Borgholzhausen Weihnachtscross 2016

Der Weihnachtscross in Borgholzhausen sollte mein Abschluss im Laufjahr 2016 zeichnen. Ein letztes Mal wollte ich 16 km mit einem zügigen Tempo laufen. Nach dem recht erfolgreichen Nikolauslauf in Everswinkel, wollte ich eine vergleichbare Leistung erbringen. Zu der Distanz kamen noch gute 450 Höhenmeter. Ich kannte die Stecke, lief ich sie in den letzten Jahren des Öfteren. Mein Ziel war es eine neue Bestzeit auf dieser Strecke zu laufen, in unter 1:10h.
Dafür nahm ich dieses Mal keine Kamera mit, um mich vollständig auf den Lauf zu konzentrieren. Deswegen gibt es dieses Mal keine Bilder.

Vor dem Start
Ich war mit zwei Freundinnen angereist: Ariane und Inga. Ariane lief die 10 km Runde. Inga, die schon in Everswinkel dabei war, und ich starteten auf der 16 km Runde.
Der Weihnachtscross ist das, was der Name verspricht: Ein Crosslauf mit einigen Höhenmetern kurz vor Weihnachten. Der einzige Unterschied zwischen der 10 km und 16 km Runde ist, dass der zu bewältigende Hügel exakt ein zweites Mal erklommen werden durfte.
Ich weiß gar nicht, wie oft ich diesen Lauf schon absolviert habe. Ich glaube dies war mein fünftes Mal. Der Weihnachtscross ist der dritte Lauf innerhalb des Trailcups 2016 / 2017, an dem ich unter anderem teilnehme.
Ebenfalls hieß es, dass ein sehr kleiner Teil der Strecke von einigen hundert Metern geändert wurde. 2016 gab es eine sehr rutschige Passage, die zu Stürzen und Stopps geführt hat. Diese Passage war kurz nach dem Start. Dieses Jahr sollte diese Passage durch einen Straßenabschnitt umlaufen werden.

Start
Es ging erst einmal auf eine dreiviertel Runde durch das Stadion, in dem wir starteten. Als wir das Stadion verließen waren wir direkt auf der neuen Passage. Die Straße war viel angenehmer zu laufen, als die rutschige Passage von 2016. Mir kam die neue Strecke ein wenig länger vor. Ich schätze so 200 m dürften das zusätzlich gewesen sein. Es ging sehr schnell zurück auf die „alte“ Strecke in Richtung der ersten Runde und damit dem ersten Anstieg.

1. Runde
Der Crossabschnitt fing nach ungefähr 2 km an und sollte bis km 13,5 nicht enden. Es war teilweise matschig, wegen des eher schlechten Wetters die Tage zuvor. Ich muss jedoch auch klar sagen: Der Großteil der Strecke war gut zu laufen. Ich hatte eine für mich angenehme Pace gefunden und lief diese auch bis zur ersten schweren Steigung gut durch. Dort angekommen, nahm ich das Tempo etwas raus. Der größte Fehler beim Weihnachtscross ist es, sich direkt in der ersten Runde kaputt zu machen.
Oben angekommen konnte ich etwas Luft holen und wieder das Tempo anziehen. Zu meiner Überraschung war der eine Getränkepunkt nicht da. In den letzten Jahren gab es immer einen Getränkepunkt, der nun fehlte er. Einen Schluck heißen Tee hätte ich mir dennoch gewünscht. Ich hatte mich, basierend auf meiner Erfahrung der letzten Jahre mit der Strecke, auch drauf eingestellt hier etwas zu trinken zu bekommen.
Ich musste erst den gesamten Berg runter laufen, bis ich zur Versorgungsstelle kam. Beim Downhill hatte ich ehrlich gesagt, gemischte Gefühle. Ich konnte es zwar gut laufen lassen, jedoch merkte ich, dass ich mich noch immer unsicher bei Downhills durch den Transalpine-Run fühlte.

2. Runde
Als ich den Berg runter gelaufen war, hatte ich ein Schluck Wasser genommen und keinen Tee. Es ging sofort weiter, da nun die zweite Runde anfing, die größtenteils identisch mit der ersten Runde war. Mir kamen einige 5 km Läufer_innen entgegen. Noch vor dem Anstieg lief ich auf die Gesamt-dritte Frau der 16 km auf und überholte sie. Kurz danach erreichte ich die 10 Kilometermarke in knapp 43 Minuten. Ich hatte 27 Minuten für Anstieg, das runter laufen und einen flachen Abschnitt zurück zum Ziel. Insgesamt waren es noch 6 km bis ins Ziel. Hier überholte auch Ariane und weitere Läufer_innen der 10 km Runde, die später gestartet waren. Beim Anstieg beschloss ich mich erneut nicht an mein Limit zu gehen, da ich die Kraft im flachen nutzen wollte. Es zogen einige an mir vorbei. In dieser Phase war es schwer an meinem Plan festzuhalten, doch ich konnte mich zusammenreißen. Als ich oben ankam fing das Zick-Zack-Laufen an, da ich viele aus der 10 km Runde überholte. Die anderen Läufer_innen ließen immer eine Gasse zum Überholen oder wichen kurz zur Seite, wenn sie bemerkten, dass jemand von hinten angelaufen kam. Über diesen Umstand war ich sehr erleichtert.

Ziel
Als ich den Hügel runter gelaufen war, nahm ich mir nur ein Schluck Wasser vom Verpflegungspunkt und trank im Laufen. Seit dem Downhill lief ein anderer Läufer in meinen Hacken und ich beschloss ihn nicht mich passieren zulassen. Die Konsequenz war, dass ich eine 3:55 min pro Km Pace lief. Diese wollte auf den letzten zwei Kilometern auch halten, irgendwie. Aktuell hatte ich nach 13,5 km eine gute Stunde auf der Uhr.
Mein Plan ging auf. Ich lief mit hohem Tempo in Ziel und ließ niemanden mehr mich überholen. Das schwerste war es, die Läufer_innen der 10 km Runde auf diesem flachen Abschnitt zu überholen. Das Überholen rieß mich kurzzeitig aus dem runden Rhythmus. Als ich ins Stadion einlief und noch die letzte 3/4 Runde vor mir hatte, wusste ich, dass ich auf jeden Fall unter 1:10h bleiben würde. Dennoch hielt ich mein Tempo und lief das Rennen zu Ende. 1:08:10h Brutto sollte es am Ende geworden sein. Netto habe ich keine offizielle Zeit, da ich zu den 50 Personen gehörte, wo die Messung fehlschlug und ein Brutto = Netto gemessen wurde. Laut meiner Uhr hätte es eine 1:07:58h sein müssen. Egal. Ich konnte meine Leistung vom Lauf in Everswinkel bestätigen und war letztendlich zufrieden. Ich wartete im Ziel auf Inga und Ariane, die beide einige Minuten nach mir einliefen.
Zu dritt machten wir uns auf den Weg nach Hause.

Fazit
Es war mal wieder ein schöner, gut organisierter Lauf. Die Streckenänderung empfand ich als sehr gut und ich hoffe, die Veranstalter behalten sie bei. Schade war es, dass die Chip-Messung dieses Jahr nur Suboptimal verlief.

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Nikolauf 2016 – Everswinkel

Wo stehe ich? Ich hatte ein dreiviertel Jahr nicht auf Tempo trainiert. Ich wollte im Jahr 2017 etwas mehr an Geschwindigkeit gewinnen und neue Bestzeiten erreichen. Mit welchem Spielraum ich rechnen kann, das wusste ich nicht. Der Nikolauslauf in Everswinkel (korrekterweise heißt er nur Nikolauf Everswinkel), sollte mir ein Gefühl davon geben, was für mich realistisch ist. Die Gesamtdistanz von offiziell vermessenen und flachen 15 km, wurden innerhalb von 6,5 Runden erlaufen.
Es war wieder ein Lauf, wo ich einige, wenige Personen fragte, ob sie mitkommen wollten. Am Ende kam Inga mit! Sie war die Frau mit der ich im Sommer 2016 fast alle langen Einheiten zusammen gelaufen bin. Juhu! Ich freute mich darüber.

Vor dem Start:
Wir kamen mit einer guten Stunde vor dem Start an. Ich kannte die Organisatoren nicht und plante etwas mehr Zeit ein. Ich wusste nicht, was mich vor Ort an Laufwegen und langen Schlangen erwartete. Es war sehr einfach einen Parkplatz zu finden. Dieser war direkt neben der Halle, wo man duschen, sich umziehen und die Startnummern bekommen konnte. Im Endeffekt hatten wir sehr viel Zeit. Es gab weder lange Laufwege, noch lange Schlangen noch sonst irgendetwas, was viel Zeit kosten könnte. Ich muss sagen, alles war sehr entspannt und gut organisiert.
Der Lauf in Everswinkel hatte einen Charme von einem kleinen, familiären Volkslauf. Eltern verkauften Kuchen oder gaben einem die Startnummern, Kinder tollten durch die Sporthalle. Alles war sehr überschaubar und sehr viele Starter gab es nicht. Es war wirklich eine nette, freundliche und schöne Grundatmosphäre.
Inga und ich zogen uns etwas später um und liefen uns mit einer halben Runde erst einmal warm. Denn am Parkplatz war zwar das Ziel, jedoch nicht der Start. Im Grunde war es nicht schlimm erst einmal eine halbe Runde zu laufen, denn warmlaufen ist grundsätzlich eine gute Sache. Wir hatten zwar recht kaltes aber trockenes und sonniges Wetter.

Der Start der 15 km Läufer_innen war auf einem Parkplatz. Es gab lediglich zwei kleine in den Boden gerammte Schilder, die auf den Start hinwiesen. Das einzige, was wir vermissten, war jemand Offizielles, der den Start geben könnte. So sammelten sich knapp 50 Personen und warteten auf einen Startschuss, den es aber nicht gab, weil niemand diesen geben konnte.

Ein bis zwei Minuten nach dem eigentlichen offiziellen Start kam ein Radfahrer angerast, entschuldigte sich und erläuterte, dass jemand ausgefallen sei. Er sprach über ein Funkgerät, da der Start der 7,5 km und 15 km Läufer_innen synchron passieren musste. Wir hatten zwar alle einen Laufchip für eine individuelle Laufzeitmessung, jedoch war bei diesem Lauf trotzdem Brutto = Netto-Zeit. Es gab nur eine Matte im Zielbereich die den Chip verarbeiten konnte. Somit musste die Zeitmessung im Zielbereich synchron über das Funkgerät gestartet werden.

Die erste Runde (ausführlich)
Es ging los. Da wir nur wenige Starter waren, gab es direkt kein Gedrängel. Wir liefen vom Start aus über Straßen zu einer Hauptstraße. Hiermit ist auch schon gut ein fünftel der Runde beschrieben.

Dort ankommen ging liefen wir auf dem Fußgängerweg neben der Straße zu dem Zielbereich. Dies war für mich der wohl unschönste Abschnitt. Hier hatte sich das Feld schon so sehr gezogen, das ich alleine lief. Der Zielbereich selbst war geteilt. Wer links einlief hatte es geschafft, wer rechts durchlief musste eine weitere Runde laufen. Kurz nachdem Zielbereich kamen wir zu der einzigen Verpflegungsstation, wo es Wasser und Tee gab. Da jede Runde etwas länger als 2 km war, brauchte ich nicht jede Runde etwas trinken. Ich griff in der dritten und fünften Runde zu und gönnte mir eine Erfrischung.

Nach dem Getränkepunkt führte die Strecke durch ein kleines Waldstücken. Ab der zweiten Runde brannten hier viele große Teelichter, die eine schöne, warme Stimmung bei mir erzeugten. Jede Runde war dieser Abschnitt eines meiner Highlights, auf die ich mich freute. Wer bei Wald nun einen einen Trail/Cross Abschnitt denkt, muss ich leider enttäuschen. Die Gesamte Runde wurde auf Asphalt gelaufen. Nach dem Wald folgte eine kleine Siedlung.

Als nur sehr wenige Häuser passiert waren, war ich wieder zwischen Feldern und lief der untergehenden Sonne entgegen, was an diesem Tag traumhaft schön war. Hier lief ich auf die ersten 7,5 km Läufer_innen auf, die eine viertel Runde vor uns gestartet waren.

Kaum hatte ich die Atmosphäre aufgesogen, war die Runde auch schon vorbei und ich lief am Start vorbei.

Runde zwei bis Sechs
Ich wollte Tempo machen und einige Läufer, die ungefähr mein Tempo liefen halfen mir eine Orientierung zu bewahren. Nach Runde zwei wusste ich, welche Abschnitte schneller zu laufen waren und welche langsamer zu laufen sind. Ich konnte ab Runde drei anfangen meine Kräfte entsprechend einzuteilen. Zudem war es schön, jede Runde aus der Siedlung heraus in die Felder zu laufen. Der Blick auf die untergehende Sonne war immer wieder schön. Neben den Teelichtern im Wald war dieser Abschnitt ein weites Highlight, was dem Wetter geschuldet war. Ab Runde vier fing ich an andere Läufer_innen aus der 15 km Gruppe zu überrunden. Inga sah ich jedoch nicht einmal. Ich vermutete sie knapp hinter mir und das sie ein tolles Rennen laufen würde.
In der sechsten Runde blickte ich hinter mich. Einige der Läufer, die mir als Orientierung dienten, waren etwas zurück gefallen. Ich beschloss für die letzte Runde noch einen drauf zu setzen und alles zu geben. Dies gelang mir auch. 400 m vor dem Ziel zog ich meine Kamera für den Zieleinlauf heraus. Das war gar nicht so einfach bei einer 3:45 min pro Kilometer Pace. Ich hätte mir das mit der Kamera auch sparen können, weil alle Bilder ausnahmslos stark verwackelt sind.

Ziel
Wie ich später zu Hause aus der Ergebnisliste erfuhr, lief ich als Gesamt Zehnter in 1:02:00h ein. Das war eine neue persönliche Bestzeit für flache 15 km. Als ich auf Inga wartete, hatte ich noch eine Diskussion mit den Zeitnehmerinnen. Auf diese gehe ich gleich im Fazit ein. Nach einigen Minuten lief Inga ein und hatte es als zweite Frau ebenfalls erfolgreich geschafft. Als Belohnung gab es einen Stutenkerl, der recht lecker war. Zur Siegerehrung blieben wir nicht. Nachdem wir uns frisch gemacht hatten, ging es zurück nach Hause.

Fazit
Es war für mein ein toller Lauf. Ich habe nichts zu kritisieren, bis auf eine Sache. Im Ziel drohten mir die Zeitnehmerinnen mit Disqualifikation, weil ich Kopfhörer trug. Sie wussten weder, was ich hörte, noch ob ich etwas mir angehört hatte. Nur der Fakt, dass ich welche aufhatte, führte dazu, dass sie mich disqualifizieren wollten. Als ich entgegnete, dass mir das herzlich egal sei, schauten sie mich ungläubig an und meinten, dass der vierte sich über den dritten schon beklagt hätte. Dies sei schließlich ein offizieller DLV Lauf und es könnte um Qualifikationen gehen. Ich erwiderte, dass ich solche Läufe laufe, als Belohnung für mein Training und nicht als Ziel für mein Training. Ich führte weiter aus, dass ich mir auch Podcast anhöre und nicht notwendigerweise Musik. Dann kam das Thema Sicherheit als Argument. Ich entgegnete, dass ich hier voll zustimme, und dass ich extra aufliegende Kopfhörer habe, damit ich die Geräusche von außen möglichst nicht gedämpft wahrnehme, da ich In-Ears-Kopfhörer als Dämpfung empfunden hatte. In Kombination mit einem Podcast wäre es, als wenn ich mich mit anderen Läufern unterhalte. Alles das war den beiden Damen herzlich egal. Sie meinten, ich müsse mich nun beim Renndirektor melden und angeben, dass ich Kopfhörer auf hätte und mich disqualifizieren lassen. Sie selbst könnten es nicht entscheiden. Wir beendeten die Diskussion hier und ich ging nicht zum Renndirektor.
Das ist sicherlich ein ernstes Thema für einen ernsten Lauf, wo es um etwas geht. Wahrscheinlich war für einige dieser Lauf ein wichtiger. Für mich ging es aber um nichts, außer um eine Zeit und eine Einschätzung, was nächstes Jahr drin ist. Ich bin bei diesem Lauf nicht angetreten, um eine Platzierung zu erreichen oder um auf das Podest zu klettern. Ich wollte einfach einen tollen Lauf erleben, was ich auch habe. Ich war für die Streckenposten immer voll ansprechbar. Tatsächlich wurde ich in Runde sechs mehrfach angesprochen, ob dies meine letzte Runde sei oder ob ich in Runde fünf sei. Diese Diskussion im Ziel trübte meine Stimmung. Dies ist mein einziger negativer Punkt zum Nikolauf in Everswinkel.

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1. St. Martinslauf in Paderborn – Ein 10 km Lichtlauf

1. St. Martinslauf in Paderborn – 10 km in 5 Runden

Nach dem Röntgenlauf Ende Oktober, wo ich eine große innere Zufriedenheit verspürte, war ich zwei Wochen später, am Freitag, den 11. November 2017 in Paderborn zum 1. St. Martinslauf angemeldet. Die Idee des Laufes erschien mir schön: Eine 2 km Runde, die im Dunkeln gelaufen wird und auf unterschiedlichster Weise illuminiert wird. Sprich: Es ist ein Lichtlauf.
Zu meiner Überraschung, denn es war ja der Erste, war der Lauf über beide angebotenen Distanzen vollständig ausverkauft. Angeboten wurden 3 Runden (6 km) und 5 Runden (10 km). Insgesamt gab es 850 Starter_innen, wobei die meisten die 10 km Runde liefen.
Der Veranstalter war der gleiche, wie beim Paderborner Osterlauf.
Ich werde die erste Runde ausführlich berichten und die letzten vier Runden nur grob.

Anreise
Dieser Lauf fiel erneut in die Kategorie: Ich habe mehrere Leute gefragt, ob sie mit möchten, einige sagten ja, doch am Ende kam keiner mit. Die Anreise nach Paderborn selbst war entspannt.
Ebenso entspannt war die Abholung der Startnummer. Sie war direkt neben dem Start-/Zielbereich, der wiederum auf dem Domplatz in Paderborn war. Da es bitter kalt war, entschloss ich mich in einer nahe liegenden Arcade zu warten. Ich hatte noch gute 45 min bis zum Start und bei 0 Grad Außentemperatur, war ich um jede warme Minute froh. Auf dem Weg zum Start/-Zielbereich sah ich erste bunte Beleuchtungen. Es war sehr schön und ich war gespannt, wie es werden sollte.

Start
Auf dem Weg zum Start, gab ich meinen Kleiderbeutel ab. Kurz noch zu den reichlich aufgestellten Dixies und dann zur Startlinie. Mein Eindruck bis hierhin: Alles war top organisiert und ich konnte mich über rein gar nichts beklagen.

Gestartet wurde in drei kleinen Blöcken und leicht zeitversetzt. Jeder sollte sich selbst einsortieren, entsprechend seiner Selbsteinschätzung über die läuferische Stärke. Der erste Block ging bis zu einer Zielzeit von 42 Minuten und so stellte ich mich dort rein. Ich hatte keine Ambitionen, doch die Zeit sollte ich laufen können. Ich packte meine Kamera aus und wollte die erste Runde filmen.
Und dann ging es los!

Die erste Runde (ausführlich)
Ich lief los, direkt in eine rechts Kurve an Geschäften vorbei, wieder rechts auf einer Straße, gefolgt von einer kleinen Gasse. Ich kam bei einer Ansammlung von Cafés heraus und vor alten, wahrscheinlich katholischen Gebäuden heraus. Die Stimmung an der Strecke war je nach Hotspot sehr gut. Es kurzes Warnschild, dass nun Treppen kommen. Nach diesen Treppen ging es durch einen Innenhof und erneut Treppen runter. Bis hier hin war es schon eine sehr abwechslungsreiche Runde, doch wir hatten nicht einmal einen Kilometer vollenden.

Der nächste Abschnitt war ein kleiner Park. Dort waren große Teelichter/Kerzen aufgestellt, die nur schwach leuchteten aber es war trotzdem ein sehr schöner Anblick. Eine andere Stelle im Park war ein Lichtspiel, wo nur der Boden abwechselnd blau und orange beleuchtet war. War dieses Lichtspiel erlebt, hieß es kurz durchatmen, sich auf den Pflasterstein konzentrieren bis zum nächsten Event, welches auch sehr schnell kam.

Eine Bahn aus dutzenden Diskokugeln und -beleuchtung war aufgebaut und alle Läufer_innen durften da direkt durchlaufen. In meiner Erinnerung war dieses Event sicher gute 50 m lang. Vielleicht auch 70 m. Großartig!. Es war mein persönliches Highlight der Runde. Danach war das Publikum sehr motiviert, rief fast jedem zu, motivierte immer wieder.

Wieder bog ich in eine Gasse ein, die sehr schmal war. Hier war es schlecht zu überholen, denn es gab einfach kaum Platz. Das musste ich mir für die nächsten Runden merken. Nach der Gasse ging es Links einen doch knackigen, kurzen Anstieg hoch. Die Belohnung des Anstieges war die Beendigung der Runde und damit die das Wissen, die ersten zwei Kilometer absolviert zu haben.

Runde zwei bis fünf
Ich packte nach der ersten Runde meine Kamera weg. Nun wollte ich die Atmosphäre auf mich wirken lassen und mehr auf das drum herum achten. Die Runde änderte sich ja nicht mehr, jedoch die Menschen, die einen begegneten. Ich sah Väter und Mütter, die mit ihren Kindern liefen oder gingen. Sie hatten Startnummern, und trugen Laternen vor sich her. Das sah sehr süß aus. Ich freute mich darüber, dass dies wirklich kein Wettkampf war, sondern mehr ein Event. Ein Lob muss ich auch aussprechen. Wenn ich mal jemanden überholte, so reichte ein „Achtung bitte. Ich überhole von links“ und die alle haben mir oft, sofern möglich, etwas Platz gemacht oder ließen mich ohne Probleme vorbei. Es gab schon Veranstaltungen, wo dies anders war. Doch hier in Paderborn machte ich durchweg positive Erfahrungen.
In runde vier wurde ich vom ersten Läufer der 10 km überrundet. In dieser Runde realisierte ich auch erst, dass ich wirklich gut unterwegs war und entschied die letzten zwei Runden ein höheres Tempo anzugehen.

Ziel
Am Ende überquerte ich als 36. Gesamt die Ziellinie (von 486) in 41:00 min. Die Strecke offenbarte, dass sie laut meiner Uhr nur 9,5 km lang war. Auch die Topläufern liefen kaum schnellere Zeiten, als auf einer flachen 10 km Runde. Der Anstieg, die Treppen, die engen Gassen ermöglichen keine Topzeiten.

Ich erhielt einen Stutenkerl als Belohnung und holte meine Tasche ab. Die Zielverpflegung war sehr gut und es gab auch hier für mich nichts zu kritisieren. Ein tolles Event, welches sich auf jeden Fall für mich gelohnt hat. Ich werde wieder kommen. Als Eventlauf mit toller Stimmung und Organisation ist dieser Lauf absolut zu empfehlen. Ich merkte der Organisation ihre Erfahrung mit dem Paderborner Osterlauf an. Daumen hoch.

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Röntgenlauf 2016 – Ein Ultramarathon (63,3 km) zum genießen

September 2016
Nach dem Transalpine-Run 2016 und all den anderen alpinen Langläufen merkte ich, wie unzufrieden ich mit mir und der Situation aus dem Jahr war. Ich hatte viel erreicht, hatte ein unglaublich intensives und erfolgreiches Jahr bis hier hin geleistet. Die meisten alpinen Läufe fühlten sich nicht wie „richtige“ Läufe an, weil ich viel gewandert war. Ich merkte, wie sehr ich mich danach sehnte einen Marathon durch zu laufen. Ich meine, so richtig zu laufen. Es ging mir nicht um eine Zeit, nicht um irgendein Tempo, sondern ich wollte einfach laufen und am besten die Natur dabei genießen. Verena, eine Laufbekannte, die ich beim Scott Rock the Top mit ihrer Familie traf, empfahl mir den Röntgenlauf. Juliane, meine Marathonpartnerin, wollte unbedingt noch den Frankfurt Marathon laufen, da dort das Asics Frontrunner Team auch zu gegen war. Ich mag den Frankfurt Marathon nicht. Ich bin ihn 2011 und 2015 gelaufen und beide Male stellte ich fest: Ich mag ihn nicht. Der Röntgenlauf hingegen bot zwei Vorteile: Er war ein klassischer Trailmarathon und er erlaubte es flexibel seine Distanz während des Rennens noch zu ändern. Ich hätte beim Halbmarathon oder beim Ultra aussteigen können, wenn ich mich für den Marathon anmelden würde. Mhmm Ultra … Ich entschied mich, eben wegen dieser Freiheit und Flexibilität, direkt für den Ultra anzumelden und dann ggf. beim Marathon den Lauf vorzeitig zu beenden. Es tut mir Leid Juliane, ich wäre gerne mit dir zusammen gelaufen und ich hätte gerne die Frontrunner getroffen. aber Frankfurt hätte für mich bedeutet, dass ich wieder einen Marathon auf Tempo mache und genau das wollte ich 2016 nicht mehr machen. Anbei fragte ich einige Leute, ob sie nicht mitkommen wollten und vielleicht auf kürzeren oder gleichen Distanzen zu laufen. Erst gab es einige Zusagen, die jedoch wieder aufgehoben wurden.

29. Oktober 2016, Samstag
Ich fuhr sehr entspannt am frühen Nachmittag nach Remscheid, checkte in mein Hotel ein und fragte nach der Möglichkeit etwas vor 7:00 Uhr zu frühstücken. Das war alles kein Problem. Danach fuhr ich weiter auf die Marathonmesse, Pasta Party und die Startnummerausgabe. Was soll ich sagen? Es war einfach alles entspannt. Ich fand einen guten, kostenlosen Parkplatz. Die Ausgabe der Nummer war ohne jegliche Schlange, die Marathonmesse war klein und nett und ich hatte ein langes und wirklich interessantes Gespräch mit dem Herrn Mick von Salomon. Beim Wandern durch die Messe bemerkte ich, dass ich einiges zu Hause vergessen hatte. Also wurde z.B. ein Gürtel für die Nummer und Gels nachgekauft. Die Schlange bei der Pastaparty war ok. Ich glaube nach 10 Minuten saß ich und aß meine Portion. In dem Moment dachte ich darüber nach, dass es schade war, dass niemand letztendlich mitkam. Der Fakt, dass ich komplett alleine war, hält mich am Ende nicht auf. *zwincker* Danach ging es zurück ins Hotel und es wurde früh geschlafen.

30. Oktober 2016, Sonntag, Renntag

06:45 Uhr
Nach dem Aufstehen ging es zum Frühstück. Das Hotel hielt sein Wort und ich konnte schon vor der eigentlichen Startzeit des Frühstücksbuffet des Hotels frühstücken. Ich sah einige Läufer_innen, die sich fleißig am Buffet bedienten. Danach ging es weiter zum zentralen Sammel-Parkplatz des Röntgenlaufs. Am Vorabend am Infopunkt des Laufes erklärte man mir, wohin ich fahren müsste. Da 4000 Läufer_innen erwartet wurden, brauchte es einen großen Parkplatz und der war etwas weiter weg. Mit dem Busshuttle ging es direkt zum Start. Alles war sehr gut organisiert, alle Helfer waren freundlich und ich fühlte mich gut aufgehoben und entspannt. Ein riesen Dank an dieser Stelle an die Organisation und den Helfer_innen des Röntgenlaufes.

08:10 Uhr
Ich kam wieder bei der Startnummerausgabe an, zog ich mich fix um, verkabelte mich und packte meinen Laufrucksack. Danach stellte ich meine Tasche zum Duschen ab. Denn der Start war gleichzeitig das Ziel für die Ultraläufer. Ich ging weiter zum Start und traf Katharina. Ich weiß wirklich nicht mehr, wie wir ins Gespräch kamen, aber wir quatschten kurz und lernten uns kennen. Es war ihr erster Ultra und ich erinnere mich, dass sie mich nach meinen Vorerfahrungen fragte. Ich berichtete sehr knapp aus meinem Sommer und das ich seit Wochen nicht wirklich trainiert habe, da ich Winterpause mache. Ich habe keine Zeitambitionen und betone, dass ich davon ausgehe, dass sie mich überholt oder einfach direkt stehen lässt. Sie schien ungläubig zu sein, aber ich meinte es so.


