8. Ballon – A – Thon – Finale

Ich fahre auf den Parkplatz des 8. Ballon – A – Thons. Ich parke, steige aus dem Auto und atme tief ein und aus. Es liegt das FINALE in der Luft. Es ist ein Teil des Mottos dieser Woche. Der andere Teil des Mottos ist „Back to the roots“. Das liegt wohl an zwei wesentlichen Gründen. Zum einen war der erste Ballon – A – Thon in einer anderen Ecke von Bönen, zum anderen wohnt der Organisator, Jan-Philipp, hier irgendwo an der Strecke.

Ich öffne den Kofferraum und entnehme erst einmal ein Foto. Die Aufgabe der Woche ist es, dass jeder ein Foto von sich auf eine Fotowand hängen soll. Das Foto sollte auf einem Ballon – A – Thon aufgenommen worden sein. Ich pinne mein Foto an die Wand, die zu diesem Zeitpunkt fast leer ist. Nachdem ich mir die restlichen Fotos angesehen habe, mache ich mich für das Laufen bereit. Ich nehme unter anderem dafür eine Wasserflasche für die erste Runde mit. Wieso das wichtig ist, erfahrt ihr viel später im Bericht.

Der Lauf, 30.05.2020

Die Sonne scheint vom blauen Himmel. Auch wenn es noch recht angenehm ist, dürfte es heute richtig warm werden. Offiziell beginnt der Lauf heute erst um 8:00 Uhr. Es ist 6:12 Uhr, als ich mich auf dem Whiteboard eintrage. Ich stehe schon hier, weil ich Jan-Philipp fragte, ob ich heute früher starten dürfe und er dies bejahte. Meine Frau ist hochschwanger und ich möchte möglichst früh zu Hause sein und ich habe vor einige Kilometer zu laufen.

Ich drücke auf meine Uhr und es erklingt ein Piepen, was mein Startschuss ist. Das ist er, der 8. und letzte Ballon – A – Thon. Wie immer folge ich zuerst der orangen Runde. (Hinweis Die Halbmarathon Runde ist in beide Richtungen markiert. Einmal ist sie mit orangen und entgegengesetzt mit grünen Pfeilen markiert.) Ich merke, wie das Laufen der letzten Wochen in meinen Beinen steckt. Sie sind müde und die ersten Schritte fallen mir schwer. Ich spüre einen inneren Stress, möglichst schnell zu laufen, dass ich zumindest diese eine Runde erfolgreich beenden kann, bevor ich spontan nach Hause aufbrechen müsste. Ich frage mich direkt, ob es eine gute Idee war überhaupt heute hier zu laufen, denn meine Gedanken sind primär bei meiner Frau. Aber ich wünschte mir diesen Lauf heute, denn ich brauche ihn für mich. Ja, dass ist egoistisch, aber ich möchte mich von all den lieb gewonnen Menschen auch verabschieden.

Die ersten Kilometer sind grün und wenige Höfe sorgen für farbliche Abwechslung. Es gibt Blumenwiesen, Wälder und schon früh erste weite Aussichten über die Felder in die Ferne hinweg. Als meine Uhr zum vierten Mal piept, weil ich einen Kilometer abgeschlossen habe, passiere ich ein Ortsschild „Bönen“. Ich laufe durch eine Ortschaft durch. Weitestgehend sind hier 1-Familienhäuser zu sehen, doch es ist nichts los. Viele Jalousien sind noch unten und die meisten Menschen scheinen hier, gegen 6:30 Uhr noch zu schlafen. Ich kann das nachvollziehen, aber es ist wundervoll so früh an einem sommerlichen Morgen zu laufen.

Die Straße durch die Ortschaft führt mich zu einer Kirche, wo ich zuvor eine kleine und enge Passage durchquere. Rund um diese Kirche sind schöne, renovierte Fachwerkhäuser zu sehen. Eine Reihe von Kindern bemalten Steinen liegt um die Kirche herum. Es ist ein erstes, kleines Highlight auf dieser Strecke.

