – Ziel
Ich biege auf die Zielgerade ein und juble. Nach 39:19 min habe ich die 10 km abgelaufen. Bestzeit. Zweites Ziel (von sechs) erreicht, die ich mir vor vielen Jahren selbst steckte. Das erste Ziel war meine Traumzeit auf dem Hermannslauf, die ich 2016 erreichte. Ich gehe nach der Ziellinie aus, freue mich, realisiere es nicht richtig. Ich drehe mich um und sehe immer noch die 39 vorne. Ich weine vor Freude und Glück. Dann höre ich Stimmen, die ich kenne. Susanne und Christian von den Sudbrackläufern rufen mich. Sie stehen am Ziel. Ich bin überglücklich, dass ich mit jemanden den ich kenne den Moment teilen kann. Sie gratulieren mir im strömenden Regen. Ich freue mich sehr, dass sie da sind. Sie müssen aber weiter, denn sie haben noch einen Halbmarathon vor sich.
Ich warte auf Inga, die wenige Minuten nach mir einläuft. Ich erfahre später, dass auch Björn seine Sub 35 geschafft hat. Was für ein Lauf, was für ein Tag. Was ich für mich dort erreicht habe, realisiere ich erst gute zwei Tage später.

Erledigte Ziele (2 / 6)
– Laufe den Hermannslauf einmal unter 2:30h
– Laufe 10 km einmal unter 40 Minuten

Offene Ziele (4 / 6)
– Laufe einen Halbmarathon einmal unter 1:30h
– Laufe einen Marathon einmal unter 3:00h
– Laufe mind. einen Marathon auf jeden der sieben Kontinente (Aktuell: 3 von 7)
– Laufe alle sechs World Major Marathons (Aktuell: 3 von 6)

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Utrecht Halbmarathon 2017 – FatBoysRun Communitytreffen

Freitag, 03. März 2017
Ich kehre aus Japan zurück und lande wieder in Deutschland.

Sonntag, 05. März 2017
Ich begleite Inga auf dem Luisenturmlauf und weiche nicht von ihrer Seite während des Laufes. Ich habe Jetlag, bin müde, aber gehe es als lockeren Lauf an. Meine Beine sind vom Tokio Marathon immer noch schwer, den ich ja nur eine Woche zuvor lief.

Donnerstag, 09. März 2017
Ich beschließe, nach einem Telefonat mit Ariane, definitiv zum Utrecht Halbmarathon zu fahren. Der Hauptgrund ist das FatBoysRun Community-Treffen. Schließlich höre ich die Beiden seit es Folge 3 gibt. Stand Heute gibt es um die 80 Folgen. Sie haben mich also schon lange begleitet und unterhalten und ich möchte die beiden endlich kennenlernen.

Montag, 13. März 2017
Ich habe eine leichte Bronchitis und werde zu zwei Tagen Ruhe von meiner Hausärztin verdonnert. Es ist fragwürdig, ob ich am Wochenende überhaupt wieder fit genug für das Laufen bin. Ich bin traurig

Samstag, 18. März, FatBoysRun Community-Treffen mit Pastaparty
Ich stehe auf und beschließe erst in diesem Moment, dass ich nach Utrecht fahre. Ich bin wieder halbwegs fit, sage ich mir zumindest, fühle ich mich aber unsicher. Gegen 11:00 Uhr geht es los. 250 km später bin ich in Utrecht und treffe Ariane bei der Abholung der Startnummern. Wir teilen uns ein Zimmer, denn das macht es ein wenig kostengünstiger.
Vom Hotel geht es dann zu Philipp, einem der beiden FatBoys vom FatBoysRun Podcast. Ich bin von den Parkplatzpreisen schockiert: Ca. 4 Euro pro Stunde. Ariane und ich diskutieren und beschließen dann, die Gebühr für 5 Stunden zu bezahlen. Wir können das aber nicht, da der Automat nur Kreditkarten annimmt und wir beide darauf nicht vorbereitet waren. Ariane geht schon einmal vor, ich fahre ich das Auto wieder zurück zum Hotel und gehe die knapp 4 km zu Fuß.
Als ich ankam, war ich der letzte eintreffende Gast. Shit happens. Jedoch gab es genug Pasta und vegane Soßen, so dass ich gleich direkt von Philipp mit einem vollen Teller begrüßt wurde. Es begann ein netter Abend, wo ich viele neue, nette Personen kennen gelernt habe und einige sicher dieses Jahr auf der einen oder anderen Veranstaltung wiedersehen werde. Neben vielen netten kleinen Gesprächen mit anderen aus der Community über Ultraläufe, Marathons und natürlich den Hermannslauf. Es gab es auch ein kurzes Gespräch mit René, den zweiten vom FatBoysRun-Podcast, und auch Philipp.
Der Abend verging für mich wie im Flug, bis wir kurz vor 22 Uhr freundlich von Philipp raus geschmissen wurden. Marius und Daniel waren zwei aus der Community, die ich kennenlernen durfte. Sie schliefen im selben Hotel und nahmen uns mit zurück und ersparten uns die 4 km Rückweg zu Fuß. Auf diesem Wege nochmal: Vielen Dank!

