Hannover Halbmarathon 2018 – Die Entscheidung zu Scheitern

Diesen Eintrag widme ich zum einen Sven Domke, der sich enorm dafür eingesetzt hat, dass Sina und ich beim Hannover Halbmarathon gestartet sind. Sven war ein Botschafter des Laufes und ich muss sagen, dass er diese Aufgabe wirklich mit Biss erfüllt hat.
Außerdem widme ich diesen Eintrag Ariane Elsner. Du bist die Heldin des Tages gewesen. Deine Anwesenheit, deine Unterstützung und Aufopferung waren unglaublich.
Vielen Dank an Euch Beide! Ohne Euch würde es diesen Bericht nicht geben.

08. April 2018
Ich möchte diesen Bericht von dem Hannover Halbmarathon anders schreiben, als ich sonst meine Laufberichte verfasse. Ich habe eigentlich über diesen Lauf nichts zu sagen, aber auf der anderen Seite habe ich unglaublich viel zu berichten.
Ich persönlich mag Laufberichte, die nach und nach aufzeigen, wie sich das Gemüt und die Stimmung verändern. Mal ist alles gut und mal ist es eben schlecht gelaufen. Dieser Bericht soll über das Scheitern gehen. Okay, ich gebe es direkt zu, scheitern ist hier wohl das falsche Wort und dennoch werde ich es verwenden. Ich scheiterte, eben weil ich mein Ziel nicht erreicht habe. Aber wovon ich genau rede, folgt nun.

Vor dem Start
Vor dem Start suchen Sina und ich nach Sven und finden ihn nicht. Dafür treffen wir Ariane. Die kam mit einem Fahrrad und einem kompletten Verpflegungsprogramm. Hunger? Durst? Nicht mit ihr! Sie wollte an mehreren Stellen auf uns warten und entsprechend anfeuern. So sollte es auch kommen und dazu gleich mehr.

Sina und ich gehen in unsere Startblöcke, begleitet von Ariane. Einer meiner ersten Gedanken im Block: Es ist warm. Mist. Den Start der Marathonläufer um 9 Uhr hatten Sina und ich noch gesehen. Da diskutierten wir schon darüber, dass die Temperatur kritisch wird. Unser Start soll um 10:45 Uhr sein. Wir werden also in die Mittagshitze rein laufen. An einem warmen und sonnigen Tag zu laufen, ist an sich schön. Nicht aber, wenn man 2 Wochen vorher noch bei Minusgraden und voller Winterlaufmontur gelaufen ist. Ich glaube mich zu erinnern, dass die Temperatur binnen 2 Wochen um mehr als 30 Grad angestiegen ist. Ich ahnte schon, dass es für mich und wahrscheinlich auch für manch anderen ziemlich anstrengend werden dürfte, weil so ein Temperaturwechsel als Läufer in so kurzer Zeit doch anspruchsvoll zu verkraften ist. Ich habe zumindest damit öfter meine Probleme.

Wir, Sven, Sina und ich, hatten an dem Tag unsere Ziele. Sven wollte unter 2:00h beim Halbmarathon bleiben. Sina unter 1:45h und ich unter 1:30h. Eines möchte ich direkt vorweg nehmen: Dieser Blogeintrag wird kein Happy End haben. Ich meine, der Untertitel verrät es schon: „Die Entscheidung zu Scheitern“.

Die Bedingungen
Es gibt ingesamt 5 Blöcke, die alphabetisch durchnummeriert sind. Im Block A sind die Schnellsten des Feldes und in Block E sind die Langsamsten des Feldes zu finden. Ich stehe im B Block des Hannover Halbmarathons. In Block A und B stehen unter anderem die Teilnehmer_innen der deutschen Meisterschaft im Halbmarathon.
Ich ärgere mich, dass ich mich über den Verein nicht angemeldet habe. Aber so ist das manchmal, insbesondere, wenn die Entscheidung an diesem Lauf teilzunehmen so kurzfristig gefallen ist. Erst fünf Tagen vor dem Start nahmen wir das Angebot von Sven an. Er bot uns zwei Startplätze an, die eben kurzfristig frei wurden. Sina und ich hatten eigentlich beschlossen nicht an diesem Lauf teilzunehmen. Hier geht wirklich ein Dankeschön an Sven, der wie verbissen immer wieder fragte und eben mit dem Angebot von zwei Karten kurz vor dem Start uns überzeugte.
Das sollte der erste schnelle Halbmarathon seit vier Jahren für mich werden. Ich hatte also mein altes Ziel ausgepackt. Ich wollte unter 1:30h bleiben und das zum ersten Mal. Wer nicht wagt, ist schon gescheitert. An diesem Punkt lag es also schon einmal nicht.

Tapering? Pah! Dafür habe ich keine Zeit. Ich hatte schon drei Wettkämpfe in den letzten 15 Tagen gemacht: Ibbenbürender Klippenlauf (sehr gute Zeit gelaufen), Paderborner Osterlauf (neue persönliche Bestleitung über 10 km aufgestellt) und der A33 Autobahnlauf über 10,2 km, wo ich Sina pacte.

Fazit: Läuft! Ich würde sagen, ich hatte die besten Voraussetzungen um mein Ziel anzugreifen und gepaart mit diesem herrlichen Wetter waren es geradezu ideale Bedingungen. Ich hoffe, ihr liest den Sarkasmus in dem aktuellen Abschnitt heraus.

Das Rennen
Der Startschuss fällt und ich laufe los. Ich nehme mir eine Pace von 4:09min pro Km vor. Das entspricht einer Zielzeit von 1:27:30h ca. Ihr denkt, dass ist zu schnell? Nein! Auf Basis meiner aktuellen Leistungen ist das realistisch.

Die ersten 5 Km laufe ich fast genau in der Pace und benötige 20:46 min. Also liege bis auf eine Sekunde exakt in meinem Plan. Ich muss aber ehrlicherweise sagen, ich quäle mich. Schon beim dritten absolvierten Kilometer dachte ich: „Das wird heute nichts.“ Ich spüre es: Es ist mir zu warm und es läuft nicht rund. Mimimi. Natürlich hätte ich versuchen können mir einzureden, dass es schon wird und ich es schaffen werde. Aber tief in mir weiß ich es schon beim beim dritten Km: Das wird nichts! Dennoch denke ich mir, ich probiere es. Bis Km 10 ziehe ich die Pace durch und gucke, wie es mir geht und sehe weiter. Vielleicht habe ich bis dahin einen Rhythmus und es geht mir gut? Vielleicht brauche ich einfach nur einige Kilometer bis es läuft. Das ist der einzige Strohhalm an den ich mich Kralle. Fotos mache ich in dieser Phase keine mehr. Warum trag ich sie eigentlich mit mir rum?
Die Sonne brennt von oben und von unten strahlt der Asphalt zusätzlich die Wärme zurück. Na super, denke ich mir. Warum bin ich hier? Warum tue ich mir das an? Achja … ich will unter 1:30h laufen.

Zwischen Km 5 und Km 10 setzt mir die Hitze zu. Die Strecke ist nicht so pralle, die Stimmung nur punktuell gut und Schatten ist Mangelware.
Mein erstes und einziges Highlight in dieser Rennphase habe ich ungefähr bei Km 7. Ich freue mich Ariane zu sehen. Sie macht ordentlich Stimmung und bejubelt mich. Sie hält ein Schild hoch. Noch nie hat jemand ein Schild am Streckenrand für mich hochgehalten. Weiß sie das eigentlich? Ich tippe nicht. Ich freue mich richtig darüber und ziehe daraus tatsächlich Kraft. Doch die wenigen Meter Freude können nicht über das Leid der anderen Kilometer hinweg täuschen. Ich kann kaum einen Meter genießen. Ich versuche die Pace zu halten, doch … ach ich möchte es nicht schön reden. Ich kann es nicht. Es ist echt ein großer Mist. Nach 42:04 min erreiche ich die Km 10 Marke. Für eine Zeit unter Sub 1:30h würde das immer noch reichen. Doch die Zweifel werden immer größer. Hier laufe ich auf das Schlussfeld des Marathons, die schon bei Km 25 sind. Die durften einige Schleifen mehr laufen, daher ist es überhaupt erst möglich, so schnell auf das Schlussfeld aufzulaufen, schließlich sind sie 1:45h früher gestartet. Ich sehe in ihren Gesichtern, wie sie leiden und kämpfen. Ich empfinde aufrichtiges Mitleid für sie. Ich habe in diesem Moment nicht unbedingt Lust einen Marathon laufen zu wollen. Denke ich das gerade wirklich? Ich? Der den Marathon als Herausforderung so liebt? Ja! Meine grundsolide Motivation hat sich an den Rand gesetzt, natürlich dort wo Schatten ist, und winkt mir jetzt hinterher.
In diesem Moment habe ich folgenden Gedanken: „Was mache ich hier eigentlich? Geh mal einen Schritt zurück und reflektiere die Situation.“ Ich denke nach und frage mich: Was möchte ich und was ist mir wichtig? Ich möchte Gesund ins Ziel kommen und mir ist eine neue persönliche Bestleitung auf der Halbmarathonstrecke wichtig. Noch wichtiger ist der Hermannslauf, der in drei Wochen nach diesem Halbmarathon sein wird. Mir wird bewusst, dass ich mein Ziel erreichen kann, doch auf Kosten meiner Gesundheit und/oder Fitness. Die Hitze ist gefährlich und wer weiß, wie sehr sie mir zusetzt. Schließlich laufe ich gerade am Limit. Diese Reflektion dauert ungefähr 1,5 Km. Meine Entscheidung war endgültig zwischen dem 11. und 12. Kilometer. Ich nehme sofort das Tempo raus und reduzierte meine Laufgeschwindigkeit auf eine 4:50 min/km Pace. Die Pace bei der ich im Training auch auf flacher Strecke im GA1 (Grundlagen Ausdauer Stufe 1. Sowas wie ein lockerer Lauf, der nicht anstrengend ist) laufen kann. Es geht mir nicht gut und gerade ist mir meine Gesundheit am wichtigsten. Ich bin traurig, aber nicht deprimiert, als ich das Tempo rausnehme. Ich denke, dass es eben nicht der Tag sein soll. Mein Tag wird sicher kommen, an dem ich dieses Ziel erreiche, nur eben nicht heute. Das ist meine Entscheidung, eben an meiner Zielsetzung zu scheitern. Ich atme tief durch und versuche erst einmal meinen Puls runterzubekommen und meinen Zustand zu verbessern.
Bei Km 12,5 überholt mich der offizielle 1:30h Paceläufer. Ich schaue ihn mir an und bin wieder traurig. Es gibt da diese eine Sekunde, wo ich direkt wieder antreten möchte, um mein Ziel doch zu erreichen. Ich habe mich aber entschieden. Ich spüre, wie ich leicht nicke, um mir zuzustimmen. So lasse ich ihn ziehen, schweren Herzens.
Kurz nach diesem Moment kommt der nächste Verpflegungspunkt. Ich greife zu Wasser und einem Isogetränk und gehe. Ich brauche dieses Gehen, um nicht in die Versuchung zu verfallen, wieder schneller zu laufen. Ich möchte den 1:30h Pacer aus meinem Blickfeld verlieren. Außerdem soll diese kurze Gehpause mir helfen, meinen Puls runterzubekommen und mich etwas zu erholen. Nach einigen Schritten im Gehen, trete ich wieder meine 4:50 Pace an. Ich beschließe meine Kamera wieder raus zu holen und einige Fotos zu machen.

Es dauert gute zwei Km bis es mir wirklich besser geht. Ich sehe mir die Menschen um mich herum an. Sie leiden ebenfalls. Einige schreien vor Schmerzen durch Krämpfe. Sie humpeln an den Rand und dehnen ihre Waden. Andere gehen resigniert und mit gesenktem Kopf. Andere sehen völlig fertig und erschöpft aus. Fast niemand scheint die Hitze locker hinzunehmen. Die meisten hatten mit der Hitze Probleme.
Und irgendwann, als ich mich eben umsehe, so zwischen Km 14 und 15 erblicke ich eine Person, die ich kenne: Stefanie Strate. Eine herausragend gute Läuferin, die ich mehr vom Sehen und wenigen Wortwechseln kenne. Wir sind immer mal wieder auf den gleichen Läufen oder Meisterschaften gewesen. Sie geht auf dem Bürgersteig und entgegengesetzt der Laufrichtung.
Ich rufe ihr zu, was los sei und ob sie Hilfe braucht. Sie dreht sich zu mir um, erkennt mich und kommt zu mir. Ich gehe ihr entgegen, so dass ich niemanden auf der Strecke behindere und bleibe am Rand des Bürgersteiges stehen.
Stefanie erklärt sich, dass sie Magenkrämpfe hat und aufgegeben hat. Wir reden kurz. Ich erkläre, dass ich locker ins Ziel laufen werde. Seit Km 11 ist der Wettkampf für mich vorbei und ich möchte nur noch Gesund und heile ankommen. Ich biete ihr an, sie bis ins Ziel zu begleiten. Mir sei die Zeit völlig egal und daher auch meine Pace und zu zweit ist es oft einfacher. Außerdem, wenn sie schon bis hier gekommen ist, sind es ja nur noch sechs Km bis zur Finishermedaille. Sie schaltet Ihre Uhr wieder an und wir laufen gemeinsam los. Wir reden im Grunde zuerst über unser beider Scheitern an unseren großen Zielen. Ihr Ziel war noch wesentlich ambitionierter und geht schon in Richtung 1:20h. Wir haben beide bemerkt, dass sehr viele aus dem A Block aufgegeben habe, darunter auch Favoriten auf den deutschen Meistertitel. Das ist kein Trost, aber auf jeden Fall eine Bestätigung, dass eben sehr viele ihre Probleme haben und eben nicht nur wir beide.

Wenn jemand neben mir läuft, dem es schlecht geht, dann schweige ich, oder erzähle Anekdoten, um die Person abzulenken. Ich frage sie, was ihr lieber sei. Reden! Alles klar, dass bekomme ich hin. Schließlich geht es mir mittlerweile wieder gut. Mein Puls ist im GA1 Bereich und ich fühle mich wieder gut. Ja ich könnte jetzt wieder deutlich schneller laufen. Somit erzähle ich Anekdoten vergangener Tage und sicher auch einigen Mist. Ich frage zwischendurch auch, wenn es sie nervt, solle sie es sagen. Ich mache das primär nur, damit sie abgelenkt sei. Aber es stört sie nicht.
Wir treffen bei Km 18 auf Ariane, die wie wild anfeuert, wieder ein Schild hoch hält und uns Mut macht und bejubelt. Ach wie schön. Ich freue mich riesig! Dieses Mal kann ich dieses Anfeuern noch mehr genießen. Ich rufe ihr zu, dass ich mein Ziel aufgegeben haben, ganz bewusst. Ich erkundige mich auch bei Ariane nach Sina. Die läuft wohl recht ordentlich, meint Ariane.

Dann sind Stefanie und ich wieder in unserem Gespräch vertieft. Irgendwann sagt sie zu mir: „Schon seltsam. Andere Mühen sich so sehr ab und wir laufen hier entspannt den Lauf zu Ende und das in einem Bereich, der schon an sich ordentlich ist. Wir dürfen uns eigentlich nicht beschweren.“ Damit hat sie Recht und dennoch hatten wir andere Ziele und können sie an diesem Tag nicht erreichen. Dies ist unser Weg zumindest ins Ziel zu kommen.
Die letzten Kilometer sind recht kurzweilig. Wir laufen locker und entspannt ins Ziel, klatschen uns mit einem High Five ab und wissen: Der Tag ist gelaufen. Im Ziel scheint Stefanie zufrieden zu sein, dass sie zumindest den Lauf beendet hat. Sie bedankt sich, dass ich sie dazu motivieren konnte. Ich denk mir: Juhu, wenigstens hab ich wohl eine gute Tat an diesem Tag vollbracht.


Im Ziel warte ich auf Sina. Sie schafft auch ihr gesetztes Ziel nicht: Es ist ihr zu warm. Und Sven mit seinem Ziel von einer Zeit von unter 2 Stunden? Auch er schafft es um wenige Sekunden nicht. Grund: Die Wärme.
Im Ziel höre ich viele Sirenen von Rettungswagen, dass mir schon Bange wird. Als ich auf Sina warte, wird gefühlt jede zwei Minuten erklärt, dass die ersten 50 m nach dem Ziel für die Rettungskräfte seien, um direkt zu helfen und man solle direkt weitergehen.

Fazit
Und jetzt? Der Moment ist gekommen, wo sich der Kreis dieser Geschichte schließt. Ich habe viel über diesen Lauf zu sagen gehabt und doch irgendwie auch nicht. Ich hätte schließlich auch nur schreiben brauchen: Zum Sport gehören Erfolge und genauso Niederlagen. Ich finde aber, der Sport lehrt uns mit diesen Niederlagen umzugehen. Gute Zeiten bei Wettkämpfen sind bei weitem nicht alles. Schließlich geht es beim Sport, oder in meinem Fall dem Laufen, um so viel mehr. Zum Beispiel um Freundschaft, Hilfsbereitschaft, Verbundenheit und Zusammengehörigkeit, dass füreinander und miteinander Fiebern und Bangen. All das und mehr findet ihr nämlich auch in diesem Bericht.

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Ibbenbürener Klippenlauf 2018 – Projekt Sub 2 Stunden Lauf

Oktober 2017
Vor einigen Jahren wurde ich auf den Klippenlauf in Ibbenbüren aufmerksam gemacht. Ein kleiner, aber anspruchsvoller Lauf sollte er sein. Ich hörte nur gutes davon, aber wegen oft anderen Wettkämpfen entschied ich mich immer dagegen. Im Oktober 2017 erhielt ich in einer Chatgruppe der Sudbrackläufer den Hinweis, dass die Anmeldung offen sei. Ich informierte meine Freundin Sina und wir meldeten uns sofort an. Nur ein oder zwei Tage später war der Lauf ausverkauft.

24. März 2018
Vor dem Start
Es ist ungefähr 12:30 Uhr, als wir den Parkplatz in Ibbenbüren erreichen. Wir? Das sind Karsten und Dominik von den Sudbrackläufern, Sina und ich. Ein zweites Auto mit weiteren Starten der Sudbrackläufer für den Lauf war noch unterwegs. Ebenfalls sollte ich an diesem Tag endlich Juliane wiedersehen. Seit dem Zugspitzulta Supertrail im Jahr 2017 hatten wir an keinem Lauf mehr gemeinsam teilgenommen. Das war und ist viel zu lange her.
Drei Einweiser zeigen uns den Weg zu unserem Parkplatz. Da Juliane im Stau stand, gingen wir zu viert erst einmal los und holten unsere Startnummern ab. Das ging alles problemlos und schnell. Die Organisation empfand ich direkt als top.
Auf der Startnummer selbst war das Streckenprofil abgedruckt, was ganz sicher nicht bei allen zu mehr Mut führte.

Etwas später, gegen 13:00 Uhr, traf Juliane ein. Es wurde sich umarmt und gefreut. Endlich! Wir sehen uns mal wieder! Ach! Wir, nun zu fünft, quatschen über den Lauf, den Erwartungen und auch den anspruchsvollen Cut-Off. Der liegt bei 3 Stunden für eine 24,7 km lange und 500 Höhenmeter (HM) bergige Strecke, die zudem neun teils anspruchsvolle Steigungen (Klippen) haben soll. Daher auch der Name Klippenlauf. Ich tippe, dass jeder der den Hermannslauf nicht mind. in 3:30h laufen kann, hier wirklich Zeitprobleme haben könnte.
Kurz vor dem Start machten wir noch ein Foto zu fünft vor der Fotoleinwand, von denen es zwei Stück gab und die sehr ordentlich genutzt wurden, denn wir mussten uns anstellen.

Um 14:00 Uhr war der Start der vollen Distanz über 24,7 km. Moment, wie volle Distanz? Ja es gab noch einen Lauf über die halbe Distanz mit vier Steigungen (Klippen. Hinweis: Ab jetzt rede ich nur noch von Klippen). Diese halbe Distanz startete um 14:15 Uhr. Über beide Distanzen waren insgesamt 1300 Läufer_innen unterwegs.
Als ich meine Kamera hochhalte und das Starterfeld zu fotografieren, sieht mich Christian von den Sudbrackläufern und winkt mir intensiv zu. So viel Freude und ein Einsatz möchte ich natürlich belohnen habe mal ein Foto von dem Moment hier hinzugefügt.

Start (0 von 9 Klippen)
Der Startschuss fällt. Ich hatte mich schon etwas weiter vorne einsortiert, da ich versuchen möchte eine 1:59:59h zu laufen. Die Idee dahinter ist: Ich schaffe 26 bis 27 km in ca. 2 Stunden auf dem Hermannslauf, da sollte ich doch 24,7 km auf dem Klippenlauf in 2 Stunden schaffen. Nach einigen Sekunden geht es für mich los und ich darf erst einmal einige überholen, die entspannter loslaufen, aber beim Start recht weit vorne standen. Die ersten 2 km laufe ich auf einer Straße, die eine leichte Steigung hat. Diese ist gespickt mit Zuschauern, die für eine gute erste Stimmung sorgen und kräftig anfeuern.

Ich bemerke, wie einige um mich herum reden, diskutieren und sprechen. Ich finde das gut, auch wenn es für mich ungewohnt ist, dass mitzubekommen, vor allem in dieser Intensität bei einem Lauf. Nach den ersten zwei Km geht es in den Wald und direkt startet die erste Klippe.

Nordhang Klippe (Max. Steigung: 14 %, Länge: 600 m, Höhendifferenz: 60 HM)
Kaum bin ich im Wald, gibt es das erste Schild mit dem Namen und den Daten: Nordhang-Klippe. Ich schaffe es nicht schnell genug davon ein Foto zu machen. Ich habe mit so einem Schild auch ehrlich gesagt nicht gerechnet. Ich mag es aber, dass die Veranstalter damit sich so eine Mühe geben, dieses Gefühl von den Klippen zu verstärken, bzw. einen darauf vorzubereiten. Angst habe ich keine, denn ich habe einige Kilometer und einige Höhenmeter in den letzten Wochen gemacht. Ich habe nur kein Tapering gemacht und laufe diesen Lauf aus vollem Training heraus. Puh! Ich hoffe, dass es wirklich mit den zwei Stunden klappt.

Es geht also bergauf. Maximal 14%? Die schaffe ich. Vor mir sehe ich zwei Sudbackläufer: Daniel und Christian. Auf Daniel schaffe ich es nicht aufzulaufen, jedoch Christian erreiche ich auf der Spitze der Klippe. Ich freu mich, denn ich denke mir: Ach ein wenig mit jemanden den ich kenne zu laufen dürfte nett sein. Doch das gemeinsame Laufen mit Christian endet nach nicht einmal 15 Sekunden. Es geht in den Downhill und er läuft mir einfach davon. Ich überlege kurz, ob ich mitziehe, aber ich lasse es. Dominiks warnende Worte während der Hinfahrt erklingen in meinem Kopf „Die letzten zwei Klippen sind hart. Verausgabe dich nicht am Anfang.“ Ich laufe hier mein Rennen und finde eh schon, dass ich recht zügig, vielleicht zu zügig, unterwegs bin. Der Downhill ist voller Wurzeln und wirklich nicht ganz so einfach zu laufen. Es wird nicht der einzige Abschnitt sein, der technisch anspruchsvoller ist.

Unten angekommen wird es etwas flacher, zumindest für einen kurzen Moment. Etliche haben mich überholt, sicher zehn Läufer, denke ich mir. Christian sehe ich nun kaum noch. So laufe ich mein Ding weiter, mit der Kamera in der Hand, um für diesen Bericht einige Bilder zu machen.

Brumley-Klippe (Max. Steigung: 24 %, Länge: 675 m, Höhendifferenz: 45 HM)
Der flachere Abschnitt ist ziemlich schnell zu Ende. Wieder geht es hoch. Diesmal mit bis zu 24% Steigung. Ich kann nicht sagen wieso, aber ich finde sie laufbar und angenehm. Vielleicht weil ich nicht hochgucke? Vielleicht weil es technisch leicht ist? Oben angekommen bleibe ich für 3-4 Sekunden stehen, drehe mich um und mache Fotos von jenen, die hochlaufen. Dann geht es sofort weiter in den nächsten Downhill. Wieder werde ich von etlichen überholt.

Irgendwie kommen die Erinnerungen an meine Alpenläufe wieder hoch. Berghoch bin ich ganz ordentlich unterwegs, bergab eine Niete, der von vielen überholt wird. Diesmal ist der Downhill aber länger und flacher. Diesen Abschnitt nutze ich, um wieder einige einzuholen. Meine Stärke am Berg und im Flachen muss meine Schwäche im Downhill kompensieren. Nach und nach hole ich den einen oder anderen wieder ein. Ich spüre, wie ich fokussiert und konzentriert bin. Ich wollte ihn zum Spaß laufen und den habe ich. Ja, ich genieße es, den ersten Wettkampf 2018 zu laufen, Gesund, nicht erkältet wie auf dem Luisenturmlauf. Ich merke schon jetzt, dass für das Ziel Sub 2 Stunden ich an meine Grenzen gehen muss. Das war nicht mein Plan, aber ich möchte es jetzt.

Hin und wieder schaue ich auf die Uhr und rechne mir aus, wie es steht, ob ich unter 2 Stunden bleibe. Ich rechne nicht mit 24,7 km, sondern mit 25 km Gesamtdistanz. Das gibt mir einen Puffer im Notfall und lässt sich einfacher rechnen. Und so kreisen meine Gedanken kurz: Wenn ich jeden Km in 5 Minuten laufe, benötige ich 2:05h bei 25 km. Heißt: Ich muss um die 4:50 min Pace laufen. Durchschnittlich. Auf geht es!
Nachdem der Gedanke im Kopf ist, schaue ich mich wieder um und genieße die Waldstrecke. Es wirkt herbstlich; obwohl es Frühling sein sollte. Die Folgen des Sturmes Frederike sind auch hier noch sichtbar. Immer mal wieder liegt ein Baum am Rand, aber die Strecke ist hervorragend aufbereitet.

Postweg-Klippe (Max. Steigung: 25 %, Länge: 350 m, Höhendifferenz: 40 HM)
Und wie aus dem Nichts hinter einer Kurve erscheint das Schild für die dritte Klippe. Endlich schaffe ich es ein Foto von den Klippenschildern zu machen. Es ist die bisher schwerste und anspruchsvollste Klippe. Ich bin motiviert auch diese Klippe hochzulaufen. Aus renntaktischen Gründen entscheide ich mich ungefähr 40 m zu gehen. Die Kraft die ich hier investieren müsste, sehe ich nicht als notwendig an. Die Läufer um mich herum sind kaum schneller, als wenn ich gehe. Die Steigung scheint hier ihr Maximum erreicht zu haben. Ha! Ich nutze die Zeit und fotografiere, wie mich etliche Läufer überholen. Ich bleibe entspannt und trabe kurz danach wieder an.

Als der Berg zu Ende ist kreuze ich eine Straße, wo eine Gruppe Trommler steht und mit einigen zusätzlichen Zuschauern für Stimmung sorgen. Ich versuche ein Foto von den Trommlern zu schießen, doch das ist gar nicht so einfach, wenn ich an Ihnen vorbei laufe.
Es folgt ein nun flacherer Abschnitt und ich denke: Oh Gott, danke. Ich habe zwar unheimlich viel Freude am Lauf, doch bisher komme ich kaum mit mir selbst klar. Ich frage mich schon, ob ich nicht zu schnell losgelaufen bin. Auch frage ich mich, ob ich vielleicht noch gar nicht fit genug für einen Sub-2 Lauf für diese mir völlig unbekannte und anspruchsvolle Strecke bin.

