Zugspitzultratrail 2019 – Aber ich wollte doch …

Vor dem Lauf

Es ist vor dem Start des Zugspitzultras 2019 viel passiert, sodass ich ein sehr langes „vor dem Lauf“ verfassen möchte. Ich glaube, das wird das längste „vor dem Lauf“ – Kapitel, das ich je verfasst habe.

Es gibt Momente, die alles verändern. Von so einem Moment mag ich erzählen. Sina, Niklas, Dominik und ich sitzen in Dominiks Auto. Wir fahren gerade nach Grainau, was an Garmisch-Partenkirchen grenzt und der Austragungsort von dem Zugspitzultra ist. Wir sind zwischen München und Garmisch-Partenkirchen, also kurz vor dem Ziel, als dieser besagte Moment eintritt. Wir vier erhalten alle zeitgleich eine SMS Nachricht mit dem Inhalt, dass unsere Starts verlegt worden sind. Niklas und Sina starten lediglich früher. Dominik und ich starten ursprünglich auf den 80, bzw. 100 km des Zugspitzultras. Bei uns bedeutet die Verlegung des Starts, dass wir nur noch 65 km laufen werden. Die 80 und 100 km entfallen vollständig. Mein erster Gedanke ist: Ade, mein 100 km Vorhaben. Ich gestehe es mir in diesem Moment noch nicht ein, und es wird auch noch Tage dauern, aber ich bin enttäuscht und traurig. Wenigstens findet der Lauf statt, nicht wie 2012 beim New York Marathon, wo ich schon vor Ort war und der Lauf entfallen ist.

Dennoch bin ich traurig. Juliane lief ihn zweimal und es war vor vielen Jahren, als sie meinte: „Willst du nicht auch mal die 100 km laufen?“ und ich immer meinte: „Bloß nicht. Ich bleibe bei den 65 km.“ Zweimal war ich nun die 65 km Supertrail Strecke gelaufen und jetzt hatte ich meine Meinung geändert. Jetzt wollte ich diese 100 km rund um die Zugspitze laufen. Doch das Schicksal, das Unwetter und was auch immer der Meinung war, dass es nicht 2019 sein soll. Jetzt sollte ich also zum 3. Mal die 65 km laufen? Dann … mache ich mal das Beste draus und komme irgendwie ins Ziel.

Als wir nach 8 oder 9 Stunden Fahrt, viele Staus waren inklusive, endlich ankommen, treffen wir Daniel. Mit ihm trainiere ich unter anderem für den Hermannslauf. Zu fünft holen wir unsere Startunterlagen ab, gehen zur Pasta Party und hören uns das Streckenbriefing mit all den notwendigen Änderungen an. Ein schweres Unwetter bedroht das Rennen. Wann es kommt und wie heftig es wird, ist unklar. Es kann schon ab Nachmittags da sein, Notfallpläne seien schon vorbereitet. So sei es denn, auf geht’s.

Nächster Morgen. Wir müssen früh die Wohnung verlassen, da unser Bus gegen 6 Uhr uns zum Start bringen soll. Bei der Bushaltestelle trennen wir uns. Niklas und Daniel starten über die 39 km Distanz und Dominik, Sina und ich eben über die 65 km. Um 5:57 Uhr sitzen wir im Bus und fahren nach Österreich zum Start des Zugspitz Supertrail 2019. Es wird zudem Sinas erster offizieller Ultralauf und das gleich über 65 km und 3000 Höhenmeter. Ich ziehe meinen Hut davor. Ich war vor exakt 3 Jahren in der identischen Situation und ich weiß, was vor ihr liegt und wie schwer es werden kann.

Beim Start angekommen, stellten sich Dominik und ich uns für die Toilette an. Das spannende ist, dass es mein neuer Rekord ist, um für eine WC anzustehen: Sage und schreibende 45 Minuten wird es dauern. Und dies ist ein symptomatisches Beispiel dafür, wenn drei Startfelder zu einem Feld zusammengeführt werden, aber gefühlt die Sanitären Einrichten u.a. diese Kapazität nicht verkraften. Ich verstehe, dass dies viele Herausforderungen birgt und ich bin froh, dass es überhaupt einen Start gibt, aber ideal war der Beginn dieses Tages für mich nicht. Dominik und ich gehen nach der WC Aktion zum Einchecken in den Startblock.

Der Lauf

Wenige Minuten vor dem Start sind Sina, Dominik und ich im Startbereich und jeder hat andere Ambitionen. Dominik möchte eine gute Zeit laufen, Sina und ich wollen nur ins Ziel kommen. Irgendwie. Irgendwann. Hauptsache innerhalb des Cut-Offs von 15 Stunden. In diesem Moment hoffe ich, dass meine Magenprobleme, die ich 2017 auf diesem Lauf hatte, sich nicht wiederholen würden.

Der Startschuss fällt und wir laufen los. Ich kenne die Strecke und weiß mittlerweile, wie ich meine Kraft einteilen muss und wie ich den Lauf angehen sollte. So laufe ich los und es geht auch den ersten Berg hoch. Als ich fast oben ankomme, gibt es die erste Streckenänderung des Tages. Die letzten Meter hoch zum ersten Gipfel, dem Scharnitzjoch, ist etwas kürzer aber leider dadurch steiler. Alle kämpfen sich Schritt für Schritt hoch.

Oben angekommen, beginnt der erste Downhill mit Schnee. Meine Erinnerungen an den Zugspitzultra 2016, wo ich im Schnee stürzte und der vierten Etappe des Transalpine Runs, wo ich auch deswegen stürzte, werden wach. Ich ärgere mich über die bevorstehenden Meter, dass es so rutschig ist und ich mich so unsicher fühle. Doch nach einigen Metern beschließe ich mich auf meinen Po zu setzen und einfach herunterzurutschen, was zu meiner persönlichen Überraschung wirklich gut läuft. Der Po ist zwar nun nass und kalt, aber ich bin nach einigen Minuten am unteren Ende des Schneefeldes angekommen.

Der restliche Downhill läuft für meine Verhältnisse echt gut. Ich kann viel, beinahe alles laufen und das mit meinen erheblichen, auch technischen Defiziten im Downhill. Es erscheint mir, dass mein Training dies gut aufgefangen hat, denn ich habe Downhill laufen auch trainiert. So erreiche nach 2:37h den ersten Verpflegungspunkt (VP5; die Nummerierung orientiert sich an der 100 km Strecke). Das Problem ist nur: Es ist so eng, so beklemmend. Überall wird gedrückt, geschoben und der VP ist einfach völlig überfüllt. Es fühlt sich wie eine Massenabfertigung auf engstem Raum an. Ich beeile mich, will schnell wieder raus und weiterlaufen. Als ich wieder auf der Strecke bin, habe ich wieder Platz, fühle mich wohl und kann endlich weiterlaufen. Erholsam war dieser Verpflegungspunkt aber leider nicht.

Ich laufe schnell weiter. Jetzt wird es für 10 km relativ flach bleiben. Ich ziehe leicht mein Tempo an und hoffe, dass ich gut bis zum VP 6 durchkomme. Zwischendurch treffe ich Dirk, den ich beim Zugspitzmarathon 2016 kennenlernte. Er wollte heute seinen ersten 100 km machen, doch das klappt aus bekannten Gründen nicht. Wir unterhalten uns und trennen uns nach gut 2 km wieder. Ich bin zügig in VP6 angekommen, esse und trinke kurz etwas, fülle meine Vorräte auf und gehe ein Stück bergauf und esse dabei weiter. Ich komme gut weiter und habe dann doch ein kleines Tief. Das geht nach nicht einmal 10 Minuten weg. Und dann stehe ich schon im VP 7. Gute 32 km liegen nun schon hinter mir.

Ich gehe am Verpflegungspunkt vorbei und ins Lokal, um mir eine Fanta zu holen. Doch ich werde angeschrien, ja angeschrien: „Sie bekommen nur etwas, wenn sie sich hinsetzen. Wir verkaufen hier nichts am Tresen. Also setzen Sie sich oder gehen Sie weg.“ Ich bleibe ruhig, denke daran, wie andere in den Jahren zuvor etwas bekommen haben, schüttle den Kopf und sage nur „Ich gehe. Schönen Tag noch.“ So etwas Unfreundliches habe ich noch nie erlebt. Ich gehe zum Verpflegungspunkt zurück und mache meine Routine. Allerdings muckt mein Magen etwas. Er kommt mit der Ernährung von dem Lauf einfach nicht zurecht. Ich merke, wie ich kaum noch etwas Essen kann und ich fürchte mich vor dem, was da noch vor mir liegt. Dunkle, böse Erinnerungen von 2017 kommen hoch, wo ich völlig abgeschmiert bin. Meine Hoffnung zerbröselt sich zu Staub. Ich atme tief und traurig ein, seufze und sagte mir „Es geht weiter.“ Doch nach gut 1-2 km geht es mir nicht mehr so gut. Ich fühle mich platt, die Hitze drückt unangenehm. Ich schleppe mich dann irgendwann, irgendwie nach vorne.

Nach einiger Zeit komme ich an einer Alm vorbei und es gibt ein Schild auf dem steht: „Selbstbedingung“. Ich lächle und kehre ein. Zum ersten Mal in meinem Leben während eines Laufes kehre ich irgendwo ein. Ich hole mir eine Fanta, 0,4 l und setze mich auf eine Bank und genieße die Aussicht. Ich trinke sonst nie Fanta. Wirklich, aber ich habe durch Zufall auf einem vergangenem Lauf gemerkt, dass ich sie gut verkrafte und den Zucker gut gebrauchen kann. Ich sehe am Nachbartisch Läufer, die sich unterhalten. Einige haben hier aufgegeben, einige wollen gleich weiter. Ich trinke die Fanta aus, stell mein Glas auf das Tablett zur Abgabe und laufe nach gut 5 Minuten weiter.


Einige Minuten später laufe ich neben einem Läufer her. Wir unterhalten uns fast 3 km lang. Am Ende des Gesprächs fühle ich mich super. Ich habe ein richtiges hoch und laufe wie verrückt plötzlich dem VP8 entgegen, den ich nach gut 7 Stunden erreiche. Erneut kehre ich ein, nehme eine kleine Fanta, setze mich hin, trinke in Ruhe aus. Dann folgt die übliche Routine am VP und es geht weiter. Ein guter Halbmarathon liegt nur noch vor mir. In aller Regel benötige ich für diesen gute 5 Stunden. Und so soll es auch diesmal sein.

Ich gehe den letzten Berg rauf (gute 7 km mit 1400 Höhenmeter). Das wirklich anstrengende ist die Kuhglocken der Zuschauer. Du hörst sie und denkst: „Super, ich bin gleich oben!“ und eine halbe Stunde später bist du es erst. Das zerrt sehr an meinen Nerven. Und irgendwann erreiche ich den VP9. Jetzt habe ich mein größtes Tief während des Laufes. Es geht mir gar nicht gut. Ich hatte sehr mit mir zu kämpfen. Es dauert fast 15 Minuten, bis ich aufstehe und weiter krieche. Ja das Wort kriechen passt wirklich gut. Der letzte Rest des Anstieges kostet mich viel Kraft. Mental habe ich nicht eine Sekunde an das Aufgeben gedacht, aber es ist unheimlich anstrengend und meine Akkus sind leer. Dass ich schon seit VP 7 kaum etwas essen kann, macht sich nun deutlich bemerkbar. Auf halbem Weg bleibe ich stehen, stelle mich an den Rand, um anderen nicht im Weg zu sein. Ich nehme ein Gel und das kann ich ganz gut aufnehmen. Warum ich keines am letzten Versorgungspunkt genommen habe? Keine Ahnung.

Dann schaue ich nach oben und bewege mich in diese Richtung. Oben angekommen geht es jetzt im Grunde nur noch bis ins Ziel bergab, was nicht meine Spezialität ist. Ich lasse es laufen, zumindest wenn der Magen nicht meckert. Ich erreiche VP 10 und danach ist es im Grunde nur noch eine Wanderschaft bis ins Ziel. Auf keinem Zugspitzultra zuvor bin ich so viel nach dem letzten Versorgungspunkt gegangen wie bei diesem. Es geht einfach nichts mehr. Erwähnte ich, dass meine Akkus leer sind? Ich bin in einem Tief, aus dem ich kaum noch rauskomme. Ich setze einen Schritt nach dem anderen und weiß, dass Ziel kommt näher.

Das Ziel und danach

Nach 12:18h erreiche ich mit großer Erleichterung und Erschöpfung das Ziel. Ich bin glücklich, dass ich es geschafft habe. Später am Abend fragt mich Niklas, ob ich an diesem Tag die 100 km geschafft hätte? „Vielleicht“, ist meine Antwort und füge noch hinzu: „Mit wesentlich mehr Kampf vielleicht schon.“

Ich sitze im Ziel mit Daniel, Dominik und Niklas. Wir besprechen uns und reden etwas über unsere Eindrücke, unsere unterschiedlichen Läufe. Niklas und Dominik haben ihre Ziele erreicht. Niklas erlebte seinen ersten alpinen Traillauf und Dominik lief eine hervorragende Zeit. Daniel ist das Rennen zu schnell angegangen und stieg am Verpflegungspunkt 9 aus. Ich schlage vor, dass wir Sina 1 km vor dem Ziel empfangen und anfeuern sollten. Gesagt, getan. Wir gehen dem Starterfeld entgegen und wir feuern jeden an. Es wird dunkel und irgendwann ruft uns eine Stimme zu „Ich bin es, hey Leute! LEUTE!“ und dann ist sie schon fast vorbei. Wir haben Sina im Dunkeln nicht erkannt. Ich renne ihr hinterher und versuche vor ihr im Ziel zu sein, um ihren Einlauf zu sehen. Dafür muss ich allerdings „außen rum“ laufen, da ich durch das eigentliche Ziel nicht laufen möchte. Es gelingt mir. Zwei Sekunden bevor sie über die Ziellinie läuft, stehe ich da und empfange sie. Woher ich plötzlich diese Kraft nahm? Keine Ahnung. Sina hat es geschafft und sie beendete ihren ersten, offiziellen Ultralauf erfolgreich. Das ist eine große Leistung ihrerseits!

Bis auf Sina sitzen wir auf dem Balkon der Ferienwohnung und reden. Plötzlich beginnt ein heftiges Gewitter über uns herzuziehen. Es ist eine Stunde nach dem Zielschluss. Man kann und muss hier Plan B ein großes Kompliment aussprechen: Sie haben einfach alles richtig gemacht.

Tage später. Ich sitze zu Hause, vor meinem PC und denke und reflektiere den Lauf. Ich merke, dass ich doch tief in mir enttäuscht bin, dass die 100 km nicht stattgefunden haben. Ich öffne einen Webbrowser und suche nach einem zeitnahen 100 km Lauf und finde ihn. Dieser ist nur noch wenige Tage entfernt und eine Anmeldung ist nur noch vor Ort möglich. Ich bespreche mich mit Sina. Sie gibt mir ihren Segen und unterstützt mich. Ich maile den Veranstalter an und frage nach der Wahrscheinlichkeit einer Nachmeldung. Die Antwort kommt direkt (sinngemäß): „Jeder der anreist und sich vor Ort nachmeldet, ist dabei!“ Die konkreten Planungen nehme ich direkt in Angriff. Ich hoffe das mein nächster 100 km Ultralauf nun funktionieren wird. Ich kann die restlichen Tage an beiden Händen abzählen, bis ich an der Startlinie des 100 km Thüringen Ultralaufes stehen werde.

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Hollenmarsch 2019 – Wenn ein 55 km Ultra zum Training wird

Vorgeschichte

Was ist alles seit der Brocken Challenge passiert? Ich war spontan auf dem Ibbenbürener Klippenlauf, ich lief in Paderborn den Osterlauf. Ich stellte eine neue Bestzeit auf dem Hermannslauf auf (2:15:57h). Danach lief ich spontan bei dem Preußisch Oldendorfer Volkslauf. Das große Ziel ist im 1. Halbjahr aber der Zugspitzultra 100 km Lauf mit 5450 Höhenmeter im Juni.

Ich empfand es als sinnvoll einmal einen Trainings-Ultra zwischen 50 und 60 km zu laufen. Auf die Idee, dass ich mich beim Hollenmarsch anmelde, brachte mich meine Arbeitskollegin Kathrin, die dort die 100 km zum vierten Mal wandern möchte.

Und da ich mich ja gerne von neuen Läufen begeistern lasse, habe ich mir gedacht: Cool die haben eine 55 km Strecke. Zeitlich passt es auch perfekt in meinen Trainingsplan. Also auf geht es!

Vor dem Start – 25. Mai 2019

Es ist 7:30 Uhr. Kathrin ruft mich an, sie ist ungefähr bei Kilometer 65 von ihrer Wanderung und hat die Nacht geschafft. Wir reden kurz miteinander. Ich drücke ihr die Daumen für den Rest ihrer 100 km Wanderung beim Hollenmarsch. Ich mache mich kurz danach fertig und fahre zum Lauf. Vor Ort treffe ich einen Trainingspartner, mit dem ich seit Jahren mich für den Hermannslauf gemeinsam vorbereite: Daniel. Er läuft den Marathon, als Trainingslauf für den Zugspitzultra – Basetrail XL (39 km mit gut 1800 Höhenmeter). Er wird am Ende gesamt 3. auf dem Marathon werden und ungefähr 3:25h benötigen für den Marathon mit den gut 1100 Höhenmetern. Wir holen unsere Startnummern ab und ziehen uns für den Lauf entspannt um und gehen zum Start. Da fällt mir auf: Ich habe meine Flaschen im Auto gelassen. Es heißt zwar, man benötige sie nicht unbedingt, aber es sollte warm werden. Alleine für den psychologischen Effekt eine dabeizuhaben, war es mir schon wichtig wenigstens eine mitzuführen.

So rannte (!) ich , ja sprintete richtig, zum ca. 1 km entfernten Parkplatz, da ich nur noch 12 Minuten bis zum Start hatte. Die Steigung war nicht ohne und so ging mein Puls schon gut hoch (Für die Experten: Zone 5, anaerob). Ich nahm schnell die Flasche aus dem Auto und rannte zurück. Ich kam 2 Minuten vor dem Start am Startblock an und musste mich komplett hinten einsortieren. Das war alles andere als ein idealer Anfang. Ich wollte mir für die gut 1400 Höhenmeter mit 55 km lange Strecke knapp 6 Stunden Zeit nehmen. Schließlich sollte dies ein Trainingslauf sein.

Ich konnte gerade noch durchatmen, als der Startschuss schon viel…

Der Lauf

Ich laufe los und überhole erst einmal einige Läuferinnen und Läufer. Sina hatte mir noch eine Sprachnachricht geschickt, auf die ich zumindest kurz eingehen wollte, bevor ich stundenlang durch die Gegend laufe. Es muss von außen sehr seltsam gewirkt haben, dass ich nach nicht einmal 1 km mein Handy aus dem Laufrucksack zücke und ihre Sprachnachricht abhöre, nur um dann direkt im Anschluss eine aufzunehmen.


Als der erste Berg anfängt, ist das alles erledigt. Ich stecke das Handy weg und lasse mich erst in diesem Moment auf den Lauf ein. Die sonst nachdenklichen Minuten im Startblock sind ja auch entfallen. Ich ärgere mich etwas über mich selbst.
Es geht steil bergauf, aber das Berglaufen bereitet mir Freude und Spaß und nimmt mir den Ärger. Ich bin heute ganz sicher nicht der Schnellste, aber das muss ich auch nicht.
Irgendwann endet die erste Steigung und es wird angenehm flach und zwischendurch geht es auch wieder runter. Ich erfreue mich an der Landschaft und der teils weiten Aussichten. Ich laufe fast am ersten Verpflegungspunkt vorbei, bremse und trabe ein, um in Ruhe zu Essen und zu trinken. Naja, ich möchte das zumindest. Aber viele Läufer nehmen sich einen Becher und rennen weiter, wie ich es von einem Straßenmarathon kenne. Oh warte… Da sind ja Marathonläufer im Feld. Diese Hetze stresst mich sehr. So beeile ich mich am Verpflegungspunkt mehr, als ich es ursprünglich wollte. Ich ärgere mich darüber, wollte ich es doch ruhig angehen und verspreche mir selbst, ab dem zweiten Verpflegungspunkt wirklich runterzufahren. Das ist ein 55 km Trainingslauf! Nicht mehr und nicht weniger.

Der Anfang des 55 km Laufes ist eine 14 km Runde, bevor ich fast wieder beim Start-/Ziel vorbeilaufe. Die Landschaft ist wirklich schön, steile Anstiege, weite Aussichten, auch mal kurz über eine Wiese laufen oder an einem Bach entlang. Ich kann nicht leugnen, das sich einmal daran dachte im Allgäuer Raum zu sein. Doch, das bin ich natürlich nicht, sondern neben Bödefeld.
Als ich fast das Start / Ziel wiedersehe, biege ich vorher ab und Laufe beim zweiten Verpflegungspunkt ein. Ich erkundige mich, wann der nächste Verpflegungspunkt kommen soll. Ich erhalte, ehrlich gesagt etwas patzig, die Antwort: „Wieso fragt das jeder nach? Mensch, das musst du doch selber wissen! Du läufst doch hier.“ Ich bin im ersten Moment etwas irritiert. Ich überlege einen Augenblick und antworte: „Dann möchte ich gerne einen konstruktiven Vorschlag machen: Hängt doch einfach ein Schild hier hin – Bis zum nächsten VP sind es X km. – Dies wird häufig bei anderen Ultraläufen gemacht.“ Ich bedanke mich noch für Speis und Trank, drehe mich um und sehe, wie zwei Marathonläufer sich einen Becher im Sprint nehmen und weiterlaufen. Ich seufze, atme tief durch und laufe weiter.

Es wird kurz danach recht steil, sodass ich mehrmals mich entscheide zu gehen. Kurz vor dem dritten VP unterhalte ich mich mit einem Läufer, der gerade seinen ersten Marathon läuft. Wir gehen einen der steilen Stücke gemeinsam hoch. Ich frage ihn, wieso er sich einen anspruchsvollen Marathon als ersten aussucht. Das sei eher ungewöhnlich und er erzählt mir, wie er zum Laufen kam, merkte, dass die Straße nichts für ihn sei und deswegen lieber Trails läuft.
Nach der Steigung sind wir direkt im dritten Verpflegungspunkt. Er nimmt sich einen Becher und läuft weiter und ich esse und trinke kurz, bevor ich ebenfalls wieder durchstarte. Hier trennen sich unsere Wege.
Nach einem langen Waldstück folgt eine steile Wiese, die wie eine Skiabfahrt auf mich wirkt. Als ich oben ankomme, wird es endlich für eine längere Zeit flacher. Dann verlasse ich den Wald und laufe sehr, sehr lange eine Straße bergab.