19. März 2017
Ariane und ich standen auf und frühstückten mit Daniel und Marius. Daniel lief den ganzen Marathon, Marius hingegen lief den halben, wie Ariane und ich.

Wir fuhren zu viert, in zwei Autos, vom Hotel zum Start. Im Parkhaus angekommen, parkten René und Philipp keine 10 Sekunden später fast neben uns. Gemeinsam gingen wir erst zur Kleiderabgabe und dann weiter in ein Café, wo wir die anderen aus der Community trafen. Nach etwas Schnack und aufwärmen, gingen wir gemeinsam zum Start. Es war wirklich sehr windig und dadurch war es nicht gerade warm. Wenigstens war es trocken und ich hoffte, dass dies zumindest bleibe. Ich war mir sicher, dass auf Grund meiner Erkrankung, meinem mangelnden Training und vor allem auch dem enormen Wind hier keine Bestzeit drin war. Ich beschloss zwischen 1:35 und 1:45h zu laufen, um den Lauf möglichst zu genießen.

Wenige Sekunden vor dem Start bemerkte ich, dass ich im völlig falschen Startblock G stand. Daher lief ich dort raus, komplett um alle anderen Startblöcke herum und konnte ganz kurz vor knapp in meinen Block D einchecken. Puh! Das waren sicher 200m im zügigen Tempo.

Start
Der Start war interessant. Es gab vor der Startlinie eine absichtliche Verengung. Sie hatte ich zwar ab der Startlinie sofort sehr viel Platz, jedoch musste ich bis zum Start Schlange stehen und warten. Dass ich aber direkt viel Raum und Platz hatte, empfand ich auf jeden Fall, als die nettere Option.

Km 0 – 5
Die ersten Kilometer flogen dahin. Wir liefen durch Wohngebiete, schönen Parkanlagen und Fahrradwegen. Es gab hier etwas Publikum. Interessant waren die Elektrolytgetränke. Die Becher hatten einen Deckel mit Strohhalm. Irgendwie war ich es nicht gewohnt so während des Laufens zu trinken.

Km 5 – 10
Einer der für mich wohl schönsten Abschnitte der Strecke war jener zwischen Km 5 und 10. Es ging in Richtung Innenstadt an Grünflächen und Grachten vorbei. In der Innenstadt gab es eine unheimlich gute Stimmung. Gemischt mit engen Gassen und schönen, teils alten Gebäuden.

Dort lief ich auch auf den Pacemaker für den Marathon auf: 3:15h. Ich dachte, ich hänge mich ein wenig dran, änderte aber schon nach 100 m meinen Plan. Der Knubbel um den Pacemaker war schon etwas größer und irgendwie auch ein unangenehmes Gedrängel. Ich beschloss zu überholen und weiter mein Tempo zu laufen.

Bei Km 8 bemerkte ich, dass ein Läufer mich schon länger als Pacemaker nutzte. Ich sprach ihn an. Sein Name war Bart und ich meinte zu ihm, dass ich bewusst ab Km 10 das Tempo raus nehme. Wir unterhielten uns ein wenig. Er erklärte mir, was ich noch von der Strecke zu erwarten hatte: Lange Geraden, viel Natur, wenig bis kein Publikum. Wir quatschten danach über alles Mögliche: Alte Wettkämpfe, Utrecht, Ziele und Pläne. Bei Km 10 nahm ich das Tempo raus und ließ meinen Gesprächspartner ziehen.

Km 10 – 15
Nach gut 42/43 Minuten passierte ich die 10 km. Ich wollte den zweiten Teil des Laufes nur noch genießen und nichts mehr riskieren. Laut Plan, sollte hier bald etwas zu trinken kommen. Ich hatte Durst und ein wenig Hunger. Eine Banane sollte geben. Bei Km 12 kam endlich die Getränkestation, jedoch ohne Obst.

Ich war enttäuscht, aber lief nach etwas Wasser und Elektrolyte weiter. Es hieß doch im Vorfeld, dass es auch Obst für die Halbmarathonläufer_innen geben solle, jedoch gab es sie nicht und dies sollte sich auch nicht mehr ändern. Nicht einmal im Ziel, doch dazu gleich mehr.

Km 15 – 20
Es war schon irgendwie schön durch die Natur zu laufen. Viele hatten mich überholt und es war ok. Wir liefen lange gerade Straßen entlang, durch Felder, an Bauernhöfen vorbei und es gab tatsächlich wenig Publikum. Bei Km 18 blieb ein Läufer plötzlich stehen und wankte und hechelte. Ich blieb sofort stehen und fragte, ob er einen Arzt bräuchte. Er meinte, es wäre alles in Ordnung und er käme klar. Als er weiter wankte, fragte ich nochmal nach, ob er wirklich sicher sei. Seine Atmung klinge nicht gut und er wanke sehr stark. Er verneinte erneut und unterstrich, dass er wirklich keinen Arzt bräuchte. Ich lief los und drehte mich nach 100 m wieder um, und sah ihn langsam traben. Ich war mir nicht sicher, ob es ihm wirklich so gut ginge. Doch nach weiteren 100 m lief ich an einem Arztteam vorbei, die sehr aufmerksam alle anschauten und musterten.