08:30 Uhr, Km 0, Start
Es geht los! Die Halbmarathon-, Marathon- und Ultraläufer starteten gemeinsam. Katharina und ich verabschiedeten uns und ich fragte mich, ob wir uns auf der Strecke wiedersehen werden. Der Trail sollte erst ein wenig auf sich warten lassen, denn die ersten Kilometer wurden auf Aspahlt gelaufen. Ich durfte direkt bergauf laufen. Danach, auf dem Weg in die Altstadt, wurde es flach. Die ersten 5 km entpuppen sich als eine Schleife. Wir liefen aus der Altstadt raus und fast vollständig zurück zum Start. Erst etwas später liefen wir in einen Wald, was ich nicht schlimm fand. Ich entdeckte viel Publikum, eine volle Strecke und eine unfassbar gute Stimmung.

Km 6 – Eine lange Diskussion beginnt
Als ich in Richtung Wald lief, hatte ich plötzlich eine tolle Aussicht. Ich und noch ein Herr zogen gleichzeitig unsere Kameras und mussten lachen. Er kam aus Solingen und läuft den Marathon. 3:45h wollte er laufen und sei gut in der Zeit. Wir unterhielten uns einige Kilometer über Läufe, Ziele und quatschen einfach nett. Irgendwann nahm ich das Tempo raus und ließ ihn ziehen, weil ich auf keinen Fall mich anstrengen wollte. Ich wollte einfach Spaß und Freude am Laufen haben.

Km 9 – Die Diskussionen enden nicht
Doch bevor der Läufer aus Solingen wegzog, traf ich Thorsten. Er kommt aus Gütersloh und ist auch 12-facher Hermannsläufer. Er hatte sich der Diskussion angeschlossen. Wir liefen zu zweit bis ungefähr Km 18. Wir quatschten die ganze Zeit und der Lauf verflog förmlich. Es ging einiges bergauf und viel bergab. Irgendwann zwischendurch kam der „Sektberg“. Ein knackiger Anstieg, den ich gerne gelaufen wäre, wenn nicht alle auf diesem Singletrail gegangen wären. Oben angekommen gab es Sekt für alle! Ich lehnte dankbar ab und lief weiter.

Km 18 – Ende der Gespräche
Ich war total überrascht, als ich plötzlich das Km 18 Schild sah. Auf meine Bemerkung hin, dass wir gerade auf eine Zeit von ca. 1:50h für den Halbmarathon aus waren, sagte Thorsten, dass er nun das Tempo raus nehmen müsse. Er wollte im besten Fall den ganzen Marathon laufen und sei etwas angeschlagen. So lief ich alleine weiter und sah Thorsten hier nach nicht mehr. Es ging weiter bergab und ich ließ es laufen.

Km 21,1 – Halbmarathon Fazit
Der erste Halbmarathon war für mich geschenkt, dank der tollen Gespräche. Es war sehr asphaltlastig, mehr als ich es erwartet hatte. Das war nicht schlimm, aber ich dachte es sei insgesamt einfach mehr Trail. Bei 1:50 bog ich auf die Zielgerade ein und sah das Splitschild: Links Halbmarathonläufer, Rechts: Marathon, Ultra und Staffel. Ich bog rechts ein und fragte mich wie es nun werden würde. Die meisten Starter waren ja Halbmarathonläufer. Ich zog am Ziel vorbei und lief weiter und es war plötzlich sehr ruhig, denn ich sah deutlich weniger Läufer und vor allem war ich nun alleine. Bisher trug ich die Kopfhörer eher als Deko, daher wurde es nun Zeit sie zu benutzen. Ich stellte mir meine Podcasts an und keine Musik. Ich wollte mich einfach berieseln lassen.


Km 33 – Zweifel
Seit dem Halbmarathon wurde nahm der Anteil an Trailabschnitten erheblich zu und von der Natur her wurde es immer schöner. Wenn der erste Halbmarathon eher bergab ging, so war der zweite Halbmarathon von der gesamten Bilanz eher flach, trotz seiner vielen Höhenmeter. Ich lief einfach ein gutes und entspanntes Tempo für mich und blickte immer wieder nach links und rechts, um die Natur zu genießen. Neue Gesprächspartner fand ich nicht, außer an den Verpflegungspunkten. Einer dieser Punkte war bei Km 33. Ich weiß noch, dass hier der Moment meines Tiefs anfing.
Es war die berühmte Wand, gegen die ich gelaufen bin. Mein Körper wollte nicht mehr rhythmisch laufen und entsprechend anstrengend wurde es. Ich fragte mich, ob es nicht sinnvoller wäre nun beim Marathon auszusteigen. Schließlich konnte ich diese Option wahrnehmen und ein offizieller Finisher werden. Mittlerweile hatte ich das Gefühl bekommen an einem echten Traillauf teilzunehmen. Straßen gab es so gut wie fast keine mehr. Wenn wir mal eine Straße überquerten, so waren diese immer sehr gut gesichert. Es bestätigte mich in meiner Wahrnehmung bei einem wirklich gut organisierten Lauf zu sein. Die leichten Auf- und Abstiege wirkten wie Wellen auf mich. Keiner war wirklich schlimm, aber jeder war in dieser Phase für mich kräftezerrend. Dennoch versuchte ich das Beste aus der Situation zu machen. Ich zwang mich nach links und rechts zu schauen, denn es gab überall diese goldenen Herbsteindrücke, die mich ein stückweit für meine Mühen entlohnten.

Km 38 – Es läuft wieder
Mit jedem Kilometer dachte ich immer mehr nicht weiterzumachen. Die Verpflegungspunkte kamen alle 5km und so folgte der nächste zwischen Km 38 und 39. Hier wollte ich mich langsam entscheiden, ob ich nun mit dem Marathon aufhöre oder entsprechend doch, wie geplant, den Ultra laufe.
An diesem Verpflegungspunkt entschied ich mich grundlegend zu verpflegen. D.h. ich aß Banane, Salz, und trank ordentlich. Im Allgemeinen fühlte ich mich jetzt besser. Ich hatte mir vorher auch schon immer Zeit für Essen und Getränke genommen, doch irgendwie war es jetzt anders. Als ich los lief, fühlte ich mich direkt besser. Es fühlte sich wieder leicht an zu laufen. Nichts destotrotz bin ich erfahren genug, um zu wissen, dass sich das sehr schnell ändern kann. Daher wollte ich mich erst beim Marathonziel entscheiden, ob ich weiterlaufe.

Km 42,2 – Ein Marathon und eine Entscheidung
Ich lief weiter, durch die goldene Herbststimmung, vorbei an Bächen und wundervollen Schattenspielen. Wenn es einen perfekten Herbsttag gibt, dann war es dieser. Wirklich. Ich muss es einfach wiederholen. Diese Natur gab mir nun Kraft und ich merkte, wie ich mich danach sehnte den 3. Teil des Röntgenultras zu sehen, denn von den Eindrücken auf deren Webseite schien es der schönste Abschnitt zu sein. Ich lief in ein Freibad und da war das Schild: Ultra und Staffel links, Marathon rechts einsortieren. Eine Sekunde lang dachte ich nach und bog nach links, vorbei an den wartenden Staffelläufern, vorbei an einem Marathonfinisher, der seine Medaille bekam.


Ich war zudem einen Moment lang völlig irritiert, da ich über die Wiese des Freibades rennen musste, um zur Zielverpflegung des Marathons zu gelangen. Ich dachte erst, ich wäre falsch, doch vor dem Verpflegungsstand wiesen mich gelbe Pfeile nach draußen. Ich nahm mir Zeit, um mich in Ruhe zu verpflegen. Ach und all die leckeren Sachen, die dort in der Zielverpflegung lagen. Ich traute mich nicht sie zu probieren, hatte ich doch noch einen halben Marathon vor mir. Ich hätte gerne eine der legendären Marathonschnecken probiert. Ich hoffte, es gab eine für mich im Ultraziel. Nach einer Banane, etwas alternativen Obst und Elektrolyten lief ich raus. Ich lief an einem Finisher vorbei, der gerade zum Bus-Shuttle ging. Ich gratulierte ihm, er wünschte mir viel Spaß. Ich antwortete, dass es ja nur noch die Hälfte der bisher gelaufenen Strecke sei. Er lachte und meinte „Ach, dann seh‘ es doch lieber so: Es sind nur noch 2 lockere 10 km Runden.“ Ich sah auf die Uhr und berechnete im Kopf die verbleibende Zeit bis zum Cut-Off, der bei 9 Stunden lag. Ich hatte noch 4:50h für zwei lockere 10 km Runden. Alles war entspannt und ich hatte wieder meine Lauffreude gefunden. Gut so!

Km 44 – Der Berg!
Das letzte Drittel des Rennsteig-Ultras war der Gegensatz zum ersten Drittel: Es geht verstärkt bergauf. Ich stellte mich darauf ein, dass es nun sicher der langsamste Halbmarathon werden sollte. Was auch nicht schlimm war, denn ich wollte den Lauf nur genießen. Es war nur mental für mich wichtig, mich drauf einzustellen: 2,5 Stunden Spaß in der Natur! Das war nun mein Motto. Was sagte Thorsten während unseres Gespräches zu mir? Er lief ja 2015 den Ultra: Bei km 44 geht es steil bergauf. Da sollte ich unbedingt gehen. Also war ich in großer Erwartung, was mich erwarten würde.
Der Berg war knackig, jedoch nicht so schlimm wie erwartet. Nach einigen Treppenstufen hätte man diesen Berg laufen können. Ich hatte kein Nerv mich kaputt zu machen und ging ihn entspannt hinauf. Nach gut einem Kilometer war ich oben und es wurde wieder flach. An diesem Punkt, wechselte ich in den Laufmodus zurück.

Km 47 – Da holt sie mich ein
Bei km 47 kam die nächste Verpflegungsstelle und ich nahm mir wieder reichlich Zeit und siehe da: Katharina kam vorbei. Ich musste schmunzeln und konnte es mir nicht verkneifen zu sagen: „Siehst du, ich hatte recht. Du holst mich ein.“ Sie schaute mich etwas verwirrt an und meinte „Wieso bist du erst hier? Ich dachte du wärst weiter.“ Sie machte nur eine kurze Pause und lief noch vor mir vom Verpflegungsstand los. Ab hier wurde der Anteil an zu laufenden Straßen wieder mehr.

Km 53 – Kurz vorm …
Sehnsüchtig wartete ich auf den nächsten Verpflegungsstand, der endlich bei Km 53 kam. Ich hatte auf den letzten 6 km bemerkt, dass ich im flachen etwas schneller als Katharina war und sie dafür bergauf sehr stark unterwegs war. So wiederholte sich hier das Schauspiel, wie beim km 47 Verpflegungsstand. Ich lief vor ihr ein, machte eine ewig lange Pause und sie lief nach einer kurzen Pause dafür schneller wieder vor mir raus. In diesem Moment dachte ich, ich würde sie nicht mehr sehen, denn ich hatte einfach null Ambitionen mich zu stressen. Auf meiner Uhr sah ich auf dem GPX-Track noch einige Anstiege. Dies bestärkte mich, dass sie dort ihre Stärke ausspielen konnte und ich sie nicht mehr einholen würde.
GPX-Track? Ich hatte mir die Strecke und das Streckenprofil auf meine Uhr gezogen und lief danach. Die Organisatoren boten diesen Service an und ich konnte so immer genau sehen, wo ich war und was noch vor mir lag.
Ich nahm etwas zu trinken und einen letzten Happen Banane, den ich richtig in mich hinein zwingen musste. Ich merkte, wie ich nichts mehr essen konnte und beschloss bis ins Ziel auch nichts mehr zu essen. Mir wurde vom Essen schlecht, was ein ungutes Vorzeichen war. Vor hier waren es nur noch gute 10 km bis ins Ziel und das sollte ich ohne Essen aushalten können.

Km 57 – Anstoßen auf das Ende
Bei Km 57 gab es wieder einen wundervollen Waldabschnitt mit mehreren kleinen Seen. Ich hatte Katharina, zu meiner Überraschung eingeholt. Sie schien zu kämpfen. Ich versuchte sie zu etwas zu motivieren. Ob mir das gelang war für mich unklar. Ich merkte, wie ich mich freute, dass ich live mitbekam, wie sie ersten Ultra zu Ende lief. Auch wenn wir nicht direkt zusammen liefen, da wir uns regelmäßig überholten, tauschten wir immer 1-2 Sätze kurz aus. Ich hoffte nur, dass es sie nicht genervt hat.


Bei der letzten Verpflegungsstation wurde richtiges Bier ausgeschenkt. Sofort meinte ein anderer Läufer anstoßen zu wollen, doch musste leider ablehnen, da ich keines trinke und mag. Ich nahm mir einen Becher Elektrolyte, stieß damit an und lief direkt weiter. Ich konnte nichts mehr essen und es waren nur noch 4 km bis ins Ziel. Ich merkte, dass ich langsam genug hatte und den Lauf beenden wollte. Auch wenn ich wieder vor Katharina den letzten Verpflegungspunkt erreichte, dieses Mal liefen wir zeitgleich los.

Km 62 – Der letzte Anstieg
Beim letzten Anstieg wurde ich von Personen aus Unterdistanzen überholt. Was nicht schlimm war, aber ich war schon etwas neidisch, dass die so entspannt den letzten Anstieg hoch kamen. Ich hingegen blieb mir treu: Kein Stress mehr, nur noch entspannt ins Ziel kommen … außer vielleicht die letzten 500 m. Genau auf der Spitze des letzten Hügels, gute 800 m vor dem Ziel, holte mich ein letztes Mal Katharina ein. Ich sagte zu ihr, dass ich mich freue ihr gleich im Ziel zu gratulieren.
Ich lief los und als ein Zuschauer mir zurief, dass es nur noch wenige hundert Meter seien, entschied ich mich doch noch ein klein wenig Tempo zu machen. Es ging bergab, es war Asphalt, und ich konnte Gas geben! Ich drehte mich 1-2-mal um, ob Katharina sich mitziehen lässt. Wenn sie es gemacht hätte, hätte ich ihr den Vortritt im Ziel gelassen und nicht entgegen gesetzt sondern sie bejubelt. Das war mir sofort klar, doch kam sie nicht mit.

Km 63,3 – Ziel
Nach einem gerade Abschnitt ging es runter in eine Linkskurve. Dort waren überall Geländer aufgebaut und nach wenigen Metern ging es wieder nach rechts, wo nach 30 m das Ziel stand. Ich fing schon vor der Rechtskurve an zu jubeln. Was für ein toller Tag, was für ein toller Lauf, was für nette Menschen. Ich freute mich darüber und das ich genau das erlebt hatte, was ich mir gewünscht habe: Laufe einen Ultra/Marathon durch, entspannt und mit voller Freunde und Lust am Laufen. Der Bonus war, dass ich nette Menschen kennenlernen durfte.

Als ich im Ziel war und nicht mehr lief, freute ich mich weiter. Ich erhielt eine Medaille und bedankte mich bei den Helfern und einem Organisator. Danke auch an dieser Stelle dafür, dass ihr ein großartigen Job gemacht habt und ein sehr gutes Rennen auf die Beine gestellt habt.
Nachdem ich die Medaille hatte, drehte ich mich um und wartete auf Katharina. Ich schaute auf die offizielle Uhr am Ziel, denn soweit konnte sie nicht hinter mir sein. Dann lief sie ein, verlor kurz vor dem Ziel ihre Trinkflasche, als sie sich freute. Ich hob die Flasche auf, gab sie ihr und gratulierte ihr zu ihrem ersten Ultra! Fantastisch. Ich konnte mich noch sehr gut an meinen ersten Ultra erinnern, was ja nur gute 4,5 Monate her war.
Dann lief ein Herr ein, der ebenfalls sich als Ultra-Neuling offenbarte. Kollektiv wurde er bei einer Marathonschnecke beglückwünscht und unsere Gesprächsrunde hatte sich kurzfristig auf drei erweitert. Endlich hatte ich mir eine dieser Schnecken nebenbei ergattert. Sie waren wirklich gut. Wir verabschiedeten uns alle voneinander.
Danach ging ich duschen, zum Busshuttle und fuhr nach Hause mit einem sehr klarem Gedanken: Ich werde sicher wiederkommen. Danke Verena für diesen tollen Tipp! Danke an den unbekannten aus Solingen, Thorsten und auch Katharina. Ihr habt diesen Lauftag bereichert. Ich hoffe, wir sehen uns bald wieder!

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Transalpine-Run 2016 – Von Garmisch-Partenkirchen (Deutschland), über Österreich nach Brixen (Italien) – Teil 3 von 3

Was war bisher passiert? Eine Zusammenfassung der ersten fünf Etappen.
Die ersten beiden Tage verliefen für Juliane und mich weitestgehend nach Plan und ohne Zwischenfälle. Seit Tag 3 erhielten wir ein Adoptiv-Mitglied: Dominik. Er schloss sich uns an. Die dritte Etappe verschlechterte mein Gesundheitszustand, da mein Fußgelenk angeschlagen war, durch mehrmaliges Umknicken. Ab Tag 4 wurde es ebenfalls schwerer für Juliane, da ihre Knie Probleme machten. Ebenfalls erhielt ich einen Sonnenbrand der abartig schlimm war. Nur Dominik schien völlig immun gegen diese Wehwechen zu sein. Er lief bärenstark bei uns mit und gut durch. Mit der fünften Etappe betraten wir Italien und somit fehlten nur noch zwei Etappen bis zum Ziel in Brixen, Italien.

09. September 2016, Etappe 6: Passeiertal – Sarntheim

An diesem Morgen erwachte ich und war direkt sehr nervös. Wie immer in den letzten Tagen, war ich der erste beim Frühstück. An keinem anderen Tag, als an diesem war und wurde mir direkt bewusst, wie ich gefangen von meiner Anspannung war. Ich spürte wie viel Druck ich mir machte. Ich sah mir das Streckenprofil der sechsten und siebten Etappe an und sagte mir: Wenn du es heute schaffst, dann bist du so gut wie durch. Mir war klar, dass ich von außen betrachtet, sehr angespannt wirken musste. Ehrlich gesagt, habe ich mich selbst nicht wieder erkannt. Aber dieser sechste Tag machte mir auch klar, dass meine Nerven komplett blank lagen. Ich musste mich enorm zusammenreißen, um es mir nicht zu sehr anmerken zu lassen. Ich denke, dass ich diesem Anspruch nicht gerecht wurde und scheiterte. Ich gehe Rückblickend davon aus, dass alle meine Anspannung bemerkt hatten und wahrscheinlich es nicht verstanden. Mein Fußgelenk tat zwar nicht weh, aber es war völlig instabil. Ich hatte selbst beim normalen Gehen überhaupt keine Stabilität mehr. Das merkte ich daran, dass der Fuß einfach wabbelig war und ich nicht druckvoll auftreten konnte. Ich hatte keine Kraft und irgendwie schlackerte er von links nach rechts. Das ist jetzt nicht ganz richtig und völlig übertrieben, aber ich versuche es irgendwie in Worte zu fassen. Vielleicht wäre es besser gewesen, Juliane direkt einzuweihen, wie ich mich fühlte, aber ich entschied mich dagegen. Die Situation war schon vorbelastet, eben dadurch, dass ich die letzten Tage immer rumstresste wegen den Cut-Off Zeiten und ich wollte aus Rücksicht die Klappe halten. Ich wollte kein Mitleid und vor allem, wollte ich sie nicht noch länger damit nerven, wie ich mich fühlte. Die Zeit vom VP2 zum VP3 war einfach sehr knapp für meine körperlichen Verhältnisse bemessen und es sollte ein fast ausschließlich anspruchsvoller, technischer Downhill sein. Ich schlich am fünften Tag schon die Berge runter. Ich wusste, dass ich heute noch langsamer sein werde.
Bevor ich zum Shuttle ging, kümmerte ich mich noch um meinen Sonnenbrand auf meinen Armen. Das war wirklich nicht feierlich, denn diese waren einfach knall rot. Ich entschloss mich für einen zweifachen Schutz. Zuerst cremte ich die Arme mit Sonnenschutzfaktor 50 ein, was wirklich unangenehm war. Dann nahm ich Armlinge, die im „Goddie-Bag“ beilagen und von Gore gesponsert wurden. Die Naht der Armlinge brannte sich in meine Arme und es dauerte einige Minute bis der leichte Schmerz nachließ. Aber es musste so sein. Es sah scheiße aus, aber meine Haut war mir wichtiger.
Es gab mehrere Shuttles zum Startbereich und ich nahm den ersten, damit ich, wie immer, bei Uli mich rechtzeitig tapern lassen konnte. Mittlerweile fühlte ich mich alleine, was ganz klar auch an mir lag. Ich machte keine Witze und Sprüche mehr, sprach fast gar nicht mehr und distanzierte mich von immer mehr von anderen Leuten. Ich wollte niemanden nerven, denn es reichte, wenn ich mich schon mit meiner eigenen Art nervte.

Als ich beim Medi-Zelt ankam, gab es schon eine längere Schlange, obwohl es noch geschlossen war. Die Schlange vor dem Zelt wurde eh jeden Tag länger. Auch die Verletzungen wurden teilweise immer schlimmer. Vor mir war jemand mit einem gebrochenen Zeh. Einer der Sanitäter kam kurz vorbei und fragte einen Läufer „Na wie fühlst du dich heute?“ und dieser antwortete nur „Es ist hier nur noch eine Materialschlacht. Machen wir uns nichts vor.“ Ich musste bei der Äußerung schmunzeln, denn ich stimmte ihm zu. Als ich dran kam, guckte sich Uli meinen Fuß an und gab mir auch für den sechsten Tag grünes Licht zum Laufen. Ich stellte mich an den Startblock C und wartete auf Juliane und Dominik. Die Grundstimmung war an diesem Tag für mich eine ganz andere, als noch die Tage zuvor und dann ging es los.
Die Taktik änderte sich gefühlt nicht mehr. Wir standen vorne im Block C und wollten zügig raus. Schnell den Berg hoch und hoffen, dass das Zeitpolster nach VP2 ausreichte, um VP 3 zu erreichen. Der Weg zur VP 1 verlief nach Zeitplan. Wir holten knappe 50 Minuten heraus. Kurz nach der VP 1 waren wir über 2000 Hm und sollten nun auch für die nächsten 15 Km nicht mehr unter diese Höhenmarke fallen. Der flache Abschnitt zwischen VP 1 und VP 2, denn ich unbedingt laufen wollte, konnten wir nicht laufen. Wir waren wieder auf das B Feld beim Anstieg aufgelaufen und die Leute gingen weitestgehend. Dafür konnte ich nun die Aussichten genießen und diese waren phänomenal. Ihr müsst euch vorstellen, dass wir auf einem Höhenwanderweg liefen, der nur so breit war, dass man nicht einmal nebeneinander laufen konnte. Gespickt von Wurzeln und Steinen, musste man zudem sehr gut aufpassen. Wir hatten perfektes Wetter und es führte dazu, dass wir einen weiten, wundervollen Ausblick hatten. Es war, wie ich schon so oft sagte, einfach nur wow und machte mich immer wieder sprachlos.

Als wir VP 2 erreichten, hatten wir nur 58 Minuten Vorsprung vor dem Cut-Off und in meinem Kopf begann das Rechnen. Mir war klar, dass es sehr knapp werden könnte, sobald es wieder runter ging. Wir hatten abgesprochen, dass wir nur kurz an der VP 2 verweilen, um erst bei der VP 3 eine größere Pause einlegen wollten. Wir liefen zügig raus und es wurde direkt sehr steil, so steil, dass selbst die Profis diesen Anstieg bis auf 2650 m lediglich schnell gingen und nicht liefen.
Wir krochen hoch, immer im leichten Zick-Zack, immer höher in noch steinigeres Gefilde. Dominik hatte ein Tief und musste schwer kämpfen. Er wollte auch für sich sein und ließ sich etwas zurück fallen. Am Ende des steilen Anstieges kam nicht der erwartete Gipfel, sondern es wurde richtig interessant. Wir mussten nun klettern, gute 80 Höhenmeter. So zog ich mich Stück für Stück durch spitzes Gestein hoch bis wir endlich oben auf dem Gipfel ankamen. Auch wenn wir keine Zeit hatten, so wollten wir alle kurz durchatmen und die Aussicht genießen.


Nach wenigen Minuten stiegen wir ab und es wurde schlimmer als gedacht. Der Downhill war für mich eine riesige Katastrophe. Ich knickte etliche Male um. Ein dauerhafter Schmerz setzte sich im getaperten Fußgelenk ein, der auch nicht mehr wich. Getrieben vom Zeitdruck und all den Gefühlen, wollte ich nur weiter und irgendwie VP 3 erreichen. Entgegen jeder Vernunft der letzten Tage beschloss ich keine Pause einzulegen. Diese Kilometer bis zur VP 3 waren für mich die größte Qual. Ich war körperlich und vor allem Mental komplett an meiner Grenze. Juliane blieb immer wieder stehen und schrie mir zu „Sieh doch Daniel, wir haben noch genügend Zeit um Bilder zu machen.“ Ich hatte ihr nicht erklärt, wie ich mich fühlte und wie es mir ging, aber solche Beruhigungen halfen mir gerade überhaupt nicht. Im Gegenteil, sie machten alles schlimmer. Körperlich fühlte ich mittlerweile eine tiefe Erschöpfung wie noch nicht zuvor an einem der vorigen Tage. Ich spürte aufkommende Krämpfe, Ermüdung und den inneren Drang stehen zu bleiben und einfach aufzuhören. Die leichten Anstiege zwischendurch führten immer wieder zu einem Brennen in meinen Beinmuskeln. Alles in mir stellte sich quer, alles wollte nicht mehr. Ich sagte den anderen, dass sie bitte nicht mehr auf mich warten sollten und einfach die Cut-Off mitnehmen sollten, für den Fall, dass ich es nicht mehr schaffe. Ich war sehr langsam und wir verloren immer mehr Zeit und die 58 min Vorsprung schmolzen dahin. Auf dem halben Weg zur VP 3 waren wir nur noch knappe 35 Minuten vor dem Cut-Off. Sprich, wir hatten knapp die Hälfte unseres Polsters auf dem halben Weg eingebüßt.



Doch Juliane und Dominik blieben bei mir. Juliane und ich gerieten verbal sehr aneinander und stritten uns lautstark. Joschi, ein Bruder von Dominik, war zufälligerweise bei uns und beruhigte die Situation mit klaren Worten: „Streiten könnt ihr euch im Ziel. Beruhigt euch und kommt mal runter.“ Dominik hingegen verhielt sich genau richtig für mich und sorgte mit seiner natürlichen Art dafür, dass ich mich nach weiteren 3 km wieder fangen konnte. Wie ich schrieb, lagen meine Nerven komplett blank und ich ahnte schon, dass ich an diesem Tag es sehr schwer haben würde, mich unter Kontrolle zu halten. Welche Art Dominik hatte, damit ich mich wieder fangen konnte? Das bleibt unter jenen, die Anwesend waren. Auf jeden Fall war ich der Zweite in unserer Gruppe, nach Dominik, mit einem Tiefpunkt an diesem Tag. Ich stabilisierte mich. Der Kopf spielte langsam wieder mit und sagte: Jetzt komm runter und bring es nach Hause! Das Brennen in den Beinmuskeln ließ langsam nach und der Schmerz im Fußgelenk legte sich langsam. Es war, als wäre irgendein Knoten geplatzt.
Zwischendurch trafen wir die Frau wieder, die in am Ende der 5. Etappe einen Meter hinter mir stürzte. Sie hatte also nicht aufgegeben und lief noch weiter. Es gab den Verdacht auf einen Bruch in der Hand. Sie entschied sich sofort in Brixen ein Krankenhaus aufzusuchen und irgendwie es bis dorthin auszuhalten.
Dann endlich sah ich in der Ferne VP 3, auch wenn noch ein kleiner Downhill vor uns lag. Ich eilte so schnell ich konnte hinter den anderen her. Der Weg war abschüssig mit Pflastersteinen mit einer Neigung von sicher mehr als 20%. Wegen meines Fußes musste ich deswegen höllisch aufpassen.

Und dann, oh mein Gott, ENDLICH liefen wir über die Zeitmatte und erreichten den letzten VP vor dem Ziel mit knapp 25 Minuten Vorsprung vor dem Cut-Off. Wir hatten es geschafft. Wir nahmen uns sicher knapp 10 Minuten Zeit und aßen ordentlich, tranken ordentlich und liefen entspannter weiter. Am Ausgang der VP 3 war einer der Ärzte und guckte sich jede Läuferin und jeden Läufer sehr genau an. Wir schnackten kurz mit ihm und zogen weiter. Kurz danach entschuldigte ich mich für das Drama und das meine Nerven blank lagen. Der Abschnitt nach der VP 3 war eher flach und dadurch, dass ich mich langsam wieder fing, entspannte sich auch die Atmosphäre im gesamten Team. Ich spürte eine unfassbare Erleichterung in mir und es wurde mir zum ersten Mal bewusst, dass wir gemeinsam den Transalpine-Run schaffen könnten.