Danach passiere ich eine Ampel und folge einer leicht bergab gehenden Straße immer gerade aus durch die Ortschaft. Es ist friedlich. Ich sehe niemanden und komme am Ende der Straße zu einer Schule, die ich umlaufe.

Danach führt mich die Strecke über Abzweigungen durch einen kleinen Tunnel durch, der unterhalb des Bönener Bahnhofes führt. Zusehen ist hier die typische Graffitikunst. Ich laufe, nach einigen Treppenstufen, an den Gleisen entlang. Hier ist viel Schatten und es wirkt dadurch frischer und kühler. Nach dem Bahnhof schneide ich die Innenstadt / Fußgängerzone. Ich blicke einmal kurz rein und sehe viele kleinere Geschäfte, doch die Route führt mich direkt wieder davon fort, vorbei an Supermärkten. Hier sehe ich einen Hund mit seinem Besitzer, die mich mit fragendem Blick ansehen. Es wirkt wie ein „Wieso läufst du um diese Uhrzeit freiwillig?“

Ich laufe einen kleinen und schmalen Weg hinein, der mich direkt zum Förderturm führt. Ich denke, dies ist ein zweites kleines Highlight der Strecke heute. Hier werde ich etwas Zick-Zack geführt und es gibt kleinere Schleifen rund um den Turm, die gelaufen werden wollen.

Nach dem Förderturm folge ich der Strecke an einer Straße und Baustelle entlang und vorbei an einer Kleingärtneranlange. Am Ende biege ich links auf einen Weg ein, der einfach gerade, schattenlos und gefühlt endlos wirkt. Ich denke hier das erste Mal in Ruhe über die letzten Wochen nach. Es fühlt sich mittlerweile normal an gegen 4 Uhr aufzustehen, um irgendwo anders um 6 Uhr zu laufen. Es entstehen viele Fragen nach dem, was ab dem „morgen“ wohl sein wird und was sich alles ändern wird. Ich beschließe, dass ich über den Morgen ab morgen nachdenken werde. Für mich ist jetzt das Heute wichtig. Ich brauche diesen heutigen Tag. Das war auch der Grund wieso meine Frau mich ziehen ließ. Ich brauche für mich diesen Abschluss, die Möglichkeit vielen Menschen auf Wiedersehen zu sagen.

Ich werde aus den Gedanken gerissen, als ich sehe, dass dort ein Schild mit einem Startpunkt für eine 5 km Laufrunde ist. Ich bin wohl auf dem Seseke Weg, von dem ich zuvor noch nie gehört habe. Ich passiere ein paar hunderte Meter später einen gelben Luftballon und mache ein Foto. Er markiert ungefähr die Halbzeit der gesamten Runde. Es folgt eine Straße ohne viel Schatten mit einem kleinen Weg zwischen Bäumen. Ich sehe auf die Uhr und weiß, dass ich von der Distanz her nun auf dem Rückweg bin.

Danach kreuze ich Bahngleise an einem Übergang. Der darauf folgende Weg führt mich in Richtung einer Siedlung. So laufe ich links von mir an dieser Siedlung vorbei. Rechts von mir ist ein Rapsfeld mit vielen blühenden Mohnblumen.

Mehr als 14 km liegen hinter mir und ich habe keine andere laufende Person gesehen. Ich sehe in der Ferne einen Wald und weiß, dass ich dort gleich hineinlaufen werde. Woher ich das weiß? Ich habe mir den Streckenverlauf am Vorabend genau angesehen. Ich wollte mich nicht noch einmal wie letzte Woche sechsmal verlaufen.