Bei Km 19 überholte mich eine Läuferin, die mit einem Läufer zusammen lief. Aber irgendwie blieben die nun wenige Meter vor mir und liefen nicht mehr schneller.

Km 20 – Ziel
Als der letzte Kilometer anfing dachte ich, dass ich die beiden wieder überholen könnte und entschied mich dazu leicht das Tempo anzuziehen. Auch bemerkte ich, dass ich knapp unter 1:35 bleiben könnte.

Als ich die beiden überholte, zog plötzlich die Läuferin mit. Der Läufer blieb zurück. Bis kurz vor dem Ziel pushte die Läuferin mich und ich sie auf ein gutes Tempo. Wir liefen knapp hinter einander ins Ziel. Ich trabte aus, holte Luft und freute mich auf die Zielverpflegung. Diese Bestand aus Wasser und Elektrolyte. Ich war erneut enttäuscht und ging ohne Essen duschen.

Achja, natürlich konnte man im Parkhaus nur mit Kreditkarte bezahlen und sonst gar nicht. Dank eines freundlichen Läufers, konnte ich ihm die Gebühr in Bar geben und er bezahlte für mich die Gebühr mit seiner Karte.

So sehr ich das Communityevent gefeiert habe und mir die Strecke gefiel, so sehr muss ich klar Kritik an der Verpflegung des Halbmarathons üben. Ich war bis zu diesem Punkt wirklich positiv von dem Wochenende angetan. Wer im Vorfeld Essen für die Läufer_innen verspricht, der sollte es auch einhalten. Dass es nicht einmal etwas im Ziel gab, irritierte mich. Hätte ich das im Vorfeld gewusst, hätte ich entsprechend vorgesorgt und mir etwas mitgenommen. So fuhr ich mit leerem Magen nach Hause und holte mir unterwegs irgendwas an einer Tankstelle.

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Tokyo Marathon 2017

Freitag, 24. Februar 2017
Ich stehe vor zwei Rolltreppen und meine größte Unterstützerin steht neben mir. Unsere Wege trennen sich hier. Ich schaue zu ihr rüber; sie zu mir. Die linke Rolltreppe ist nur für Teilnehmer_innen und die Rechte für alle anderen. Ich fahre rauf und komme in einen Bereich, wo ich freundlich empfangen werde. Ich habe als Ausländer nur ein Pult an dem ich mich anstellen darf. Darüber hängt ein Schild „International Guests“. Alles klar. Das Pult ist leer und ich komme direkt dran. Mein Pass wird geprüft und nachdem der Mann vor mir steht davon überzeugt ist, dass ich der bin, der ich bin, bekommen ich meine Marathonpapiere einen Stempel. Ich glaube, ich habe nun den Passierschein A38 für den Tokio Marathon erhalten. Bei dem Gedanke muss ich Schmunzeln.

Ich darf weitergehen, ganze 10 Schritte, bis eine ältere Frau zu mir eilt. Ich benötige nun ein Sicherheitsbändchen. Mit dem Passierschein, dem Bändchen darf ich 10 Schritte weitergehen und erhalte meine Startnummer und eine zusammengelegte Tüte für die Kleiderabgabe im Startbereich. YEAH! Ich fühle mich langsam wie bei dem Spiel ‚Ich packe meinen Koffer‘. Mit dem Passierschein, dem Armband, der Tüte für die Kleiderabgabe und der Nummer darf ich ungefähr 30 Schritte gehen und erhalte einen leeren Beutel, wo ich alles rein packen darf. Zuvor darf ich den beigelegten Chip testen lassen. Der Monitor des Testgerätes zeigt meine Nummer, mein Namen und ich nicke zufrieden. Mit dem Passierschein, der Nummer, dem Bändchen … Ach wir lassen das. Es gibt noch eine Station, wo ich ein T-Shirt bekomme. Es gibt nach der T-Shirt Station mehrere Tische, wo ich alles einpacken und umpacken kann. Das Angebot nutze ich und packe es zu einem Gesamtpaket. Ich werde weitergeleitet in einen Flur, voller Sicherheitshinweise auf Japanisch. Ich gehe weiter und sehe einen Japaner mit einem Schild auf seiner Brust „English Speaker“. Ich gehe zu ihm hin und lasse mich hinsichtlich der Sicherheitsaspekte aufklären. Sein Englisch, so ehrlich möchte ich sein, ist nicht das Beste. Er bemüht sich redlich und ich bin froh, überhaupt jemanden zu haben, der mit mir Englisch spricht. Er sagt mir, dass der Buchstabe vor meiner Nummer der Startblock ist. Ich starte in C. Er macht mich darauf aufmerksam, dass es bis L geht. Ich müsse also schon recht zügig sein, wenn ich in C starten würde. Gefolgt von einigen Sicherheitshinweisen, die ich abspeichere, gehe ich weiter und treffe Katja, die erwähnte Unterstützerin, wieder.


