Tokyo Marathon 2017

Freitag, 24. Februar 2017
Ich stehe vor zwei Rolltreppen und meine größte Unterstützerin steht neben mir. Unsere Wege trennen sich hier. Ich schaue zu ihr rüber; sie zu mir. Die linke Rolltreppe ist nur für Teilnehmer_innen und die Rechte für alle anderen. Ich fahre rauf und komme in einen Bereich, wo ich freundlich empfangen werde. Ich habe als Ausländer nur ein Pult an dem ich mich anstellen darf. Darüber hängt ein Schild „International Guests“. Alles klar. Das Pult ist leer und ich komme direkt dran. Mein Pass wird geprüft und nachdem der Mann vor mir steht davon überzeugt ist, dass ich der bin, der ich bin, bekommen ich meine Marathonpapiere einen Stempel. Ich glaube, ich habe nun den Passierschein A38 für den Tokio Marathon erhalten. Bei dem Gedanke muss ich Schmunzeln.

Ich darf weitergehen, ganze 10 Schritte, bis eine ältere Frau zu mir eilt. Ich benötige nun ein Sicherheitsbändchen. Mit dem Passierschein, dem Bändchen darf ich 10 Schritte weitergehen und erhalte meine Startnummer und eine zusammengelegte Tüte für die Kleiderabgabe im Startbereich. YEAH! Ich fühle mich langsam wie bei dem Spiel ‚Ich packe meinen Koffer‘. Mit dem Passierschein, dem Armband, der Tüte für die Kleiderabgabe und der Nummer darf ich ungefähr 30 Schritte gehen und erhalte einen leeren Beutel, wo ich alles rein packen darf. Zuvor darf ich den beigelegten Chip testen lassen. Der Monitor des Testgerätes zeigt meine Nummer, mein Namen und ich nicke zufrieden. Mit dem Passierschein, der Nummer, dem Bändchen … Ach wir lassen das. Es gibt noch eine Station, wo ich ein T-Shirt bekomme. Es gibt nach der T-Shirt Station mehrere Tische, wo ich alles einpacken und umpacken kann. Das Angebot nutze ich und packe es zu einem Gesamtpaket. Ich werde weitergeleitet in einen Flur, voller Sicherheitshinweise auf Japanisch. Ich gehe weiter und sehe einen Japaner mit einem Schild auf seiner Brust „English Speaker“. Ich gehe zu ihm hin und lasse mich hinsichtlich der Sicherheitsaspekte aufklären. Sein Englisch, so ehrlich möchte ich sein, ist nicht das Beste. Er bemüht sich redlich und ich bin froh, überhaupt jemanden zu haben, der mit mir Englisch spricht. Er sagt mir, dass der Buchstabe vor meiner Nummer der Startblock ist. Ich starte in C. Er macht mich darauf aufmerksam, dass es bis L geht. Ich müsse also schon recht zügig sein, wenn ich in C starten würde. Gefolgt von einigen Sicherheitshinweisen, die ich abspeichere, gehe ich weiter und treffe Katja, die erwähnte Unterstützerin, wieder.


Sie wartet am Ende, in einer großen Halle wo alle Fotos machen. Auch wir! Gefolgt von einer unglaublich lauten Messe, wo alle schreien. Ich verstehe kaum etwas, wenn ich an einem Stand bin, weil alle so laut waren. Wenn ich dort arbeiten müsste, würde ich Taub und mit Kopfschmerzen abends nach Hause gehen. Wir gehen weiter und erreichten den Asics Verkaufsstand. Ich werde zwar arm werden, aber ich nehme neue Laufkleidung mit. Mit all den Dingen gehen wir zurück ins Hotel. Jetzt sind es nur noch 1,5 Tage bis zum Start des Marathons.

Sonntag, 26. Februar 2017
03:00 Uhr
Hab ich verschlafen? Ein Blick auf den Wecker und die Antwort war nein. Ein kurzer Gang zur Toilette und wieder ins Bett, gefolgt vom Versuch weiter zu schlafen.