Wie ist es oft auf solchen Läufen? Jeder trifft unzählige Entscheidungen. Beschleunige ich? Gehe ich? Trinke ich? Was trinke ich? Nehme ich ein Gel? Und viele weitere. War ich noch vor ungefähr 1,5 km vor dem dritten Berg guter Dinge, bin ich in diesem Moment unsicher. Der flachere Abschnitt hilft mir zumindest etwas mich zu beruhigen, auch wenn ich mich ehrlich gesagt gerade nicht gut fühle. Seit der ersten Klippe haben mich sicher ungefähr 30, 40 oder mehr Läufer überholt. Soweit meine Schätzung. Eine Läuferin habe ich bisher noch nicht gesehen, was mich ehrlich gesagt wundert. Ich vermute, dass die erste Frau sicher irgendwo vor mir ist.
Und dann geht es auch wieder bergab, sogar technisch einigermaßen anspruchsvoll, so dass ich mich sehr auf die Wurzeln und Steine konzentrieren muss, um nicht zu fallen. Was mich jetzt schon der Klippenlauf lehrt ist der Umstand, dass nach jedem Downhill die nächste Klippe kommt!

Teutohang-Klippe (Max. Steigung: 17 %, Länge: 450 m, Höhendifferenz: 50 HM)
Erwartet, erschienen. Eine fast 180 Grad Kurve später geht es zur vierten Klippe hinauf. Max. 17% und 450 m Länge? Das kann ich laufen. Hoffe ich und schaffe es wirklich. Auch wenn diese Klippe sicher nicht die schwerste ist, merke ich zum ersten Mal sehr deutlich, dass ich wirklich aus dem vollen Training komme. Mir fehlt das Tapering. Meine Beine sind jetzt schon schwer und brennen leicht. Ich kämpfe mich hinauf und komme oben an.


Am Ende von der vierten Klippe sind einige wenige Läufer in meinem Windschatten und vor mir klafft eine gute 60 bis 70 m lange Lücke zu den Läufern vor mir. Mir fällt es auf, dass es immer weniger Läufer um mich herum gibt, was auch die Fotos zeigen sollten. Ich habe mittlerweile unheimlich viel Platz, war es doch an der ersten Klippe noch sehr beengt.
Zu meinem Erstaunen bleibt es flach und warum auch immer, plötzlich geht es mir super. Okay. Das kann ja mal vorkommen, aber mir ist klar, dass kann nur eine Phase sein, daher darf ich es jetzt nicht übertreiben. Also laufe ich nur so schnell, dass ich mich wohl fühle. Gesagt, getan und meine Pace lag plötzlich bei 4:15 min/km. Die Lücke vor mir wird immer kleiner und ich laufe nach und nach auf die Gruppe auf und hole sie ein. Diese Phase motiviert mich. Es läuft, fast zu gut, denke ich mir. Ich hoffe, ich werde dafür keinen Preis bezahlen.

Steinbruch-Klippe (Max. Steigung: 8 %, Länge: 1600 m, Höhendifferenz: 65 HM)
Nach 10 km und kurz vor dem dritten Verpflegungspunkt schaue ich auf die Uhr und sehe eine 47:05 min. Eine gute Zeit für das Profil, denke ich mir. Die Steinbruch-Klippe, mit ihrer maximalen 8% Steigung, kam mir als einzige Klippe wirklich entspannt vor.
Auf halben Weg auf dieser Klippe, die zu Beginn auf Asphalt zu laufen ist, komme ich mit einem Läufer ins Gespräch. Er stöhnt und äußert seinen Unmut für das Profil. Ich stimme ich ihm zu, dass das Profil nicht ohne ist. Kaum zu glauben, dass wir erst die Hälfte knapp haben. Ich sage zu ihm, dass wir aber gut unterwegs sind und auf einen Kurs von 1:56h im Moment laufen. Er zeigt sich beruhigt, da er unbedingt unter 2 Stunden bleiben wolle. Ich lächle, denn das Ziel kommt mir bekannt vor.

In diesem Moment nehme ich meinen Blick kurz von dem Boden weg und sehe Christian von den Sudbrackläufern und mein erster Gedanke ist: ‚Ohje, wenn ich Christian einhole, muss ich wahrscheinlich zu schnell sein‘. Ich atme tief ein und beruhige mich. Ich möchte mich nicht noch mehr verrückt machen. Mein Gesprächspartner und ich trennen uns, da er einen halben Schritt langsamer laufen möchte. Ich ziehe mein Tempo einfach durch und laufe weiter und überhole zu meiner eigenen Überraschung Christian. Das ist mir zwar in der Vergangenheit schon passiert, doch schätze ich ihn als ausgezeichneten Läufer, der bisher immer mich spätestens kurz vor dem Ziel endgültig stehen ließ, wie beim Hermannslauf 2016. Ich frage mich, wann das wohl passieren wird?

Fischteich-Klippe (Max. Steigung: 15 %, Länge: 700 m, Höhendifferenz: 45 HM)
Kurz nach dem kurzen Treffen mit Christian geht es weiter. Die sechste Klippe steht an, die Fischteich-Klippe. Ich laufe mit einem anderen Läufer gemeinsam hinauf und werden von 1-2 Läufern überholt. In dieser Rennphase sind wir eine Gruppe von fünf bis sechs Läufern, die immer abwechselnd vorne sind. Zumindest sehe ich seit der Klippe 5 immer wieder die gleichen Gesichter und Trikots. Die sechste Klippe lässt sich gut hoch laufen. Oben angekommen sehe ich Stühle und höre jubelnde Menschen. Ich beiße von meinem Energieriegel ab (bin weg von Gels) und freue mich auf das Wasser, was ich zum nachspülen brauche, doch irgendwie sind da nur Plastikstühle und Streckenposten. Kein Wasser, kein Verpflegungspunkt. Tja… passiert halt. Ich muss wohl nun so irgendwie kauen, was gar nicht so einfach ist. Doch nach einem guten Kilometer kommt endlich der vierte Verpflegungspunkt und ich beiße erneut ab und spüle es im Lauf runter.

Die Strecke kreuzt wieder die Straße und die Trommler wirken genauso motiviert, wie auf dem Hinweg. Ich fühle mich immer noch gut und bin davon selber absolut überrascht. Die Berge brennen noch immer in den Beinen, doch ich habe im Moment wieder unheimlich viel Spaß und Freude an diesem Lauf. Wir laufen die dritte Klippe diesmal bergab. Puh ist das steil! Ich traue mich nicht volle Pulle den Downhill zu rennen und möchte meine Oberschenkel schonen.

Kaiserei-Klippe (Max. Steigung: 22 %, Länge: 850 m, Höhendifferenz: 45 HM)
Unten angekommen, geht es sofort zur siebten Klippe. Die ist die gleiche Klippe, wie die zweite Klippe, nur das wir diesmal von der anderen Seite kommen. Sie ist ziemlich hart und anspruchsvoll. Sie fängt zwar gemächlich an, doch das Ende mit max. 22% Steigung ist höchst anstrengend. Wenn das nicht schon genug wäre, ist ein Läufer im orangenen Trikot vor mir. Er ist ein guten Schritt langsamer. Ich setze zum Überholen an und achte drauf, dass ich mit Abstand vor ihm wieder einschere. Das scheint ihm nicht zu gefallen und er sprintet an mir vorbei und schert direkt vor mir ein. Er läuft so knapp vor mir ein, dass ich fast abbremsen muss, um nicht in ihn hinein zu laufen. Auch reduziert er sofort sein Tempo. Mit Unverständnis und überrascht schere ich ein zweites Mal aus und laufe nun parallel an ihm vorbei. Diesen Läufer werde ich nicht mehr im restlichen Rennen wiedersehen. Den Wettkampfgedanken im Ehren, aber das war in meinen Augen eine der unnötigsten und aggressivsten Aktionen seit langem, die ich erlebt habe. Innerlich schüttelte ich nur den Kopf, äußerlich suche ich nach dem Ende dieser Klippe. Ah, da ist sie endlich.

Es folgt eine scharfe Rechtskurve und plötzlich bin ich auf einem Single-Trail. Ich genieße jeden Meter. Ich mag Single-Trails. Links von mir gibt es einen weiten Ausblick und vor mir ist der Single-Trail. Hier hätte ich noch ewig laufen können, doch der Abschnitt geht nur einen guten Kilometer. Leider, muss ich wirklich sagen. Es folgt etwas Downhill und dann erklangen die Worte von Dominik wieder in meinem Kopf, die er auf der Hinfahrt sagte: „Die letzten zwei Berge sind hart.“ Ich schaue auf die Uhr. Je nachdem wie hart die letzten beiden Berge werden, entscheidet sich, ob ich mein Ziel erreiche oder nicht.


Hassberg-Klippe (Max. Steigung: 20 %, Länge: 400 m, Höhendifferenz: 50 HM)
Okay. Die Hassberg-Klippe also. Nur 400 m soll der Berg lang sein? Das sagt zumindest das Schild. Das könnte mir zu Gute kommen. Doch ich empfinde ihn als anspruchsvoll. So sehr, dass ich beschließe, neben der dritten Klippe, auch hier kurz zu gehen. Wieder sollen es nur so 30, 40 m sein, aber ich möchte Kraft für die letzten Kilometer sparen. Das ist zu diesem Punkt eine rein taktische Entscheidung. Es sind noch gute 6,5 km bis ins Ziel. Lieber hole ich etwas Zeit im letzten flachen Abschnitt, als jetzt mich zu übernehmen. Ab diesen Moment bin ich gefühlt alleine. Die Läufer vor mir zogen weg und hinter mir kam keiner mehr nach. Ich trabe als bald wieder an und lief den restlichen Berg hinauf. Die kurze Entlastung tut mir gut.

Bei der wohl letzten Kurve des Hassberges sehe ich Ballons und Girlanden und bin erst einmal irritiert. Damit hatte ich nicht gerechnet. Es steht dort eine Musikanlage und es sieht nach einem Verpflegungspunkt aus, den es eigentlich nicht geben sollte. Es gibt hier Alkohol. Wie ich später erfahre, ein Hochprozentiger, der wohl denen gefallen hat, die ihn probiert haben. Da ich kein Alkohol trinke, entfällt der Verpflegungsstand gänzlich. Ich laufe weiter und sofort geht es bergab. Und ich versuche ruhig zu machen und mich auf den letzten Anstieg mental vorzubereiten. Doch vorher erscheint der fünfte und somit letzte Verpflegungspunkt. Ich beiße noch einmal in meinen Riegel und nehme mir etwas Wasser und bedanke mich.

Wurzel-Klippe (Max. Steigung: 18 %, Länge: 950 m, Höhendifferenz: 65 HM)
Zu meiner Überraschung tauchen wieder Läufer vor mir auf, die ich nach und nach einhole. Und dann kommt das Schild des letzten Berges. Der Anstieg heißt Wurzel-Klippe und soll 950 m lang sein. Oh … Gott. Ich schaue auf die Uhr und denke mir: Das hab ich nicht erwartet. Das wird hart. Der Berg beginnt und ich laufe ruhig und im gleichmäßigen Takt hoch. Die letzten Teilnehmer_innen der kürzeren 12,4 km Runde überhole an diesem Punkt. Feuerwehrleute, teils mit Gasflaschen auf dem Rücken und einem Schild „Laufen gegen Krebs“. Ich grüße sie, wohl kaum verständlich, da ich schwer atme.
Als es endlich flacher wird, ruft mir eine Frau zu „Du hast es geschafft. Jetzt geht es nur noch runter.“ Ich will ihr glauben, doch sie hatte Unrecht. Es ging kurz runter und dann wieder hoch. Was habe ich dieses letzte bisschen Berg verflucht.

Es geht in den letzten Downhill. Ich renne gefühlt den Berg runter, aber ich merke auch, dass ich erst einmal wieder Luft benötige. Meine Beine, die brennen wie Sau. Ich muss erst einmal wieder klar kommen.
In dem Moment, wo ich „unten“ ankomme und nach links abbiege, piept meine Uhr. Km 21 ist absolviert. Ich bin hab eine 1:39h auf der Uhr. Ich habe noch knapp 20 Minuten für die letzten 3,7 Km. Nun habe ich also etwas mehr als 5 Minuten für einen Km. In diesem Moment wird mir klar: Mein Tagesziel habe ich erreicht. Doch da ich gerade immer mal wieder einen Läufer einhole, was mich motiviert, ziehe ich das Tempo automatisch an und laufe das Rennen zu Ende. Gute 2 Km vor dem Ziel gab es noch einen privat organisierten Verpflegungspunkt mit Traubenzucker und Wasser.
Irgendwann erscheint erneut ein Schild auf dem sinngemäß steht „Noch 1000 m. Danke, dass du am Klippenlauf teilgenommen hast.“

Ich lasse kurz den Lauf Review passieren: Viele, die mich zwischen Klippe 1 und 3 überholt haben, habe ich in Teilen wieder eingeholt. Gerade ab Klippe 7 fiel mir das auf. Ich frage mich, wo Christian ist. Ich drehe mich kurz um, sehe ihn nicht. Ich hoffe es geht ihm gut und er kommt wohlbehalten gleich an. Dabei fällt mir auf, dass der Läufer, den ich zuletzt eingeholt habe mich verfolgt und scheinbar noch einmal mich zurück einholen möchte. Mein Ehrgeiz kommt in mir durch und ich ziehe noch einmal für die letzten 1000 m mein Tempo an. Es fühlt sich gut an, so gut, dass ich mich frage, wieso ich nicht schon eher beschleunigt habe. Bei der letzten Linkskurve die auf eine Straße führt, die dann direkt im Ziel endet, sehe ich, dass ich meinen Verfolger auf Abstand halten kann. Ich beschließe die Pace zu halten. Vielleicht ist das ja mein Platz in die Top 60 Läufer? Wer weiß das schon. 600 Läufer_innen sollen auf der langen Runde gestartet sein und mich haben ja einige überholt, mehr als ich am Ende wieder einholen konnte.


Zeit? Uhr? Das ist jetzt alles egal geworden. Ich möchte nicht mehr überholt werden. Susanne von den Sudbrackläufern, die die 12,4 km Runde lief, ruft mir zu und klatscht. Am Ende der Straße muss ich rechts auf den Schulhof abbiegen und sehe da die offizielle Bruttozeit. Es wird sogar noch eine 1:54h. Ich bin selber völlig überrascht und freue mich enorm. Ich würde laut jubeln und schreien, doch ich hab hunger und durst und bin davon getrieben. Beim Zieleinlauf zeige ich einen Daumen hoch zu den Offiziellen. Mehr schaffe ich gerade nicht.

Im Ziel
Im Ziel stehen Volker und Daniel von den Sudbrackläufern. Ich gratuliere den beiden erst einmal und trinke und esse erst danach. Ich stelle mich ans Ziel und warte nun auf etliche Personen: Christian, Karsten, Dominik, Sina und Juliane. Ich frage mich, wie es denen wohl geht? Christian kommt mit einer 1:59h ins Ziel und flucht darüber, dass er das Rennen zu schnell angegangen ist. Wir geben uns ein High Five und ich gratuliere ihm zum Finish in Sub-2. Danach kommt die erste Gesamtfrau. Ich applaudiere ihr zu.
Jetzt merke ich plötzlich, dass mir kalt wird und beschließe in Folge erst einmal mich umzuziehen. Das Duschen entfällt erst einmal vor Ort, da die Duschen nur per Shuttle im 15 min Takt zu erreichen sind. Das ist zwar nett, aber ich möchte lieber auf die anderen im Ziel warten.
Ich laufe zum Auto, schließe es auf, ziehe mich fix um und laufe zurück. Da kommt mir Karsten und Dominik entgegen, die ich sich auch erst einmal umziehen möchten.
Nach 2:31h läuft Sina zufrieden ins Ziel. Ich begrüße sie, doch da sie schnell friert, als sie im Ziel ankam, zieht sie sich auch fix um. Nach 2:45h erspähe ich endlich Juliane. Schnell wird noch ein Foto gemacht, mit einer bekannten, die sie auf der Strecke gefunden hat: Kirstin. Abschließend setzen sich Sina und ich noch zu den Sudbrackläufern zu der Siegerehrung. Susanne von den Sudbrackläufern lief die kurze Runde und wurde 3. Gesamtfrau und erste in ihrer Altersklasse. Ich esse etwas Kuchen, unterhalte mich mit den anderen über den Lauf. Etwas später werden die Ergebnisse der langen Distanz aufgehängt. Diese bringen mich abschließend zum Lachen.
Ich wurde Gesamt 34. Damit hatte ich nicht gerechnet und war positiv überrascht. Doch was mich zum Lachen brache war meine Altersklassenplatzierung. Dafür, dass ich 34. Gesamt wurde, wurde ich immerhin 14. in meiner Altersklasse M35. Ich glaube, dazu muss nicht mehr viel gesagt werden.
Was für ein schöner Tag, mit vielen netten Menschen bei einem für mich persönlich tollen Lauf. Wenn das mit der Anmeldung hinhaut und Gesundheitlich alles im Lot ist, bin ich nächstes Jahr wieder dabei. Auf jeden Fall Danke liebe Veranstalter_innen/Organisator_innen vom Klippenlauf in Ibbenbüren

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Nikolauslauf Oelde 2017

Es war der 03. Dezember 2017, ich stand morgens auf und schaue nach draußen: Es liegt zum ersten Mal in diesem Winter Schnee. Was für ein passendes Timing für einen Nikolauslauf, dachte ich mir. Letztes Jahr lief ich mit Inga den Nikolauslauf in Everswinkel und nun soll es der Lauf in Oelde werden. Diesen Lauf kenne ich noch nicht, hörte aber viel Gutes über ihn.
Die Anfahrt war halt schwieriger wegen den teils weißen Autobahnen. Ich plante mehr Zeit für die Anfahrt ein. Ich war eine knappe Stunde vor dem Start da. Dafür bekam ich einen tollen Parkplatz, von dem ich nur wenige Meter vom Start- / Zielbereich entfernt war. Ich ging einige hundert Meter zur Anmeldung in die Turnhalle einer Grundschule, um meine Startnummer abzuholen. Alles war problemlos zu finden und die Abholung der Startnummer ging schnell. In der Turnhalle sah ich schon den Nikolaus und Knechtrubrecht wie sie mit den Kindern agierten und ebenso mit den Erwachsenen.

Ich ging zurück zum Auto, und beschloss doch eine Schicht mehr an Laufkleidung zu tragen. Es war recht windig und der Schnee flog mir ins Gesicht. Egal, wozu hab ich den ganzen Kram denn sonst mitgebracht? Ich setzte mich ins Auto und dachte über dies und das nach.
20 Minuten vor dem Start ging ich ins Stadion, wo der Start-/Zielbereich war. Dort sah ich mir erst den 1000m Lauf der jüngeren Altersklassen an, wärmte mich anschließend auf und lief mich entsprechend ein.

Pünktlich zum Start traf ich Dominik, Christian und Susanne von den Sudbrackläufern. Susanne verzichtete auf den Start, die beiden Herren hingegen waren ebenfalls aufgewärmt und gemeinsam mit weiteren Läufer_innen warteten wir die letzten Sekunden gemeinsam auf den Start. Die letzten 10 Sekunden zählten wir laut runter.

Der Nikolauslauf
Der Startschuss fällt. Dominik überholt mich nach gut 200 m, den ich in Folge nicht mehr einholen werde. Vor dem Verlassen des Stadions müssen wir zuerst eine Stadionrunde laufen. Nun beginnt der erste 3,5 Km Straßenabschnitt. Ich bemerke, dass ich recht weit vorne im Gesamtfeld bin. Überrascht davon sehe ich auf meine Uhr und sie signalisiert mir eine 4 min pro Km Pace.

Auf dem ersten Km blies der Wind mich von der Seite stark an. Ich biege links auf eine weitere Straße ein und die nun folgenden Kilometer sollten mit viel Rückenwind gesegnet sein. Mir ist sofort klar, dass ich diesen Wind auf dem Rückweg als Gegenwind haben werde. Der Grund dafür ist einfach: Den Straßenabschnitt darf ich exakt so zurücklaufen. Ohje… es gibt schöneres als auf den letzten Kilometern Gegenwind zu haben.


Nach 3,5 km geht es über eine Brücke, die über die A2 führt, in eine 4 km Waldrunde. Hier überholt mich Christian und auch ihn sollte ich nicht mehr an diesem Tag einholen. Die Waldrunde ist leicht hügelig. Im Grunde geht es erst einmal primär bergauf und dann bergab. Beim bergauf überholen mich einige andere Läufer. Ich versuche erst dagegen zu halten, doch ich spüre immer noch den Schloss Marienburg Marathon in meinen Beinen, den ich nur eine Woche zuvor lief. So leicht stecke ich keine 42,195 km weg.

Ungefähr zur Halbzeit der Waldrunde, bzw. bei Km 5,5 oder 6, ist der einzige Verpflegungspunkt auf der Strecke. Ich nehme mir einen Becher mit heißen Tee, trinke etwas, kippe den Rest weg und werfe den Becher in den Mülleimer. Weiter geht es!

Nun geht es vorwiegend flach weiter und bergab. Auf diesem Abschnitt merke ich die Auswirkungen des Marathons nicht so sehr. Deswegen schaffe ich es weitestgehend meine Position zu halten und wieder Tempo aufzunehmen. Gerade am Downhill ziehe ich mein Tempo auf eine 3:40 min pro Km Pace an. Das Tempo halte ich nicht mehr, als das bergab Laufen endet.

Die Waldrunde endet dort, wo sie begann: An der Brücke, die über die A2 führt. Nun geht die identische Strecke über die Straße zurück zum Start-/ Zielbereich. Meine Befürchtung wird wahr: Ich habe nun einen starken Gegenwind und spüre deutlich, wie sehr es mir fällt dagegen anzulaufen. Meine Beine sind schnell müde und jeder Schritt kostet viel Kraft. Ich gucke auf die Uhr und sehe mein Ziel unter 50 Minuten zu bleiben als gefährdet an, denn ich kann nicht beurteilen, wie stark der Gegenwind mich ausbremsen wird.
Nach ungefähr einem Kilometer hängt jemand in meinem Windschatten. Ich laufe sogar zick zack, um zu gucken, ob er bewusst im Windschatten bleibt … Bleibt er! Das nervt mich allerdings. Er lief ja an mich ran und nun will er nicht überholen? Auf meine Frage hin, ob er nicht ausgebremst werde, meint er ja, aber er genieße den Windschatten. Ich sage ihm, dass er gerne überholen könne, aber bei dem Wind könnte ich gerade nicht anziehen. Er seufzt schwer und überholt mich. Am Ende wird er eine halbe Minute vor mir im Ziel sein.

Der letzte Kilometer ist angenehmer zu laufen. Der Wind kommt nun von der Seite und nicht mehr frontal. Ich gucke auf die Uhr und beiße die Zähne zusammen, denn ich möchte wirklich unbedingt irgendwie unter 50 Minuten bleiben. Ich gebe alles, was möglich ist. Im Stadion schaue ich auf die Uhr und bemerke, dass ich unter 50 Minuten bleiben werde. Ich bin in diesem Moment erleichtert. Ich nehme das Tempo deutlich raus und laufe die letzten 200 m im Stadion wesentlich entspannter. Auf den letzten 100 m, drehe ich mich zur Vorsicht einmal um. Es ist niemand da, der mich überholen könnte. Ich atme tief ein und aus, und bin nun endgültig sehr entspannt. Mental ist das Rennen hier für mich beendet.

Auf diesen letzten 100 m winkt mir Susanne und Christian von den Sudbrackläufern zu. Dominik gibt mir ein High Five. Die beiden Herren waren mehr als 2 Minuten vor mit im Ziel. Danach trabe ich entspannt ins Ziel und erreiche eine 48:24 min für die 11,5 km. Ich bin zufrieden und hatte lange Zeit mit einem wesentlich knapperen Ergebnis gerechnet.

Ich bekomme sofort meinen Finisher-Geschenk: Einen Stutenkerl. Ich bedanke mich für den Lauf und den Stutenkerl bei allen, die dort stehen und gehe zum Auto. Dort ziehe ich mir im Auto etwas trockenes an und fahre abschließend nach Hause.
Im Auto selbst denke ich über den Lauf nach. Auch hier muss ich sagen: Der Lauf hat mir gefallen, auch von der familiären Stimmung und der Atmosphäre. Es wird wohl nicht das letzte Mal gewesen sein, dass nach Oelde zum Nikolauslauf gekommen bin.

P.S.: Der Stutenkerl war verdammt lecker! 🙂

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Schloss Marienburg Marathon 2017 – Einfach mal der Begleiter sein

Eigentlich könnte ich drei Berichte zu drei Läufen verfassen. Mach ich aber in diesem Fall nicht. Lasst mich das kurz erklären. Meine Freundin Sina wagte sich langsam an die längeren Strecken. Das große Ziel sollte der Schloss Marienburg Marathon sein. Der fand am 25. November 2017 statt und wird den Hauptanteil dieses Berichtes ausmachen. Doch zuvor möchte ich die Vorgeschichte erzählen und warum es drei Laufberichte hätten sein können, aber es nicht wurden.

Die Vorgeschichte
Bevor ich meine Freundin kennenlernte, hatte ich mich im März für den Schloss Marienburg Halbmarathon angemeldet. Ich hatte schon viel gutes von diesem Lauf gelesen. Nachdem ich mich 2016 nicht mehr anmelden konnte, weil der Lauf ausverkauft war, wollte ich mich für 2017 erfolgreich anmelden. Und Sina? Sie wollte unbedingt im Herbst dieses Jahres ihren ersten Marathon laufen. Als wir uns kennenlernten, erzählte sie mir von ihren Marathonplänen. Ich empfahl ihr den Schloss Marienburg Marathon. Der sei in der Nähe, günstig und Ende November. Damit hätte sie ausreichend Zeit sich vorzubereiten. Sie melde sich nur einen Tag, nachdem ich ihr vom Lauf erzählte, an. Ich gestehe, diese Spontanität sich für einen Marathon einfach mal so anzumelden, hatte mich beeindruckt.
Als wir im Herbst dieses Jahres zusammen kamen, meldete ich mich für sie auf den gesamten Marathon um. Ich fand die Vorstellung einfach schön mit meiner Freundin gemeinsam einen Marathon zu laufen. Anfangs war der Plan, dass ich sie auf eine Sub 4 Stunden Marathonzeit pacen sollte.
Moment, was heißt Pacen? Das ist ein Begriff dafür, dass jemand eine Geschwindigkeit, bzw. ein gewisses Tempo vorgibt, um ein gewisses zeitliches Ziel zu erreichen. Sub 4 bedeutet also, dass sie sich wünschte den Marathon in weniger als 4 Stunden zu laufen.
Der Marienburg Marathon sollte der dritte Lauf einer Reihe von Wettkämpfen sein, wo ich sie pacen sollte. Deswegen hätte ich drei Laufberichte schreiben können. Sozusagen eine Trilogie eines Pacers. Als ich im Ziel des Schloss Marienburg Marathons war, wurde mir klar, dass es dafür ein Bericht mit besonderem Fokus auf diesen Marathon reichen wird.
Lasst mich kurz einen Überblick vermittelt, welche die drei erwähnten Läufen sind: Der erste Lauf war der Teutolauf, Mitte Oktober. Ich mag diesen Lauf und ich werde über diesen Lauf ganz sicher irgendwann einen Bericht verfassen. Es handelt sich um einen Trail-/Waldlauf mit 600 Höhenmeter und 28,9 km Gesamtdistanz. Sina wünschte sich eine Zielzeit um 2:45h bis 2:50h. Ich möchte hier erwähnen, dass sie noch nie zuvor eine solche Distanz lief und vor allem noch nicht mit so einem Tempo. Bis zu diesem Tag war ihre maximale Distanz 26 / 27 km. Ihre Bestzeit auf einem Halbmarathon ist bei knapp über 2 Stunden. Ich entwickelte eine Rennstrategie, also in welchen Abschnitten wir mit welcher Geschwindigkeit laufen. Natürlich läuft man bergauf langsamer als im flachen Abschnitt. Wir starteten gemeinsam ins Rennen und ich pacte sie bis ins Ziel. Sie schaffte den Lauf mit einer Zeit von 2:47h.