Ich laufe in den Trimm-Dich-Wald. Die morgendliche Stimmung ist wunderschön. Die Sonnenstrahlen kämpfen sich durch die Bäume und es wechseln sich Licht und Schatten künstlerisch ab. Die Luft ist gefühlt ganz frisch und unverbraucht. Es ist ein morgendlicher Duft, der mir angenehm vorkommt. Ich atme tief ein und werde sogar etwas schneller. So treibt es mich hinter den orangen Punkten und Pfeilen her. Ich laufe an einem Teich vorbei, der für mich das dritte Highlight auf der Runde ist. Genau hier kommen mir die ersten zwei Läufer des Tages entgegen. Wir grüßen uns und folgen unseren Wegen.

Als ich zu einer Treppe im Wald komme, laufe ich diese Stufen geschwind hinauf. Kurz danach kommen mir Marina und Frank entgegen. Welch fröhliche und schöne Überraschung. Wir bleiben stehen und unterhalten uns. Nachdem wir uns über unsere Pläne ausgetauscht haben, folgen sie den grünen und ich den orangen Pfeilen weiter. Ich bin mir sicher, dass ich die Beiden heute erneut treffen werde. Ich werde damit recht und nicht recht haben. Ich erkläre es gleich, was ich damit meine, denn es hat auch etwas mit der Wasserflasche zu tun.

Nach dem Wald führt mich ein Weg zu einer Landstraße. Diese Landstraße ist für mich der anstrengendste Abschnitt an diesem Tag. Ein Traktor meint mich fast schneiden zu müssen. Ein Bulli und ein Auto sind der Meinung, dass Abstand zu einem Läufer überbewertet wird. Ich mache drei Kreuze, als ich die Straße verlasse und etwas später auf einem Feldweg unterwegs bin. Ich merke, wie der Stress der letzten Minuten sich abbaut.

Es folgt ein langer, gerader Fahrradweg. Der Smilie der Woche ist diesmal einer, der mir die Zunge rausstreckt. Das kann ich auch, es sieht nur niemand. Ein Foto mache ich von der Aktion nicht. Es gibt Dinge, die nur in der Situation komisch sind.
Ich mag Züge sehr gerne und ich habe etwas Ahnung was Züge betrifft und umso mehr bin ich überrascht an zwei Achsen vorbeizulaufen. Sie sind angemalt, als seien sie von einer alten Dampflok der dritten Epoche. Aber das kann auch nur Kunst sein. Ich laufe weiter, vorbei an einem Spielplatz. Als ich die 20 km passiere, rufe ich meine Frau an und frage nach, wie die Lage zu Hause sei. Sie bruncht gerade bei ihren Eltern. Es sei nichts Besonderes und ich solle jetzt den Lauf genießen. Sie beendet das Telefonat mit „Ich melde mich schon, wenn was ist. Du hast dich auf diesen Lauf so gefreut, also entspann dich und genieß ihn!“.

Wenige Meter vor dem Ende der ersten Runde kommen mir Torsten und Reinhard entgegen. Sie seien gerade gestartet. Wir unterhalten uns und sind am Ende der Meinung, dass wir nochmal sprechen werden, da wir uns sicher später sehen werden.

Als ich das Ende der ersten Runde erreiche, ist es ca. 8:15 Uhr. Einzelne Läufer*innen sind gerade dabei zu starten oder das Whiteboard zu lesen. Ich sehe Jan-Philipp und wie er einige Luftballons aufbläst. Er dekoriert den Ziel- und Startbereich. Wir sprechen kurz, als ich meinen Rucksack auffülle. Meine eine Wasserflasche ist völlig leer und ich fülle sie wieder auf. Ich nehme für die zweite Runde diesmal zwei Wasserflaschen mit. Auch wenn ich hier am Start/Ziel fast einen Liter trinke, erwarte ich, dass ich den einen Liter am Mann benötigen werde, schließlich wird es spürbar wärmer.