Ich bin mittlerweile auf die Wanderer aufgelaufen, die den Marathon oder die 55 km wandern. Viele klatschen und jubeln uns Läufer*innen an, was sich toll anfühlt und motiviert. Ich versuche zurück zu jubeln und zu klatschen. Kurz danach kehre in den 4. Verpflegungspunkt nach 28 km ein. Halbzeit!

Ich fülle meine Flaschen auf und esse etwas von meinem eignen Proviant. Nach dem Verpflegungspunkt geht es erst einmal bergauf und die Zeit nutze ich zum Essen.
Habe ich schon einmal darüber philosophiert, dass ich es toll finde, wenn Verpflegungspunkte kurz vor einer Steigung sind? Der Vorteil ist einfach, dass ich es gut verkrafte, bergauf zu gehen und dabei zu Essen. Der Zeitverlust, sofern er mal notwendig wäre, ist dabei eher gering, als wenn man sofort im flachen Gelände laufen würde.
Es folgen Wiesen und Waldwege die eine gewisse Ruhe ausstrahlen. Die Aussicht ist von hier aus toll. Ich gucke über kleine Dörfer und weite, grüne Wälder. Es geht nun vermehrt bergauf, wobei dass meiste sehr gut zu laufen ist. So geht es vorbei, durch enge Sträucher, über Wurzeln und an Wanderern vorbei. Insgesamt herrscht eine wirklich gute Stimmung auf der Strecke. Gute 5 km später komme ich zum Schild der Schilder. Hier muss jeder für sich entscheiden: Laufe ich heute einen Marathon oder einen Ultra.

Ich biege nach rechts ab, wo alle Ultraläufer und Wanderer über 55 km lang müssen. Natürlich schaue ich, wer von den Läufer*innen nach links oder rechts abbiegt. Alle biegen in Richtung Marathon ab, nur ein älterer Herr biegt in Richtung des Ultras ab. Jetzt heißt es: Den vor mir liegenden Weg muss ich in die eine Richtung laufen, mich später einfach umdrehen und exakt so bis zu dieser Gablung zurücklaufen. Ich erhalte ungefähr zu diesem Zeitpunkt von Kathrin die Information, dass sie mit ihren 100 km durch ist und im Ziel angekommen ist, nach 18 Stunden und 50 Minuten. Herzlichen Glückwunsch an dieser Stelle!

Die Stimmung auf der Ultradistanz ist toll und sehr abwechslungsreich. Ich sehe sehr müde, erschöpfte Gesichter, die die 83 oder 100 km wandern. Ich sehe aber auch motivierte, fröhliche Menschen, die jubeln, glücklich oder einfach gut gelaunt sind. So laufe ich vielen Wanderern entgegen. Unter den Läufern gibt es nicht viel zu berichten. Mich überholt ein älterer Herr, wahrscheinlich weit über 60 Jahre, der wirklich Tempo macht. Der bleibt aber bald bei einer Parkbank stehen und zieht sich in Windeseile ein frisches T-Shirt an. In dem Moment überhole ich ihn und bemerke, wie er mir ansieht, mit einem Blick der sagt: „Gleich hole ich dich wieder ein.“
Irgendwann kommt mir der erste Läufer von den 55 km entgegen. Und ich denke mir: Oh, ich könnte ja mal zählen, wie viele vor mir sind. Doch soviel zu zählen war da nicht. Bei einigen kann ich die Nummer nicht erkennen, daher vermute ich, das einige der Läufer auch die 83/100 km Läufe bestreiten.
Dann muss ich erneut eine Art Skiabfahrt hoch Wandern. Die laugt mich ziemlich aus.

Und irgendwann erreiche ich den Wendepunkt. Eine Frau bittet mich über eine Matte zu gehen und dann umzudrehen. Gesagt, getan. Ich sei wohl jetzt als 55 km Läufer registriert, meint sie. Da ich nun im Wendepunkt bin, endet auch meine Zählung. Ich schätze mich so auf Platz 10 ein und bin überrascht davon. Ich vermute einfach, dass die meisten den Marathon laufen und die 55 km eher weniger Teilnehmer hat (So ca. 60 sollten es auf den 55 km gewesen sein.).
Ich schaue mir den Verpflegungspunkt an, doch außer eine meiner Flaschen aufzufüllen, mache ich nichts und greife wieder zu meiner Eigenverpflegung. Versteht mich nicht falsch, die Verpflegung ist in Ordnung, nur es gibt gerade nichts, was ich vom Angebot essen möchte.
Ich laufe zurück und damit in Richtung des Ziels. Der Moment hat wirklich etwas von „jetzt geht es nach Hause“. Es geht mir eigentlich recht gut, obwohl es warm ist. Nun laufe ich vielen Läufer*innen entgegen, die die 55 km anpacken und hinter mir sind. Es gibt mir schon ein Gefühl davon „gejagt“ zu werden. Der ältere Läufer überholt mich kurz nach dem Verpflegungspunkt und dreht sich ein/zweimal zu mir um, als wenn er prüft, ob er vor mir bleiben kann. Doch an den Anstiegen muss er gehen, wo ich noch laufen kann. Und so kommt es, dass ich ihn zum letzten Mal an dem Tag sehe, als ich ihn ungefähr nach 43 km überhole.
Ein paar Anstiege später, ich bin schon an der Weggablung für die Marathon- und Ultraläufer*innen wieder vorbei, überhole ich schnell wandernd einige 83/100 km Wanderer, die überrascht sind, wie zügig ich sie überhole. Über diesen Kommentar kommen wir ins Gespräch. Ich verweise auf den älteren Herren, der jeden Moment da sein sollte und direkt hinter mir ist. Dem zolle ich meinen höchsten Respekt und den sollten sie erst recht bejubeln. Sie merkten an, dass sie das machen wollen. Wir verabschieden uns, denn der Anstieg ist vorbei und ich laufe weiter.
An der letzten Verpflegung, es sind 5 km bis zum Ziel, laufe ich einfach vorbei. Meine Flasche ist noch gefüllt, ich fühle mich gut und ich habe zur Not noch Essen im Rucksack. Somit gibt es keinen Grund für mich hier stehenzubleiben.

Ich bin ungefähr 3 km vor dem Ziel, als ich eine kurze, steile Passage schnell hochgehe. Um mich herum sind Familien, die die 14 km mit ihren Kindern wandern. Ein Mädchen, sicher nicht älter als 12, fragt mich: „Du bist doch ein Läufer. Wieso läufst du nicht?“ Ich entgegne nur: „Weil es manchmal nicht sinnvoll ist zu laufen. Hier zu laufen kostet viel Kraft und ich bin schon über 50 km unterwegs.“ Damit begnügt sie sich und ruft nach ihrer Mutter, die gute 30 m weiter vorne ist, dass sie nicht mithalten kann und man doch bitte auf sie warten möge.
Als ich noch 2 km vor mir habe, sagt ein Vater zu seinem Sohn: „Wie kann man nach über 50 km noch laufen?“ Darauf antworte ich nicht. Was soll man da auch noch sagen? Mein Gefühl kurz vor dem Ende ist es, dass scheinbar wir Läufer umfassend von den Wanderern begutachtet werden.

Gute 1,5 km vor dem Ziel entscheide ich mich zu einem Schlussspurt, da ich wohl noch unter 5:30h bleiben kann. Ich springe den letzten Downhill richtig runter und eine Gruppe von 83/100 km Wanderer sehen mich völlig irritiert an, als sie Rückwärts den Berg heruntergehen.
Ich laufe zügig weiter und sehe, dass es zeitlich doch sehr knapp wird und erhöhe zum Ende hin noch einmal mein Tempo. Kurz vor dem Ziel sehe ich auf meine Uhr und weiß, dass es um wenige Sekunden noch klappt. Ich atme tief durch und bin sehr glücklich. Mit so einer Zeit habe ich nicht gerechnet. Zu meiner Freude gibt es ein Malzbiergetränk in der Zielverpflegung. Ich setze mich auf eine Bank und neben mir sitzt ein Läufer der die 83 km lief. Wir stoßen an und unterhalten uns eine gute Viertelstunde über die Strecke, den Lauf und unsere Ziele und Pläne in den nächsten Wochen. Nach dieser erholsamen Pause gehen wir getrennte Wege.

Ich gehe erst einmal duschen und mache mich frisch, nur um anschließend in einer Schlange zu stehen, und meine Urkunde abzuholen. Ich bin doch sehr gespannt, welchen Platz es am Ende wurde. Es wurde der 6. Platz und ein 2. Platz in der Altersklasse. Mit einem breiten Grinsen und viel Freude gehe ich zum Auto und fahre nach Hause.
Dieser Lauf wird mir in guter Erinnerung bleiben. Schön war es!

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Brocken Challenge 2019 – Von Göttingen auf den Brocken in 80 km

07. Dezember 2018

Ich bin jetzt offiziell in der Starterliste der Brocken Challenge 2019. Ich stehe im Badezimmer und lasse mir etliche Gedanken durch den Kopf gehen. Ich habe mir die Strecke angesehen, habe mir alte Berichte durchgelesen und als Video angesehen. Mein Rasierer liegt vor mir und ich denke: Du wirst jetzt nicht mehr soviel zu tun haben. Ich beschließe mir einen Bart wachsen zu lassen, um es im Gesicht etwas wärmer zu haben, falls es wirklich -20 Grad Celsius auf dem Lauf werden würde.

Freitag, 08. Februar 2019

Sina sitzt neben mir in diesem erst leeren und später vollständig gefüllten Hörsaal der Uni Göttingen. Alle unterhalten sich untereinander und es wirkt wie ein dumpfes Rauschen um mich herum. Ich gucke mir die Bilder an, die durch einen Beamer an die Front geworfen werden und vergesse dabei fast alles um mich herum, da ich so gebannt bin. Einige Bilder haben auch Sprüche darauf. Manchmal muss ich schmunzeln, manchmal kommen mir Erinnerungen hoch und einmal verharre ich bei einem Satz auf einem Bild. Ich musste davon ein Foto machen.

„Ein 10.000m-Lauf ist ein Wettkampf,
ein Marathon ist eine Erfahrung,
und ein Ultra ist ein Abenteuer.“

Genau das war es, was ich am nächsten Morgen mir erhoffte. Ein Abenteuer. Ein 80 km Abenteuer, um mit den eigenen Füßen von Göttingen bis rauf zum Brocken zu laufen.

Samstag, 09. Februar 2019

Vor dem Start

Mein Wecker klingelt um 4:15 Uhr. Ich stehe, sehr müde, sofort auf. Es dauert nicht lange, bis ich wach bin. Es ist ein Zeichen dafür, dass ich angespannt bin. Ich wollte entspannt sein, aber daraus wird nichts. Ich möchte mir auch nichts vormachen. Sina folgt mir im Rhythmus der frühen Uhrzeit: Aufstehen und fertig machen. Sie startet nicht, aber sie unterstützt mich. Was bin ich froh, sie an meiner Seite zu haben.
Wir checken gegen 4:40 Uhr aus dem Hotel aus und fahren zum Start. Gegen 5 Uhr kommen wir an und ein großes Frühstücksbuffet begrüßt mich. Allein die Anzahl an Helfern ist enorm. Die müssen auch alle wahrscheinlich noch früher aufgestanden sein, um uns Läuferinnen und Läufer zu unterstützen. Es wird geredet, getrunken, gegessen. Ein Kamerateam vom MDR läuft um uns herum. Das Buffet ist hervorragend. Soviel kann ich schon vorweg erwähnen: Liebe Leute… Die Verpflegung, die Verpflegung! 
Wir sitzen in einer Scheune, dekoriert mit Lichterketten, einer Discokugel und vielen lieben, netten Menschen. Es ist kalt, aber zum Glück nicht so kalt, wie außerhalb der Scheune. Draußen ist die Temperatur einstellig und immerhin im positiven Bereich.

Start und der erste Marathon

Wenige Minuten vor dem Start verlassen Sina und ich die Hütte. Der Start ist nur wenige Meter entfernt. Eine Startlinie gibt es nicht. Es wird eine kurze Rede von einem großen Stein gehalten und dann ruft der Sprecher sinngemäß: „Und jetzt geht es los.“ Und die gut 180/190 Läuferinnen und Läufer laufen los. Es ist punkt 6:00 Uhr, stockdunkel und es nieselt leicht und es sind 8 Grad in Göttingen. Etliche Kopflichter erleuchten die sonst dunkle Straße. Ich habe mich für Straßenschuhe für den ersten Marathon entschieden und hoffe ich habe keine falsche Entscheidung getroffen.

Kathi ruft mich plötzlich von hinten. Sie hat dieses Jahr das gesamte Essen für alle Bereiche organisiert und gehört somit zur Crew der Brocken Challenge. Sie läuft zum vierten Mal diesen Lauf. Wir kennen uns schon aus gemeinsamen Vereinszeiten von vor 10 Jahren in Löhne. Wir reden kurz und dann trennen sich unsere Wege. Mein Kopflicht erhellt einen kleinen Spot vor mir. Immer mal wieder erscheinen kleine Fackeln am Wegesrand, die die Dunkelheit aufbrechen. Auch wenn ich nicht allein bin, ist es sehr ruhig. Ich mag diese Art von Atmosphäre, die ich auch schon beim Taubertal 100 km Lauf im Jahr 2017 wahrnahm. Ich lief auch damals die ersten 1,5 Stunden in der Dunkelheit. Diese Stille, diese Ruhe und doch laufen hier gute 180 Leute gemeinsamen zu einem 80 km entfernten Ziel.

Es geht über Straßen, Waldwege und wieder über Straße. Es geht mal leicht hoch und leicht runter. Bei einem Downhill nach 4-5 km im Wald liegt teilweise Eis und schon bereue ich meine Schuhwahl. Ich rutsche etwas und nehme das Tempo raus. Als ich irgendwann wieder die Straße unter meinen Füßen spüre, bin ich wiederum froh über meine Schuhwahl.
Nach 9 km, es ist immer noch stockfinster, knallt es. Ich werde aus meinem Gedanken gerissen und richte meinen Blick in Richtung des Knalls. Erst sehe ich nichts, bis es erneut knallt. Ich richte meinen Blick gegen den Himmel und sehe ein Feuerwerk. Je näher ich dem Feuerwerk komme, umso deutlicher erkenne ich, dass die Feuerwehr alle 1-2 Minuten eine Rakete in den Himmel schießt. Ich muss lächeln und freue mich. Der Veranstalter sagte, dass das Dorf Landolfshausen, was vor mir liegt, eine richtige Feier veranstalten möchte und das zum ersten Mal, bei der 16. Brocken Challenge. Ich denke in dem Moment: Das ist ein wunderbarer Anfang eines Abenteuers. Als ich Landolfshausen betrete, sehe ich mich um. Viele Einwohner gucken aus dem Fenster oder stehen an der Straße und halten Schilder hoch. Ich bin hier schon begeistert. Richtig Stimmung gibt es am Ende des Dorfes beim ersten Verpflegungsstand. Dort stehen viele aus dem Dorf, jubeln, machen Live Musik, singen und feiern uns Laufenden an und es ist immer noch vor 7 Uhr! (Es gibt vom Dorf selbst auch ein Video dazu: https://www.youtube.com/watch?v=MFRfSzj-2c8 ). Da steht gefühlt ein ganzes Dorf auf und macht Stimmung am frühsten Morgen. Ich bin nachhaltig beeindruckt und gerührt.


Ich sehe aufgrund der vielen Menschen und der Dunkelheit Sina nicht. Dafür sieht sie mich und kommt zu mir. Sie hilft mir meine Flaschen aufzufüllen und ich kann kurz etwas essen und trinken, denn bei einem Ultra ist es für mich wichtig direkt zu Essen. Ich bedanke mich bei den vielen Helferinnen und Helfer und natürlich bei Sina. Es folgt direkt ein Anstieg und ich gehe kurz weiter, um in Ruhe aufzuessen. Es gibt zwar keine Straßenlaternen, dafür sind der Straße bergauf entlang Fackeln aufgestellt. Diese Art von Details machen die Brocken Challenge zu etwas wirklich Besonderem, ganz abgesehen von dem wundervollen Zweck und der Idee, die hinter dem Lauf steht.

Nach gut 14 km dämmert es langsam. Ich freue mich über das Tageslicht. Nach zwei weiteren Kilometern stecke ich mein Kopflicht weg. Ich laufe an einem See vorbei und laufe plötzlich mit zwei weiteren Läufern. Diese Dreiergemeinschaft wird gute 10 km halten. Ich bin der einzige Neuling von uns dreien bei der Brocken Challenge, aber zu meiner Überraschung nicht der unerfahrenste Ultraläufer.

Sich zu unterhalten, etwas zu reden und nicht ganz allein zu sein, erfreut mich. Es geht zwischen Feldern hindurch. Die Strecke ist zu diesem Zeitpunkt recht flach und ich kann es gut rollen lassen. Nach dem ersten Halbmarathon erreiche den zweiten Verpflegungspunkt. Wieder laufe ich durch ein Dorf durch und ich habe keine Ahnung wie es heißt. Die Leute am Verpflegungspunkt sind sehr freundlich, hilfsbereit und zuvorkommend. Und die Verpflegung… Leute… die Verpflegung! Ich packe mir für den nächsten Abschnitt reichlich ein. Sinas Anwesenheit gibt mir viel Kraft. Wir wechseln einige Worte, bevor ich dann allein weiterlaufe. Die anderen beiden sind schon vor mir losgelaufen, aber ich wollte mich nichts stressen lassen. Jetzt sind es wieder gute 10 km bis zum nächsten Verpflegungspunkt. Die Sonne bricht durch die Wolken durch.

Es ist zwar Anfang Februar, aber dieser Moment hat einen frühlingshaften Charme, nahezu windstill und die Sonne wärmt mich, so kurz nach 8 Uhr morgens. Es folgt eine lange Passage durch einen Wald, der für meine Straßenschuhe enorm matschig und rutschig ist. Ich muss hier viel gehen und sehr aufpassen, denn ich verfluche gerade wieder die Schuhwahl. Irgendwann kommt endlich wieder eine Straße und ich kann wieder normal laufen.

Und ganz in der Ferne erblicke ich auf Grund der halbwegs guten Sicht zum ersten Mal den Harz und denke mir: Scheiße ist das weit weg.

Etwas später erreiche ich den 3. Verpflegungspunkt und 30 km sind somit erfolgreich geschafft. Sina wartet schon auf mich, ach welch großartige Frau! Bei dem Verpflegungspunkt steht ein Schild „Das Ziel ist 970 Hm über dir und 49,3 km vor dir“. Ich denke mir: Auf geht’s! Ich packe mir Verpflegung ein und gehe weiter. Sina kommt einige Meter mit, solange ich enorm leckere Bio-Schokolade vom Verpflegungspunkt in mich rein drücke. Wir reden kurz über den bisherigen Weg und wie die Strecke so ist. Mein Fazit ist, dass die Strecke bisher eine nette, aber noch nicht wirklich besondere Strecke sei. Eine Challenge ist es bisher nicht, berichte ich ihr. Denn im Großen und Ganzen ist es schon ein recht flacher erster Marathon. Aber das sagten viele. Die Challenge soll ja erst nach dem ersten Marathon beginnen.

200 m später laufe ich wieder an und Sina geht zurück. Die Waldpassage vor mir ist nun teilweise eisig und wieder verfluche ich meine Straßenschuhe. Ich habe keinen Grip und muss allein wegen der Bodenbeschaffenheit gehen. Dabei werde ich immer mal wieder von einem Läufer oder Läuferin überholt. Auch sind hier Forstarbeiten, die mich zwingen durch den Matsch zu gehen, weil die Fahrzeuge die gesamte Straße einnehmen.

Nach diesem Abschnitt folgen nur noch Straßen, die eisfrei sind. Es geht somit zügig weiter und ich kann wieder normal und locker laufen und überhole sogar den einen oder anderen Läufer, der mich zuvor im Wald stehen gelassen hat. Der Hauptteil der aktuellen Strecke geht durch Felder und an einsamen Häusern vorbei. Es zieht mittlerweile wieder zu, ich sehe keinen blauen Himmel mehr. Immerhin regnet es nicht. Nach 40 km schicke ich meiner WhatsApp Gruppe, die den Lauf live verfolgt eine Sprachnachricht und bin selbst überrascht, wie gut es mir geht und wie ich klinge. Ich laufe erneut durch eine Ortschaft entlang und ich weiß ich muss in der Nähe der Stadt Barbis sein.

Und dann erscheint vor mir der 4. Verpflegungsstand und damit das Ende des ersten Marathons an diesem Tag. Ich laufe eine Straße leicht bergab, bis ich im Verpflegungspunkt bin. Zuschauer jubeln und feiern jeden der einläuft. Sina steht dort wie abgesprochen mit dem Auto. Bevor ich etwas esse, gehe ich zum Auto und ziehe mich um. Es sozusagen mein persönlicher Dropback. Ein trockenes Oberteil, eine neue Jacke, neue Schuhe geben mir einen kurzen Augenblick ein gutes Gefühl von Erholung und Wärme. Ich nehme meine Trailstöcker nun mit. Ich packe meinen Rucksack teilweise komplett neu. Einige Gels bleiben im Auto, andere Riegel nehme ich dafür mit. Ich kann einfach irgendwann diese Gels nicht mehr sehen und gerade auf einem Ultra, wo ich viele Steigungen habe, esse ich gerne etwas „Richtiges“ als ein Gel. Ich erwarte von der zweiten Hälfte viel und das Schlimmste. Entsprechend bereite mich auf den nun auf die Challenge vor. Ich blicke in Richtung eines kleinen Tunnels und frage mich selber ‚Dahinter soll alles anders werden?‘ Ich bin ungläubig, aber irgendwie Zweifel ich nicht an diesem Gedanken, sondern ganz im Gegenteil. Ich habe einen erheblichen Respekt, was jetzt wohl kommen mag.

Nachdem ich umgezogen bin, trinke ich am Verpflegungspunkt noch etwas und gehe langsam los. Die ganze Aktion am Verpflegungspunkt 4 dauert ca. 10-15 Minuten. ‚Auf geht es‘, denke ich mir. Sina kommt bis zum Tunnel mit und wir verabschieden uns. Als ich mich von Sina verabschiede, sind 4,5 Stunden seit dem Start vergangen. Sie fährt jetzt zu unserer zukünftigen Hündin und schaut sie sich zum ersten Mal in Ruhe an. Wir werden uns wohl erst im Ziel wiedersehen, wenn alles gut geht. Dann laufe ich los.