05:13 Uhr – Stockende Gedanken
Ich erwache. 2 Minuten vor dem Wecker. Bin Müde, hab keine fließenden Gedanken. Aufstehen, anziehen, präparieren. Das Essen muss rein. Irgendwelche Milchbrötchen aus dem Supermarkt. Egal. Blicke in die Supporter-WhatsApp-Gruppe mit neuen Nachrichten. In Deutschland ist es acht Stunden früher. Freue mich und antworte. Überprüfe, ob alles in meiner Tasche ist. Nummer, Chip, Mütze, Sicherheitsarmband, Wechselkleidung, Handtuch, U-Bahn-Ticket. Überprüfe es nochmal. Immer noch Gedanken, die wie gestückelt wirken. Verabschiede mich von meiner größten Unterstützerin mit einem Kuss. Hoffe sie kann wieder einschlafen. Gehe los.
Verpasse die U-Bahn um wenige Sekunden. Muss warten, Zeit vergeht nicht. Sehe andere Läufer. Hoffe bald richtig klare Gedanken wieder zu fassen. Wach bin ich. Glaube ich zumindest.
Fahre U-Bahn. 40 Minuten. Nach und nach gibt es immer mehr Läufer_innen in der Bahn. Bin wohl richtig eingestiegen. Steige aus und denke mir: Ein Klo im S-Bahnhof ist besser als jedes Dixi. Super Idee. Hatten wohl auch viele andere. Muss warten…

07:14 Uhr – Ankommen
Als ich das Klo verlasse, fühle ich mich deutlich besser. Die Massen an Läufern und die frische Luft geben mir endlich die Möglichkeit klarer zu denken. Seit 7 Uhr dürfen die Läufer in den Startbereich. Es gibt sechs Gates, also Zugänge. Jeder Läufer und jede Läuferin darf nur über ein ganz bestimmtes Gate eingelassen werden. In meinem Fall ist das Gate Vier. Als ich kurz vor dem Gate war, sehe ich das viele Läufer_innen umpacken, sich umziehen und zum Sicherheitscheck gehen. Ich leere meine Wasserflasche in wenigen Zügen und schmeiße sie vor dem Sicherheitscheck in eine Tonne, weil ich das muss. Sicherheitsbestimmungen.

Der Einlass ist schnell, auch der Sicherheitscheck, da es keine langen Schlangen gibt. Nun geht es zur Kleiderbeutelabgabe, damit ich trockene Kleidung im Ziel habe. Danach noch zwei schnelle Fotos für den offiziellen Fotodienst und weiter zu den Verpflegungsständen. Eine halbe Banane und ein halbvoller Becher mit Wasser sind schnell im Magen verschwunden. Weiter geht es zum Startblock C. Es geht von A bis L. Wobei A die schnellsten Läufer enthält.


08:10 Uhr – Im Startblock
Ich bin 60 Minuten vor dem Start, und ca. 30 Minuten vor dem Schließen der Startblöcke im Block C und stelle mich vorne rein. Es ist sehr kalt, da unser Block im Schatten der Hochhäuser steht. Ich friere. Nein, wir alle frieren und warten. Um 8:40 sehe ich heran sprintende Läufer_innen, da die Blöcke kurz davor sind geschlossen zu werden.

Neben mir erscheinen die Pace-Maker für 3:30 Stunden als Zielzeit. Zwischen Block A und B stehen die 3:00 Stunden Pace-Maker. Um 8:50 Uhr sind dann wirklich alle Blöcke zu und die Unterscheidung der Blöcke wird aufgehoben. Alle rücken auf. Es gibt die Nationalhymne Japans, Ansprachen und um 9:05 Uhr den Start der Handbiker. Ich schaue mich kurz um, sehe einen männlichen Sailor-Moon, Pikatchu, Ruffy aus One Piece und viele andere Kostüme. Meine Anspannung steigt mitten in Tokio, neben dem Rathaus. Es ist ein Moment der mir Ehrfurcht abverlangt.