Für die zweite Runde werde ich den grünen Pfeilen folgen und so versuchen den Marathon zu vollenden, wie ich es bisher auf allen Ballon – A – Thons geschafft habe. Es ist 8:22 Uhr, als ich loslaufe. Ich laufe erneut an dem Spielplatz vorbei und bemerke diesmal, dass er wie ein Bahnhof mit einem Zug aufgebaut ist. Ich frage mich, ob die Bahn und/oder ein Bahnhof hier eine besondere Rolle spielen. Kurz danach folgen die beiden Achsen einer Lok. Hier überhole ich auch ein Läuferduo, die kurz vor mir losliefen. Erneut passiere ich den Smilie und finde es lustig, dass der Schatten eines meiner Beine wie eine Nase bei dem Smilie wirkt. Nennen wir es einfach „Kunst“. Das sind die verrückten Ideen, die mir kommen, wenn ich einen Lauf eher versuche zu genießen und nicht auf die Zeit achte.

Es geht zur Landstraße und ich mache innerlich drei Kreuze, als ich diese zum zweiten Mal hinter mir lasse. Es geht weiter in den Trimm-Dich-Wald. Auf dem Weg in den Wald bemerke ich, wie es warm wird und ziehe meine Weste aus. Ich denke in dem Moment, dass ich sie im Auto hätte liegen lassen können.

Ich laufe die ersten Kilometer der zweiten Runde sehr zügig. Meine Beine sind nicht mehr müde, doch die innerliche Unruhe „schnell“ die Runde zu beenden, damit ich potenziell schnell nach Hause zu meiner Frau komme, peitschen mich voran. Richtig entspannend ist es heute nicht. Am Teich hole ich sogar Torsten und Reinhard ein. Sie wundern sich, dass ich schon bei Ihnen bin. Tja, was soll ich sagen?

Als ich den Wald verlasse, sehe ich in der Ferne den Förderturm. Er wird von nun an mein Fixpunkt, bzw. mein Dreh- und Angelpunkt der Runde werden. Ich sehe, wie ich mit ihm schnell entgegenkomme, nur um dann an dem Bahnübergang stehen bleiben zu müssen. Ich weiß nicht wie lange ich dort stehe. Es sind sicherlich 3, 4 Minuten bevor ich weiterlaufen darf und die Schranken sich erheben.

Es ist ein komisches Gefühl als Läufer vor einer Bahnschranke mitten auf einer Straße zu stehen, insbesondere weil es keinen Bürgersteig gibt. Ich bin froh, dass auf meiner Seite kein Auto kommt. Ich fühle mich gerade fehl am Platz, weiß aber auch nicht, wie ich damit umgehen soll. Nach dem Bahnübergang folge ich den Weg durch das Grün.

Als ich den gelben Ballon passiere, weiß ich, dass ich nun die halbe Runde abgeschlossen habe. Kurz danach laufe ich auf dem Seseke Weg. Hier merke ich, wie die Sonne unangenehm von oben drückt. Ich trinke immer mehr und bin froh, dass ich zwei Wasserflaschen dabei habe.

Nach 33,5 km taucht Gabi vor mir auf. Wir machen unser wöchentliches Foto, wie wir es seit dem 4. Ballon – A – Thon immer gemacht haben. Sie folgt den orangen Pfeilen und plant einen Marathon. Daher werden wir uns sicher später noch sehen.

Ich bin fast an den Schleifen und Zick-Zack-Weg beim Förderturm. Der Abschnitt ist jedoch sehr gut markiert und so ist es nicht schwer die richtigen Abzweigungen zu nehmen.

Ich passiere den Bahnhof in Bönen und folge der Strecke weiter in die Ortschaft. Die Straße geht nun leicht bergauf und ich merke, den leichten Anstieg schon deutlich. Ich bin bemüht mit einem rhythmischen Laufschritt der Straße zu folgen.