Doch der Weg von der VP 3 bis ins Ziel sollte sich etwas Ziehen. Zwar liefen wir nun vermehrt in einem Wald und hatten meist gute Forstwege unter den Füßen, jedoch hatte jetzt Juliane ihren Tiefpunkt. Beim letzten Downhill des Tages, kurz vor dem Ziel, versagten Ihre Knie und sie hatte sehr zu kämpfen. Somit hatte jeder bei uns im Team während der sechsten Etappe seinen Tiefpunkt. Dominik und ich liefen wieder etwas vor und warteten immer wieder auf sie. Wie am vierten Tag, wollte sie nun etwas Ruhe für sich haben und es einfach irgendwie ertragen.

Am Ende schafften wir erfolgreich die Etappe mit 33,6 km nach gut 7:48h. Ich erinnere mich, wie wir zu dritt einliefen und Steph, die Kamerafrau und kleine Trösterin, erst Juliane interviewte und dann sogar mich. Ich habe versucht kurz zu erläutern was in mir vorging. Wir gingen in den Verpflegungsbereich, wo es eine der leckersten Wassermelonen in meinem Leben gab und einen extrem guten Käse. Glaubt mir, ich habe so unfassbar viel gegessen. Danach ging ich zum Info-Stand von PlanB, um zu erfahren, wie wir ins Hotel kommen konnten. Neben mir standen zwei Frauen, die vor mir dran kamen. Sie schmissen ihre Nummern auf den Tisch und sagten: Wir wollen den Transponder-Chip abgeben. Wir wollen nicht mehr. Wir können nicht mehr. Wir haben keine Lust mehr und beenden den Lauf hier und jetzt. Sie erhielten den Pfand zurück, sowie die Startnummer, jedoch ohne Transponder und gingen wortlos weg. Ich war völlig sprachlos, aber es gab wohl Teams, die selbst nach sechs erfolgreichen Etappen aufgaben.
Danach ging es weiter ins Hotel mit dem Shuttle, der auch in Sarntheim gut funktionierte, wenn auch mit etwas Wartezeit. Im Hotel angekommen, bemerkten wir, dass wir mit Dominik und seiner gesamten Familie in einem Hotel waren. Ich war hellauf begeistert über diesen Umstand. Da wir heute sehr spät und sehr knapp ins Ziel kamen, blieb bis zur Pasta-Party kaum mehr Zeit als für eine kurze Dusche. Das Wasser brannte immer noch leicht auf meinen Armen, aber es war nicht mehr ganz so schlimm wie am Vortag im Passeiertal. Puh! Eincremen und Armlinge haben wirklich etwas gebracht.
Bei dem Streckenbriefing wurden eine Änderung bekannt geben. Der letzte von zwei Gipfeln auf der siebten Etappe wurde nur umlaufen, jedoch nicht bestiegen. Der Grund war, dass es eine Gewitterwarnung gab und daher man zum Schutz den Gipfel meiden wollte. Das bedeutete für uns knapp 200 Höhenmeter weniger, jedoch 1-2 km mehr zum Laufen. Dadurch musste auch die VP 3 zu einem tieferen Punkt verlegt werden und der war noch weiter entfernt. Zwischen VP 2 und VP 3 lagen nun fast 17 km, also fast die halbe Distanz des morgigen Tages. Das könnte hart werden.
Nach eben jener Pasta-Party und dem Streckenbriefing setzten wir uns noch in die Hotel-Lobby, um mit Dominik und seinen Brüdern zu quatschen. Auch Sandra, von den Asics Frontrunntern saß mit dabei. Bei dem Gespräch mit ihr und den anderen bemerkte ich, wie viel hundertfach entspannter ich gegenüber dem Morgen war. Sandra hatte wohl auch bemerkt, dass ich sehr angespannt war und ich erklärte mich ihr mit wenigen Worten. Ich fühlte mich das erste Mal seit längerem richtig gut und im Einklang mit mir. Natürlich musste die letzte Etappe erst erfolgreich gelaufen werden, doch ich war voller Zuversicht. Als wir alle Zusammensaßen besprachen wir die Taktik für den Morgen. Die Taktik für den letzten Tag war dieselbe, wie an den Tagen davor auch: Hohes Tempo beim Anstieg und versuchen schnell nach VP 3 zu kommen und hoffen den Cut-Off zu meistern. Von Dominiks Brüdern waren noch Joschi und Benjamin in der Lobby. Wir quatschen über zukünftige Läufe und Projekte. Es war schön einfach entspannt sich zu unterhalten und nicht an den Transalpine-Run zu denken. Was mich abschließend an diesem Tag beeindruckte, war der Umstand, dass Dominik nach der Pasta-Party sich noch eine Pizza bestellte und sie komplett aufessen konnte. Ich hätte das niemals geschafft und war tief beeindruckt.
Am Abend erfuhr ich, dass nur noch ungefähr 200 Teams im Rennen sind. Jeder Dritte war schon ausgeschieden. Unglaublich. Ich erinnerte mich an den Start der ersten Etappe und an meinen Blick durch die Menge der Starter. Jeder Dritte kam wirklich nicht einmal bis nach Sarntheim. Mich stimmte dies nachdenklich. Ich ging darauf hin ins Bett und beendete diesen Tag.

10. September 2016, Etappe 7: Sarntheim – Brixen
Ich stand auf und entdeckte, dass mein linkes Fußgelenk geschwollen war. Verdammt, dass sah wirklich übel aus. Ich seufzte und war gespannt, was Uli dazu heute sagen würde. An diesem Morgen, war das Ankleiden, wie ein kleines Ritual. Wie am ersten Tag, zog ich am letzten Tag mein Vereinstrikot an. Ich hatte genau zwei eingepackt, für genau diesen Zweck. Diese letzte Etappe wollte ich meinem Verein widmen, dem TV Löhne-Bahnhof e.V..
Ich ging zum Frühstück und war diesmal nicht der erste. Als ich mit dem Essen fertig war, ging ich an den Tisch zu Dominik und seiner Familie. Als ich hörte, dass einige von Ihnen vorher zum Arzt oder zum Physiotherapeuten mussten, fragte ich, ob sie einen Platz im Auto frei hätten, da ich auch zum Arzt müsste. Ich war froh, dass sie das bejahten. Der Shuttle in Sarntheim fuhr so spät, dass es knapp geworden wäre, vorher noch zu Uli zu gehen. Sogar Dominik, der für mich unverwundbare, musste sich beim Physiotherapeuten sich tapern lassen. Ich vermutete, dass nun so langsam fast jeder sein Päckchen zu tragen hatte.
Als ich bei Uli saß, zeigte ich ihm das Gelenk und meinte „Na, wie sieht es aus? Darf ich noch einmal? Heute ist es geschwollen, ich bin Gestern sehr oft umgeknickt.“ Er atmete schwer und tastete alles ab. Am Ende sagte er: „Heute wird es wohl noch mal gehen.“ Ich glaube, jede andere Antwort hätte ich auch ignoriert und missachtet. 36 km vor dem Ziel hätte ich nicht mehr aufgegeben. Aber mit dem Segen von ihm, fühlte ich mich auf jeden Fall besser. Ich lächelte nach der Antwort und er lächelte zurück und ergänzte: „Wenn du wieder zu Hause bist, solltest du es unbedingt kontrollieren lassen.“ Ich stimmte dem zu (Was ich unmittelbar getan habe!). Als er fertig war, sagte ich: „Vielen Dank Uli. Für alles.“ Er nickte, wünschte mir alles Gute für die letzte Etappe und wir verabschiedeten uns voneinander.
Ich verließ das Medi-Zelt zum letzten Mal. Ich holte Dominik bei den Physiotherapeuten ab. Er ließ sich das Sprunggelenk tapern, da es etwas gelitten hatte. Juliane kam nicht und so stellten sich Dominik und ich uns schon einmal in den Block C, da es nur noch wenige Minuten bis zum Start waren. Plötzlich tauchte neben uns Cindy und Geo auf. Sie hatten es bis hier hin geschafft. Es war immer noch sehr eng für sie. Den VP 3 der 6. Etappe hatten sie nur um sehr wenige Minuten gerade noch so erreicht. Heute wollten sie sich vorne reinstellen, um gleich schnell rauszulaufen. Irgendwie kam mir diese Strategie bekannt vor. Wirklich sehr knapp vor dem Startschuss kam Juliane und musste sich erst durch den Checkin kämpfen und dann durch den gesamten Startblock, da wir sehr weit vorne standen und der Block komplett gefüllt war. Und dann fiel der Startschuss. Auf geht es nach Brixen und die letzte 36 km lange Etappe. Wahrscheinlich ist in acht Stunden alles vorbei.

Wir liefen leicht bergauf bis wir von einer Straße links abbogen und direkt auf einem Single-Trail waren. Da alle Blöcke gleichzeitig gestartet waren, führte dies sofort zum Stillstand. Wir standen wirklich und mussten warten. Dann kam eine schmale Treppe und nach der Treppe konnten wir endlich weiterlaufen. Ich weiß noch, dass ich kurz danach während des Laufens meinen Rucksack runter nahm und noch im Laufen mir ein Blasenpflaster aus dem Rucksack holte. Als ich eines hatte, setzte ich mich hin, zog mein Schuh aus und klebte mir das Pflaster an den großen Zeh. Ich spürte einen wunden Punkt und ich wollte nicht, dass es jetzt noch schlimmer wird. Juliane lief während dessen weiter. Sie hatte gar nicht bemerkt, dass ich weg war und Dominik war noch hinter uns, da er beim Stau irgendwie noch stärker geblockt wurde. Diese Aktion führte am Ende jedoch dazu, dass Juliane zurück zu mir lief und Dominik wieder aufschloss. So liefen wir wieder zu dritt weiter.

Der Weg bis zur ersten VP war vergleichbar mit dem Hermannslauf. Mal ging es leicht hoch und runter. Wir liefen auf guten, breiten Forstwegen und konnten ein hohes Tempo im Verhältnis zur Cut-Off Zeit laufen. Mit knapp 55 Minuten Vorsprung zum Cut-Off erreichten wir die Verpflegungsstelle 1. Landschaftlich war es im Grunde ein Waldlauf mit schönen Ausblicken ins Tal.
Auf dem Weg zum VP2 wurde es landschaftlich abwechslungsreicher. Bäche, Singletrails, Steinformationen wechselten sich ab und boten ein alpineres Bild. Was mir auf jeden Fall in Erinnerung bleibt ist der Moment, als ich mit nur einem Meter Abstand hinter einer Kuh gehen musste, weil sie den Singletrail komplett ausfüllte. Sie ließ sich eine Menge Zeit und es staute sich sehr stark hinter mir. Die Leute riefen, und versuchten die Kuh zu scheuchen, aber der Kuh war alles egal. Das Scheuchen erklang in unterschiedlichsten Sprachen. Ich hörte deutsch, englisch und spanisch und italienisch. Als der Singletrail einmal kurz breiter wurde, stellte sich die Kuh an die Seite und wir konnten alle passieren. Dennoch dauerte die Aktion sicherlich gute 5 Minuten und führte bei allen zur Erheiterung, Gelächter und einer unvergesslichen Anekdote.


Nach einer kurzen Fotosession und mit knapp 1:25h Vorsprung erreichten wir die VP2. Auf Grund der Streckenänderung sollten wir nun fast 17km keine Verpflegungsstation mehr haben. Ich füllte reichlich meine Vorräte auf und wir liefen nach einer Runde Suppe, Nüssen und Obst weiter.
Jetzt ging es weiter bergauf zum höchsten Punkt des Tages auf knapp 2450m. Dort standen die pinken Puschel Mädels und Jungs und feuerten uns an. Ich weiß, dass ich es nicht zeigen konnte, wie froh und happy ich war sie zu sehen. Das geht an euch: Danke für euren Beistand an jedem der sieben Tage!

Nach dem Anstieg wurde der darauf folgende Abstieg technisch anspruchsvoll. Ich war wie immer sehr, sehr langsam, aber es ging mir gut. Ich versuchte mich auf das wesentliche zu konzentrieren und das war: Komm heile an, bzw. mach nicht alles kaputter. Ich knickte das eine oder andere Mal um, doch es war nicht vergleichbar mit den beiden Tagen zuvor.



Als es flacher wurde, konnte ich mein Tempo wieder hochfahren. Zwischendurch kamen wir an einer Hütte vorbei, bei der wir einen kurzen Stop einlegten für eine Klopause. An der Hütte erfuhren wir, dass wohl angeblich die Cut-Off Zeiten für VP 3 und das Ziel aufgehoben wurden. Wer VP 2 erfolgreich passierte, durfte den Lauf beenden. Danach ging es weiter. Wir konnten erneut gut laufen. Dominik eilte zwischendurch vor. Er wollte sich noch einmal richtig auspowern. Leider übertrieb er es etwas. Als wir ihn einholten, meinte er, dass er es doch ein ticken zu schnell angegangen war. Kurz danach erreichten wir ein handgeschriebenes Schild:
<- 237 km Garmisch-Partenkirchen | Brixen 10 km ->
Wir hielten kurz inne und wir machten Fotos. In dem Moment stand ich zum ersten Mal den Tränen nah. Soweit bin ich also schon gekommen? Ich weiß nicht, ob es den anderen beiden auch so ging. Wir liefen weiter. Ich bekam langsam immer mehr Durst und hatte kein Wasser und keine Elektrolyte mehr. Meine knapp 1,8 l sollten für mich nicht reichen. Verdammt!
Wir liefen erst einmal weiter. Es waren noch knappe 3 km bis zum letzten Abstieg. Der Abstieg sollte die gesamten letzten sieben km bis ins Ziel und knapp 1400 Höhenmeter Abstieg bedeuten. Ich hörte im Vorfeld schon, dass dieser Abstieg es noch einmal wirklich in sich haben sollte. Mein Fußgelenk freute sich nicht. Julianes Knie freute sich nicht und Dominiks Sprunggelenk freute sich nicht.
Kurz vor dem Abstieg überholten uns Cindy und Geo. Sie wirkten sehr fokussiert und wollten den Lauf nur noch beenden, irgendwie. Als der Abstieg anfing, überholten wir die Dame, die an Tag 5 kurz hinter mir gestürzt war. Ihre Hand sah immer schlimmer aus, aber sie biss die Zähne zusammen und wollte nur noch ins Ziel. Wir unterhielten uns kurz und verabschiedeten uns voneinander.
Der Anfang des Abstiegs war für mich brutal. Es war ein Singletrail mit sehr großen Steinen, die wie große Treppenstufen wirkten. Es war nur alles sehr uneben. Zudem hörten wir in der Ferne ein grollen von Donner und der Himmel zog langsam zu. Ich stieg übervorsichtig ab, indem ich die Stöcker vor mich hielt, abstützte und dann die Füße langsam und mit Bedacht nachzog. Als wir unter der Baumgrenze waren, gab es Waldwege und Forstwege. Dort konnte ich wieder besser laufen, jedoch wurde es für Juliane schwieriger. Dominik zapfte eine natürliche Wasserquelle an und besorgte mir so frisches Wasser, denn ich hatte mittlerweile sehr viel Durst. Einen halben Liter später ging es mir deutlich besser.

Nach gut 20 weiteren Minuten erreichten wir die VP 3. Dort angekommen, bestätigten sie offiziell, dass was uns einige Läufer_innen auf der Strecke schon sagten: An VP 3 und im Ziel gibt es kein Cut-Off mehr. Jeder der bis hier hinkam, durfte ins Ziel und sollte offiziell gewertet werden. Dennoch wollte ich nun keine Stunde hier Pause machen, sondern im Ziel, weinen, freuen, duschen und feiern. Genau in dieser Reihenfolge! Wir machten zwar eine ausgiebige Pause, doch da wir alle ins Ziel wollten, liefen wir nach einigen Minuten entspannt los.
Knappe 5 km lagen vor uns, die aus Wiesen, Waldwegen, Forstwegen und Straßen bestand. Wir nutzten die Zeit zum Reden. Wir waren einer Meinung, dass wir zum einen froh waren, dass der Lauf gleich zu Ende ist. Auf der anderen Seite waren wir traurig, dass eben der Lauf gleich vorbei ist. In uns dreien gab es viele gemischte Gefühle.
Bei dem noch 1 km Schild gingen wir, obwohl es nur sehr leicht bergab ging und Asphalt war. Es war Ideal zum Laufen. Ich bemühte mich die anderen zu motivieren, zumindest den letzten Kilometer zu laufen. Wir hatten alle Schmerzen und wir waren alle fertig, aber es war der letzte, wundervolle Kilometer! 1000 m und damit ungefähr nur noch 500 Schritte pro Bein. Die anderen knirschten mit den Zähnen, schmunzelten und liefen los.



Und so liefen wir die Straße runter, gefolgt von einer Unterführung. Diese führte uns direkt in die Innenstadt von Brixen, wo das Ziel lag. Und dann kam dieser eine besondere Moment. Nach 7:22h liefen wir über die Ziellinie. Wir umarmten uns, wir freuten uns. Die Familie von Dominik kam vorbei und beglückwünschte uns. Viele Kameras fotografierten uns und der Moderator erzählte etwas über uns. Wir erhielten, wie jeder der diese Etappe lief, die Finisher-Medaille. Was für ein Moment. Es war unser Moment. Es bleibt unser Moment. Unvergesslich. Ewig.

10. September 2016 – Die Party
Auf dem Weg zum Hotel traf ich noch Geo. Er berichtete, dass Cindy und er es geschafft haben. Ich freute mich und wir gratulierten uns gegenseitig. Im Hotel angekommen legte ich erst einmal alles ab und atmete tief durch und las den letzten Brief. Letzen Brief? Ja, dazu komme ich gleich in der Danksagung. Doch ich musste erst diesen „letzten Brief“ lesen, bevor ich duschen ging. Als Juliane und ich etwas geruht hatten und frischer dufteten als noch im Ziel, gingen wir zur After-Party, wo es die Finisher-Shirts für alle offiziellen Finisher gab.

Dabei passierten wir den Platz, wo die Ziellinie stand, denn es wurde schon kräftig abgebaut. Kurz danach lief mir Uli über den Weg, bei dem ich mich noch einmal herzlich bedanke für seine Hilfe und bei Karsten. Ach ich bedankte mich bei so einigen Personen und ich war einfach nur glücklich. Es gab für mich als Vegetarier sehr leckeren Käse zum Abendessen und die nicht Vegetarier bekamen ein gebratenes Hühnchen. Ich kann nur sagen: Der Käse war super! Es folgten die Siegerehrungen und die Auszeichnungen. Nach diesem feierlichen Akt begann die Finisher-Shirt-Übergabe. Jeder wurde namentlich aufgerufen. Juliane und ich gingen hin und erhielten unsere Shirts. Wir machten zu zweit Fotos und wir machten danach mit Dominik Fotos zu dritt.


Nachdem alle ihr Shirt erhielten, tanzten wir auf der Bühne für ein riesiges Gruppenfoto. Danach stießen alle an, tanzten, feierten, redeten, freuten sich über den Erfolg und trauerten über jene, die es nicht schafften.
Und „irgendwann“ (*zwincker*) ging ich zurück zum Hotel, ohne Juliane, die noch länger feiern wollte. Ich war ziemlich durch und sehnte mich nach einem Bett. Auf den Rückweg traf ich noch Steph sowie einige Frontrunnter an einem Café und setzte mich kurz dazu. Wir quatschten ein wenig und später, als der Eigentümer des Cafés darauf hinwies, dass er eigentlich schon zu hätte, beschlossen die anderen weiter zu ziehen. Ich hingegen ging in mein Bett.

11. September 2016 – Epilog
Am nächsten Morgen hörte ich, dass die Gruppe, die weiter gezogen war, eine tolle Nacht verlebt hatte. Sie wurden vom dem Eigentümer des Cafés sogar begleitet. Sowas kann ich mir in Deutschland einfach nicht vorstellen.
Nach dem Frühstück gingen wir alle getrennte Wege. Ich ging zum Bahnhof, jetzt mit meinen beiden Reisetaschen. Ich fuhr mit dem Zug nach Hause. Zum Glück musste ich nur zweimal Umsteigen (München und Hannover). In den knapp 10 Stunden Zugfahrt schlief ich sehr viel, denn ich war total erledigt. Zum Glück hatte ich noch Urlaub und nutzte diese Tage nach der Ankunft zum Schlafen. Erst zu Hause empfand ich eine tiefe Erschöpfung. Es faszinierte mich, wie sehr ich unter Strom gestanden haben muss und wie sehr mich das gepusht hatte. Ich war über mich selbst erstaunt.
Es folgten Wochen der stetigen Aufarbeitung von Gefühlen, Erinnerungen und Selbsterkenntnissen. Dieser Prozess ist bis heute nicht abgeschlossen und beschäftigt mich immer mal wieder. Die Resultate dieses Prozess werde ich hier nicht notieren. Nur soviel: Der Lauf hat mich charakterlich verändert, nachhaltig. Es kann sein, dass ich irgendwann den TAR noch einmal laufe, aber ich weiß es noch nicht. Jetzt kommen erst einmal andere Laufprojekte.

Danksagungen (sind immer sehr wichtig!)
Zu allererst möchte ich dem Mensch danken, der Schuld für diese Aufteilung des Blogartikels hat: Katja. Sie schrieb mir einen großen Brief, den ich am Vorabend der ersten Etappe öffnen durfte. Er enthielt drei weitere kleinere Briefe, die ich nach der 2., 5. und 7. Etappe öffnen durfte.

Ich möchte ihr für so vieles danken. Fangen wir mal mit den Briefen an. Für mich war es immer eine große Freude die Briefe zu öffnen und zu lesen. Es war hart nicht vorher als erlaubt sie zu öffnen. Doch umso erstaunter war ich, dass sie immer die richtigen Worte fand. Das hat mir verdammt viel bedeutet und war ein großer Halt. Das ständige Warten vor dem Monitor und das Mitfiebern möchte ich an dieser Stelle ebenfalls erwähnen. Am meisten muss ich ihr für das Verständnis danken, dass sie aufgebracht hat, damit ich soviel trainiere konnte, um eine Woche durch die Alpen zu laufen. Sie musste dafür viel auf mich verzichten. Ohne ihre große Unterstützung wäre es ein ganz anderer Transalpine-Lauf geworden.
Als zweites möchte ich Juliane danken, dass sie stets meine Macken und Kanten akzeptiert und immer noch mit mir laufen möchte. Ich bin froh, dass wir das gemeinsam erlebt haben und teilen können. Danke, dass du solch verrückte Ideen mitmachst!
Dann möchte ich der WhatsApp-Support Gruppe danken, insbesondere Ariane, die dort mit Katja eine Art Live Ticker daraus gemacht haben. Der Zuspruch, die lieben Worten, dass Daumen drücken von meiner Familie und Freunden waren immer gut, etwas wunderbares und hat mir sehr geholfen. Ich hoffe, euch haben die Bilder, Eindrücke gut gefallen und ein wenig unterhalten.
Ich möchte der Familie Klöppel, insbesondere Dominik danken, die immer aufmunternde und unterstützende Worte fanden. Dafür, dass ich ihre Bilder hier verwenden und einbetten durfte und ich freue mich auf ein Wiedersehen. Es war schön euch kennen lernen zu dürfen!
Ich möchte auch Steph dafür danken, dass sie an manchen Tagen mit den richtigen Worten meine Stimmung aufhellen ließ. Danke!
Auch möchte ich den Asics Frontrunnern danken, dafür dass sie mich freundlich aufgenommen haben und für einige wirklich gute Gespräche.
Ich möchte meinen Verein danken, der immer einen guten Ratschlag hat, ein paar liebe Worte und ein offenes Ohr. Danke für alles, für all die Jahre!
Ich kann nicht jeden einzelnen namentlich aufführen, daher wenn du dich angesprochen fühlst und bisher nicht hier stehst: Ich habe euch nicht vergessen und danke für eure Untersützung und Anteilnahme!
Und abschließend freue ich mich darüber, dass DU, liebe/r Leser_in, es bis hier hin geschafft hast. Der Blog ist sehr lang und ihn bis hierhin zu lesen, war hoffentlich kurzweilig.
Wenn man den Transalpine-Run läuft, ist eines sicher: Ich war nie alleine und das ist ein verdammt schönes Gefühl!

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Transalpine-Run 2016 – Von Garmisch-Partenkirchen (Deutschland), über Österreich nach Brixen (Italien) – Teil 2 von 3

Transalpine-Run 2016 – Von Garmisch-Partenkirchen (Deutschland), über Österreich nach Brixen (Italien) – Teil 2 von 3

Was bisher geschah?
Juliane und ich liefen recht gut die ersten beiden Etappen in insgesamt knapp 13 Stunden durch. Bisher kamen wir nicht einmal über die magische 2000 m Höhengrenze. Die Stimmung war gut und die Eindrücke der Natur waren gerade am Anfang der auf der zweiten Etappe wunderschön. Nun stand die dritte Etappe an, die gleichzeitig die Königsetappe mit ca. 50 km und 3000 Hm vor uns lag. Weiter geht es mit meinem Bericht über den Transalpine-Run 2016. Im zweiten Teil geht es um die Etappen 3, 4 und 5.

6. September 2016, Etappe 3: Imst – Mandarfen
Es war der Tag der Königsetappe. Der Start war um 7 Uhr und wir hatten bis 19 Uhr Zeit, also knapp 12 Stunden. Zum Glück gab in unserem Hotel in Imst schon am Vorabend das Frühstück: Zwei belegte Brote mit einem Apfel und einer wunderschönen weißen Plastiktüte, die würdevoll unserer der Türklinke hing. Perfekt für eine Königsetappe. Aber im Ernst, ich glaube mehr bekam ich sowieso an Essen nicht runter. Umso besser, dass wir es auf dem Weg zum Start im Shuttel essen konnten. Wir stellten uns um 5:35 an die Bushaltestelle und warteten auf das Shuttle zum Start.
Dort standen natürlich mehrere Läufer_innen. Eine unter ihnen, trug eine Art Supergirl-Kostüm, mit einem Cape und wirkte gut gelaunt. Sie berichtete, dass sie bei ihrem ersten Transalpine-Run eine andere Läuferin in einem solchem Kostüm auf der Königsetappe sah. Sie war froh über die Aufmunterung durch diese fremde Läuferin, die die bevorstehende Herausforderung mit Humor und guter Laune überdeckte. Sie beschloss es bei einer oder mehrerer Wiederholungen ihr gleich zu tun. Daher stand sie da nun, gut gelaunt in einem Superheldinnen-Kostüm, um die Königsetappe zu meistern. Es erhellte mein Gemüt und ich fühlte mich besser, entspannter und war sehr froh über ihre Anwesenheit an diesem Morgen.
Das Shuttel kam pünktlich um 5:45 Uhr. Somit waren wir gegen 6 Uhr beim Start und konnten nun noch entspannt Taschen abgeben, das Klo besuchen und mit Leuten quatschen. Heute gab es drei Blöcke, wo wir jedoch alle zusammen starteten. Wir waren im dritten Block: C. Als wir eingecheckt hatten, freuten wir uns über die Tatsache, dass wir hier stehen dürften und konnten. Ein halber Tag Spaß, das erste Mal über 2000 Hm und das Pitztal soll sehr schön sein. Ich sagte zu mir, dass alles gut gehen wird und wir sicher heile in Mandarfen nach knapp 48 Km ankommen würden, so zumindest die offizielle Angabe. Es war bewölkt, aber man sagte uns beim Briefing, dass es schnell aufklaren sollte. Ich spekulierte mit einer Laufzeit von ungefähr 10 Stunden, gemessen an dem Scott Rock The Top, wo ich ungefähr 10 Stunden brauchte mit weniger Kilometern aber mehr Höhenmetern.