Die Challenge oder wie nach dem Tunnel alles anders wurde

Ich verlasse den Tunnel, der wirklich nur wenige Meter lang ist, und laufe los.  Ich werde es vermissen, Sina nicht mehr an den Verpflegungspunkten zu sehen. Jetzt bin ich auf mich allein gestellt. Gute 40 km liegen bis zum Ziel vor mir. In Videos, die ich mir im Vorfeld angesehen hatte, wirkte es immer so, als wenn es nach dem Tunnel plötzlich anders werden würde. Ich bin gespannt, wie lange ich laufen könnte, bis ich das erste Mal gehen müsste. Die Antwort kommt schnell: Keine 500 m. Es ist direkt sehr steil und ich krieche den Berg hoch. Oben erwarten mich Eis-überzogene Feldwege. Jetzt habe ich Trailschuhe an, jetzt hatte ich endlich mehr Grip, aber Eis ist immer noch nicht mein Lieblingsuntergrund. Doch vor mir erscheinen immer mehr Berge. Ich war im Harz angekommen. Gefühlt kommt das wirklich alles aus dem Nichts.

Mit jedem Kilometer wird der Schnee mehr und das Eis bleibt. Ich sehe einen Läufer in der Ferne vor mir stürzen, weil er auf dem Eis ausgerutscht ist. Der steht wieder auf und läuft weiter. Ich sehe sonst niemanden und fühle mich komplett einsam. Die Strecke ist im Grunde nicht zu verfehlen und gut markiert, was mich beruhigt. Links fließt ein Bach, überall liegt Schnee am Wegesrand und im Wald. Der Weg selbst ist pures Eis. Ein Laufen ist fast nicht möglich. Zu einem gewissen Teil verfluche ich diesen Umstand, insbesondere, wenn ich rutsche. So probierte ich es aus, auf dem Rand zu laufen. Das ist gefühlt jedoch anstrengender. So schlich ich abwechselnd langsam laufend und gehend den gefühlt endlosen Weg entlang, der zudem ohne Unterbrechung kilometerlang bergauf ging. Dieser Abschnitt wird – der Entsafter – genannt und es ist mir jetzt schon klar wieso. Mein Glück ist es, dass dieses Jahr dieser Abschnitt entschärft ist, weil es einen Verpflegungspunkt bei Km 52 gibt. Diesen gibt es nicht jedes Jahr. Es kann in manchen Jahren sein, dass zwischen dem Marathon und Kilometer 63 kein Verpflegungspunkt ist. Bei dem Gedanken begreife ich langsam auf, auf wie vielen Ebenen dieser Lauf eine Challenge ist.

Irgendwann sehe ich das Ende des Anstieges und einen Pavillon. Als ich beim Verpflegungspunkt endlich einlaufe, bin ich sehr froh. Nette Leute, gutes Essen und Getränke, sowie eine kurze Pause tun mir gut. Lange möchte ich jedoch nicht verweilen, denn schließlich liegen immer noch gute 30 km vor mir.

Nach dem 5. Verpflegungspunkt nimmt endlich das Eis auf den Wegen ab, weil der Schnee zunimmt. Nun laufe ich endlich im tiefen Schnee im Harz. Dies ist der Moment, worauf ich mich so sehr gefreut habe. Ich muss wie ein Honigkuchenpferd strahlen. Das ist es, was ich wollte. Ich liebe es im Schnee zu laufen. Ich hatte hier soviel Freude, dass es mir schwerfällt dies in Worte zu fassen. Es ist nicht leicht, denn es ist anstrengend. Der Spaß und die Freude überwiegen bei weitem. Ich bleibe irgendwann kurz stehen und ziehe zum ersten Mal in meinem Leben mir Spikes und Schneeketten unter die Laufschuhe und Laufe langsam weiter. Ich möchte zuerst ausprobieren, wie das Laufen mit Schneeketten und Spikes so funktioniert.

Nach einigen hundert Metern überkommt mich ein Gefühl von: Das wird schon irgendwie funktionieren und bisher fühlt es sich im tiefen Schnee nicht anders als sonst an. Dieser Schneeabschnitt fliegt förmlich an mir vorbei, denn irgendwie war es ein Fingerschnippen später, als ich den Verpflegungspunkt bei Kilometer 63 erreiche. Durch meine Freude am Schnee kommt mir dieser Abschnitt sehr kurzweilig vor.

Erneut treffe ich auf nette Leute und eine wundervolle Verpflegung. Man sagt mir, ich wäre innerhalb der ersten 50 Läufer im Gesamtfeld und somit eher vorne im Feld. Das motiviert mich noch mehr. Ich frage mich, was die Menschen motiviert hier stundenlang in der Kälte zu stehen und einige verrückte Läuferinnen und Läufer zu bewirten. Ich bin ihnen so unglaublich dankbar und äußere dies auch hier.

Dann laufe ich weiter. Leider wechselt sich hier Schnee und Eis wieder ab. Doch mit den Spikes unter meinen Schuhen kann ich einigermaßen gut laufen. Nach über 65 km sehe ich einen Schneemann und muss diesen erst einmal fotografieren. Großartig, denke ich mir. Jetzt stehe ich auch an einer Leupe und laufe hinter einem Langlaufskifahrer her. Ein kleiner Traum geht in Erfüllung. Ich achte ganz akribisch darauf mich an die Regeln des Veranstalters zu halten und nicht in die Spuren zu treten. Es ist wunderbar, schön und abenteuerlich. Da fährt einer vor mir Langlaufski in der Leupe und ich hechele da hinter her. Dies bleibt für fast 3 km so.

Bei km 68 ca. erreichte ich den nächsten Verpflegungspunkt hinter einer Gaststätte. Ich muss rückblickend dringend zu diesem Verpflegungspunkt etwas sagen: Liebe Leute von diesem Verpflegungspunkt: Ihr seid großartig gewesen. Ihr habt mir mehr als einmal ein Lachen ermöglicht. Danke für die warmen, motivierenden und humorvollen Worte. Selten erlebte ich eine solch menschliche Wärme an einem Verpflegungsstand, wie bei eurem. Danke!

Gestärkt und motiviert geht es weiter. Ich kann es immer noch nicht realisieren, dass der Schnee immer mehr zunimmt. Es ist schwer zu glauben, wie sehr sich die Landschaft, verglichen zum ersten Marathon, verändert hat. Bin ich immer noch auf dem gleichen Lauf? Es muss wohl so sein! Alles was hier nach km 68 landschaftlich zu sehen ist, ist für mich einfach ein Traum. Der Begriff ‚Winter-Wonderland‘ geht mir nicht nur einmal durch den Kopf. Jeder weitere Kilometer wird immer schöner, der Schnee wird immer höher und traumhafter. Ich gestehe, ich war zwischendurch einer Träne nah und zwar vor Freude.

Den letzten Verpflegungspunkt erreiche ich nach ungefähr 73/74 km. Hier sagte man mir, dass das gesamte Feld etwas langsamer unterwegs sei. Viele hätten erhebliche Probleme mit dem Eis. Außerdem sei ich immer noch unter den ersten 50. Doch das ist mir egal. Ich will nur zügig weiter, um mehr von dieser Landschaft in mir aufzusaugen und die Eindrücke wahrzunehmen. Auf der anderen Seite ist mir auch klar, dass ich leider langsam dem Ende entgegenlaufe. Die letzten Kilometer sind weiterhin ein Traum, ein richtiges – Winter Wonderland – erstreckt sich um mich herum.

Ich laufe fast nur noch Berghoch, teils mit 30 % Steigung. Ich muss viel wandern und versuche zu laufen, zumindest so gut es geht. Es ist fast windstill, bewölkt und einfach schön und dies bleibt auch so, bis ungefähr 1,5 km vor dem Ziel. Denn plötzlich …

Auf dem Brocken selbst ist ein Orkan und so kämpfe ich mich die letzten 1,5 km gegen 130 km/h Gegenwind. Der Schnee peitscht mir ins Gesicht und es tut weh. Das ist nicht besonders leicht. Daher ist dieses Jahr auch keine richtige Ziellinie aufgebaut, sondern irgendwo hängt das Schild „Ziel“ wo ich hingehen muss.

Ich schiebe mich Schritt für Schritt durch den Orkan und drehe mich einmal um und sehe, wie ein anderer Läufer knapp hinter mir ist. Ich mache in meinem Kopf daraus ein Spiel: Ich gebe meinen aktuellen Platz (welcher es auch immer sei) nicht mehr her und treibe mich mit diesem Gedanken an und drücke mich mit noch mehr Kraft gegen den Wind. Plötzlich stehe ich neben drei, vier Menschen die mir zu klatschen und mir gratulieren. Ich klatsche gegen das Ziel-Schild. Meine erste Brocken-Challenge ist damit beendet. Der zweitlängste Lauf meines Lebens bis zu jedem Tag ist beendet. Ich muss gestehen, dass ich das wirklich schade finde.

Wenn das Ziel irgendwie keines ist oder die letzten 10 km werden hart

Dann gehe ich in das Restaurant auf dem Brocken. Eine Wendeltreppe führte mich nach oben und jetzt merke ich doch, dass ich 80 km in meinen Beinen habe. Als ich das Ende der Treppe erreiche, bekomme ich meine Dropback-Tasche. Nachdem ich die Tasche in Empfang nehme, erhalte ich eine selbstgemachte und aus Ton erstellte Medaille. Als ich den Speisesaal betrete, werde ich plötzlich von allen bejubelt und beklatscht. Ich bin erst irritiert und dann positiv überrascht. Ja jeder wird so empfangen und ich finde es eine wundervolle Anerkennung, die hier unter allen stattfindet. Ich beteiligte mich danach stets dran, wenn jemand es geschafft hat und den Saal betritt.

Ich gehe erst einmal zur Dusche. Welch ein schönes Gefühl es ist, in warmer Kleidung, geduscht zu sein und ein hervorragendes, warmes Essen zu sich zunehmen. Ich sitze hier sicher zwei Stunden. In dieser Zeit kommt Sina im Restaurant an und ich bin nur froh sie wiederzusehen. Vor uns liegt nun der gemeinsame 10 km Abstieg zurück ins Dorf, denn dort steht das Auto, bzw. ist der Bustransport. Von wegen nach 80 km ist Schluss. Dieser Abstieg hat es in sich! Nochmal 10 km herunterzugehen ist wirklich nicht ohne. Vor allem trage ich nun mein Dropback auf dem Rücken, der für mich in diesem Moment sich sehr schwer anfühlt. Sina und ich reden unter anderem über unsere neue Hündin und wie süß sie ist. Wir müssen uns langsam für einen Namen entscheiden, denn unser neues Familienmitglied wird wohl in gut vier Wochen bei uns einziehen.

Ich berichte ihr von meinen Eindrücken auf der zweiten Hälfte des Rennens. Für mich ist jedoch eines klar, ich werde mich erneut bewerben und hoffen, dass ich erneut irgendwann das Losglück habe und an der Brocken Challenge teilnehmen darf.

Als wir nach gut 2 Stunden im Dorf ankommen und ich im Auto sitze, schlafe ich sofort ein. Der Schlaf wird nicht erholsam sein, denn nach einer guten Stunde werde ich wach. Sina weint und verheimlichte mir, dass es ihr sehr schlecht geht. Ich bin erst geschockt und muss die Situation erst einmal realisieren. Dann sage ich direkt, dass ich weiterfahren werde und sie in ihrem Zustand nicht fahrtauglich ist. In Bielefeld angekommen, bringe ich sie in die Notaufnahme, wo sie gut versorgt wird. Ich bin froh, dass ich sie später wieder mitnehmen darf. Wir beide liegen erst gegen 4 Uhr im Bett, fast 24 Stunden nachdem wir aufgestanden sind. Der wunderschöne Tag endet leider sehr unschön. So konnte ich auch für sie an diesem Tag da sein. So erlebte jeder von uns beiden heute seine Challenge und sein Abenteuer. Ich drehe mich zur Nachttischlampe um und mache sie aus.

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Silvesterlauf Rödinghausen 2018 – Eine Tradition mit familiärer Atmosphäre

Der Lauf den ich am zweithäufigsten nach dem Hermannslauf gelaufen bin, ist der Silvesterlauf in Rödinghausen. 2018 wird meine 10. Teilnahme am Silvesterlauf in Rödinghausen. Seit 2008 nehme ich teil. Nur im Jahr 2016 konnte ich wegen privaten, anderen Planungen nicht. Seit ich Laufberichte verfasse, wollte ich schon immer einmal über diesen Lauf schreiben. Ich hatte die letzten Jahre immer eine Kamera dabei gehabt und doch kam es nie dazu, dass ich einen Bericht verfasst habe oder gar einige Fotos geschossen hatte. Es ist, ganz nebenbei, auch einer der drei Läufe, die ich fast immer empfehle. Warum? Ich hoffe, dass erklärt dieser kleine Bericht von selbst.

Der Silvesterlauf in Rödinghausen

Bei dem Silvesterlauf starten immer um die 600 Teilnehmer_innen. Ein Kostümwettbewerb, wer zumindest mag, ist inklusive. Es gibt zwei Distanzen: 5,5 km und 11 km. Auf der 11 km Runde wird die 5,5 km Runde einfach zweimal gelaufen und die hat es in sich. Doch dazu gleich mehr.

Der Silvesterlauf in Rödinghausen hat so seinen eigenen, besonderes Charme. Es gibt keine Klos, keine Umkleiden und sonst auch nichts. Dieser Lauf hatte bisher keine Startgebühr, sondern man darf etwas freiwillig dem Veranstalter, dem CVJM, spenden. Es gibt eine offene Holzhütte, die etwas Schutz vor dem möglichen Regen bietet, sowie kleinere Holzhütten, wo unter anderem die Startnummerausgabe ist.

Das hat alles seinen eigenen, urigen Charme, den ich sehr schätze. Im Grunde trifft man sich im Wald und läuft gemeinsam ein letztes Mal im Jahr. Es ist familiär, nicht aufgesetzt, lustig und entspannt. Ich kenne doch recht viele Starter_innen und freue mich alle noch einmal wiederzusehen, kurz zu quatschen und auch einen guten Rutsch zu wünschen. Es ist für mich, auch persönlich, eine Pflichtveranstaltung an Silvester. Die Zeit wird mit einer Stoppuhr per Hand gemessen und die Startnummern müssen danach wieder abgegeben werden, damit sie im Folgejahr wieder benutzt werden können.

31.12.2018 – Vor dem Start

Am frühen Morgen fahren Sina, Markus, der auf meine Empfehlung einst ebenfalls seit Jahren nun den Silvesterlauf läuft, und ich nach Rödinghausen. Wir kommen gegen 9:00 Uhr an und um 10:00 Uhr ist der Start.

Ich bin leicht verletzt. Nicht schlimm, aber doch selbstverschuldet. Ich habe während eines Waldlaufes eine Wurzel nicht gesehen und bin ziemlich böse umgeknickt. Daher war ich angeschlagen. Ich wollte unbedingt diesen Lauf laufen, nur die Zeit, sollte dieses Jahr keine Rolle spielen. Wieder nahm ich die Kamera mit und dieses Mal mit dem festen Vorhaben Fotos für einen Bericht aufzunehmen.

Wir holen unsere Startnummer ab und bereiten uns auf den Lauf vor. Mein Verein ist ebenfalls da. Meist sind es 10 Starter_innen und oftmals ist es das einzige Mal im Jahr, wo ich mit ihnen gemeinsam starten kann. So ist das, wenn man der aktuell einzige Langläufer ist in einem Leichtathletikverein, der eine starke Jugendabteilung hat mit einem Fokus auf Mehrkampf.

Ich mache mich nicht warm und will mein Fußgelenk schonen. Die anderen sind jedoch fleißig und machen sich warm. Anders als die Jahre zuvor, stelle ich mich nicht nach ganz vorne, sondern eher in die Mitte des Feldes, hinter Markus und hinter Sina. Wir drei laufen alle die 11 km.

Die erste Runde

Beide Distanzen starten gleichzeitig und daher ist die erste Runde erfahrungsgemäß voll. Vor mir erstreckt sich eine lange Linie aus Laufenden. Nach gut einem Kilometer erblicke ich plötzlich Sina und Markus direkt vor mir. Ich schließe mich Sina und Markus an und laufe länger mit ihnen zusammen. Eigentlich dachte ich, dass ich sie nicht erspähen würde. Mein gewähltes Tempo war schneller als jenes, welche sich mir vorgenommen hatte. Ich fühlte mich aber gut, merkte aber, wie ich aus vorsichtig nicht rund lief, da ich mein Gelenk entlasten wollte. Erinnerungen an den Transalpine Run 2016 kamen hoch, wo ich eine ähnliche Situation erlebt hatte.

Der erste Kilometer ist flach und hat viele Kurven. Danach geht es leicht bergab auf ein offenes Feld, wo man bei gutem Wetter in die Ferne gucken kann. Hier kann es bei starkem Matsch sehr, sehr rutschig sein. Viele sind hier schon gestürzt und ich gehöre seit dem Jahr 2017 dazu.

Doch nach dem kleinen Downhill geht es direkt steil bergauf, nur um danach immer noch sanft weiter bergauf zu gehen. Bei diesem Anstieg verliere ich Sina und Markus. Sie verwenden ein ruhigeres Tempo an diesem kurzen, sehr steilen Stück, als ich es tue. Wo sind nur meine Vorsätze? Vielleicht sind sie ja schon im Jahr 2019? Wer weiß. Die Strecke verläuft über einen Kilometer ohne Pause stetig bergauf. Spätestens hier sollte deutlich werden, dass es dieser Lauf in sich hat. Nach 3 von 5,5 km hat man viel geschafft, doch nun folgen bald mehrere Bodenwellen, die einem wenig Rhythmus erlauben. Nach gut 4,5 km kann ich aufgrund der Streckenführung, einer 180 Grad Schlaufe, gute 200 m hinter mich ins Feld gucken. Sina und Markus kann ich leider nicht erkennen. Dann geht es nochmal ordentlich bergauf. Auch hier kann sehr rutschig sein. Das war es auch dieses Jahr. Jeder Schritt fühlt sich schwer an. Doch am Ende dieses Berges stehen Zuschauer_innen. Diese jubeln und klatschen und peitschen so jeden die letzten Meter hoch. Als ich oben ankommen bin, bin ich auf dem wohl schnellsten Abschnitt des gesamten Kurses. Ich habe nun 500 m Asphalt unter meinen Füßen und es geht ausschließlich bergab. Hier kann es schon einmal spannend werden, da intensive Schlusssprints möglich sind. Dies habe ich selbst schon mehrmals erlebt und natürlich auch mitgemacht. Nur dieses Jahr eben wegen der Vorsicht nicht.

Ich laufe heute zum ersten Mal den Berg runter in Richtung Ziel. Einige überholen mich, einige die gerade um jede Platzierung auf den 5,5 km ringen. Ich hingegen darf noch einmal in die zweite Runde. Ich muss links abbiegen, wo doch das Ziel nur wenige Meter vor meinen Augen ist. Doch anstatt traurig zu sein, freue ich mich wirklich sehr. Noch ist mein Lauf nicht zu Ende.

Die zweite Runde

In der zweiten Runde merke ich, dass ich wesentlich sicherer, runder laufe. Ich bin allerdings auch nun alleine. In der Ferne sehe ich vereinzelte Läufer, doch viele sind es nicht mehr. Ich mache heute mein Tempo, sodass ich mich gut und sicher fühle.

Nach und nach Laufe ich jemanden auf. Nach gut einem Kilometer der zweiten Runde hole ich den Läufer ein und erkenne, dass es Matthias ist. Den ich beim Lichtenstein Marathon im Mai kennengelernt habe (und dort auch im Bericht über ihn schrieb.)

Wir unterhalten uns kurz, ich mache ein Foto und laufe in meinem Tempo weiter und er eben in seinem. Ich werde noch einige wenige Überholen, gerade bei der bergauf Passage. Es folgen leichte Aufs und Abs die ich als Bodenwellen beschrieb.

Als der letzte Anstieg nach nun insgesamt 10 km folgt, freue ich mich. Nichts ist an meinem Fußgelenk passiert, ich hatte sehr viel Spaß, Freude und Lust am Laufen empfunden. Mit diesem Gefühl drücken mich meine Beine den Berg hoch. Auf einen Abschlusssprint verzichte ich dieses Jahr, auch wenn ich schon zügig die Straße runter Laufe. Mein Verein steht am Rand, ruft mir teilweise zu und ich laufe glücklich ins Ziel.

Im Ziel

Wenige Minuten später läuft Sina ein und wird Gesamtdritte bei den Frauen. Sie muss direkt zur Siegerehrung, ohne dass sie wirklich Luft holen konnte. Wir warten noch auf Markus, der ebenfalls zufrieden ins Ziel einläuft und fahren im Anschluss wieder Hause.

Ich traf noch wesentlich mehr Menschen, die ich kenne. Ich freue mich über jeden einzelnen, auch wenn ich sie nicht alle namentlich erwähnt habe. Aber seid euch sicher. Wenn alles gut verläuft, bin ich 2019 auf jeden Fall wieder dabei.

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6. Schloss Marienburg Marathon 2018 – Laufbekanntschaften

Vor einem Jahr schrieb ich über den Schloss Marienburg Marathon 2017. Dieses Jahr gibt es noch einen Bericht über diesen Lauf. Es ist einiges passiert bei meiner zweiten Teilnahme und daher lohnt ein neuer, kurzer Bericht. Doch fangen wir vorne an.

24. November 2018 – Vor dem Start

Sina und ich fahren früh morgens aus Bielefeld los. Wir starten beide erneut über die volle Marathondistanz und wir beide sind nicht wirklich erholt. Es ist genau vier Wochen her, wo ich zum zweiten Mal den Röntgenultra über 63,3 km lief und Sina den Röntgenmarathon absolvierte. Über den Sinn oder Unsinn dieser Teilnahme könnte man nun diskutieren. Doch der innere Wunsch erneut zu starten ist einfach größer. Sagen wir einfach, dass Traditionen sich nicht aus dem Nichts entwickeln und die Teilnahme am Schloss Marienburg Marathon eine schöne Tradition werden kann.

Auf der Hinfahrt schwelgen wir etwas in Erinnerungen. Vor genau einem Jahr liefen wir gemeinsam diesen Marathon. Seite an Seite. Es war unser erster gemeinsamer Marathon und vor allem war es ihr Erster überhaupt. Seit dem ist viel passiert. Sina ist viel erfahrener im Laufen geworden, denn das wird jetzt ihr vierter oder fünfter Marathon. In einem Jahr! Je nachdem, ob man den Lichtenstein Marathon über 45 km und 2000 Höhenmeter schon als Ultralauf werten möchte.

Wir werden dieses Jahr nicht Seite an Seite laufen. Jeder wird in seinem Wohlfühltempo laufen. Das ist zumindest unser Plan. Als wir ankommen, kommt in mir eine große Vorfreude auf. Wir treffen Sven wieder, der hier ebenfalls vor genau einem Jahr seinen ersten Halbmarathon lief. Dieses Jahr hat er jedoch viele weitere, teils auch neue Lauffreunde mitgebracht. Ich freue mich, merke aber auch, wie ich etwas aufgedreht bin. Irgendwie wird mir das im Nachgang leidtun. Zumindest für alle jene, die mich da kurz vor dem Start ertragen mussten.