Als ich bei der Kirche ankomme, werde ich von einer Anwohnerin und einem Anwohner gefragt, was das für ein Lauf sei. Ich erläutere ihnen das Konzept des Ballon – A – Thons. Sie finden das Konzept toll. Die Anwohnerin wollte sich auf den Balkon setzen und dem Treiben etwas verfolgen. Der Anwohner berichtet, dass er selbst Marathonläufer war. Als er erfährt, dass ich aus Bielefeld bin, sprechen wir etwas über den Hermannslauf, den er wohl einige Male lief. Wir verabschieden uns und ich laufe erneut durch die kleine Gasse durch.

Nach der Ortschaft wird es wieder deutlich grüner. Die letzten 3,5 km sind teilweise an oder in einem Naturschutzgebiet. Es gibt endlich einen erholsamen Schatten und ich merke, wie ich den Schatten bewusst suche.

39, 40, 41 km. Es geht gefühlt so schnell, dass ich nach einem kleinen Waldstück bei der Blumenwiese schon den Parkplatz in der Ferne sehe. Viele Autos reflektieren die Sonne und blitzen so deutlich sichtbar auf.

Als ich auf den Parkplatz einlaufe, begrüßt mich Jan-Philipp, der immer noch am Dekorieren ist, und jubelt mir zu und beglückwünscht mich zum Marathon. Er fragt mich, wie es mir geht. Ich sage ihm, dass ich nichts dagegen hätte jetzt aufzuhören. Mir fehle jedoch eine Runde, um ein Mara-Loon zu werden. Das bedeutet, dass ich in den 8 Wochen, mindestens 16 Runden gelaufen bin. Sprich im Schnitt ein Marathon pro Woche. Da ich aber nur an sieben Wochen teilnahm, muss ich zwei vollständige Runden extra laufen. Eine vollständige Runde lief im Rahmen des „Rennsteig at Home“ in Ascheberg beim 5. Ballon – A – Thon. Damit komme ich auf 7 * 2 + 1 = 15 Runden. Nun fehlt mir diese eine letzte Runde. Er meint sinngemäß: „Ja dann auf!“ Ich gehe zu meinem Auto. Es ist fast 10:30 Uhr. Ich trinke viel, esse etwas und erhole mich und nehme mir viel Zeit in dieser Pause. Auf meine zwischendurch verschickten Sprachnachrichten hat meine Frau nicht einmal reagiert. Sie bruncht wohl immer noch entspannt. Also werde ich in die dritte Runde starten.
Ich fülle meine beiden Flaschen mit Wasser auf. Ich nehme sogar noch einen halben Liter Kokoswasser mit, sodass ich für die dritte Runde 1,5 l Wasser am Mann habe. Ich befürchte, dass ich sie wegen der Wärme gebrauchen werde.

Als ich mich im Whiteboard eintrage und meine letzte Runde beginne, folge ich zum letzten Mal den orangen Pfeile. Wenn es etwas gibt, was ich mir wünsche, dann das es eine richtige Abschiedsrunde wird, nach der ich mich so sehr sehne und ich so sehr für mich brauche. Ich hebe meinen Fuß zum ersten Schritt und dann beginne ich sie: Meine insgesamt 16. Runde. Die Runde, die mich in die Sonderwertung eines „Mara-Loon“ bringen soll und meine Abschiedsrunde wird. Ich fühle mich melancholisch.

Abschiedsrunde – How to become a Mara-Loon

Schon nach wenigen hundert Metern kommen mir Torsten und Reinhard entgegen. Wir grüßen uns und rufen uns etwas zu, als wir aneinander vorbeilaufen. Ich drehe mich um und sehe, wie Reinhard stehen bleibt. Ich tue es ihm gleich. Er verabschiedet sich und wünscht meiner Frau und mir alles Gute. Ich danke ihm und wir hoffen irgendwann einander wiederzusehen. Wenn er wüsste, was er in diesem Moment gutes getan hat. Ich laufe zu einem roten Smilie, der genau guckt, wie ich gerade.