Peng. Der Startschuss. Wir liefen erst einmal auf Asphalt knapp 4 km leicht bergab. Am Ende der Straße war eine Bahnschranke, welche fast alle aufhielt. Daher staute sich das Feld wieder. Beim Briefing am Vorabend sagten sie uns, dass sie uns 10 Minuten auf die Cut-Off Zeiten hinzu addieren, sofern die Bahnschranke uns aufhält. Gut, alle erhielten nun wohl die 10 Minuten. Als wir ankamen, ging die Schranke auf und wir konnten weiter. Jedoch ging es nun bergauf. Das allgemeine Laufen wurde zu einem allgemeinen Wandern. Erst ging es noch wenige hundert Meter auf einer Straße bergauf und dann ging es sofort auf einen Singletrail in den Wald. Wo es sich jedoch leider so staute, dass wir mehrmals länger stehen bleiben mussten und warten durften.
Nach dem Singletrailabschnitt, konnten wir wieder sehr gut laufen. Die ersten 20 km waren insgesamt zügig zu laufen und genau das war unsere Tagestaktik. Wir wollten direkt sehr viel Zeit gut machen, bevor wir in den harten, technisch sehr anspruchsvollen zweiten Teil der Strecke gehen durften. Doch bevor wir zum Km 20 kommen, lasst uns erst einmal zu Km 7 gehen. Wir trafen andere Läufer wieder, wie Sebastian mit denen wir uns ein wenig unterhielten. Auch fiel mir schon bei Kilometer 5 oder 6 ein junger Läufer auf, welcher immer vor sprintete und filmte. Er sah aus, wie ein kleiner Bodybuilder. Ich fragte mich, wie es dazu kam, dass ein so junger, so muskulöser Typ hier mitlief? Er sah so untypisch für einen Ultraläufer aus. Er lief scheinbar alleine, denn ich sah keinen Partner, bzw. keine Partnerin. Das musste aber nichts heißen.
Als wir an die VP 1 (Verpflegungspunkt 1) nach gut 10,1 km ankamen, musste ich erst einmal zu den Sanitätern. Ich hatte mir die inneren Oberschenkel wund gelaufen. Sie gaben mir Puder und dies sollte es richten. Der eine Sanitäter sagte mir noch, dass ich bloß keine Zinksalbe mehr nehmen dürfte. Das würde es nur schlimmer machen. Ich nahm Zinksalbe, weil ich schon an Tag 2 mir die Oberschenkel wund gelaufen hatte. Ich betete innerlich, dass es wirklich zu einer Heilung kam, denn knappe 40 km lagen noch vor mir.
Bis Km 18 wechselten Waldwege und Straße ohne nennenswerten Steigungen und Gefälle ab. Wir hatten knapp 4 Stunden für diesen Abschnitt und brauchten nur knappe 2 Stunden. Das sah alles sehr entspannt aus. Wir waren froh, dass wir gut in der Zeit lagen. Wir liefen immer wieder an dem jungen Läufer vorbei und er an uns.
Nach einem doch recht knackigen Singletrail Anstieg erreichten wir auf einem Forstweg den VP 2 bei Km 20,9. ENDLICH. Ich hatte Durst und Hunger und wir machten erst einmal entspannt Pause.
Juliane sprach währenddessen den jungen Läufer an, der so untypisch für einen Ultraläufer aussah. Er berichtete, dass sein Teampartner schon nach Tag 1 ausgeschieden war und er seit Tag 2 alleine weiter lief. Sein Name war Dominik Klöppel. Er war 19 Jahre alt, der jüngste Teilnehmer zum zweiten Mal in Folge im gesamten Teilnehmerfeld. Er beendete schon einen Transalpine-Run im Vorjahr erfolgreich. Er war einer von vier Brüdern, die allesamt dieses Jahr an den Start gingen und in unterschiedlichen Leistungsklassen liefen. Er verstand sich direkt gut mit Juliane. So liefen wir zu dritt vom VP 2 los. Auch wenn ich in diesem Bericht von Dominik schreibe, so nannten wir ihn stets nur Domm, ja mit doppel m.
Der Weg nach der VP 3 wandelte sich immer wieder in einen Singletrail, Weiden mit Kühen (zum Leidwesen von Juliane), Singletrail im Wald oder einfach ein Forstweg. Wir mussten mit Hilfe von Holztreppen auch über Zäune klettern, was wirklich dem markierten, offiziellen Weg entsprach!
Auf dem Weg zum VP 3 lernten wir wieder sehr viele Interessante Menschen kennen. So filme ich gerade zufällig als Elmar aufschloss und kurz bei uns verweilte und sich mit uns unterhielt. Elmar war ein auf seine Weise besonderer Läufer, denn er lief mit einem transplantierten Herz. Krasser Scheiß!

Die Strecke bis VP 2 war nichts Besonderes, wie sich aus der Beschreibung sicher herauslesen ließ. Ich jedoch fand, dass seit der VP 2 sich jeder Meter immer wunderschöner wurde. Die Wälder wirken alt und irgendwie mystisch. Die Singletrails waren hart, aber abenteuerlich und natürlich die Ausblicke, je höher wir liefen, desto schöner waren sie. Wir liefen an Wasserfällen vorbei, an Hütten und der Himmel war klar und der Ausblick weit. Es beflügelte mich und ich stellte mir vor, wie wohl der restliche Weg bis ins Ziel sich entwickeln würde?


Der Weg zwischen der VP 2 und 3 war gefühlt länger als gedacht. Irgendwie kamen drei Kilometer zusätzlich hinzu, laut meiner und auch der Uhr vieler anderer. Nichts destotrotz erreichten wir die VP 3 mit gut 1:30h Vorsprung vor dem Cut-Off. Nach meiner Uhr hatten wir nun 35 km hinter uns. Wir hatten mehr als eine halbe Stunde Vorsprung seit VP 2 verloren. Wir füllten, wie fast immer, unsere Getränke und Vorräte auf und zogen weiter zum VP 4, der am Ende des Abstieges im Tal liegen sollte. Wir liefen weiter, mit nun etwas mehr Aufmerksamkeit auf die Uhr, denn der wirklich technische Teil und der Downhill lagen noch vor uns. Diese waren nicht gerade unsere Stärken.


Nach VP 3 ging es hoch auf 2200m Höhe bei technisch anspruchsvollen Trails in denen wir auf jeden Fall unter den 5 hm/h liegen sollten. Dies war das Tempo, welches als Grundlage für die Cut-Offs galt. Doch dieser Abschnitt kostete wirklich Zeit, da er kaum zu laufen war. Wir kamen nur langsam voran. Wir hörten später im Ziel, dass sogar die Profiläufer eine gute Stunde länger für diese Etappe brauchten, als kalkuliert wurde.


Als wir die Höhe von 2200 m erreichten, sahen wir ins Pitztal hinunter und waren völlig überwältig. Was ein Ausblick. Wahnsinn! Das toppte definitiv Tag 1 und 2 was die Schönheit der Natur anging. Einfach fantastisch. Dennoch blieb kaum der Kopf frei, um die Aussicht zu genießen. Wir mussten über Steinfelder klettern und tasteten uns vorsichtig voran. Technisch war es anspruchsvoll und ich fühlte mich mindestens einmal überfordert. Es fehlte mir hier einfach die Übung. Viele überholten uns, was absolut nicht schlimm war. Und dann begann der Abstieg nach über 40 km auf meiner Uhr.

Der Abstieg selbst sollte das letzte freie Downhill-Laufen für mich bedeuten, denn ich knickte mehrmals um. Ich konnte mich immer wieder fangen, und der Schmerz wich schnell. Doch beim letzten Umknicken des Tages, war das Umknicken so heftig, dass ich mit dem Gesicht voran zu Boden stürzte. Ich war glücklich, dass dort ausnahmsweise keine Steine lagen, sondern nur Gras und weicher Boden. Ich schrie laut auf, denn diesmal war der Schmerz so stark, dass ich mein erster Gedanke war: Das war es. Ende an Tag 3. Ich war froh nicht alleine gewesen zu sein. Juliane und Dominik kümmerten sich sofort und sehr gut um mich. Sie halfen mir auf und trösteten mich. Etwas später holten uns Carsten (Stegner) und Karsten ein, zwei von der rosa Anfeuer-Puschelfraktion. Sie beruhigten mich und gaben mir einige Tipps und Verhaltensregeln mit an die Hand. Ich beherzigte alle. So sollte ich mich hinsetzen, durchatmen, trinken und essen und die Aussicht genießen. Mindestens 5 Minuten. Diese Hinweise sorgten dafür, dass ich mit Entspannung, langsam wieder humpelnd weiter zum Versorgungspunkt 4 absteigen konnte. Der Schmerz wich langsam, war aber immer noch da.
Wir erreichten den VP 4 mit nur noch knapp 30 Minuten vor dem Cut-Off, da der technische Abschnitt und meine Verletzung uns massiv aufgehalten hatten. Ein Sanitäter fragte sofort, wie es mir ging und ob ich es noch bis ins Ziel schaffe, oder direkt eine Behandlung benötige. Ich konnte den Grad der Verletzung nicht abschätzen und äußerte laut, dass es wahrscheinlich meine letzte Etappe sein könnte und deswegen ich auf jeden Fall bis ins Ziel gehen werde. Es wären ja nur noch fünf relative flache Kilometer. Wenn es ein Bänderriss sei, wäre es nun mal vorbei. Diese Äußerung führte dazu, dass Juliane traurig wurde, doch was sollte ich machen? Schön reden wollte ich es nicht, und durch das verbale Äußern, wurde es mir auch sehr bewusst, was es bedeuten würde. Ich war sofort traurig. Der Sanitäter fragte nochmals nach, ob es wirklich gehen würde und ich bejahte. Ich versicherte ihm auch auf Rückfrage, dass auch auf jeden Fall im Ziel einen Arzt aufsuchen würde. Das akzeptierte er und ließ mich ziehen.
An der Versorgungsstelle 4 sagten uns Helfer, dass an dieser Stelle und im Ziel die Cut-Off Zeiten aufgehoben sind, da alle Teilnehmer_innen deutlich länger benötigten, als es vermutet wurde, die Profis eingeschlossen. So sollten wir auf jeden Fall in der Wertung bleiben.
Wir aßen in Ruhe und verließen den VP4. Es war ein Mix von viel schnellem gehen und ein wenig leichtem Laufen. Es ging 5 km stetig sehr leicht Bergauf. Zwischendurch passierten wir eine riesige Rinderherde, die einfach so auf dem Weg stand. Ich muss sagen, ich fühlte mich schon etwas unwohl, was ich aber überspielte es, um Juliane Mut zu machen.

Nach gut 11:03 Stunden, und laut meiner Uhr nach 52 km, erreichten wir das Ziel und damit eine knappe Stunde vor dem offiziellen Cut-Off, den es ja so nicht mehr gab. Es war somit 18 Uhr, und die Pasta Party sollte genau jetzt anfangen. Juliane und ich lagen uns mit Tränen in den Armen im Ziel. Der Gedanke aufhören zu müssen, machte mich fertig. Dominik und Steph, die Kamerafrau, beruhigten mich. An dieser Stelle geht ein großes Danke an euch! Danach suchte ich erst einmal den Arzt auf. Der Moment der Entscheidung.
Ich setzte mich auf ein Feldbett und zog mein Schuh aus. Es gibt sicher nichts Schöneres als einen Fuß zu untersuchen, der vorher über 11 Stunden in Bewegung war. Er musterte mein Fußgelenk und drehte ihn, stellte einige Frage und versicherte mir, trotz zweifacher Nachfrage, dass ich ohne Wenn und Aber weiterlaufen kann. Ich war völlig erleichtert. Ich müsste nur mich von ihm medizinisch vor jedem Start tapern lassen. Wir vereinbarten ein Codewort, damit er am nächsten Morgen wusste, was er bei mir machen muss.
Als ich aus dem Arztzelt kam, wartete dort Dominik. Ich sagte ihm, dass ich weiterlaufen darf. Wir verabredeten uns für den nächsten Morgen am Start, um gemeinsam weiterlaufen zu können. Auch Juliane erfuhr es direkt und war sehr erleichtert. Wir verabschiedeten uns von Dominik und gingen zurück ins „Hotel“, da Steph uns im Auto mitnahm und wir verzichteten damit auf die Pastaparty. Es war dieses mal kein richtiges Hotel, sondern eine Ferienwohnung. Wir teilten sie uns mit Katja und Judith, zwei der Asics Frontrunnerinnen. Katja ging mit anderen zu einem Restaurant und Judith blieb. So konnte ich Judith ein wenig besser kennenlernen und fand die sympathisch. Es blieb für mich kaum Zeit die Frontrunner_innen kennenzulernen und so war ich über die Gelegenheit froh.
Bevor ich es vergesse, ich sollte keine Probleme mehr mit wundgescheuerten, inneren Oberschenkel haben. Das Zeug von der VP1 half sehr gut. Ich musste auch nach diesem Tag mich nicht mehr um dieses Problem kümmern. Glücklicherweise.
Mein Abendbrot war an diesem Abend eine Packung Trockenobst, Nüsse, Eiweißriegel. Es war nicht optimal, aber ich war satt und fühlte mich gut. Dafür hatte ich mal mehrere Stunden am Stück, in denen ich die Seele baumeln lassen konnte und früh ins Bett ging. Achja, irgendwann am Abend hörte ich, dass die letzten Läufer_innen nach knapp 14 Stunden, also gegen 21 Uhr, endlich im Ziel eintrafen. Wahnsinn!

07. September 2016, Etappe 4: Mandarfen – Sölden
Nach einer intensiven, langen Königsetappe gab es heute die Etappe mit dem anspruchsvollsten und höchsten Anstieg, denn es sollte bis auf 3000 m Höhe gehen. Meine Güte, so hoch war ich noch nie in meinem Leben auf einem Berg. Der Abstieg sollte über einen Gletscher passieren. Ich war sehr gespannt, wie das werden würde. Es war definitiv ein Highlight des Transalpine-Run 2016. Wir fuhren mit dem Bus-Shuttle zum Start / Ziel Bereich und stellten wie immer unsere Taschen vor das „Hotel“. Beim Start / Ziel angekommen, ging ich zuerst einmal zu Uli. Uli war der Arzt vom Vorabend, denn ich musste mich tapern lassen. Ich war für ihn „der Bielefelder“ und er war für mich einfach Uli. Dass er sich meinen Namen nicht merkte, war für mich nicht schlimm. Wir verstanden uns gut und sahen uns wohl nun eh vor jedem Start. Eine kurze Anekdote. Als ich an diesem Morgen ins medizinische Zelt kam, sah mich Uli fragend an. Ich äußerte den magischen Satz: „Der Bielefelder und sein Fuß“ und er lachte auf und behandelte mich umgehend. Danach ging ich in ein Café, in dem wir Läufer uns aufhalten durften, ohne etwas bestellen zu müssen. Es war sehr kalt an diesem Morgen und über die Wärme waren wir alle froh. Dort wartete Juliane und auch der Sebastian, den wir immer wieder an den Vortagen trafen.
Wir checkten rechtzeitig in den Startblog C ein und trafen dort Dominik. Da wir uns so gut am Vortag verstanden hatten, wollten wir wieder zusammen starten und loslegen. An diesem Tag gab es drei Startblöcke, die mit je 10 Minuten unterschied starteten. Mir fiel auf, dass die Cut-Off Zeit zwischen Versorgungsstelle 1 und 2 sehr kritisch und knapp bemessen war. Gerade heute fühlte ich mich unter Druck, da ich nicht wusste, wie mein Fuß das mitmacht. Daher besprachen wir, dass dies für uns kritisch werden könnte und wir daher sofort schnell rauslaufen mussten, um an der ersten 2,5 km langen Steigung mit 700 Höhenmetern ganz vorne zu sein. Wir wollten schnell Zeit bis zur Versorgungsstelle 1 gut machen und die gewonnene Zeit als Polster mitnehmen. Denn für den Weg zwischen der ersten und zweiten Stelle hatten wir nur 2:45h und ich fand dies mit dem gegeben Profil als sehr knapp. Ich vermutete, dass wir um die 3:15h benötigten würden. Der Plan ging auch anfangs komplett auf. Noch vor dem Ende des ersten Anstieges liefen wir auf das Ende des B Feld auf. Das Ende des B Feldes bremste uns nun aus, aber auch zeigte, dass wir nun gute 10 Minuten heraus gelaufen waren.
Also wir oben ankamen auf 2278 m Höhe offenbarte sich ein für mich unvorstellbarer Anblick. Es war eine sehr merkwürdige Landschaft voller Berge und einem wundersam scheinender See. Schaut euch diese Landschaft auf den Bildern an und vielleicht versteht ihr es. Es wurde zudem flach und wir begannen richtig zu laufen. Mein Fuß fühlte sich stabil und gut an.



Der Weg ab dem See bis zur ersten Versorgungsstelle konnte komplett belaufen werden. Es war ein Mix aus Singletrails und Schotterwegen. Wir erreichten die VP1 mit einem knappen Vorsprung von rund 40 Minuten vor dem Cut-Off. Wir füllten die Vorräte auf und wechselten in das schnelle Wandern über, denn es ging schon leicht bergauf. Kurz darauf offenbarte sich uns ein Singletrail auf der linken Seite, der sehr steil den Berg hoch ging. Wir sahen dort in der „Ferne“ die anderen Läufer vor uns, wie sie langsam dort hoch kletterten. Mir entglitt ein „Scheiße, dass wird ein Spaß.“ Das meinte ich zum Teil so, aber auf der anderen Seite wurde mir auch klar, dass das nun sehr anstrengend werden würde.
Der Anstieg war heftig und es ging mir nicht so gut. Ich quälte mich hoch und getrieben vom Zeitdruck biss ich die Zähne zusammen. Die Kombination aus Zeitdruck, höchst anspruchsvollem Anstieg und einem Tief setzte mir moralisch sehr zu. Ich möchte gar nicht versuchen es schön zureden. Es war für mich sehr hart und ich ging an mein Limit. Wir lagen noch halbwegs in der Zeit, die ich geschätzt hatte. Bei dem Tempo sollten wir wenige Minuten vor dem Cut-Off durch den VP 2 sein.
Irgendwann kam uns ein Streckenchef entgegen. Er stieg den Berg ab und rief uns allen immer wieder zu: „Wir haben uns entschlossen die Cut-Off Zeit anzuheben. Ihr habt 2 Stunden mehr Zeit, nur bitte seid vorsichtig beim Gletscher. Wir haben schon jetzt Stürze, weil einige ein hohes Risiko gegangen sind.“ Wir drei beschlossen in diesem Moment unser Tempo runter zufahren und langsamer zu machen.


Als wir an einer Hütte auf einer Höhe von ungefähr 2750 m Höhe vorbei kamen, machten wir erst einmal Fotos, atmeten durch, gingen entspannt auf das Klo oder genossen die Aussicht. Ich tippe, dass wir knappe zehn Minuten Pause hier einlegten und uns gönnten. Mir half es, mich aus meinem Tief zu befreien und Kräfte zu sammeln. Schließlich war ich in meinem Leben nie zuvor höher als 2650 m Höhe gewesen. Etwas fokussierter und erholter ging es an den letzten Teil des Anstieges. Hier merkte ich langsam, dass ich Probleme mit der Luft bekam. Ich bekam Kopfschmerzen und fühlte mich unwohl. Aber da musste ich nun durch.



Als wir oben auf knapp 3000 m ankamen, waren die Puschel-Anfeurer_innen wieder da. Großartig! So etwas tut einfach gut. Wir erreichten somit den höchsten Punkt des gesamten Transalpine-Runs. Was für gutes Gefühl zu wissen, dass man an keinem anderen Tag mehr so hoch klettern musste. Nun ging es auch direkt zur Rückseite und zum Abstieg über den Gletscher. Jedoch … war das alles etwas anders als ich es mir vorgestellt habe. Sie hatten weißen Fließ ausgelegt und ein Seil abgespannt. Wir sollten darüber absteigen. Ich brauchte eine halbe Ewigkeit. Am unteren Ende des Gletschers saßen Dominik und Juliane, während ich noch übervorsichtig mich abseilte. Ich wollte wegen meinem Fuß absolut nichts riskieren und wir hatten genügend Zeit. Als wir wieder zu dritt weiterliefen, sahen wir sofort die VP2 und liefen hin. Mit 12 Minuten über dem alten /offiziellen Cut-Off erreichten wir die Versorgungsstation 2 und erholten uns ausgiebig. Jetzt sollte es nur noch bergab gehen. Juliane schnackte mit den Versorgern und erhielt zudem einen Schnaps. Wo auch immer die den nun aufgetrieben hatten. Aber wenn Läufer_innen an diesem Punkt einen wollten, sollten sie ihn bekommen. Ja die VPs hatten auch Sachen im Angebot, die nicht öffentlich ersichtlich waren. Mir war es irgendwo egal. Ich war zu sehr damit beschäftigt die negativen Gefühle, die ich vom Scott Rock the Top kannte, erfolglos auszublenden. Der Zeitdruck holte einige schlimme Erinnerungen hervor. Kurz nach VP 2 musste ich stehen bleiben und einmal meine leicht aufgescheuerten Brustwarzen abkleben. Die allgegenwertigen, kleinen Probleme bei einem solchen Lauf. Zum Glück hatte ich auf Grund der Pflichtausrüstung die nötigen Pflaster dabei. Dann holte uns Joschi mit seiner Gruppe ein. Joschi war, zur Erinnerung, einer der älteren Brüder von Dominik. Wir liefen kurz mit ihnen zusammen und als es wieder steiler bergab ging, konnten Juliane und ich nicht mehr mithalten. Dominik lief mit vor und wartete bei einem tieferen gelegenen Punkt auf uns, filmte und sah sehr entspannt aus.


Es ging weiter und der Abstieg selbst war eher unspektakulär. Für die gesamte Etappe hatten wir nach offiziellem Plan 7 Stunden Zeit und mit der 2 Stunden Cut-Off Erhöhung waren es wohl nun 9 Stunden. Nur wollte dies nicht in meinen Kopf. So stresste ich rum und orientierte mich an den 7 Stunden, dass die Zeit eng werden würde, wenn wir so trödeln würden. Die Angst, dass ich mich wie beim Scott Rock the Top mit der Zeit wieder vertue war groß. Daher orientierte ich mich an den 7 Stunden Cut-Off Zeit. Juliane verzichtete deswegen sogar auf einen Klogang bei an anderen Hütte und fand das nicht lustig. Das war der Moment, wo wir das erste Mal aneinander gerieten. Sie fühlte sich gehetzt und gestresst und ich fühlte mich unter Zeitdruck. Dazu kam noch, dass Sie am Downhill ziemlich zu kämpfen hatte, da ihre Knie schwächelten. So liefen Dominik und ich immer etwas vor und warteten. Das klingt nun nicht so toll, doch Juliane bat darum etwas Zeit für sich zu haben. Auf der anderen Seite, wollten wir auch nicht soweit vorlaufen.
Am Ende ist es ein Teamlauf und das wichtigste in solchen Momenten ist es, dass man auf einander Rücksicht nimmt und Verständnis für den anderen entwickelt. Das ist jedoch in manchen Situationen leichter gesagt, als getan.


Irgendwann, nach Waldwegen, Forstwegen, einem kurzen Gespräch mit Wanderern erreichten wir endlich Sölden und liefen nach 6:42h Stunden ins Ziel. Gemessen am alten, offiziellen Cut-Off hätten wir nur 7 Stunden gehabt. Puh! Die höchste Etappe war nun ebenfalls absolviert. Im Ziel gab es die übliche Verpflegung und Milka Schokolade, was mein Highlight war. Ich aß eine kleine Tafel (60g) einfach mal so mit zwei Atemzügen weg und nahm mir eine zweite kleine Tafel für später mit.
Sölden war eine Stadt, in der ich nur Restaurants und Hotels wahrnahm. Wir waren im Hotel „Grauer Bär“ und es war ein nettes Hotel, sogar halbwegs in Gehreichweite zum Start/Ziel. Ich glaube es waren 1,5 km pro Weg.
Im Hotel konnten wir uns nur kurz ausruhen, denn die Pasta-Party war nicht fern. Im Hotel haben Juliane und ich uns ausgesprochen, was gut und was nicht gut lief. Ich habe versucht ihr zu erklären, dass ich ein Problem mit Cut-Off und Zeitdruck habe und mich damit allein gelassen fühle. Sie erklärte, dass sie das nicht so toll findet und eher die Freude und den Spaß an der Veranstaltung sucht. Wir setzten uns hin und überlegten, wie wir das ausbessern könnten. Wir fanden eine Lösung, die auch gut bis zum Ende des Transalpine-Runs funktionierte. Okay, es gibt eine Ausnahme, aber auf diese komme ich am 6. Tag zu sprechen. Wir schauten positiv nach vorne. In diesem Moment im Hotel, war ich mir sicher, dass Juliane definitiv die richtige Laufpartnerin für diese Veranstaltung in diesem Moment war und eine richtige Freundin. Rückblickend kann ich sagen, dass es wohl das beste war, dass wir direkt das Problem angegangen sind gelöst haben. Wir hatten einen Konflikt, haben sachlich und erwachsen darüber gesprochen und eine Lösung mit der wir beide Leben konnten gefunden. Meine Gedanken vom Start der 1. Etappe kamen wir zudem wieder in den Kopf. Ja, wahrscheinlich habe ich uns zu viel zugemutet, aber ich war mir nun sicher, dass wir es als Team schaffen oder nicht schaffen werden. Ganz bestimmt jedoch würde das Team nicht zerbrechen. Diese Erkenntnis beruhigte und erleichterte mich enorm. Welchen Kompromiss wir fanden, werde ich vielleicht an entsprechender Stelle teilweise erläutern. Ansonsten bleibt es eine Sache zwischen ihr und mir.
Die Pasta Party war gut und das Briefing mittlerweile eine gewisse Routine. Dennoch fand ich es wichtig hinzugehen, eben wegen der Wetterprognose, Streckenänderungen oder potentiellen, wichtigen Hinweisen. Am Ende der Pasta Party setzen Juliane, Dominik und ich uns noch einmal kurz zusammen, um die Strategie für den nächsten Tag zu besprechen. Es sollte nach Italien über das Timmelsjoch gehen. Die Taktik war einfach: Wir stellen uns vorne rein, rennen die ersten Kilometer was das Zeug hält, gehen den Berg bis zum Timmelsjoch in einem Affenzahn hoch, um dann danach mit einem Zeitpolster in den Downhill zu gehen. Denn durch mein Fuß und Julianes Knie mussten wir beim Downhill jede Menge Zeit verlieren. Ich war der Meinung, dass die fünfte Etappe von den Cut-Off Zeiten die entspannteste der letzten drei sein sollte.
Am Abend legte ich mich ins Bett mit dem Gedanken, dass ich nun schon 4 Tage und knapp 145 km absolviert hatte. Mehr als die Hälfte des Translapine-Runs lag damit hinter mir und in wenigen Stunden sollte ich dann in Italien sein.

08. September 2016, Etappe 5: Sölden – Passeiertal
Ein neuer Tag, welch fröhlicher neuer Tag! Auf geht es! Ab nach Italien und damit dem dritten und letzten Land auf der Reise des Transalpine-Runs. Ich nahm an, dass die fünfte Etappe die leichteste von den letzten dreien, die noch vor uns lagen, sein sollte. Zumindest im Hinblick, was die Cut-Off Zeiten betraf. Dieser Fakt entspannte mich und sorgte dafür, dass ich wirklich zufrieden aufstand, mit wesentlich weniger Druck. Dafür hatte ich einen Sonnenbrand auf den Armen. Oha! Da hatte wohl der Gletscher zugeschlagen. Ich hatte mich doch eingecremt mit Sonnenschutzfaktor 50. Nun gut, dann wollte ich mich nun noch kräftiger eincremen.
Ich ging extra früh zum Frühstück, damit ich rechtzeitig bei Uli sein konnte. Das Tapern war nun ein fester Bestandteil meiner morgendlichen Routine geworden.
Gesagt, getan. Als ich bei Uli im Zelt war, setzte sich plötzlich Cindy nehmen mich. Sie hatte ich seit der ersten Etappe nicht mehr gesehen. Was für eine fröhliche Überraschung an diesem Morgen! Wir unterhielten uns kurz, als wir nebeneinander auf dem Feldbett im Medi-Zelt mitten in Sölden saßen. Es ging ihr nicht so gut und ihrem Teampartner Geo ging es ebenfalls nicht so gut. Sie seien aber noch dabei, jedoch waren sie immer nur sehr wenige Minuten unter dem Cut-Off. Sie wüsste nicht, ob sie es noch bis nach Brixen schafft, oder ihr Teampartner. Sie waren zudem gesundheitlich angeschlagen und erschöpft. Ich sagte ihr, dass ich ebenfalls es noch nicht absehen könnte, ob ich es bis nach Brixen schaffe und das viel davon abhängt, wie mein Fuß mitspielt. Wir verabschiedeten uns und wünschten einander viel Erfolg. Ich hoffte innig, dass ich sie und Geo wiedersehen würde. Es war bitter immer mehr bekannte Gesichter oder neu gewonnene Kontakte endgültig zu verabschieden. Ich wusste einfach nicht, ob ich sie noch einmal sehen sollte.
Ich ging danach zum Start und traf Juliane und Dominik. Wir hatten wieder die gleiche Taktik wie am Vortag: Schnell raus, Zeit gut machen für den Abstieg nach Italien.
Erneut wurde aus drei Blöcken mit je 10 Minuten Abstand gestartet. So starteten wir in der ersten Reihe des Blocks C und sprinteten schon fast los. Nach 4 km kam schon die VP1, welche wir als zweites oder drittes Team aus dem C Block erreichten. Wir liefen erneut auf Teams aus Block B auf, was nochmal die Moral anhob. Nach dem VP 1 begann sofort der Anstieg hoch zum Timmelsjoch, welcher bei ungefähr km 12,13 liegen sollte.