Sina und ich gehen zum Start. Wir sehen einige von Sven Lauffreunden, aber Sven selbst leider nicht. Ich bedauere das, doch der Startschuss fällt und ich drücke auf meine Laufuhr den Startknopf. Ein letzter Blick hinter mich ändert an diesem Zustand nichts.

Start – Kilometer 0 – 10 und noch keinen Bericht wert …

Die Halbmarathon- und Marathonläufer_innen starten bei diesem Lauf gemeinsam. Mein Plan ist es diesmal zumindest am Anfang etwas weiter vorne zulaufen. Mir gefiel es letztes Jahr nicht, dass nach gut 2,5 km der Singletrail ein Engpass war und das Tempo für mich sehr langsam war. Zur Erinnerung: Sina und ich liefen an dieser Stelle vor einem Jahr mit einer knappen 7 Minuten Pace pro Kilometer entlang. Ich möchte dieses Jahr es einfach laufen lassen, den Marathon genießen und einfach Spaß haben.

Gesagt, getan. Ich laufe zügig los und habe schnell viel Platz zum Laufen. Ich laufe den Singletrail in meinem Wunschtempo und fühle mich gut. Ich lief an dem Auto mit der lauten Musik vorbei und freute mich und winke den Leuten dort zu. Jeder der den Marathon oder Halbmarathon kennt, weiß ganz sicher, welches Auto ich meine.
Dann geht es hoch zum Schloss. Es ist einfach toll dort zu laufen. Auch, wenn es dieses Jahr leider nebelig und kalt ist. Durch den Nebel haben wir keine so weiten Aussichten und keinen so perfekten Blick wie 2017.

Im Schloss am Verpflegungspunkt mache ich eine kurze Pause. Nichts soll mich stressen und so genieße ich die Atmosphäre bei motivierender Dudelsackmusik und laufe kurz danach weiter. Auch wenn ich gerade zügig und detailarm berichte, lasst mich euch eines sicher sagen: Ich genieße jeden Kilometer. Ich freue mich enorm bei diesem Lauf dabei zu sein. Die Kilometer fliegen an mir vorbei. Es geht im Wald wieder bergab und irgendwann laufe ich wieder auf der Straße, die mich zum Start-/Zielbereich führt. Neun Kilometer stehen als absolviert auf meiner Uhr. Ach, der Lauf ist toll, wunderbar. Bis hier hin ist noch nicht viel berichtenswertes passiert. Doch dann! Bei Kilometer 10 ändert sich der Lauf für mich. Oder anders gesagt: Eine dieser für mich persönlich besonderen Geschichten beginnt.

Kilometer 10 bis 21,1 – „Bin ich hier noch richtig?“

Der Schloss Marienburg Halbmarathon ist von der Strecke her eine 8. Der Mittelpunkt der Acht ist der Start- und Zielbereich. Zur Halbzeit der Halbmarathonrunde passiert man den Mittelpunkt, der gleichzeitig der Start-/Zielbereich ist. Der Marathon besteht aus zweimal der Halbmarathonrunde. Kurz bevor ich nach 10 km beim Start- und Zielbereich durchlaufe, fragt mich ein Läufer: „Sag mal, bin ich hier noch richtig?“ Und ich meinte „Auf jeden Fall. Komm einfach mit mir mit.“ Und  er fragte weiter: „Läufst du auch den Marathon?“, und ich bejahte dies. Seit diesem Moment bis zum Ziel werden wir uns nicht mehr trennen. Aber das wissen wir zu diesem Zeitpunkt beide wohl noch nicht.

Nach dem Verpflegungspunkt im Start- und Zielbereich fängt unser Gespräch erst so richtig an. Sein Name ist Christian. Die Harmonie stimmt direkt und wir reden beide sehr viel. Es war lange her, dass ich auf einem „Wettkampf“ mich so viel unterhielt. Es ist lange her, dass die Kilometer so leicht, so schnell vorbeizogen. 15 km, 18 km, 20 km. Wir laufen beide genau dasselbe Tempo. Wir unterhalten uns über unsere Erfahrungen und vor allem Wettkampferfahrungen in unserem Lebensabschnitt. Es geht um die Vereinbarkeit mit Familie, Freunde, Beruf und derlei. Ich könnte jetzt sehr ausführlich darüber berichten, doch das würde wahrscheinlich einen ganz eigenen langen Blogeintrag bedeuten. Um es kurzzufassen: Es ist nie leicht, oft eine Herausforderung und mit der richtigen Partnerin durchaus zu schaffen, sofern sie es mitträgt.
Zwischendurch erläutere ich den nächsten Abschnitt, der vor uns liegt. Christian ist noch gar nicht so lange ein Läufer, aber dafür ist er schon erfahren. Soweit ich beim Schreiben dieser Zeilen mich erinnere, war es sein siebter Marathon. 

Wir beenden den Halbmarathon und laufen erneut durch den Start-/Zielbereich. Halbzeit. Diese letzten 11 km waren wie ein Fingerschnippen. Christian, wenn du jemals dies liest: Danke für diese Kurzweil.

Kilometer 21,1 bis ins Ziel

Wir besprechen uns kurz und klären, dass wir erstmal weiterhin zusammenlaufen werden. Ein Blick auf die Uhr offenbart uns, dass wir ungefähr auf eine 3:40h er Zielzeit hinauskommen werden. Dafür, dass ich mich im Tempo wohlfühle, bin ich schon überrascht, dass es eine gute Zeit werden könnte.

Wir liefen weiter. Die zweite Runde ist erfahrungsgemäß sehr viel ruhiger und einsamer, weil nun nur noch die Marathonläufer unterwegs sind und dazu kommt noch, dass das Feld mittlerweile sehr langgezogen ist. Als wir den Hügel zum ersten Singletrail hoch Laufen, kommt uns der Gesamt Erste Läufer entgegen. Wir klatschen und bejubeln ihn. Er freut sich und winkt zurück. Christian und ich reden weiterhin viel und das Gespräch wird immer persönlicher, was ich tatsächlich als sehr angenehm empfinde. Ich fühle mich wohl und das ist irgendwie ja das Wichtigste. Das bestärkt mich wohl auch in der Leichtigkeit, die ich gerade beim Laufen empfinde.

Was Christian und ich da besprechen ist und bleibt zwischen uns. Das Internet muss nicht alles erfahren und eben weil es auch persönlicher geworden ist, denke ich, wird das jeder verstehen. Das einzige, was ich erwähnen möchte ist, dass er ein wirklich interessanter Charakter ist, mit einer bewegenden Geschichte und einem harten Schicksal.

Wir biegen in den Wald ein und laufen im Singletrailabschnitt hintereinander. Irgendwann verlassen wir den Wald, passieren das Auto mit der lauten, doch motivierenden Musik. Es passiert nicht viel bis wir das Schloss betreten, außer eben, dass wir ohne Pause uns unterhalten. Wir essen und trinken kurz und verlassen das Schloss zum zweiten und letzten Mal an diesem Tag.

Kurz nach dem Schloss überholt uns eine Frau mit einem „100 Marathon Club“ T-Shirt. Ich frage sie, der wievielte Marathon es heute sei. Sie dreht sich zu mir um und sagt mit einem lächeln nur eine Zahl: „354.“ Wir beide bekunden unseren Respekt und Anerkennung. Dann läuft sie weiter.

Als wir den Wald wieder verlassen, kommen uns viele Läuferinnen und Läufer entgegen, die gerade dabei sein, in den Wald rein zu laufen. Wir applaudieren jeden, der uns entgegenkommt und viele freuen sich, klatschen zurück. Ich mag diese Stimmung, dieses gegenseitige Anfeuern. Jeder macht sein Ding und doch haben wir alle das gleiche Ziel. Ich mag diesen Zusammenhalt, dass das Fremde kein Hindernis sein muss. Christian und ich sind hier wohl ein gutes Beispiel an diesem Tag. Wir unterhalten uns weiter.

Wir passieren zum dritten Mal den Start-/Zielbereich und somit sind gute 31 Km absolviert. Wir trinken kurz und laufen weiter. Christian betont zu diesem Zeitpunkt, dass er gerne auf 3:40h rauskommen möchte. Denn wir sind immer noch auf Kurs dieser Zielzeit.

Ab km 36 enden unsere Gespräche. Es ist nicht so, dass alles gesagt und erzählt ist. Ich werde einfach nur müde. Wäre ich alleine gewesen, dann hätte ich nun das Tempo gedrosselt. Doch Christian motiviert mich weiter das Tempo zu halten. Auf meinen Vorschlag hin, ob er nicht einfach sein Tempo durchlaufen wolle, meint er nur: „Wir beenden es gemeinsam.“ Also lief ich weiter das ordentliche Tempo. Ich merke nun doch eine Ermüdung und sei es vom Ultra den ich ja vor vier Wochen lief. Und so laufen wir weiter. Mal schweigsam nebeneinander, mal in einem kurzen Gespräch.

Km 38. Km 40. km 41,7. Der Lauf war immer noch sehr kurzweilig. 500 m vor dem Ziel. Christian: „Hast du Lust auf einen Abschlusssprint?“ – „Ne. Lauf einfach. Wir sehen uns sofort im Ziel.“ „Alles klar. Bis gleich.“ Er sprintet los. Mir fehlt heute die Lust, die Kraft ihm das gleichzutun. Ich trabe entspannt ins Ziel, knappe 20 Sekunden nach ihm mit einer 3:43h auf der Uhr. Wir klatschen uns ab, beglückwünschen uns. Dann ist da dieser seltsame Moment, den ich nur schwer beschreiben kann. Da verbringt man fast 3 Stunden mit einem wildfremden Menschen und führt ein tiefes, gutes Gespräch mit ihm und dann verabschieden wir uns. Ein wirklich seltsamer Moment. Ich trinke noch kurz etwas und hole schnell meine Tasche, um zu duschen.

Im Ziel – Nach dem Lauf

Normalerweise würde hier der Bericht nun enden. Doch ich nehme euch noch kurz mit in die Umkleide. Ich setze mich auf einen freien Platz und ziehe mich aus, um zu duschen. Dabei unterhalten sich zwei Männer sehr angeregt und diesen Dialog, soweit ich mich daran erinnere, möchte ich euch einfach zum Abschluss, unkommentiert auf euch wirken lassen.

Mann 1: „Dein wievielter Marathon war es?“
Mann 2: „741. Ich will aber dieses Jahr noch auf 750 kommen.“
Mann 1: „Nächste Woche ist doch schon Dezember. Wie willst du das schaffen? Vor allem die Weihnachtszeit ist doch immer so stressig.“
Mann 2: „Ich weiß. Nächstes Wochenende will ich nochmal zwei machen. Danach die Woche schaffe ich nur einen. Ich hoffe aber, dass ich zwischen Weihnachten und Silvester 3-4 schaffe. Dann sollte es hinhauen.“
Mann 1: „Das klingt alles recht eng. Ich wollte dieses Jahr nur noch 4 Marathons laufen.“
Mann 2: „Ja, die schafft man ja gut.“
Mann 1: „Genau. Jedes Wochenende einen.“

Nach dem Duschen trafen Sina und ich uns wieder. Sie lief den Marathon ebenfalls schneller als vor einem Jahr. Sie war müde, aber doch glücklich, dass sie es den Lauf erfolgreich beendet hatte.

Später hörte ich von Sven, dass er ebenfalls den Halbmarathon erfolgreich absolviert hat. Achja… ich bin schon für 2019 angemeldet. Ich freue mich sehr auf den Lauf. Mal schauen, welche Geschichte dann erlebt werden darf.

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Marathon 11 bis 20 – Kapitel 2 eines Läuferlebens

Vorwort: Den Text schrieb ich im August 2018, auch wenn ich ihn erst im Dezember 2018 veröffentlicht habe. Ich entschied mich der chronologischen Reihenfolge dafür ihn so zu belassen. Ich habe noch vor über andere Läufe aus dem Jahr 2018 zu schreiben.

Gedanken

Ich beschreibe einmal die Situation, wie sie ist: Ich sitze vor meinem PC und denke nach. Alleine diese ersten Zeilen zu schreiben, dauert seine Zeit. Ich schaue nicht auf die Uhr, sondern aus dem Fenster und vor allem erinnere ich mich an das, was war. Es muss seltsam aussehen, wenn ich da so sitze und einfach nichts tue. Alle paar Minuten erwache ich aus der Erinnerung und schreibe einen weiteren Satz.

Ich denke über die letzten dreieinhalb Jahre nach. Am 15. Dezember 2014 veröffentlichte ich, kurz nach meinem 10. Marathon einen Blogeintrag über mein Werden zum Läufer und abschließend, dass ich eine wichtige Marke für mich erreicht habe: zehn Marathons.

Es ist schon ein wenig her, genauer im Juni 2018 passierte es, als ich meinen 20. Marathon erfolgreich gelaufen bin. Ich habe lange überlegt, ob ich nach dem 20. oder 25. Marathons einen weiteren Teil dieser Reihe schreiben soll. Ich fragte mich: Habe ich etwas zu erzählen, bzw. kann ich etwas berichten und die Antwort auf diese Fragen lautet: Auf jeden Fall! Warum soll ich noch fünf weitere Marathons abwarten?

Es ist sogar so, dass ich die letzten Wochen sehr lange und sehr viel nachgedacht habe und ich brauchte die Zeit, da ich mir selbst vieles erst richtig bewusst werden musste. Ich habe für die ersten zehn Marathons fast sieben Jahre benötigt und jetzt waren es nur 3,5 Jahre für Marathon Elf bis 20. Was war passiert? Wie entwickelte ich mich weiter? Und vor allem, wie konnte das passieren? Das sind die Fragen, auf die ich eine Antwort gesucht habe.

Kein Ziel, aber dennoch nicht Ziellos

Ich möchte diesen Eintrag vervollständigen. Ich ermahne mich selbst nicht länger aus dem Fenster zu gucken und in Erinnerungen zu schwelgen, sondern zu schreiben. Zuallererst werde ich nicht über Ziele schreiben. Mein Lebensziel ist so groß. Ich habe zwar Etappen auf diesem Weg geschafft, aber es zu seiner Erfüllung ist es noch ein weiter Weg. Was mein Ziel ist? Jeden der sechs World Majors (Berlin, London, Chicago, Tokio, Bosten und New York), sowie jeden Kontinent einmal belaufen. Aktuell habe ich 3 World Majors erlebt (Berlin, New York und Tokio) und eben drei Kontinente belaufen (Europa, Nordamerika und eben Asien). Gut, ich war schon in Afrika laufen, aber dort war es noch kein Marathon.

Damit möchte ich nur sagen, ich habe Ziele und ich arbeite an ihnen. Ich laufe also nicht ziellos umher, wobei das auch völlig legitim wäre ziellos umher zu laufen. In den letzten 3,5 Jahren lag meine Priorität eben woanders und eben nicht auf der Erfüllung meiner Lebensziele im Laufsport. Erst im Rückblick und beim Nachdenken wurde mir erst einiges klar. Daher nehme ich euch nun mit auf meine Reise der letzten 3,5 Jahre. Lasst uns nach meinem zehnten Marathon, den ich im Dezember 2014 lief, anfangen.

2015: Das Laufen wiederholt sich

Wenn ich zurückblicke, dann muss ich sagen, dass es insbesondere in den letzten 3,5 Jahren vorwiegend darum ging, das Laufen auf unterschiedlichsten Arten zu erfahren und Grenzen zu verschieben. Doch eines nach dem anderen. 

Fangen wir vorne an. Ich muss gestehen, dass 2015 gefühlt ein Jahr der Wiederholungen war. Hermannslauf, irgendein Lauf-Cup, Berlin Marathon, Frankfurt Marathon und auch so manche andere Läufe, die ich nicht zum ersten Mal erlebte. Natürlich gab es auch neue Läufe, die ich für mich fand und schätzen gelernt habe. Im Großen und Ganzen fing es an sich zu wiederholen. Natürlich lag das auch an mir, schließlich habe ich die Entscheidung getroffen diese Läufe erneut zu erleben. Aber ich spürte, dass ich anfing auf der Stelle zutreten. Ich wollte mich und das Laufen neu entdecken. Auch merkte ich, dass es mich nervte immer wieder neuen Bestzeiten hinterherzujagen. Ich wollte raus aus diesem Schema, um das Laufen für mich interessant zu halten.

Ende 2015 bot mir Juliane eben genau die Chance dafür: „Daniel, lass uns den Transalpine Run nächstes Jahr laufen.“ Das war verrückt. Dieser Lauf gab mir die Chance gleich drei neue Erfahrungen zu machen. Ein Lauf in den Alpen hatte ich nie gemacht. Ein Etappenlauf war es zu dem auch noch und ein Ultralauf, denn ich ebenfalls noch nie gemacht habe. Dieser Lauf hatte drei völlig neue Facetten. Gut, ich hatte einmal vorgehabt den Rennsteig Ultra zu laufen, doch im Gegensatz zu Juliane, hatte ich bis zu diesem Tag keine Distanz über 42,195 km absolviert.

Das war für mich der Ausbruch aus einem sich zu beginnenden Zyklus der Wiederholungen. Ich sagte ihr zu. Gesagt, getan: Wir meldeten uns dafür an.

2016: Ultraläufer

Ich bin in meiner Vorbereitung stets gewissenhaft. Ich wollte nicht naiv ein 250 km Rennen angehen, welches fast 15000 Höhenmeter hat. So entschied ich mich vorher einmal in die Alpen zu fahren und mich auszutesten. Ich wollte schauen, wie schlau diese Zusage war. Ich hätte erst diesen Test machen sollen und dann Juliane zusagen sollen. Doch dafür war es nun zu spät und so lief ich im Juni 2016 meinen ersten Ultra in den Alpen.  Es war der Zugspitzultratrail auf der Supertrail Distanz mit 64 Km und 3000 Höhenmeter. Ich benötigte lediglich 11:15h. [Zum Nachlesen: https://www.dk-industries.de/?p=203 ] Das beruhigende war für mich, dass es mir nichts ausmachte, ob ich vier Stunden oder elf Stunden lief. Es war auch der Versuch die notwendige und verpflichtende Ausrüstung für den Transalpine Run zu testen. Ich hatte sehr viel Geld investiert, um ein Ausrüstungs-„Upgrade“ zu haben, welches mich für die Alpen tauglich macht. Das spannende nach dem Lauf war, dass alle erstaunt über meine Leistung waren und mir Respekt kundtaten. Keiner fragte mich jedoch, wie ich mich nun als Ultraläufer fühle. Ich finde bei einem Marathon, insbesondere beim ersten, spielen Gefühle immer eine wichtige Rolle. Und wie war es bei dem ersten Ultralauf? Es fragte nie jemand nach. Vielleicht lag es daran, dass nur wenige sich diesen Sport noch vorstellen können oder vielleicht hat es auch einfach niemanden interessiert. Das ist jetzt nur Spekulation. Ich habe im Ziel vor Erleichterung geweint, ähnlich wie bei meinem ersten Marathon. Das Gefühl die Ziellinie zu übertreten, hatte ich seit 2009 nicht mehr so intensiv empfunden. Das Gefühl ein Ultraläufer zu sein, ist nicht anders als ein Marathonläufer zu sein. Es dauert nur länger. Das liegt sicher damit zusammen, dass ich mich einfach als Läufer sehe, unabhängig meiner Distanzen.

Ich war von dieser Erfahrung so positiv überwältigt, dass ich spontan 4 Wochen später nochmal an der Zugspitze war und den Zugspitzmarathon lief. 43,5 km, 4200 positive Höhenmeter und 2600 negative Höhenmeter. Die Strecke wurde wetterbedingt um einen Km gekürzt und 300 positive Höhenmeter entfielen. Ich buchte rückblickend diesen Alpenlauf als Marathon ein. Es war mein langsamster Marathon mit 10:13h und auch das dramatischste Rennen meines Lebens. Das Laufen in den Alpen ist anders, etwas ganz eigenes und unvergleichbaren. Es ist mehr wie eine Mischung als schnellem Wandern und Laufen und für mich als Kind der ostwestfälischen Region, war es stets ein Kampf gegen die Cut-Off Zeiten. Zur Erinnerung: Ist man langsamer als die Cut-Off Zeit, wird man disqualifiziert und aus dem Rennen genommen. Dieser Lauf bereitete mir mehr Unsicherheit für den Transalpine-Run, als dass er mir Zuversicht gab. [Zum Nachlesen: https://www.dk-industries.de/?p=287 ]

Und als bald in Folge stand ich mit Juliane an der Startlinie in Garmisch-Partenkirchen für den Transalpine-Run 2016. Es ging es los. Sieben Tage laufen. Es war wie in einer Wolke. Man sieht den Dunst aber sonst nicht viel von der Welt. Ich habe mich um nichts anderes gekümmert, als diesen Lauf zu überstehen: Laufen, Wunden behandeln, Essen und Schlafen. Primär ging es um nicht mehr. Es ist eine ganz andere Intensität die ich dort zum Laufen entwickelte. Ich lernte eine Menge toller Menschen kennen, denn dieser Lauf verbindet enorm und nie zuvor habe ich stärker und intensiver erlebt, was der Zusammenhalt der Läufer untereinander bedeutet.
Für mich war es ein täglicher Kampf mit Verletzungen gegen den Cut-Off. Ich veränderte mich, täglich und stetig und nicht zum positiven. Ich wurde jemand anders und das erschreckte mich. Der Lauf lehrte mich sehr viel; über mich und mein Läuferdasein. Er offenbarte mir, was ich möchte: Ich möchte Laufen. Ich möchte das gesamte Spektrum dieses Sports erleben und genießen. Ich möchte mal vorne und gegen die Uhr rennen. Ich möchte mal entspannt laufen und an Verpflegungspunkten quatschen und die Natur erleben und Menschen kennenlernen. Ich möchte auf der Straße, aber eben auch in den Alpen und auf dem Trail laufen und dadurch Abwechslung beim Laufen erleben. Das hat mich dieses Jahr 2016 ganz klar gezeigt und auch, wie verhältnismäßig leicht dies ist. Es gibt so viele Läufe, die Auswahl ist enorm, warum immer nur das bekannte Laufen? Diese Frage habe ich mir selbst gestellt und eben beantwortet. [Zum Nachlesen Teil 1: https://www.dk-industries.de/?p=310 ; Teil 2: https://www.dk-industries.de/?p=409 ; Teil 3: https://www.dk-industries.de/?p=496 ]

Im Herbst 2016 lief ich gleich noch meinen dritten Ultra: Röntgenlauf Ultra über 63,3 Km. [Zum Nachlesen: https://www.dk-industries.de/?p=615 ] Unglaublich: Da lief ich 2015 drei Marathons, was mein absoluter Rekord für ein Jahr war und dann legte ich 2016 mit einem Marathon und drei Ultras direkt nach. Ich war von mir selbst überrascht und von den Ultrasevents. Es war wie eine neue Welt. Es war schon so, dass sich eine neue Tür für mich geöffnet hatte. Und jetzt?