Gefühlt ist die Blumenwiese noch höher als am Morgen. Aber wahrscheinlich kommt mir das nur so vor. Es geht durch einen kleinen Waldabschnitte, weiter in Richtung des Naturschutzgebietes.

Zwei Läufer kommen wir dabei entgegen und sind positiv überrascht, dass ich schon in meiner dritten Runde bin. Ich laufe nur wenige hundert Meter weiter, bis eine vierer Gruppe mir zuruft „Du schon wieder“. Wir reden kurz miteinander, wir lachen und laufen unseren Wegen weiter.

Bevor ich in die Ortschaft laufe, treffen sich Nils und ich uns wieder. Wir bleiben stehen und reden miteinander. Dazu gesellen sich Frank und Kerstin, die gerade zufälligerweise vorbeikommen. Die Minuten vergehen und ich laufe nicht einen Meter. Die Runde beginnt so, wie ich sie mir erhofft habe. Ich kann mich von all jenen verabschieden, die mit entgegenkommen oder mit denen ich in den letzten Wochen mehr als nur wenige Sekunden gesprochen habe.

Meine Melancholie schwindet und ich folge der Straße durch die Ortschaft, vorbei an den Fachwerkhäusern und den Kirchen. Direkt dahinter bleibe ich an einer Ampel stehen. Auf beiden Seiten warten Läufer*innen, dass es grün wird. Als die Ampel auf grün wechselt, ruft einer laut „HA! Wie sie alle plötzlich ihre Uhren wieder starten.“ Alle lachen und fühlen sich sicher ertappt. Ich fühle mich auf jeden Fall ertappt.

Auch auf dem Weg weiter durch die Ortschaft, erlebe ich nur freundliche, gut gelaunte Läufer*innen. Wir tauschen Begrüßungen aus, wir lachen und wir witzeln. Ich fühle mich gut, ja gar beruhigt. Es ist fast wie im Drehbuch. Nach 48 km treffe ich Sandra und Christian wieder. Wir bleiben stehen, unterhalten und verabschieden uns. Seit dem 4. Ballon – A – Thon haben wir uns fast immer gesehen und fast immer Worte gewechselt. Es ist nicht mal ein Drittel meiner letzten Runde gelaufen und ich fühle mein Vorhaben schon fast als abgeschlossen. Sie fragen mich beide, ob ich auch am Montag nochmal da sein werde. Ich sage, ich wäre es gerne, doch ich kann dies nicht meiner schwangeren Frau antun. Unser Kind könnte jeden Tag kommen und das sie mich heute gewähren lässt, dafür bin ich ihr schon sehr dankbar. Am Montag, der Pfingstmontag 2020, wird Jan-Philipp ein Dankeschön von Kerstin und Frank erhalten. Sie haben Spenden von allen gesammelt und werden dies Jan-Philipp überreichen. Er selbst weiß zu diesem Zeitpunkt noch nichts davon, doch fast alle / viele auf der Strecke wissen davon nichts.

Als ich weiterlaufe, holt mich Danny ein. Wir haben schon in den letzten Wochen immer mal wieder kurz miteinander gesprochen, doch ich hatte ihn bisher nicht erwähnt. Es folgt für mich eine kleine Prämie auf den Ballon – A – Thon – Läufen. Ich laufe das erste Mal nicht alleine. Wir werden uns die nächsten gut 2 km teilen. Wir unterhalten uns, primär sehr privat und nicht alles muss hier im Detail erläutert werden. Doch ich freue mich, dass wir ungefähr das gleiche Tempo laufen.

Ich wäre auch gerne noch länger mit ihm gelaufen, doch ich bleibe bei 51 km stehen, mache Fotos und erhalte ein Lob für diesen Blog. Ich danke euch für die lobenden Worte. Es ist immer wieder eine gute Sache, wenn ich eine Rückmeldung erhalte.