Anfang November war der zweite Lauf. Es war ein flacher Halbmarathon in Gütersloh. Sie sagte mir, ihre bisherige Bestzeit auf einem Halbmarathon war eine 2:01h. Sie wünsche sich aber nun eine Sub 1:50h Zeit. Wieder entwickelte ich die Rennstrategie und pacte sie auf der Strecke. Trotz einer zusätzlichen 400m Runde, die alle wegen eines Fehlers eines Streckenpostens machen mussten, schafften sie ihr Ziel und lief eine 1:46:50h auf die 21,5 km. Sie war hier über sich hinaus gewachsen, auch wenn ich fairerweise erwähnen muss, dass ich sie ziemlich gescheucht hatte und sie mich zwischenzeitlich schlagen wollte. Ich sah aber meine Aufgabe auch darin sie zu fordern und sie bis an ihre Grenzen zu treiben, damit sie sieht, was sie zu leisten fähig ist! Erst nach dem Lauf wechselte ihre Stimmung mir gegenüber und sie war dankbar dafür, dass ich sie so stark angetrieben habe. Wenn Sina oder ich von diesem Lauf berichteten, sagten einige, dass sie Sina es nach empfinden konnten, wenn sie selbst von anderen Pacern getrieben wurden. Notiz an mich: Es ist ein sehr spannendes Thema, zudem ich sicher irgendwann einmal was schreiben sollte, nur hier ist jetzt dafür kein Raum und Platz.
Der dritte und letzte geplante Lauf auf dem ich sie pacen sollte, sollte nun der Schloss Marienburg Marathon sein. Doch nach dem Ergebnis beim Teutolauf und beim Halbmarathon sagte ich ihr, dass ich es für nicht sinnvoll halte eine Sub 4 Stunden Zeit auf diesem Marathon anzupeilen. Sie hat eine sehr gute Basis und ist bei den beiden Läufen über sich hinaus gewachsen, dennoch hatte ich bedenken, dass ihre Form für dieses Ziel auf dieser Strecke nicht ausreicht. Der Marathon hat eine anspruchsvolle Streckenführung mit einigen Höhenmetern. Wir hatten nur wenige Läufe um 30 km gemacht und das Tempo bis Km 42 zu halten ist schwer, wenn man es nicht gewohnt ist. Ich empfahl ihr auf eine Zielzeit zu verzichten und den Lauf aus der Lauffreude heraus locker zu laufen. Egal welche Zeit sie laufen würde, es wäre auf jeden Fall Bestzeit. Mir war es einfach wichtiger, ihr die Freude und Spaß an einem Marathon zu zeigen, als sie zu einer potentiellen Zielzeit zu treiben. Das schlimmste für mich wäre, dass sie keine Freude mehr am Laufen empfinden würde. Das sind die Zahlen auf einem Papier mit einer Ergebnisliste nicht wert.
Ich sagte zu ihr, dass ich bei ihr bleiben werde und sie bei ihrem ersten Marathon begleiten und unterstützen möchte, falls sie dies wünscht und braucht. Sie stimmte meinen Überlegungen zu und wir gaben das Projekt Sub 4 Stunden auf den Schloss Marienburg Marathon auf.
Aus heutiger Sicht muss ich sagen, dass war die absolut beste Entscheidung, die wir hätten treffen können. Warum? Nun, das war so …

Prolog – Einer der wollte, viele die ablehnten
Ich muss gestehen, ich gehöre zu jenen, die oft und gerne einen Lauf empfehlen. Insbesondere dann, wenn er mir selbst Spaß gemacht hat. Der Schloss Marienburg Marathon war mir neu. Dennoch dachte ich mir schon im Frühjahr, es wäre schön, wenn andere mit kommen würden und ich nicht alleine hinfahren müsste.

Also fragte ich etliche Leute, ob sie nicht Lust hätten, sich ebenfalls anzumelden. Das Fazit: Nur eine Person meldete sich an: Sven. Sven fing erst Anfang des Jahres an zu laufen und hatte sich bis auf 10, 12 km hoch trainiert, als ich zu ihm meinte, dass ich ihm einen Halbmarathon am Ende des Jahres zutraue und ob er sich nicht anmelden wolle. Er sagte ja und meldete sich an. Für ihn war es das Projekt: Der erste Halbmarathon. Er arbeitet bei Laufsport Andreas in Minden und dort gründete er in der logischen Konsequenz eine Laufgruppe „Der Weg zum ersten Halbmarathon“.

Samstag, 25.11.2017 – Vor dem Start
Sina und ich hatten gerade unsere Startnummern abgeholt, da kam Sven zu uns und er schien auf mich recht entspannt. Wir zogen uns um, bereiteten uns auf den Start vor. Die gesamte Organisation des Laufes war top. Das abgeben der Taschen ging zügig, genau wie die Abholung der Startnummern. Beides fand in einer kleinen Sporthalle statt. Hier trennten sich unsere Wege. Sven, Sina und ich sahen uns erst beim Start wieder. Das Halbmarathon- und Marathonstarterfeld umfasste 550 Läufer_innen in der Summe. Der Lauf war zum wiederholten Male ausverkauft und voll besetzt.


Kurz vor dem Start wurde darauf hingewiesen, dass alleine 60 Helfer_innen während des Laufes tätig sind. Dazu kämen noch einige im Vorfeld. Auch werden drei Läufer_innen explizit erwähnt. Zwei würden jetzt ihren 250. Marathon absolvieren und eine Frau sogar ihren 500. Marathon. Wahnsinn! Ich fühlte mich in diesem Moment so klein, da es erst mein 19. Marathon werden sollte.

Der Start bis Km 9 – Schlammschlacht Teil 1
Der Startschuss fällt und das Feld setzt sich in Bewegung. Wir starten neben der Sporthalle in einem Siedlungsgebiet. Schon nach einem Km sind nur noch Feldern um uns herum. Den ersten Kilometer unterhalten wir uns mit Sven und trennen uns danach von ihm. Sina und ich wählen ein leicht höheres Tempo. Die Strecke führt weiter zu einem Hügel, auf dem das Schloss sein soll. Nur leider sehen wir das Schloss nicht. Es scheint, als wenn das Schloss sich auf auf der Rückseite des Hügels befinde.

Nach gut 1,8 km wird es langsam hügliger und wir rennen langsam den Hügel hoch. Nach gut 2,5 km sind wir in einem Wald angekommen und es erwartet uns ein toller Singletrail. Nur leider geht es im Schneckentempo voran, obwohl es nun bergab geht. Die Strecke ist absolut voll. Ein Überholen ist nicht möglich. Ich probiere es zwar, aber Sina kann nicht folgen, einfach weil es zu eng ist. Ein überpacen am Anfang ist so auf jeden Fall nicht möglich. Nach dem ersten Singletrail, so ab der Km 3 Marke, kommen wir an einem Auto vorbei, welches mit lauter Musik den Wald beschallt. Die Stimmung steigt bei den Läufer_innen um mich herum. Danach folgt ein sehr schlammiger Wag, der zudem sehr rutschig ist. Gut 10, 15 m vor mir stürzt eine Frau. Sofort, noch bevor ich helfen kann, helfen ihr zwei Läufer auf. Sie hat schmerzen und kann nur schwer sich hochheben lassen. Ich hoffe, es ist nichts Ernstes. Sina und ich laufen weiter, eben weil ihr schon geholfen wird und wir den engen und sehr rutschiges Matschweg nicht blockieren wollen. Später erfährt Sina, dass die Frau wohl sich ihre Schulter ausgekugelt hat. Auf diesem Weg wünsche ich eine gute Besserung und hoffe, dass es der Läuferin bald wieder besser geht!

Bei Km 4 sind wir an einer Straße, die sich für ungefähr einen Km neben uns entlang windet. Mit den Worten „Achtung! Bitte passt auf. Es ist hier sehr rutschig“ von einem Streckenposten, laufen wir zurück in den Wald. In der Ferne sieht man nun das Schloss, auch wenn dieses weit entfernt scheint.
Als es zurück in den Wald geht, geht es über Singletrail Serpitinenen bergauf. Sina und ich sind fast die einzigen, die die Serpetinen hochlaufen. Ich denke mir an dieser Stelle, dass es wahrscheinlich hart in der zweiten Runde werden könnte.
Oben angekommen sind wir plötzlich direkt unter dem Schloss und ich denke mir: Wow. Einfach: Wow.



Es dauert nun nicht mehr lange bis wir beim Schloss ankommen. Einige Zuschauer feuern uns hier an. Im Schloss spielt ein Dudelsackspieler gegenüber dem Verpflegungspunkt. Wir trinken kurz etwas und laufen aus dem Schloss heraus und damit zurück in den Wald. Sofort kommt uns das Km 6 Schild entgegen.

Mit dem Gedanken, dass der schlimmste Schlammbereich hinter uns liegt, sollte ich mich irren. Bis Km 8 ist der Weg sehr aufgeweicht und entsprechend schwer ist der Abschnitt zu laufen.
Bei Km 7,5 liefen wir wieder von der anderen Seite an dem Auto mit der Musik vorbei. Dieses Mal ist das Auto ein Kontrollpunkt, wo auf meiner Nummer ein roter Strich gemalt wird. Das soll wohl heißen, ich hab nicht abgekürzt. Nach dem Kontrollpunkt folgt ein kleiner Anstieg und dann geht es lange bergab.

Km 9 bis Km 21 – Straßen und Wald
Am Ende des Downhills, ca. bei Km 9, haben wir wieder die Straße unter den Füßen und die erste halbe Runde des Halbmarathons war fast absolviert. Endlich haben Sina und ich wieder so etwas wie einen Laufrhythmus und der trägt uns flott zum Start-/Zielbereich.

Dort bleiben wir kurz stehen und trinken und essen etwas, bevor es schließlich in die zweite Schleife des Halbmarathons geht.
Allgemein lässt sich sagen, die zweite Hälfte braucht keine so detaillierte Beschreibung, wie die erste Hälfte der Halbmarathonrunde. Wir laufen durch ein Siedlungsgebiet und danach auf einer langen, geraden Straße zwischen Feldern entlang. Immer wieder türmt sich eine kleine Bodenwelle vor uns auf, die stets gut zu laufen ist. Sina und ich reden nicht viel, aber wir laufen eine gute, solide Pace, eben weil es hier wieder möglich ist mit einem Rhythmus zu laufen. Bei Km 12 fängt es an zu regnen und ich beschließe meine Jacke anzuziehen, die bis dahin in meinem Rucksack verstaut war.

Kurz vor Km 14 betreten wir einen Wald. Es geht kaum merklich einen Anstieg hoch. Hier werden wir von einer Läuferin überholt, die mit einem Dalmatiner läuft oder von diesem gezogen wird? Wir sind uns da nicht so sicher.

Ein Kilometer später sind wir wieder auf der Straße und sehen den nächsten Verpflegungspunkt. Nachdem wir uns gestärkt haben, folgt sofort die Km 16 Markierung und es geht auf einer Straße zwischen den Feldern weiter. Bei Km 17 betreten wir wieder den Wald. Für mich ist das ein guter Moment den bisherigen Lauf Review passieren zu lassen:
Es ist ein wirklich schöner Lauf, dass merke ich jetzt schon: Abwechslungsreiche Strecke, die fordert aber ebenso auch einem viel zurück gibt. Es gab bisher knackige Anstiege, ein schönes Schloss, Siedlungen, Felder, Wälder und gut zu laufende Straßenabschnitte. Ein wirklich guter Mix, der es mir nicht schwer erscheinen lässt noch eine zweite Runde dranzuhängen. Mal sehen, was die letzten vier Km anzubieten haben.
Zwischen Km 18 und 19 wird es noch einmal sehr matschig für uns. Der Boden ist sehr weich und der Schlamm ist knöcheltief. Hier denke ich schon: Ohje, wie soll das nur in der zweiten Runde werden, wenn wir hier rund um Km 40 sind?
Die letzten zwei Km der Halbmarathonrunde sind wieder auf einer Straße, die zudem komplett flach ist. Wir hier vor Kraft strotzt, kann auf jeden Fall richtig Tempo machen.
Sina und ich unterhalten uns mit einer Läuferin, die gleich den Halbmarathon für sich beendet und ins Ziel laufen darf. Sie bemerkt, dass wir noch frisch aussehen und ob wir den Marathon laufen würden? Ich antworte, dass dem so ist. Wenn wir jetzt nicht mehr frisch aussehen würden, hätten wir wohl ein großes Problem. So einfach ist der Kurs nun nicht. Sie stimmt dem zu und wünscht uns alles Gute auf der zweiten Runde.

Als wir wieder den Start-/Zielbereich erreichen, stärken wir uns erneut und laufen relativ zügig weiter. Nun kennen wir die Strecke und wissen was vor uns liegt.
Ich frage mich in diesem Moment, wie es wohl Sven geht? Wie weit er wohl ist? Wie es ihm geht? Es ist schließlich sein erster Halbmarathon. Ich werde nach dem Lauf von ihm erfahren, dass er nach 2:12h hier eintreffen wird und seinen ersten Halbmarathon-Finish feiern kann.
Ganz persönlich an dich, Sven: Nimm dir den Moment, wenn du es nicht schon getan hast, und schaue zurück zum Anfang dieses Jahres, als du begonnen hast überhaupt zu Laufen. Du kannst stolz auf deine Entwicklung und dein Erreichtes sein. Ich tippe, dass du im Februar nicht daran gedacht hast, jetzt schon einen Halbmarathon zu laufen und ebenfalls dich für einen Marathon anzumelden. Daher, nicht nur für deinen Finish, sondern grundsätzlich: Herzlichen Glückwunsch zu deiner Leistung!

Zurück zu Sinas ersten Marathon.

Km 21 bis Km 30 – Schlammschlacht Teil 2
„Auf geht es in die zweite Runde“, dachte ich mir als wir aufbrechen. Es dauert nicht einmal einen Km bis uns der erste des Gesamtfeldes entgegen kommt. Wir sind also bei Km 22 und er ist bei Km 31. Bis wir in den Wald am Hügel laufen, sind es sogar die ersten sechs oder sieben Läufer, die uns entgegen kommen. Sina und ich bemerken, dass es nun deutlich weniger Läufer_innen auf der Strecke sind. Wir haben deutlich mehr Platz zum Laufen. Wir müssen kaum bis gar nicht mehr jemanden überholen.


Der Singletrailabschnitt war in der ersten Runde zwischen Km 2 und 3 so voll, dass wir hier entlang schlichen. Nun sind wir fast komplett alleine. Dadurch macht die Runde gerade mir noch mehr Spaß. Ich muss mich an dieser Stelle zum ersten Mal immer wieder bremsen. Ich drehe mich um, und lasse Sina wieder ran kommen. Ich möchte mit ihr zusammen ins Ziel laufen, und ich bemerke, wie die Lust am Laufen immer größer wird. Ich selbst laufe im regenerativen Bereich, also weniger als 70% meines maximalen Pulses und spüre, dass ich noch jede Menge Kraft habe. Ich stelle mich jedoch direkt darauf ein, dass ich heute dies nicht ausleben werde, sondern wie versprochen bei Sina bleibe. Ganz leicht fällt mir das nicht.

Als wir das zweite Mal im Schloss ankommen, machen wir die längste Pause an einem Verpflegungspunkt während des gesamten Laufes. Ich mache Fotos, genieße das Schloss und Sina trinkt und isst. Als wir gestärkt weiterlaufen, spricht uns ein Läufer an. Kurze Unterhaltungen gehören doch irgendwie zu einem längeren Lauf, gerade auf so einem familiären Marathon, wie diesem hier.


Etwas später verlassen wir den Wald und haben fast die Straße wieder vor uns. Auf meiner Startnummer ist nun neben einem roten Strich ein blauer dazu gekommen. Sina spricht mich darauf an, dass uns Läufer_innen entgegen kommen. Ich hätte nicht erwartet, dass wir wirklich noch Leute in den Wald laufen sehen, wenn wir raus kommen. So schnell sind wir nicht unterwegs, war zumindest meine Einschätzung. Zu diesem Zeitpunkt laufen wir auf eine 4:20h hinaus und die Waldrunde mit dem Schloss sind knappe 6 Km. Es war das erste Mal, dass ich eine ernsthafte Prognose anstelle. Diese teile ich Sina nicht mit. Zeiten spielen heute keine Rolle. Doch wer weiß, wieviel wir am Ende wirklich brauchen. Es geht heute nur um sie, was sie braucht und möchte. Es ist schließlich ihr erster Marathon. Daher sage ich nichts, lächele ihr zu und verweise darauf, dass wir die 30 km passiert haben. Sie nickt und wirkt dabei etwas müde.

Km 30 bis bis Km 39 – Es wird schwerer
Als wir zum dritten Mal in den Start-/Zielbereich einlaufen und uns stärken, ist es schon wesentlich leerer geworden. Ich merke, dass die Halbmarathonläufer_innen alle im Ziel sind und es somit weniger Zuschauer_innen gibt. Die Verpflegung wird knapper und die Auswahl sinkt. Das war zumindest so, als ich wir gerade da waren. So liefen wir, ohne Essen und nur mit etwas Flüssigkeit im Bauch, weiter.

Bei Km 32 sehe ich ein Schild „Wenn du das das lesen kannst, bist du zu langsam.“ Ich muss laut lachen, schicke Sina vor und mache erst einmal ein Foto. Daraufhin holt mich ein Läufer ein und meint zu mir „Was steht da? Er könne es nicht lesen.“ Ich muss erneut lachen und antworte im Sinne meines bösen Humors: „Wer das liest, ist ‘ne coole Sau!“ Wir lachen beide. Dann laufe ich Sina hinterher, bis wir wieder zusammen laufen. Nach dem Teutolauf absolvierten wir noch Läufe mit einer Distanz bis 32 km. Nun betritt sie erneut, wie beim Teutolauf, einen Distanzbereich, denn sie zuvor nicht lief. Ich gucke regelmäßig zu Sina rüber und mustere sie. Ich möchte wissen, wie es ihr geht, wie sehr sie kämpft.

Sie lächelt, alles ist gut!

Ich sehe ihr zwar an das es ihr gut geht, aber auch, dass sie erste Schwierigkeiten bekommt. Sie wird langsamer und ihr Laufschritt sieht nicht mehr so leicht und rund aus. Es ist also für Km 34 alles normal und erwartbar, vor allem, weil sie noch nie so lange lief. Dennoch mache ich mir etwas Sorgen um sie, behalte dies aber für mich.
In dem Moment passiert etwas, womit ich nicht gerechnet habe. Sina sieht mich an und sagt: „Wenn wir jetzt nur noch gehen würden, würden wir es im Cutoff schaffen.“ Ein kurzer Hinweis: Der Cutoff, also die maximale erlaubte Dauer für den Lauf, liegt hier bei diesem Lauf um 6 Stunden. Ich halte einen kurzen Moment inne und antworte: „Das stimmt. Da jemand hat wohl zugehört, als ich Tipps gab, wie man mental mit schwierigen Momenten beim Marathon umgeht.“ Sie lächelt mich an und entgegnet: „Ja. Manchmal sagst du etwas hilfreiches.“ „HEY!“ Wir lachen uns an bis ich sage: „Im ernst. Wenn du jetzt den Rest gehen würdest. Dann würde ich mich von dir lösen und vorlaufen, denn im Ziel wäre ich sonst völlig ausgekühlt.“

Sie schaut in die nächste Linkskurve in Richtung des Waldes, welcher kurz vor Km 14 in der Halbmarathonrunde beginnt (also unser Km 35 in diesem Moment). „Nein. Ich laufe ich weiter.“ Ich nicke ihr zu: „Das machst du auch wirklich gut.“ Das meine ich völlig ernst. Ich weiß aus eigener Erfahrung, wie schwer es sein kann, wenn man bei Km 35 merkt, wie die Kräfte schwinden und noch 7 Km vor einem liegen. Ich halte kurz inne und schaue auf die Uhr. Ich beschließe nun gute 7 km vor dem Ziel ihr eine Prognose zu geben: „Ich schätze, wir kommen bei unserem jetzigen Tempo zwischen 4:27h und 4:32h ins Ziel. Und falls wir das Tempo nicht halten“, ich zucke mit den Schultern: „… dann ist das halt so. Es ist nur eine Schätzung.“ In der Kurve selbst sieht es von der Ferne so aus, als wäre jemand umgekippt. Mehrere Sanitäter stehen zusammen. Doch als wir näher kommen, sehen wir, dass die Reiterinnen des roten Kreuzes verpflegt werden. Puh!

Bei Km 37 erreichen wir den letzten Verpflegungspunkt vor dem Ziel. Gute 5 Km liegen noch vor uns. Wir essen und trinken. Sina hat es schwer wieder in den Tritt zu kommen, doch ich kenne das aus eigener Erfahrung. Wenn die Kraft noch ein klein wenig da ist, muss man kurz die Zähne zusammenbeißen und wieder loslaufen. Nach wenigen hundert Meter ist man wieder im Tritt und kann es laufen lassen. Naja, zumindest so sehr es noch von der Kraft her irgendwie geht. Ich rede ihr gut zu, dass sie das schafft und ich nachvollziehen kann, wie es ihr geht. Ich sehe erwartungsvoll zu Sina und sie atmet tief ein und tritt an. Ich mache ihr Mut, denn ab der nächsten Kurve haben wir wieder Rückenwind.
In der Kurve selbst kommt ein Läufer von hinten und spricht uns gut zu. Ich bedanke mich, verweise aber darauf, dass Sina eher Zuspruch braucht. Er spricht Sina etwas zu und wird dann schneller. Ich weiß nicht wie er heißt, aber diesen Läufer von Km 37 werden wir noch wiedersehen.
Ich denke an mich selbst gar nicht mehr. Mir geht es gut. Daher gilt meine ganze Aufmerksamkeit Sina. Ich versuche sie etwas zu erheitern, doch alle meine Versuche erweisen sich als kontraproduktiv. Daher höre ich damit auf und lass ihr etwas Ruhe und auch Raum. Ich laufe gute 5 Meter vor ihr, drehe mich aber immer mal wieder zu ihr um. Ich möchte für sie da sein, aber sie nicht nerven. Ich merke, dass es gerade eine schwierige Phase für sie ist.

Km 39 bis ins Ziel – Das wird noch! Oder?
Wir laufen immer weiter gegen das Ziel. Mittlerweile laufen wir wieder nebeneinander. Bei Km 39 denke ich mir, vielleicht kann ich etwas die Zeit für Sina verkürzen, wenn ich ihr eine Anekdote erzähle. Ich berichte, dass die Km 38 Marke für mich immer eine Marke sei, wo ich einen zweiten Frühling erlebe. Es seien nur noch gute 4 Km und irgendwie gefällt mir die Marke; oder anders gesagt: Es seien nur zwei Km bis zur Km 40 Marke und danach sind es zwei Km bis ins Ziel.
Ich verweise auf das Schild „Km 18“ und meine: „Siehst du. Km 39. Jetzt ist es nicht mehr weit. Nur noch 3,2 km. Das schaffst du!“

Wir kommen zur letzten matschigen Stelle. Ich hab mir in der ersten Runde schon sorgen gemacht, ob das nicht anspruchsvoll in der 2. Runde wird. Tatsächlich stürzte ein Läufer gute 25 m vor uns im Matsch. Er steht wieder auf. Ich erkundige mich, wie es ihm geht. Es sei alles in Ordnung und er läuft wieder los.
Bei Km 40 laufen Sina und ich erneut auf den Läufer von Km 37 auf. Wir unterhalten uns bis ins Ziel über verschiedenste Themen. Das lässt die letzten drei Km für mich sehr kurzweilig erscheinen. Ich denke mir, dass es für Sina und dem Läufer ebenfalls hilfreich sei, sich jetzt in einer Gruppe zu unterhalten und so die letzten Km gefühlt kürzer erscheinen zu lassen. Und so ist es. Wir werden wieder etwas schneller. Bei Km 40 bemerke ich, dass wir wohl unter 4:30h bleiben werden.
Und plötzlich sehen wir vor uns den Start-/Zielbereich und überqueren die Km 21 Marke zum zweiten Mal. Sina und ich freuen uns, laufen gemeinsam ins Ziel.
Sie hat es geschafft und ihren ersten Marathon erfolgreich und glücklich nach 4:27:52h beendet. Wir holen uns etwas zu trinken. Erst danach umarmen wir uns und ich gratuliere ihr innig und sage zu ihr „Willkommen in der Reihe der Marathonläufer“. Sie strahlt und wirkt erleichtert. Ich sehe sie an, und merke, dass ich stolz auf sie bin. Ich vermute, dass es ihr so geht, wie es vielen Marathonfinishern beim ersten Mal ergeht: Sie realisieren nicht, dass sie eben 42,195km gelaufen sind. Ich weiß aber, dass sie in wenigen Tagen mich als Marathonläufer besser und anders verstehen wird. Sie wird Tage später auch betonen, wieviel Spaß ihr der Schloss Marienburg Marathon gemacht hat und wie schön sie es fand, dass ich bei ihr war. Abschließend holen wir uns die Finisher-Medaille ab. Sina bedankt sich bei mir für die Unterstützung, freut sich und fängt, genauso wie ich, an zu frieren. Es ist plötzlich sehr kalt, so ohne Bewegung. Wir bitten eine Läuferin schnell ein Finisher Foto von uns zu machen und gehen in die Sporthalle duschen und fahren nach Hause.

Fazit
Ich verstehe wieso der Lauf ausverkauft ist und das nicht zum ersten Mal. Ich finde die Strecke toll und abwechslungsreich. Ich werde den Lauf sicher nochmal laufen. Entweder als Halbmarathon oder Marathon. In welcher Form weiß ich noch nicht. Er ist toll organisiert, die Strecke ist wirklich gut gewählt. Das Schloss ist ein echtes Highlight. Sina schien auch sehr angetan vom Lauf zu sein.
Abschließend stellt sich auch die Frage, ob es nicht nur ihr erster Marathon war, sondern auch auch ihr Letzter? Nein. Wir sind beide beim Berlin Marathon 2018 angemeldet und überlegen noch einen Marathon im Mai mitzunehmen. Den Berlin Marathon werden wir aber voraussichtlich nicht gemeinsam laufen, sondern jeder für sich.

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Taubertal100 2017 – Mein erster 100 km Lauf

06.10.2017, Freitag
Ich erreiche Rothenburg ob der Tauber, eine kleine Stadt mit wunderschöner, mittelalterlicher Altstadt. Es ist der Startort meines ersten 100 km Laufes und das Ziel liegt in Wertheim. Ich suche das Hotel auf, checke mich ein. Kurz danach hole ich meine Startunterlagen und meine Dropback Taschen ab und packe sie entsprechend. Für alle, die jetzt keine Vorstellung haben, was ein Dropback ist: Das ist eine kleine Tasche, die man für einen vorher definierten Punkt abgeben kann. In einen Dropback darf man alles packen, was man an diesem Punkt haben möchte und irgendwie in diese Tasche passt. Die Dropbacks haben die Größe eines Turnbeutels. Am Ende darf ich einen Dropback behalten, den anderen muss ich wieder abgeben.