2017: Tokio und Taubertal

Ich hatte mich beim Tokio Marathon eigentlich nur beworben, um mich zu bewerben. Ich wollte unbedingt irgendwann einmal in Japan laufen. Das hat viele Gründe, die ich hier gar nicht ausführen möchte oder gar kann. Doch die Chance einen Startplatz zu bekommen, war annähernd null. (Real hatte ich mal ausgerechnet, dass sie so bei 8% lag). Ich fing sogar schon an, die Phase Ende Februar anderweitig zu verplanen, bis ich die Mail aus Tokio bekam und in der stand: Du bist dabei. Ich erinnere mich noch daran, wie ich erst las und das nicht glauben konnte. Als ich dann realisierte, was da stand, blieb ich ganz starr. Ich weiß nicht mehr, wie lange ich da einfach starr vor dem Monitor saß. Es müssen schon Minuten gewesen sein, bis ich aufstand und einfach jubelnd durch die Wohnung hüpfte. Ich war in Tokio dabei. Unglaublich! Flug, Urlaub, Hotels wurden unmittelbar gebucht.

Es ging nach Japan, genauer war es sogar eine Rundreise, wo der Marathon ein Teil dieser Reise war. Als ich an der Startlinie stand, war mir klar, dass dies nun ein Once-In-A-Lifetime Event sein wird. Ich genoss jeden Meter, jeder Eindruck brannte sich förmlich in meinen Kopf. Es war unglaublich. Dieses Land ist ein marathonverrücktes Land. [Zum Nachlesen: https://www.dk-industries.de/?p=782 ]

Noch etwas Wichtiges wurde mir klar, als ich zurück in Deutschland war: Ich liebe Trails, ich liebe die Natur, aber ich möchte nicht einfach nur eine Richtung des Laufens genießen. Ich möchte hin und wieder auch einen Stadtmarathon erleben. Ich möchte eine große Breite des Laufsports erleben und vor allem genießen und nicht dogmatisch etwas verfluchen oder gar ausschließen.

Ich kann im März 2017 eines klar sagen: Wenn mich das Jahr 2016 zum Ultraläufer gemacht hat, dann war 2017 für mich das Jahr, was mich viel reflektieren ließ. Der Marathon wurde weniger wichtig und ich fokussierte mich mehr auf Ultraläufe. Rückblickend erkenne und verstehe wesentlich besser einige Dinge, auf die nun zu sprechen komme. Im April 2017 beim Paderborner Osterlauf schaffte ich ein großes Ziel: Ich lief zum ersten Mal in meinem Leben unter 40 Minuten auf den 10 Km. Mein Gott, was jubelte ich wieder, ich weinte und konnte gar nicht glauben, was ich da eben geleistet hatte. Es könnte ewig so weiter gehen, dachte ich.

Doch dann!

Ich merkte, dass mein eines Schienbein irgendwie seltsam wehtat. Einige Untersuchungen später war es klar: Es gab einen Verdacht auf einen Ermüdungsbruch. Mein Arzt sagte, dass wir es wie einen Ermüdungsbruch betrachten und uns so verhalten. Ein Verdacht deswegen, weil die erste Voruntersuchung enorm darauf hinwies, aber das MRT erst Wochen später war und da nichts mehr zu sehen war. Vielleicht war es auch keiner. So ganz sicher kann das niemand bis heute sagen. Es bedeutete für mich jedoch zehn Wochen kein Lauftraining, sondern nur Krafttraining und Fahrrad fahren. So verbrachte ich mein Sommer und reflektierte viel. Ich hatte meinen Körper 2015 wohl zu viel zugemutet und war zu schnell so „extrem“ geworden. Das musste ich akzeptieren. Ich war zwar nun für den Berlin Marathon angemeldet und für meinen ersten 100 km Lauf im Taubertal, aber ohne Training? Das Motto für das restliche Jahr war klar: Enjoy Running – Genieße das Laufen. Zeiten spielten keine Rolle mehr.

Doch dann zum 2.!

Ich lief Berlin völlig befreit und verbesserte meine Marathonbestzeit um fast 15 Minuten auf eine 3:15h [Zum Nachlesen: https://www.dk-industries.de/?p=1129 ] und lief den Taubertal 100 km Lauf in 11:30h und das ohne wirkliches Training. Ich lief den Ultralauf sogar durch. Diese Läufe habe ich natürlich mit ärztlichem Segen gemacht, solange ich aufhöre, sobald ich Schmerzen merken sollte. Ich merkte keine. 2017 war ein seltsames Jahr mit seinen Höhen und Tiefen. [Zum Nachlesen: https://www.dk-industries.de/?p=1186 ]

Jedes Jahr seit 2013 an Heiligabend laufe ich Vormittags oder am Mittag einen Halbmarathon. Ich nenne ihn einfach meinen Weihnachtshalbmarathon. Er ist schon Tradition, wie auch Inga, eine sehr gute Trainingspartnerin, die seit 2016 immer dabei war, feststellte. Es ist die Zeit, wo ich besinnlich werde, nachdenke und mein Jahr Review passieren lasse. War ich nicht eigentlich ein Marathonläufer? Was dies nicht stets mein großes Ziel gewesen? War das nicht mein Hauptfokus? Wieso lief ich dann 2016 und 2017 mehr Ultraläufe als Marathons pro Jahr? Wieso war das so? Und werde ich jemals meinen 20. Marathon laufen? Die Antwort auf die letzte Frage ist nun offensichtlich, sonst würdet ihr diese Zeilen ja nicht lesen.

2018: Der 20. Marathon

Die obere Reihe zeigt die Ultramedaillen von Ultra 1 bis 8. Die untere Reihe zeigt meine Marathonmedaillen 11 bis 20. (Copyright: Daniel Katzberg)

Die Zeit verging. Läufe wurden gelaufen. Lange Läufe, kurze Läufe und auch Marathons. Natürlich absolvierte ich 2018 wieder Ultraläufe und ich lief meinen 20. Marathon. Doch mehr als die Jahre zuvor, habe ich das Gefühl noch mehr den Laufsport zu genießen. In diesem Jahr lebe ich bewusst nach meinen Erkenntnissen: Mal laufe ich gerne schnell, mal langsam. Mal laufe ich bei einem sehr familiären Lauf, mal bei einem riesigen Ereignis. Ich genieße die Abwechslung, ich genieße die Vielfalt des Sports. Das Einzige was ich 2018 nicht schaffe, ist es in den Alpen zu laufen. Das möchte ich auf jeden Fall 2019 wieder erleben. Doch bis dahin werde ich sicher einige Marathons und Ultraläufe erleben. Es wird sicher auch wieder ein Jahr kommen, in denen ich mehr Marathons als Ultras laufen werde. Ich sehe mich mehr denn je als Läufer. Ich habe noch nicht auf alle Fragen eine Antwort, aber ich sehe nicht die Notwendigkeit sie heute haben zu müssen.
Abschließend möchte ich sagen, dass ich das Gefühl habe angekommen zu sein und das in vielerlei Hinsicht. Ich bin gespannt, wie lange ich brauchen werde, bis ich den 30. Marathon gelaufen bin. Ich bin gespannt, welche Entwicklung ich dann erlebt habe. Welche Läufe, Erfahrungen und auch Abenteuer dann wohl hinter mir liegen?
Nach all diesen Gedanken, meiner Reflexion und dem Rekapitulieren merkte ich, dass ich mich um einiges besser verstehe. Manchmal lohnt ein Blick nach hinten, um klarer zu sehen, was vor einem liegt.  

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Maintal Ultratrail – Deutsche Meisterschaft im Ultratrail 2018

Samstag, 14.07.2018
Der Wecker klingelt gegen 4:55 Uhr. Wer Ultraläufer sein möchte, muss sehr häufig, sehr früh aufstehen. In einigen Stunden werde ich mir wünschen, dass es noch früher gewesen wäre. Es soll an diesem Tag 28 Grad heiß werden. Mindestens.
Ich bin hier mit Dominik. Das Hotel hat uns Läufern, mehrere haben hier übernachtet, einen Raum zum Frühstücken zur Verfügung gestellt. Ich komme als einer der Letzten und gehe als einer der Ersten. Ich habe um die Uhrzeit wenig Hunger und ich brauche noch etwas Zeit, um meinen Rucksack zu packen, denn es gibt eine geforderte Pflichtausrüstung, die es gilt mitzuführen. Als alles fertig ist, setze ich mich auf das Bett, nehme einen bedruckten Zettel und gucke mir ein letztes Mal die Strecke an: 64,5 Km, 1700 Höhenmeter sind zu bestreiten. Ich folge mit meinem Blick dem Streckenverlauf. Die Strecke verfügt über viele Steigungen und Gefälle und wenige Abschnitte sind wirklich flach. Mein Ziel für diesen Tag ist es im Mittelfeld zu laden. Ja die Top 50% wären ein schönes Ziel, denke ich mir. Schließlich sind es deutsche Meisterschaften und zudem werde ich nicht volles Tempo laufen, doch dazu gleich mehr.
Dominik kommt zurück in das Zimmer und packt auch seine letzten Sachen in seinen Rucksack. Wir brechen auf und sind gegen 6:20 Uhr auf dem Parkplatz.

Alles ist gut ausgeschildert und ebenfalls schnell erreichbar für uns. Als Dominik und ich in das Stadion eintreffen, beginnt das Briefing für die Strecke. Es wird auf einige Besonderheiten hingewiesen, sowie auf Sicherheitsaspekte eingegangen. Die meisten dieser Hinweise kennt aber jeder, sofern er nicht zum ersten Mal einen Ultralauf bestreitet.

Wir geben unsere Kleiderbeutel ab und checken in den Startblock ein. Unsere Pflichtausrüstung wird überprüft und erst dann dürfen wir in den Startblock. Viele, ja auch ich, schießen einige Fotos. Dominik und ich gucken uns um, ob wir wen erkennen. Was man halt so macht, um die Zeit bis zum Start totzuschlagen. Die Erkenntnis, ja vom Sehen kennen wir einige, doch viele wirken sehr mit sich selbst beschäftigt. So vergeht die Zeit und irgendwann, um kurz vor 7:00 Uhr werden wir zum Start gerufen.

Alles drängt sich zur Startlinie und es ist plötzlich sehr eng und ich habe nur noch wenig Platz für mich.

Start bis Verpflegungspunkt 2
Alle zählen gemeinsam von Zehn runter. Der Startschuss fällt und wir laufen los. Dominik und ich klatschen uns nach 100 m ab und ich laufe vor. 75% Puls, das Tempo was dabei abfällt, soll es heute sein. Ich möchte es nicht übertreiben, noch überpacen. Der Berlin Marathon soll mein Leistungshöhepunkt im Herbst werden. Dies ist der letzte Ultralauf vor Berlin und somit auch ein guter, extrem langer Lauf. Dazu kommt noch die Hitze. Ich befürchte, dass ein Überpacen am Anfang unweigerlich zum Absturz führen kann, wenn es heiß wird und die Reserven schnell nachlassen.

Die ersten Kilometer sind geprägt von viel Wald, Singletrails und einem kühlen Wetter. Gut, es ist kurz nach Sieben Uhr. Wie heiß sollte es da schon sein? Nach gut 3,5 Km verlaufe ich mich das erste Mal an diesem Tag. Gute 200 m kommen oben drauf. Ich bin an diesem Tag nicht der erste, dem das passiert und mir passiert es auch nicht zum letzten Mal. Die Strecke ist gut, aber eben nicht hervorragend markiert.

Nach 4,5 Km sehe ich ein Schild „Noch 60 Km“ und denke mir: Oh nein. Ich mag nicht wissen, was vor mir liegt, sondern nur daran denken, was ich habe. Doch genau dieser Umstand wird mich noch einige Male beschäftigen.

Das erste Mal gehe ich nach gut 6 km, da der erste knackige Anstieg ansteht. Ich könnte hier hoch laufen, doch ich und alle anderen um mich herum sparen sich die Kräfte. Zu meiner Überraschung gibt es sehr technische Abschnitte.
Es folgt zur Belohnung ein toller Singletrail oberhalb des Mains. Wunderschön, urig und super zu laufen, trotz der leichten Steigung. Bei Km 9 esse ich im Laufen etwas aus meinem Proviant, da bald die erste Verpflegung kommt. Da kann ich mit etwas Wasser das Essen gut nachspülen. Anders als auf bisherigen Ultras möchte ich diesmal keine größeren Pausen machen. Der Wald endet in den Weinbergen, wo der erste Verpflegungspunkt bei Km 10 wartet. Dort angekommen, fülle ich in einem für mich hohem Tempo meine Flaschen auf und laufe schnell weiter. Ich benötige nicht einmal eine Minute, bevor ich schon wieder am Laufen bin. Ich bin überrascht, weil eine Läuferin den Verpflegungspunkt komplett auslässt und einfach durchgelaufen ist.

Es geht zeitnah zurück in den Wald. Plötzlich kommt ein sehr technischer Downhill, der weit mehr als 20 Prozent Gefälle hat. Von hinten ruft einer „Ahhhhh Achtung!“ und stolpert den Berg runter. Ich schleiche hier eher entlang. Auf dem flachen Abschnitt danach laufe ich auf ihn auf und frage ihn, ob alles okay sei, er habe ziemlich panisch geschrien. Es gehe ihm gut. Ob ich denn vom Straßenmarathon käme, da ich so vorsichtig den Berg runter gelaufen sei. Ich erzähle ihm, wie ich meine Bänder beim Transalpine Run 2016 strapaziert hätte und seit dem eher vorsichtig bei Downhills sei.
Wir quatschen etwas. Ich lasse ihn beim nächsten technisch, steinigen Downhill vor und hole im flachen wieder auf. Wir setzen unser Gespräch fort. Danach folgt ein langer, stetiger Anstieg, den ich gut laufen kann. Hier werde ich den Läufer zum letzten Mal sehen. Beim Anstieg überhole etliche und setze mich leicht ab. Bei Km 14 gibt es eine Streckenteilung: Die 30 Km Strecke geht gerade aus, die Ultrastrecke muss eine scharfe Linkskurve laufen, an einem Feld entlang.


Die Strecke ändert sich zum ersten Mal. Es gibt weniger Waldwege und dafür mehr Wege entlang von Feldern und Weinbergen. Das bedeutet aber auch, weniger Schatten und mehr direkte Sonne. Ich bin ab dieser Phase und ungefähr ab Km 16 alleine. Anders kann ich das nicht sagen. Vor mir in der Ferne sehe ich mal einen Läufer und hinter mehr sind es meist zehn, jedoch als Gruppe und auch in der Ferne.

Bei Km 19 laufen wir eine Wiese herunter, auf denen Grabsteine stehen. Ich bin etwas irritiert, ob ich hier richtig bin, doch die Streckenmarkierung passt. Es folgen ein kurzer Waldweg und zwei Teiche bis ich den zweiten Verpflegungspunkt erreiche. Hier wird den Frauen ihr jeweiliger Platz zugerufen. Mit mir läuft die 10. Frau und danach direkt die 11. Frau ein.

Verpflegungspunkt 2 bis Verpflegungspunkt 5
Bevor ich am Verpflegungsstand zu Ende getrunken habe, sagt ein Helfer zu mir, dass es direkt recht steil werden würde. Es wird direkt steil nach einem Verpflegungspunkt? Perfekt, denke ich mir. Ich nehme mir noch etwas zu Essen auf die Hand und gehe direkt los. Bergauf? Da kann ich gehen und dabei in Ruhe essen. Ich husche zügig den Anstieg hoch und nach wenigen hundert Metern endet der Anstieg und parallel bin ich mit dem Essen und Trinken fertig. Ich laufe an und nach einem sehr kurzen flachen Stück, geht es erst bergauf und direkt wieder runter. Von solchen Wellen liegen nun einige vor mir.

Ich laufe irgendwo bei Km 22 einen Schotterweg entlang und sehe einen Läufer bergab gehend, beinahe humpelnd. Ich frage ihn, ob er Hilfe braucht und ob alles soweit okay sei? Er dreht sich zu mir, lächelt und bekräftigt, dass es ihm gut gehe. In dem Moment sehe ich, dass er seine Startnummer gefaltet in der Hand trägt. Ich nicke ihm zu und wünsche ihm noch alles Gute.
Es folgt ein langer Abschnitt bei den Weinfeldern und dieser beglückt mit einer Aussicht in die Ferne oder über den Main. Ich laufe im Moment auf Asphalt und in der Sonne. Da es erst halb Zehn ist, als ich die ersten 25 Km Marke auf meiner Uhr passiere, ist es noch erträglich. Mein Puls ist in Ordnung und so laufe ich zufrieden weiter.
Die Zeit verfliegt und die Kilometer ebenfalls. Ich sehe wie die 9. bis 12. Frau regelmäßig ihre Platzierungen tauschen. Ich laufe an ihnen vorbei oder werde mal von ihnen überholt. Das ist neben der Aussicht das einzig Spannende in diesem Abschnitt.

Es ist diese Phase bei einem Ultrarennen, wo ich darauf warte bis zu einem gewissen Kilometerstand zu kommen. Bei einem kurzen Rennen ist der Start- und der Zieleinlauf eben viel dichter beieinander. Bei einem Ultra ist es eher so: Der Start ist spannend, weil zumindest ich immer ein wenig aufgeregt bin. Es folgt viel und lange Laufen und wahrscheinlich auch Qual. Irgendwann wird es wieder spannender wenn es zum Ziel geht. Daher brauche ich bisher bei Ultralaufen eine wunderschöne Landschaft, oder eben eine Begleitung, was mich auch zwischendurch ablenkt. Ich könnte nun auch davon berichten, wie es mir manchmal ergeht, wenn ich plötzlich gefühlt erwache und mich frage: Wo sind die letzten Kilometer hin? Bin ich sie wirklich gelaufen? Das ging ja schnell vorbei. Es ist dann so eine Form von einfach Laufen und völliges entspannen dabei. Das passiert mir leider auf fremden Strecken nicht, daher grundsätzlich auf einem Ultrawettkampf nicht. So heißt es also nun: Viel und lange Laufen, bei einer wenigstens schönen Landschaft.

Zurück zum Lauf. Bei Km 27 laufe ich in eine Schleife rein und sehe, wie ein Läufer die Schleife verlässt. Ich frage mich, wie lang diese Schleife wohl sein wird? Gespräche führe ich nicht. Ich bin in dieser Phase allein und für mich. Ich laufe die Weinberge entlang, muss eine kleine Treppe hinauf gehen und tauche seit langem in einen Wald ein. Und dann stehe ich plötzlich direkt am Verpflegungspunkt 3 bei Km 31,5.

Die Hälfte des Rennens ist beinahe geschafft. Ein Helfer hakt meine Nummer ab und trägt mich in eine Liste ein, dass ich eben diesen Punkt passiert habe. Ich esse, trinke und laufe kurz danach weiter. Neben dieser Verpflegung sitzt ein Läufer auf einer Parkbank und ruht sich aus. Einen Moment überlege ich es ihm gleich zu tun, doch ich entscheide mich dagegen und laufe weiter.
Die Strecke verläuft weiter durch den Wald. Es ist beinahe ein Abschnitt, wo der Singletrail kaum zu erkennen ist, so schmal und teils verwachsen ist es hier.

Ich muss mich enorm anstrengen, um nicht Weg zu verlieren. Am Ende dieses Abschnittes sind wir zu viert. Zwei weitere Läufer und eine Läuferin begleiten mich nun, oder ich sie?! Wir unterhalten uns, laufen bewusst gemeinsam. Mir hilft es, mich einfach etwas mit anderen zu unterhalten. Es motiviert mich und es fühlt sich befreiend an, eben auch einen Abschnitt nicht alleine zu sein. Wir verlassen gemeinsam die Schleife. Ich sehe wie einige Läufer und Läuferinnen jetzt in die Schleife rein laufen. Meine Uhr sagt mir: Km 35. Die Schleife ist also 7 bis 8 Km lang. Ich gucke mit etwas Mitleid zu all jenen, die jetzt gerade erst in diese Schleife laufen. Schließlich wird es immer wärmer.
Kurz nach der Schleife verlaufen wir uns alle, jedoch nur gute 100 m. Wir ärgern uns und laufen bis Km 36 gemeinsam weiter, bis die Läuferin kurz vor läuft „I need a hero“ mitsingt, da sie Musik hört, und wir drei anderen es abfeiern. Wir lachen zu viert. Danach teilen wir uns auf und die Läuferin setzt sich als erste ab und läuft vor. Die anderen beiden Herren nehmen ihr persönliches Tempo auf. Einer läuft vor mir, der andere bleibt hinter mir.
Bei Km 38 beginnt eine Tiefphase, in der ich viel gehen muss. Seit Km 36 laufe ich in der prallen Sonne. Es ist mittlerweile halb elf durch und die Sonne brennt vom Himmel. Als bei Km 38 steile Anstiege beginnen, bin ich demotiviert und k.o.. Ich denke nicht daran aufzuhören, aber ich habe in diesem Moment einfach keine Lust mehr. Ich wünsche mir einen Podcast, Musik, irgendwas, was mich ablenkt von der Hitze. Doch nichts dergleichen führe ich mit mir. Das Zirpen der Grillen ist das einzige was ich höre.
Ich gehe zügig, aber ich gehe. Ein älterer Herr, den ich auf mindestens 60, eher 65 Jahre alt schätze, lässt mich einfach stehen. Ich habe keine Chance im zu folgen, so leicht läuft er diesen Berg hoch. Ich hoffe, dass ich auch einmal in dem Alter noch so sportlich bin. Bis Km 40 kämpfe ich, bis ich endlich an den Verpflegungspunkt 4 ankomme, nach gut 4 Stunden und einigen Minuten.
Mir wird bewusst, dass noch 24 Km vor mir liegen und der Kampf jetzt schon begonnen hat. Die Hitze ist mittlerweile sehr unangenehm. Ich fülle meine Flaschen auf und esse Wassermelone mit Salz. Abschließend bedanke ich mich und gehe erst einmal kurz den nächsten Anstieg hoch.

Es geht bergauf. Der einzige Läufer auf Sichtweite isst und trinkt ebenfalls, als er hochgeht. Als es flach wird, laufe ich an und er geht weiter. Es beginnt genau mit diesem Moment für mich eine neue, lange, sehr einsame Phase in diesem Lauf. Ich sehe niemanden vor und hinter mir. Ich bin im Wald, laufe viele Kurven und spüre die Wärme. Es ist mittlerweile 11:30 Uhr und es ist einfach nur noch heiß. Das erträgliche wird langsam unerträglich. Irgendwo bei Km 44 werde ich seit langem überholt von zwei Läufern, die bergauf ein Stück laufen, was ich gehe. Ich frage mich, wo ich im gesamten Feld liege? Mittelfeld oder doch ganz am Ende? Ich entsinne mich zurück an Km 34, als ich aus der langen Schleife raus lief und noch einige Läufer_innen reinliefen. Am Ende des Feldes sollte ich nicht sein.