Sie wartet am Ende, in einer großen Halle wo alle Fotos machen. Auch wir! Gefolgt von einer unglaublich lauten Messe, wo alle schreien. Ich verstehe kaum etwas, wenn ich an einem Stand bin, weil alle so laut waren. Wenn ich dort arbeiten müsste, würde ich Taub und mit Kopfschmerzen abends nach Hause gehen. Wir gehen weiter und erreichten den Asics Verkaufsstand. Ich werde zwar arm werden, aber ich nehme neue Laufkleidung mit. Mit all den Dingen gehen wir zurück ins Hotel. Jetzt sind es nur noch 1,5 Tage bis zum Start des Marathons.

Sonntag, 26. Februar 2017
03:00 Uhr
Hab ich verschlafen? Ein Blick auf den Wecker und die Antwort war nein. Ein kurzer Gang zur Toilette und wieder ins Bett, gefolgt vom Versuch weiter zu schlafen.

05:13 Uhr – Stockende Gedanken
Ich erwache. 2 Minuten vor dem Wecker. Bin Müde, hab keine fließenden Gedanken. Aufstehen, anziehen, präparieren. Das Essen muss rein. Irgendwelche Milchbrötchen aus dem Supermarkt. Egal. Blicke in die Supporter-WhatsApp-Gruppe mit neuen Nachrichten. In Deutschland ist es acht Stunden früher. Freue mich und antworte. Überprüfe, ob alles in meiner Tasche ist. Nummer, Chip, Mütze, Sicherheitsarmband, Wechselkleidung, Handtuch, U-Bahn-Ticket. Überprüfe es nochmal. Immer noch Gedanken, die wie gestückelt wirken. Verabschiede mich von meiner größten Unterstützerin mit einem Kuss. Hoffe sie kann wieder einschlafen. Gehe los.
Verpasse die U-Bahn um wenige Sekunden. Muss warten, Zeit vergeht nicht. Sehe andere Läufer. Hoffe bald richtig klare Gedanken wieder zu fassen. Wach bin ich. Glaube ich zumindest.
Fahre U-Bahn. 40 Minuten. Nach und nach gibt es immer mehr Läufer_innen in der Bahn. Bin wohl richtig eingestiegen. Steige aus und denke mir: Ein Klo im S-Bahnhof ist besser als jedes Dixi. Super Idee. Hatten wohl auch viele andere. Muss warten…

07:14 Uhr – Ankommen
Als ich das Klo verlasse, fühle ich mich deutlich besser. Die Massen an Läufern und die frische Luft geben mir endlich die Möglichkeit klarer zu denken. Seit 7 Uhr dürfen die Läufer in den Startbereich. Es gibt sechs Gates, also Zugänge. Jeder Läufer und jede Läuferin darf nur über ein ganz bestimmtes Gate eingelassen werden. In meinem Fall ist das Gate Vier. Als ich kurz vor dem Gate war, sehe ich das viele Läufer_innen umpacken, sich umziehen und zum Sicherheitscheck gehen. Ich leere meine Wasserflasche in wenigen Zügen und schmeiße sie vor dem Sicherheitscheck in eine Tonne, weil ich das muss. Sicherheitsbestimmungen.

Der Einlass ist schnell, auch der Sicherheitscheck, da es keine langen Schlangen gibt. Nun geht es zur Kleiderbeutelabgabe, damit ich trockene Kleidung im Ziel habe. Danach noch zwei schnelle Fotos für den offiziellen Fotodienst und weiter zu den Verpflegungsständen. Eine halbe Banane und ein halbvoller Becher mit Wasser sind schnell im Magen verschwunden. Weiter geht es zum Startblock C. Es geht von A bis L. Wobei A die schnellsten Läufer enthält.


08:10 Uhr – Im Startblock
Ich bin 60 Minuten vor dem Start, und ca. 30 Minuten vor dem Schließen der Startblöcke im Block C und stelle mich vorne rein. Es ist sehr kalt, da unser Block im Schatten der Hochhäuser steht. Ich friere. Nein, wir alle frieren und warten. Um 8:40 sehe ich heran sprintende Läufer_innen, da die Blöcke kurz davor sind geschlossen zu werden.

Neben mir erscheinen die Pace-Maker für 3:30 Stunden als Zielzeit. Zwischen Block A und B stehen die 3:00 Stunden Pace-Maker. Um 8:50 Uhr sind dann wirklich alle Blöcke zu und die Unterscheidung der Blöcke wird aufgehoben. Alle rücken auf. Es gibt die Nationalhymne Japans, Ansprachen und um 9:05 Uhr den Start der Handbiker. Ich schaue mich kurz um, sehe einen männlichen Sailor-Moon, Pikatchu, Ruffy aus One Piece und viele andere Kostüme. Meine Anspannung steigt mitten in Tokio, neben dem Rathaus. Es ist ein Moment der mir Ehrfurcht abverlangt.

9:10 Uhr – Start des Marathons
0 km
Der Start des Marathons erfolgte durch Konfetti-Kanonen. Von rechts und links der Strecke abgeschossen, trafen sie sich in der Mitte über den Läufer_innen. Doch damit endete es nicht. Es gab Brücken zwischen Gebäuden und von der Brücke direkt über dem Start wurde eine weitere abgeschossen. Es sah sehr beeindruckend aus. Wir gingen alle langsam los und an einer riesigen Tribüne vorbei, die vor dem Tokioer Rathaus aufgebaut war. Das gehen sollte für mich keine zwei Minuten dauern, bis ich auf der Strecke war und lief.