Ich darf zwei Dropbacks abgeben. Für den Km 20 Dropback gebe ich nur Gels und Energieriegel ab. Für Km 71 hingegen packe ich Gels, Riegel und ein komplettes zweites Kleidungsset, bestehend aus einem Capi, T-Shirt, Jacke, Hose, Schuhe etc. Das erste Mal packen klappt nicht sonderlich gut, doch nach dem 2. Versuch passt endlich alles in den Beutel für Km 71. Ich bereite mich so komplett auf den Lauf vor, bevor meine Freundin, Sina, in Rothenburg ankommt, um mich entsprechend auf dem Lauf zu begleiten. Sie stellt das Auto in Wertheim ab und kommt mit dem Fahrrad per Zug nach Rothenburg. Als ich alles gepackt habe, erreicht sie Rothenburg und ich hole sie vom Bahnhof ab und bringe sie in unser Hotelzimmer. Es sind nur noch wenige Stunden bis zum Start. Wir nutzen die Zeit daher sehr gut und gehen einmal durch Rothenburg spazieren, bevor das Sicherheitsbriefing um 17 Uhr anfängt, gefolgt von einer Kartoffelparty und zwei Vorträgen über die Motivation beim Ultralaufen.

Auf der Kartoffelparty sitzt Jens mir gegenüber. Ein Löhner, der ungefähr 300 m von einer meiner alten Wohnungen in Löhne-Obernbeck entfernt wohnt. Was für eine kleine Welt! Er läuft die 71 km und versucht unter 7 Stunden zu bleiben. Es ist sein längster Lauf bis zum heutigen Tag.
Dann geht es schnell zu den Vorträgen. Als ich die zwei Vorträge gehört habe, denke ich mir, dass ich unbewusst schon einiges richtig mache. Insbesondere, dass man nicht die Demut vor langen Distanzen verlieren soll, predige ich auch andauernd: Habe Respekt vor der Distanz und verliere sie niemals und sei dankbar, dass du das laufen kannst!
Nach diesem ganzen Programm ist es schon 21:15 Uhr und somit sind es nur noch 6,5 Stunden bis zum Klingeln meines Weckers. Auch wenn es direkt ins Bett geht, die Nacht ist irgendwie sofort vorbei.
Ich realisiere beim aufstehen nicht, dass ich mich überhaupt nicht mental auf den Lauf eingestellt habe. Ich bin weder nervös, noch angespannt. Das Programm ist so voll, dass ich ständig ablenkt bin und mich bemühe alle getakteten Termine einzuhalten. Was mache ich hier eigentlich? Bin ich doch noch nie über 63 km hinaus gelaufen. Ich war im Sommer verletzt, konnte mich nicht entsprechend vorbereiten. Achja. Mir fällt es wieder ein. Ich möchte 100 km laufen. Na, wenn ich sonst keine anderen Pläne habe, dann packe ich das Projekt mal an.

07.10.2017, Samstag
Vor dem Start
Um 03:45 Uhr klingelt der Wecker und die Nacht ist vorbei. Alles ist vorbereitet, die Wettkampfkleidung liegt bereit, die Taschen sind gepackt. Alles funktioniert wie ein Automatismus. Wach bin ich nicht. Sina und ich machen uns fertig und nehmen alle Taschen mit zum Frühstück, welches um 04:30 Uhr ist. Wir sind bei weitem nicht die Ersten, obwohl wir überpünktlich sind. Eigentlich sind wir sogar fast die Letzten. Es ist ein gutes Buffet und viele reden durcheinander. Manche Läufer klingen wie aufgescheuchte Hühner. Ihnen merkt man die Nervosität einfach an. Sina und ich schweigen uns eher an und fühlen uns noch müde. Sie schlürft ihren Kaffee und ich meinen O-Saft. Um 05:05 Uhr gebe ich meine Dropbacks und die Reisetasche für das Ziel ab. Anschließend gehe ein letztes Mal auf die Toilette. Sinas Tasche muss sie selbst auf dem Fahrrad mitführen. Sie hatte das eingeplant und entsprechend wenig gepackt.

Um 05:15 Uhr treffen sich alle vor unserem Hotel. Für alle die wollen gibt es eine Fackel für den Fackellauf. Ich möchte ein Teil dessen sein und hole mir eine ab. Der Fackellauf ist ca. 1-2 Km lang und gehört nicht zu den 100 km. Wir laufen in den Burggarten von Rothenburg ob der Tauber, wo wir unsere Fackeln später löschen werden. Dort empfängt uns ein Ritter zu Pferd, der uns einen Auftrag gibt. Wir sollen Botschaften zu den vier Orten überbringen, die 50 km, 71 km, 100 km und 161 km (100 Meilen) entfernt sind. Ach, ich mag diese Rahmenstory. Wirklich! Für mich ist das wie eine zusätzliche Motivation. Welche Botschaft wir konkret überbringen sollen? Ich schlage vor: Nehmt am Lauf teil und ihr erfahrt es. *zwincker*


Danach gehen wir nochmal einen guten Km zum Start. Es ist komplett dunkel, es gibt keine Straßenlaternen. Nur unsere Kopflichter geben uns Licht.
Am Start angekommen stellen wir uns auf. Hier trennen Sina und ich uns. Sina steht mit ihrem Fahrrad ebenfalls am Start, aber an der Seite, um niemanden beim loslaufen zu stören. Der Start wird eng und voll, da ist ein Fahrrad noch nicht geeignet als Begleiter, denken wir uns. Ich hoffe, dass wir uns nach 5 km sehen würden. Ich sollte mich irren, denn wir sahen uns erst deutlich später.
Ich blicke einmal in alle Richtungen. Über alle vier Distanzen starten insgesamt 250 Läufer_innen gleichzeitig. Danach gehe ich meinen Tagesplan durch: Ich habe es nicht eilig und meine Strategie für den Tag ist klar: Für die ersten 50 km, möchte ich unter 5 Stunden bleiben, für die 71 km möchte ich unter 7:30h Stunden bleiben und danach gucke ich mal was so geht. Irgendwo zwischen 10 und 12 Stunden möchte ich ins Ziel einlaufen. Sollte der Plan A scheitern, dann sieht mein Plan B wie folgt aus: Ich möchte auf jeden Fall unter dem alten Cut-Off von 13 Stunden bleiben, denn zu diesem hatte ich mich angemeldet. Dieser wurde jedoch nach meiner Anmeldung auf 15 Stunden abgesengt, um Genussläufer diesen Lauf ebenfalls zu ermöglichen.

06:00 Uhr, Km 000, 0:00h Laufzeit
Der Startschuss! Als wir loslaufen, wird noch Pyro gezündet und Fontänen zäumen die ersten Meter. Es ist und bleibt total dunkel. Ich laufe ungefähr mit einer 5:45 min/km Pace los. Ich unterhalte mich schon nach 2 km mit der ersten Läuferin. Sie schätzt, dass sie vierte Frau wird und erhoffte sich eigentlich mehr. Ich frage mich in Gedanken versunken, wieso sie das nach 2 km schon so sicher weiß?

Nach 5 km am ersten Verpflegungspunkt (VP) trennen sich unsere Wege. Ich schreibe Sina, dass ich am VP (Verpflegungspunkt) 1 bin. Noch sehe ich sie nicht. Sie ist irgendwo hinter mir. Nach zwei, drei Minuten laufe ich weiter. Ich sehe sie einfach nicht. Es bleibt tiefste Nacht und ehrlich gesagt ist es das erste Mal, dass ich einen Wettkampf so früh am Morgen im Dunkeln bestreite und ich muss ehrlich sagen, es gefällt mir. Ich könnte mir sogar einen Lauf vollständig in der Nacht vorstellen. Der 100 km Lauf zu Biel ist ein solcher Nachtlauf, oder der FiNaMa (Fidelitas Nacht Marsch/Lauf). Diese Ruhe ist so erholsam. Der ganze Weg ist nur punktuell durch die Stirnlampen erhellt. Ich drehe mich immer wieder um, ob ich Sina sehe, doch ich sehe nur unzählige Stirnlampen hinter mir, die sich zu einer langen Schlange formieren. Es sieht wunderschön aus und ich mache doch kein Foto, weil die GoPro mit dem wenigen Licht einfach nicht klar kommt. Diese ersten Eindrücke sind unglaublich intensiv, auch weil ich alleine bin.
Ich habe keinen MP3 Player dabei, keine Kopfhörer. Ich genieße einfach diese Ruhe und diese Phase vom Rennen.

06:58 Uhr, Km 010, 0:58h Laufzeit
Nach knapp einer Stunde laufe ich zur VP 2 und genehmige mir etwas Essen und Getränke. An den VPs bei 5, 15, 25, 35 usw. gibt es immer nur Getränke und bei 10, 20, 30, 40 usw. gibt es Getränke und Essen. Im Moment habe ich gute 18 Minuten auf den Cut-Off. Tatsächlich ist der erste harte Cut-Off bei Km 50 und 6:30h und somit der schwerste Cut-Off in meinem Kopf. Daher rechne ich mind. bis dorthin immer meinen Vorsprung aus. Grundsätzlich hat man 76 Minuten pro 10 km im Durchschnitt Zeit auf den ersten 50 Km.
Nachdem ich etwas gegessen und getrunken habe, laufe ich weiter. Bei Km 11 bleibe ich stehen und warte auf Sina. Ich merke, wie es mich stresst, dass sie irgendwo hinter mir ist, und wahrscheinlich nicht / kaum durch kommt. Ich habe mittlerweile sehr viel Platz, um mich herum und sie könnte problemlos neben mir fahren. Ich versuche sie anzurufen, aber der Empfang in der Natur ist einfach nicht vorhanden. Ich packe das Handy wieder weg. Nach knapp 3,5 Minuten warten kommt sie. Ab diesem Moment sind wir zusammen unterwegs. Endlich!

Es wird langsam hell und so mache ich mein Kopflicht aus und packe es weg. Wir unterhalten uns kurz und sie berichtet, dass der große Knubbel an Läufer_innen hinter uns ist.
Die ersten gemeinsamen Kilometer reden wir sehr viel. Ich möchte unbedingt wissen, wie es hinter mir im Feld aussieht. Die Strecke selbst ist ein asphaltierter Fahrradweg, der mehr an den Dörfern vorbei führt, als durch sie hindurch.

07:56 Uhr, Km 020, 1:56h Laufzeit
Schon bei km 19 war die erste Dropbackstation und damit gab es auch zum zweiten Mal Essen. Als ich in den VP einlief, rief jemand meine Nummer und danach eilt ein anderer Helfer mit meinem Dropback zu mir. Ich empfinde diesen Service als sehr angenehm, weil ich als Läufer mich ausschließlich auf den Lauf konzentrieren kann. Ich nehme alles das, was ich brauche und fülle meine Vorräte auf. Ich nehme bei weitem nicht alles. Auch entscheide ich mich dagegen meine Stirnlampe abzugeben. Es gibt das Risiko, dass ich über 13:00h brauchen könnte und dann wird es wieder dunkel und ich bräuchte das Kopflicht.

Bei Km 20 habe ich 1:56h auf der Uhr stehen und habe nun ungefähr 36 Minuten Vorsprung auf den Cut-Off. Die Landschaft verändert sich, da wir durch ein Dorf laufen. Wir werden ab jetzt durch einige Dörfer laufen.

Bei Km 23 überhole ich Jens, den Löhner. Wir unterhalten uns kurz und ich wünsche ihm weiterhin alles Gute.
Der Abschnitt ist zwischen 20 und 30 ist schön, da er viel an dem Fluss Tauber direkt entlang führt. Doch es bleibt dabei: Der Weg ist vollständig asphaltiert.

08:54 Uhr, Km 030, 2:54h Laufzeit
Als ich die Km 30 passiere schaue ich wieder auf die Uhr. Ich habe nun 2:54h auf der Uhr und somit 54 Minuten Vorsprung zum Cut-Off. Wir sind auf einem langen, geraden Stück und das erste Mal merke ich den Gegenwind deutlich. Ich werde den ganzen Tag auf den gesamten 100 km Gegenwind haben. Mal werden Bäume mich schützen und mal wird der Wind mich Kraft kosten. Sina merkt an, dass die ersten aus der WhatsApp Supporter Gruppe wach seien und geschrieben hätten. Das ist eine Gruppe aus Personen, die Interesse an einer Live Berichterstattung angemeldet haben, oder wo ich mir dachte, dass sie Interesse haben könnten. Ich freue mich über die ersten Nachrichten, die sie vorliest. Es tut gut zu wissen, dass andere den Lauf mitverfolgen und mitfiebern!

Bei Km 34 laufe ich an einen Finisher vom Deutschlandlauf heran und befrage ihn zum Lauf. Das war ein 1300 Km langer Lauf von Sylt zur Zugspitze in ungefähr 2,5 Wochen. Es gibt nur knapp 40 oder 50 Finisher. Er erzählt ein wenig vom Lauf und ich meine, dass mich höchstens eine Etappe reizen würde, aber nicht der gesamte Lauf. Danach trennen sich unsere Wege für einige Km, aber nicht zum letzten Mal. Wir werden uns an diesem Tag noch einige Male unterhalten. Wir trennen uns und er gibt mir folgende Worte mit: „Denk dran. Die erste Hälfte eines 100 km Laufes ist 70 km lang. Die zweite Hälfte ist aber dann doch ein wenig länger.“
Wir erreichen den Getränkepunkt bei km 36 und befinden uns vor einem Schloss. Als die Strecke ins Schloss führt, wird Sina aufgehalten: „Nur die Läufer dürfen durch die nächste Passage. Begleiter müssen außen rum fahren.“ Ich darf durch einen Schlossinnenhof laufen und komme durch einen weiteren Torbogen in den Schlosspark. Der ist schön, nicht gewaltig, aber wirklich nett. Ich bin alleine von der Tatsache total angetan, dass ich durch ein Schloss und den Park laufen darf und feiere das auch laut. Die Streckenposten freuen sich scheinbar für mich und feuern mich an.

Als ich durch den Schlosspark durch bin, sehe ich Sina wieder, die an einer Kreuzung auf mich wartet. Ich bin total positiv gestimmt und gerade enorm gut drauf.
Bei Km 37 parkt ein Auto an der Strecke, ein Läufer steigt aus, läuft zu uns und schließt sich uns an. Er laufe nur 5 oder 10 km Volksläufe, wolle aber für einige wenige Km mal das Gefühl bekommen, wie es so ist bei einem solchen Ultralauf teilzunehmen. Wir unterhalten uns nett. Primär ist er sehr interessiert und stellt viele Frage, die ich alle beantworte. Wie lang man dafür trainiert? Wieso man so lange durchhalten kann? Usw. Er bleibt für ungefähr 1,5 Km bei uns. Bei 38,5 ist der nächste Punkt für Essen und Getränke. Dort dreht er um und läuft zurück. In Wertheim ist ein 5 km Lauf an dem er mit einem Team am selben Tag noch teilnimmt.

09:45 Uhr, Km 040, 3:54h Laufzeit
Bei dem Km 40 Schild steht eine junge Frau. Sie kommt aus ihrem Auto gesprungen und fragt mich, wo der Verpflegungspunkt für Km 40 sei, denn hier sei keiner. Ich sage ihr, dass der schon bei Km 38,5 war. Sie bedankt sich und steigt wieder ins Auto und fährt los.

Ich gucke auf die Uhr und sehe, dass ich bei 3:54h Stunden bin. Ich habe nun 1:10h Vorsprung zum Cut-Off.
Bei Km 42 klatschen Sina und ich uns ab. Der erste Marathon ist geschafft in etwas über 4 Stunden. Ich liege damit voll und ganz in meiner Taktik, es locker anzugehen. Bisher fühle ich mich gut, bin vollständig beschwerdefrei und habe keine Schmerzen. Wir durchlaufen den x-ten Ort und es wird der letzte vor Bad Mergentheim sein, wo das 50 km Ziel liegt. Es ist schon ein komisches Gefühl einen Marathon gelaufen zu sein und eben nicht im Ziel zu sein. Vor zwei Wochen lief ich in Berlin die 42,195 km in 3:15h und nun? Es wirkt alles so fern und so weit weg. Ich meine jetzt nicht die 100 km, sondern die Tatsache einen Marathon zu laufen. Mehr denn je merke ich, dass der Marathon in Berlin nur eine lange Trainingseinheit war. Ach, ich könnte jetzt wieder in den Gedanken verfallen, dass sich die Maßstäbe verschieben, wenn jemand zum ersten Mal ein Marathon läuft, oder einen Ultra. Ich lasse den Gedanken fallen, schaue zu Sina und lächle sie an. Sie guckt mich an, lächelt mich zurück und fragt: „Was?“ Ich bekräftige, dass alles in Ordnung sei und mich freue, dass sie da ist.
Ich denke nur an die Kilometer, die ich habe und nicht an die Km, die vor mir sind. Das ist mein Weg mit den 100 Km mental umzugehen.
Bei Km 44 habe ich die erste kleine Krise. Ich fühl mich plötzlich müde, schwach. Ich muss auch etwas Tempo rausnehmen. Mich überholt eine Frau, sowie zwei Männer, die ein Finisher T-Shirt des Sparthalons tragen (246 km Non-Stop Lauf, der auch von den Cut-Offs anspruchsvoll ist). Ich nehme ein Gel und hoffe auf den nächsten Getränkepunkt, der hoffentlich bald kommt. Als wir bei Km 45 endlich ankommen, nehme ich einen meiner Energieriegel und entsprechende Getränke vom VP zum runterspülen. Hier mache ich das erste Mal eine längere Pause und gehe die ersten 100 m nach dem VP, um mein Essen anzuverdauen. Hier überholt mich der Deutschlandlauf-Läufer und Jens, der Löhner.

Wenige Meter nach dem VP werde ich von einem Streckenposten angesprochen, ob alles okay sei. Ich bestätige das. Ich habe etwas gegessen und brauche gerade 1-2 Minuten, bevor ich weiterlaufe. Er nickt erleichtert und wünscht mir viel Spaß weiterhin. Ich laufe wieder los. Ab Km 47 geht es mir wieder gut und ich fühle mich wieder richtig fit.


Die letzten Kilometer bis zum Ziel in Bad Mergentheim sind durch den Kurpark, was eine schöne Abwechslung zur sonstigen Landschaft ist. Ein weiteres kleines Highlight und es hilft sicher noch einmal zur Motivation bis in Km 50 Ziel.

10:57 Uhr, Km 050, 4:57h Laufzeit
Bei Km 49,5 ertönt eine Fanfare von einem Kirchturm her für jede Läuferin und jeden Läufer. Ich muss lächeln und bin glücklich. Ich mag das ganze Mittelalter Thema drum herum einfach unheimlich.
Gedanken zur Halbzeit: Sina lieferte bisher einen perfekten Support. Sie ist für mich da und ist verständnisvoll. Wir reden viel und doch gibt es auch lange Schweigephasen, die wir entspannt und positiv hinnehmen. Sie liest mir aus der Supportgruppe immer wieder die Nachrichten vor und schreibt Nachrichten zurück. Sie motiviert mich, alleine durch ihre Anwesenheit. Sie feuert mich an, als es mir bei Km 44 nicht gut ging und freut sich mit mir, wenn ich etwas abfeiere, wie den Schlosspark.


Ich laufe durch das 50 Km Ziel und gehe direkt an den VP, um richtig viel zu essen. An keinem Stand zuvor, oder danach, werde ich so viel Essen wie hier. Ich nehme mir fast 10 Minuten Zeit. Ich werde sogar gefragt, ob ich abbreche oder noch weiterlaufen möchte. Ich sage, dass ich bald aufbreche, doch gerade einfach Hunger habe. Beim Essen treffe ich den Deutschlandlauf-Läufer wieder. Es geht ihm nicht so gut, da er mit dem Essen nicht klar kommt. Seine Frau besorgt ihm gerade ein Brötchen vom Bäcker von neben an. Ich wünsche ihm alles Gute, doch ich ahne, dass wir uns nicht zum letzten Mal gesehen haben.
Mein erstes Ziel hab ich erreicht. Ich blieb unter 5 Stunden bei 50 km. Nun hieß es: Der nächste Halbmarathon sollte in unter 2,5 Stunden bleiben. Nun habe ich noch 10 Stunden Zeit für zweite Hälfte des 100 km Laufes. Ab diesem Moment weiß ich, dass der Cut-Off für mich keine Rolle mehr spielt. Ich verlasse den VP.

Der Abschnitt zwischen 50 und 60 fängt schön an der Tauber an. Jedoch ändert sich das schon nach gut 1,5 km und es wird ein größtenteils unansehnlicher Abschnitt. Wir laufen immer häufiger durch Industriegebiete und an gut befahrenden Landstraßen entlang. Seit Km 50 ist es sehr einsam um mich herum geworden. Ich sehe immer seltener andere Läufer_innen. Ich bin so froh, dass Sina da ist, die fast zum selben Zeitpunkt, dieselbe Erkenntnis hat.

Bei Km 54 laufe ich an einer rothaarigen Dame vorbei. Auf ihrer Nummer sehe ich später, da wir uns nun mehrmals treffen werden, den Namen: Iris. Ich grüße sie. Mir fällt sofort auf, dass sie eine Mütze von Transalpine-Run 2017 trägt. Sie holt mich am VP bei Km 55 wieder ein. Sie macht sehr kurze Pausen, und ich lange. Ich werde sie bei Km 57 wieder überholen. So wird das nun bis zum Ziel gehen.
Bei Km 58 erlaube ich mir ausnahmsweise den Gedanken, dass es jetzt „nur noch“ ein Marathon bis ins Ziel ist. Darunter kann ich mir etwas vorstellen. Dennoch ist ein sonderbares Gefühl, jetzt schon fast sechs Stunden zu laufen und einen Marathon vor sich zu haben. Ansonsten bleibe ich hart bei meiner Linie: Denke nur an die Km, die du geschafft hast und nicht an jene, die vor dir liegen. „Nur noch“. Bei diesen zwei Wörtern muss ich selbst gerade, wo ich diesen Bericht verfasse, den Kopf schütteln.

12:06 Uhr, Km 060, 6:06h Laufzeit
Als Sina und ich die 60 km passieren, habe ich 6:06h auf der Uhr. Abzüglich meiner 10 minütigen Pause bei Km 50, brauchte ich so nur um die 60 Minuten für die letzten 10 km. Ich merke aber, dass ich etwas langsamer werde und die Pausen an den VPs länger werden. Es sollen die letzten 10 km an diesem Tag sein, die ich in unter 60 Minuten laufen sollte.
Es gibt immer mehr hässliche Industriegebiete, die wir passieren. Sogar über Ampeln führt die Route, so dass ich erst einmal 1,5 Minuten an einer roten Ampel stehe und nicht weiter kann.
Wirklich schöner wird es erst wieder bei Km 65. An dem dortigen Verpflegungspunkt, sagt ein Helfer, dass das kurz vor mir ein 100 Meilenläufer war. Wir reden kurz darüber und ich meine „Der hat noch knapp 100 km vor sich, also meine gesamte Tagesdistanz. Ich bin froh, dass ich gleich schon zweidrittel absolviert habe.“ Der Helfer vom VP nickt zustimmend. Bei dem Gedanken, dass der Läufer meine gesamte Strecke vor sich hat, stockt mir selbst der Atem. Das lässt die Maßstäbe nochmals irgendwie verquer wirken. Ich atme tief ein und aus. Ich verlasse den VP. Kurz vor Tauberbischofsheim komme ich wieder in ein Gespräch mit einem Läufer, der gleich bei 71 km aufhören wird.

Wir reden bis kurz vor dem 71er Ziel. Wir bekommen auch beide hier eine Fanfare gespielt und gut 200m vor dem Ziel, zieht er an und sprintet zügig ins Ziel. Ich denke in dem Moment an Jens, wie es ihm wohl geht und ob er sein Ziel geschafft hat, unter 7 Stunden zu bleiben? Das hat er leider nicht. Er wird sogar erst kurz nach mir einlaufen. Gesehen habe ich ihn leider nicht mehr, sonst hätte ich einige motivierende Worte zu ihm gesagt. Ich habe keine Ahnung, wann ich ihn überholt habe. Auf jeden Fall herzlichen Glückwunsch zu deinem ersten und erfolgreichen 71 km Lauf, Jens! Eine großartige Leistung und ich hoffe du freust dich über dein Ergebnis und deine Leistung.

13:19 Uhr, Km 071, 7:19h Laufzeit
Ich werde zwar etwas langsamer, doch ich schaffe mein zweites Ziel: Die 71 km in unter 7:30h. An diesem VP stehe ich nun so lange, wie an keinem anderen VP vorher oder nachher.

Ich esse zuerst in Ruhe und trinke etwas. Bei weitem nehme ich nicht so viel Essen wie bei Km 50 zu mir. Die meiste Zeit brauche ich für mein Dropback. Ein Helfer reicht es mir und ich entscheide mich die Kleidung oberhalb der Gürtellinie vollständig zu wechseln: Also neue Jacke, neues T-Shirt, Armlinge und ein neues Capi. Es fühlt sich so gut an, trockene Sachen anzuziehen. Gegen eine neue Hose und neue Schuhe entscheide mich. Meine Beine sind müde und das Bücken fällt mir schwer. Ich denke hier rein pragmatisch. Nach knapp 15 Minuten geht es erst weiter für mich, aber was soll der Stress? Ich habe nun für die ersten 71 km weniger als die halbe Zeit gebraucht. Ich habe jetzt noch einmal so viel Zeit für die letzten 29 km. Die Worte von Deutschlandlauf-Läufer kommen wieder in mein Ohr „Die erste Hälfte eines 100 km Laufes ist 70 km lang. Die zweite Hälfte ist aber doch ein wenig länger.“

Auch sagte Hubert Beck beim Briefing: Der 100 km Lauf fängt erst nach Km 71 an. Auch andere, erfahrene Ultraläufer meinten immer zu mir: Ab 70 km wird es schwer. Doch davon ließ ich mich jetzt nicht stressen. Ich hatte 71 km geschafft und hatte noch 7,5 Stunden für die letzten 29 km Zeit. Das sollte doch wohl reichen! Oder etwa nicht? Ich bin sehr optimistisch. Ja, ich rechnete hier nicht auf eine 12 oder 13 Stunden Zeit, sondern auf den offiziellen Cut-Off von 15 Stunden. Als ich müder wurde, war es mir nur noch wichtig zu finishen, egal mit welcher Zeit. Daher rechne ich meine restliche Zeit auf 15 Stunden hoch.
Hubert meinte auch, dass ab jetzt die Strecke schöner und anders werden würde. Er sollte damit Recht behalten. Die Strecke wurde nun sehr viel grüner, hügliger und hatte weite lange geraden, die ich persönlich mag. Doch bevor es schöner wurde, geht die Strecke erst einmal an einer Landstraße weiter, die endlos und gerade war. 1 km vor mir und gut 1 km hinter mir gab es keine anderen Läufer_innen.
Erst ungefähr ab Km 75 verlassen wir die Straße und es wird endlich grüner und wieder schöner. Sina und ich reden immer weniger. Vieles wurde gesagt und wir beide werden müde. Mein Kopf ist teilweise schon abgeschaltet. Das Laufen funktioniert wie ein Automatismus und mein Körper arbeitet. Schritt für Schritt. Nicht mehr schnell, nicht mehr so geschmeidig, aber er setzt einen Schritt vor den anderen.