Heute ging es uns allen gut und wir hatten am Anstieg ein hohes und solides Tempo. Dies bestätigte sich auch dadurch, dass Dominik ein Gel nehmen musste. Wie mir später einer seiner Brüder berichtete, ist das etwas Außergewöhnliches und wir könnten stolz sein, dass wir das geschafft haben.

So eilten wir weiter den Berg hoch, die wenige Zeit, die ich mir nahm um mir die Natur anzugucken führte immer wieder dazu, dass ich erstaunt war, wie wunderschön es war. Irgendwann bei diesem Anstieg liefen an uns zwei Kanadier vorbei und schrien zu Dominik „Turf off the fucking music“, welches er mit einem „No“ quittierte. Ihr müsst wissen, dass an fast allen Etappen Dominik eine Box in seinem Rucksack hatte und Radio oder Musik-Playlisten abspielte, was einfach eine schöne Abwechslung und Ablenkung war. Juliane und ich waren beide froh, dass Dominik eine Box an diesem Tag dabei hatte und etwas Musik zu unserer Motivation dudelte.
Als wir den ersten Teil des Anstieges absolviert hatten, mussten wir eine größere Straße kreuzen und liefen einen schmalen aber eher flachen Pfad weiter, den man auch gut laufen konnte. Dabei überholten wir vereinzelte Wanderer, die etwas giftig reagieren, als ich darum bat vorbei laufen zu dürfen. Etwas später kreuzten wir erneut die Straße und es ging wieder steiler bergauf. Wir waren nun kurz vor dem Timmelsjoch, wo uns die VP 2 und exakt die Staatsgrenze zwischen Österreich und Italien erwartete. Wir erreichten in einer hervorragenden Zeit den VP 2.

Das hohe Tempo und die dadurch entsprechende sehr gute Zwischenzeit bedeuteten auch, dass wir nun höchst wahrscheinlich ein sehr entspanntes Rennen zum Genießen haben sollten. Wir nahmen uns Zeit und quatschen mit den Helfern, machten kurz Fotos und liefen dann Downhill und waren damit in Italien, genauer Südtirol.


Der Downhill war am Anfang für mich sehr schwierig und trotz Tape knickte ich erneut mehrmals um. War mein Fuß an Tag 4, dank dem Tape, stabil. Nun hatte ich das Gefühl, dass ich trotz Tape einen wackligen Fuß habe. Eine kleine Pause war nötig, um mich zu sammeln, bevor es weiter ging. Ich hatte jedes Selbstbewusstsein für einen Downhill verloren, was dazu führte, dass ich sehr langsam war. Juliane und Dominik preschten dafür vor, was ich ihnen nicht verübeln konnte. Sie warteten auch immer wieder auf mich, so dass wir weiter laufen konnten. Mir tat es sehr leid, dass ich hier einfach eher ein Bremsklotz war. Als es später flacher wurde, konnte ich mein Tempo erhöhen und bei ihnen bleiben.

Die ersten Eindrücke von Südtirol waren toll. Schöne Aussichten, Wälder, Ausblicke, Wanderwege. Es war einfach wow! Ich hatte das Gefühl, dass jeder Tag den zuvor Tag toppte. War ich schon am ersten Tag von der Natur überwältigt und ich war es immer noch. Eine kleine Anekdote: Wir liefen sogar einmal durch einen Garten/Hof eines Bauernhauses, einfach weil das der offizielle, markierte Weg war. Dort kamen uns freilaufende Hühner entgegen, über die ich fast gestolpert wäre. In diesem Abschnitt liefen wir zeitweise Asphalt, was eine angenehme Abwechslung war. Kurz nach diesem Haus kam mir ein Medi-Trupp entgegen. Die fragte ich erst einmal nach mehr Sonnencreme. Ich merkte, dass der Sonnenbrand schlimmer geworden war und wollte nun noch eine Lage drauf klatschen lassen. So packte das Medi-Team mir gleich einen Sun-Blocker drauf.
Wir waren auf dem Fernwanderweg E5, der uns bis ins Ziel die Richtung weisen sollte. Als wir durch eine kleine Gemeinde durchgeliefen, mit einer hübschen Kapelle, näherte sich die VP3 und damit der letzte VP des Tages.

Juliane und mir ging es in dem Moment richtig gut und wir ließen Dominik für eine hundert Meter hinter uns, warteten jedoch vor der Zeitmatte auf ihn, so dass wir zu dritt drüber laufen konnten. Dort verpflegten wir uns erneut und füllten die Vorräte auf. In dem Moment als wir loslaufen wollten, meinte Dominik, dass er sich für heute von uns trennt. Eine Teamkollegin von We-Run-For-Fun, für das er ebenfalls lief, ginge es nicht so gut. Er wollte bei ihr bleiben und sie supporten, damit sie eher ins Ziel kommen könnte. So liefen Juliane und ich seit nun mehr 3 Tagen, dass erste mal wieder nur zu zweit. Wir redeten auch nicht so viel miteinander, weil ich es vorzog, auch einfach mal nur zu schweigen und in mich zu gehen. Der letzte Abschnitt nach VP3 war flach und war angenehm leicht bergab. Es war eine Kombination aus guten, breiten Forstwegen und Straßen. Wir könnten hier endlich mal eine 6 min pro km Pace laufen. Zeit spielte für heute keine Rolle mehr, sondern es war nur noch wichtig Gesund ins Ziel kommen.


Als wir dann in eine Klamm einbogen, fiel mir die Kinnlade runter. Es war einfach nur Wow! Wiederhole ich mich? Gut möglich, aber glaubt es mir einfach. Es ist einfach berechtigt immer wieder zu betonen, wie schön diese Route war. Dieser Ausblick und die vielen Brücken, die dazu führten, dass wir immer wieder die Klamm überqueren durften, waren einfach traumhaft. Der Untergrund war schwer zu laufen, da es viele spitze Steine gab, der Boden uneben war und da ich wegen meinen Fußgelenke höllisch aufpassen musste. Das nicht getaperte Fußgelenk war mittlerweile ebenfalls leicht angeschlagen.
Ungefähr 4 km vor dem Ziel liefen wir immer noch in dieser wunderschönen Klamm, als plötzlich gut einen Meter hinter mir eine Frau zu Boden fiel. Ich dachte erst, es sei Juliane gewesen, aber sie war es nicht, sondern eine andere Läuferin. Ihre Teamkollegin, Juliane und ich kümmerten uns direkt um sie. Wir halfen ihr auf, und schauten, wie wir ihr am besten helfen konnten. Sie blutete im Gesicht, am Oberschenkel und am Arm. Mein Gedanke war, dass die spitzen Steine wirklich nicht zu unterschätzen waren. Dieser Moment war ein Beispiel für den Fall, dass man eine Sekunde nicht aufpasste und plötzlich alles vorbei sein konnte. Als sie sich halbwegs gefangen hatte, meinte ihre Teamkollegin, dass es okay sei, wenn wir nun weiter liefen, denn den Rest schaffe sie auch alleine.
Kurz danach, ging es mir gar nicht gut. Ich spürte, wie sich ein Krampf in einer Wade anbahnte. Ich bat Juliane hinter mir zu laufen. Sie sei besser drauf und könnte sich an mein langsameres Tempo leichter anpassen. Sie willigte ein und hatte viel Verständnis. Da ich sie nicht mehr sah, fühlte ich mich weniger gestresst ihr folgen zu müssen und konnte einfach in mich rein hören und so laufen, dass der Krampf nicht ausbrach. Das gelang mir auch. Etwas später, mit viel beißen meinerseits, erreichten wir das Ziel. Die Familie von Dominik wartete schon sehnsüchtig und schaute irritiert und traurig, als wir ohne ihren Jüngsten einliefen. Wir erklärten die Situation und sie verstanden es direkt. Keine fünf Minuten später lief dann Dominik mit dem Team ein, welches er unterstützte.

Der Bus-Shuttle im Passiertal war hingegen sehr entspannt und pünktlich. Wir kamen fix ins Hotel und konnten etwas abspannen, und hatten dazu wirklich mal Zeit. Wir brauchten nur 5:47h Stunden für 33,3 km und da wir früh gestartet waren, hatten wir wirklich den Nachmittag frei.
Das Duschen hingegen war eine Qual. Der Sonnenbrand war so schlimm, dass meine Arme schon mit dem Kontakt von kaltem Wasser brannten. Diese Dusche im Hotel werde ich nicht vergessen und diese Erfahrung auch nicht. Damit ging es mir wohl nochmal körperlich bescheidener. Nur wie sollte ich damit umgehen? Ich sollte am Abend zu einer Lösung kommen, die ich jedoch erst im dritten Teil des Blogs verraten werde.
Später ging es zurück zur Pasta-Party und zum täglichen Streckenbriefing. Beim Streckenbriefing wurde sehr klar kommuniziert, dass es keine Abweichung von den Cut-Off Zeiten auf der sechsten Etappe geben würde. Danach besprachen wir drei die Taktik der sechsten Etappe, die ich vom Zeitfaktor her als sehr kritisch einstufte. Dass ich dies tat, nervte zwar Juliane, aber ich wollte jetzt nicht am Tag 6 scheitern und disqualifiziert werden, wenn ich so viel Energie, und so viel Einsatz schon erbracht hatte, um bis hier hin zu kommen. Ich weiß, dass ich stresste, aber ich sah meine von Tag zu Tag stärker werdende Verletzung am Fuß und hatte wirklich Angst deswegen zu scheitern. Rückblickend muss ich wirklich sagen, Tag 6 war für uns alle ein verdammt harter Tag, voller Qualen, blanker Nerven und er kostete uns viel Kraft. Doch dazu mehr im letzten Teil.

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Transalpine-Run 2016 – Von Garmisch-Partenkirchen (Deutschland), über Österreich nach Brixen (Italien) – Teil 1 von 3

Vorwort im Allgemeinen, sozusagen ein Disclaimer:
Ich habe diesen Bericht primär für mich geschrieben, um die Erinnerungen stets frisch zu halten. Ich hatte überlegt, ob ich sieben Einzelberichte, oder ob ich einen sehr ausführlichen schreibe. Nachdem ich die erste Fassung des Berichtes für die gesamte Veranstaltung fertig hatte, entschloss ich mich, den Bericht zu dritteln. Ich wünsche euch viel Spaß beim Lesen. Denn jetzt geht es los.

Vorwort:
Dieses Vorwort schreibe ich, nachdem ich die erste Rohfassung des gesamten Berichtes fertig hatte. Mir ist es wichtig, etwas vorweg zu sagen. Die Spannung in diesem Bericht besteht nicht darin, ob ich den Lauf erfolgreich gelaufen bin, sondern was ich bereit war zu ertragen und zu investieren. Gerade dieser Punkt beginnt jedoch erst mit dem 2. Teil des Berichtes. Nur um eines vorweg zu sagen, ich gehöre zu den glücklichen Finishern des Transalpine-Run 2016.
Der Transalpin-Run ist kein Lauf für Anfänger_innen oder für Leute, die meinen einfach mal so einen Lauf zu bestreiten. Der Transalpin-Run ist ein höchst anspruchsvoller Lauf über sieben Tage. Insgesamt müssen ungefähr 250 km und 15000 Hm bis zum Ziel überwunden werden. Er ist ein wundervoller, wunderschöner, emotionaler und vor allem sehr intensiver Lauf, der mein Leben bereichert hat. Aber er ist auch ein Lauf, der Leid und Schmerz bedeuten kann, alles abverlangt und einen für das Leben durch schlimme Verletzungen zeichnen kann. Absolut niemand weiß beim Start der ersten Etappe, ob er es bis ins letzte Ziel schafft. Es kann einfach sehr viel passieren und wenn man in einem kleinen, ungünstigen Moment nicht aufpasst, war es das.
Ich bin vorher über ein Dutzend Marathons gelaufen, sowie zwei Alpine Läufe, Zugspitzultra-Supertrail und Zugspitz-Marathon. Ich wollte gucken, ob ich diese Belastung überhaupt aushalten kann.
Überlegt es euch sehr gut, ob ihr den Transalpin-Run bestreitet wollt. Er kann einem sehr viel geben, aber auch nehmen.

03. September 2016
Ich stehe entspannt früh morgens gegen 8 Uhr auf, wohlwissend, dass meine Teampartnerin Juliane schon seit Stunden auf dem Weg nach Garmisch-Partenkirchen ist. Mein Zug jedoch fährt erst um halb Zehn und somit habe ich noch genügend Zeit, um in Ruhe zu frühstücken. Ich ahne schon, dass die nächsten Tage mich erschöpfen werden und sauge jede ruhige Minute in mich auf. Ich habe zu diesem Zeitpunkt jedoch keine Vorstellung, was mich wirklich erwartet. Ich starte beim Transalpin-Run 2016, einem Etappenlauf über die Alpen, von Garmisch-Partenkirchen nach Brixen. Gute 250 km, 15000 positive Höhenmeter und nochmal soviele negative Höhenmeter, sprich Downhills. Ich erinnere mich an den die letzten beiden alpinen Läufe, den Zugspitzultra und den Zugspitzmarathon und erstarre immer wieder selbst in Ehrfurcht vor der Strecke die vor mir liegt. Worauf habe ich mich nur eingelassen?
Ich nehme meine gepackte Tasche, gehe zum Zug und lasse mich binnen acht Stunden nach Garmisch-Partenkirchen durch die Bahn transportieren. Ich werde von Juliane feierlich und fröhlich empfangen. Bei dem Transalpin-Run muss man in zweier Teams laufen. In meinem Fall ist Juliane meine Teampartnerin. Auf geht es ins erste Hotel, zur Startnummerabholung und danach zur Pasta-Party.

Bei der Startnummerabholung bekommen wir direkt eine große Reisetasche. Diese wird vom Veranstalter Plan B nun jeden Tag für uns transportiert. So müssen wir einiges umladen. Dank Jan Erik und Andrea von Asics und den Asics Frontrunntern, nehmen sie u.a. meine reguläre Tasche in ihrem Auto nun jeden Tag mit. Plan B nimmt natürlich nur die ausgegebene Reisetasche mit. Ich wusste nicht, dass wir alles umräumen müssen. Wäre mir das klar gewesen, hätte ich zu Hause 1. anders gepackt und 2. wesentlich weniger. Auch wäre ich mit dem Auto angereist, um meine reguläre Tasche für die Woche ins Auto zu packen. Ohne Jan Erik und Andrea, hätte ich nicht gewusst, wo ich die reguläre Reisetasche hätte lassen sollen. Wirklich ein riesen Dankeschön an euch beide!
Die offene und entspannte Grundatmosphäre gefiel mehr sehr gut. Zusammen schauten wir uns das Briefing für die erste Etappe an. Es soll ein einfacher Einstieg in das Etappenrennen sein, mit entspannten Cut-Off Zeiten und einem eher ruhigem Profil. Cut-Off Zeiten? Ja, das sind Zeiten, die wir unterbieten müssen, genauer bis zu diesen Zeitpunkten sind die Verpflegungspunkte (VP) und Ziele geöffnet. Reißt man eine Cut-Off Zeit, so ist man offiziell disqualifiziert und wird kein offizieller Finisher mehr. Außerhalb der Wertung ist eine weitere Teilnahme zwar möglich, jedoch gibt es das begehrte Finisher Shirt nicht mehr.

Auf dem Briefing wird auch erwähnt, dass es eine Überscheidung mit der Strecke vom Zugspitz-Ultratrails gibt. Ich lasse mich überraschen, welcher Abschnitt das wohl wird.
Nach dem Briefing beschließen wir früh ins Bett zu gehen, auch wenn der Start erst um 10 Uhr ist. Es ist alles sehr aufregend und schließlich wollten wir nicht müde in die erste Etappe einsteigen.

04. September 2016, Etappe 1: Garmisch-Partenkirchen – Lermoos
Wir, Juliane und ich, stehen pünktlich auf, ziehen uns an und gehen erst einmal erneut zur Startnummerausgabe. Sehr ärgerlich, denn wir hatten vergessen PlanB mitzuteilen, in welchen Hotels wir in den kommenden Tagen nächtigen. Schließlich möchten wir, dass wir unsere Taschen am nächsten Abend wiederbekommen. So gegen halb neun, nach einem ausgiebigen Frühstück gingen wir zum Start. Schnell geben wir noch unsere Reisetaschen ab und stellen uns für Fotos in den Startblock. Mit den anderen Asics Frontrunnern, Juliane ist ein Mitglied der Frontrunner, werden noch mehr Fotos und Einschwörungsformeln ausgetauscht.

Die letzten Minuten vor dem Start waren dabei besonders intensiv für mich. Ich gucke ich mich um, und realisiere, dass jeder dritte den ich gerade sehe es nicht bis nach Brixen schaffen wird. Zumindest wenn man den statischen Zahlen der letzten Jahre glaubt. Wir starten mit knapp 300 Teams und ich frage mich, ob wir wirklich am Ende nur noch gute 200 Teams sein werden? Nehmt euch die Zeit und guckt euch die beiden Fotos vom Start mal genau unter dem Aspekt an, um vielleicht nachzuvollziehen, was ich fühlte. Es machte mich etwas melancholisch. Ich habe mir in dem Moment gewünscht, dass wir alle Gesund und heile bis nach Brixen ins Ziel kommen. Doch dies ist eine Utopie, eine Wunschvorstellung, die so nicht eintrifft. Niemand kann und darf sich sicher sein, es bis nach Brixen zu schaffen. Ich atme tief ein und aus und frage mich, was mich an Erfahrungen erwartet, welche guten sowie schlechten Momenten wohl vor mir liegen? Die Verbindung zwischen mir und diesem Lauf klingt ein wenig nach einer Eheschließung. Durchaus gibt es gewisse Parallelen auf die ich jetzt nicht explizit eingehe, sondern ich überlasse es euch, ob ihr im Bericht diese Parallelen ebenfalls wieder findet. Ich weiß eines ganz sicher, dass ich diesen Lauf laufen will, mit Juliane. Mit wem auch sonst, wenn nicht mit meiner Marathonpartnerin? Ich schaue zu Juliane rüber und sie jubelt. Ich weiß, dass ich viel von ihr verlange. Ich bin der organisierte Typ, der alles akribisch plant und vorbereitet. Sie ist da eher das Gegenteil was Wettkämpfe und Läufe angeht. Sie lässt es gerne auf sich zukommen. Der aktuelle Deal ist es, dass ich mich um Pace und das Erreichen der Cutoff-Zeiten kümmere. Sie vertraut mir da und lässt mich machen. Vielleicht habe ich da zu viel verlang von ihr und mir. Vielleicht.


Da fiel der Startschuss und wir liefen los. Wir hatten auf den ersten 2,5 km ein gutes Tempo, da wir zügig an den ersten Anstieg wollten. Endlich Trails, Natur und eine tolle Atmosphäre. Wir waren gespannt und auch ein wenig in freudiger, nervöser Stimmung. Der erste Anstieg zog sich über fast 10 km, jedoch mit laufbaren oder schnell zu wandernden Abschnitten. An der Spitze des ersten Berges angekommen standen Personen mit Rosa Puscheln und bejubelten alle. Juliane ließ sich kurz mit ihnen fotografieren und dann ging es weiter zum ersten Downhill. Es war der identische Downhill, wie der letzte Downhill beim Zugspitz-Ultratrail und mein Gedanke war: „Ach du Scheiße. Darf ich kotzen? Ich hasse ihn jetzt schon. Wenigstens ist er diesmal trocken und nicht total matschig vom Regen, wie beim Zugspitz-Ultratrail.“ Ich mochte den Abstieg nicht, aber es half nichts, wir mussten darunter. Auf halben Weg stützte ich. War ja klar. Mir passierte nichts, jedoch zerstörte es einen meiner Trailstöcke vollständig, da er nun einen zweifachen Bruch hatte. Diesen gab ich später am VP 2 ab. Ein Helfer bot es mir an, diesen für mich Fachgerecht zu entsorgen. So lief ich an diesem Tag mit nur noch mit einem Trailstock weiter. Einer war schließlich besser als keiner.


Beim zweiten Anstieg des Tages hatte sich das Feld mittlerweile so sehr gezogen, das wir immer öfter alleine waren. Das war nicht schlimm, aber wir wollten uns auch nicht hetzen lassen. Mehrere Personen sagten uns sehr eindringlich, dass wir nicht zu schnell den Lauf angehen sollten und das viele andere genau diesen Fehler machen würden und die erste Etappe richtig rannten.
Wir wussten relativ schnell, dass wir eher im hinteren Feld waren, aber es war uns egal, denn das wichtige war nur, dass wir Gesund durchkamen und Spaß hatten. Ich drehte mich immer wieder um und genoss die Aussichten ins Tal. Es war landschaftlich einfach wunderschön. Kurz vor dem zweiten „Gipfel“ des Tages, an der Grenze nach Österreich trafen wir einen japanischen Kamaramann. Er filmte mit mehreren und begleitete einige japanische Läufer. Er war total witzig und wir unterhielten uns kurz mit ihm.



Auf dem Weg zum VP 3 lernten wir dann Cindy und Geo kennen und liefen mit ihnen einige Kilometer und unterhielten uns länger mit ihnen. Cindy hatte Geo überzeugen können, hier mitzumachen. Ich glaube, die beiden wussten nicht mehr, als wir, worauf sie sich da eingelassen haben. Es waren auf jeden Fall zwei sehr sympathische Personen. Beim zweiten Downhill des Tages war ich froh, dass ich Handschuhe anhatte, da diese mir beim Abstieg enorm halfen. Ich weiß, dass ich die Handschuhe anzog, um Blasen an meinem Daumen von den Trailstöcken zu verhindern. In diesem Moment beschloss ich, denn gesamten Transalpinlauf nur noch mit Handschuhen zu laufen, damit ich besser klettern konnte und einen besseren Halt hatte.

Das letzte Stück der ersten Etappe war flach und gut zu laufen. Wir sahen Cindy und Geo nicht mehr, da sie lockerer laufen wollten. Juliane und ich nahmen noch einmal Schwung und liefen locker ins Ziel und beendeten die erste und zweitlängste Etappe nach gut 6:47h in Lermoos.

Nach einer kurzen Pause suchte ich den Verkaufsstand von PlanB auf und informierte mich, ob sie noch Trailstöcke verkauften. Es gab nicht die optimalen für mich, und es gab kaum noch welche und ich musste in Bar bezahlen. Das letztere war ein enormes Problem, da ich extra für Hotels Bargeld mitgenommen hatte. Doch den Transalpin-Run ohne Trailstöcke bestreiten? Das wollte ich auch nicht. Wir verhandelten, dass ich am nächsten Morgen mir die Stöcke abholen durfte und dann einfach direkt bezahle.
Danach suchten wir unser Hotel auf, duschten und fuhren zur Pasta-Party. Dankbarerweise nahm uns andere Frontrunner in ihrem Auto mit. Es wäre für uns unmöglich gewesen das reguläre Shuttle zu erreichen, da wir dafür zu spät eingelaufen waren. Das Ziel war sogar noch länger geöffnet, als die Shuttles fuhren. Jeder der nach 8 Stunden drin war, hätte es wegfahren sehen können und die Läufer_innen hatten sogar 9 Stunden Zeit für die Etappe. Das Shuttle wurde gebraucht, da es in Lermoos keine Pasta-Party gab, sondern im benachbarten Ehrwald. Wir hörten später, dass das Shuttle teilweise über eine halbe Stunde zu spät kam. Doch damit nicht genug. Es gab nur eine Essensausgabe für um die 600 Läufer. Daraus folgte, dass die Schlange am Essen sehr lang war und es auch sehr lange dauerte, bis alle Essen bekamen. Das Essen selbst war ok, doch viele Läufer_innen empfanden die Organisation in Lermoos als nicht optimal. Bei dem anschließendem Briefing für den zweiten Tag, gab es auch promt eine Entschuldigung und das Versprechen, dass es nun besser werden sollte. Ich war sehr gespannt, ob sie dieses Versprechen einhalten würden.
Beim Streckenbriefing wurde eine Routenänderung vorgestellt. Ein Streckenabschnitt dürfe nur durchlaufen werden, wenn es trocken sei, doch wegen Regen war der Abschnitt gesperrt. Somit wurde die Strecke um einen Kilometer gekürzt und um 400 positive, wie negative Höhenmeter. Nach dem Streckenbriefing ging es zurück ins Hotel. Dort angekommen trafen sich noch einige im Foyer, um das WLAN zu nutzen. Ich war dabei. Dabei trafen wir Cindy wieder. Lustiger weise erkannte sie mich in „zivil“ nicht sofort. Das führte zu einem sehr interessanten Dialog, als sie plötzlich von dem Tag und mir berichtete. Erst da bemerkte ich, dass sie mich nicht erkannt hatte. Ich machte sie darauf aufmerksam, dass sie gerade von mir sprach. Wir lachten und unterhielten uns weiter. Aber halt, was war das? Ach mein Bett ruft!

05. September 2016, Etappe 2: Lermoos – Imst
Nächster Tag, 2. Etappe. Wir standen früh auf, auch weil wir die Taschen rechtzeitig vor das Hotel bringen mussten. Ich ging am Morgen alleine zum Start, da ich noch neue Trailstöcke kaufen wollte / musste. Dabei lernte ich zwei Spanier kennen, mit denen ich mit ein wenig unterhielt. Sie schienen sehr erfahren zu sein und ich war beeindruckt von ihrer schier endlosen Liste von erfolgreichen Ultraläufen, die sie vorwiesen. Ich war total glücklich, wie viele Menschen ich in so kurzer Zeit kennen gelernt habe. Es wirkte alles sehr familiär, was mir sehr gut gefiel.
Als die Spanier und ich beim Start ankamen, trennten sich unsere Wege. Ich ging alleine weiter zum Verkaufsstand von PlanB. Ich hatte am Vorabend schon alles organisiert und besprochen und so war es ein schnelles und leichtes die Trailstöcker zu bekommen. Allerdings erfuhr ich auch, dass sie nun keine mehr zum Verkauf hatten. Es wurden die wenigen Paare nach einer Etappe verkauft. Ob sie nochmal welche bekamen, wussten sie selbst zu dem Zeitpunkt nicht. Sie waren überrascht, welcher Bedarf plötzlich sich aufzeigte.
Als ich auf Juliane wartete, fühlte ich einen leichten Muskelkater im Oberschenkel, aber dagegen war wohl nichts mehr zu machen. Ich entschied mich ihn rauszulaufen und hoffte einfach, dass er nicht schlimmer werden würde.

Wir starteten bei Regen. Heute gab es zwei Startblöcke, da der erste Anstieg schon nach 1,5 km anfing, ein Singletrail war und man keine größeren Staus dort provozieren wollte. Wir waren im zweiten Startblock anzutreffen. Wir stellten uns vorne rein, um einem potentiellen Stau zu entgehen.
Unsere Taktik war einfach: Im Flachen wollten wir einige Minuten heraus laufen, um dann entspannt den ersten Anstieg hoch wandern. Als kritisch erachtete ich die Cut-Off Zeit des ersten Verpflegungspunktes. Daher war es nicht verkehrt, den Lauf zügiger anzugehen. Durch die Streckenänderungen blieben wir auch am 2. Tag unter der magischen 2000 m Grenze.


Der erste Anstieg war ein sehr schöner Singletrail und es staute sich schnell hinter uns. Wir waren froh, dass wir zügig unterwegs waren und so entspannt und ohne Stau den ersten Anstieg nehmen konnten. Es war ein Single-Pfad durch Gestrüpp und Wald, voller S-Kurven. Sehr bald hörte auch der Regen auf und es lockerten sich die Wolken. Es wurde wärmer und ein Panorama nach dem anderen offenbarte sich. War ich von der ersten Etappe schon sehr angetan, musste ich anerkennen, dass die zweite Etappe noch viel schöner war.