Km 0 bis 10
Die ersten 10 Kilometer lassen sich schwer in Worte fassen, weil die Emotionen so intensiv und unterschiedlich waren. Auf der einen Seite entschloss ich mich per Puls zu laufen und blieb bei einem GA2 (Grundlagenausdauerbereich 2) Puls von um die 80% bis 82%. Ich muss mich immer wieder richtig bremsen und runter fahren vom Tempo. Auf der anderen Seite waren diese ersten 10 Kilometer annähernd einmalig und lassen sich nur mit den Kilometern in Manhattan beim New York Marathon vergleichen. Die Massen an Zuschauern, die Stimmung puschten einen so sehr, dass man gerade hier in Tokio enorm aufpassen musste, nicht direkt zu schnell zu laufen. Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass es einigen passiert sein dürfte. Mir fiel es unheimlich schwer entspannt und locker zu bleiben. Diese Jubel, diese Anfeuerungen, dazu das wirklich perfekte Laufwetter. Wir hatten um die 10 Grad bei blauem Himmel und kaum Wind. Die Menschen standen in mehreren Reihen hinter einander und feuerten an. Ich sah wie einige an mir vorbei sprinteten und liefen als wäre der Teufel hinter ihnen her. Ich hatte die ersten Kilometer fast durchgängig Gänsehaut wusste oft nicht wohin ich gucken sollte, welche Reize ich gezielt aufnehmen sollte. Diese Rennphase war so unglaublich reizüberflutend. Ich war froh, dass Katja nicht extra zum Start gekommen war. Ich hätte sie höchstwahrscheinlich nicht gesehen oder gefunden. Vor allem das Läuferfeld war zu diesem Zeitpunkt natürlich noch sehr kompakt auf der Straße. Dazu kommen noch die Impressionen der Häuserschluchten, die das Gesamtbild eines großen Marathons abrundeten.

Nach ungefähr 7,5 km gab es eine Streckenteilung, wo die Läufer_innen der 10 km Distanz von den Marathonläufer_innen getrennt wurden. Das sah etwas seltsam aus, da die sehr wenigen, ja gar nur einzelne Teilnehmer_innen der Kurzdistanz fast die halbe Straßenbreite hatten und alle Marathonläufer_innen die andere.

Ich beendete meine ersten 10 Km in genau 45:00 Minuten. Die Zeit verging wie im Flug. Gefühlt nahm die Begeisterung der Menschen nicht ab. Die Zuschauer standen natürlich nur noch einreihig, aber sie waren unverändert motiviert am jubeln, schreien und anfeuern. Hätte ich mich von der Stimmung frei tragen lassen und mich nicht kontrolliert, hätte es sicher auch eine 40/41 Min Zeit werden können. Aber wozu? Ich hatte noch 32 km vor mir und ein besseres Preis/Leistungsverhältnis.

Km 10 bis 16
Bei Km 11 traf ich Katja, die mir zuwinkte. Wir hatten vereinbart, dass ich versuche immer einen kurzen Status Update zu geben. Hier war er „Ich laufe auf eine 3:10h Zielzeit.“
Ich sah auf die Gegenfahrbahn und las das „Km 27“ Schild. Wenn ich dort erst einmal bin. Das dauert aber noch mehr als eine Stunde, dachte ich. Es ging weiter. Bis Km 16 nahmen gefühlt die Euphorie und die Genialität des Laufes nicht ab. Bei Km 15 gab es den ersten U-Turn.

Wir liefen erst auf einen alten Schrein zu, der umhüllt von hohen Gebäuden war. Dann ging es um 90 Grad nach rechts und es kam wie aus dem Nichts der Skytree in Tokio einen in den Blick. Nach wenigen Metern ging es wieder um 90 Grad nach rechts und plötzlich befand ich mich auf der Gegenfahrbahn der Straße, die ich zuvor belief. Erst da realisierte ich langsam, dass wesentlich mehr Menschen hinter mir sind, als vor mir. Die Straße war viel voller. Bei mir war es schon gut und entspannt laufbar, aber hinter mir schien es ein höheres Gedränge zu geben. Bei Km 15,5 gucke ich auf die Uhr und dachte mir, dass die Weltspitze nun sicher ungefähr bei Km 25 sein musste. Als ich in eine Links Kurve einbog zwischen Km 16 und 17, sah ich plötzlich wieder leere Straßen auf der Gegenfahrbahn und das Schild „Km 25“. Was soll ich sagen? Die Weltspitze kam in dem Moment mir entgegen.