9:10 Uhr – Start des Marathons
0 km
Der Start des Marathons erfolgte durch Konfetti-Kanonen. Von rechts und links der Strecke abgeschossen, trafen sie sich in der Mitte über den Läufer_innen. Doch damit endete es nicht. Es gab Brücken zwischen Gebäuden und von der Brücke direkt über dem Start wurde eine weitere abgeschossen. Es sah sehr beeindruckend aus. Wir gingen alle langsam los und an einer riesigen Tribüne vorbei, die vor dem Tokioer Rathaus aufgebaut war. Das gehen sollte für mich keine zwei Minuten dauern, bis ich auf der Strecke war und lief.

Km 0 bis 10
Die ersten 10 Kilometer lassen sich schwer in Worte fassen, weil die Emotionen so intensiv und unterschiedlich waren. Auf der einen Seite entschloss ich mich per Puls zu laufen und blieb bei einem GA2 (Grundlagenausdauerbereich 2) Puls von um die 80% bis 82%. Ich muss mich immer wieder richtig bremsen und runter fahren vom Tempo. Auf der anderen Seite waren diese ersten 10 Kilometer annähernd einmalig und lassen sich nur mit den Kilometern in Manhattan beim New York Marathon vergleichen. Die Massen an Zuschauern, die Stimmung puschten einen so sehr, dass man gerade hier in Tokio enorm aufpassen musste, nicht direkt zu schnell zu laufen. Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass es einigen passiert sein dürfte. Mir fiel es unheimlich schwer entspannt und locker zu bleiben. Diese Jubel, diese Anfeuerungen, dazu das wirklich perfekte Laufwetter. Wir hatten um die 10 Grad bei blauem Himmel und kaum Wind. Die Menschen standen in mehreren Reihen hinter einander und feuerten an. Ich sah wie einige an mir vorbei sprinteten und liefen als wäre der Teufel hinter ihnen her. Ich hatte die ersten Kilometer fast durchgängig Gänsehaut wusste oft nicht wohin ich gucken sollte, welche Reize ich gezielt aufnehmen sollte. Diese Rennphase war so unglaublich reizüberflutend. Ich war froh, dass Katja nicht extra zum Start gekommen war. Ich hätte sie höchstwahrscheinlich nicht gesehen oder gefunden. Vor allem das Läuferfeld war zu diesem Zeitpunkt natürlich noch sehr kompakt auf der Straße. Dazu kommen noch die Impressionen der Häuserschluchten, die das Gesamtbild eines großen Marathons abrundeten.

Nach ungefähr 7,5 km gab es eine Streckenteilung, wo die Läufer_innen der 10 km Distanz von den Marathonläufer_innen getrennt wurden. Das sah etwas seltsam aus, da die sehr wenigen, ja gar nur einzelne Teilnehmer_innen der Kurzdistanz fast die halbe Straßenbreite hatten und alle Marathonläufer_innen die andere.

Ich beendete meine ersten 10 Km in genau 45:00 Minuten. Die Zeit verging wie im Flug. Gefühlt nahm die Begeisterung der Menschen nicht ab. Die Zuschauer standen natürlich nur noch einreihig, aber sie waren unverändert motiviert am jubeln, schreien und anfeuern. Hätte ich mich von der Stimmung frei tragen lassen und mich nicht kontrolliert, hätte es sicher auch eine 40/41 Min Zeit werden können. Aber wozu? Ich hatte noch 32 km vor mir und ein besseres Preis/Leistungsverhältnis.

Km 10 bis 16
Bei Km 11 traf ich Katja, die mir zuwinkte. Wir hatten vereinbart, dass ich versuche immer einen kurzen Status Update zu geben. Hier war er „Ich laufe auf eine 3:10h Zielzeit.“
Ich sah auf die Gegenfahrbahn und las das „Km 27“ Schild. Wenn ich dort erst einmal bin. Das dauert aber noch mehr als eine Stunde, dachte ich. Es ging weiter. Bis Km 16 nahmen gefühlt die Euphorie und die Genialität des Laufes nicht ab. Bei Km 15 gab es den ersten U-Turn.