14:37 Uhr, Km 080, 8:37h Laufzeit
Als ich Km 80 passiere, weiß ich, dass ich nur noch eine Pace von ca. 6:20 min pro km laufe und der Rest der Zeit für die Pausen an den VPs drauf geht. Doch das ist mir egal. Bisher bin ich durchgelaufen, was Sina überraschend feststellt mit den Worten: „Unglaublich. Ich habe erwartet, dass du viel mehr gehst und viel früher nicht mehr kannst. Jetzt sind wir bei Km 80 und du läufst immer noch.“ Das erste Mal stellt sie das bei Km 60 fest und dann eigentlich bei Km 70, 80 und 90.
Doch hier ereilt mich meine zweite Krise. Es geht mir gerade gar nicht gut. Der Akku ist leer und ich frage mich, ob es das nun war. Ungefähr bei Km 81 sehe ich endlich den VP, der nicht nur Getränke hat, sondern auch Essen. Außerdem sehen Sina und ich von der Ferne schon einen Krankenwagen mit Blaulicht. Sina sagt sowas wie: „Oh shit“, denn der Wagen steht direkt am VP. Als ich ankomme, setze ich mich erst einmal, esse und trinke in Ruhe. Auch einen Energieriegel esse ich. Ich fühle mich gerade Scheiße. Ein Mann von der Feuerwehr fragt mich, wie es mir geht. Im Krankenwagen liegt ein Teilnehmer, der einfach umgekippt ist. Kreislauf. Sie seien gerade etwas vorsichtig und er wolle sich nur erkundigen. Ich antworte, dass ich dem Teilnehmer wünsche, dass es ihm bald wieder besser geht. Ich selbst hätte nur ein tief, was nach über 80 km sicher erlaubt sei. Ansonsten hätte ich keine Schmerzen oder Probleme, eben nur ein tief und bräuchte nur etwas Essen. Der Mann von der Feuerwehr nickt und beobachtete, wie ich reichlich Essen zu mir führe und ebenfalls Getränke. Ich stehe auf, bedanke mich wie an jedem VP für alles und gehe noch 100 m. Als ich den VP verlasse, kommt Ines an. Irgendwie schön bekannte Gesichter auf dem Ultra zu sehen. Das ich kurz nach dem VP gehe, nenne ich einfach „Verdauungszeit“, die ich mir nehme, da ich diese 1-2 Minuten nicht sinnlos am VP verbringen möchte. Dann laufe ich weiter.


Bei Km 83 / 84 laufe ich unterhalb einer Burg entlang und wo sonst nur ein offenes Feld ist. So pustet der Gegenwind mich mal wieder voll an, wie eigentlich fast die ganze Zeit. Plötzlich erklingt eine Fanfare. Erst dachte ich, wir laufen zur Burg hoch, doch bei dem VP bei Km 85, weiß ich, dass die Fanfare für mich war, als ich unterhalb der Burg entlang lief. Ich freue mich riesig im Nachhinein. Mittlerweile geht es mir auch wieder deutlich besser. Ich bin aus meinem Tief heraus und fühle mich fast wie neu geboren.
Beim Passieren der Km 84 Marke juble ich laut und springe in die Luft und rufe: „Yeah, 2. Marathon geschafft.“ Auch wenn ich das sage, realisieren kann ich das nicht mehr. Ehrlich gesagt, habe ich das bis heute, wo ich diese Zeilen schreibe, immer noch nicht realisiert.
Bei Km 85 verlassen wir erneut ein Dorf und komme direkt zum VP. Hier stehen Km 50 Finisher mit ihren Medaillen und jubeln. Ich freue mich enorm darüber. Sie sehen glücklich aus und machen Stimmung. Nach einigen Getränken, geht es langsam weiter. Ines holt mich nun immer wieder ein, auch den Deutschlandlauf-Läufer sehe ich seit Km 50 immer mal wieder.
Bei Km 86 überholt mich der Deutschlandlauf-Läufer erneut und zum letzten Mal. Ich werde ihn nicht mehr einholen, aber ich sollte ihn trotzdem nicht zum letzten Mal während meines Laufes gesehen haben, doch dazu gleich mehr.
Der Abschnitt ist nun definiert durch lange Geraden, ein kleines Tal und hohe Berge zur linken und rechten Seite.
Sina und ich schweigen uns sehr viel an, denn wir haben uns schon länger nichts mehr zu erzählen und es passiert auch nicht so viel auf der Strecke, worüber man sich unterhalten könnte. Doch dieses Schweigen tut uns beiden gut. Es ist ein positives Schweigen. Manchmal kreuzen sich unsere Blicke und wir lächeln. Mehr muss in diesen Momenten nicht gesagt werden. Ich spüre, wie ich zwar noch klar denken kann, aber wie einfach alles langsam anfängt schwerer zu werden. Die Beine sind müde, ich werde müde und meine Gedanken formen sich langsamer.

Irgendwann bei Km 89 fragt sie mich, was sie für mich tun kann. Ich antworte, dass sie mir was erzählen könnte. Ich kann nicht mehr so viel reden. Außerdem merke ich langsam meinen Magen ganz leicht. Doch sie selbst kann nichts mehr erzählen. Sie wird auch langsam müde, was sie versucht zu verstecken. Erfolglos.

15:59 Uhr, Km 090, 9:59h Laufzeit
Nach ziemlich genau 9:59h durchlaufe ich die 90 km Marke und freue mich. Jetzt habe ich noch 5 Stunden für 10 km und weiß innerlich, dass der Lauf so gut wie durch ist. Das motiviert mich enorm. Dennoch wird das Laufen immer schwerer. Ich habe mittlerweile eine Pace von 7:20 min/km. Mit den Pausen, die ich im Moment mir an den VPs nehme, tippe ich, dass ich noch gut 1,5 Stunden für diese letzten 10 km benötige.
Ich passiere die 91 km Marke und erreiche den letzten VP mit Essen vor dem Ziel. Ich bekomme mit, wie eine Zuschauerin zu Sina sagt: „Du bist meine Heldin des Tages.“ Sie hätte Sina mehrmals gesehen und feiere es, dass sie mit dem Fahrrad mich begleitet. Ja, Sina ist auch meine Heldin des Tages und deswegen habe ich eine Überraschung für sie im Ziel vorbereitet, von dem sie absolut nichts weiß. Diese Überraschung ist in meinem Rucksack versteckt und in einem Zipbeutel sicher verpackt. Ich unterdrücke meinen Wunsch etwas zu sagen oder anzudeuten. Alternativ schiebe noch etwas Essen in mich, was zusätzlich dafür sorgt, dass ich nicht reden kann. Dann gehe ich einige Schritte und trabe an. Hier überholt mich Ines zum letzten Mal. Kurz nach dem VP erreiche ich die Km 91 Markierung. Warte. Moment. Hier passt was nicht. Ein anderer Läufer der mich überholt sieht mich komisch an und spricht das aus, was ich denke: „Hätte das nicht 92 sein müssen?“ Ja, hätte es! Was soll der Scheiß? Zweimal die 91 Km? Ich sage mir: Auch wenn jetzt der Km doppelt kam, so lief ich dennoch erst „91 km“. Ich gehe vom Worst-Case aus und stelle mich mental darauf ein, dass ich halt erst bei Km 91 bin. Sollte dieser Fehler sich noch von selbst beheben, so werde ich mich freuen, und wenn nicht, dann habe ich meine Energie eben neu eingeteilt.
Bei der Markierung kurz nach Km 92 hole ich Ines ein und quatsche mit ihr kurz über ihren Transalpine-Run 2017, da sie die Mütze davon trägt, und ob es ihr erster 100 Km Lauf ist. Danach wünschen wir uns für den restlichen Weg alles Gute.
Bei Km 94, nach den Markierungen, erreiche ich den letzten VP. Auch hier wird kommuniziert, dass die Schilder falsch aufgehängt wurden. Hier sei es wirklich schon Km 95. Nur noch 5 km sei es bis ins Ziel. Mental stelle ich mich trotzdem auf sechs ein, was auch die sinnvollere Entscheidung war, denn tatsächlich werden es noch 6 Km sein. Der Km 91 ist doppelt, wie andere Läufer es auch betonen und auch in Berichten schon gesagt haben. Es ist also ein 101 km Lauf! Alle Km Marken, die nun nenne, beziehen sich immer auf die gegebenen Markierungen.
Auf den letzten 10 Km kommen mehrere Anstiege. Die ersten werde ich noch laufen, doch die letzten zwei gehe ich hoch. Es sollen die einzigen beiden, je ca. 100 m bis 200 m Abschnitte sein, die abseits eines VPs gehe.
Bei dem Km 95 Schild fängt es plötzlich an zu regnen. Es ist 17 Uhr und ich bin genau 11 Stunden gelaufen. Ich ziehe schnell meine Jacke an und bin froh, sie in meinen Rucksack bei Km 71 eingepackt zu haben.

Kurz nach Km 98 sehe ich das Schild „Wertheim“ und bitte Sina ein Foto von mir unter dem Schild zu machen. Die 2 Minuten wolle ich mir nehmen und Stress habe ich keinen mehr. Ich laufe langsam weiter und bemerke, dass der Regen wieder aufgehört hat. Auch erscheint die Burg von Wertheim vor mir. Bei der Km 99 Marke laufe ich an meinem Hotel um wenige Meter vorbei und weiß, dass das Ziel nicht mehr weit ist. Einen kleinen Bogen muss ich in Wertheim laufen. Es geht zur Tauber-Main-Mündung und dann von dort in den Ortskern, wo das Ziel auf mich warten.

Jetzt sind es nur noch 200, vielleicht 300 m. Ich bitte Sina vorzufahren und ein Foto vom meinem Zieleinlauf zu machen. Seit Km 98 denke ich nichts mehr, mein Kopf ist leer, auch jetzt. Erleichterung? Erlösung? Freude auf das Ziel? Alles das verspüre ich im Moment noch nicht. Im Gegenteil. Der Lauf hat mir Spaß gemacht und hat mich gefordert. Natürlich werde ich im Ziel froh sein, dass ich es geschafft habe. Aber bin ich froh, dass es zu Ende ist? Irgendwo schon. Gerade zum Ende kam mir immer wieder der Gedanke, dass ich keine Lust mehr habe. Da es aber absehbar ist, dass der Lauf in wenigen Metern zu Ende geht, habe ich wieder Lust. Und dann macht es Klick. Es ist wie ein Schalter, der sich plötzlich umlegte.

17:36 Uhr, Km 100, 11:36h Laufzeit
Die letzten Meter sind wie ein Gefühlsbad. Verschiedene Finisher kommen mir entgegen, geben mir ein High Five, darunter auch der Deutschlandslauf-Läufer, der dazu sagt: „Herzlichen Glückwunsch zu deinem ersten 100!“ Er schien wenige Minuten vor mir eingelaufen zu sein. Einige Fußgänger und Zuschauer applaudieren und ich sehe das Ziel. 70 m vor dem Ziel spricht mich ein offizieller an und möchte meine Startnummer wissen. Er gratuliert mir und funkt meine Nummer zum Ziel durch. Wenige Sekunden später höre ich, wie ich angekündigt werde.

Ich hebe meinen Arm gegen den Himmel und juble. Ja, ich freue mich. Als ich über die Ziellinie trete, springe ich vor Freude hoch, was vom Sprecher mit „Also bisher ist noch niemand ins Ziel gesprungen.“ kommentiert wurde. Ich werde kurz interviewt. Auf die Frage, wie es mir geht, sage ich blendend, was bei ihm zur Verwunderung führt. Ich denke mir, ja Mann. Ich bin gerade meinen ersten 100er gelaufen und das ohne wirkliches Training. Natürlich geht es mir super!


Ein Ritter und ein Burgfräulein kommen zu mir und wollen mich zum Ritter schlagen, doch ich sage, dass ich vorher etwas Wichtiges machen muss. Ich hätte eine Überraschung für meine Freundin, die mich auf den 100 km begleitet hat. Ich finde es schade, dass sie keine Medaille erhält, wo sie doch auch den gesamten Weg bestritten hat. Ich hole eine aus Holz selbstgebastelte Medaille aus meinem Rucksack und hänge sie ihr um. Was um mich herum honoriert wird. Der Ritter und das Burgfräulein scheinen das zu feiern und haben volles Verständnis, dass ich diesen Akt der Anerkennung und Dankbarkeit vorziehe. Es ist mein Versuch ihre Unterstützung, ihren Einsatz in irgendeiner Form zu würdigen und mich dankbar zu zeigen. Sie freut sich über die Medaille und bedankt sich. Danach gehe ich zum Ritter und dem Burgfräulein. Er wolle mich nun zum Ritter schlagen, als Finisher des Taubertals 100 km Laufes. Ich frage, ob ich knien oder stehen solle. Das überlässt er mir. Ich antworte, dass ich es richtig machen wollen würde. Ich knie nieder und erhalte in der Prozedur meinen Ritterschlag. Danach erhebe ich mich, wir alle jubeln und ich erhalte meine Finisher Medaille. Das Angebot auf Bier aus einem Horn lehne ich dankend ab. Wie die meisten wissen dürften, ist Alkohol nicht so mein Ding.

Danach esse und trinke ich am VP im Ziel. In dem Moment läuft auch Ines ein. Ich gratuliere ihr. Danach erhält sie ihren Schlag und ihre Medaille. Wir verabschieden uns. Sina und ich hingegen machen uns auf die Odyssee meine Dropbacks und meine Tasche wieder einzusammeln. Das ist gar nicht so einfach. Der Weg ist nicht ausgeschildert, den Plan halte ich zwischendurch falsch rum, weil ich so fertig bin. Seit dem Zieleinlauf geht es mit mir bergab. Ich merke, wie die Anspannung abfällt. Erst einmal muss ich auf dem Weg zum Dropback vor Freude weinen.
Nachdem wir uns einmal verlaufen haben, erreichen wir die Taschen und meinen Dropback. Sina ist großartig. Sie packt bei den Taschen mit an und gemeinsam gehen wir zum Hotel. Wir checken ein, werden auf unser Zimmer gebracht und ich suche als allererstes die Dusche auf. Nach einer heißen Dusche und in trockenen und warmen Sachen gekleidet, bin ich nur noch fertig. Ich packe mich dick ins Bett ein und friere heftig. Schnell trinke ich noch ein Sportgetränk für die Regeneration und schlafe sofort ein.
Nach einer Stunde erwache ich und möchte noch zur Burg, um an der Siegerehrung teilzunehmen, doch Sina und ich sind zu erschöpft vom Tag. Wir besorgen uns so noch etwas zu Essen und werden den Tag früh beenden, denn am nächsten Morgen geht es schon wieder zurück in die Heimat.

12.10.2017 – Korrektur der Finisherzeit
Nach einigen Tagen wird von Hubert Beck, der der Organisator des Laufes ist, bestätigt, dass der 91. Km doppelt vorkam. Somit waren die 100 km und 161 km Strecken um einen Km zu lang. Daher werden alle Finisherzeiten runtergerechnet, um die Zeit eines durchschnittlichen Kilometers. Meine nun offizielle Finisherzeit ist 11:29:14h.
Ich wurde zudem auch oft in den letzten Tagen gefragt, ob ich nochmal einen 100 km machen würde, oder gar einen 100 Meilenlauf? Für die Antwort zitiere ich aus einem Lied von Fettes Brot: „Ja klar. Äh nein. Ich mein … Jein.“

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Berlin Marathon 2017 – Ein unerwartetes Ergebnis

Vorab:
Ich könnte in diesem Blogartikel sicher euphorisiert darüber schreiben, wie ich meine neue persönliche Bestleistung (PB) im Marathon finde. Wie es dazu kam, darüber schreibe ich. Doch dieser Abschnitt gehört dieses Mal meinem Orthopäden und meiner Physiotherapeutin:
Es tut mir leid. Ich hielt mein Wort und irgendwie doch nicht. Ich weiß, ihr beide habt mir das Wort abgenommen, dass ich nicht auf eine neue Bestzeit laufen darf. Und so viel schon einmal vorweg: Bis Km 32 habe ich das auch nicht, bzw. irgendwie doch. Ich lief locker, entspannt, wie ich es euch beiden zugesagt habe. Erst bei Km 30 merkte ich, dass es trotzdem eine neue PB wird. Ungewollt und einfach so! Das klingt unglaubwürdig, aber ich meine das total ernst. Ich war geschockt und total verblüfft. Ich habe euch beiden gegenüber schon ein schlechtes Gewissen. Was hätte ich tun sollen? Einfach stehen bleiben, damit es keine PB wird? Ich habe es wirklich nicht drauf angelegt, ich lief wie besprochen, zumindest bis Km 32.

So nun aber der Bericht:
Samstag, 23.09.2017 – Der Frühstückslauf
Über den Frühstückslauf möchte ich zuerst kurz berichten, denn entweder kennen einige diesen Lauf nicht, oder andere glauben, der Lauf lohnt sich nicht. Ganz ehrlich? Als Teilnehmer des Berlin Marathon ist dieser Lauf kostenfrei und daher ist es sicher eine schöne Gelegenheit mit tausenden anderen Läufern gemeinsam auf eine letzte 6 Km lange Runde zu gehen und entsprechend gemeinsam zu frühstücken.

Los geht es am Schloss Charlottenburg. Gemeinsam geht es mit einer wirklich sehr entspannten Pace zwischen 6:15 und 7:30 min Pro Km im vorderen Feld in Richtung des Olympiastadions. Dort läuft man einmal durch das Stadion und am Ende gibt es ein großes Frühstücksbuffet.


Es war mein dritter Frühstückslauf beim vierten Berlin Marathon und mittlerweile gehört er für mich einfach dazu. Ich finde die Atmosphäre nett und das Frühstück ist wirklich vielseitig und gut. Für mich gehört der Frühstückslauf mittlerweile zum Pflichtprogramm, wenn ich den Berlin Marathon laufe.

Sonntag, 24.09.2017 – 44. Berlin Marathon 2017
5:15 Uhr – Der lange Weg zum Start
Dieses Jahr bin ich in einem Hotel und nicht in der Jugendherberge am Wannensee, doch ich wollte wieder in die Nähe des Wannensees. Bei meiner Anreise am Freitag merke ich, dass ich sehr weit vom Zentrum entfernt bin. Ich bin in Potsdam an der Grenze zu Zehlendorf am Wannensee. Sonntagmorgens fahren hier noch keine Busse und ich habe einen 2 km langen Fußweg zur nächsten S-Bahnhaltestelle, die mich aber dann direkt zum Hauptbahnhof bringt. Der Start ist also um 9:15 Uhr und so stehe ich um 5:15 Uhr auf.
Ich krieche aus dem Bett und ziehe meine Wettkampfkleidung an. Ich packe meinen Laufrucksack mit einigen Gels, Handy, Schlüssel und einem Fahrticket für den Tag.
Das Hotel machte mir am Vorabend eine Lunchbox, doch sie machten mir so viel, dass ich nur leider einen Teil schaffe. Auch gaben sie mir eine Mülltüte, die ich mir überziehen konnte, denn ich wollte keinen Kleiderbeutel mitnehmen und es war dunkel, kalt und es regnete. Also war ein Müllbeutel perfekt. Danke noch einmal für die Mülltüte, die hat mir wirklich den Morgen gerettet.
Um 6:15 Uhr verlasse ich das Hotel und gehe zur S-Bahnhaltestelle. Um 6:50 Uhr ca. fährt die S-Bahn, gegen 7:20 Uhr bin ich am Berliner Hauptbahnhof und gegen 7:30 Uhr treffe ich mich mit Inga vorab.

Beim Einlass bekomme ich die erste Krise: Man lässt mich nicht mit meinem Laufrucksack hinein. Ich bekomme Panik, erkläre was ein Laufrucksack ist, dass darin meine Papiere und Handy drin ist und nicht mehr. Sie lassen mich dann doch rein und in der Läuferzone selbst sehe ich eine Menge Läufer_innen mit einer Menge Läufrucksäcken. Ich bin irritiert, wieso das bei mir nun so ein Problem war.
Inga und ich quatschen ein wenig und suchen ein Klo auf. Zum Glück sind die Schlangen noch sehr kurz, was sich 10 Minuten später rasant ändert. Wir treffen weitere Läufer vom TSVE 1890 Bielefeld und unsere Gesprächsrunde wird größer. Etwas später löst sich die Runde auf und jeder sucht seinen Startblock auf.

Kurz vor den Blöcken E und F trennen sich die Wege von Inga und mir. Wir verabschieden uns und ich frage mich, ob sie mich wohl einholt? Der F Block, in dem sie stehen wird, startet 20 Minuten nach dem E Block. Gegen 8:40 Uhr stehe ich im E Block.

Ich darf zum ersten Mal in E. Ein kleiner Funfact am Rande: 2009 startete ich im H Block (dem letzten Block). 2013 durfte ich in G starten, 2015 in F und nun in E. Ich war und bin darüber sehr amüsiert. Ich stelle mich ganz vorne rein, zur Grenze zum D Block.

Es ist noch eine gute halbe Stunde bis zum Start der ersten Welle, die bis Block E reicht. Sprich: Ich darf direkt mit rauslaufen. Ich gehe direkt nach ganz vorne an die Grenze zum D Block. Neben mir ist eine ARD Bühne aufgebaut und die Kamera hält genau auf mich. Später sehe ich in der ARD Mediathek, dass ich tatsächlich in der Aufzeichnung bin.

9:15 Uhr – Start
Und dann endlich um 9:15 Uhr geht es los. Es dauert etwas mehr als drei Minuten bis ich auf meine Uhr drücke und über die Startlinie laufe. Ich bin schon auf der Strecke und das erste Mal beim Berlin Marathon habe ich das Gefühl nicht ausgebremst zu werden, sondern einfach los laufen zu können. Ich bin angetan von dem Gefühl ungebremst direkt zu laufen und ermahne mich, es locker anzugehen. Ich gucke mich um, mache erste Fotos und genieße die Stimmung. Es ist jedoch grau in grau. Auch fällt mir direkt auf, dass es deutlich weniger Publikum als in den Jahren zuvor gibt.

Ich weiche ersten Pfützen aus und mache die ersten Kilometer. Sogar nach gut 3 Km habe ich immer noch nicht das Gefühl, dass es sich im Läuferfeld staut, sondern die Masse einfach ihre Bahn zieht. Wie immer verengt sich die Laufbahn von Anfangs sechs Spuren erst auf vier, dann auf zwei und kurz vor dem Bundeskanzleramt auf eine Spur. Hier wird es dann doch ein wenig enger. Nach einigen hundert Metern jedoch wir die Laufbahn wieder breiter und plötzlich habe ich viel Platz.

Bei Km 5 nehme ich mir einen Becher Wasser und ignoriere die offizielle Uhr am Straßenrand und laufe weiter. Wen interessiert schon die Zeit, wenn man nicht auf Zeit laufen darf? So bleibt mehr Zeit für die Zuschauer. Vor allem viele Kinder stehen am Rand, halten die Hand aus und wollen abgeklatscht werden. Ich versuche möglichst vorsichtig abzuklatschen, schließlich bin ich im Laufschritt und die Kinder meist kaum älter als drei oder vier Jahre.

Ich passiere die 10 km Marke, ignoriere die Zeitanzeige erneut und laufe einfach über die Matte. Was soll ich schon berichten, wenn ich den Lauf einfach ablaufen möchte?

Km 14 – Hektik und das Ende des ersten Drittels
Ich habe vier Gels dabei, wovon ich drei plane zu nehmen: Bei Km 12, 22 und 32 möchte ich eines nehmen. Wenige Meter vor der 12er Km Marke kommt ein Wasserpunkt, denn ich gar nicht realisiert habe. Schnell reiße ich ein Gel auf, nehme ein Becher Wasser, drück mir das Gel völlig chaotisch in den Mund und spüle nach. Das war total hektisch. Einen anderen Läufer bremse ich dadurch aus, der verständlicherweise verärgert ist. Ich wollte mich entschuldigen, aber bevor ich den Mund frei hatte, ist er schon weg. Ich sammle mich hingegen kurz und versuche nicht zu gestresst auszusehen. Ich vermute, der Versuch dürfte sicher gescheitert sein.

Als ich Km 14 passiere habe ich ein Drittel des Laufes absolviert und schaue zum ersten Mal auf die Uhr. 1:05h zeigt sie mir an. Okay, denke ich mir, du bist schon zügig unterwegs, aber es kommt ja noch die zweite Hälfe. Da wirst du automatisch langsamer, weil du nur wenige lange Läufe machen konntest und es sieht vieles nach einer guten 3:30h aus. Es ist alles im Rahmen, wenn es nicht in dem Moment anfangen würde, zu regnen. Ich seufze.

Bei Km 15 lerne ich einen Läufer auf Oelde kennen. Den erwähnte ich sogar einmal, weil wir uns bis Km 20 komplett durchgehend unterhalten. Er läuft eigentlich Sub 3h Zeiten. Berlin ist für ihn ein Trainingslauf und richtig auf Zeit läuft er erst in Frankfurt. Auch erzählte er mir, dass er nicht so gut die letzten Wochen trainieren konnte. Ich berichte ihm ähnliches: Wenig Training und es wird daher bei mir wohl eine 3:30h bis 3:50h. Wir tauschen Erfahrungen aus, welcher Lauf sich lohnen würde. Die Km gehen unglaublich schnell vorbei, nicht von der Geschwindigkeit, aber eben weil wir uns gut unterhalten. Irgendwann frage ich ihn, aus welchen Block er sei und er meinte aus C. Sowieso schaue ich mich um und sah nur noch D und C Blockstarter um mich herum. Das kommt wohl, wenn man an der Grenze zu D startet, denke ich mir.
Kurz nach Km 20 verabschiedet er sich. Seine Frau stehe gleich am Rand und er wolle sich ein bis zwei Minuten für sie Zeit nehmen. So trennen sich unsere Wege.

Km 21 – Halbzeit und immer diese Klopausengeschichten
Ich laufe durch einen Torbogen, der die Halbmarathonmarke darstellt.

Als ich mich der Km 22 Marke nähere, nehme mein Gel und warte auf den nächsten Wasserpunkt, der kurz danach kommen sollte. Noch einmal so ein Stress und Chaos wie bei Km 12 wollte ich nicht erleben. Ich fühle mich immer noch gut und locker. Ich atme nicht schwer und habe keine Beschwerden. Naja fast keine. Mein rechter Oberschenkel zwickte einmal kurz leicht, aber das war es. Das kannte ich schon und wusste, dass ich einfach aufpassen musste, dass ich keinen Krampf dort bekomme. Aber, da ich das Tempo nicht anziehen werde, sollte es beim kurzen Zwicken verbleiben. Warum auch sollte ich das Tempo anziehen? Ich darf es nicht, ich will es nicht und es gibt keinen Grund dafür.

Ich gebe lieber mehr Kindern High Fives, bejubele Zuschauer, danke ihnen und mache Fotos und achja, nebenbei laufe ich natürlich noch weiter.
Irgendwann bin ich bei Km 28 angekommen. 2015 musste ich hier auf das Klo und verlor ungefähr 1,5 Minuten. Einen kurzen Moment überlege ich wieder auf das Klo zu gehen, verwerfe aber den Gedanken und laufe weiter. Das Ziel hat sicher auch schöne Dixi Klos. Und im Ernst: Ich genieße den Laufrhythmus, dass ich meinen Schritt habe und das es einfach läuft.

2015 verlor ich genau dieses Gefühl und den Rhythmus, als ich auf das Klo sprang. So mache ich einfach weiter und erfreue mich an der Tatsache, dass ich mich einfach durch Berlin bewege. Okay das Wetter ist nicht perfekt. Wobei ich mir auch denke, dass ich bei so einem Wetter oft Bestzeiten lief. Dennoch ist es ungemütlich. Der Regen setzt mal ein und hört wieder auf. Ich bin froh, dass ich meine Laufweste angezogen habe. Die hält mich gut warm und ich empfinde es als ideale Kleidung an diesem Tag.

Km 30 – Der Schock, die Entscheidung und der Wettkampfmodus
Und was nur wenige Km später passiert, war für mich wie ein Schock. Ich habe wirklich nicht damit gerechnet. Doch von vorne und in Ruhe: Ich passiere die 30 Km Marke und achte zum ersten Mal bewusst auf die Zeitanzeige: 2:22h. Okay das ist die Bruttoanzeige. Also schaue ich auf meine Uhr und sehe: 2:19h. WAS? Ich meine… WAS? Ich atme tief ein und aus. Ich realisiere gerade erst, was die Brutto / Netto Zeit eigentlich bedeutet.