Als es wieder flach wird, laufe ich den anderen beide hinterher. Ich werde den Abstand zu ihnen nicht verkürzen, denn ich habe mit der Hitze meine Probleme. So versuche ich jedoch auch den Abstand nicht größer werden zu lassen. Die Strecke führt in der knallen Sonne und auf Aspahlt ohne viel Schatten etliche Km entlang, bis ich irgendwann mit leeren Flaschen und einem trockenem Mund den fünften Verpflegungspunkt erreiche.

Verpflegungspunkt 5 bis Ziel
Beim Verpflegungspunkt 5 gibt es den ersten Cut-Off. Wer es bis hierhin geschafft hat, hätte maximal 8 Stunden für die 48 Km benötigen dürfen. Ich brauchte 5:15h und liege somit 2:45h vor eben diesem Cut-Off. Dreiviertel des Laufes ist geschafft und gute 16 Km liegen vor mir. Für diese 16 Km habe ich insgesamt noch 5:45h Zeit bis zum Cut-Off. Ich trinke ohne Pause direkt mehrere Becher mit Getränken weg, fülle meine Flaschen auf, streue mir Kochsalz auf den Handrücken und lecke ihn mit wenig Freude ab. Das Salz ist bitter notwendig, damit ich den Verlust durch meinen Schweiß kompensieren kann. Ich esse erneut etwas Wassermelone und trabe nach zwei Minuten weiter. Ich lasse kurz die letzten Kilometer Review passieren. Mir wird klar, dass ich auf den letzten 10 Km viel eine richtige Mimimi-Phase durchlebt habe. Ich nehme mir vor, diese Phase zu beenden. Nach diesem Gedanken laufe ich motiviert und energisch weiter.
Ich laufe einiges bergab, nur direkt alles erneut bergauf zu gehen. Wie ich schon sagte, es gibt eine menge Wellen, die entspanntes Laufen wirklich schwer machen. Es folgen erneut lange Sonnenabschnitte, aber endlich auch Schattenabschnitte.
Bei Km 52 bleibe ich stehen. Ein Läufer sitzt im Schatten und schaut mich verwirrt an. Ich erkundige mich, ob er Hilfe braucht, ob es ihm gut geht. Es gehe ihm sehr schlecht, meint er. Er beende den Lauf und habe seiner Frau schon bescheid gegeben. Sie würde ihn bald hier abholen. Ich meine zu ihm, dass er noch 12 Km vor sich habe und dafür über 5 Stunden Zeit hätte. Das könne er gehen! Er hält eine Sekunde inne. Ich sehe, wie er kurz überlegt, nur um dann diesen Gedanken zu verwerfen. Er höre ganz sicher auf. Ich wünsche ihm eine gute Erholung. Er nickt und wünscht mir einen guten restlichen Lauf.

Ich habe das Gefühl, dass der Lauf wieder dynamischer wird, denn überhole mal einen Läufer und werde dann wieder von einem anderen überholt.
Es folgen Singletrails im Wald und immer häufiger kurze Gespräche mit anderen Läufern. Primär bestehen unsere Dialoge aus Motivations- und Mut machenden Sätzen wie z.B. „Komm, lauf weiter.“ Oder „Bleib dran. Zu zweit ist es nicht so hart.“
So geht es weiter bis Km 57, wo der letzte Verpflegungspunkt 6 auf mich wartet. Ich nehme mir zu essen, nehme mir zu trinken und setze mich auf eine Wasserkiste. Es ist unbequem, aber es ist mir gerade das liebste. Bin ich noch an den ersten Verpflegungspunkten freudig und zügig durchgelaufen, bin ich hier langsam am Ende meiner Kräfte. Ich wollte doch alle Verpflegungspunkte schnell passieren, doch ich kann ehrlich gesagt nicht mehr. Ich genieße diese kurzen Pausen zu sehr. Über 6:25h bin ich nun unterwegs. 7 Km liegen noch vor mir. Es ist mittlerweile fast halb eins und die Sonne brennt von oben herab. Ich bin froh, dass ich aus meiner Mimimi Phase wirklich raus gekommen bin. Ich beginne keine, was wäre wenn Spielchen. Es ist, wie es ist und alle müssen hier durch. Ich pausiere fast 4 Minuten, bevor ich weiter laufe. Das Aufstehen fällt mir nicht schwer, sondern das Weiterlaufen. Ich verabschiede mich und mache das, was ich immer in solchen harten Momenten mache: Ich laufe einfach weiter, bei 28 Grad, in der Sonne an diesem Sommertag. Verrückt könnte der eine oder andere meinen. Vielleicht ist es das ein wenig, aber ich finde es ist viel verrückter jetzt nicht mehr zu laufen. Ich bin froh, dass ich über eine gute mentale Stärke verfüge.
Es geht weiter. Die nächsten Anstiege laufe ich sogar wieder. Die Kraft kommt langsam wieder, so paradox, wie das klingt. Es geht sogar zum ersten Mal durch eine Siedlung und ich bekomme das Gefühl, dass das Ziel wirklich nicht mehr fern ist.

Ich sehe das „Noch 5 Km“-Schild. Ab hier sollen nun die Kilometerschilder jeden Kilometer kommen. Ich komme an einem Haus in der erwähnten Siedlung vorbei, wo eine Frau sich in ihrem Garten auf einen Liegestuhl bequem gemacht hat. Sie schlürft wahrscheinlich irgendwas Kaltes und feuert alle an. Kurz danach geht es einen sehr schmalen Feldweg steil hinunter, nur um vor einem Edeka raus zu kommen. Ich bin wirklich, wirklich versucht da rein zu gehen und mir etwas Kaltes zu kaufen. Doch, ich denke mir ebenfalls: Es ist nicht mehr weit. Direkt hinter dem Edeka, kommt ein sehr steiles bergauf Stück. Mein Gedanke in diesem Moment ist: „Die meinen das jetzt nicht ernst, oder?“ Doch der Abschnitt weicht nicht und ich gehe ihn hinauf. Ich erinnere mich an die Streckenkarte, die ich mir am Morgen auf dem Bett noch einmal angesehen hatte. Ich weiß, dass gleich ein langer Downhill kommt und spare mir die Kraft.

Die nächsten Kilometer fliegen an mir vorbei. Ich laufe um eine 5:30min Pace und laufe den Downhill runter. Hier überhole ich etliche andere Läufer, die fast alle nur noch gehen oder humpeln können. 1,5 Km vor dem Ziel geht es wieder in die pralle Sonne und es geht ein letztes Mal leicht bergauf. Hier beschließe ich nichts mehr zu riskieren und gehe gute 100 m. Die letzten 700 m sind im Wald und vorwiegend flach. Als ich in den Wald laufe, drehe ich mich um und schaue, ob Dominik mich noch einholt. Erfahrungsgemäß überholt mich immer ein Sudbrackläufer kurz vor dem Ziel. Doch ich sehe ihn nicht und frage mich, wann er wohl einläuft und vor allem, ob es ihm gut geht? 200 m vor dem Ziel laufe ich in das Stadion und freue mich riesig es geschafft zu haben.

Dort steht Dominik am Rand, geduscht und in Alltagskleidung. Er feuert mich an und mir wird klar, dass er das Rennen nicht beendet hat und abbrach. Wir geben uns ein High Five und ich springe ins Ziel. Dort bleibe ich stehen und verharre eine Sekunde.

Im Ziel
Erwartungsvoll werde ich von der Jury und einer Frau mit einer Medaille angeguckt, weil ich einfach stehen bleibe. Ich sage nur „Fertig.“ Ich muss in diesem Moment gestrahlt haben, denn ich werde nach dem Wort von allen angelächelt. Ich bekomme die Medaille und muss mich erst einmal setzen, weil ich erschöpft bin. Dominik kommt zu mir und er berichtet mir, dass er nach 10 Km aufgegeben hat und zurückging, da er einige Probleme hatte. Er wartete 3,5 Stunden auf mich. Nach etwas Verpflegung und einer Dusche fahren wir zurück. Wir kommen am Edeka vorbei und ich bitte ihn dort anzuhalten. Wir gehen kurz rein und ich kaufe mir irgendetwas kaltes, welches ich vorab ins Auto packe. Doch bevor wir weiterfahren, stellen wir uns für ein paar Minuten an die Strecke und feuer die Läuferinnen und Läufer an, die gerade vorbei laufen. Einer bleibt sogar stehen und fragt, ob es die Medaille für die Ultraläufer gibt, die ich gerade noch um den Hals trage. Ich sage ihm: „Ja das ist sie. Noch 4,5 Km, davon ist das meiste gut laufbar liegen vor dir! Du schaffst das!“ Er lächelt, nickt und läuft weiter. Danach steigen wir ins Auto und fahren in die Heimat.
Es fällt mir schwer, mich in diesem Moment zu freuen, da ich Dominik meine Freude nicht zu sehr aufdrücken möchte, schließlich war es nicht sein Tag. Aber als ich am Abend zu Hause war, schaute ich noch mehrmals meine Finisher-Medaille an und damit meine erste Teilnahme an einer deutschen Meisterschaft.

Einen Tag später sehe ich die Ergebnisse und weiß, dass ich alle meine Ziele erreicht hatte. Ich war im Mittelfeld gelandet, was wie ich es mir erhofft hatte. Ich wurde 11. von 22 in meiner Altersklasse und 94 von 192 im gesamten Feld. Ich lief in den Top 50%! Was ich ebenfalls an den Ergebnissen sehen konnte, war das fast jeder vierte es nicht ins Ziel schaffte. Ich vermute, die Hitze hat da eine gewisse Mitschuld. Ich hoffe, dass es beim Berlin Marathon Mitte September nicht ganz so heiß wird.

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Rennsteig Supermarathon 2018 – Eine offene Rechnung begleichen

Mai 2013
Meine Geschichte zum Rennsteig Ultra fängt vor 5 Jahren an. Kaum zu glauben, dass es schon so lange her ist. Juliane und ich planten einst gemeinsam den Rennsteig Ultra zu laufen. Offiziell heißt der Lauf Rennsteig Supermarathon, aber da es ein Ultralauf ist, bleibe ich beim Wort Ultra. Juliane hatte schon einige Ultras erfolgreich beendet, darunter den 100 km Zugspitzultra. Es sollte für mich der erste Ultralauf überhaupt werden. 72 km traute ich mir damals zu, denn die Strecke war 2013 etwas kürzer, als sie heute mit 73,9 km ist. Wobei der Impuls diesen Lauf auf dieser Distanz zu bestreiten, ging von Juliane aus. Sie überzeugte mich davon, dass wir beide diesen Lauf machen müssten.
Es sollte alles anders kommen. Juliane und ich standen beide auf der Starterliste, jedoch ohne jemals die Startunterlagen abzuholen. Sie war verletzt und ich lag krank im Bett. Ich war so frustriert, dass es noch drei Jahre dauern sollte, bis ich meinen ersten Ultra beim Zugspitzultra – Supertrail im Juni 2016 laufen sollte. Auch wenn ich heute immer erzähle, dass sich knappe 8 Jahre bis zu meinem ersten Ultra gewartet habe, was auch durch diesen Umstand stimmt, so waren meine Ambitionen vorher schon geweckt. Die Idee einen Ultra zu laufen, lebt seit somit schon sehr lange in mir.

April 2017
Ich wollte unbedingt erneut an den Start beim Rennsteig antreten. Es fühlte sich immer so an, als wenn ich eine Rechnung mit dem Lauf offen hätte. Nach meinen ersten Erfahrungen im Ultrabereich im Jahr 2016, fühlte ich mich mehr denn je dazu bereit diesen Lauf endlich zu bestreiten. 2017 sollte nicht das Jahr dafür sein. Dieses Mal war es die Schlafsituation. Ich wollte nicht in der Sporthalle schlafen und mehr Optionen gab es so kurzfristig nicht. Es wirkte alles sehr überstürzt und im Juni stand der nächste Zugspitzultra – Supertrail an. Ich wollte es auch nicht direkt übertreiben. Ich beschloss 2017 nicht anzutreten, sondern es fest für 2018 anzupeilen.
Auf dem Paderborner Osterlauf 2017, welcher Mitte April stattfand, stand ich am Stand des Rennsteiglaufes und unterhielt mich mit einem älteren Ehepaar, das für den Lauf warb. Sie sagten mir, dass es sinnvoll wäre sich jetzt direkt um ein Hotel zu kümmern, wenn ich 2018 laufen wolle. Sie gaben mir einen Flyer für den Rennsteig 2018 mit, damit ich schon einmal den Termin zum Buchen von Hotels hätte. Ich lachte innerlich. 13 Monate im voraus das Hotel sichern? Ich lachte nicht mehr, als ich testweise einige Hotels anrief und immer die Antwort erhielt „Wir sind jetzt schon für das Rennsteig Wochenende 2018 ausgebucht.“ Ich suchte weiter und fand mit etwas Glück ein Hotelzimmer in der Nähe vom Start in Eisenach. Ich reservierte das Zimmer sofort und somit 13 Monate vor dem Start. Als ich auflegte, schüttelte ich den Kopf. Selbst für den New York Marathon 2012 und 2013 brauchte ich keine 13 Monate Vorlaufzeit.
Die weiteren Planungen ruhten bis zum Sommer, wo ich mich endgültig anmeldete. Nun war alles soweit organisiert. Ich durfte nur nicht mehr, wie im Mai 2013, krank werden.

Freitag, 25. Mai 2018
Ich komme am Nachmittag in Eisenach an. Das Hotel ist sehr gut und liegt ca. 450m vom Start entfernt. Ein Traum! Ich hole mir meine Startunterlagen ab und spaziere durch die Stadt und hoch zur Wartburg. Es ist sehr warm, schwül und es graust mir schon vor dem Renntag. Immerhin bin ich gesund und ich spüre den Willen in mir, dass ich endlich diese offene Rechnung mit dem Lauf begleichen möchte. Es ist Zeit den Rennsteig zu laufen. Am frühen Abend gehe ich auf den Marktplatz zur Pasta Party. Es herrscht eine gesellige Stimmung.

Danach gehe ich früh ins Bett, denn mein Wecker wird um 4:30 Uhr klingeln.

Samstag 26. Mai 2018
Vor dem Start
Es ist 4:30 Uhr und mein Wecker klingelt zuverlässig. Ich mache ihn aus und lege ihn zur Seite. In dem Moment höre vom Hotelflur weitere Wecker und muss schmunzeln. Ich bin wohl nicht der einzige Läufer im Hotel. Ich frühstücke, packe meinen Rucksack, den Dropback und gehe gegen 5:25 Uhr aus dem Hotel. Um 6:00 Uhr ist der Start und ich muss mein Dropback für das Ziel abgeben. Im Dropback ist frische Kleidung und etwas Verpflegung, denn ein Bus wird mich wieder hier nach Eisenach zurück bringen. So kann ich mich mindestens umziehen, etwas Essen und muss nicht warten bis ich wieder im Hotel bin.

Start bis 18 Km
Ich stehe am Start meines bisher zweitlängsten Laufes mit 73,9km und ungefähr 1800 Höhenmeter. Ich befinde mich auf dem Marktplatz von Eisenach. Um mich herum sind mehr als 2000 Läufer_innen. So ein großes Starterfeld bei einem Ultra habe ich bisher erlebt. Die Glocken der Kirche erklingen, als es 6:00 Uhr ist. Der Startschuss fällt. Ich sehe ungefähr 30 m vor mir, wie die ersten Läufer_innen loslaufen und ich stehe. Ich gedulde mich sicher eine Minute bis ich loslaufen kann. Es geht zuerst aus der Stadt raus und nach wenigen hundert Metern fängt der erste Berg an, der erst bei Km 25,5 km enden wird. Es ist mal flach zwischen durch und es geht auch mal kurz runter. Jedoch sagt das Streckenprofil sehr eindeutig, dass es im Grunde nur bergauf geht. Knappe 650 m absoluter Höhenunterschied liegen vor mir.

Also dann, auf geht es. Es dauert keine zwei Kilometer bis mich jemand mit einem strahlenden Lächeln anspricht und mir erst einmal ein High Five gibt. Es ist Katja (Asics Frontrunner). Ich begrüße sie ebenfalls freundlich. Ich wusste nicht, dass sie auch hier startet. Das gleiche sagt sie auch zu mir. Wir sprechen kurz. Ich erkläre, dass ich nur wenigen Leuten von heute erzählt habe. Ich hätte mit dem Lauf eine Rechnung offen und die möchte ich heute begleichen. Die Zielzeit sei mir egal. Hauptsache, ich käme gut an. Sie gibt mir einige wertvolle Tipps mit, wie: Übernimm dich bis 25,5 km nicht und im mittleren Teil wird es wenig Schatten geben. Wir reden kurz über dies und das bis ich mich verabschiede. Ich laufe etwas vor, weil ich gerne heute meinen Schritt laufen möchte. Das ist seit dem Lichtenstein Marathon ebenfalls mein festes Ziel. Heute möchte ich einfach mein Ding machen.

Bei Km 3 gibt es die erste schöne Aussicht. Es ist ca. 6:20 Uhr. Die Sonne erstreckt sich knapp über einen Hügel. Wie schön, denke ich mir. Ich laufe weiter. Wald, Wald, Wald und im Grunde geht es immer etwas hoch. Auf den ersten 7 Km sind es gute 200m Höhenunterschied, die stets gut laufbar sind. So mache ich mein Ding. Ich genieße das Laufen, die Natur und habe ich schon das Laufen erwähnt? Hab ich das schon gesagt, welch‘ Freude ich empfinde? Ich fühle mich krafttechnisch absolut super.

Bei Km 9 erklingt ein Ruf: „Hey, kenn ich dich nicht vom Röntgenultra?“ Und ich sehe mich um und erkenne Katharina, mit der ich teilweise den Röntgenultra 2016 gelaufen bin. Sie fand damals ebenfalls Erwähnung in meinem Bericht. Wir unterhalten uns über die letzten zwei Jahre und über das, was wir über Facebook hinsichtlich unserer läuferischen Entwicklungen mitbekommen haben. Wir haben ungefähr in dieser Phase das gleiche Tempo. Bei dem Verpflegungspunkt bei Km 12 wird mir eines bewusst: Lange werden wir nicht gemeinsam laufen.

Sie macht eine enorm kurze Pause und ich eine etwas längere. Ich muss etwas hinter ihr her hechten, um dran zu bleiben. Das wird mir jedoch nur hier gelingen. Wir quatschen weiter und schweigen auch mal einen Km. Das Ganze fühlt sich angenehm und entspannt an. Die Zeit vergeht wie im Flug. Als wir bei Km 18 beim Verpflegungspunkt ankommen, trennen sich unsere Wege. Sie ist unfassbar schnell aus der Verpflegung raus, doch ich beschließe hier zu bleiben und zu Essen und zu trinken. Als ich hier fertig bin, geht es weiter. Ich fühle mich weiterhin sehr locker und entspannt.

Km 18 bis Km 37,5
Nach dem Verpflegungspunkt kommt sofort ein Wurzelweg, natürlich bergauf. Es wirkt rustikal und wild auf mich. Ich mag die Stimmung. Bei Km 20 freue ich mich immer mehr auf den „Gipfel“ bei Km 25,5. Zwischendurch unterhält sich ein Läufer mit mir. Wir reden nur kurz über die Strecke und das es wärmer wird. Dann trennen sich unsere Wege, da ich vorweg laufe. Ich mag diese kurzen und manchmal auch langen Gespräche auf einem Lauf. Ich erlebe sie eher auf Ultraläufen und weniger auf schnellen Straßenläufen. So habe ich schon viele Menschen kennen gelernt und mit einigen entstand auch eine Freundschaft. Doch in der Regel fühlen sich die Gespräche einfach angenehm an, kurzweilig oft. Schließlich steht man vor der gleichen Herausforderung und anders als auf schnellen Läufen, bewegt man sich auf einem Ultra in einem Tempo, wo man sich gut unterhalten kann.
Bei Km 21 ruft ein Mann von der Seite zu jeder Frau, die wievielte sie sei. Ich höre „Da ist die 20. Frau und da ist die 21. Frau.“ Ich gucke neben mich und bin überrascht. Ich scheine recht weit vorne zu sein. Ich hinterfrage mich, ob ich zu schnell das Rennen anging. Im Rückblick kann ich diese Frage klar beantworten: Nein!

Bei Km 24 geht es sehr knackig bergauf. Ich beschließe zu gehen, wie so ziemlich fast alle in dieser Phase. Und irgendwann komme ich oben ab. Wie wundervoll, wie schön. Ich freue mich. Zuschauer jubeln und innerlich juble ich ebenfalls, aber wohl aus anderen Gründen. Endlich bin ich oben. Zuerst genieße ich die Aussicht in die Täler. Was für ein Ausblick. Es folgt die erste Matte für eine Zwischenzeit. Gut ein Drittel des Laufes habe ich damit erfolgreich beendet. Es geht sofort knackig runter. Ich lasse es locker laufen, da ich meine Oberschenkel nicht zerhauen möchte. Nach wenigen hundert Metern wird es flacher und ich ziehe das Tempo an. Ich tauche erneut in den Wald ab. Es läuft einfach. Ich fühle mich fantastisch. Die Beine, die Kraft. Alles ist top.

Ungefähr bei Km 28 / 29 Km wechseln der Untergrund zu einer flachen Straße. Hier laufe ich teilweise eine 5 Minuten Pace und es fühlt sich gut an. Mein Puls ist perfekt im oberen GA1 Bereich (GA=Grundlagenausdauer), bzw. unteren GA2. Heißt ich laufe so entspannt, dass ich ausreichend Sauerstoff aufnehme und lange so laufen könnte.
Ich komme zum Verpflegungspunkt von 33,8 km. Hier esse ich noch einmal kurz etwas und erblicke Apfelschorle. Was gibt es schöneres? Ich nehme mir einen Becher und trinke die Apfelschorle in einem Zug aus. Wie erfrischend, denke ich mir.
Dann laufe ich zügig weiter. Doch nach genau nach diesem Verpflegungspunkt fühle ich mich plötzlich unwohl. Dieses Gefühl steigert sich bis zum nächsten Verpflegungspunkt bei Km 37,5. Dazwischen laufe ich nur Wald-/Forstwege. Das Bild ist im Wald stets das Gleiche. Doch bei der Halbzweit des Laufes merke ich, wie ich Magenprobleme bekomme. Ich könnte kotzen und das meine ich wortwörtlich.

Km 37,5 bis Km 55
Ich zwinge mir Essen und Getränke irgendwie rein. Schließlich liegt noch fast ein Marathon vor mir und ohne Energie, geht nicht viel. Ich gehe den Anstieg direkt nach dem Verpflegungspunkt.