Wir liefen erst auf einen alten Schrein zu, der umhüllt von hohen Gebäuden war. Dann ging es um 90 Grad nach rechts und es kam wie aus dem Nichts der Skytree in Tokio einen in den Blick. Nach wenigen Metern ging es wieder um 90 Grad nach rechts und plötzlich befand ich mich auf der Gegenfahrbahn der Straße, die ich zuvor belief. Erst da realisierte ich langsam, dass wesentlich mehr Menschen hinter mir sind, als vor mir. Die Straße war viel voller. Bei mir war es schon gut und entspannt laufbar, aber hinter mir schien es ein höheres Gedränge zu geben. Bei Km 15,5 gucke ich auf die Uhr und dachte mir, dass die Weltspitze nun sicher ungefähr bei Km 25 sein musste. Als ich in eine Links Kurve einbog zwischen Km 16 und 17, sah ich plötzlich wieder leere Straßen auf der Gegenfahrbahn und das Schild „Km 25“. Was soll ich sagen? Die Weltspitze kam in dem Moment mir entgegen.

Km 16 bis 21,1
Nun war ich bei Km 17. Auf der Gegenfahrbahn las ich etwas später das Schild Km 24. Auf der Gegenfahrbahn sah ich vereinzelte kleinere Gruppen. Die liefen sicher auf eine 2:20h oder 2:30h Zielzeit, zumindest dachte ich mir das. Auf diesem Abschnitt war die Stimmung weitaus gedämpfter und weniger laut. Natürlich gab es immer noch unzählige Menschen die am Rand standen, doch mit mehr Ruhe und Zurückhaltung. Wenn sie jemand sahen, den sie kannten, dann rasteten die Japaner total aus. Ich erschreckte mich das eine oder andere mal, weil sie plötzlich, aus dem Nichts völlig aus dem Häuschen waren, schrien und rumsprangen.

Bei Km 19, auf einer kleinen Brücke, war mein zweiter Treffpunkt mit Katja. Ich sagte ihr, dass ich nun langsamer laufen werde. Ich merkte, dass ich schon kleinere Probleme mit den Beinen hatte. Es schien als wenn es für meinen Körper kein idealer Tag gewesen war. Meine Oberschenkel zwickten hier und da. Bei Km 20 hatte ich genau 1:30h auf der Uhr. Da ich das Tempo bewusst raus nahm, wusste ich nicht, wie viel Zeit ich liegen lassen würde. Mit meiner Halbmarathonzeit lief ich weiterhin grob auf eine 3:10h Zielzeit hinaus. Doch, dass sollte sich ja nun ändern. Spätestens bei km 30 sollte es sichtbar sein, dass es nichts mehr mit einer 3:10h wird. Dieser zweite von insgesamt 3 U-Turns war deutlich leiser beim Publikum und weniger spektakulär.

Km 21,1 bis 26
Nach dem zweiten U-Turn ging es zurück zu jenen Punkt, wo ich die Weltspitze sah. Je weiter ich lief, umso voller wurde die Gegenfahrbahn. Ich dachte, es gehe kaum noch voller, doch ich hatte Unrecht. Irgendwann durchfuhr mich das Bild einer dahin fließenden, riesigen Masse. Um mich herum geschah genau das Gegenteil: Es wurde immer leerer. Ich hatte unglaublich viel Platz und es wurde immer einsamer.

Bei Km 22 traf ich Katja wieder. Selbe Brücke wie bei Km 19, nur auf der anderen Straßenseite. Ich war sehr froh sie zu sehen und jemanden da zu haben, der mich unterstützte. Damit war das dritte von fünf geplanten Treffen auf der Strecke absolviert.

Immer wieder sah ich mich um und konnte nur schwer den Umstand greifen, dass ich in Tokio, auf der anderen Seite der Welt, gerade laufe. Was ich in diesem Abschnitt endlich begriffen hatte, war das Klo-System für die Läufer. An jedem Klo stand ein Helfer mit einem Schild auf dem zum Beispiel „Next Toilet 200m“ stand. Ich verstand endlich, dass diese Schilder auf aktuelle bereitstehende Toiletten hinwiesen, aber auch klar zeigten, wann die nächsten kamen. Die Toiletten waren Dixis, die hinter den Zuschauer standen, jedoch mit frei gehaltenem Ein- und Ausgang. So etwas ist wirklich hilfreich und jetzt wo ich darüber nachdenke, wünsche ich mir so eine Hilfe überall auf den Marathons.