Kaum vorzustellen, dass sich das noch steigen ließe. So liefen wir nach 7,5 km direkt an Wasserfällen vorbei, sahen Wolken auf Augenhöhe und hatten Aussichten, die ich so nicht kannte. Mir stockte mehrmals der Atem. Ich musste mich selbst immer wieder ermahnen, nicht zulange an einem Ort zu verweilen. Wir wussten ja, dass der Cut-Off zum ersten Verpflegungspunkt relativ eng gestrickt war. Daher gaben wir bis dorthin auch richtig Tempo. Das war aber nicht so einfach. Kurz vor dem Verpflegungspunkt mussten wir einen Singletrail durch dichtes Getrüpp bergab schleichen. Eigentlich kam es mir so vor, als wenn ich einen Abhang runter glitt, rutschte und kletterte. Es staute sich sehr und wir verloren sehr viel Zeit. Kurz nach dieser Abstiegsaktion erreichten wir den VP1 gerade so in der Zeit. Wir hatten nur 14 Minuten bis zum Cut-Off. In nur 5 Kilometern weiter sollten wir schon auf den 2. VP treffen. Jedoch war dieser Abschnitt primär ein breiter Waldweg, Straße und ging fast nur Bergab. Die hier vorgesehene Zeit war jedoch plötzlich so großzügig, dass wir den zweiten VP mit knapp einer Stunde vor dem Cut-Off wieder verließen und nun ein entspanntes Rennen zu Ende laufen konnten. Der Weg zur VP 3 stellte sich als unspektakulär heraus, was der Streckenänderung wohl geschuldet war.


Wir liefen entspannt den Lauf ab und der Vorsprung vor dem Cut-Off wurde immer größer und war für uns sehr bald nach dem zweiten VP nicht mehr relevant. Die letzten Kilometer waren eine abschüssige Straße und verlief in die Stadt Imst rein. Daher liefen wir locker ins Ziel und freuten uns, dass wir auch die zweite Etappe nach gut 6:20h erfolgreich mit viel guter Stimmung absolvieren konnten.


Getrübt wurde unsere Stimmung jedoch vom nicht funktionierenden Shuttelsystem. Vor uns warteten einige Läufer schon über eine Stunde, da viele Hotels außerhalb von Imst lagen, so auch unseres. Es endete damit, dass wir nach einer halben Stunde warten ein Taxi nahmen und zum Hotel fuhren. Zwei Stunden später fuhren wir jedoch entspannt mit dem Shuttel zur Pasta Party, denn am Abend funktionierte das Shuttle tadellos. Bei der Pasta Party trumpfte Imst voll auf! Wahnsinn. Kein großes Warten, riesige Portionen an Nudeln, Salat, Nachtisch und alles in allem ein sehr gutes, leckeres Essen. Dieses wurde von den Läufer_innen mit riesigem Applaus gedankt. Auch wenn das Shutteln nach dem Zieleinlauf echt mies war, so war die Pasta-Party ein voller Erfolg. Ich war auch nach zwei Tagen noch völlig entspannt. Das Briefing zur dritten Etappe jedoch, erfüllte mich das erste Mal mit Sorgen, denn es war die Königsetappe. Die meisten Höhenmeter (um 3000 Hm) und die längste Distanz von fast 50 km lagen vor uns. Ich musste direkt an meinen Scott Rock the Top Marathon denken, denn sofort kamen die schlimmen Momente hoch; das gestresste, negative Gefühl. Ja, der Zweifel klopfte an diesem Abend an meine Tür. Ich war vom Briefing sorgenerfüllt und meine belastenden, negativen Erinnerungen ließen mich nicht mehr los. Ich wusste, dass es meine unberechtigten Sorgen waren. Es würde sicher alles gut gehen. Einige von den Asics Frontrunnern beruhigten mich und meinten, dass das wird. Ich war über die Aufmunterung froh, konnte ich doch mit einigen meine Sorgen teilen. Aber im Grunde wollte ich das mit mir ausmachen, da meine Sorgen hoffentlich unbegründet sein sollten. Niemand wusste großartig von meinen Erfahrungen beim Scott Rock The Top und welche Spuren dieser Lauf hinterlassen hatte. Ich realisierte zu diesem Punkt auch noch nicht die Tragweite. Doch durch die dritte Etappe sollte sich vieles ändern. Sehr viel. Und einiges zum negativen.

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Scott Rock the Top 2016 – Ein riesiges Drama

Anfang Juli entschied ich mich spontan den Scott Rock the Top Marathon zu laufen, welcher am 23. Juli 2016 stattfinden sollte. Meine Idee war es noch einen alpinen Marathon mitzunehmen, als Training, Übung und Erfahrung für den Transalpinrun 2016. Ich habe einiges auf dem Zugspitz-Ultra-Trail (ZUT) gelernt, doch die ich wollte gerne noch mehr Erfahrung. So entschied ich mich, erneut in den Süden zu fahren und den Lauf mitzunehmen. Irgendwie freute ich mich über diese Spontanität. Und was soll schon passieren? Ich habe 10:30 Std für 43,6 km Zeit und mache nur 1000 Höhenmeter (Hm) in positiver Richtung mehr und knappe 800 Hm in negativer Richtung weniger als beim 63 km ZUT Supertrail. Dazu noch 20 km weniger und ich brauchte nur knappe 11:20h vier Wochen vorher. Es sollte ein kalkulierbares Abenteuer sein, welches ich schaffen sollte. Er galt zwar als schwerster Marathon Deutschlands und ist wohl einer der schwersten Marathons in Europa, aber das wird schon. Zumindest dachte ich mir das, aber es sollte einiges anders kommen.

 

Die reinen Fakten:

43,6 km

4175 positive Höhenmeter

2290 negative Höhenmeter

Einlauf auf der Zugspitze.

 

  1. Juli 2016

Ich nahm mir einen Tag Urlaub und fuhr nach Ehrwald in Österreich, welches im Zugspitztal lag, wo der Start des Rennens sein sollte. Über 600 Km sollte ein Fahrtweg lang sein. Ich entschied mich diesmal aus verschiedenen Gründen dafür mit dem Auto zu fahren. Am Abend wollte ich rechtzeitig noch kurz nach Garmisch-Partenkirchen fahren. Dort gab es die Pasta-Party, sowie meine Startunterlagen und das Streckenbriefing.

Die Anreise klappte wunderbar. Als ich in Ehrwald ankam, bemerkte ich sogar, dass ich nur knappe 250 m vom Start entfernt meine Pension hatte; welch glücklicher Zufall!

Am Abend holte ich wie geplant meine Unterlagen ab und nahm am Briefing teil. Dort wurde uns gesagt, dass das Ziel vorverlegt wurde auf 42,5 km und einer Höhe von ungefähr 2680 HM. Die letzten gut 250 Höhenmeter, sowie der letzte Km bis ganz hoch auf die Zugspitze wurden nicht mehr als Laufstrecke angeboten. Dies lag an der Wetterprognose die besagte, dass es ab dem frühen Nachmittag starke Gewitter zu erwarten seien und der letzte Kilometer voller Stahlabsicherungen war. Das ist natürlich schade, wurde aber mit einem anerkennenden Applaus der Teilnehmer_innen versehen. Es nun zum dritten Mal in Folge so, dass der Zieleinlauf nicht auf die Zugspitze führte. Ich fand das schade, aber Sicherheit geht vor.

Es wurde am Ende noch einmal betont, dass es sich immer noch um einen vollen Marathon handeln würde. Nach etwas Unterhaltung und einigen Treffen mit bekannten Gesichtern, z.B. den Jungs von exito, fuhr ich zurück in die Pension. Ich setzte mich noch kurz auf den Balkon und blickte hinauf auf die Zugspitze. Welch Anblick für mich. Ich merkte, dass ich immer noch ganz erstaunt von den Bergen bin und es für mich nicht vorstellbar ist, dass ich dort morgen hochlaufen würde.

 

  1. Juli 2016

04:30 Uhr – Kein Hunger

„Wieso klingelt nochmal mein Wecker? Wieso ist um 6 Uhr Start und wieso … ach egal. Ich muss aufstehen, keine Zeit zum Meckern.“ Mit diesen Gedanken stand ich auf und aß, ohne wirklich Hunger zu haben. Danach packte ich meinen Rucksack mit der erforderlichen Pflichtausrüstung. Rucksack mit Pflichtgepäck? Ich musste gute 1,5 Liter Flüssigkeit am Körper transportieren können (ich konnte 2,5 Liter transportieren und trug meist 0,5 bis 2 Liter), sowie eine Wärmedecke, Erste-Hilfe-Set, Notfallpfeife, Handy (welches im Ausland funktionieren muss), Langarm-Laufoberteil, lange Laufhose, Regenjacke, Latexhandschuhe für den Notfall, Mützen und Laufhandschuhe und Ersatzakkus. Insgesamt wog mein Rucksack gute 4-5 kg. Diese Ausrüstung wurde für den hochalpinen Bereich benötigt, denn dort kann das Wetter umschlagen und dort liegt auch teilweise noch Schnee. Zusätzlich hatte ich noch Trail-Laufstöcker, eine GoPro und Energieriegel. Ich war dieses Mal weniger aufgeregt, weniger fokussiert, sondern vorwiegend müde, als ich die Pension verließ und zum Start ging.

 

05:35 Uhr – Einchecken

Ich stehe vor dem Startblock und muss einchecken. Beim Einchecken wird geprüft, ob ich meine gesamte Pflichtausrüstung dabei habe. Dort steht wirklich Jochen von exito und begrüßt mich, wie er es beim Briefing versprochen hatte. Jochen lernte ich auf dem Zugspitz-Ultra-Trail kennen. Ich versprach ihm, dass wenn er kommt, ich zumindest seine Firmenseite liken würde. Dass ich ihn sogar noch hier erwähne, weiß er nicht, aber ich bin ihm wirklich dankbar dafür, dass er kam. Ich kannte sonst niemanden an diesem Morgen und es war verdammt nochmal kurz nach halb sechs an einem Samstagmorgen!

 

06:00 Uhr – Kein Fokus beim Start

Ich gehe mental noch einmal die Zwischenzeiten und das grobe Profil durch. Im Endeffekt habe ich 10 Stunden und 30 Minuten Zeit für den Marathon. Der Startschuss ertönt pünktlich und es geht los. Welches Abenteuer liegt wohl heute vor mir?

Es geht sofort nach links und direkt danach rechts und gucke das erste Mal auf meine Uhr und stelle entsetzt fest, dass ich gar nicht auf Start drückte, geschweige denn ihr mitgeteilt habe, dass ich laufen möchte mit einem vorgegeben GPX Track. Dies bestätigte mich sofort, dass ich weniger fokusiert war. So starte ich die Uhr und warte auf das GPS Signal. Nach einer knappen halben Minute findet er das Signal und ich drückte auf Start. Auf der Uhr war die Strecke gespeichert, was ebenfalls Pflicht ist, wenn man keine Karte mitführen möchte.

„Ach was soll‘s“, denke ich mir. Ich laufe ja nicht auf Zeit, sondern für die Freude und den Spaß. Ich sollte grob bei 9 Stunden rauskommen. Was machen da schon die paar Minuten, die ich vergessen habe? Nichts! 🙂

 

Km 2 – Warmlaufen

Die ersten zwei Kilometer gingen leicht bergab und gerade aus. Wir liefen auf Forstwegen und Straßen. Irgendwann betraten wir einen Pfad und damit die erste Steigung. Der Pfad wurde nach kurzer Zeit sofort zu einem Single-Trail, also einem Pfad der nur so breit ist, dass man hintereinander laufen kann. 1000 Höhenmeter sollten nun erklommen werden.

 

Km 5 – Wow

Wow! Einfach wow. Dieser Ausblick ins Tal, bei strahlend blauen Himmel, war einfach wunderbar; dazu noch die leichten Wolken die über dem Tal hangen. Das gab mir Kraft und ich ging weiter berghoch.


 

Km 12,5 – Alles lief nach Plan

Nach 2 Stunden und 15 Minuten erreiche ich grob den Verpflegungspunkt (VP) 1. Was lag seit Km 5 hinter mir? Nach dem erklimmen von 1000 Hm mussten diese wieder abgestiegen werden. Der Gipfel lag auf ungefähr 1800 Höhenmeter. Der Aufstieg fiel mir leichter im Vergleich zum Abstieg, wo ich erneut viele vorbei lassen musste. Ich stürzte auch bei einem Bachlauf einmal, aber es passierte zum Glück nichts ernsthaftes. Ich war froh, so früh den VP 1 erreicht zu haben. Ich lag nun 45 Minuten vor dem Cutoff, was ein gutes Polster schon darstellte. Ich wollte natürlich entspannt laufen, aber ich wollte nicht disqualifiziert werden. Ich lief aus dem VP 1 raus und konnte erst einmal knappe 3 Km voller Laufreude verbringen. Es ging leicht rauf, leicht runter und mir gefiel das. Bis zum VP 2 wurden zwar Höhenmeter gesammelt, doch es gab nicht den Berg zu besteigen. Mir gefiel der Streckenabschnitt.

 

Km 18 – Drama, Stufe 1 von 4

Und irgendwann, rückblickend betrachtet, fing das Drama an. Wenn ich einen Wendepunkte benennen müsste, dann bei Km 18, gute 4 Km vor dem VP 2. Es war ein gut ausgebauter Forstweg, der zudem relativ flach war. Mein Plan war es diesen zu laufen, aber ich tat es nicht. Ich konnte es nicht. Ich war total fertig und hatte zum ersten Mal in meinem Leben ein intensives Gefühl von „Ich steige aus und gehe DNF (Did Not Finish). Das ist mir zu viel. Ich möchte nicht mehr.“

Ich beschloss, dass ich sowieso noch zur VP 2 müsste und dass ich bis dahin erst einmal gehen würde. Danach wollte ich gucken, ob es mir immer noch so mies geht.

 

Km 22 – Der Dickkopf

Manchmal bin ich ziemlich dickköpfig, so auch, als ich VP 2 erreichte. Wir hatten knappe 5 Stunden Zeit gehabt, um hierhin zu kommen und ich war nach knapp 3:50h dort endlich angekommen. Somit hatte ich gute 1:10h Vorsprung vor dem Cutoff. Ich wusste, dass nun ein langer und harter Anstieg, von erneut gut 1000 Höhenmeter, vor mir lag. Laufen war also sowieso nicht drin, und das Gehen funktionierte. „Ach was soll‘s, ich gehe einfach weiter! VP 3 lege eh viel näher an meiner Pension.“ Ich habe für die nächsten 10 km mit 1000 Hm hoch und 500 Hm runter gute 3 Stunden Zeit, plus eine Stunde die ich noch vor dem Cutoff bin. Insgesamt waren das also fast 4 Stunden. Das wird schon werden. Ich füllte meine Vorräte auf und ging los.

 

Km 25 – Der unbekannte, nette Herr

Der Gipfel war erreicht. 3,5 Km, 1000 Hm, permanent über 30 Prozent Steigung. Dieser Anstieg war wirklich anspruchsvoll und zum Ende hin technisch. Auf halber Strecke musste ich mich hinsetzen und eine Pause machen. Jeder Läufer und jede Läuferin, die vorbei kamen, fragten mich, ob alles in Ordnung sei. Ich antwortete: Mir ginge es gut, ich brauche nur eine Pause. Ich genoss dabei die Aussicht und erkannte, dass da unten irgendwie VP 2 sein musste. Ich lächelte und erholte mich. Nach guten 5 Minuten brach ich wieder auf.
Ein langer und harter Weg lag noch vor mir, bis ich endlich oben ankam.

Als ich oben ankam, lernte ich auch einen unbekannten, netten Herrn kennen, der schon viele Ultras lief. Alleine in diesem Jahr lief er die 70 km beim Rennsteig erfolgreich. Er lief noch weitere Ultras in diesem Jahr, aber die habe ich mir nicht behalten können. Er machte auf der Spitze dieses Anstieges ein Foto von mir und wir quatschen noch ein wenig. Da ich den Downhill teilweise laufen konnte, denn er war mir nicht zu steil, sah ich Eindrücke und Bilder, die mich dafür belohnten, dass ich dank meines Dickkopfes weiter gelaufen war. Ich war erneut sehr sprachlos über das, was ich an Eindrücken wahrnahm. Alleine in der Ferne die Zugspitze zu sehen, erfreute mich, aber beängstigte mich gleichermaßen. Da sollte ich gleich noch rauf? Es ging mir wieder besser, denn mein Tief hatte ich endlich überwunden. Ich war etwas später wieder alleine, da beim Downhill entweder viele mich überholten und vorliefen.


 

Km 30 – Die Dame mit den pinken Haaren

Nach dem Downhill, ca bei Km 27 gab es einen flachen Abschnitt der sich bis zum VP 3 hinziehen sollte. Dieser flache Abschnitt begann mit einem tollen See, denn man schon von der Höhe aus sehen konnte. Der flache Abschnitt selbst sollte ungefähr bei Km 32 sich befinden. Erst liefen wir an einem Teich vorbei und danach ging es in einen Waldabschnitt. Ich lief recht zügig und holte den unbekannten, netten Herren wieder ein, denn der ging. Er meinte, er hätte noch genug zum Cutoff und wolle sich nicht stressen. Ich nickte und meinte, dass es mir gerade gut ginge und ich deswegen etwas Tempo machen würde.

Kurz nach dieser Szene kam direkt eine Weitere. Vor mir lief eine Dame mit pinken Haaren. Das erste Mal fiel sie mir bei der VP 1 auf, wo sie mich überholte und ich sie kurz danach. Beim 2. Aufstieg war sie dicht hinter mir und nun durch den Downhill wieder vor mir. Berichtenswert macht diese Dame folgende Situation. Wir laufen auf einer Höhe von 1500 m. Sie lief ungefähr 50 m vor mir bis sie plötzlich freudig schrie. Am Wegesrand traf sie zufällig (!) Bekannte, welches durch Sätze wie „Was machst du denn hier?“ – „Ich lauf einen Marathon“ bekräftig wurde. Als sie sich wieder losriss und weiterlief, liefen wir nebeneinander. Durch das laute Reden, verstand ich auch Wortfetzen, die mir zeigten, dass sie nicht beim Briefing war. Ich sprach sie darauf an und sie bejahte, dass sie nicht da war. Ich zeigte auf die dunklen Wolken rund um die Zugspitze und das es Gewitter geben würde und fragte weiter, ob sie wissen würde, was zu tun sei. Als sie dies verneinte, klärte ich sie über die Sicherheitsmaßnahmen und potentiellen Hütten und allgemeinen Gefahren des nächsten Streckenabschnitts auf. Sie bedankte sich und wir verabschiedeten uns kurz vor der VP 3. Doch das war nicht das letzte Mal, dass wir miteinander sprachen.

 

Km 32 – Drama Stufe 2 von 4

Ich erreichte den VP 3 bei km 32 nach gut 6:45h. Ich hätte 8 Stunden Zeit gehabt. Ich hatte nun bis zum Cut-Off 1:15 mir heraus gelaufen. Ich freute mich und fühlte mich gut. Ich schnackte mit verschiedenen Leuten und füllte meine Vorräte für den letzten Anstieg auf. Ich lachte, scherzte mit anderen. Die heitere Situation endete plötzlich, als folgender Dialog entstand:

Eine Helferin: „Du hast keine 1:15 mehr bis zum Cutoff. Du hast nur noch 5 Minuten.“

Ich: „Aber ist die Durchgangszeit nicht bei 8 Stunden?“

Helferin: „Doch, aber das Gewitter zieht früher auf. Wir schließen vorzeitig. Wenn du unsicher bist, geh zum Streckenchef. Der steht dort vorne am Auto.“

Ich ging zum Auto.

Ich: „Hallo Streckenchef. Wie ich habe nur noch 5 Minuten bis ihr schließt? Bitte informiere mich, damit ich für mich eine Entscheidung treffen kann.“

Streckenchef: „Das stimmt. Du darfst jetzt noch los, aber ich schließe gleich. Das Gewitter zieht auf und ihr müsst in 60 Minuten an den Gatteln vorbei sein.“

Ich: „Das waren die Steilseile?“

Streckenchef: „Genau. Die fungieren als Blitzableiter und es ist zu erwarten, dass der Blitz pro Gewitter dort einmal einschlägt.“

Ich: „Gib mir bitte Fakten, damit ich gucken kann, ob ich das in einer Stunde schaffe.“

Streckenchef: „Klar“. Er holte seine Streckenkarte hervor: „Du musst 3,5 km mit 500 Hm schaffen. Dafür hast du 60 Minuten Zeit. Du MUSST in 60 Minuten da vorbei sein. Ansonsten bist du auf offener Strecke ohne Schutz. Der nächste Schutz nach den Gatteln ist der VP 4.“

Ich: „3,5 km mit 500 Hm in 60 min? Das schaffe ich.“

Streckenchef: „Dann viel Erfolg.“

Ich bedankte mich, schnappte mir meine Trailstöcke und lief sofort los. Keine 5 Minuten später drehte ich mich um und sah, dass nur noch 5 Personen hinter mir waren und dann kam ein riesiges Nichts. Keine weiteren Läufer. Sie hatten VP 3 geschlossen. Wie viele wohl nicht mehr weiter durften? Ob ich wohl im Mittelfeld war oder im hinteren Feld war? Kurz danach verwarf ich den Gedanken und ging weiter. Wir liefen eine Skirampe mit guten 35, 40 Prozent Steigung hoch. Der erste Läufer direkt hinter mir fluchte und wollte schon fast umdrehen, bis er sah, dass hinter ihm keine mehr kamen. Er war verwundert. Ich klärte ihn über mein Gespräch mit dem Streckenchef auf. Er ging weiter. Die Skirampe waren gute 700 m Distanz und gute 300 Hm. Ich dachte dort: Ja nur noch 200 Hm und 2,8 km. Das sollte doch entspannt werden. Doch es wurde nicht entspannt, denn als ich oben ankam realisierte ich, dass ich nicht 500 Hm laufen durfte, sondern 500 Hm absolut. Ich durfte kräftig bergab laufen und sah in der Ferne die nächste Steigung, die nicht viel besser war. Erneut lief ich weiter. Mir kamen viele Wanderer entgegen, die gerade abstiegen. Sie meinten, dass der Weg zu den Gatteln noch gut eine Stunde dauern sollte. Ich sah auf die Uhr und hatte schon 35 Minuten benötigt und war irritiert. Doch ich lief weiter und es ging so weiter. Es ging rauf und runter, und wieder rauf. Und ich sah keine Gatteln. Ich hatte mittlerweile 1:10h auf der Uhr und war im totalen Stress. Ich hatte viele Läufer hinter mir gelassen und war schon sehr zügig, aber ich sah keine Gatteln und ich war schon über die Zeit. Stärkerer Regen setzte ein und es grummelte schon in den Wolken. Ich sah mich nach Tieren um und versuchte zu erkennen, ob diese entspannt waren oder zusammen hockten. Sie hockten nicht zusammen und machten einen entspannten Eindruck. Ich atmete tief aus, da das Gewitter noch etwas weg war.

Irgendwann erreichte ich ein Trupp von der Bergwacht. Ich fragte, wo die verdammten Gatteln waren und sie entgegneten, dass diese da „vorne“ in 200 m seien. Ich lief hin, stützte, stand wieder auf und lief weiter. Ich erreichte die Gatteln und sah auf die Uhr. Ich hatte annähern 1:35h von der VP 3 bis hier hin gebraucht, sagte mir ein Blick auf die Uhr. Ich schaute zum Himmel, es war immer noch dunkel grau, es regnete und grummelte über mir. Ich atmete erneut tief ein und griff nach dem Stahlseil und fing an hoch zu klettern, denn es war eine Kletterpassage. Als ich endlich oben ankam, ließ ich die Gatteln los und sah einen weiteren Trupp von der Bergwacht.

Ich: „Wie sieht es mit dem Gewitter aus?“

Bergwacht: „Das schlimmste liegt hinter uns. Es rauschte an uns vorbei. Wir haben Glück gehabt. Es wird auch langsam wieder heller.“

Ich: „Puh! Das beruhigt mich. Und wie lange ist es noch bis ins Ziel von hier aus?“

Bergwacht: „Ja so knappe 2 Stunden solltest du noch rechnen.“

Ich: „2 Stunden? Die sagten uns an der VP 3, dass es nur 2,5 Stunden sein sollte. Ich hab jetzt schon 1,5 Stunden gebraucht und nun sind es nochmal 2 Stunden?“ Ich blickte auf meine Uhr. 8:30h hatte ich schon absolviert. Das hieße ich kam kurz vor dem Cut-Off rein. Das sollte passen. Auf ging es auf die letzten 5 km.

Direkt bei der Bergwacht, am oberen Ende der Gatteln war die Staatsgrenze zwischen Deutschland und Österreich. Ich machte fix ein Selfie und ließ mir zeigen, wo die VP 4 in der Ferne war. Die zwei Kilometer bis zur VP 4 sollten auch kaum laufbar sein. Wegen dem Regen, waren die Felsen sehr rutschig und ein zügiges voran kommen schien kaum möglich. Da wurde ich von Dirk überholt, den ich vorher noch nicht kannte. Er rief mir zu, er habe einen Lauf und es würde rollen. Ich wünschte ihm viel Erfolg und das er es zügig und Gesund bis ins Ziel schaffen möge. Er meinte, dass ich ihm am Berg sicher wieder einholen würde. Dies dementierte ich, da das nur noch entspannt nach Hause bringen wollte.

Irgendwann erschient das „noch 5 km“-Schild und wusste, jetzt sind es nur noch 4 km, da sie ja das Ziel um einen Km vorverlegt hatten und erreichte kurz nach dem „noch 4 km“ die VP 4.

 

Km 38 – Drama Stufe 3 von 4 oder die falsche Annahmen

Die Jungs von der VP 4 fingen schon langsam an abzubauen, als ich eintraf. Ich schnacke neben dem auffüllen und meinte: „Ich hab jetzt 9:15 auf der Uhr, also noch 1:15 bis zum Cutoff und nur noch 3 km. Das klingt doch machbar.“ Worauf ich sofort folgende vernichtende Antwort vom Helfer erhielt: „Nein es sind noch 4 km, dass Stand ja eben auf dem Schild dort vor der VP.“

Ich: „Ja aber ihr habt das Ziel doch einen Kilometer vorverlegt.“

Helfer: „Das stimmt, aber wir haben auch heute Morgen alle Schilder neu ausgerichtet.“

Ich: „Das heißt, ich habe noch 1:15h für 4 km? Okay es soll ja nur noch bergauf gehen, aber das klingt doch trotzdem machbar.“

Helfer: „Und wie kommst du auf noch 1:15h?“

Ich: „Na der Zielschluss ist doch um 16:30 Uhr. Wir haben doch 10:30 Uhr für den Lauf Zeit.“

Helfer: „Das ist wohl eine Fehlinformation. Zielschluss ist um 16:15 Uhr und damit auch der Cutoff.“

Ich: „Nicht im ernst. Ich bin fest davon überzeugt gewesen, dass er bei 10:30 Uhr liegt. Verdammt, ich muss los. Das ist ja annähernd unmöglich. Danke für alles“

Ich griff meine Stöcker und lief sofort los. 4 km, über 400 Hm in weniger als einer Stunde? Wie sollte ich das nur machen? Es war felsig, rutschig und Wanderer kamen einen entgegen, die einen zwangen hin und wieder kurz stehen zu bleiben. Jetzt sah alles danach aus, als wenn ich es nicht mehr schaffen sollte.

Ich gab alles auf dem Weg nach oben, holte jede Kraftreserven hervor. Ich ärgerte mich insbesondere über mich selbst. Ich ließ mit anderen Läufern meinen Frust raus. Wir fragen einander, ob wir es noch schaffen, ob sie wohl länger das Ziel offen lassen würden oder um diese über 10 stündige Belastung wohl für nichts war. Nichts bedeutet hier keine Medaille und kein Finisher Shirt. Dann kam es, dass noch 3 km Schild. Ich sah auf meine Uhr und es waren 9:35 Stunden vergangen. Noch 40 Minuten und noch 3 km. Bei meinem aktuellen Tempo war ich erst nach 10:35 Stunden drin. Wie sollte das nur werden? Es ging weiter steil den Berg hinauf. Einige Läufer überholten mich, andere überholte ich dafür. Alle fluchten und kämpften, keiner wollte aufgeben. Aber man spürte bei den meisten den Druck des Cutoffs.

Dann erschien das „noch 2 km“ Schild. 9:52h hatte ich nun auf der Uhr. Ich war etwas schneller geworden, doch mir blieben nur noch 23 min für diesen Abschnitt. Endlich kam ich auf einer Kuppel an und sah, dass es etwas runter ging. Dort stand ein weiterer Trupp der Bergwacht: „Ja gut so! Seht ihr da vorne den kleinen Hügel? Von hier bis dahin und noch einmal genau die gleiche Strecke. Dann habt ihr es. Super!“

Ich lief, wo ich laufen konnte und ich ging sehr schnell wo ich es nur noch konnte, wie auf dem sehr glattem Schnee. Wir waren mittlerweile auf 2600 Meter Höhe angekommen. Vor mir erschien wieder Dirk. Ich sollte ihn doch noch einholen? Sollte er recht behalten?