Das ist ungefähr meine Zeit auf den Hermannsläufen bei Km 31,1. Ich bin unglaublich schnell unterwegs. Sicher eine 4:40 min/km Pace.
Ach du … Wie soll ich das den anderen erklären? Ich sagte, ich lauf locker und werde weit ab jeglicher Bestzeit mich bewegen. Und jetzt? Ach du …
Ich beruhige mich erst einmal: Ich habe nichts falsch gemacht. Ich bin locker gelaufen. Ich habe die Zeit missachtet und jetzt ist es halt eine unfassbar gute Zeit. Das … kommt … unerwartet. Als ich meine Gedanken sortiere, passiere ich Km 31. Ich fühle in mich hinein, ich möchte schauen, wie es mir geht, abseits von dem Rennen und allem anderen. Bei Km 32 schaue ich erneut auf meine Uhr und die zeigt mir 2:28:45h. Es geht mir absolut blendend, die Zeit ist fantastisch und ich habe noch 10 km bis ins Ziel. Ich nehme mein drittes Gel, warte auf den Wasserpunkt und trinke einen Schluck für das Gel und einen zweiten für den Schock. Ich merke, wie die Gedanken aufkommen: „Wer weiß, wann ich nochmal die Chance habe, dass ich mich so gut zu fühle bei einer solchen Zeit?“ Ferner denke ich: „Ich bin bei 2:29h, wenn ich jeden Km um 5 Minuten laufe, schaffe ich eine 3:19h. Wahnsinn. Unfassbar. Das ist eine unglaubliche Chance die eigene persönliche Bestleistung so deutlich zu verbessern. Wenn ich das Tempo einfach halte, dann schaffe ich das. Ja, ich will das schaffen. Ich werde das jetzt einfach machen. 3:19:59h ist jetzt meine Mission. Ich werde das schaffen!“
Und ich lief weiter. Ab jetzt werde ich jeden Km auf die Uhr gucken, um durchzurechnen, wo ich liegen würde, wenn ich mit einer 5 min/Km Pace weiterlaufen würde.

Km 35 – Nur noch 7 Km
Als ich Km 35 passiere, geht es mir weiterhin blendend. Ich realisiere, dass ich irgendwo zwischen einer 3:17h und einer 3:18h raus kommen könnte. Ich halte mein Tempo und kämpfe. Jeder Kilometer wird anstrengender, aber, da ich im Moment mehr Leute ein- und überhole, motiviert mich das ungemein und gibt mir Kraft.

Als ich bei Km 38 den Potsdamer Platz passiere und weiß, dass es nur noch 4 Km sind, bin ich immer noch unter der 3 Stunden Marke. Im Moment liege ich zwischen einer 3:16h und 3:17h Zielzeit. Ich kann das immer noch nicht fassen, schiebe aber diese Gedanken zur Seite. Ich laufe gegen die Uhr und gegen die Zeit, ich will es jetzt wissen. Die Km fliegen dahin und ich laufe unverändert auf meiner Pace.

Dann kurz vor der Km 40 Marke sehe ich zwischen zwei Häusern durch die 3:15h Pace Läufer. Die sind höchsten 400m vor mir und die starteten am Anfang des D Blocks.

Km 40 – So schlimm ist der Km gar nicht
Ich biege nach links und sofort steht dort die Matte für 40 km. 3:06:10 zeigt mir meine Uhr an. Warte, ich habe noch 9:49 min und dann hätte ich sogar vorne eine 3:15h stehen? 2,2 km in 9:49 min? Das bedeutet aber, dass ich das Tempo anziehen muss. Ich laufe weiter und bei dem Gedanken, dass ich eine 3:15h laufen könnte, kommen mir die Tränen vor Freude. Ich muss mich zusammenreißen und merke, dass ich es erst einmal ins Ziel bringen muss. Doch der Gefühlsausbruch ist groß und es dauert einige Sekunden bis ich mich wieder fange und atme erst einmal stark durch. Ich passiere die Km 41 Marke bei einer 3:10:50. Noch 1,2 Km und ich habe noch 5:09 min Zeit. Zudem war dieser Km dieses Mal gar nicht so schlimm für mich.
Normalerweise mag ich den Km von 40 nach 41 auf dem Berlin Marathon nicht. Ich kann auch nicht erklären warum, aber ich mag ihn nicht.

Ich biege in die Straße des 17. Juli ein und sehe das Brandenburger Tor. Hin und her gerissen zwischen der knappen Zeit und der dem Anblick, ziehe ich das Tempo hoch. Meine Uhr zeigt mir eine Pace von einer 4:05 min/Km. Das muss ich auch laufen, wenn ich bei ungefähr 5 Minuten für die 1,2 Km raus kommen möchte. Ich ziehe und laufe sehr angestrengt. Ich halte meine GoPro für Bilder nur noch in die Luft, ohne zu wissen, ob auch nur ein gutes Bild rauskommt.

Ich merke, wie ich beiße und das Ziel verfolge. Erst als ich wenige Meter vor dem Ziel bin schaue ich auf die Uhr und weiß: Ich habe es geschafft. Die offizielle Nettozeit bestätigt das später: 3:15:47h für den Marathon. Die erste Hälfte lief ich in 1:37:48h und die zweite in 1:37:59h. Zwischen dem ersten und zweiten Halbmarathon liegen nur 11 Sekunden. Das nenne ich ein konstantes Rennen. Ich hätte sogar weiter laufen können. Luft und Kraft wäre noch da gewesen, ein gutes Zeichen für den meinen nächsten und längsten Ultra in zwei Wochen.

Nachdem Zieleinlauf
Ich juble und freue mich, lasse ein Foto im Ziel machen, erhalte meine Medaille und eine blaue Plastikdecke. Plötzlich bemerke ich, dass ich Kopfhörer auf hatte, ohne sie benutzt zu haben. Ich muss schmunzeln, was soll es, sage ich mir. Ich nehme mir einen Verpflegungsbeutel und jogge locker zum Bahnhof, um meine S-Bahn zu erreichen, was auch klappt. In der S-Bahn merke ich erst so richtig, wie ich bis auf die Knochen nass bin und mir kalt wird. Ich decke mich fester in die Plastikdecke ein und esse und trinke aus dem Verpflegungspaket. Als ich von der S-Bahn in den Bus umsteige, kommen ich mit zwei älteren Damen und einem älteren Herrn ins Gespräch, die den Lauf im Fernsehen gesehen hatten. Wir unterhalten uns über den Lauf und das sehr wenig an der Strecke los war, für Berliner Verhältnisse. Sie sagen, sie gehen sonst auch immer anfeuern, aber das Wetter sei einfach schlecht für Zuschauer. Da stimme ich ihnen zu.
Als ich nach 45 Minuten Fahrt endlich am Hotel angekommen bin, gehe ich erwartungsvoll sofort unter eine heiße Dusche. Die tut gut und wärmt mich wieder auf. Doch so viel Zeit habe ich am Ende nicht. Ich muss schließlich zurück zum Hauptbahnhof, denn dort wartet mein Zug in die Heimat. Ich gucke noch schnell in die Ergebnisliste und sehe, dass Inga auch ihr Ziel geschafft hat und ebenfalls eine neue PB lief. Jetzt aber schnell los!
Als ich zurück am Hauptbahnhof bin, sehe ich viele Finisher, die gerade erst einlaufen und sicher bei 5,5h Zielzeit sind, denn der letzte Block H startete ja 45 min nach den Blöcken A bis E.
Viele tragen ihre Medaillen offen, ich trage meine auch, aber unter meinem Pullover. Ich trage sie nur für mich. Ich merke, wie ich das brauche, um alles zu realisieren, was eben passiert ist. Ich muss lächeln, was soll ich auch anderen tun, als einen Moment lang glücklich, stolz und zufrieden über die erbrachte Leistung zu sein?!
Ich gehe zum Zug und denke mir: Tja Juliane, jetzt musst du beim Frankfurt Marathon nachziehen. Ich hab vorgelegt, nehme du es als Motivation für deinen ersten Sub 3:20h Lauf in Kürze. Kurz danach telefonieren wir und ich werde es ihr genauso sagen. Sie lacht und meint, sie arbeite dran.

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Biggesee Marathon 2017 – Entspannt und schön

Der Biggesee Marathon 2017

Ich schrieb schon 2014 über den Biggesee Marathon ausführlich. Es gibt keinen Lauf, den ich so oft als Geheimtipp weitergebe. Ich war 2014, 2015 und nun 2017 am Start. Leider konnte ich 2016 nicht starten, denn ich lief den Zugspitzultra Lauf am gleichen Tag. Dieses Jahr konnte ich beide Läufe machen, denn eine Woche lag dieses Jahr zwischen den Zugspitzultra und dem Biggesee Marathon. Ich möchte hier festhalten, dass ich keine Zeitambitionen hatte. Im Gegenteil. Ich wollte den Lauf einfach laufen und genießen. Die Freude am Sport ausleben und den Tag positiv in Erinnerung behalten. Daher war es mir egal, dass nur eine Woche zwischen diesen beiden Läufen lag.
Ich fuhr auch nicht alleine zum Marathon. Ich konnte zwei Personen dieses Jahr überzeugen mitzukommen: Niklas und Inga. Inga läuft mit mir den Marathon mit 930 Höhenmeter und Niklas den Halbmarathon mit guten 450 Höhenmetern.

Anreise und vor dem Start
Die Anreise ist wie immer unproblematisch. Nach knapp zwei Stunden Autofahrt kommen wir gegen 12 Uhr auf dem Parkplatz an, der nur 200 m vom Start entfernt ist. Um 14 Uhr ist der Marathon- und um 15 Uhr der Halbmarathonstart. Wir holen zuerst unsere Startnummern und legen danach eine Mittagspause ein, um uns etwas zu stärken.
Wir stellen beim Mittagessen fest, dass wir mit dem Wetter sehr viel Glück haben. In der Woche zuvor war es teilweise über 30 Grad warm gewesen und es gewitterte. Nun am Tag des Biggesee Marathons ist es trocken, bewölkt und es sind 21 Grad. Das beste daran ist, dass es noch einen kühlenden und angenehmen Wind obendrauf gab.

Start
Ich habe das Gefühl, dass ich Inga etwas nerve, da ich immer wieder sage: „Lass uns das ganz entspannt runter laufen, ohne Stress, ohne Zeitambitionen und einfach mit Freude am Laufen.“ Wenn es so ist, dann lässt sie es sich zumindest nicht anmerken. Niklas steht am Start und feuert uns und die anderen Starter an, denn er hat noch eine Stunde bis zu seinem Start.

Km 1 bis Km 5 – Der erste Anstieg
Nach wenigen hundert Metern geht es den ersten Berg hinauf. Ich finde, dass der erste Anstieg einer der beiden schwersten Anstiege des gesamten Laufes ist, der erst nach gut 2,5 km endet. Wir laufen locker hoch, lernen einen Marathon-Finisher kennen, der kurz zuvor den Stockholm Marathon lief. Wir kommen ins Gespräch und quatschen bis Km 5 über Läufe und auch über den Biggesee Marathon an sich. Bei Km 1,5 steht ein Dudelsackspieler und spielt Musik. Großartig, denke ich. Der war doch schon 2015 da.

Bei Km 3 ist Inga überrascht, als ich sage, das war der erste Anstieg. Zu diesem Zeitpunkt ist sie sogar 2. Frau im Gesamtfeld, was uns ziemlich egal ist, wie folgender Dialog kurz vor dem Verpflegungspunkt bei Km 5 zeigt:
Ich: „Lass dich nicht irritieren, falls sie am VP was sagen.“
Inga: „Was meinst du damit?“
Ich: „Naja, du bist 2. Frau, wenn ich mich nicht verzählt habe.“
Inga: „Ich will nicht auf das Podest, hoffentlich überholen andere mich noch.“
Ich muss lachen. In diesem Moment beim ersten VP (Verpflegungspunkt) bei Km 5 ist mir klar, dass wir beide im entspannten Laufmodus sind.

Km 5 bis Km 10 – Das Battle der Top 3 Frauen
Nach dem ersten VP geht es weiter in einen Singletrailabschnitt. Der Wind kommt leicht einem entgegen. Wir springen von rechts des Weges nach links und wieder zurück. Ein Sprung über Wurzeln und Geäst steigert das Gefühl von rauer Natur umgeben zu sein.

Gefolgt sind diese Eindrücke von den ersten weiten Aussichten ins Tal und in die Ferne. Diese Momente machen für mich den Biggesee Marathon aus. Ich mag die Strecke sehr, ich mag die Abwechslung, die einem geboten wird.

Inga und ich laufen weiter, vorbei an dem zweiten Verpflegungspunkt bei ungefähr Km 7,5. Plötzlich werden wir von zwei Frauen überholt, die eilig an uns vorbei rennen. Wir beobachten das Geschehen ungefähr 100 m vor uns über mehrere Km. Die nun zweite und dritte Dame kämpfen richtig. Ich sage zu Inga, dass es so ähnlich auf dem Hermannslauf war und ich auch dort den Kampf um Platz drei sehr interessiert verfolgt habe.
Der Untergrund wechselt von Forstweg zu Straße. Wir passieren die 10 Km Marke und ich sehe auf der Uhr, dass wir so bei 55 Minuten sind. Ich denke an meine ersten beiden Biggesee Marathons zurück und denke mir: Wir sind wirklich entspannt unterwegs. Gerade zwischen Km 5 und Km 10 haben uns viele Leute überholt.

Km 10 bis Km 20 – Das Feld wird langsamer
Nach dem 10. Km geht es langsam etwas bergauf. Es ist gut laufbar, auch wenn die Steigung nicht ganz ohne ist. Wir werden immer wieder von anderen Läufern überholt, aber weitere Läuferinnen sehen wir nicht. Eine Autofahrerin reiht sich hinter uns ein. Sie macht keinen Stress. Als etwas Platz ist, überholt sie sehr vorsichtig und jubelt bei offenen Fenstern jedem zu.
Wir erreichen bei Km 12 das Ende des Anstieges und damit den nächsten VP. Das ist die erste Versorgung, wo es nicht nur Wasser gibt. Ich nehme etwas Iso zu mir und esse ein viertel Apfel. Ein weiteres Viertel nehme ich mit und esse es beim Laufen. Wir stellen fest, dass die 2. und 3. Dame erneut die Plätze getauscht haben und wir nun langsam auf die 3. Dame auflaufen, ohne, dass wir unser Tempo erhöht haben. Wald und Straßenabschnitte wechseln sich hier ab. Bei Km 16 erscheinen Tümpel auf der rechten Seite. Ich zeige durch die Kronen der Bäume neben uns und meine: „Hier siehst du das Kloster oder die Burg, von dem ich im Vorfeld sprach. Die nächste Verpflegung ist erreicht.“ Wir trinken etwas, ich esse erneut etwas Apfel und es geht nach einer halben Minute weiter.

Wir laufen einen Singletrail Downhill, nur um dann nach einigen hundert Metern „unten“ anzukommen sein. Wir folgen einem Bach / Fluss entlang. Der Abschnitt ist wieder flach und führt uns in die Stadt Attendorn hinein. Hier überholen wir die dritte Frau und Inga nimmt ihre Position ein. Als uns erneut einige Herren überholen und Inga plötzlich mitziehen möchte, ermahne ich sie, sich nicht verleiten zu lassen und mit den Überholern mithalten zu wollen. Es würde hier keinen Sinn machen jetzt das Tempo zu erhöhen und wir sollten ruhig bleiben. Wir werden die Kraft in der zweiten Hälfte brauchen, da dieser Abschnitt anspruchsvoller sein wird. Sie vertraut mir und wir bleiben bei unserer Pace.

Der Abschnitt in der Stadt ist nicht schön, aber dafür sehr kurz. Weiter geht es am Fluss und damit wieder aus dem Stadtabschnitt heraus. Wir laufen kurz danach Serpentinen hoch. In weißer Farbe sind dort Zahlen notiert, die einem runterzählen, wie viele Serpentinen es noch sind, bis man oben ankommt. Dann sind es nur noch wenige hundert Meter bis wir zur Streckenteilung zu kommen. Die Streckenteilung ist gleichzeitig die Km 20 Marke. Links geht es für die Halbmarathonläufer und rechts für die Marathonläufer weiter. Wir haben ungefähr 1:52h Stunden auf der Uhr. Wir laufen beide im niedrigen Pulsbereich und für uns gesehen locker. Auch auf den letzten 10 km wurden wir von einigen überholt. Inga meint, ob wir so langsam wären? Ich antworte mit einem klarem nein. Wir hätten gut mit den Kräften hausgehalten. Der zweite Abschnitt sei der für mich schönere Abschnitt, aber auch der schwierigere. Wer auf der ersten Hälfte seine Kräfte unnötig verspielt, hat es auf der zweiten Hälfte deutlich schwerer. Wir biegen rechts in die zweite Hälfte ab.

Km 20 bis Km 26 – Quatschen und Stille
Es wird flach bis Km 22. Beim Halbmarathon laufen wir an der Verpflegungsstation der JVA (Justizvollzugsanstalt) Attendorn vorbei, wo wir wieder eine gute Verpflegung erhalten. Es geht weiter zu dem wohl härtesten Anstieg des Laufes. Auf diesem Anstieg gehen alle, auch wir. Inga und ich unterhalten uns auf diesem Abschnitt darüber, dass sie zuvor nie auf einem Lauf gegangen ist, was mich überrascht.

Ich erzähle ihr, dass es beim Trail, insbesondere beim Ultra völlig normal wäre Passagen zu gehen und dies absolut kein Zeichen von Schwäche ist, sondern auch Taktik sein kann. So gehen wir diese 200m bis 300m steil bergauf. Oben angekommen laufen wir weiter und haben einen wunderschönen Abschnitt bis Km 26 vor uns, der uns durch urige Wälder führt.

Mal geht es leicht hoch, mal leicht bergab. Alles ist dicht bewachsen und einsam. Kurz vor der Verpflegung bei Km 26 gehen wir nochmal 50 m einen steilen Abschnitt hinauf. Warum auch nicht? Die Zeit war uns egal. Interessanterweise beginnen wir hier automatisch wieder einige Leute einzuholen, die oft länger gingen oder deutlich langsamer laufen, als noch auf der ersten Hälfte.

Km 26 bis Km 32 – Der Märchenwald
Meiner Meinung nach, ist der wohl härteste Abschnitt des Marathons liegt zwischen Km 26 und Km 30. Wer diesen Abschnitt hinter sich gebracht hat, hat auf dem Biggesee Marathon die meisten positiven Höhenmeter abgelaufen. Bei Km 30 ist ungefähr der höchste Punkt des gesamten Marathons.

Inga und ich laufen fast als einzige bis Km 29, wo wir kurz stehen bleiben. Vor uns liegt eine schöne Aussicht und wir nehmen uns ein paar Sekunden, um sie auf uns wirken zu lassen und zu genießen den Moment.

Wir gehen von hier aus einige hundert Meter weiter. Ich merke nun langsam, dass ich eine Woche vorher den Zugspitzultra gelaufen bin. Bei ungefähr Km 29,5 laufen wir weiter, wohlwissend, dass nun mein persönliches Highlight der Strecke kommt: Der Märchenwald!

Auf einer Länge von ungefähr einen Km laufen wir durch einen Wald, der zudem ein Singletrailabschnitt voller Dekorationen ist. Ein Paradies für Kinder und Familien, aber mich erheitert es immer wieder. Wir sehen Statuen, Holzschmuck und geflochtene Äste. Wunderschön dekoriert und erlebbar! Der eine Kilometer geht viel zu schnell vorbei und endet in einem Downhill, der uns direkt zur drittletzten Verpflegung bei Km 32 bringt.

Hier bei Km 32 angekommen, wird Inga zum ersten Mal begrüßt als: Da ist die dritte Frau im Gesamtfeld. Sie nahm das entspannt zur Kenntnis und wir trinken, essen, bedanken uns und laufen weiter.

Km 32 bis Km 42 – Partystimmung ohne Ende
Wer glaubt, dass so ein kleiner Lauf keine Stimmung erzeugen kann, der sollte sich auf die letzten 10 Km und die letzten zwei Verpflegungspunkte freuen.
Doch zuerst müssen wir sie erreichen. Von Km 32 an bis ungefähr Km 36 geht es bis auf wenige Meter nur bergab und es ist flach. Inga und ich holen nach und nach wieder Läufer ein. Hier zeigt es sich, dass wir gut mit unserer Kraft hausgehalten haben. Den Läufer, der beim Stockholm Marathon startete, sehen wir das erste Mal seit Km 5 wieder und lassen ihn, nach einem kurzen Gespräch über sein Befinden, hinter uns. Wir holen noch eine Reihe weiterer Läufer ein und werden gar nicht mehr selbst eingeholt.

Die Strecke führt aktuell fast vollständig durch den Wald und es ist schön kühl und angenehm. Kurz vor dem VP bei Km 36 erklingt der laute Anfeuerungslärm. Ach! Ich mag diesen Punkt und ich mochte in den Jahren zuvor. Wir erreichen ihn unter großem Jubel einiger weniger. Wir bekommen sogar Getränke angeboten, die pauschal gar nicht auf den Verpflegungstischen stehen. Inga wird wieder als dritte Frau angesprochen und nebenbei versorgt man uns vorbildlich. Wir werden gefragt wie es uns geht und die Leute am Verpflegungspunkt sprechen uns großen Mut zu, dass bald es geschafft sei. Sie jubeln und feuern jeden einzelnen energisch immer wieder an. Wir brechen auf und laufen weiter.

Diesmal sind es nur drei Km bis zum letzten Verpflegungspunkt des Marathons. Ich erzähle Inga, dass nun es noch ein Highlight gibt. Der VP bei Km 36 macht immer unheimlich viel Stimmung und der bei Km 39 bietet eine Sirene zur Begrüßung. Mir geht es immer weniger gut und ich merke leichte Magenprobleme, die mich nicht wundern. Schließlich hatte ich nur vor einer Woche massive Probleme beim Zugspitzultra, doch ich kämpfe mich irgendwie durch. Erst wollte ich Inga anbieten, ob sie nicht Vorlaufen möchte, aber ich bitte sie bei mir zu bleiben. Es wären nur noch 4 Km und so viel könnte sie nun auch nicht mehr raus laufen und zu zweit sei es doch schöner, wenn man schon 38 km zusammen gelaufen ist.
Kurz vor dem letzten VP verlassen wir die Natur und kehren nach Attendorn zurück. Wir erreichen den letzten VP und die Sirene in mitten eines Siedlungsgebietes erklingt für uns. Dazu gibt es Applaus und Jubel von den Zuschauern. Ich bekomme wieder ein gutes Gefühl und ich bin für die Motivation dankbar. Inga erzählt mir nach dem Lauf, dass dieser Moment ihr Highlight des gesamten Laufes war. Unsere Pause ist recht kurz und wir laufen weiter. Nun müssen wir nur noch 3 Km durch die Stadt laufen und dabei einen letzten Anstieg nehmen. Gesagt, getan. Am Ende des Anstieges bitte ich Inga, noch ein letztes Mal die letzten Meter mit mir zu gehen. Als wir oben auf dem Damm des Biggesees ankommen, laufen wir erneut los.

Ziel und Fazit
Ich zeige über den Biggesee und sage zu Inga, dass unser Ziel sichtbar ist. Wir laufen eine gute Pace für die letzten gut 1,5 km. Gefühlt geht die Zeit schnell vorbei und irgendwie sind wir dann schon im Ziel. Wir bekommen unsere Finisher-Medaillien umgehängt und Inga wird als dritte Frau begrüßt bei ihrem Zieleinlauf.

Im Ziel wartet Niklas auf uns und begrüßt uns und gratuliert uns. Er war von dem Halbmarathon völlig begeistert. Er lief ihn in 1:39h und möchte unbedingt wieder kommen.

Er überlegt auch den Marathon beim nächsten Mal zu machen. Inga sagte mir einige Tage nach dem Lauf, dass sich eine Rückkehr ebenfalls vorstellen könnte. Und ich? Ich bin sowieso ein Fan von diesem Marathon. Dies war meine dritte Teilnahme beim Biggesee Marathon und sicherlich nicht meine Letzte. Nur wer kommt beim nächstes Mal mit?

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Zugspitzultra Supertrail 2017 – Ein Lauf, wo Leid und Freud nah beieinander sind

Vorweg ist mir eines wichtig zu erwähnen: Leiden gehört unweigerlich zum Laufen. Egal, ob jemand zur S-Bahn sprintet, auf 3000 m alles gibt, auf 10 Km an seine Grenzen geht, einen Marathon absolviert oder gar Ultraläufe macht. Irgendwann, irgendwo kommt ein Tal und wenn dies erfolgreich durchschritten ist, kann es wieder besser werden. Es muss aber nicht besser werden. Es kann auch einfach Scheiße bleiben. Dann bleibt nur die Frage: Kann ich das ertragen und aushalten oder nicht. Die Antwort ist ausschlaggebend, ob das Ziel erreicht wird. Es gab sicher Läufer_innen, die vergleichbares an diesem Tag durchlitten haben. Einigen ging es schlimmer, anderen vielleicht besser. Ich selbst hatte bei diesem Lauf, dass erste Mal mich dazu entschieden, dass ich am Ende bin und meine Grenzen erreicht habe, aufhöre und den Lauf abbreche und mein erstes DNF (Did not Finish) in Kauf nehme. Ich erzähle euch nun, wie es dazu kam und ich den Lauf trotzdem erfolgreich beendete.
Und ich merkte, wie noch nie zuvor, dass Ultraläufer_innen nicht nur auf sich selbst aufpassen, sondern auch auf andere. Diese Gemeinschaft ist wertvoll.

Freitag, 16. Juni 2017
Dominik, ein erfahrener Ultraläufer den ich bei den Sudbrackläufern in Bielefeld kennen gelernt habe, und ich fuhren von Bielefeld aus in 700 km mit dem Auto nach Garmisch-Partenkirchen. Gegen 14 Uhr waren wir im Hotel, gegen 15:15 Uhr trafen wir Juliane, die ich seit dem Herbst letzten Jahres zwar häufig sprach, aber nicht persönlich wiedergesehen hatte. Ich war so froh, sie nach all der Zeit wieder neben mir sitzen zu haben und nicht nur am Telefon zu hören. Es war Pasta-Partyzeit und wir saßen und aßen Nudeln. Bis zu jenem Moment, als ich etwas bemerkte. Stellt euch hier bitte eine dramatische Musik vor. Sie hatte ihr Armband vom Berlin Marathon 2015 nicht mehr um, ich hingegen schon. Okay, ihr fragt euch nun, warum ist das so dramatisch? Sie schlug auf dem Transalpine Run 2016 eine Wette vor. Nimmt sie es zuerst ab, darf sie nochmal zum Hermannslauf antreten. Wenn ich es zuerst abnehme, darf ich nochmal zum Frankfurt Marathon an die Startlinie. Sie hat keine Lust auf den Hermannslauf und ich keine auf den Frankfurt Marathon. Da ich nun die Wette gewonnen habe, freue ich mich auf den Tag, wo sie mit mir an der Startlinie des Hermannslaufes steht, wahrscheinlich 2018. Sie war völlig fassungslos, dass sie ihre eigene Wette vergessen und das Band einfach abgenommen hatte.


Ich traf auch Dom, der Juliane und mich beim Transalpine-Run begleitet hatte, sowie seine Brüder Joschi und Benni und auch seine Eltern. Benni startete über die 100 km, Dom über die 80 und Joschi über die 64 km.