Km 16 bis 21,1
Nun war ich bei Km 17. Auf der Gegenfahrbahn las ich etwas später das Schild Km 24. Auf der Gegenfahrbahn sah ich vereinzelte kleinere Gruppen. Die liefen sicher auf eine 2:20h oder 2:30h Zielzeit, zumindest dachte ich mir das. Auf diesem Abschnitt war die Stimmung weitaus gedämpfter und weniger laut. Natürlich gab es immer noch unzählige Menschen die am Rand standen, doch mit mehr Ruhe und Zurückhaltung. Wenn sie jemand sahen, den sie kannten, dann rasteten die Japaner total aus. Ich erschreckte mich das eine oder andere mal, weil sie plötzlich, aus dem Nichts völlig aus dem Häuschen waren, schrien und rumsprangen.

Bei Km 19, auf einer kleinen Brücke, war mein zweiter Treffpunkt mit Katja. Ich sagte ihr, dass ich nun langsamer laufen werde. Ich merkte, dass ich schon kleinere Probleme mit den Beinen hatte. Es schien als wenn es für meinen Körper kein idealer Tag gewesen war. Meine Oberschenkel zwickten hier und da. Bei Km 20 hatte ich genau 1:30h auf der Uhr. Da ich das Tempo bewusst raus nahm, wusste ich nicht, wie viel Zeit ich liegen lassen würde. Mit meiner Halbmarathonzeit lief ich weiterhin grob auf eine 3:10h Zielzeit hinaus. Doch, dass sollte sich ja nun ändern. Spätestens bei km 30 sollte es sichtbar sein, dass es nichts mehr mit einer 3:10h wird. Dieser zweite von insgesamt 3 U-Turns war deutlich leiser beim Publikum und weniger spektakulär.

Km 21,1 bis 26
Nach dem zweiten U-Turn ging es zurück zu jenen Punkt, wo ich die Weltspitze sah. Je weiter ich lief, umso voller wurde die Gegenfahrbahn. Ich dachte, es gehe kaum noch voller, doch ich hatte Unrecht. Irgendwann durchfuhr mich das Bild einer dahin fließenden, riesigen Masse. Um mich herum geschah genau das Gegenteil: Es wurde immer leerer. Ich hatte unglaublich viel Platz und es wurde immer einsamer.

Bei Km 22 traf ich Katja wieder. Selbe Brücke wie bei Km 19, nur auf der anderen Straßenseite. Ich war sehr froh sie zu sehen und jemanden da zu haben, der mich unterstützte. Damit war das dritte von fünf geplanten Treffen auf der Strecke absolviert.

Immer wieder sah ich mich um und konnte nur schwer den Umstand greifen, dass ich in Tokio, auf der anderen Seite der Welt, gerade laufe. Was ich in diesem Abschnitt endlich begriffen hatte, war das Klo-System für die Läufer. An jedem Klo stand ein Helfer mit einem Schild auf dem zum Beispiel „Next Toilet 200m“ stand. Ich verstand endlich, dass diese Schilder auf aktuelle bereitstehende Toiletten hinwiesen, aber auch klar zeigten, wann die nächsten kamen. Die Toiletten waren Dixis, die hinter den Zuschauer standen, jedoch mit frei gehaltenem Ein- und Ausgang. So etwas ist wirklich hilfreich und jetzt wo ich darüber nachdenke, wünsche ich mir so eine Hilfe überall auf den Marathons.

Bei Km 25 guckte ich rüber auf die Km 16 Marke, da wo ich die Weltspitze gesehen hatte. Die Straße bei Km 16 war immer noch sehr voll. Unglaublich wie viele Menschen hinter mir liefen. Kurz nach Km 25 bogen ich links in eine Straße. Nun war die Gegenfahrbahn mit jenen Läufer_innen gefüllt, die nun ungefähr bei Km 12,5 waren. Hier wurde deutlich mehr gewalkt und die Straße war weniger voll.

Km 26 bis ‚Mann mit dem Hammer‘
Bei Km 26 / 27 erkannte ich die offiziellen Schlussläufer, die ungefähr Km 11 passierten. Hinter Ihnen räumten Aufräumtrupps mit hohem Tempo eine Verpflegungsstelle auf. Neben ihnen fuhren große Müllwagen. Hinter den Müllwagen war der Besenbus. Wem der Begriff des Besenbuses nichts sagt, dem sei kurz dies erklärt. Der Besenbus bildet den Abschluss des gesamten Feldes und sammelt all jene ein, die es zeitlich oder warum auch immer nicht mehr schaffen einen Lauf erfolgreich zu beenden. Ich war traurig, als ich erkannte, dass in dem Bus schon Personen drin saßen. Der Bus hatte gute 500 bis 800 m Abstand zu den Schlussläufern.

Ich war vor dem Marathon skeptisch, ob das wirklich schön ist, wenn eine Strecke drei U-Turns hat und alle im Grunde drei lange Straßen hin und wieder zurück liefen. Aber ich muss sagen, dass ich an diesem Moment das wirklich zu schätzen wusste. Ich wusste nach jedem U-Turn was kommt und es war einfach unglaublich spannend für mich das Feld vor mir, aber auch hinter mir zu sehen. Zudem ist Tokio mir so unbekannt, dass ich auf jedem Rückweg immer etwas neues entdeckte und Bilder, wie das Aufräumen eines Verpflegungspunktes genauso interessant waren, wie die Weltspitze laufen zu sehen.