 

Km 41 – Maximales Drama und Stufe 4 von 4 – Die Erkenntnis eines Irrtums

Und dann überholte ich Dirk, der eine Läuferin begleitete, kurz vor dem „noch 1 km“ Schild. Als dieses erschien, sah ich auf meine Uhr: 10:08h. Wow! Ich hatte noch 7 Minuten und nur noch ein Kilometer. Das war zwar sehr wenig, aber in anbracht des letzten kleinen Hügels machbar. Ich sammelte noch ein letztes Mal alle meine Kräfte und verlor für einen Moment die vollständige Spannung. „OH NEIN, DAS DARF DOCH NICHT WAHR SEIN“, war mein Gedanke und es durchzuckte mich vollständig. Ich hatte beim Start zu spät auf die Uhr gedrückt. Ich weiß nicht, wie viel Zeit ich da verloren hatte. Hatte ich nicht noch gedacht, dass es auf die paar Minuten nicht ankommt? Es kam tatsächlich auf die paar Minuten an. Das kann nicht wahr sein. Solche Rückschläge aus dem Wetter, falsche gespeicherte Informationen oder eben solche Irrtümer warfen mich immer wieder moralisch zurück und ich fragte mich, ob irgendjemand mich ärgern wollte. Diese Folge von Gedanken durchzuckte mich nur wenige Sekunde. Alles wirkte wie ein schlechter Roman, der jedoch völlige Realität war. Dann trat großer Trotz ein. Mir war plötzlich jedes Risiko egal. Ich holte mir die gesamte Anspannung zurück und lief los ohne mehr anzuhalten. Bergab, danach über den glatten Schnee, auf den letzten Hügel. Alles belief ich vom Tempo meiner 1000m Intervalle, abzüglich der dünneren Luft und der schon vorhandenen Erschöpfung. Ich rannte so schnell ich konnte, ja ich sprintete. Dann hörte ich Musik und erkannte, dass ich um das eine Gebäude komplett rumlaufen musste. In dieser Umrundung sah ich die Dame mit den pinken Haaren wieder, sie feuerte mich an und sah schon umgezogen aus. Ich wollte endlich diese Anzeige sehen, diese verfluchte Anzeige, ob ich es noch im Cutoff schaffe oder nicht. Und dann war der Moment da, wo ich endlich um das Gebäude rum war und sah, dass ich nur noch gute 20, 30 m bis zur Ziellinie hatte. Ich blickte mit einem gemischten Gefühl von Angst und Erwartung auf die Uhr und erkannte folgende angezeigte Zeit: „10:13h“ und ein paar Sekunden. Ich fing unmittelbar anzuschreien und jubeln und bekam mich nicht mehr ein. Ich übertrat die Ziellinie mit einer „10:13:36h (brutto)“ und lag damit 84 Sekunden (brutto) unter dem Cutoff. Hinter der Ziellinie schrie ich weiter und hüpfte und jubelte. Die Moderatoren freuten sich mit. Eine nette Frau hängte mir die Medaille über den Hals und dann kurz nach mir kam Dirk durch das Ziel. Wir schlugen uns ab und dann musste ich erst einmal an den Rand gehen. Ich musste weinen. Der ganze Druck, dass Drama, die immer wiederkehrenden Rückschläge und die Tatsache, dass so viel passiert ist, ich so viel Risiko in Kauf nahm und am Ende dafür belohnt wurde, wühlten mich vollständig auf. Es war sehr knapp, aber ich hatte es geschafft. Ein unbeschreibliches Gefühl und ein nachhaltiges, welches das Thema Cutoff für mich sehr negativ besetzte.


 

20:00 Uhr – Pasta Party, die 2.

Nach dem Erhalt des Finisher-Shirts fuhr ich per Gondel zurück nach Ehrwald, machte mich frisch und setzte mich auf den Balkon, um etwas zu entspannen. Ich las nochmal die Beschreibung und musste feststellen, dass die CutOff Zeit wirklich nach 10:15h war. Ich weiß bis heute nicht, wie ich zu diesem Irrglauben und Fehlinformation kam, dass ich 10:30h Zeit haben könnte.

Ich beschloss zur 2. Pasta Party zugehen, um ggf. einige Personen zu treffen, die ich kannte für einen Austausch. Dieses Mal war die Pasta Party in Ehrwald und fast nebenan. So ging ich los und traf u.a. Familie Laufs. Ich sah mir zuvor die aufgehängten Ergebnisse an und sah, dass ein knappes Drittel des Feldes bei VP 3 raus genommen wurde. Damit hatte ich nicht gerechnet. Ich traf auch andere Läufer, die bei VP 3 disqualifiziert worden sind. Sie regten sich auf. Keine Medaille, kein Shirt und es gab wohl nur unfreundliche Worte. Die Stimmung war auf dem Boden bei VP 3. Natürlich war es der Lauf, bei dem 2012 zwei Personen an Unterkühlung starben und natürlich wollte man vorsichtig sein, doch die Art der Behandlung sei schlecht gewesen, so der eine Läufer.

Am Ende der Pastaparty entschuldigten sich auch die Veranstalter für ihren Ton bei VP3 und sicherten zumindest die Medaillen zu, jedoch nicht die Shirts. Man erklärte nochmals, wie gefährlich die Situation gewesen sei und das sie kein Risiko eingehen wollten.

 

  1. Juli 2016

8:00 Uhr – Andere Blickwinkel

Beim Frühstück in der Pension waren auch andere Läufer anwesend, die allesamt beim VP 3 disqualifiziert wurden. Sie ärgerten sich über die nicht erhaltenen Qualifikationspunkte für den Ultratrail de Monc Blanc, über das Wetter und auch über sich selbst. Sie berichteten davon, wie sie in eine Hütte einkehrten und entspannt was tranken, eben weil sie dachten, sie hätten noch ausreichend Zeit, doch sie passierten die VP 3 gute 15 min nach mir, daher 10 Minuten zu spät und wurden disqualifiziert. Die Läufer berichteten, dass gerade die Läuferinnen besonders viel Druck auf den Streckenleitung bei VP 3 gemacht hatten und viele Tränen flossen. Die Leitung zeigte sich jedoch als hart und schickte alle per Gondel ins Tal. Die Strecke war und blieb geschlossen. Es gab viel Enttäuschung. Auf der anderen Seite berichtete ich, was ich erlebte.

Was für ein intensives Wochenende, was für ein Lauf, was für ein Drama. Die Summe aus körperlicher und emotionaler Erschöpfung brach am Sonntag Abend, als ich sicher zu Hause ankam, über mich ein. Jetzt rückte der Transalpinlauf in greifbarer Nähe. Wie soll ich den nur schaffen?

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Zugspitzultra 2016 – Supertrail (63 km, 2950 HM) – Mein erster Ultra

Es war der 17. Juni 2016, als ich mich früh morgens in den Zug setzte. Mein Ziel war Grainau, das Dorf an der Zugspitze auf der deutschen Seite. Der Grund meiner Reise war der Zugspitzultratrail (ZUT). Es wurden fünf unterschiedliche Distanzen angeboten, von 25 km bis 101 km. Ich entschied mich für den Supertrail: 63 km mit ungefähr 3000 Höhenmeter (Hm).
Während der Fahrt nach Grainau dachte ich viel über dieses Abenteuer, meinen ersten Ultralauf, nach. Ich lebe aktuell in Bielefeld, einer Stadt die den Teutoburgerwald hat und damit einige Hügelchen vorweisen kann, im Vergleich zu den Alpen. Diese bin ich auch fleißig auf und ab gelaufen, doch über 1000 Hm kam ich nie auf einer langen Trainingseinheit. Ich hätte auf jeden Fall andere Ultras zuerst laufen sollen, die vielleicht flacher sind oder mir ein Terrain bieten, welches ich gewohnt bin. Ich wollte aber den alpinen Zugspitzultra laufen! Ich musste ihn laufen! … Als Trainingseinheit. *seufzt*

„Warte… als Trainingseinheit? Das soll dein erster Ultralauf werden. Wieso um Himmels willen, ist das jetzt nur eine Trainingseinheit? Was hast du denn schon wieder vor?“ Ja diese Frage wurde mir genauso gestellt. Meine Antwort war: „Ich habe mich für den Transalpinrun angemeldet. Eine läuferische Alpenüberquerung von Deutschland nach Italien, über Österreich. 250 km mit 15000 Hm in 7 Etappen. Ich dachte es wäre eine gute Idee davor einen alpinen Ultra zu laufen, um Erfahrung mit dem Equipment und dem Untergrund zu bekommen.“ Die Antwort kam prompt: „Du bist doch verrückt!“
Vielleicht hätte ich erwidern sollen, dass ich mir das gut überlegt hatte, bewusst die 63 km ausgesucht habe, um die Königsetappe des Transalpinlaufes zu simulieren und das es so besser war, als einfach nur direkt über die Alpen zu laufen.

 

Nach einigen Stunden erreichte ich Grainau und es dauerte nicht lange bis ich mich mit meiner Marathonpartnerin Juliane traf. Sie startete zum zweiten Mal auf den 101 km. Ich lernte sehr schnell viele neue Personen kennen, darunter auch die Jungs von exito (Jochen, Stefan und Bart), Markus und ach nach viele andere. So verging der Tag sehr schnell mit Nummern holen, Pastaparty, Streckenbriefing, netten Menschen und einen Regenschauer, der so heftig war, dass man sich im Zelt nicht mehr unterhalten konnte, weil das prasseln auf das Dach so unfassbar laut war.

 

18.06.2016
5:00 Uhr – Aufstehen
Ich stehe so langsam auf und mir wird bewusst, dass dies der Tag meines vielleicht ersten Ultras wird. Ich packe meinen Rucksack zum allerersten Mal und habe Angst, dass nicht alles rein passt. Wieso habe ich eigentlich dies nicht vorher ausprobiert? Ich ärgere mich über mich selbst kurz. Was ist wenn ich nicht alles mitbekomme? Es gibt eine Reihe von Dingen, die ich als Pflichtausrüstung in meinem Laufrucksack mitführen muss: wasserdichte Regenjacke; komplettes Set an warmer, langer(!) Kleidung; Handschuhe; Mütze; Stirnlampe mit Ersatzbatterien; Becher zur Aufnahme der Getränke an den Verpflegungsstellen; Wasserbehälter (1,5 Liter); Notfallausrüstung (Von Rettungsdecke, über Notfallpfeife und Verbandspäckchen bis hin zu Wärmedecke und noch mehr Kram); Mobiltelefon und auch dafür Ersatzakkus, da mein Akku nicht mehr lange hält. Ich hatte dann noch meine GoPro dabei. Es passte wirklich alles in meinem 12l Salomon Rucksack bis auf die Jacke. Verdammt. Nach einer kleinen Runde panisches „Alles-muss-rein-Tetris“ schaffte ich es, alles mitzuführen und war erleichtert. Allerdings war ich nun hinter meinem Zeitplan.
Dann musste ich fix zum Frühstück. Dort traf ich Markus und die Jungs von exito wieder, die schon fast fertig waren. Wir quatschen und aßen zusammen. Dann trafen Markus und ich uns etwas später vor dem Hotel und gingen zum Bustransfer, denn unser 63 km Start lag in Österreich und wir wurden erst dorthin gefahren.

7:35 Uhr – Die Fahrt zum Start
Es war herrliches Wetter. Die Prognose war, dass es zum Abend regnen sollte. Doch im Moment hatten wir strahlend blauen Himmel. Wir kamen bei dem Bus Shuttle an, bekamen einen Sitzplatz und fuhren fast 45 Minuten. Irgendwann erreichten wir unseren Start und stellten uns erst einmal ans einsame Klo an. Viele Leute, wenig Klos, so ist das halt. Bei den Klos traf ich dann auch meine alte Vereinskollegin Kathi wieder. Wir quatschten kurz und trafen uns nach dem einchecken im Startbereich wieder und machten ein Selfie. Einchecken bedeutet hier: Die Pflichtausrüstung wird überprüft und wir wurden als anwesend abgehakt. Die Anspannung stieg bei mir. Ich erinnere mich noch, wie ich mich um sah, die hohen Berge um mich herum wahrnahm und überlegte, über welchen ich wohl drüber laufen durfte. Markus und ich wünschten und viel Erfolg und sortierten uns an unterschiedlichen Punkten im Startbereich ein.

 

 

Km 0: Der erste Berg
Und dann spielten die Veranstalter das Lied „Highway to Hell“ und kurz darauf ertönte der Startschuss. Es ging los und ich lief locker los. Naja locker, war die Intention. Die ersten drei Kilometer waren nur leicht Bergauf, so dass ich ungefähr eine Pace von 5 Minuten lief. Doch es ging tiefer in den Wald und damit wurde es auch steiler. Nachdem vierten Kilometer war es so steil, dass alle schnell wanderten. An ein echtes Laufen war nicht mehr zu denken. Und so ging es rauf bis auf 2080 Höhenmeter bis zum Scharnitzjoch. Auf diesem ersten Anstieg wurde mir einiges bewusst: Was mach ich hier? Ich habe keine Ahnung, wie ich die Trailstöcke verwende. Ich habe keine Ahnung, wie man solche langen Steigungen effizient hochgeht. Ich habe keine Ahnung wie sehr es mich belasten wird, wenn ich so zügig hier hoch gehe und abschließend bleibt nur zu sagen: Ich hatte ich absolut keine Ahnung, was ich hier eigentlich machte. Ich wusste warum, ich hier lief, aber ich wusste nicht wirklich was ich da mache. Ich fühlte mich wie ein Anfänger, völlig unbeholfen und mir wurde sehr schnell klar, dass ich dieses Gefühl vergessen hatte. Ich schaute die anderen Läufer_innen an, wie sie die Stöcker benutzten, ihre Beinarbeit und hoffe mir irgendwas abgucken zu können. Ich war ein erfahrener Läufer, sogar ein erfahrener Marathonläufer. Ich hatte nur keine Ahnung von alpinen Läufen und ich war noch nie über 2000 m in der Höhe. Ich wusste nicht einmal, ob ich die Luft vertrage. Der Gedanke, dass dies primär ein Trainingslauf ist, half mir sehr. Es fokussierte mich auf das wesentliche an diesem Tag: Nicht stürzen, nicht übertreiben und neue Erfahrungen sammeln. So ging ich den ersten Berg hoch. Plötzlich sah ich frei rumlaufende Kühe neben mir und Ziegen und ich war so positiv überrascht, weil ich das einfach nicht kannte. Alles war so neu für mich, so anders als alles was ich bisher erfahren durfte.

 

Irgendwann kurz vor dem Gipfel des ersten Anstieges sah ich das Schild: „55km to go“. Ich wusste, dass ab hier spätestens die 80er und 101 km Läufer die identische Strecke laufen müssten, wenn sie ins Ziel kommen möchten. Nach dem Anstieg auf das Scharnitzjoch ging es weiter. Ein langer Downhill kam und auch hier musste ich einiges sofort erfahren: Ich kann kein Downhill laufen. Ich war sehr vorsichtig. Insbesondere, als wir über Schnee laufen mussten. Ich war über den Anblick von Schnee so erfreut, dass ich mir dachte: „Es wäre jetzt verdammt toll, wenn ich frontal mit meinem Gesicht den Schnee küsse und mich so richtig hinlege.“ Gesagt, getan. Ich rutsche als Bonus sogar noch etwas abwärts, aber nur so 1-2 m. Mein erster Gedanke war „Ich hoffe, alles ist heile.“ Nachdem ich aufstand und alles überprüfte, stellte ich fest, dass alles in Ordnung war. Ich lief weiter den Berg runter. Irgendwann kamen wir zu einem Abschnitt, der durch den Regen der Vortage völlig aufgeweicht war. Ich war sehr langsam und ließ eine Menge Leute vorbei.
Nach einer gefühlten Ewigkeit kam ich endlich in einen eher flacheren Abschnitt mit guten Forstwegen, wie ich es aus der Heimat kenne. Sofort ergrifft ich wieder ein ordentliches Lauftempo und freute mich enorm. Ich tippte, dass die erste Verpflegungsstation (VP) nicht mehr weit weg war. Dies war die VP 5. Die Zählung galt für die 101 km Läufer. Erstmal lief ich länger und erfreute mich, dass ich die ersten 1000 Hm schon vollendet hatte. Ich fühlte mich im Moment gut und sah optimistisch nach vorne. Zwischendurch unterhielt ich mich mit mehreren Personen. So rannte eine Frau von der anderen Seite auf das Scharnitzjoch, um ihren Mann auf dem Gipfel einen Kuss zu geben und dann rannte sie wieder runter. Andere berichteten mir, dass der letzte Anstieg noch anspruchsvoller werden sollte. Ich war sehr gespannt.

 

Km 15: VP 5 und der flache Abschnitt
Ich kam nach gut 2:17h an die VP 5 an und lag damit noch gut in der Zeit. Ich nahm mir viel Zeit, um zu Essen und zu trinken. Getränke wurden auch aufgefüllt. Nach wenigen Minuten ging es weiter. Nun sollte der für mich wohl stärkste Abschnitt liegen: Ein 10 km relativ flacher Abschnitt mit fast keinen Höhenmeter. Ungefähr bei km 26, sollte der nächste VP 6 sein. Als ich los lief, sah ich noch ein Pärchen, welche ordentlich jubelten und ich jubelte zurück. Yeah!
Der Abschnitt war flach. Ich konnte hier meine Schnelligkeit im flachen voll ausspielen. Annähernd die gesamten 10 km lief ich durch, was mir sehr gut tat. Unterbrochen wurde diese Pace nur von Eindrücken, die ich auf jeden Fall auf Fotos und Film festhalten wollte. Es gab wirklich für mich besondere Eindrücke von Flüssen und Bergen, um mich herum. Selbst die Passagen auf einer Straße trübten den Einblick nicht wirklich. Am Ende dieses Abschnitts liefen wir nach Deutschland, genauer nach Mittenwald.

 

KM 26: VP 6 und der Regen
Ich war total überrascht, dass ich nach gut 3:25h hier schon ankam. Damit hatte ich nicht gerechnet. Bisher lief alles sehr zufriedenstellend, doch Wolken zogen sich zu. Ich aß etwas, füllte meine Getränke auf und lief weiter. Nach gut 5 km sollte schon die VP 7 kommen. Auf ging es.
Ich lief weiter und freute mich auf den nächsten Abschnitt. Er war in meinem Kopf als „eher flach“ im Kopf geblieben, aber so flach war er nicht. Ich konnte die Anstiege plötzlich nicht mehr so gut laufen und ging. Der Regen der Vortage hatte alle Böden aufgeweicht und es war stellenweise, an sehr schlammigen Abschnitten, rutschig. Meine Pace nahm daher ab, aber den meisten anderen Läufern um mich herum erging es ähnlich. Wir Läufer wurden wieder in einen Waldabschnitt gelotst, der zu einem See führte. Ich durfte um den See laufen und erreichte am Ende der fast Umrundung die VP 7.

 

KM 31: VP 7 und die unerwünschte Kostprobe
Knapp die halbe Strecke beendete ich nach gut 3:58 Stunden. Yeah! Der Regen setzte ein und ich zog meine Regenjacke an. Ich füllte schnell alle Vorräte auf, soviel waren es diesmal nicht auf Grund der Kürze des Abschnittes. Der nächste VP war bei KM 43,5, offiziell. Schon hier hatte meine Uhr mit dem GPX-Track in die Irre geführt und zeigte mir 2 km mehr an (also knappe 33 km). Dies wurde mir erst sehr viel später bewusst. Es ging weiter, und direkt bergauf. Dieser Abschnitt zeigte mir mein erstes Tief auf. Ich lief nicht mehr bergauf. Wir waren auf einem Waldweg, der für mich teils sehr rutschig war. Das führte zu einer unerwünschten Kostprobe als es etwas steiler bergab ging. Ich stand da, mit meinen Stöcken fest in den Boden gerammt und sah nach unten. Überall waren vor mit spuren von Turnschuhen die geschlittert sind. Es war sehr, sehr glatt an dieser Stelle. Ich erinnere mich noch, wie der Gedanke durch meinen Kopf schoss: „Noch ein Schritt und du fällst“. Und so machte ich noch einen Schritt, rutsche sofort vollständig weg und erhielt eine Kostprobe, wie es ist mit dem Po auf Schlamm zu landen und zu rutschen. Meine rechte Hand fand das weniger lustig, da diese einen Großteil der Wucht anfing. Ich stand wieder auf mit einem braunen Po und einer Schlamm überzogenen Hand. Aufstehen, Trailkleidung richten, weitermachen!

 

Der Abschnitt war schon anspruchsvoller als ich es mir vorgestellt hatte. Ich erinnere mich noch, dass wir durch eine wundervolle Klamm liefen. Ich blieb stehen und war so erfreut von dem Ausblick in die Klamm, dass es die Zuschauer erheiterte. Ich machte einige Fotos, leider wurden diese Bilder nichts, da die Linse wegen dem Regen nass war und ich sie nicht vorher geputzt hatte (Das bemerkte ich aber erst am nächsten Tag, als ich mir die Bilder ansah). Dann folgte ein knackiger Anstieg, der nur im langsamen Tempo zu bewältigen war. Ich traf das Pärchen wieder, welches ich an VP 5 wahrnahm und jubelte. Ich freute mich sie zu sehen, rief zu ihnen rüber und sie jubelten erneut und erinnerte sich ebenfalls an mich. Es war wie eine Qual so kurz vor der VP. Ich hatte Durst und Hunger und musste diesen anspruchsvollen, nicht endenden Anstieg hoch. Am Ende erreichte ich die VP 8. 43,5 km waren erreicht.

Km 43,5: Extra Pausen, viele Gedanken
Zuerst füllte ich alles an Vorräten wieder auf. Es war wie eine Routine, die nicht endete. Mit etwas Essen, Salz und Elektrolyten setzte ich mich erst einmal hin. So! Hinsetzen, Beine ausstrecken, Pause! Ich war schon angeschlagen und es ging mir nicht so gut. Meine Laufgeschwindigkeit hatte stark nachgelassen. Ich erreichte die VP 8 nach gut 6:20h. Damit war ich immer noch unter im Rahmen eines Straßenmarathons, der einem erlaubte um 6:30h zu laufen. Ich wusste, dass es nun noch leicht bergab ging, bevor der letzte Berg mit 1400 Hm im Anstieg und nochmal das gleiche im Abstieg anstand. Wir durften auf die Alpspitze rauf, nicht vollständig aber doch bis 2200 HM in der Summe.
Nach fast 10 Minuten ging ich weiter und lief nach wenigen 100 m auch wieder. Das ich lief bedeutete, dass es flach war oder bergab ging, denn Berghoch konnte ich nicht mehr laufen. Ich konnte in dieser Phase die Natur genießen und schaute vermehrt nach links und rechts. Ich muss an dieser Stelle sage: Was eine tolle, schöne Laufstrecke. Doch plötzlich endete das Bergab und es ging aufwärst. Das war der Moment in dem ich realisierte, dass es nun anspruchsvoll und hart werden würde. Erst war es ein Forstweg, dann ein Pfad. Danach war der Pfad überspült und erinnerte mehr an ein Bach-Rinnsal, als an ein Weg. Ich musste auf einem kurzen Abschnitt teilweise einen Meter hohe Schritte machen, weil zwischen Stufen nicht mehr existieren und das Wasser daran runterfloss. Dann kam ein langer, magischer/mystischer Abschnitt. Moosbedeckte, große Felsen in einem Urwald ähnlichen Abschnitt. Hier war der Pfad auch wieder halbwegs geh bar. Es war ein auf mich schier unendlich lang wirkender Abschnitt, indem ich in zick-zack Form nach oben ging. Da war keine Kraft mehr, keine Energie, ja keine Motivation. Als auf meiner Uhr die 50 km anzeigt wurde (in Wirklichkeit km 47), musste ich mich setzen. Ich sah einen Baumstumpf und machte den Weg für die anderen Läufer frei. Ich wollte nicht im Weg sitzen. Ich holte meine GoPro heraus, wischte dieses Mal die Linse ab und teilte meine Gedanken. Ich war am Tiefpunkt angekommen. Ich war demoralisiert, ich war erschöpft. Ich aß etwas und trank etwas und holte Luft. Ich ahnte, dass solche Pausen nun noch häufiger kommen könnten. Ich war sehr langsam geworden und wollte nur noch ins Ziel und den Lauf beenden. Ich wollte einfach nicht mehr. Erste 80 KM Läufer überholten mich und sahen so schnell aus. Ich war völlig ernüchtert.
Irgendwann erhob ich mich und ging einfach weiter. Es dauerte noch eine Weile bis ich Applaus vernahm und realisierte, dass die VP 9 nicht weit weg war. Hoffnung kroch langsam zurück in meinen Körper. Bis dahin habe ich diesen Zustand einfach ertragen. Und dann verließ ich den Pfad und betrat einen breiten Schotterweg und ich erblickte die VP 9.

 

Km 50: Schnee und mehr Pausen und Erkenntnisse
Ich erreichte die VP 9 nach 8:11 Stunden. Diese VP war die identische mit VP 10. Ich war noch nicht die gesamten 1400 HM hoch gegangen. Es sollte noch höher gehen; genauer war es eine knapp 7 km lange Schleife, die zu laufen war und genau an dieser VP wieder endete. Hier realisierte ich nun auch, dass meine Uhr inkl. GPX Track völlig falsch waren. VP 9 war für ungefähr km 50 und nicht km 53,5. Ja die Ungenauigkeit stieg weiter an.
Ich sah Läufer_innen anhand der Startnummer, die die 39 km liefen und gerade auf dem Weg runter ins Ziel waren. Ich sah Läufer von der 63 km Strecke, die gerade mit der Schleife fertig waren und ihre VP 10 ansteuerten. Aber alle hatten etwas gemeinsam: Sie fluchten über die Schleife. Diese Tatsache war nicht sehr förderlich für meine Motivation. Es kam der Wunsch hoch, einfach abzusteigen und das Ziel aufzusuchen. Meine Motivation ließ wieder nach und ich entschied mich, einfach den Kopf abzuschalten. Nachdem ich meine Vorräte aufgefüllt hatte, lief ich weiter in die Schleife.

 

Der Anstieg war nun ein flacherer, breiter Forstweg. Dies führte dazu, dass meine Moral sich anhebte. Ich konnte wieder einigermaßen schnell gehen, sogar phasenweise leicht laufen. Irgendwann lag plötzlich überall Schnee. Doch ich war immer noch nicht oben, dass sollte noch wenige Minuten dauern. Sollte ich bergab genauso gut klar kommen, wie diesen letzten bergauf Abschnitt seit VP 9, dann würde ich wirklich früh ins Ziel kommen. Unter 10 Stunden würde ich noch bleiben. Doch es kam alles anders! Bergab hatten wir keinen Forstweg, sondern einen schmalen Pfad, wo man nur hintereinander laufen konnte. Dieser war zudem rutschig und überspült. Es gab Treppenstufen aus Holz, die nur noch aus einem Balken in der Luft bestanden und deren Enden von Erde umfasst waren. Unter den Balken selbst konnte man durchgucken. Propo gucken: Man sah hier auf Grainau runter: Da unten war das Ziel. Auf geht es! Doch ich war nach zwei Stürzen so vorsichtig und langsam, dass ich oft stehen blieb, um andere vorbei zu lassen. Beim Abstieg blieb ich einmal auch bei einer Bergwacht sitzen und machte eine fünf minütige Pause, um erneut Luft zu holen. Ich fluchte über den Downhill. Wieso konnte man so einen Weg nicht bergauf laufen und dafür den tollen Forstweg bergab? Das hätte mir so viel mehr zugesagt. Irgendwann erhob ich mich, bedankte mich bei der Bergwacht für die Sitzmöglickeit und ging weiter. Als der Weg dann endlich etwas laufbarer wurde, lief ich auch wieder und erkannte irgendwann endlich die VP 10, nach gut 9:45h!