Bei der Pasta Party gesellten sich auch Björn und Daniel zu uns, mit denen ich im zweiten Winter in Folge zusammen für den Hermannslauf trainiert hatte. Die beiden wollten den Basetrail XL (39 km mit 1900 Höhenmetern) laufen. Ihr Ziel war es in unter 5 Stunden diesen Lauf zu absolvieren. Auch Anna gesellte sich zu uns, die gleich für ihren ersten Ultra den 100 km Zugspitzultra festlegte. Auch die Jungs von exito (vgl. Zugspitzmarathon 2016 und Zugspitzultra 2016) traf ich nach der Pasta Party wieder. Ich traf so viele bekannte Gesichter an diesem Abend, dass ich unmöglich alle aufzählen kann, ohne dabei einige Person zu vergessen. All die Personen wiederzusehen, war einfach eine schöne Sache. Ich realisierte hier zum ersten (von zwei Malen an diesem Wochenende), dass ich wirklich viele Läufer_innen die letzten Jahre kennen gelernt hatte. Über diesen Umstand war und bin ich wirklich froh. Mein erstes Ziel des Zugspitzultras (ZUT) Wochenende war hiermit erledigt. Ich hatte gehofft, dass das ZUT Wochenende sich wie ein Familientreffen anfühlen würde. So und nun schnell zurück zum Hotel in Garmisch-Partenkirchen und ab ins Bett, den in wenigen Stunden sollte es losgehen.

Samstag, 17. Juni 2017
Aufgestanden, frisch gemacht und los geht zum Parkplatz P1 in Grainau. Von dort aus durften wir erst einmal 2 km zum Bus-Shuttle gehen, der uns nach Leutasch-Weidach in Österreich bringen sollte. Vor den Shuttle Bussen trafen wir Juliane wieder. Wir stiegen gemeinsam ein und fuhren los. Alles war recht entspannt. In Österreich angekommen trafen wir Joschi, der von den Klöppel Brüdern die 64er Distanz lief.

Nach einem Gang aufs Klo, einigen Foto-Sessions ging es zur Check-In Kontrolle mit der zentralen Frage: Habe ich die Pflichtausrüstung dabei, um starten zu dürfen? Die Antwort nach der Kontrolle war: Ja.
Während der gesamten Phase traf ich weitere Leute, die ich zuvor kennen gelernt hatte. Unter anderem sprach mich Dirk an. Dirk lernte ich auf dem Zugspitzmarathon kennen. Er gehörte damals auch zu den letzten, die überhaupt noch im Juli 2016 die Zugspitze hoch steigen durften.

Der Lauf
Km 0 bis Km 16 (Verpflegungspunkt 5)
Juliane, Dominik und ich starteten um 9:00 Uhr relativ entspannt. Im großen Unterschied zum letzten Jahr, wusste ich nun was vor mir lag. Dieser Lauf sollte der dritte von vier Läufen werden, den ich nur aus Freude am Laufen machen wollte. Die ersten Kilometer waren flach und leicht zu laufen. So kamen wir recht schnell bis Km 4, wo das Laufen in ein Wandern überging, da es zu steil wurde. Hier traf ich einen weiteren Dirk, den ich beim Teutoburger Waldmarathon kennen gelernt hatte.


Er machte Fotos, ich machte Fotos und andere machten Fotos an dieser einen schönen Aussicht. Wir quatschten kurz und ich zog weiter. Dominik war einige Meter vor mir, Juliane einige Meter hinter mir. Als ich oben ankam, musste das jährliche Scharnitz Joch Foto gemacht werden und wir zogen weiter. Juliane lief sofort schnell den Downhill runter und es war das letzte Mal das ich sie während des Laufes sah. Ich kann kein Downhill laufen und akzeptierte diesen Umstand einfach und blieb locker. Auch Dominik kam den Berg besser runter.


Ich lernte beim Abstieg wieder mehrere Personen kennen, denn irgendwie kommt man oft einfach so ins Gespräch. Der Abstieg kam mir dieses Jahr leichter vor, wohl weil der Weg nicht so rutschig und schlammig war, wie das Jahr zuvor. Irgendwann ertönte es hinter mir „Ich wusste, dass ich dich beim Downhill kriege“. Joschi rief dies zu mir. Ich musste lachen und rief zurück „Das ist jetzt keine Überraschung.“ Ich spielte damit auf den Umstand an, dass er Juliane und mich auf dem Transalpine Run 2016 immer am Downhill überholte.

Ich kam am Fuße an und konnte nun wieder ordentlich laufen. Der Weg zur ersten Verpflegungsstation (VP) war ein Forst-/Waldweg wie ich ihn vor meiner Haustür hatte. Da sie für die 100 km Läufer_innen durchnummeriert wurden, war meine erste Verpflegungsstation (VP). die Nr. 5.

Km 16 (Verpflegungspunkt 5) bis Km 26 (Verpflegungspunkt 6)
An der VP5 traf ich Dominik wieder, der auf mich gewartet hatte. Ich hörte, dass Juliane wohl schwer gestürzt sei. Joschi war auch noch beim VP, verließ ihn aber kurz nachdem ich ihn erreichte. Ich füllte meine Flaschen auf, trank etwas, aß etwas und fühlte mich gut. 2:30h waren bisher vergangen und 16 von gut 64 km abgelaufen. Dominik schloss sich mir wieder an und so liefen wir locker nach VP 6. Da die Strecke weitestgehend flach war, konnten wir diese 10 km sehr gut laufen. Es fühlte sich wie ein heimischer Waldlauf an. Wir liefen zwischen einer 5:30 min/km und 6:00 min/km.
Irgendwo bei Km 19 holten Dominik und ich den Joschi mit seinem Laufpartner ein. Bei Km 20 überholte uns der erste Läufer von der 80er Strecke. Der hatte bei nur einer Stunde mehr Zeit schon 20 km gute 1300 Höhenmeter mehr in den Beinen.
Und dann kamen wir in die Leutasch-Weidach Geisterklamm und langsam begann es. Ich fühlte mich nicht mehr so gut und nahm etwas Tempo raus und meinte zu Dominik, er könne ruhig sein Tempo machen. Er lief auch etwas vor. An der Klamm selbst, machte ich ein Foto und trabte weiter. Bis hierhin war ich ungefähr bei Km 25. Plötzlich bekam ich starke Kopfschmerzen, Magenschmerzen und ich fühlte mich schummerig. Ich dachte, bis zum VP 6 ist es nicht mehr weit, bis dahin ziehe ich erst einmal durch. Doch es ging mir immer schlechter. Ich erreichte gerade so den VP 6. Katja, eine Asics Frontrunnerin, die ich beim Transalpine Run kennen gelernt hatte, empfang mich, machte ein Foto und erklärte mir, dass Juliane gut durchläuft, trotz ihres Sturzes wohl nichts wildes hat. Ich war erleichtert zu hören, dass es ihr gut ging.

Ich musste mich erst einmal hinsetzen, da mein Kreislauf weg war. Dominik wartete und kam auf mich zu. Ich war in diesem Moment sehr mit mir selbst beschäftigt. Wieso leide ich so? Was ist los? Ich aß, ich trank. Die Speicher waren definitiv nicht leer. Kraft war da, Muskeln waren in Ordnung. Woher kamen diese Defizite? Ich verspeiste etwas Wassermelone und Orangen, denn die ging bisher immer. Ich fand keine Antwort. Ich hatte gut 1:45h Vorsprung vor dem Cut-Off, aber der sollte heute keine Rolle spielen. Ich bat Dominik ab hier ohne mich weiterzulaufen. Ich wollte alleine sein und erst einmal mich selbst ergründen. Ich wollte kein schlechtes Gewissen haben, dass ich ihn aufhielt oder er immer auf mich warten musste. So zog er mit Joschi und dessen Laufpartner Bernd los.

Km 26 (Verpflegungspunkt 6) bis Km 31 (Verpflegungspunkt 7)
Ich blieb noch sitzen und dachte einen Moment weiter nach. Als mir immer noch kein Grund einfiel, wieso es mir so ging, stand ich auf. Es hilft nichts, ich hab noch einiges vor mir und der nächste VP ist nur 5 km entfernt. Ich wanderte fast die gesamte Strecke nach VP 7, obwohl sie teilweise gut laufbar gewesen wäre. So verlor ich zwar keine Zeit, ich gewann aber auch keine. Es ging mir aber langsam wieder besser. Das ruhigere Tempo tat mir gut. Die Einsamkeit, das fokussieren auf mich, halfen mir enorm. Nach 4:45h Stunden traf ich mit besserer Verfassung beim VP 7 ein. Ich traf Dominik hier kurz, der schon fast dabei war weiter zulaufen.

Als Dominik los lief, setzte ich mich zu Joschi. Er sprach mir gut zu und gab mir einen Schluck von seiner Fanta. Ferner berichtete er mir, dass sein Laufkollege Bernd und er auch Magenprobleme haben. Ich erkundigte mich nach Dom und Benny, seinen Brüdern. Er hatte bisher nur etwas von Benny gehört. Der sei bei VP4 und es ginge ihm nicht so gut.

Km 31 (Verpflegungspunkt 7) bis Km 43 (Verpflegungspunkt 8)
Joschi, Bernd und ich liefen gemeinsam los. Schon nach einigen hundert Metern erkannte ich, dass das keinen Sinn machte. Ich ließ die beiden ziehen und wollte wieder alleine sein. Ich wollte mein Tempo laufen oder wandern und meinen Magen schonen, sofern das überhaupt möglich war. Es ging mir wieder schlechter. Berg runter quälte ich mich zum Traben, weil ich wusste, dass es irgendwie gehen musste, aber je länger ich trabte, umso schlechter ging es mir. Ich sprach in dieser Phase mit niemand und wollte es auch nicht. Die Idee diesen Lauf aus Spaß und Freude zu laufen, war hier faktisch vorbei. Am Ende des bergab Stückes kam ich bei Schloss Elmau an.

Ich zwang mich förmlich die paar flachen hundert Meter zu joggen, weil ich wusste, dass gleich ein längerer bergauf Abschnitt kam, wo ich eh wandern konnte. Genau beim Wechsel zwischen flach und bergauf fühlte ich mich wieder wie an VP 6. Ich beschloss mich auf die nächste Bank zu setzen und zu pausieren, sofern eine kam. Ich sollte Glück haben. Ich setzte mich und packte ein Gel aus und nahm es zu mir. Nach nicht einmal 3 Minuten war ich schon wieder unterwegs und es ging mir erheblich besser. Mein Magen beruhigte sich, die Kopfschmerzen gingen auch zurück. In diesem Moment wurde mir auch langsam klar, was mein Problem war: Ich kam mit der Hitze nicht zurecht. Der kleine Anstieg war im Wald, wo viel Schatten war und es kühler wurde, tat mir sehr gut. Das Gel führte dazu, dass ich wieder etwas Kraft bekam.
Ich stieg weiter langsam auf und musste am Ende an einer Hütte vorbei, wo viele Wanderer leckere Dinge zu sich nahmen. Wahrscheinlich erschien mir in dieser Phase einfach alles als sehr lecker. Ich war schon ein wenig neidisch, muss ich gestehen.
Es ging weiter in Richtung VP8. Es folgte ein Abschnitt, wo es keinen Schatten mehr gab und mein Unwohlsein wieder zunahm. Das bestätigte meine Vermutung, dass die Hitze mir zu schaffen machte. Ich erinnere mich, dass ich letztes Jahr hier gut laufen konnte, aber dazu hatte ich jetzt nicht die Möglichkeit. Jedes Antraben führte unweigerlich dazu, dass mein Magen sich sofort meldete. So war es ständig ein zügiges Wandern wechselnd mit langsames traben. Ich traf eine Läuferin, die erste Person seit VP7 mit der ich sprach. Sie beklagte sich, dass ihr die Hitze zu viel sei und sie an ihrer Grenze wäre und wohl aussteigen werde. Wir redeten kurz, ich versuchte sie zu motivieren weiter zu machen, dass der letzte Anstieg wunderschön sei und es sich lohnen würde. Wir trennten uns, da ich etwas zügiger unterwegs war.

Ich mochte diesen Abschnitt schon 2016, da er einfach wunderschön ist. Ich verfluchte den Umstand, dass es keinen Schatten gab und die Sonne mich weiter brutzelte, aber ich ging weiter. Schritt für Schritt. Ich traf ein polnisches Pärchen, die ich darum bat ein Foto von mir zu machen. Auch sie klagten über die Heftigkeit der Berge, dass sie das so nicht erwartet hatten und über die Hitze.
Irgendwann kam endlich der Downhill im Wald, auf den ich so lange gewartet hatte. Abkühlung und lockeres bergab joggen. Hier, ungefähr bei km 40 überholte mich der 1. Mann aus dem 100 km Rennen. Er rannte förmlich und er hatte schon 37 km mehr in den Beinen, sowie 2500 Hm. Ich fand das sehr beeindruckend.
Dann endlich erreichte ich die Klamm vor VP8. Was für ein wunderschöner Ort. Nachdem 2016 dort alle Bilder nur Müll waren, wollte ich dieses Jahr unbedingt ein gelungenes Foto machen. Gesagt getan. Nun kam der letzte kleine Aufstieg hoch zur VP8. Alle um mich herum quälten sich dort hoch. Katja kam mir entgegen, machte ein Foto und munterte mich auf. Juliane ginge es wohl gut, sie sei mehr als eine Stunde vor mir. Puh, wenigstens sie scheint gut durchzukommen!

Ich erreichte endlich die VP 8 und in dem Moment brach Dominik brach auf. Er schien einen Laufpartner gefunden zu haben. Ich freute mich, dass es ihm gut ging. Schließlich hab ich ihn überredet mit hierhin zukommen. Und dann kam Joschi mir zielstrebig entgegen und sagte etwas, was ich nicht erwartet hatte.
Joschi offenbarte mir, dass sein Laufpartner Bernd aussteigt. Er hat massive Magenprobleme und könne nicht mehr. Joschi sei faktisch auch am Ende, hätte auch Magenprobleme, wolle aber irgendwie nicht aufgeben. Er suche jemanden, der ihn bis zum Gipfel motiviert. Ich zögerte nicht und sagte ja, ohne zu wissen, ob ich es selbst packen werde. Ich versuchte etwas zu essen, doch mehr als einen Bissen in eine Wassermelone und einen losen bissen in eine viertel Orange war mir nicht möglich.
Ich füllte hier meine Vorräte auf und ging zur Medical Crew. Meine Arme wurden rot und mein Gesicht spannte. Ich ahnte, dass ich schon einen Sonnenbrand hatte. Ich fragte nach, ob ich nicht etwas Sonnencreme bekommen könnte. Offiziell hatten sie keine, doch ein Helfer hatte privat etwas dabei, das er mit gab. Besser etwas eincremen, als gar nicht, dachte ich mir.
Ich holte Joschi ab, der auf einer Bank saß und noch um mehr Pause bittete, doch ich sagte, wir müssten weiter. Ich war der festen Überzeugung, dass es nichts brachte das weitergehen hinaus zu zögern. Er hatte schon 20-30 Minuten und ich hatte für mich auch ausreichend Pause gehabt. Dachte ich.

Km 43 (Verpflegungspunkt 8) bis Km 51 (Verpflegungspunkt 9)
Wir wanderten los und bergab joggten wir auch kurz. Plötzlich wurden meine Magenbeschwerden immer schlimmer. Jedes Mal, wenn wir auch nur leicht berghoch gingen, atmete ich besonders schwer und mein Magen rebellierte. Ich fühlte mich schon nach wenigen Minuten nicht mehr gut. Auf einem flachen Stück kurz nach VP 8 brauchte ich die erste Pause. Joschi wartete auf mich. Als es sich in mir beruhigt hatte, gingen wir weiter. Auf dem Anstieg wuchs unsere Gruppe um Lukas, den wir beide dort erst kennen lernten. Doch relativ früh beim Anstieg bemerkte ich, dass nichts mehr ging. Ich hatte nicht nur mental einen Durchhänger, die Schmerzen und die Übelkeit nahmen stetig zu. Irgendwann bei Km 49, gute 2 km vor dem VP9 setzte ich mich an ein Gebüsch und auf einen Stein mit den Worten: „Ich kotze gleich. Ich muss ein Gel nehmen. Wenn ich das nicht in mich rein bekomme, war es das. Ich bin am Ende meiner Kräfte.“ Joschi sprach mir gut zu und beide warteten auf mich. Ich war sehr langsam in allem was ich nun tat. Ich nahm meinen Rucksack ab und packte mein Gel aus. Ich öffnete es und nahm nur einen kleinen Tropfen und schluckte ihn runter und sofort kam es zu einem heftigen Würgereiz, der zum Glück nicht zum Erbrechen führte. Ich pausierte, holte Luft und wartete, bis es sich beruhigte hatte. Ich nahm nach 2 oder 3 Minuten den nächsten Tropfen vom Gel. Als ich bemerkte, dass Lukas weiter ging, meinte ich zu Joschi er solle sich Lukas anschließen. „Geh davon aus, dass ich mich bei VP9 disqualifizieren lasse und aussteige. Ich kenne die Strecke durch 2016 und werde sicher in 2-3 Stunden beim nächsten VP erst ankommen“, sagte ich zu Joschi. Joschi haderte mich sich. Ich sagte ihm, er brauche kein schlechtes Gewissen haben. Alles sei in Ordnung, ich wäre nicht böse, sondern hätte eher selbst ein schlechtes Gewissen, wenn ich ihn hier aufhalten würde. So ging er mit Lukas weiter und ich war alleine.
Ich nahm sehr, sehr langsam das Gel zu mir. Es liefen gute 20 Personen an mir vorbei und fast alle fragten, ob ich Hilfe bräuchte. Auf Deutsch oder Englisch antwortete ich immer, dass man mir nicht helfen könne. Ich hätte sehr schlimme Magenprobleme und bräuchte eine Pause und würde an VP9 wohl aussteigen. Ich musste wie ein Häufchen Elend ausgesehen habe, da einige mich sehr mitleidig ansahen. In diesem Moment war ich wirklich fest im Entschluss, dass ich aufgebe und aussteige.
Als ich das Gel komplett gegessen hatte, wartete ich nochmal 5-10 Minuten. Ich wollte meinem Magen die Zeit geben, die er wohl bräuchte. Fast eine halbe Stunde saß ich nun auf dem Stein. Als ich minutenlang zitterte, weil ich so fror, stand ich auf, nahm meinen Rucksack und ging langsam weiter.

Nur kurz danach lernte ich Patrick kennen, der gerade eine kleine Pause gemacht hatte. Er schloss sich mir an und wir gingen zu zweit den Berg hoch. Alleine das Reden mit ihm tat mir gerade gut. Mein Magen beruhigte sich, ich fühlte mich wieder besser und war zumindest mit ein wenig Energie gesegnet. Allerdings trank ich fast nichts mehr, denn bei jedem Schluck drehte mein Magen sofort wieder durch. Die Zeit verging, es wurde Abend und somit endlich kühler. Meine Kopfschmerzen ließen nach und mein Kreislauf stabilisierte sich.
Wenige Meter vor der VP9 bat ich jemanden von der Bergwacht ein Foto von mir zu machen. Ich meinte zu ihm, dass ich ja nicht mehr so viel Zeit hätte, denn der Cutoff käme immer näher, doch er meinte, ich hätte genügend Zeit und bräuchte mir keine Sorgen machen. Er machte ein Foto von mir und ich bedankte mich und ging weiter.

Ich kam an die VP 9 und sah mich um. Meine Getränkeflaschen am Körper waren faktisch noch voll. Nachfüllen musste ich somit gar nichts. Ich nahm mir ein kleines Stück Wassermelone, biss einmal rein, merkte sofort, dass mein Magen nicht wollte und ließ es sein. Alles andere was noch im Angebot war, sah lecker aus, aber war für mich undenkbar. Ich war keine zwei Minuten am VP 9. Ich hatte ja kurz vorher eine längere Pause gemacht und brauchte nicht noch eine. In diesem Moment stellte sich für mich nicht die Frage, ob ich aufhöre oder weitermache. Es ging mir zwar schlecht, aber ich konnte es ertragen. Solange ich es ertragen kann, solange mache ich weiter. Außerdem hatte ich noch 5 Stunden für 12 km. Selbst mit sehr vielen extra Pausen, sollte das machbar sein, dachte ich.

Km 51 (Verpflegungspunkt 9) bis Km 58 (Verpflegungspunkt 10)
VP 9 und VP 10 waren identisch. Es musste im Grunde eine 6 km lange Schleife gelaufen werden. Da ich am VP 9 weder Juliane, noch Joschi oder Dominik gesehen hatte, ging ich davon aus, dass alle schon weg waren. So lief ich los. Okay, es war zügiges wandern. Zu mehr war ich nicht mehr in der Lage. Vor nicht mal 30 Minuten beschloss ich aufzuhören und jetzt sagte ich einfach nichts. Rückblickend bin ich der festen Überzeugung, wäre ich bei einem VP und nicht an einem Busch gewesen, wäre ich tatsächlich ausgestiegen. Da ich aber irgendwo an einem Busch saß, hatte ich wohl genügend Zeit, um meine Meinung zu ändern.

Nun fehlten mir noch knappe 400 Höhenmeter bis zum Gipfel des zweiten Berges. Bei dem Aufstieg sah ich in der Ferne jemanden der nicht sehr frisch aussah. In einer Kurve sah sich diese Person zu mir um, und guckte wieder weg, nur um dann sofort geschockt zu mir zu gucken. Es war als wenn du Person denkt: „Warte mal, was macht der denn hier?“ Ich holte nach und nach diese Person ein und es war Joschi. Als das passierte umarmten wir uns und er sagte zu mir „Ich kann nicht mehr.“ und ich antwortete „Ich sagte doch, ich treib dich zum Gipfel. Du bist im Downhill stark. Runter wirst du es schaffen.“ Ich überspielte damit meine eigene Erschöpfung, keine Frage. Ich erklärte ihm, dass es mir gerade – naja – geht und ich mich auch nicht gut fühle. Dann kamen wir gemeinsam an dem „Noch 10 km“ Schild vorbei und jubelten.

Joschi machte seine Musik an und wir gingen hoch bis zum Wendepunkt bei der Alpspitze. Dort war auch die Bergwacht, eingepackt in großen Decken und sitzend in bequem aussehenden Stühlen. Ich rief laut zur Bergwacht „MOIN MOIN“. Einer antwortete sogar in hamburgischen Dialekt und ich verneinte lachend, dass ich von der Küste käme. Ich sei Ostwestfale und dort würde man es auch noch gerade sagen, was der eine von der Bergwacht lachend bestätigte.

Joschi und ich klatschten uns ab und die Bergwacht meinte, dass es jetzt eigentlich nur noch bergab gehen würde. Das ist natürlich nicht gerade meine Paradedisziplin, aber zumindest Joschi hatte es nun geschafft. Wir stiegen ab zu VP 10. In dem Moment kam Patrick erneut und ich erfuhr, dass er und Joschi sich schon kannten. Bis kurz vor VP 10 waren wir eine kleine Gruppe und wurden von zügigen 100 und 80 km Läufer_innen überholt. Bei der VP 10 angekommen, ging ich zur Verpflegung. Ich musste wieder nichts an meinen Vorräten auffüllen, da ich nichts getrunken hatte. Ich bat darum mir einen kleinen Schluck von der Tomatensuppe zu geben. Es war wirklich nur ein Schluck, nicht mehr wie 1,5 Eßlöffel und das war mein Abendessen. Vorsichtig schlürfte ich die warme Suppe. Es tat gut etwas zu bekommen, aber mehr wollte ich meinem Magen nicht zumuten. Ich hatte das letzte Mal bei VP 7 richtig gegessen und natürlich merkte ich das.

Km 58 (Verpflegungspunkt 10) bis Km 64 (Ziel)
Joschi saß in einer Decke neben mir und wir unterhielten uns kurz. Als wir nach 3, 4 Minuten aufstanden, um weiter zu gehen, fragte er mich, ob es okay sei, dass er sein Tempo bergab machen könnte. Ich meinte nur „Auf jeden Fall. Seh‘ zu, dass du ins Ziel kommst und dich ausruhen kannst.“ Er schien erleichtert und lief los. Ich ging erst einmal langsam los und holte Luft und sah in den Himmel und dann auf die Uhr. Ich bezweifelte gerade, dass ich im hellen den Abhang noch vollständig runter käme.

In dem Moment wurde ich aus meinen Gedanken gerissen. Jochen von exito (vgl. Zuspitzmarathon 2016 oder ZUT 2016) begrüßte mich mit den Worten „running-barthelomeo. Mensch, das ist ja toll, dass ich dich noch sehe. Komm geh ein wenig und ich mach ein Foto von dir.“ Gesagt, getan. Er nutzte meinen Instagram Namen als Rufnamen in dem Moment, was mich zum Schmunzeln brachte. Wir redeten kurz und er berichtete mir, dass seine Jungs gut auf der 100 km Strecke unterwegs seien und top Zeiten erreichen werden. Er fragte noch, wie es bei mir läuft und ich sagte nur, dass ich ins Ziel kommen werde und das ich vor allem Magenprobleme habe. Wir verabschiedeten uns und ich ging weiter.
Der letzte Abstieg. Was soll ich dazu noch sagen, was ich nicht schon in den alten Blogartikel gesagte habe? Er war einfach anspruchsvoll und wird nicht mein Lieblingsabschnitt werden. Zumindest war es trocken. Ich stieg langsam ab und mit einigen, die mich überholten, quatschte ich kurz. Kurz vor dem „Noch 4 km Schild“ musste ich mein Kopflicht auspacken, denn es wurde dunkel.

Es folgte das noch 3 km Schild und mit ihm neue Gesprächspartner und neue Themen. Die letzten 2 km waren auf einer flachen Straße in Grainau und führten durch die Stadt. Somit waren alle Höhenmeter im positiven und negativen absolviert. Diesen Abschnitt nutze ich zum lockeren Auslaufen. Ich war nicht schnell, aber ich lief. Jeder der mir entgegenkam, wirklich jede und jeder applaudierte und feuerte einen an, nachts nach 22 Uhr. Es war so, als wenn das ganze Dorf entspannt den Samstagabend verbringe und einfach alle Läufer_innen anfeuern würde.
Noch 1 km. Je näher ich zum Ziel kam, umso mehr Leute traf ich, umso mehr wurde angefeuert. Und dann kamen die letzten 300, 400 m und ich wusste, dass es vorbei war. 150 m vor dem Ziel wurde schon einmal die Nummer automatisch beim Vorbeilaufen eingescannt, so dass der Sprecher wusste, wer einläuft. Und ich hörte die Ankündigung meines Namens und ich lief zur Ziellinie, holte Luft, sprang über sie hinweg und schrie mir die Seele aus dem Leib. Ich war so überglücklich es geschafft zu haben, obwohl ich mich entschieden hatte aufzugeben.

Nach dem Ziel
Juliane war die erste die mir persönlich gratulierte mit den wundervollen Worten „Herzlichen Glückwunsch und drück nicht so fest. Du bist total verschwitzt und das ist nicht so schön.“ Ja, da kam es wohl über mich, dass ich meine Freude noch nicht kanalisieren konnte.
Essen konnte ich noch nichts und sollte ich an dem Abend auch nicht mehr. Meine Zielverpflegung war ein süßer Tee, auf den mein Magen nicht so ansprechen wollte. Ich ging dann zu Joschi, um mit ihm kurz zu reden. Er war bei seiner Familie und es ging ihm sichtlich schlechter als mir. Er war 20 Minuten vor mir im Ziel gewesen. Wir umarmten uns und bedankten beieinander. Ich redete kurz mit den Eltern von Joschi und erkundigte mich ein letztes Mal nach Dom und Benni. Benni war wohl bei VP8 und Dom bei VP9. Beide hatten ihre Probleme und beide bissen sich durch.
Ich setzte mich zu Juliane und Dominik und wir redeten. Joschi hatte Juliane gesagt, dass ich aussteige als er bei VP9 und sie bei VP 10 war. Sie wollte das erst nicht glauben und dachte er meine einen anderen Daniel. Doch ich bestätigte, dass er mich meinte. Ich erzählte davon, wie es mir erging und warum ich jetzt immer noch nichts esse und auch nichts essen kann. Wir unterhielten uns über vieles, ihren Sturz, den Rennverlauf eines jeden. Auch Anna war ein Thema, da sie in dem Moment beschlossen hatte den 100 Km Lauf an der VP 6 zu beenden. Nach kurzer Zeit meinte Dominik, dass ihm kalt wäre und er ins Hotel möchte. Schließlich wartete er schon eine Stunde auf mich. So standen wir auf und ich holte mir eine Apfelschorle, die ich auf dem Weg zur Finishershirt Abholung austrank. Wir holten uns das Shirt und gingen zurück ins Hotel. Dafür mussten wir erst einmal knapp 2 km gehen, um den Parkplatz P1 zu erreichen, auf dem mein Auto stand. Nicht, dass ich nicht schon ausreichend gelaufen wäre.