Ich sage Danny, er könne ruhig weiterlaufen. Ich werde mich hier und da noch mit anderen unterhalten und Fotos machen. Ja, wir verabschieden uns voneinander und er läuft weiter.

Und es folgt der Abschnitt, den ich am meisten gefürchtet habe. Das lange Stück ohne Schatten. Jetzt ist es fast Mittag und die Sonne steht hoch und es ist sehr warm geworden. Ich laufe recht langsam, um es nicht zu übertreiben. Und dann kommt mir Marina entgegen. Sie läuft heute einen Marathon. Ihren vierten überhaupt und in den letzten fünf Wochen. Diese verrückte Frau! Das meine in einem positiven Sinne.

Wir unterhalten uns ausführlich und über privatere Themen. Ich sage ihr, dass ich Frank nicht getroffen habe, nachdem sie meint, er wäre vor ihr. Mir wird eines in diesem Moment sehr klar. Erst war da die Bildung einer Gemeinschaft und daraus entwickelte sich etwas Familiäres und das in diesen außergewöhnlichen Zeiten. Es ist einfach etwas Schönes, was bewahrt werden sollte. Wir verabschieden uns voneinander. Sie folgt den grünen und ich den orangen Pfeilen.

Die nächsten Kilometer sind eher ruhig. Immer mal wieder gibt es kurze Gespräche mit anderen Läufer*innen und Ruhephase. Als ich die 52 km passiere, spreche ich eine weitere Sprachnachricht für meine Frau ein. „Ich sei auf der zweiten Hälfte der Runde und laufe nun zurück.“ Das ist der Moment, der mich endlich zur Ruhe kommen lässt. Endlich verliere ich die Anspannung und kann es einfach vollends genießen. Es geht den grünen Weg zurück und bei den Bahnschranken fällt mir diesmal auf, dass ich ja direkt gerade aus laufen könnte und direkt beim Förderturm wäre. Der Durchgang ist mir gar nicht zuvor aufgefallen. Diesmal sind die Schranken oben und ich kann direkt passieren.

Ich fühle mich gut, und leere gerade meine zweite Wasserflasche. Ich habe noch 7 km und damit ein drittel der Runde vor mir. Erinnerungen vom 2. Ballon – A – Thon kommen in mir hoch und das ich damals zu wenig Wasser auf der Runde dabei hatte. Genau aus dieser Erfahrung heraus, habe ich heute jede Runde einen halben Liter mehr mitgenommen. Es ist gut zu wissen, dass ich nochmal 0,5 l Kokoswasser im Rucksack habe.

Als ich in den Trimm-dich-Wald einlaufe treffe ich Gabi. Wir bleiben stehen und verabschieden uns in Ruhe. Mir wird langsam zum Ende dieser Runde klar, dass ich nun mich von den meisten Menschen tatsächlich in meiner letzten Runde verabschieden konnte. Als ich durch den Wald laufe, bin ich alleine und nachdenklich. Es ist genau das, was ich gerade brauche. Besser hätte ich mir die letzte Runde nicht wünschen können.

Der Wald ist kühl, schattig und gibt mir Kraft, die jedoch direkt beim Verlassen des Waldes verpufft. Die letzten 4 km sind hart. Sehr hart. Ich quäle mich schon fast. Die Landstraße ist doof, der Feldweg danach hat keinen Schatten und der Fahrradweg auch nicht mehr. Es ist sehr warm geworden und mein Kokoswasser ist fast leer. Ich kann diesen letzten Absatz mit einem Mimimi zusammenfassen.

Die Frage nach dem Tief bei einem Ultralauf stellt sich nicht. Es stellt sich nur die Frage, wann es kommt. Bei mir ist es nun der Fall. Ich mache einfach weiter und denke mir, dass dieses Tief sicher bald endet.