Bei Km 25 guckte ich rüber auf die Km 16 Marke, da wo ich die Weltspitze gesehen hatte. Die Straße bei Km 16 war immer noch sehr voll. Unglaublich wie viele Menschen hinter mir liefen. Kurz nach Km 25 bogen ich links in eine Straße. Nun war die Gegenfahrbahn mit jenen Läufer_innen gefüllt, die nun ungefähr bei Km 12,5 waren. Hier wurde deutlich mehr gewalkt und die Straße war weniger voll.

Km 26 bis ‚Mann mit dem Hammer‘
Bei Km 26 / 27 erkannte ich die offiziellen Schlussläufer, die ungefähr Km 11 passierten. Hinter Ihnen räumten Aufräumtrupps mit hohem Tempo eine Verpflegungsstelle auf. Neben ihnen fuhren große Müllwagen. Hinter den Müllwagen war der Besenbus. Wem der Begriff des Besenbuses nichts sagt, dem sei kurz dies erklärt. Der Besenbus bildet den Abschluss des gesamten Feldes und sammelt all jene ein, die es zeitlich oder warum auch immer nicht mehr schaffen einen Lauf erfolgreich zu beenden. Ich war traurig, als ich erkannte, dass in dem Bus schon Personen drin saßen. Der Bus hatte gute 500 bis 800 m Abstand zu den Schlussläufern.

Ich war vor dem Marathon skeptisch, ob das wirklich schön ist, wenn eine Strecke drei U-Turns hat und alle im Grunde drei lange Straßen hin und wieder zurück liefen. Aber ich muss sagen, dass ich an diesem Moment das wirklich zu schätzen wusste. Ich wusste nach jedem U-Turn was kommt und es war einfach unglaublich spannend für mich das Feld vor mir, aber auch hinter mir zu sehen. Zudem ist Tokio mir so unbekannt, dass ich auf jedem Rückweg immer etwas neues entdeckte und Bilder, wie das Aufräumen eines Verpflegungspunktes genauso interessant waren, wie die Weltspitze laufen zu sehen.

Leider sah ich meine Supporterin nicht bei Km 27. Wie sie mir später im Hotel erklärte, hatte sie ein dringendes Verlangen nach einem Klo. Das hatten leider auch sehr viele andere Zuschauer und sie verlor eine Menge Zeit und kam nicht mehr rechtzeitig zum Treffpunkt. Als sie auf Facebook die Service Nachricht sah, dass ich schon bei Km 30 durch bin, fuhr sie weiter zum letzten Treffpunkt.

Bei Km 30 war ich immer noch offiziell auf einer Zeit von 3:15h unterwegs. Meine Beine waren aber schwer und ich merkte, wie schon der Mann mit dem Hammer neben mir auftauchte und mich mit seinem fiesen Grinsen ansah. Dreckiger Typ sag ich euch. Ich konnte noch zwei Kilometer vor ihm fliehen, doch bei Km 32 war es dann soweit. Er stellte sich vor mich, lächelte, zwinkerte mir zu und schlug auf mich ein. BÄM! Ich war k.o. Was jetzt?

Km ‚Mann mit dem Hammer‘ bis 40
Bei Km 32,5 kam eine Verpflegungsstation. Ich nahm Elektrolyte und blieb stehen, das erste Mal. Während dieses Verpflegungspunktes wollte ich nicht weiter laufen, sondern mich richtig aufbauen und etwas erholen. Der Schlag mit dem Hammer saß und das spürte ich. Aus etlichen anderen Läufen weiß ich: Ruhe bewahren, aufpeppeln und durchatmen. Ich aß ein Stück Apfel, es gab M&Ms und Traubenzucker. Alles wurde mit Wasser ordentlich nachgespült. Ich trabte wieder langsam an. Dabei beschloss ich, dass ich mir keinen Zeitstress oder -druck mache. Ich war in Tokio. ALTER! Ich war um die halbe Welt gereist, nur um hier Spaß zu haben, also hatte ich jetzt Spaß. Nix Stress! Nix Druck! SPASS! Mir diesen Umstand so klar zu machen, half enorm. Ich nahm erheblich das Tempo raus, aber ich lief. Mein Ziel war es, bis auf die Versorgungsstationen durchzulaufen.