Leider sah ich meine Supporterin nicht bei Km 27. Wie sie mir später im Hotel erklärte, hatte sie ein dringendes Verlangen nach einem Klo. Das hatten leider auch sehr viele andere Zuschauer und sie verlor eine Menge Zeit und kam nicht mehr rechtzeitig zum Treffpunkt. Als sie auf Facebook die Service Nachricht sah, dass ich schon bei Km 30 durch bin, fuhr sie weiter zum letzten Treffpunkt.

Bei Km 30 war ich immer noch offiziell auf einer Zeit von 3:15h unterwegs. Meine Beine waren aber schwer und ich merkte, wie schon der Mann mit dem Hammer neben mir auftauchte und mich mit seinem fiesen Grinsen ansah. Dreckiger Typ sag ich euch. Ich konnte noch zwei Kilometer vor ihm fliehen, doch bei Km 32 war es dann soweit. Er stellte sich vor mich, lächelte, zwinkerte mir zu und schlug auf mich ein. BÄM! Ich war k.o. Was jetzt?

Km ‚Mann mit dem Hammer‘ bis 40
Bei Km 32,5 kam eine Verpflegungsstation. Ich nahm Elektrolyte und blieb stehen, das erste Mal. Während dieses Verpflegungspunktes wollte ich nicht weiter laufen, sondern mich richtig aufbauen und etwas erholen. Der Schlag mit dem Hammer saß und das spürte ich. Aus etlichen anderen Läufen weiß ich: Ruhe bewahren, aufpeppeln und durchatmen. Ich aß ein Stück Apfel, es gab M&Ms und Traubenzucker. Alles wurde mit Wasser ordentlich nachgespült. Ich trabte wieder langsam an. Dabei beschloss ich, dass ich mir keinen Zeitstress oder -druck mache. Ich war in Tokio. ALTER! Ich war um die halbe Welt gereist, nur um hier Spaß zu haben, also hatte ich jetzt Spaß. Nix Stress! Nix Druck! SPASS! Mir diesen Umstand so klar zu machen, half enorm. Ich nahm erheblich das Tempo raus, aber ich lief. Mein Ziel war es, bis auf die Versorgungsstationen durchzulaufen.

Es gab hier auch immer wieder Phasen, wo sehr viele Personen am Rand standen und eine Totenstille herrschte. Dann gab es Phasen, die extra markiert schienen, in denen die Personen richtig Stimmung machten und rumschrien. In dem Abschnitt zwischen 30 und 40 waren die wenigsten Zuschauer. Ich hatte schon erwartet, dass in dieser U-Turn Schleife weniger los sein würde. Die S-Bahn Verbindung war schlechter. Das hatte ich vorher extra nachgesehen, da Katja und ich Treffpunkte ausgemacht hatten. Ich wünschte mir zwar, dass sie irgendwo zwischen Km 30 und 40 stand und mich anfeuerte, doch es machte einfach keinen Sinn. Ich hatte zu ihr gesagt, dass es hier kaum Publikum geben wird, da die Zuschauer_innen natürlich ihre Angehörigen eher vor dem Ziel sehen wollen. Auf Grund der mauen S-Bahn Verbindung in diesem Abschnitt war das aber kaum rechtzeitig möglich.

Irgendwann bei Km 35,5 kam ich in die letzte U-Turn Schleife. Nun ging es wieder komplett zurück. Im Grunde durfte ich diese Straße nun knappe 6 Km entlang laufen und dann sollte da irgendwo das Ziel stehen. Gesagt, getan. Ich blieb an Wasserpunkten nicht stehen, sondern trank im Gehen. Bei den Verpflegungspunkten, die mehr als nur Wasser anboten, blieb ich kurz stehen und aß etwas. Die Helfer an diesen Punkten munterten mich auf, dass sah ich in ihren Gesichert. Ihre Rufe habe ich auf Grund mangelnder Kenntnisse der japanischen Sprache nicht verstanden. Ich lächelte zurück, nickte und hoffte, dass meine Reaktion nicht beleidigend war.

Ich war glücklich und tief in meinem inneren Zufrieden. Mir hing dieser miese Hammerschlag noch nach, aber bei Km 36 ging es mir langsam besser und ich beschleunigte sogar wieder. Bei Km 38 verfluchte ich das fehlende Km 40 Schild und fragte mich, wieso es nicht käme. Bei Km 39 verfluchte ich meine Beine. Bei Km 40 verfluchte ich meine Uhr, weil diese schon bei Km 42,5 war und mich seit Beginn des Laufes völlig veräppelte.

Aber halt. Moment. Sekunde. Ich war bei Km 40. Yeah. Das Tal der Tränen war nun hinter mir. 2,195 km lagen vor mir und ich erkannte, dass ich bei ungefähr 3:15h nun war. D.h. ich hatte noch 20 min für diese Distanz, um eine neue Persönliche Bestleistung zu erreichen. Das gab mir neuen Auftrieb, zu wissen, dass dies mein bisher schnellster Marathon werden sollte. Ich guckte nach rechts, auf die Gegenfahrbahn (in Japan ist Linksverkehr). Dort war die Straße sehr voll und alle Läufer_innen waren gerade bei Km 31. Ich wünschte ihnen, dass sie besser durch diesen letzten Abschnitt kämen.