Und es endet, gute 1000 m vor dem Ziel. Ich mobilisiere meine letzten Kräfte und gleite fast ins Ziel. Dass ich kaum noch Schatten habe, ist eine unschöne Sache. Es ist aber nicht zu ändern. Im Auto liegen weitere Getränke und daher brauche ich jetzt auch nichts mehr. Und meine Beine haben noch Kraft und daher laufe ich einfach.

Bunte Luftballons begrüßen mich. Jan-Philipp hat scheinbar fleißig weiter dekoriert und ist fertig geworden. Ich gehe zum Whiteboard und trage meine Zieluhrzeit ein. Ich habe heute auch eine Nettozeit, ohne Gespräche und ohne Pause gestoppt. Daher fühlte ich mich auch an der Ampel so ertappt. Ich wollte wissen, wie viel Zeit alleine für das Verabschieden und Reden und die Pausen zwischen den Runden in Anspruch nimmt. Es ist fast eine Stunde zusammen gekommen, die zwischen meiner Netto-Zeit auf der Uhr und Brutto-Zeit auf dem Whiteboard liegen. Eine Stunde, voller wertvoller Erinnerungen, Emotionen und die es wert waren investiert zu werden. Es geht an diesen Tag, um mehr als nur ungefähr 63000 Schritte zu tätigen. Es geht für mich vor allem darum Abschied zu nehmen, da ich nicht weiß, wann ich die Anderen wiedersehen werde. Dass ich Mara-Loon geworden bin, ist in diesem Moment für mich völlig nebensächlich.

Epilog – Abschied nehmen

Manchmal glaube ich, da sitzt ein Drehbuchautor und ich bin ein Teil einer Serie und merke es nicht. Irgendwie fühlt sich das wie ein Happy End an. Ein Feeling-Good Moment. Ich sitze im Kofferraum und erhole mich, trinke etwas. Ich wollte schon fast nach Hause fahren, bis mir meine Frau schrieb „Es ist alles ruhig. Entspanne dich weiter!“ Ich erhole mich, sammle Kräfte für die Rückfahrt. In dem Moment beginnt etwas Besonderes. Etliche Leute laufen ein. Marina kommt an, Danny ist schon da, Torsten und Reinhard beenden auch ihren Marathon.

Marina leiht mir sogar einen Stuhl und so bilden wir an diesem Tag einen Sitzkreis und quatschen einfach. Marinas Freund Frank fehlt, der in dem Moment in seiner dritten Runde ist. So habe ich zwar recht gehabt und Marina wiedergesehen, jedoch hatte ich auch unrecht, da ich an diesem Tag Frank nicht mehr getroffen habe. Ich erfuhr später, dass er zu wenig Wasser auf seiner 3. Runde mit hatte und dadurch einige Probleme bekam. Ich fühle mit ihm und die Erinnerungen an den 2. Ballon – A – Thon kommen erneut in mir hoch. Auch wenn ich die erste Runde mit einer Wasserflasche auskam, war es für mich sehr sinnvoll drei Flaschen in der letzten Runde zu haben.

Zurück zur kleinen geselligen Runde. Wir unterhalten uns mit den Leuten die einlaufen oder weiterlaufen. Wir applaudieren den Leuten zu. Aber wir sitzen primär und reden einfach, als wäre es das normalste der Welt, obwohl wir alle uns erst in den letzten Wochen auf den Ballon – A – Thons kennengelernt haben. Irgendwann sind plötzlich zwei Stunden vergangen und die Runde löst sich auf.

Es ist genau das Ende der Ballon – A – Thon Reihe und die letzte Runde, die ich mir so sehr gewünscht habe und die ich so dringend gebraucht habe. Doch nun ist es Zeit erst einmal Abschied zu nehmen. Ich hoffe sehr, dass ich euch bald alle wiedersehen werde.

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1 Antwort zu 8. Ballon – A – Thon – Finale

  1. Reinhard Dyckhoff sagt:

    Und wieder ein schöner Laufbericht. Das Familiengefühl war echt toll. Und schön wenn ich dir gutes tun konnte.

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