Im Hotel angekommen wurde nur noch schnell geduscht und geschlafen. Als ich schon schlief, liefen Dom und Benni ins Ziel ein. Ich führ meinen Teil musste am nächsten Morgen 700 km mit dem Auto zurück nach Hause fahren. Am nächsten Morgen telefonierte ich kurz mit Björn, der mir berichtete, dass er und Daniel ebenfalls erfolgreich ihren 39 km Base XL Lauf beendeten.
In einer Woche geht es mit dem vierten von vier Läufen unter dem Motto „Freude am Laufen“ weiter: Mein dritter Biggeesee Marathon.

Und die letzten 4 Km:

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Preußisch Oldendorfer Volkslauf 2017

Der Volkslauf in Preußisch Oldendorf ist einer dieser Läufe, auf die ich mich immer wieder freue. In meinen ersten Jahren als Läufer und als ich noch in Löhne wohnte, nahm ich jahrelang an der Mühlenkreisserie teil. Dieser Volkslauf ist der 2. Lauf der Serie und ist mir daher seit vielen Jahren wohl bekannt. Leider schaffe ich es nicht jedes Jahr teilzunehmen, aber wenn ich es schaffe, dann empfinde ich wirklich eine Vorfreude.
Für Mai und Juni habe ich mir vier Läufe vorgenommen, die ich alle nur aus Lust und Freude am Laufen mache und wo der Wettkampfgedanke völlig in den Hintergrund tritt. Die einzige Zielsetzung, die für mich gilt ist, gesund ins Ziel zu kommen. Nach dem Teutoburger Waldmarathon war dieser Volkslauf der zweite von meinen vier Läufen.

21. Mai 2017
Vor dem Start
Wer mich als Läufer kennt, weiß, dass ich gerne andere zu solchen Läufen motiviere. Erfolgreich konnte ich Markus und Inga motivieren mich dieses Jahr zu begleitet. Markus nehme ich schon zum zweiten Mal mit und er freut sich ebenfalls auf den Lauf. Inga nehme ich zum ersten Mal mit. Die Hinfahrt ist anstrengend, denn viele Baustellen stellen sich uns in den Weg. Einige Umleitungen später kommen wir 35 Minuten vor dem Start an. Da wir nicht an der Mühlenkreisserie teilnehmen, müssen wir uns vor Ort anmelden. Dafür gehen wir ins Waldfreibad. Am Tag des Volkslaufes ist Tag der offenen Tür und der Eintritt ist frei. An diesem Waldfreibad ist der Start- und Zielbereich, sowie die Anmeldung. Die Anmeldung selbst geht schnell und unproblematisch.

Nachdem alle Formalien erledigt sind und die Startnummern vor unserem Bäuchen hängen, gehen wir zum Start. Wir schaffen es sogar um 9:40 Uhr den Start der 12,5 km Läufer_innen zu beobachten. Kurz bevor die 12,5 km Läufer_innen loslaufen, sehe ich einen anderen Läufer im Tokio Marathon 2017 T-Shirt. Ich spreche ihn sofort an und sage, dass ich das gleiche T-Shirt zu Hause im Schrank habe. Er berichtet mir, dass er mit 76 der älteste deutsche Teilnehmer beim diesjährigen Marathon in Tokio war. Da es nur 122 Starter_innen aus ganz Deutschland gab, ist es etwas besonders für mich einen anderen Starter zu treffen. Wir unterhalten uns kurz, tauschen unsere Erfahrungen aus und stellen uns dann für den Start auf. Hinter uns stellen sich die Nordic-Walker für 5 km und 12,5 km auf.

Ich hab extra meine GoPro mitgenommen, damit ich über diesen Lauf endlich einen Blogartikel schreiben kann. Am Ende habe ich zwei Videos, sowie 1187 Bilder gemacht. Ehrlich gesagt sind davon mehr als die Hälfte Schrott, da ich nicht stehen bleibe, sondern im vollem Tempo die Bilder mache. Ich liebe die Funktion 30 Bilder in 6 Sekunden zu machen. 😉
Der Volkslauf ist deswegen so etwas Besonderes für mich, weil er eine schöne Waldstrecke hat, die abwechslungsreich ist, sehr viel Schatten bietet, einen kurzen aber wirklich schönen Singletrail, um eine Burg herum, hat und sehr gut organisiert ist. Das ganze stellt sich in Daten so dar: 350 Höhenmeter auf 20 km, die aber sehr zügig gelaufen werden können.

Der Lauf
Um 9:50 Uhr fällt der Startschuss und die ersten knapp zwei km gehen durch einen urigen Wald mit einem Bachlauf. Es geht vorwiegend berghoch. Ein Läufer mit einem orangenen T-Shirt läuft ungefähr auf meiner Höhe und wird dort auch bis Km 14 bleiben. Mal ist er kurz vor mir, mal kurz hinter mir. Auf diesen ersten zwei Km geht es berghoch und deswegen ist hier Vorsicht geboten. Gerade bergauf Passagen zu Anfang eines Laufes verleiten einen gleich sich zu übernehmen, denn man fühlt sich ja noch gut.

Am Ende des ersten Waldstückes kommt der erste von vier Verpflegungspunkten. Es wird an allen Verpflegungspunkten ausschließlich Wasser angeboten. An dieser Verpflegungsstelle wechselt der Lauf auf einen Straßenabschnitt, der einzig dazu dient in einen zweiten Wald zu laufen. Die Runde im zweiten Wald muss zweimal durchlaufen werden. Das erste Mal muss sie gegen den Uhrzeigersinn gelaufen werden und das zweite Mal im Uhrzeigersinn. Das nimmt mir immer das Gefühl Runden zu laufen, eben weil man die Strecke aus einem anderen Blickwinkel sieht.
Am Rande bemerkt: Bis 2014 gab es einen anderen Streckenverlauf der eher einer Form einer Acht entsprach und abwechslungsreicher war. Ich bedauere sehr, dass es zur Streckenänderung kam, aber das lässt sich leider nicht ändern. Kommen wir zurück zur ersten Runde im zweiten Wald.

Die 12,5 km Läufer_innen laufen diese Runde nur einmal im Uhrzeigersinn und kommen einen so entgegen. Ich sehe und höre immer wieder wie Leute, die sich entgegen laufen, abklatschen und gegenseitig zujubeln und motivieren. Ich fühle mich wie ein Zuschauer, da ich genau sehen kann, ob es Duelle um Platzierungen auf der 12,5 km Strecke gibt. Bei der Hälfte der Runde gibt es den zweiten Verpflegungspunkt. Damit sich die 20 km und die entgegenlaufenden 12,5 km Läufer_innen nicht in die Quere kommen, sind auf beiden Seiten die Getränkepunkte aufgebaut. In diesem Moment liegen schon ungefähr 5,5 km hinter mir.
Sagte ich schon, dass ich die Strecke mag? Sie belohnt mit teilweisen weiten und schönen Aussichten, wenn man den Blick nach rechts durch das Geäst wagt. Ansonsten ist es einfach ein toller und schattiger Waldweg, der leicht hügelig ist.
Als die erste Runde im zweiten Wald und damit ungefähr 7 km erledigt sind, geht es auf die Straße zurück. Hier Laufe ich plötzlich mit einigen 12,5 km Teilnehmer_innen bis zur nächsten Kreuzung kurz zusammen. Die 12,5 km Läufer_innen werden in Richtung des Ziels geleitet. Für die 20 km Läufer_innen führt die Straße zum Singletrailabschnitt, der Rund um eine Burg führt. (Auf dem Singletrail einfach nach links schauen). Der schmale Weg endet im Hinterhof einer Gaststätte. Dort ist ein Streckenposten und zeigt einem die Richtung zurück auf die Straße.


Es geht über die Straße zurück in den zweiten Wald, um dieses Mal die Runde im Uhrzeigersinn zu laufen. Bei Km 12,5 wird der dritte Verpflegungspunkt erreicht, der natürlich identisch mit dem zweiten ist. Hier hole ich einige Nordic-Walker ein. Das ist aber kein Problem, da die Waldwege breit genug sind. Bei Km 14 löse ich mich zum letzten Mal vom Läufer im orangenen T-Shirt und setze mich endgültig ab.


Nach der zweiten Runde geht es über die Straße zurück zum ersten Wald. Am Ende des Straßenabschnittes gibt es den vierten Verpflegungspunkt an dem ich kurz stehen bleibe. Nachdem ich mich mit etwas Wasser aufgefüllt habe, geht es weiter. Der letzte Waldabschnitt im ersten Wald hat einen anderen und längeren Verlauf, als die ersten zwei Km. Am Eingang des Waldes sehe ich das Km 16 Schild. Noch 4 Km sollen es also sein? Meine Uhr zeigte mir zu diesem Moment nur 15,2 km.

Im letzten Waldabschnitt wird vermehrt bergab gelaufen mit kleineren bergauf Passagen. An einigen Kreuzungen stehen Streckenposten, die aufpassen, dass man sich nicht verläuft. Alternativ gibt es Flatterband, welche einige Wege ganz absperren. Ein Verlaufen ist während des gesamten Laufes meiner Meinung nach nicht möglich.
Einen Kilometer vor dem Ziel sehe ich, dass ich auf den Läufer vor mir auflaufe und ihn vielleicht sogar noch überholen könnte. Ich starte durch und laufe ein hohes Tempo, doch er dreht sich um, bemerkt mich und zieht selber sein Tempo an. So schaffe ich es nicht mehr ihn einzuholen und komme eine Sekunde nach ihm ins Ziel.

Am Ende zeigt mir meine Uhr knappe 19 km und eine Zeit von 1:29:27h. Die Zeit ist mir jedoch ehrlich gesagt egal. Wichtig war es mir nur, dass ich den Lauf erneut erleben und genießen konnte.

Im Ziel nehme ich mir etwas zu trinken und warte auf Inga. Während dessen unterhalte ich mich mit der Dame, die vorlas, wer gerade einlief. Ich nenne sie mal, die Zielsprecherin. Sie wollte unter anderem wissen, wieso ich denn die Kamera dabei habe. Ich erklärte ihr, dass ich sie dabei habe, um über diesen Lauf zu schreiben. Wir unterhalten uns ein wenig über diesen und andere Läufe. Das Gespräch endet als Inga einläuft und dritte Frau wird. Markus läuft mit Ansage später ein und wir treffen uns im Freibad, da er direkt nach seinem Zieleinlauf schwimmen gehen möchte.
Was ich nicht verschweigen möchte ist, dass das Duschsituation vor Ort immer etwas schwierig ist. Für ein so großes Läuferfeld gibt es einfach nicht viele Duschen. Also mache ich das, was ich machen kann: Ich stelle mich an und warte drauf, dass eine Dusche frei wird. Frisch geduscht, treffen wir uns drei und fahren gemeinsam nach Hause. Dieses Mal wollen wir direkt die Baustellen klever umfahren und finden dafür andere. *Seufz*

Vielen Dank für die Mühen und diesen Lauf. Ich komme sicher wieder, keine Frage.

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Teutoburger Waldmarathon 2017 – Wie sich Maßstäbe verschieben

Bevor ich zum eigentlichen Teutoburger Waldmarathon 2017 komme, möchte ich einige Gedanken erst im Allgemeinen loswerden, insbesondere, um den Titel zu erläutern.
Gedanken:
Als ich anfing zu laufen, war die 10 km Marke ein großes Ziel. Wisst ihr wie weit 10 km sein können, wenn sie zum ersten Mal macht? Erinnert ihr euch dran? Ich erinnere mich gut, es war ein erhabenes Gefühl. Ich fing an dies zu vergleichen mit dem Weg zur Uni, zum Supermarkt oder der Weg zu Freunden. Wow, ich konnte nun also soweit rennen. Es war ein langer Weg, doch dann veränderten sich die Maßstäbe. 10 km zu laufen wurde normal und Alltag, bzw. es war nichts Besonderes mehr. 10 km unter 60 Minuten waren der Wahnsinn. Es fühlte sich so schnell an im Vergleich zu früher. Der erste 20 km Lauf war auch neuer Maßstab. Verrückt, da läuft man plötzlich das Doppelte von 10 km. Es folgten wieder die Vergleiche, um die Distanz greifbar zu machen. 20 km reichten um von einem Dorf zu nächsten zu Laufen, bzw. von einer Stadt zur nächsten. Wieder gab es einem neuen Maßstab. So ein Lauf hieß nun lange Einheit und wurde einmal pro Woche gelaufen. War es nicht gerade noch der 10 km Lauf der so bedeutsam war? Dieses Spiel geht weiter. Der erste Halbmarathon, der erste 30 km Lauf, der erste Marathon. Einen Marathon pro Jahr, bloß nicht mehr. 2017 werden es bei mir wohl mindestens vier Marathons und ein Ultra bei denen ich jetzt schon fest angemeldet bin. Moment Ultra? Ja, auch so ein neuer Maßstab, wenn man länger als 42,195 km laufen möchte.
Der Blick und die Leistung verschieben sich. Je weiter ich dieses Spiel treibe, umso mehr ungläubige Blicke erhalte ich. Sätzen wie „Du bist doch verrückt.“ fallen schnell oder „Das könnte ich nicht.“ Und dann stehe ich da und bin traurig. Ich bin nicht verrückt, sondern akribisch in meiner Entwicklung als Läufer. Mir ist vollkommen bewusst, dass dieses Spiel ein Ende hat. Ich spiele dieses Spiel seit mehr als 9 Jahren und nichts passiert unüberlegt. Entscheide ich mich für eine neue Runde in diesem Spiel, dann gingen Wochen der Überlegungen ins Land, Abwägungen und Planungen wie der nächste Zug aussehen wird. Am 1. Januar 2008 fing mein Spiel an, als ich nach 12 Minuten „laufen“ schwer hechelnd und keuchend nicht mehr konnte und meinen ersten Lauf damit beendete, sagte ich ebenfalls „Ich kann das nicht. Aber ich möchte es.“
Was hat das alles mit dem Marathon nun zu tun? Heute habe ich wieder einen solchen Maßstab verschoben. Ich hätte entweder ein Doppelpack gemacht (Samstag 25 km und Sonntag 32 km) oder eben diesen Marathon. Doppelpack ist eine Trainingsform für eine Ultramarathonvorbereitung. Dabei laufe ich zwei lange Einheiten an zwei Tagen hintereinander, um mit der Ermüdung vom Vortag weiter zu trainieren. Das soll sehr lange Distanzen simulieren. Ich bin noch nie einen Marathon gelaufen, als gezieltes Training. Ich beschloss im eher niedrigen Pulsbereich zu bleiben damit es wirklich ein Training bleibt und ca. 6 kg auf meine Schultern zunehmen. So schwer ist mein Rucksack, wenn ich alles für den Zugspitzultra an Pflichtausrüstung einpacke plus 2,5 Liter Wasser als vollen Trainingsbalast.
Als meine Freundin mich am Morgen des Laufes verabschiedete, sagte ich zu ihr, dass man niemals den Respekt vor einem Marathon verlieren dürfte. Es ist und bleibt ein Marathon. Ich habe auch schon 35 km lange Trainingseinheiten abgebrochen, weil nichts mehr ging. Egal wie viele Marathons ich bisher lief oder noch laufen werde, jeder Marathon bleibt etwas Besonderes, was dieser Bericht nun zeigen wird. Und ganz wichtig, auch wenn ich mich wiederhole: Man braucht bei entsprechender Vorbereitung keine Angst vor einem Marathon haben, aber den Respekt davor sollte man niemals verlieren.

Samstag, 13. Mai 2017
Vor dem Start
Auf ging es nach Lage, was zwischen Detmold und Bielefeld liegt. Den Teutoburger Waldmarathon zu laufen war nicht meine erste Idee für dieses Wochenende. Eigentlich war mein Plan zum zweiten Mal den Rheinsteigextremlauf zu laufen, der bei 35 km gute 1200 Höhenmeter hatte. Leider fiel dieser Lauf kurzfristig aus und so entschied ich mich als alternative diesen Marathon mit knapp 700 Hm zu laufen. Dieser Marathon sollte eine lange Einheit als Vorbereitung für mich in meinem Trainingsplan darstellen für den Zugspitzultratrail (ZUT) in fünf Wochen.
Die Austeilung der Startnummer schnell ging. Sowieso muss ich betonen, dass die gesamte Organisation hervorragend funktionierte. Kurz vor dem Start ging eine Gruppe an mir vorbei und sie fragten sich untereinander laut, warum ich denn Stöcker und so einen vollen Rucksack dabei habe. Ob das nicht übertrieben sei? Als ich anbot, ihnen die Frage zu beantworten und sie bejahten, kamen wir ins Gespräch. Ich erklärte meine Absichten, dass ich mit vollem Gepäck laufen möchte, so wie beim ZUT in einigen Wochen. Ich gab ihnen den Rucksack zum Probetragen, und sie bemerkten, dass er doch eine gewisse Belastung war und ihr Blick stempelte mich als „So ein Verrückter ab“.
Ein weiterer Herr kam dazu. Er berichtete, dass er den ZUT schon gelaufen sei. Die Gesprächsrunde wurde größer. Als wir gemeinsam zum Start gingen, sah ich immer mehr ZUT Finisher und/oder welche, die erwähnten, dass sie auch den ZUT laufen werden. Ich fühlte mich meinem Vorhaben bestätigt, dass ich nicht der einzige war, der diesen Marathon als Vorbereitung nahm.
Da standen wir nun, als großer Haufen von Läufer_innen, und lauschten den Worten des Wettkampfrichters, der uns letzte Hinweise gab. Um 12:30 Uhr fiel der Startschuss und der 42,195 km Spaß begann.

Die erste Runde
Ich nahm mir vor locker zu laufen. Im ernst. Ich hab das wirklich gemacht und mich den gesamten Lauf dran gehalten. Trotzdem war ich sofort recht weit vorne, was mich irritierte. Ich schaute auf die Uhr und sagte mir, dass ich mein Ding draus mache, unabhängig von anderen. Eine Runde entsprach einem Halbmarathon und die Runde durfte ich zweimal durchlaufen. Diese Runde ließ sich in Vierabschnitte unterteilen: Vom Start zum einzigen Verpflegungspunkt, erste Schleife, zweite Schleife und zurück zum Start. Jede Schleife endete immer bei diesem einen Verpflegungspunkt.
Ich lief vom Start 5 km in Richtung des einzigen Verpflegungspunktes. Auf diesen 5 km war ich nur im Wald und zu einem Teil auch auf der Strecke vom Hermannslauf. Beim Hermannslauf war es der Abschnitt zwischen Km 13,5 und Km 15 (Anfang des Tönsberg). Wir liefen aber nicht wie beim Hermannslauf den Tönsberg hoch, sondern bogen vorher ab. Immer wieder sah ich Streckenposten die mal alleine, mal zu zweit an Kreuzungen standen und dafür sorgten, dass niemand falsch abbog. Mein Respekt für diese Frauen und Männer wuchs über den Tag, denn am Ende des Marathons standen sie mit gleichem Einsatz an den Kreuzungen.

Am Getränkepunkt angekommen, hatte ich 5 km bei besten Wetter im Wald hinter mir. Die Helfer_innen kamen mir gleich entgegen und fragten, was ich wollte, hielten mir auch schon Wasser entgegen. Es gab hier alles was man braucht. Elektrolyte, Wasser, Tee, Bananen, Müsliriegel und Weißbrot. Egal wann ich später noch vorbei kam, es gab immer ausreichend und genügend.
Der Verpflegungspunkt selbst war an einer Kreuzung, an der man dreimal vorbei kam. Von diesem Verpflegungspunkt ging es in die erste Schleife und die bestand aus urigen Waldwegen, Singletrails und einer wunderschönen Panoramaaussicht. Dieser Abschnitt war der schönste für mich. Was ein toller Lauf, stand für mich da schon fest. Hier begann auch mein erstes Gespräch mit einem anderen Läufer, das bis Km 13 anhalten sollte.


Am Ende der Schleife, waren knapp 10 km abgespult und ich kam wieder an dem einen Verpflegungspunkt heraus. Der eine Laufbegleiter und ich blieben kurz stehen, tranken und aßen etwas. Danach hieß es: Auf geht es in die zweite Schleife. Diese Schleife bestand aus einem kleinen Straßenanteil und sonst nur Forstwegen im Wald und am Waldesrand. Auch hier fühlte ich mich wohl und fand die Umgebung, gerade im Wald, sehr schön. Ungefähr bei Km 12,5 stand in der zweiten Schleife ein Streckenposten, der genau notierte, welcher Marathonläufer vorbei lief.

Es ging nun langsam zurück. Ihr ahnt es sicher schon, dass ich zum dritten Mal nun am selben Verpflegungspunkt raus kam. Von dort aus ging es nun 6 km zurück zum Start/Zielbereich. Der Weg war in Teilen mit dem Hinweg identisch, aber in Teilen auch unterschiedlich, eben weil der Rückweg länger war. Mir kamen auf den identischen Abschnitt die 10 km Läufer entgegen.

Am Ende der ersten Runde bog ich auf einen Fußballplatz ein und vor der Ziellinie gab es eine weitere Verpflegungsstation. Als die Speicher aufgefüllt waren, ging es unter Applaus weiter durch den Startbereich, in dem sich mittlerweile die Halbmarathonläufer_innen aufgestellt hatten. Ich sah auf die Uhr: 1:51h hatte ich für die erste Runde gebraucht. In 9 Minuten würden diese Leute mit ihrem Wettkampf anfangen und ich würde regelmäßig überholt werden.

Die zweite Runde
Die zweite Runde war vom Laufweg hier identisch zur ersten Runde. In der ersten Schleife wurde ich regelmäßig von Halbmarathonläufern überholt. Ich bemühte mich darum immer Platz zu machen. In dieser Phase lief ich mit der zweiten Frau zusammen und wir quatschten ein wenig. Sie hoffte, dass ihr Freund das rennen gewinnen würde. Dieser Marathon sei für sie eigentlich nur die Vorbereitung für einen anderen Marathon, der in Kürze folgen sollte.
Beim Singletrailabschnitt fiel mir auf, dass der ganze Weg plötzlich sehr sumpfig war. Es musste hier sehr stark geregnet haben. Das hat es auch, wie ich später erfuhr. Ich bekam vom Regen gar nichts mit.

Und dann gibt es diese schönen Momente, die einem in Erinnerung bleiben. Wir liefen beim Panoramaausblick entlang und trafen ein Hochzeitspaar, dem erst einmal gratuliert wurde. Sie strahlten einen an und schienen sich zu freuen. Hier verabschiedete ich mich von der zweiten Frau. Sie zog das Tempo an und ich genoss einfach das Laufen und wollte nicht das höhere Tempo mitgehen.

In der zweiten Schleife ging es mir plötzlich schlechter und ich hatte nach ungefähr 32 Km ein großes Tief. Ich nahm mir zwei Minuten zum Gehen, um ein Gel zu nehmen und trank etwas von meinen 2,5 l Wasser. Ich lief dann sofort weiter und kam zum Glück auch wieder gut in den Tritt.
Ein Läufer klopfte mir auf die Schulter. Sein Name war Dirk, wie ich später von ihm im Ziel erfuhr. Er lief den Halbmarathon und wollte wissen, worauf ich mich vorbereite. Ich rief ihm hinterher, dass es der ZUT sei. Er feierte das und meinte, er wolle den auch laufen. Im Ziel später bei einem Gespräch fanden wir raus, dass wir beide den Supertrail (63 Km mit 3000 Hm) machen werden.
Als ich zum letzten Mal am Verpflegungspunkt vorbei kam, was ungefähr bei Km 36 für mich war, blieb ich zwei Minuten stehen. Ich trank nochmal ordentlich und aß in Ruhe etwas. Ich verabschiedete mich von den Helfer_innen und bedankte mich für die tolle Verpflegung und die netten, kurzen Gespräche. Somit ging es zurück zum Start- / Ziel Bereich. Ich merkte am letzten Berg, den ich hochlaufen durfte, dass ich am Ende meiner Kräfte war. Da die letzten 4,5 Km danach vorwiegend bergab gingen, war das für meine Moral und Kraft ideal.
Als ich das Schild „Noch 1 km“ sah, wusste ich, dass es gleich vorbei sei. Ich suchte auf meinem MP3 Player noch kurz das passende Lied für eben diesen letzten Km. Ich lief erneut auf den Fußballplatz und freute mich. Kaum blieb ich nach der Ziellinie stehen und hatte auf meine Uhr gedrückt, hielt man mir ein leeres Bierglas hin. Begleitet wurde diese Aktion mit den Worten „Hier. Für dich.“ Völlig überfordert, bedankte ich mich und nahm mir etwas zu trinken. Ich ging erstmal an den Rand des Spielfeldes und legte alles zur Seite. Ich brauchte einen Moment für mich. Ich war emotional, glücklich und erleichtert. Am meisten war ich darüber dankbar, dass ich den Lauf gut überstanden hatte, es mir im Grunde gut ging und ich heile im Ziel ankam.

Zum Bierglas noch kurz: Ich wusste, dass es keine Finishermedallien gab, aber dass es ein Bierglas als Ersatz geben würde, fand ich positiv überraschend.
Als ich zurück zur Zielverpflegung ging, sprach mich eine Wettkampfrichterin an. Wofür ich mich vorbereite, denn ich hätte nach ihrem Ermessen eine volle Ausrüstung dabei. Als ich ihr mein Vorhaben erläuterte, meinte sie, sie würde auch den ZUT laufen, jedoch nicht den Supertrail, sondern den Base (25 km). Am Ende war ich wirklich irritiert, wie viele Anwesende diesen Lauf machen werden. Ich kam so auf sieben oder acht. Für einen so kleinen Lauf empfand ich das als sehr hohe Quote an ZUT Läufer_innen. Erst danach sah ich überhaupt auf meine Uhr, um zu schauen, wie lange ich eigentlich gebraucht habe.
Auf dem Weg zur Dusche, die völlig in Ordnung waren, traf ich Dirk und wir unterhielten uns kurz über den ZUT und auch andere Ultraläufe.
Nach dem Duschen erfuhr ich, dass ich zwar 13. im Gesamtfeld mit einer Zeit von 3:52:30h war, aber Platz 4. in meiner Altersklasse. Ich beschloss nach Hause zu fahren. Ich mag solche Läufe, wo ich merke, wieviel Einsatz die Helfer_innen zeigen. Das hatte ich überall gespürt und es zeigte mir, dass gerade solche kleinen Läufe jetzt wieder öfter auf meiner Laufliste zu finden sind. Sie kommen nicht mit einer großen Technik oder Laufchips daher, sondern mit Menschen, die am Rand stehen. Die man freundlich anlächeln, sich bedanken kann und die positiv reagieren. Kombiniert mit der tollen Strecke war das ein Tag, der mir sehr positiv in Erinnerung bleiben wird. Es war ein wirklich schöner Marathon in familiärer Atmosphäre. Danke an alle Helfer_innen und den TG Lage für diesen Lauf. Es war sicher nicht das letzte Mal, dass ich vorbeischauen werde, egal für welche Distanz.

P.S.: Und wie wird nun mein nächster Spielzug aussehen? Wenn ich so darüber nachdenke, habe ich schon eine Idee.

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