Es gab hier auch immer wieder Phasen, wo sehr viele Personen am Rand standen und eine Totenstille herrschte. Dann gab es Phasen, die extra markiert schienen, in denen die Personen richtig Stimmung machten und rumschrien. In dem Abschnitt zwischen 30 und 40 waren die wenigsten Zuschauer. Ich hatte schon erwartet, dass in dieser U-Turn Schleife weniger los sein würde. Die S-Bahn Verbindung war schlechter. Das hatte ich vorher extra nachgesehen, da Katja und ich Treffpunkte ausgemacht hatten. Ich wünschte mir zwar, dass sie irgendwo zwischen Km 30 und 40 stand und mich anfeuerte, doch es machte einfach keinen Sinn. Ich hatte zu ihr gesagt, dass es hier kaum Publikum geben wird, da die Zuschauer_innen natürlich ihre Angehörigen eher vor dem Ziel sehen wollen. Auf Grund der mauen S-Bahn Verbindung in diesem Abschnitt war das aber kaum rechtzeitig möglich.

Irgendwann bei Km 35,5 kam ich in die letzte U-Turn Schleife. Nun ging es wieder komplett zurück. Im Grunde durfte ich diese Straße nun knappe 6 Km entlang laufen und dann sollte da irgendwo das Ziel stehen. Gesagt, getan. Ich blieb an Wasserpunkten nicht stehen, sondern trank im Gehen. Bei den Verpflegungspunkten, die mehr als nur Wasser anboten, blieb ich kurz stehen und aß etwas. Die Helfer an diesen Punkten munterten mich auf, dass sah ich in ihren Gesichert. Ihre Rufe habe ich auf Grund mangelnder Kenntnisse der japanischen Sprache nicht verstanden. Ich lächelte zurück, nickte und hoffte, dass meine Reaktion nicht beleidigend war.

Ich war glücklich und tief in meinem inneren Zufrieden. Mir hing dieser miese Hammerschlag noch nach, aber bei Km 36 ging es mir langsam besser und ich beschleunigte sogar wieder. Bei Km 38 verfluchte ich das fehlende Km 40 Schild und fragte mich, wieso es nicht käme. Bei Km 39 verfluchte ich meine Beine. Bei Km 40 verfluchte ich meine Uhr, weil diese schon bei Km 42,5 war und mich seit Beginn des Laufes völlig veräppelte.

Aber halt. Moment. Sekunde. Ich war bei Km 40. Yeah. Das Tal der Tränen war nun hinter mir. 2,195 km lagen vor mir und ich erkannte, dass ich bei ungefähr 3:15h nun war. D.h. ich hatte noch 20 min für diese Distanz, um eine neue Persönliche Bestleistung zu erreichen. Das gab mir neuen Auftrieb, zu wissen, dass dies mein bisher schnellster Marathon werden sollte. Ich guckte nach rechts, auf die Gegenfahrbahn (in Japan ist Linksverkehr). Dort war die Straße sehr voll und alle Läufer_innen waren gerade bei Km 31. Ich wünschte ihnen, dass sie besser durch diesen letzten Abschnitt kämen.

Km 40 bis Ziel
Ich hatte so viele Eindrücke, dass ich gefühlt zügig Km 41 erreichte. Dort irgendwo zwischen 41 und 42 sollte Katja stehen. Ich fragte mich, wie der letzte Kilometer werden würde. Er ist in Berlin durch das Brandenburger Tor etwas Besonderes und in New York durch den Central Park auch. Kurz nach dem Km 41 Schild lief ich in eine Allee mit hohen Häusern, wieder vielen Zuschauern und einer unglaublich guten Stimmung.