Oben angekommen laufe ich weiter, in der Hoffnung, dass es besser wird. Es kommt jedoch alles anders. Bei Km 40 macht mein Magen mir so Probleme, dass mir keine andere Wahl bleibt als zu gehen. Versuche, immer wieder anzutraben, bringen nichts. Ich gehe. Ungewollt und ich bin ehrlich gesagt niedergeschlagen. War mein Ziel bei diesem Lauf Spaß zu haben, so habe ich ihn garantiert nicht jetzt. Ich denke nach. Vier Stunden habe ich für die 40 km benötigt. Acht Stunden bleiben mir für die restlichen 34 Km. Mir ist sofort klar, dass der Cut-Off keine Rolle spielt. Diese Erkenntnis lässt mich durchatmen. Ich beschließe bis auf weiteres zu gehen und meinem Magen eine Pause zu gönnen. Ich vermute zu diesem Zeitpunkt schon, dass ich etwas nicht vertragen habe. Ich tippe auf die Apfelschorle, bin mir aber nicht sicher.
Es wird ein langer Spaziergang. Ich gehe fast sechs oder sieben km. Es dauert gefühlt eine halbe Ewigkeit, bis ich bei Km 46 / 47 bin. Erst dann trabe ich langsam wieder an. Katja und ihr Begleiter überholen mich und erkundigen sich, ob alles okay sei. Natürlich verneine ich die Frage. Kraft, Beine, Mental ginge es mir sehr gut. Nur der Magen muckt rum. Sie gibt mir den Tipp bis Km 54 zu kommen. Dort gibt es einen größeren Verpflegungspunkt und da könnte ich mich erholen und stärken. Ich male mir Bilder aus, wie ich dort auf einer Wiese neben der Verpflegung entspannt rumliege und es mir gut gehen lasse und danach wieder fit bin. Dieses Bild gefällt mir.
Es geht plötzlich leicht bergab und ich trabe wieder an und erreiche einen Verpflegungspunkt ungefähr bei Km 48,5. Dort ist ein Auto mit offenem Kofferraum. Ich erkundige mich, ob ich mich dort hinsetzen dürfte. Ich darf und so sitze ich. Mitten im Grünen, mit etwas Wasser und versuche mich zu entspannen. Für diese Pause nehme ich mir 2 Minuten, bevor ich beschließe weiterzulaufen. Auf geht es zu dem angekündigten Km 54 Verpflegungspunkt. Es geht direkt wieder leicht bergab. Ich beschließe diesen Abschnitt zu laufen und sehe, dass Katja ungefähr 100 m vor mir ist und der Abstand nicht größer wird. Es kommt sogar dazu, dass wir uns nochmal bei Km 52 begegnen und kurz sprechen. Sie ist verwundert, dass ich wieder da bin. Ich betone, dass es bisher nur bergab ging und von den Kräften und Beinen geht es mir wirklich super. Nach einem kurzen Gespräch läuft sie wieder zügiger an. Wir verabschieden uns und es wird das letzte Mal sein, dass ich sie und ihren Begleiter an diesem Tag sehen werde.

Ich muss kurz nach diesem Treffen wieder gehen und komme etwas später zu dem Verpflegungspunkt bei Km 54. Ich erblicke jedoch nur Asphalt und keine Wiese. Es sieht sehr unbequem aus und alles ist abgesperrt. Der Stand ist direkt an einer Straße, die ich kreuzen muss, sobald ich den Verpflegungspunkt verlasse. Ich beschließe mich hier nur kurz zu verpflegen. Ich nehme mir Essen und Getränke auf die Hand und gehe weiter. Mein im Kopf ausgemaltes Bild verblasst. Das ist nicht der Ort, an dem ich mich irgendwo hinlegen möchte.
Es geht wieder leicht bergauf. Ich esse und trinke während des Anstieges. Den Müll pack ich mir in den Rucksack, um ihn beim nächsten Verpflegungspunkt zu entsorgen.
Kurz nach dem Verpflegungspunkt bei Km 54 passiere ich das Schild Km 55 und ein Schild mit Km 1. Diese neuen Km Anzeiger werden die Schilder vom Halbmarathon sein, denke ich mir. Ich sollte damit Recht behalten.

Km 55 bis ins Ziel (Km 73,9)
Es gibt nicht den Moment, wo ich denke „Noch 19 Km“. Ich habe nie auf Ultras gedacht, dass ich noch XX Km laufen muss. Das genaue Gegenteil ist der Fall. Ich denke ausschließlich darüber nach, was ich schon geschafft habe. Egal bei welcher Distanz, zum Ende hin fühlen sich die Km immer sehr lang an und das Ziel kommt gefühlt einfach nicht näher. Wenn ich auf einem Ultra beginnen würde darüber nachzudenken, was vor mir liegt, würde mich das mental zermürben. Daher beschloss ich einst, nur darüber nachzudenken, was ich geschafft habe. Naja … zumindest ab Wettkämpfen ab dem Halbmarathon.

Ich laufe irgendwo bei Km 56 wieder an. Und die Laufphasen nehmen zu und die Gehphasen ab. Meinem Magen geht es langsam wieder besser, so dass ich meine Energie besser einsetzen kann. Ich überhole sogar wieder vereinzelte Läufer_innen, die mich zuvor eingeholt haben. Die Km sind bestimmt von Forstwegen und Wäldern. Die Strecke ist über 73,9 km abwechslungsreich, aber irgendwo oft auch sehr ähnlich. Es geht hoch und runter und fast immer durch den Wald.

So piept meine Uhr zum 57, 58, 59 km. Immer wieder sehe ich die Km Schilder vom Halbmarathon. Manchmal fehlen auch Schilder. In diesem Moment denke ich mir, da müssen die Halbmarathonläufer eine Schlaufe gelaufen sein. Denn sonst kämen sie nicht auf 21 km. Zumindest nicht, wenn mein 55. Km deren erster Kilometer war. Es laufen alle Starter_innen von allen Distanzen am Ende in das gleiche Ziel. Bei Km 60 fragt mich ein anderer Läufer, ob ich ein Foto von ihm machen könnte. Selbstverständlich sage ich ja, sofern er eines von mir mache. Er erkundigt sich nach dem Cut-Off. Ich schaue auf die Uhr und meine, dass wir noch 5,5 Stunden für 14 Km hätten. Ich lächle ihn an und füge hinzu, dass der Cut-Off für uns absolut keine Rolle spielt. Er atmet stark aus, wirkt sichtlich erleichtert. Er erklärt mir, dass seine Muskeln nicht mehr wollen. Jedoch wenn er soviel Zeit für den Rest der Strecke habe, dann sollte das etwas werden. Wir verabschieden uns, da er gehen möchte, ich jedoch laufen möchte.

Bei Km 64 erreiche ich einen Verpflegungspunkt der gemütlich aussieht. Ich nehme mir etwas zu trinken und setze mich in die Sonne auf eine Bank. Ich schaue mir die Umgebung an und gönne mir zwei, drei Minuten Pause. Ich strecke die Beine etwas aus und strecke mich. Einmal abgesehen von meinem Magen, geht es mir den Umständen wirklich gut. Mein Puls liegt seit Km 37,5 fast immer am unteren GA1 (Grundlagenausdauer 1) Bereich oder sogar im Erholungsbereich. Ich frage mich, ob es vielleicht auch gut ist, so entspannt zu laufen. Denn die Hitze ist mittlerweile unangenehm und so wirkt der Lauf noch anstrengender.

Ich stehe auf, entsorge meinen Müll und laufe weiter. Bei Km 65 kommt mir ein voller Bus mit Halbmarathonläufern entgegen. Die fahren gerade vom Ziel nach Hause. In dem Moment überholt mich ein Läufer und ruft mir zu „Keine 10 Km mehr. Los komm mit!“ Ich lasse mich mitreißen. Der Lauf, so wenig optimal er läuft, ist kurzweilig. Die Km ziehen an mir vorbei. Kaum war ich bei Km 65, bin ich schon bei Km 69 und damit am letzten Verpflegungspunkt vor dem Ziel. Ich nehme mir kurz etwas zu trinken und laufe weiter. Bei Km 70 lasse ich mich fotografieren und unterhalte mich mit einigen Wanderern, die offiziell mit Startnummer die 17 Km Distanz wandern. Nach dem Km 70 Schild gehe ich erst wieder, um erneut meinen Magen zu beruhigen.

Bei Km 72 überholt mich ein bekanntes Gesicht aus Herford. Ich kenne ihn vom Sehen und so ich spreche ihn an. Er habe mich auch erkannt und so unterhalten wir uns kurz. Bei Km 73 fühl ich mich seit langem rundum richtig gut, denn mein Magen ist plötzlich ruhig.

Ich sage zu dem Bekannten aus Herford, dass ich den letzten Km einmal so laufen möchte, wie ich es mir für viele andere Km gewünscht hätte. So laufe ich los. Meine Kraft ist voll da, meinen Beinen geht es immer noch gut. Ich fühle mich wie ein junges Reh. Das stellen auch einige Zuschauer fest und fragen mich, wieso ich so frisch aussehe. Zu einer Gruppe, rufe ich: „Der doofe Magen.“ Ich laufe weiter in einer Pace von unter 5 Minuten. Ich sehe das Ziel und freue mich. Die Straße vor dem Ziel unterteilt auf den letzten 50 m in zwei Wege. Aus meiner Perspektive laufe ich den rechten Weg. Auf dem linken Weg befinden sich die Marathonläufer.

Das Moderatorenteam macht einen tollen Job, kündigt jeden an und verliert sogar immer noch 1-2 Sätze zu jedem. Ich freue mich enorm. Ich trete über die Linie und juble.

Im Ziel und die Rückfahrt
Ich erhalte meine Finishermedaille und lasse noch schnell ein Foto von mir machen.

Ich merke, dass ich emotional werde und suche mir eine ruhige Ecke am Rand des Finisherbereichs und muss mich erst einmal setzen. Eine große Erleichterung fällt von mir ab. Ich habe nicht eine Sekunde daran gedacht aufzugeben. Ich habe nicht einmal gedacht: „Warum mache ich das.“ Die Antwort wäre mir eh sofort klar gewesen.
Dennoch merke ich im Ziel, wie schwer der Lauf dann doch war; nicht muskulär, nicht mental, sondern insbesondere emotional. Ich habe bis zu diesem Zeitpunkt meinen zweitlängsten Lauf erfolgreich beendet. Dieser Umstand wird mir erst in diesem Moment wirklich bewusst. So naiv wie das klingt, darüber hatte ich mir im Vorfeld keine Gedanken gemacht. Für mich war klar: Ich habe eine Rechnung mit diesem Lauf offen und ich werde sie begleichen. Das erschreckt mich, was dazu führt, dass ich noch emotionaler werde und eine Tränke mir aus dem Gesicht streichen muss. Nach fast fünf Minuten Einsamkeit, Ruhe und vieler Gedanken stehe ich auf. Ich gehe zum Verpflegungsstand nehme mir aus Prinzip zwei Becher Apfelschorle und trinke sie in einem Zug aus. Dann mache ich mich auf dem Weg zu meiner Tasche, meiner Urkunde, meinem Finisher-Shirt und abschließend zum Bus. Alles zusammen dauert weit über 30 Minuten.
Ich setze mich in den Bus, der mich zurück zum Start nach Eisenach bringen soll und immer erst dann losfährt, wenn er voll ist. Ich setze mich nach vorne und habe einen geselligen Sitznachbarn. Wir unterhalten uns fast die ganze Zeit, was die Busfahrt sehr kurzweilig macht. Der Bus fährt die Strecke entlang, wo auch ich einen Bus sah. Ich sehe, wie noch sehr viele Läufer_innen bei Km 65 sich entlang hangeln. Mal laufend, oftmals gehend. Ich erinnere mich zurück, als ich hier war und weiß noch sehr genau, was nun vor ihnen liegt: Keine 10 km mehr!
Wir unterhalten uns weiter über alle möglichen Themen. Ich erschrecke mich, als ich bemerke, dass wir fast 1:45h im Bus für die Strecke zurück benötigen. Das alles bin ich vorher gelaufen? Es scheint mir jetzt sehr surreal und unwirklich. In Eisenach hält der Bus an drei Punkten. Beim ersten Punkt, dem Hauptbahnhof, sehe ich, wie Katharina aussteigt. Ich hatte gar nicht mitbekommen, dass sie auch im Bus sitzt. Ich winke ihr zu, sie winkt zurück.
Als ich dann auf dem Marktplatz in Eisenach rausgelassen werde, ist schon alles abgebaut. Nichts mehr erinnert daran, dass vor 11 Stunden hier der Start des Rennsteigsultra war. Ich sehe mich einmal um, nicke leicht und denke: Das war es. Ein weiteres Abenteuer, welches ich erlebt, erfahren habe und nun verarbeiten kann. Ich drehe mich in die Richtung meines Hotels. 450 m liegen vor mir und den ersten Schritt dahin, habe ich genau jetzt getan. Der erste Schritt zur Erholung und dann sicher in Kürze auch zum nächsten Lauf.

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Lichtenstein Marathon 2018 – Die qualvolle Freude

Samstag, 12.05.2018. Vor dem Start
Es ist ungefähr sieben Uhr. Dominik, Sina und treffen uns beim Frühstück in dem Hotel, wo wir in der Nähe von Lichtenstein nächtigen. Das ist südlich von Stuttgart. Es sind drei Stunden bis zum Start des Lichtenstein Trail Marathons 2018. Genau genommen sind es die inoffiziellen, deutschen Meisterschaften im Trail Marathon. Wie, warum inoffiziell? Der DUV (Deutsche Ultramarathon Vereinigung e.V.) fühlt sich erst ab Distanzen über Marathon verantwortlich und der DLV (Deutsche Leichtathletikverband) fühlt sich auch nicht zuständig. Irgendwie scheint es da eine Lücke bei den Wettkämpfen zu geben. So beschloss der Herausgeber des Trail Magazins, Denis Wischnewski, seinen Marathon als inoffizielle, deutsche Meisterschaft auszuschreiben, um eben auf diese Lücke aufmerksam zu machen und die Verbände wach zurütteln. Ich wäre auch hier, wenn es keine Meisterschaft wäre, denn die bedeuten für mich heute nichts. Heute hat etwas anderes eine Bedeutung für mich und damit zurück zum Frühstück.
Dominik, Sina und ich frühstücken gemeinsam und das wir hier sitzen, liegt wohl an mir. Ich wollte diesen Lauf unbedingt laufen. Sina war interessiert und so schenkte ich ihr den Lauf zum Geburtstag. Davon berichtete ich Dominik. Er meldete sich nach kurzer Bedenkzeit sich kurzfristig vor dem Lauf an. Dominik wollte an diesem Tag schon etwas zügiger laufen. Meine Aufmerksamkeit galt an diesem Tag Sina. Schließlich sollte das ein gemeinsamer Lauf werden, denn gemeinsame Zeit ist etwas sehr wertvolles und ich finde gemeinsame Erfahrungen wie so einen anspruchsvollen Marathon sind sogar noch wertvoller. Ich wollte ihr auch zur Seite stehen und für sie da sein, sofern sie einen Durchhänger hat. Sie ist bisher erst einen Marathon erfolgreich gelaufen und dies sollte ihr zweiter Marathon werden. Soviel für die Spannung vorweg: Leider, wurde es nicht ihr zweiter, erfolgreicher Marathon. Doch dazu später mehr. Nach dem Frühstück fuhren wir zum Start des 43 km Laufes mit seinen 1800 Höhenmeter.

Gegen 9:20 Uhr parkten wir auf einem der Parkplätze. „Kurz“ wurde noch die Toilette besucht. Sina freute sich darüber, dass vor dem Damen-WC keine Schlange existierte. Hingegen war bei dem Männer-WC eine gewisse Wartezeit notwendig.
Im Anschluss gingen wir zurück zum Auto, da mir einfiel, dass ich mich gegen einen potentiellen Sonnenbrand eincremen wollte. Das WC und diese Aktion führten dazu, dass es doch sehr knapp mit dem Start werden würde. An dem Auto treffen wir einen Läufer aus Minden. Das erkannten wir, weil er zum einen ein Nummernschild an seinem Auto aus dem Kreis Minden-Lübbecke hatte und zum anderen, weil ich ihn fragte. Matthias war sein Name. Mit ihm gingen wir gemeinsam zum Start. Wir unterhalten uns über dies und das. So weit im Süden, bei einem doch recht kleinen Lauf jemanden zu finden, der aus der gleichen Ecke kommt, ist immer etwas Besonderes. Gute 150 Personen gingen heute und hier über die Marathondistanz an den Start.

Kaum standen wir im Startbereich, da wurde schon von zehn auf null runter gezählt. Für mich ging alles viel zu schnell. Ich konnte mich mental gar nicht auf den Lauf einstellen, bzw. dass es nun los ging. Das Beruhigende in diesem Moment war, dass ich mich nicht besonders auf den Lauf fokussieren musste. Meine Aufmerksamkeit galt Sina und meine Hoffnung war es, dass ein schöner, gemeinsamer Tag vor uns liegen würde.

Start bis Verpflegungspunkt 1 (Km 0 bis Km 11)
Der Startschuss fällt und wir laufen los. Ich schaue kurz zum Himmel und stelle ein letztes Mal fest: Wir haben fantastisches Wetter. Es könnte ein wenig warm werden, aber im Wald wird es sicher kühler sein. Das hoffe ich zumindest. Nach wenigen hundert Metern wechseln wir vom Laufen ins Gehen, denn der erste von drei anspruchsvollen Bergen fängt direkt an. Sina möchte erst noch weiter laufen, doch ich sage ihr, dass sie lieber gehen soll. Sie solle mir vertrauen. Jetzt den Berg zulaufen macht keinen Sinn. Sie zeigt sich irritiert, wechselt aber ebenfalls ins Gehen. Ich sage zu ihr, sie könne sich gerne umdrehen, denn alle vor uns und nach uns würden gehen.


Als es zwischenzeitlich flacher wird, laufen wir wieder an. Ich überlasse Sina das Tempo und nehme mich zurück. Es geht nach einer kurzen flachen Passage wieder bergauf. Das ist der zweite Teil vom ersten Berg. Wir sind immer mehr auf Single-Trails unterwegs. Das sind Wege in der Natur, die so schmal sind, dass keine zwei Leute nebenher laufen können.
Kommt zwischendurch ein Downhill, so lasse ich Sina vor. Der Downhill ist und bleibt meine größte Schwäche. Doch beim nächsten Uphill oder im Flachen habe ich Sina immer recht zügig wieder eingeholt. So pendelt sich zwischen uns ein entspannter Rhythmus ein.

Ich habe ihr zugesagt, dass ich nicht verrate, wann ein nächster Berg kommt oder ein laufbares Zwischenstück. Sina gehört zur Gruppe jener, die den Lauf auf sich zulassen kommen wollen. Ich bin da komplett anders. Ich studiere die Strecke, überlege mir Taktiken, wie ich wo Kraft einsetze oder spare.
Meine Vermutung ist, dass wir ungefähr sechs Stunden für den Lauf benötigen. So beschloss ich mich wenigsten jede Stunde mit Sina abzuklatschen. Das verrät nichts, zeigt aber, dass wir schon entsprechende Zeit unterwegs sind. Da macht sie auch mit und klatscht mit ab. Nach einer Stunde haben wir ungefähr sieben Km geschafft.

Die Ausblicke, oben auf den Rücken der Berge, sind wunderschön. Was ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht weiß, es wird später noch schönere Abschnitte geben. Sina sagt in diesem ersten Abschnitt mehrmals, ob wir nicht hier hin ziehen wollen. Ich sage, wegen der Natur sehr gerne. Wir lächeln uns an und wissen, dass dies für uns sonst kein Thema ist.
Vor dem ersten Verpflegungspunkt geht es vermehrt bergab. Am Ende eines kurzen Straßenstückes steht ein Tisch mit zwei Wasserkanistern. Es ist der erste Verpflegungspunkt, der wie angekündigt nur Wasser hat. Der nächste Verpflegungspunkt sollte nun ungefähr bei Km 22 kommen. Wir trinken reichlich, füllen das Wasser auf und es geht weiter. „Achtung!“, ruft uns in dem Moment ein Läufer-Duo zu. Als wir gerade loslaufen wollen, überholen uns die ersten beiden Läufer vom Halbmarathon.

Wir laufen direkt hinter ihnen her oder …

Verpflegungspunkt 1 bis Verpflegungspunkt 3 (Km 11 bis Km 22)
… wir gehen eher, da es sofort richtig bergauf geht. Es ist wieder sehr steil und der zweite von drei anspruchsvollen Bergen des Tages beginnt. Wir schweigen hier viel und konzentrieren uns auf den Weg zum Ende des Anstieges. Als wir oben auf dem Berg angekommen sind, nehme ich mir Zeit für den wunderschönen Ausblick über Lichtenstein. Ich sagte zuvor zu Sina, dass sie einfach weiterlaufen solle und ich sie wieder einholen werde. Die Aussicht ist wirklich wundervoll. Zwischen Sina und mir liegt sicher ein Leistungsunterschied. Das ich bei ihr bleibe, hat den Vorteil für mich, dass ich mich nicht gestresst fühle und ebenfalls bisher keine Erschöpfung empfinde. Nach ein oder zwei Minuten des Genusses der Aussicht kommt der Gedanke, dass ich weiter laufen sollte. In dieser Aufholjagd laufe ich nur so schnell, wie ich es gerade als angenehm empfinde.

Ich hole Sina nach wenigen hundert Metern wieder ein. Ich muss gestehen, so sehr ich mich freue bei ihr zu sein, in einem Moment wie diesem, wo ich einfach frei laufen kann, denke ich mir: Ach wär das nun schön einfach mein Tempo zu laufen. Ich meine nicht mein Wettkampftempo, sondern wie ein genussvoller Lauf in den Bergen und Wäldern. An dieser Stelle kann ich verraten, dass mein Maximalpuls an diesem Tag niedriger war, als mein Durchschnittspuls zwei Wochen zuvor beim Hermannslauf. Gut, da bin ich an meine Grenzen gegangen. Ich glaube dennoch, dass es gut aufzeigt, wie wenig gefordert ich bin. Ich berichte all dies, weil es auch Sina auffällt. Sie bietet mir an, dass ich vorlaufen könne. Ich lehne das aus den erwähnten Gründen ab. Ich sage ihr, dass ich folgendes nur einmal erwähnen werde: „Ja, du hast recht. Mir ist das zu langsam. Aber darum geht es heute nicht, sondern, dass wir es zusammen erleben. Das ist wichtiger für mich und darüber freue ich mich aufrichtig. Deswegen bleibe ich bei dir und ich werde es kein weiteres Mal erwähnen. In zwei Wochen ist der Rennsteig-Ultra. Da kann ich mich austoben können.“ Sie akzeptiert die Antwort und damit ist in diesem Moment alles zu diesem Thema gesagt. Wir laufen beide gemeinsam weiter, froh darüber den anderen dabei zu haben.