KM 57: Dieser verfluchte letzte Abstieg!
VP 10, unfassbar. Die letzte VP vor dem Ziel. Ich nahm mir viel Zeit, aß heiße Suppe, Nüsse und vieles mehr. Dinge ich die ich in der Ausführlichkeit vorher nicht gemacht hatte. Doch mir wurde auch kalt, ich hatte Hunger und brauchte eine Pause. Ein Helfer sagte mir auf Nachfrage, ich hätte nur noch 6,5 km vor mir, aber er warnte mich auch. Es gebe sehr viele Stürze auf dem letzten Abstieg, denn es sei sehr rutschig und glatt. Der Weg runter sei sehr schwer zu laufen. In diesem Moment erkannte ich, dass ich wohl noch gut 2 Stunden brauchen würde bis ich ins Ziel kommen sollte. Aber was solls, ich hatte noch 5,5 Stunden bis zum Cutoff ins Ziel. Das sollte wohl doch werden! Und die letzten 2 Km sollten ja auch auf Asphalt sein. So reduzierte ich die notwendige, schlimme Strecke auf 4,5 km in meinem Kopf. Bei dem Abstieg traf ich viele interessante Leute. So überholte mich der 5. Mann von den 101 km Läufer. Wir redeten kurz. Er hatte sich um 10 km verlaufen und ärgerte sich, da er vor dem Verlaufen 1. Mann war. Ich teilte ihm mein Mitgefühlt mit. Dann lief er weiter. Eine Läuferin blieb steif hinter mir. Ich war schon langsam aber tastete mich vorsichtig den Weg runter. Sie war ebenfalls vorsichtig und offensichtlich froh, dass jemand den Weg auskundschaftete. Das sah ungefähr so aus: Ich setze langsam die Stöcker vor mich und ging einen kurzen Schritt, setzte die Stöcker wieder vor mich und ging wieder einen Schritt. Nur so hatte ich das Gefühl sicher absteigen zu können. Ich bemerkte wieder Mal, dass ich absolut null Erfahrung mit solchem Gelände hatte und null Ahnung hatte, was ich hier tat. Immerhin blieb ich bisher verletzungsfrei.
Ein kleiner Bach-Rinnsale wurde zu einem großen Bach mit fast 3 oder 4 m Breite, wo es keine Brücken gab und wir direkt durch durften. Es war es Abenteuer für mich, wobei ich bei Tageslicht abstieg. Wie sollte es erst dem Hauptfeld der 101 km Läufer ergehen, die hier nachts runter mussten? Irgendwann kam ich endlich in ein flacheres Stück und dachte, dass ich endlich laufen könne, doch es war so rutschig auf dieser Wiese/diesem Acker, dass Warnschilder auf diesen Zustand zusätzlich hinwiesen.
Und so schlich ich über die Wiese, vorsichtig vortastend um nicht noch zu stürzen. Ich habe nicht gezählt, wie oft ich diesen letzten Abstieg verflucht habe, aber es war oft! Nach der Wiese kam noch ein kurzer Waldabschnitt und dann sah ich nach 11:08 Stunden das „2 km to go“ Schild und betrat Asphalt. Endlich, alles Schlimme war überstanden. Ich fühlte in mich, dass erste Mal seit langem, und spürte, dass ich noch enorme Kraftreserven hatte. Ich lief einfach los und erreichte eine 5 min Pace. Meine Motivation war plötzlich hoch. Der Gedanke, dass ich fast im Ziel war, beflügelte mich. Ich wollte mein Abenteuer ZUT jetzt beenden. Ich überholte noch 2 Herren von der 63 km Distanz, sowie zwei Damen (davon war eine Supergirl) aus der 39 km Distanz. Ich lief konstant und erreichte jubelnd das Ziel nach 11:18:52h.

Eine junge Dame übergab mir die Finisher-Medaille unmittelbar nach dem Zieleinlauf. Ich war zufrieden, glücklich und den Tränen nah in diesem Moment. Ich beendete meinen ersten Ultralauf und konnte es selbst noch nicht glauben. Ich aß Nüsse, Suppe, noch mehr Nüsse, Obst und trank viel. Nach einer guten halben Stunde ging ich zurück zu meinem Hotel. Ich hatte noch auf Markus und Kathi gewartet, doch sie kamen nicht und nun wurde mir kalt. Außerdem sollte der Regen wieder einsetzen und diesmal auch die gesamte Nacht durchregnen. Ich wusste nicht, wo die beiden waren und wann sie eintreffen sollten. Markus sollte gute 45 min nach mir eintreffen und Kathi knappe 3 Stunden, wie ich später erfuhr. Der Weg zu meinem Hotel waren gute 2 km lang. Im Hotel angekommen, guckte ich wo Juliane war. Sie war bei der VP 7 durch. Puh … da hatte sie ja noch einiges vor sich. Es war mittlerweile kurz vor 22 Uhr. Ich schrieb ihr zur Motivation kurze Nachrichten per WhatsApp und alles Gute für die Nacht.

 

19.06.2016
03:00 Uhr: Wie konnte ich das nur vergessen?
Nach dem Duschen ging ich ins Bett und versuchte zu schlafen. Ich war aber so aufgedreht, dass ein richtiges Schlafen nicht wirklich möglich war. Um 06:30 Uhr sollte mein Wecker klingeln, da ich gegen 7:30 Uhr schon nach Hause fahren sollte. Doch irgendwann gegen 03:00 Uhr erwachte ich zum x-ten Mal. Nur dieses Mal war ich hellwach, stand förmlich senkrecht im Bett. „Ach du Scheiße. Wie konnte ich das nur vergessen?“, entglitt es mir. Ich stand sofort auf, zog mich an und ging zurück zum Ziel. Ich war verärgert über mich, dass ich das nur vergessen hatte. Sowas war mir noch nie passiert. Ich nutzte die Zeit auch, um zu prüfen, wo Juliane war. Sie war bei VP 8 durch. Dann war sie also nun beim letzten Aufstieg. Ich erinnerte mich an die Strecke und dazu kam jetzt noch die dunkle Nacht und der Regen. Ich schrieb ihr erneut aufmunternde Worte, denn ich hätte sie jetzt gebraucht. Ich legte einen Schritt auf dieser 2 km Distanz zu und ging in das Rathaus, welches neben dem Zielbereich war. Ich hörte in der Ferne den Sprecher, wie er neue Finisher ankündigte, die jetzt einliefen. Im Rathaus war die Startnummerausgabe. Genau dorthin ging ich. Bei der Startnummerausgabe waren auch noch Mitarbeiter und Helfer. Ich ging zur 63 km Startnummerausgabe und sprach: „Hallo. Ich habe mein Finisher T-Shirt vergessen. Ich hoffe es gibt noch eines. Schließlich war der Zielschluss vor 3 Stunden für die 63 km Läufer.“ Er schaute in seinem Laptop nach, ob ich wirklich ein Finisher war und holte dann mein T-Shirt und ergänzte, dass ich bis zum Cutoff der 101 km Läufer noch Zeit gehabt hätte. Ich nahm es, bedankte mich und ging erleichtert und zufrieden zurück in Hotel. Das wäre jetzt wirklich ärgerlich gewesen, wenn ich es komplett vergessen hätte. Ich legte mich wieder ins Bett und konnte noch gute 2,5 Stunden halbwegs schlafen, bis der Wecker mich erneut aus dem Schlaf holte.

07:25 Uhr
Ich wartete auf mein Taxi, welches mich zum Bahnhof bringen sollte. Es war 7:25 Uhr, das war der Moment in dem Juliane einlaufen sollte, um ihren zweiten 101 km ZUT zu beenden. Das wusste ich aber in dem Moment noch nicht, sondern erst später als ich im Zug saß. Auf dem Heimweg dachte ich viel über den Lauf nach, guckte mir die Bilder, die ich gemacht hatte an und beschloss, dass ich den ZUT auf jeden nochmal laufen möchte. Die Landschaft und die Strecke waren wundervoll. Die Organisation war super und die größten Kritikpunkte lagen an meiner Unerfahrenheit. Auch lernte ich sehr viel über das Packen von Trailrucksäcken, die Handhabung mit Stöckern, dass ich kein Downhill laufen kann, Ernährung bei Ultras und vieles mehr. Dieser Lauf hatte sich als Trainingseinheit sehr gelohnt, auch um ein Gefühl dafür zu bekommen, was es bedeutet fast 3000 Hm zu laufen. Der Transalpinrun ist alleine von den Fakten her so viel länger und so viel reicher an Höhenmeter. Das war ein gutes Preview, auf das was noch folgen sollte. Ja, es war ein sehr gutes, lehrreiches Training.

 

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Hermannslauf 2016 – Der Lauf meines Lebens

Hermannslauf 2016 – Der Lauf meines Lebens

Ich habe eine sehr enge emotionale Verbindung zum Hermannslauf. Es ist schon verwunderlich, dass ich nicht vorher einen Blogeintrag über diesen Lauf verfasste. Seit dem Jahr 2009 laufe ich jedes Jahr diesen 31,1 km langen Traillauf von Detmold nach Bielefeld. Doch der Ursprung ist, dass ich am meisten gelitten, am meisten Schmerzen nicht auf Marathonläufen oder anderen Trailläufen hatte, sondern auf diesem Lauf, der sowas wie ein Heimspiel ist.

2009 bis 2015 – Ein Review
Der Hermannslauf ist wie eine Wundertüte. Du hast eine Ahnung was dich erwartet, aber es gibt immer eine Überraschung. 2009 bis 2011 waren es sehr heiße Wettkampftage, teils bis 27 Grad. Gerade mein erster Hermannslauf war sehr heiß und entsprechend meiner damaligen Form nicht gerade sehr schnell. 3 Stunden und 37 Minuten sollte ich für die Strecke benötigen. Neben 2009 musste ich 2011 auch in die Notaufnahme nach dem Hermannslauf, weil ich mich in den beiden Jahren verletzt hatte. Einmal litt das Knie, einmal war es eine Bänderüberdehnung. Doch ich habe die und andere Schwachstellen gezielt trainiert und seit dem *klopft auf einen Tisch* keine so starken Verletzungen mehr gehabt. Es gehört wohl leider als Anfänger dazu, der ich damals definitiv noch war, einfach Defizite im Training nicht zu bemerken.
2009 war mein Ziel den Hermannslauf überhaupt zu finishen. Er war eine Zwischenmarke für meinen ersten Marathon, der ungefähr sechs Monate später folgen sollte. Das schaffte ich. Ich nahm alle Willenskraft zusammen, guckte auf meine Uhr und sah zu, dass ich innerhalb der Streckenschließung blieb. Ab und zu trabte ich wieder an aber konnte wegen dem Knie mich kaum laufend bewegen. Doch ich gab nicht auf und kam, wie erwähnt nach 3:37h ins Ziel.
Da hatte ich sie, die Finisher-Medaille des Hermannslaufes 2009. Ich war damals stolz darauf und auch heute bin ich es noch. Mein nächstes Ziel war es unter 3 Stunden zu laufen, was ein equivalent darstellt zur berühmten 4 Stundenmarke beim Marathon. Viele möchte einmal darunter bleiben, so ich ebenfalls. Dieses Ziel erreichte ich direkt im Jahr 2010 mit einer 2:58h. Mein neues Ziel wurde es zumindest einmal unter 2:50h zu bleiben aber meine Leistung stagnierte in den nächsten Folgejahren zwischen 2:58h und 2:54h. Erst 2013 erlebte ich einen riesen Fortschritt, da ich das Training umstellte und gezielter auf Trails trainierte. Ich nahm mir nicht 2:50 als Ziel sondern eine 2:30h! Welch ein unrealistisches Ziel, dass war mir aber egal. Ziele sollen einen fordern und motivieren. Ein solcher Leistungssprung war nun doch schon enorm. Ich finishte in 2:34h und 2014 sogar in einer 2:32h. Es fehlte nicht mehr viel. Es liest sich sicherlich schnell, aber ich spreche hier von vielen Jahren, unzähligen Trainingsstunden und Disziplin. So trainierte ich für 2015 noch härter. Mehr Bergspringt, schnelleres Grundtempo und vieles mehr. Ich fühlte mich gut und dann kam der Wettkampftag und dieser war ein Musterbeispiel für das Pech einer schlechten Tagesform. Ich merkte schon nach 10 km, dass es nicht läuft. Nach 18 km war mir damals bewusst, dass ich nicht unter 2:30h bleiben werde. Nach 23 km setzte mein Kreislauf aus und ich hatte Schwindel, Kreislauf und mir wurde Schwarz vor Augen. Ich musste gehen und wurde erst später von einer Wanderin aufgepeppelt, weil die Sanitäter mich einfach bis zur 2 km entfernten Verpflegungsstadion schickten ohne sich meinen Zustand genauer anzugucken. Dank dem Traubenzucker der Wanderin und etwas Zucker und Iso an der 2 km späteren Verpflegungsstation kam ich wieder in meinen Rhythmus, doch die verlorene Zeit holte ich nicht mehr auf und kam am Ende mit einer 2:44h ins Ziel. Wieder ein Jahr und zum dritten Mal in Folge, dass ich mein Ziel nicht erreichte. Vielleicht sollte es nicht sein, vielleicht bin ich nicht in der Lage dieses Ziel, diese Marke zu unterbieten? Ich nahm an, dass ich am Limit meiner Leistungsfähigkeit angekommen sei. 2:30h sollte für mich unüberwindbar sein. Ich war niedergeschlagen, ich war traurig und ich akzeptierte die Situation … für einige Wochen. Ich beschloss dickköpfig nicht aufzugeben und es nochmal zu probieren. Ich brauchte einen neuen Impuls, ich brauchte neue Ideen. Ich war in meinem Training zu eingefahren und das musste sich ändern.

November 2015 bis April 2016, ein halbes Jahr der Vorbereitung
Okay, ich brauche neue Impulse, doch wie? Neue Laufgruppe und Literatur war meine Antwort. Ich schloss mich der kostenpflichtigen Trainingsgruppe für den Hermannslauf ‚Mein bester Hermann 2016‘ vom Active Sportshop Bielefeld an. Im Rahmen dieser Gruppe folgte ein Ernährungsseminar, Grundkurs in Trainingslehre, Trainingspläne und viele gute Gespräche. Ich möchte hier erwähnen, dass dies meine Erfahrung ist, ich weder dafür bezahlt werde, noch wissen die, dass ich diesen Artikel hier schreibe.
Ich weiß noch, dass ich mich doof fühlte, da es 4 Leistungsgruppen (Gruppe A bis D) für das Training gab. In A sollten jene trainieren, die unter 2:30h finishen möchten und in Gruppe D trainierten jene, die überhaupt erfolgreich finishen wollten, ohne Zeitvorgabe. Als ich mich als völlig unbekannter direkt für die stärkste Gruppe anmeldete, fühlte ich mich schon etwas seltsam, denn andere Teilnehmer_innen sagten mir direkt, dass eben jene Gruppe sehr klein sei und sie kaum Nachwuchs bekam. Auf Grund des Ernährungsseminar änderte ich weitreichend meine Ernährung ab Anfang 2016. Der Trainingsplan gab mir neue Reize. Ich nahm Krafttraining noch ernster, sowie Tempotraining. Ebenfalls kaufte ich mir mehrere Laufbücher, die mir sagten, wie man eher „richtig trainieren sollte. Allein über das Thema Training streiten sich die Gemüter und ich möchte dies hier ausklammern.
Ich erkannte wie viele grundlegende Fehler, ich die letzten Jahre gemacht habe. Ich trainierte nicht mehr nach Gefühl, sondern nach Puls. Falls ihr euch fragt, ob das alles noch Spaß machen kann, kann ich nur sagen: Ja, sowas von! Ich änderte alles langsam und ich achtete stets drauf, das mir das Laufen in erster Hinsicht noch Freude bereitet. Wenn es dem nicht so wäre, hätte ich aufgehört soviel umzustellen.
Natürlich hatte ich mit der Form absolut keine Erfahrung und ich konnte mich in keinster Weise wirklich gut vorstellen, ob dieses Training wirklich etwas bringt, aber ich machte weiter. Was hätte ich schon zu verlieren? Nichts. 🙂 Wenn ich das Ziel dieses Jahr nicht erreichen sollte, dann wäre es so und es wäre okay. Den seit ich dieses Jahr soviel umstellte und mich selbst sehr stark reflektierte, weiß mehr denn je, warum ich diesen Sport ausübe. Ich liebe diesen Sport. Er gibt mir viel, fordert aber auch einiges. Erfolge sind wahre erarbeitete Erfolge und das ist gut so. Meine Art von Erfolge ist nicht schneller als Person X zu sein, sondern weniger Zeit für eine Strecke zu brauchen, oder eben neue Strecken zu meistern.
Einige kleinere Testwettkämpfe waren gelaufen und liefen sehr gut und waren als Indikator ein erstes Zeichen, dass ich ganz vielleicht unter 2:30h bleiben könnte.

24. April 2016 – Hermannslauf
Kilometer 0 – 11 Uhr – Start
Wie immer am Start eines Laufes, wusste ich nicht, was mich erwartet. Natürlich ist es mein achter Hermannslauf, und natürlich gibt es eine gewisse Routine. Die Gefühle, die Emotionen sind nicht mehr so intensiv, wie beim ersten Mal. Ich wusste welche Strecke vor mir liegt, ich wusste, wie ich meine Kraft einteilen musste. So stand ich im Block A und durfte, wie einige hundert Weitere direkt loslaufen. Block B startet immer um 11:05 und Block C um 11:15.

Kilometer 3
Nach drei Kilometern fast nur Bergablaufens kommt ein Stück gerade Straße. Der Kilometer drei Anzeiger ist für mich immer der Punkt, wo ich die erste Zwischenzeit mir angucke. 11:37 min zeigte mir die Uhr an. Ich war doch etwas schneller, als ich es geplant hatte. Die Gefahr ist, dass man schon hier zuviel Energie investiert, was sich später rächen kann. Eigentlich wollte ich erst nach 12 min hier sein. Ich musste aufpassen und mich drosseln. Vor allem, in zwei Kilometer fing der erste Berg an.

Kilometer 4
Ich traf Christian, ein Laufkollege aus Bielefeld. Ich halte ihn für einen sehr starken Läufer und war überrascht, dass er vor mir auftauchte. Wir unterhielten uns und ich bemerkte, dass er ähnliche Zielambitionen hatte. Soviel sei gesagt, wir liefen sehr vergleichbar. Mal war ich 50 m vor ihm, meistens war aber er 50 m vor mir.

Kilometer 5
Der Hermannslauf fing nach gut 21 Minuten nun für mich erst richtig an, denn der erste Berg zeichnete sich langsam ab: Der E-Berg. Ein langgezogener Berg, der jedoch noch gut zu laufen ist und irgendwie bei Kilometer 7,5 enden sollte. Der weiche Sand am Anstieg führte dazu, dass sich viele Läufer an den Rand drängten, wo zumindest einige Erde den Boden fester machten.

Kilometer 8
Ich überholte Björn, einen anderen Läufer aus der ‚Mein schnellster Hermannslauf‘-Gruppe der seine Freundin als Pacemaker begleitete. Er lief die Jahre zuvor immer knapp über die 2 Stunden, doch dieses Jahr war verletzungsbedingt angeschlagen. Er kommentierte „Ich habe dich schon vorher erwartet, du bist ein wenig spät dran.“ Ich musste schmunzeln und entgegnete, dass ich mich nicht überlasten wollte, der schwerste Abschnitt käme ja noch. Wir wechselten noch einige Worte und ich lief an ihm vorbei weiter ins Tal.

Kilometer 9
Der erste Hotspot auf der Panzerstraße! Trotz eher schlechten Wetters war hier sehr viel los. Es ist immer wieder erstaunlich, welch Stimmung hier ist und wie motiviert sich die Leute an den Rand stellen. Ich freue mich einfach und bemerkte, wie ich von vielen überholt werde. Solche Zuschauermengen sind natürlich motivierend, aber ich bremse mich. Kraft, ruhiger und gleichmäßiger Rhytmus sind mir wichtiger als mich jetzt zu einem hohen Tempo anzustacheln.

Kilometer 10
Ich verlasse die Panzerstraße und biege rechts in den Wald ein. Ein langes, relativ flaches Stück Waldweg folgt nun. Bei Kilometer 10 gucke ich auf die Uhr: 43:10 min. Ich war recht zügig unterwegs und machte mir schon sorgen. Das war auf jeden Fall die beste Zwischenzeit, die ich je nach 10 Kilometern auf dem Hermannslauf hatte. Erstaunlich, aber ich fühlte mich gut. Ich wollte nun jedoch etwas Tempo bewusst raus nehmen und drosselte mich auf eine maximale Pace von 4:25 min pro Kilometer.

Kilometer 12
Ja, ich werd‘ nicht mehr! Da ist eine ganz bestimmte Läuferin aus Minden vor mir. Dafür muss ich etwas ausholen. Ich nahm vor einigen Jahren an der Mühlenkreisserie teil und lernte bei einer Siegerehrung dieser Laufserie die Sarah kennen, die beim TUS Minden ist. Ich glaube nicht, dass sie mich noch kennt oder sich an mich erinnert. Ich erinnere mich jedoch sehr gut. Sie ist eine unglaublich starke Läuferin und mir ist es in all den Jahren nie gelungen sie zu überholen. Auf jedem Wettkampf auf dem ich sie sah, lief ich an sie ran, doch ich schaffte es nie, nicht ein einziges mal, sie zu überholen. Nun war sie vor mir, nur wenige Meter, weil sie mir vorher nicht auffiel. In diesem Moment beschloss ich, dass ich sie nun einmal wenigstens in meinem Leben überholen wollte und sei es nur für 100 m. Ich trat etwas an und überholte sie und war nun gespannt, wie lange es dauern sollte, bis sie mich wieder überholte.

Kilometer 15
Nach 1:06h erreichte ich den Tönsberg, der für mich schwerste Berg im Wettkampf. Ich entschied mich für einen Mix aus Laufen und Gehen. Kurz zuvor überholte ich Christian, der bis Kilometer 14 meistens wenige Meter vor mir war oder neben mir war. Durch meine Strategie locker den Berg hoch zugehen/zu laufen überholte mich Christian und setzte sich auf weit über 100 m von mir ab und diese Distanz sollte ich lange nicht mehr aufholen können.

Kilometer 17
Ich lief runter ins Tal nach Oerlinghausen. Der zweite Hotspot stand an, doch dieser war irgendwie anders als sonst.

Kilometer 18
Normalerweise ist in Oerlinghausen sehr viel los, doch auf Grund des trüben und eher schlechten Wetters war gefühlt tote Hose im Ortskern, den wir passieren durften. Ich verlor nicht viel Zeit am Verpflegungspunkt und verließ die Ortschaft. Nun ging es auf zu meinem persönlichen Angstpunkt: Das Schöpktetal.

Kilometer 20
Da war der Punkt, das Schöpktetal. Auf den meisten Hermannsläufen brach ich hier das erste Mal ein. Ich konnte nicht mehr oder war temporär erschöpft. In diesem Moment fühlte ich mich eigentlich gut, wenn der Mix aus Graupel und Schneesturm nicht eingesetzt hatte. Stellt euch vor: Es ist der letzte Sonntag im April; freie Ackerflächen und am Rande dieser Flächen ist ein Waldweg und ihr lauft gegen den starken Wind. Schnee und Graupel flog mir ins Gesicht. Da lief ich nun mit Langarm-Shirt und kurzer Hose. Irgendwie war es doch Ironie, dass dies genau an meinem persönlich meist gehasstem Punkt während des Laufens passierte.

Kilometer 21
Der Schnee und Graupel ließ langsam nach und ich überholte exakt an dieser Kilometermarke wieder Christian, nach 6 Kilometern, denn solange brauchte ich, um die 100 m wieder rein zulaufen, um wieder auf ihn aufzuschließen. Ich fühlte mich gut und sah wieder auf die Uhr: 1:34:07h benötigte ich bisher. Ich war damit 53 Sekunden unter meiner als Idealzeit berechneten Finisher Zeit. Ich fühlte in mich hinein und spürte, dass es mir immer noch blendend ging. Genau ab diesem Punkt bis zum Ziel benötigte ich 46 Minuten im Training bei gegebenen Wettkampftempo. Ich schmunzelte und schrie zu Christian: „Komm Christian, noch 46 Minuten, dann haben wir es geschafft.“ Er schien sich gerade nicht so gut zu fühlten und gab sich skeptisch. Ehrlich gesagt, bedeutete dies eine Zielzeit von 2:20h ungefähr für mich. Alleine mit dieser Zeit wäre ich sehr glücklich gewesen, denn mein Ziel war es eine 2:30h zu laufen. Ich rechnete es mir hoch und dachte: „Ja super, dann habe ich jetzt gute 55 min für die letzten 10 km.“ Selbst in diesem Moment glaubte ich nicht ansatzweise daran, in Richtung 2:20h zu laufen.

Kilometer 23
Die Treppen von Lämmershagen waren vor mir. Der Punkte wo ich ein Jahr zuvor mein Kreislaufproblem hatte und sehr viel Zeit verlor. Ich passierte die Treppen und lief weiter und es ging mir immer noch richtig gut. Christian blieb dran und wir liefen einige Zeit gemeinsam.

Kilometer 25
Links von mir war der eiserne Anton (ein Aussichtspunkt mit Eigennamen) und der letzte richtige Verpflegungspunkt, der mehr als nur Wasser hatte. Ich griff noch einmal richtig zu und stärke mich schnell. Ich sah bewusst nicht auf die Uhr, denn ich wollte das Gefühl eines Laufes den ich genieße. Ich wusste, dass ich gut in der Zeit bin.

Kilometer 27
Ab Kilometer 27 geht es nur noch Bergab oder flach weiter. Es gab kein richtigen Anstieg mehr, was mich sehr zufrieden stimmte. Ich sah auf die Uhr auf war völlig irritiert: 2:01h! Wenn ich die letzten 4,1 km mit einer Pace von 4:30 laufen würde, dann könnte ich tatsächlich unter 2:20h bleiben? Oh mein Gott! Oh mein Gott! Was passiert hier gerade?
Dieser Moment brachte mir die Erkenntnis, dass ich mein Ziel auf jeden Fall erreichen werde: Meine erster Hermannslauf unter 2:30h. Jahre hatte ich drauf hin trainiert und nun hatte ich noch 28 Minuten für 4,1 km. Das sollte mir nicht mehr zu nehmen sein.

Kilometer 29
Hier überholte mich Christian zum letzten Mal. Ich sollte ihn nicht mehr einholen können, denn er zog mit seinem Tempo noch einmal richtig an. Ich sah erneut auf die Uhr: 2:10h. Nur noch 2,1 km in weniger als 10 Minuten sind theoretisch machbar, aber langsam setzte doch eine Müdigkeit ein. Ich lief am letzten Getränke-Wasser-Stand vorbei und nahm nichts. Ich hatte beim eisernen Anton ausreichend getrunken. Ich fühlte mich gut und es war kühl. Jetzt kam es doch auf jede Sekunde an.

Kilometer 30
Endlich war auf der Promenade. Der letzten Stück Weg zieht sich leider jedes Jahr, trotz eines zügigen Tempos von 4:30 min pro Kilometer. Ich sah ein letztes Mal auf die Uhr: 2:14:30h. Das werde ich nicht vergessen. Ich musste nun nur noch 1,1 km in unter 5:30 Minuten laufen und ich würde unter einer anderen magischen Grenze laufen. Ich rechnete meine Pace fix im Kopf durch und kam auf eine benötigte Zeit von 4:58 Minuten, wenn ich mein Tempo halten würde. Das reichte, um genau 32 Sekunden.

Kilometer 31,1 – Das Ziel
Ich lief weiter und als ich endlich das Ziel sah, konnte mich nichts mehr halten. Ich fühlte ein letztes Mal in mich hinein und alles fühlte sich gut an und zog ein letztes mal das Tempo an. Es war kein Sprint, denn ich wusste ich bleibe drunter und mehr möchte ich gerade nicht. Ich lief ins Ziel und jubelte, schrie und war einfach zufrieden und glücklich. Ich hatte mein besten Hermannslauf beendet. Dies war mein Tag, als 174. Mann mit einer Zeit von 2:19:18h lief ich ins Ziel und erreichte eine Leistung, an die ich niemals geglaubt hatte und niemals erwartet habe. Es war der Lauf meines Lebens.

Einige Tage später:
Nachdem ich den Lauf verarbeitet hatte, beschloss ich mir kein zeitliches Ziel mehr für den Hermannslauf zu stecken. Alle zukünftigen Hermannsläufe sollen so enden, wie ich halt in Form bin. Ich werde weiterhin entsprechend trainieren. Ich habe auf dem Hermannslauf zeitlich mehr erreicht, als ich je erwartet hatte. Natürlich könnte ich nun sagen: Ich peile die 2:15h an, aber das möchte ich nicht forcieren. Persönliche Ziele können nicht immer weiter, höher und schneller gehen. Sollte ich diese Leistung noch einmal toppen, dann werde ich erneut laut jubeln und mich enorm freuen, aber ich möchte primär Gesund und Spaß am Laufen haben und je höher man sich Ziele steckt, umso vielfacher sind die Kosten, um eben jenes zu erreichen. So gilt es für mich primär Gesund zu bleiben, Spaß zu haben und die Leistungsstufe zu halten und nach vorne zu schauen.

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