In der Menge der Zuschauer winkte und schrie Katja mir zu. Ich winkte zurück, lief zu ihr, klatschte sie mit einem High Five ab, warf ihr einen Luftkuss zu und schrie: „WAS EIN LAUF! BESTZEIT!“ Sie schrie irgendwas zurück, was ich nicht verstand. Es war wirklich laut. Aber es beflügelte mich noch einmal anzutreten. Diese letzten 500 m kannte ich zufälligerweise vom Vortag, da wir hier zu Fuß waren, um uns alles anzusehen. Ich schaute nach links und rechts, ich lachte, grinste und wurde emotional. Die Strecke bog nach Links ein und da war es: Der Bereich, wo man auf den Kaiserpalast sah und das Ziel. Es waren nur noch wenige Meter. Es gab eine Anzeige, die uns die Siegerzeit „2:03:58“ darstellte und darüber die aktuelle Zeit.

Viele, aber nicht alle, jubelten, schrien und freuten sich. Als ich hinter der Ziellinie war zeigte ich kurz den Daumen hoch in meine Kamera. Danach schaltete ich die Kamera aus. Dieser Moment danach im Ziel, der gehört mir und wird an dieser Stelle nicht geteilt.

Der wohl am meisten bewegende Moment war nach dem Ziel
Und als ich mir meinen Moment genommen hatte, ging ich weiter. Schließlich wollte ich meine trockene, warme Kleidung haben und natürlich die Medaille. Ich ging und ging und ging und nichts geschah. Wir Läufer_innen wurden gleich geteilt anhand der Farbe der Nummer. Je nach Farbe gab es woanders die Kleidungsbeutel. Ich ging gute 500 m bevor ich ein Finisher Handtuch bekam, einige Meter danach eine Wärmedecke, dann nach einigen Metern eine Flasche Wasser, danach eine leere Plastiktüte. Ich fühlte mich so unfassbar an die Ausgabe der Startnummer erinnert. Diesmal hieß es: Ich packe meine Finisher-Versorgungstüte. Tatsächlich gab es Stände mit Bananen, Brote und anderen Kleinkram. Erst nach der Versorgung und nach fast einem Kilometer gab es die Medaille. Ich sah links nämlich die Stelle, wo das Km 41 Schild stand.

Hier wurden wir nochmals nach der Farbe der Startnummer getrennt. Irgendwann sah ich endlich den Weg zu meiner Baggage Claim (Rückgabe des Kleiderbeutels). Ich war völlig in Gedanken, wo ich gleich noch hin wollte und wie ich am besten zur S-Bahn komme, die mich ohne Umweg zum Hotel bringen würde. Ich konzentrierte mich schon völlig auf die Abreise bis zu jenen Moment, wo ich bemerkte, dass der Läufer vor mir plötzlich beklatscht wurde von den Helfer_innen beim Baggage Reclaim. Ich dachte: „Na wenn da jemand nicht Bekannte stehen hat.“ Doch die Helfer_innen hinter den ersten machten weiter. Dann klatschen sie mir zu, gratulierten mir. Jeder tat das. Viele gaben mir ein High Five, aber alle klatschten und gratulierten mir. Der Baggage Reclaim für Orange war sicher gute 80 m lang. Alle standen Spalier und bejubelten jeden einzelnen der da durch ging. Es lief mir kalt den Rücken runter und ich war völlig überfordert, weil ich absolut nicht damit gerechnet hatte. Das war der für mich der wohl am meisten bewegende Moment, weil ich alles was ich hinter der Ziellinie fühlte, hier wieder hochkam und noch einmal getoppt wurde. Danke an die Japaner_innen, die mir diesem unvergesslichen Moment an Freude und Glück geschenkt haben. Ich werde dies niemals vergessen.

Nachdem ich meinen Kleiderbeutel bekommen hatte und im Bereich hinter der Kleiderabgabe gestanden hatte, zog ich mir fix warme Sachen an, ging zu Seiko, um an der Finisher-Aktion teilzunehmen. Jeder der wollte, durfte ein riesiges Plakat beschreiben, mit seiner offiziellen Finisherzeit. Diese wurden am Folgetag in den U-Bahnen aufgehängt. Ich fand die Aktion sehr toll und nahm dran teil.

Danach ging es direkt ins Hotel zu Katja und zur Dusche. Endlich duschen, endlich ausruhen und die vielen Eindrücke verarbeiten. Danke Tokio, ich werde davon lange zehren. Ich hoffe wir sehen uns wieder.

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