Km 40 bis Ziel
Ich hatte so viele Eindrücke, dass ich gefühlt zügig Km 41 erreichte. Dort irgendwo zwischen 41 und 42 sollte Katja stehen. Ich fragte mich, wie der letzte Kilometer werden würde. Er ist in Berlin durch das Brandenburger Tor etwas Besonderes und in New York durch den Central Park auch. Kurz nach dem Km 41 Schild lief ich in eine Allee mit hohen Häusern, wieder vielen Zuschauern und einer unglaublich guten Stimmung.


In der Menge der Zuschauer winkte und schrie Katja mir zu. Ich winkte zurück, lief zu ihr, klatschte sie mit einem High Five ab, warf ihr einen Luftkuss zu und schrie: „WAS EIN LAUF! BESTZEIT!“ Sie schrie irgendwas zurück, was ich nicht verstand. Es war wirklich laut. Aber es beflügelte mich noch einmal anzutreten. Diese letzten 500 m kannte ich zufälligerweise vom Vortag, da wir hier zu Fuß waren, um uns alles anzusehen. Ich schaute nach links und rechts, ich lachte, grinste und wurde emotional. Die Strecke bog nach Links ein und da war es: Der Bereich, wo man auf den Kaiserpalast sah und das Ziel. Es waren nur noch wenige Meter. Es gab eine Anzeige, die uns die Siegerzeit „2:03:58“ darstellte und darüber die aktuelle Zeit.

Viele, aber nicht alle, jubelten, schrien und freuten sich. Als ich hinter der Ziellinie war zeigte ich kurz den Daumen hoch in meine Kamera. Danach schaltete ich die Kamera aus. Dieser Moment danach im Ziel, der gehört mir und wird an dieser Stelle nicht geteilt.

Der wohl am meisten bewegende Moment war nach dem Ziel
Und als ich mir meinen Moment genommen hatte, ging ich weiter. Schließlich wollte ich meine trockene, warme Kleidung haben und natürlich die Medaille. Ich ging und ging und ging und nichts geschah. Wir Läufer_innen wurden gleich geteilt anhand der Farbe der Nummer. Je nach Farbe gab es woanders die Kleidungsbeutel. Ich ging gute 500 m bevor ich ein Finisher Handtuch bekam, einige Meter danach eine Wärmedecke, dann nach einigen Metern eine Flasche Wasser, danach eine leere Plastiktüte. Ich fühlte mich so unfassbar an die Ausgabe der Startnummer erinnert. Diesmal hieß es: Ich packe meine Finisher-Versorgungstüte. Tatsächlich gab es Stände mit Bananen, Brote und anderen Kleinkram. Erst nach der Versorgung und nach fast einem Kilometer gab es die Medaille. Ich sah links nämlich die Stelle, wo das Km 41 Schild stand.

Hier wurden wir nochmals nach der Farbe der Startnummer getrennt. Irgendwann sah ich endlich den Weg zu meiner Baggage Claim (Rückgabe des Kleiderbeutels). Ich war völlig in Gedanken, wo ich gleich noch hin wollte und wie ich am besten zur S-Bahn komme, die mich ohne Umweg zum Hotel bringen würde. Ich konzentrierte mich schon völlig auf die Abreise bis zu jenen Moment, wo ich bemerkte, dass der Läufer vor mir plötzlich beklatscht wurde von den Helfer_innen beim Baggage Reclaim. Ich dachte: „Na wenn da jemand nicht Bekannte stehen hat.“ Doch die Helfer_innen hinter den ersten machten weiter. Dann klatschen sie mir zu, gratulierten mir. Jeder tat das. Viele gaben mir ein High Five, aber alle klatschten und gratulierten mir. Der Baggage Reclaim für Orange war sicher gute 80 m lang. Alle standen Spalier und bejubelten jeden einzelnen der da durch ging. Es lief mir kalt den Rücken runter und ich war völlig überfordert, weil ich absolut nicht damit gerechnet hatte. Das war der für mich der wohl am meisten bewegende Moment, weil ich alles was ich hinter der Ziellinie fühlte, hier wieder hochkam und noch einmal getoppt wurde. Danke an die Japaner_innen, die mir diesem unvergesslichen Moment an Freude und Glück geschenkt haben. Ich werde dies niemals vergessen.

Nachdem ich meinen Kleiderbeutel bekommen hatte und im Bereich hinter der Kleiderabgabe gestanden hatte, zog ich mir fix warme Sachen an, ging zu Seiko, um an der Finisher-Aktion teilzunehmen. Jeder der wollte, durfte ein riesiges Plakat beschreiben, mit seiner offiziellen Finisherzeit. Diese wurden am Folgetag in den U-Bahnen aufgehängt. Ich fand die Aktion sehr toll und nahm dran teil.

Danach ging es direkt ins Hotel zu Katja und zur Dusche. Endlich duschen, endlich ausruhen und die vielen Eindrücke verarbeiten. Danke Tokio, ich werde davon lange zehren. Ich hoffe wir sehen uns wieder.

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