Plötzlich sehen wir ein Schloss und davor einen Verpflegungspunkt. Das ist ungefähr bei Km 15. Ich schaue auf die Uhr. Etwas mehr als 2 Stunden sind wir unterwegs. Wir geben uns dafür ein High Five. Hier sollte laut Plan keine Verpflegung sein, aber es gibt sie. Wir freuen uns über diese Überraschung und füllen unsere Vorräte auf und laufen weiter. Allerdings bestaunt Sina das Schloss, den Himmel oder irgendwas anderes so sehr, dass sie eine Wurzel nicht sieht und auf dem Schotterweg stürzt.

Sofort versuche ich ihr aufzuhelfen und erkundige mich nach ihrem wohlergehen. Alles gut, meint sie. Sie steht alleine auf, guckt die potentiellen Wunden an und läuft weiter, als wenn nichts gewesen wäre. Es offenbaren sich einige kleinere Schrammen, also nichts Wildes. Zum Glück, denke ich mir. Wir laufen weiter und es geht erst einmal lange bergab. Es ist ein Mix aus Waldwegen und Single-Trails, die dich an Felsen entlang führen.
Unten angekommen, müssen wir eine Bundesstraße kreuzen. Ein Helfer von dem Lauf steht dort und lots die Läufer_innen über die Straße. Nachdem dies passiert ist, sehe ich nach hinten und erblicke das Schloss auf einem Hügel. Es scheint so weit weg, dabei können es nur knappe 3,5 km sein.

Wie immer bei diesem Lauf: Wenn es runter geht, muss es danach wieder bergauf gehen. Unser Weg hat dieses Mal sogar einen Namen: Weg zu den Traifelbergfelsen. Was auch immer das für Felsen sind. Es gehen wieder alle vor uns und wir schließen uns dem an. Als wir wieder oben angekommen sind, folgt ein langes, flaches Stück. Zwei Kilometer laufbarer Singletrail, der sich dicht an steilen Klippen entlang schlängelt. Es gibt Schatten im dichten Wald, teils wunderschöne Ausblicke im lichteren Waldabschnitt und das Gefühl von einem kleinen Abenteuer. Ich genieße diesen Abschnitt enorm. Wir sind recht zügig für unsere Verhältnisse unterwegs und können diesen Abschnitt komplett laufen. Das Ende dieses Abschnittes kündigt sich durch Lärm an, denn wir hören den Sprecher im Ziel.

Da ich die Strecke vorher gut studiert hatte, weiß ich, dass wir gleich in die zweite Schlaufe geführt werden, während die Halbmarathonläufer sich dem letzten Downhill widmen dürfen und ins Ziel rennen können. An der Streckenteilung stehen einige Helfer von der Organisation und führen uns auf die richtige Abzweigung. Sie jubeln allen, auch uns, zu. Sie verteilen High Fives und motivieren zumindest mich enorm. Ich merke, wie ich das Tempo etwas anziehe und doch sofort wieder abbremse. Ich drehe mich zu Sina um, und lächele sie an. Wir haben hier knapp 21 km geschafft und auf der Uhr steht eine Zeit von 2:57h. Sina und ich klatschen uns erneut ab. Bisher läuft es gut für die 6 Stunden, denke ich mir zum letzten Mal an diesem Tag. Sie sieht noch halbwegs frisch aus und ich fühle mich sehr entspannt.

Es geht über ein Feld, gefolgt von einer Straße und durch etwas Siedlung. Dort gibt es auch „Kunst am Berghang“, wo ich mir sage, dass ich auf dem Rückweg unbedingt davon Fotos machen muss. Die Straße bedeutet den Anfang und das Ende der zweiten Schleife. Der Gedanke Fotos zu machen, kommt mir aber erst, als ich mit Sina schon am dritten Verpflegungspunkt stehe, der keine 200 m nach dieser Kunst zu finden ist.

Verpflegungspunkt 3 bis Verpflegungspunkt 4 (Km 22 bis Km 33)
Verpflegungspunkt 3 wird auch unser Verpflegungspunkt 5 sein. Wenn wir also die zweite Schlaufe abgelaufen sind, werden wir wieder aufschlagen und wissen, dass wir bald im Ziel sein werden. Wir essen und trinken reichlich, füllen unsere Vorräte auf und gehen erst einmal weiter. Es geht direkt bergauf durch eine andere Siedlungsstraße. Ich brauche auch gerade etwas Gehzeit, damit mein Magen etwas verdauen kann, denn ich habe reichlich gegessen und getrunken. Schließlich haben wir sicher noch drei Stunden vor uns.

Als wir den Berg hochgehen, lernen wir Alex kennen. Ein Läufer, der ein Jahr zuvor beim Marathon aufgegeben hatte. Er möchte den Marathon dieses Jahr beim 2. Versuch auf jeden Fall schaffen. Soviel sei gesagt, er wird es schaffen. Als es wieder flacher wird, laufen Sina und ich wieder los und lassen Alex hinter uns. Es folgt das gleiche Bild, wie zuvor auf dieser wirklich wunderschönen Strecke: Single-Trails, an Klippen teils entlang mit weiten, tollen Aussichten. Zwischen durch laufen wir an Blumenwiesen entlang, nur um danach wieder auf Single-Trails abzutauchen. Es folgt ein langer, ca 2 km langer Downhill. Sina ist sicher gute 20 m vor mir und ich schaffe es nicht mit ihr mitzuhalten. Von hinten überholen mich 5 Personen, bzw. ich lasse sie vorbei. Mich stresst das enorm, gerade am Downhill, wenn jemand in meinen Nacken hechelt und dann gefühlt immer fast in meine Hacken tritt.

Als ich diese Läufer_innen vorbei lasse, wird die Lücke zwischen uns größer und ist sicher nun gute 80 m. Ich stresse mich aber nicht, weiß ich doch, dass ich im nächsten flachen Abschnitt Sina wieder einhole werde. Der flache Abschnitt besteht aus einer Straße und einem Single-Trail an einer Wiese entlang. Dies ist bei Km 26.
Ungefähr bei Km 27 und somit nach vier Stunden, natürlich klatschen wir auch hier ab, ändert sich vieles. Die wohl größte Änderung ist, dass ich meine eher passive „Ich begleite Sina und überlasse ihr das Tempo und etc.“-Rolle aufgeben muss und in die Rolle „Ich entscheide nun vieles und gebe das Tempo und etc. vor“-Rolle wechsle. Sina wollte plötzlich auf einem halbwegs flachen Stück nicht mehr laufen, sondern gehen. Auf dem bergauf Stück kurz danach wirken ihr Schritte müde. Ihr ganzer Körper sagt mir sehr eindeutig: Ich bin erschöpft. Zum Glück wird es nach wenigen hundert Metern direkt wieder flach.

Sina und ich traben wieder los. Ich sehe, dass sie sich bemüht, doch wir laufen in der Sonne, ohne Schatten. Ich merke ebenfalls bei mir, wie mich die Sonne förmlich grillt, nur geht es mir ziemlich gut. Die nun gut 26 Grad und aktuelle Windstille wirken sich sicher nicht gerade positiv auf Sinas Stimmung aus. Ich stelle mir vor, wie es mir gehen würde, wenn ich an ihrer Stelle wäre. Ich sag mal diplomatisch so, mir würde die Situation nicht gefallen und mir wünschen woanders zu sein. Nach einem knappen Kilometer sehe ich mir Sina erneut an und entscheide, dass wir einige Meter gehen sollten. Mir fällt jetzt auf, dass ich viel aktiver geworden bin und auch Entscheidungen für Sina fälle. Das werde ich nach dem Rennen ansprechen und mich erkundigen, ob das okay war. Sie bedankt sich dafür. Es geht ihr in dieser Phase einfach dreckig und sie war froh, dass ich eben in dieser Phase einfach die Entscheidungen gefällt habe, damit sie sich auf sich konzentrieren konnte. Es ist von nun an so, dass ich das Tempo vorgebe und eben sie nicht mehr lassen mache.


Wir gehen in der Sonne, denn der Wettkampf ist schließlich noch lang und sich in der Sonne fertig zu machen, hilft ihr nicht. Kurz danach geht es in den Wald und in den wohl heftigsten Anstieg des Tages bei Km 30. Es ist einfach nur enorm steil. Nach 2/3 des Weges ist Sina gute 30, 40 m hinter mir. Sie kriecht und krabbelt teils auf allen vieren den Berg hoch, denn ich betone es nochmal: Es ist wirklich verdammt steil. Als ich Sina so sehe, bemerke ich, dass das so nicht gut enden wird. Ich erinnere mich an meinen Transalpine Run und was ich dort schmerzlich lernen musste: Geht es dir nicht gut, mach eine Pause und sammel dich. Meine Erfahrung in der Vergangenheit zeigte mir: Jede dieser sinnvoll, eingesetzten Pausen schenkten mir zum Ende des Laufes mehr Zeit, als ich durch sie „verloren“ hatte, bzw. ich konnte überhaupt erst den Lauf beenden. Ein Beispiel ist hier der Zugspitzultra Supertrail 2017, worüber ich auch einen Blogeintrag verfasste.

Ich setze mich dekorativ an den Rand und warte auf Sina und sage zu ihr, sie solle sich zu mir setzen und seien es nur zwei Minuten, denn das würde ihr helfen. Erst weigert sie sich, doch als ich mit Nachdruck sage, dass es nun wichtig sei, setzt sie sich. Erst nach dem Rennen, im Rückblick, wird ihr klar, wie wichtig diese Pause war.
Wir ruhen uns aus, reden etwas miteinander. Ein weiterer Läufer kommt kriechend den Berg rauf. Ihm ist das Wasser fast ausgegangen und möchte wissen, wann der nächste Verpflegungspunkt kommt. Ich sage zu ihm, dass es sicher noch 2-3 Km seien. Ich biete ihm Wasser von mir an, doch er lehnt ab und geht weiter. Kurz danach stehen Sina und ich auf und gehen ihm hinterher. Sie wirkt nun wieder etwas wacher und konzentrierter auf mich. Wir kreuzen kurz nach dem Berg eine Straße, wo zwei Jungs im Teenageralter sitzen. Den ganzen Tag hier zu sitzen, ist sicher auch nicht sehr spaßig. Ich grüße sie freundlich und sie grüßen entsprechend zurück.

Singe-Trails, Single-Trails, Single-Trails. Mal hoch, mal runter, mal wieder hoch. So sind die nächsten Km bis zum vorletzten Verpflegungspunkt zu beschreiben. Irgendwann kommen wir aus dem Wald und ich sehe links den nächsten Verpflegungspunkt bis ich realisiere, dass wir erst rechts laufen müssen. Warte was? Warum? Wir müssen einen weiteren Single-Trail folgen, der uns mit mit teils fantastischen Panoramaaussichten entschädigt. Ich bitte Sina ein Foto von mir zu machen, doch sie wirkt wenig motiviert. Ich vermute, dass sie einfach weiter möchte, macht aber schnell ein Foto von mir. (Hinweis: Dieses Foto wird nicht im Blog veröffentlicht.) Wir laufen den Single-Trail weiter entlang und gelangen bald endlich zum Verpflegungspunkt 4.

Verpflegungspunkt 4 bis Verpflegungspunkt 5 (Km 33 bis Km 42)
Nach dem Plan sollte es beim Verpflegungspunkt 4 nur Wasser geben, doch hier bekommen wir alles. Essen und Trinken unterschiedlicher Art. Das Beste ist eine Bank im Schatten unter einem Baum. Ich merke, dass ich Hunger bekomme. Die Uhr sagt mir 5:10h sind wir schon im Rennen. Ich nehme mir etwas zu Essen und zu trinken und setze mich unter den Baum. Diese kurze Pause ist jetzt für mich, nicht für Sina. Es ist richtig erholsam hier. Sina setzt sich neben mich. Wir unterhalten uns und ihr fällt auf, dass es mir gerade nicht so gut geht. Da hat sie recht. Ich habe gerade ein tief, welches aber nach dem Essen sofort weg sein wird.
Der Mann an diesem Verpflegungspunkt ist nett, freundlich, hilfsbereit und erzählt uns von den Geschehnissen des Tages. Unter anderem verrät er uns, dass der erste Läufer schon vor zwei Stunden hier war. Das ist sehr beachtlich, denke ich mir.
Ich wende mich wieder Sina zu und sage zu ihr, dass wir nun das meiste haben und es eigentlich nur noch zurück in Richtung Ziel geht. Wirklich aufmuntern scheint es sie nicht, im Gegenteil. In ihrem Gesicht und Augen glaube ich zu sehen, dass sie sich nur noch quält und nicht mehr will. Nach gut fünf Minuten Pause brechen wir auf.

Die Pause tat uns beiden sehr gut und ich kann sagen, dass es bis Km 39 den Umständen entsprechend ganz gut läuft. Doch erst einmal geht es nach dem Verpflegungspunkt 4 auf einer Straße bergab. Irgendwann sehen wir die zwei Jungs wieder, die wir ungefähr bei Km 31 gesehen hatten. Ich rufe ihnen zu, ob wir nicht eben schon einmal bei ihnen vorbei gekommen sind und dort den anderen Weg rein gelaufen sind. Sie bejahten dies. Wir laufen von der Straße wieder runter in den nächsten Waldweg, der uns einlädt vorsichtig zu sein. Es geht steil hoch, ja Sina muss wieder fast krabbeln. Ich rutsche auf einem nassen Stein aus. Moment… nassen Stein? Ja! Es war an diesem Punkt windstill und irgendwie sehr feucht.

Oben angekommen, ist es flach. Ein breiter Forstweg lädt uns ein und wir laufen wieder an. Einen Kilometer am Stück zu laufen, macht uns beiden Freude. Dann müssen wir gehen, weil es wieder steiler wird. Sina sieht immer unzufriedener aus, kämpft sich aber durch. 36 Km stehen jetzt auf unseren Uhren als abgelaufen. Gute 6-7 Km liegen noch vor uns. So wechseln sich laufen und gehen ab, bis wir zu Km 39 kommen. 6 Stunden haben wir mittlerweile auf der Uhr stehen. Zum sechsten Mal klatschen wir uns ab. Wir laufen an Ziegen und Schafen vorbei. Große Weidewiesen werden vor uns sichtbar, als wir den Wald verlassen. Es ist so ruhig, so idyllisch. Es ist einfach herrlich und auf seine Weise erholsam wie anstrengend zugleich. Leider gibt es wieder keinen Schatten. Es geht leicht bergab und es unglaublich gut laufbar. Km 39 ist abgespult, als Sina plötzlich geht. Ich drehe mich zu ihr um und erkundige mich was sei, ob sie Hilfe braucht. Sie hat Magenprobleme, leidet und ist k.o. Mir fällt auch nichts mehr ein, um sie zu motivieren. Daher tröste ich sie etwas und gehe neben ihr. Sie hat es mittlerweile aufgegeben mir zu sagen, dass ich vorlaufen soll. Oder sie freut sich insgeheim, dass sie nicht alleine ist. Genaueres kann ich im Moment nicht sagen.

Nach einigen hundert Metern geht es auf einen Single-Trail weiter. Sie trabt wieder an und kämpft. So wechseln wir Laufen und Gehen immer wieder ab. Die Strecke bleibt schön. Das Bild sieht so aus, dass ich oft 10m vor Sina laufe. Warum? Jedes Mal, wenn ich mich zurückfallen lasse, geht sie sofort oder wird langsamer. Daher habe ich beschlossen, immer leicht vor ihr zu laufen, um sie etwas zu ziehen und wenigstens nicht komplett alles zu wandern. Hin und wieder geht Sina einfach. Wenn das passiert, bleibe ich stehen und warte auf sie und bleibe bei ihr, bis sie wieder antraben kann. Reden wir? Nein, wir schweigen viel.

Es muss nichts gesagt werden. Wenn wir reden, dann geht es nur noch darum, wie es ihr geht. Ihre Arme schlackern unkontrolliert umher, ihr Schritt ist sehr müde und schwerfällig. Ich verstehe sie. Sie war nie so lange unterwegs gewesen; nie hat sie so einen harten Lauf bestritten und die 26 Grad sind eine zusätzliche Belastung. Sie meint mehrmals in dieser Phase, dass sie sowas so schnell nicht nochmal machen wird. Ich muss jedes Mal lachen und sage zu ihr, dass wir in zwei Tagen darüber nochmal sprechen werden. Jetzt sei es wichtig, den Lauf zu beenden. Nein, nein, betont sie. Sie werde sowas so schnell nicht noch einmal machen.
Irgendwo bei Km 40 steht das Wort „Ziel“ mit einem Baum am Rand des Weges.

Ich zeige es Sina, freue mich und hoffe, dass ihr das nochmal Kraft gibt. Doch sie reagiert nicht wirklich darauf und will nur weiter. Ich bin ratlos, was ich noch machen kann und mache daher nichts, außer weiter bei ihr zu bleiben. Als wir den Wald verlassen, laufen wir wieder durch eine Siedlung. Die Häuser kennen wir schon und wissen, dass in gut 200 m der nächste Verpflegungspunkt kommt.

Verpflegungspunkt 5 bis ins Ziel
Es war einst unser 3. Verpflegungspunkt und nun wird es unser 5. sein. Es gibt kaum noch Obst und Getränke. Das Paar, welches alle hier bewirtet sagt uns, dass schon über 100 Teilnehmer_innen im Ziel sind. Als ich nachfrage, wie weit es noch bis ins Ziel sei, meinen sie noch gute 2,5 km. Ich schaue auf die Uhr und sehe 42,7 km. Also werden wir gute 45 km auf der Uhr haben. Hat sich meine Uhr geirrt? Auch Sinas Uhr weicht kaum von meinem Wert ab. Ist es doch ein Ultra?


Einen Läufer, den wir hier ein- und überholen, erzählt nur, dass er auch froh ist gleich im Ziel zu sein. Lange verweilen wir nicht. Die Vorräte müssen nicht mehr aufgefüllt werden und wir trinken nur kurz etwas. Wir gehen direkt wieder berghoch und wie geplant mache ich diesmal Bilder von der Kunst am Hang.
Als wir bei Km 21 waren, mussten wir in die Extraschleife rein. Genau an dieser Gablung sind wir nun und durften in Richtung Ziel abbiegen. Wir hören ebenfalls erneut das Ziel und haben nun den letzten langen Downhill bis ins Ziel vor uns. Ich treibe Sina an: Ein Downhill noch und gleich hat sie es geschafft. Sie solle es nun einfach laufen lassen. Doch anders als bei den langen Downhills zuvor, läuft sie diesmal nicht vor mir, sondern hinter mir. Wir laufen und werden bis zum Ziel nur auf einem flachen Abschnitt kurz gehen.

Etwas vor dem Ziel stehen Rettungskräfte, die ich grüße. Sie grüßten freundlich zurück und rufen, dass es nur noch 800m seien. Gut, denke ich mir. Ich sehe auf die Uhr: 44,7 km zeigt sie mir an. Sina fragt nach, was sie sagten. Ich wiederhole es und betone, dass es kein Kilometer mehr sein wird. Also. Jetzt nochmal mal alles geben. Ich sehe aber, wie schwer sich Sina damit tut. Mein Satz „Je eher du im Ziel bist, je eher hast es hinter dir“ scheint sie mehr zu motivieren.
Wir laufen also weiter. Die letzten 800 m gehen gefühlt schnell vorbei. Wir werden vom Zielsprecher angekündigt und durchlaufen das Ziel. Wir jubeln nicht, wir freuen uns im aller ersten Moment nicht. Sina ist erschöpft und ich sorge mich um Sina. Wir werden herzlich vom Moderator im Ziel begrüßt und erhalten unsere Medaillen. 6:45h haben wir für diesen Lauf benötigt. Er betont, dass es ein 45 km Marathon sei, den wir nun erfolgreich beendet haben. Ein weiterer Helfer reicht uns je eine Limonade. Ich bin erst gegenüber der Limonade skeptisch, aber genieße sie dann völlig. Dominik steht ebenfalls im Ziel und applaudiert uns zu. Er sei schon seit einer Stunde im Ziel. Wir lassen ein Foto von uns machen. Erst jetzt langsam setzt die Freude des erfolgreichen Laufes ein. Es kommt bei Sina mit Verzögerung wegen der Erschöpfung. Als ich sehe, dass sie sich langsam freut, kann ich mich auch freuen.
Wir setzen uns unter einen Baum, hinter dem Ziel und ruhen uns etwas aus und unterhalten uns. Dominik erzählt, dass kurz vor uns auch Matthias aus Minden einlief. Alex läuft gute 10 Minuten nach uns ein.
Ich mache Sina klar, dass sie wohl nun ungewollt eine Ultraläuferin geworden sei. 45 km mit 1800 Hm. Das ist für mich kein Marathon mehr. Irgendwo müsse man mal anfangen und eine Grenze zum Marathon ziehen und die sei für mich nun gekommen. 45 km ist für mich auf jeden Fall ein Ultra. Sie hält das erst für einen Witz von mir, aber Dominik und ich betonen beide, dass es mehr ein Ultra ist, als das es ein Marathon war.

Sie bedankt sich unter dem Baum und meint, dass sie ohne mich abgebrochen hätte. Der Umstand, dass sie nicht alleine war, hat ihr geholfen dies mental durchzustehen.
Und nun schließt sich der Kreis zum Anfang des Berichtes. Dies ist eben der Grund, warum es nicht Sinas zweiter erfolgreicher Marathon wurde. Es ist ihr erster erfolgreicher Ultra. Es dauert einige Sekunden, bis ich in ihrem Gesicht sehen kann, dass sie das emotional berührt. Ich bin mir in diesem Moment sicher, dass sie diesen Lauf erst richtig verarbeiten muss. Sie sich viel gequält, aber ich sehe ihr nun Freude. Ich würde es als qualvolle Freude bezeichnen, auch wenn es Paradox klingt. Herzlichen Glückwunsch zu deiner Leistung! Ich bin stolz auf dich.

PS: Es dauerte keinen Tag bis Sina von sich aus meinte, dass sie auf jeden Fall nochmal so einen Lauf machen möchte. 😉

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Hannover Halbmarathon 2018 – Die Entscheidung zu Scheitern

Diesen Eintrag widme ich zum einen Sven Domke, der sich enorm dafür eingesetzt hat, dass Sina und ich beim Hannover Halbmarathon gestartet sind. Sven war ein Botschafter des Laufes und ich muss sagen, dass er diese Aufgabe wirklich mit Biss erfüllt hat.
Außerdem widme ich diesen Eintrag Ariane Elsner. Du bist die Heldin des Tages gewesen. Deine Anwesenheit, deine Unterstützung und Aufopferung waren unglaublich.
Vielen Dank an Euch Beide! Ohne Euch würde es diesen Bericht nicht geben.

08. April 2018
Ich möchte diesen Bericht von dem Hannover Halbmarathon anders schreiben, als ich sonst meine Laufberichte verfasse. Ich habe eigentlich über diesen Lauf nichts zu sagen, aber auf der anderen Seite habe ich unglaublich viel zu berichten.
Ich persönlich mag Laufberichte, die nach und nach aufzeigen, wie sich das Gemüt und die Stimmung verändern. Mal ist alles gut und mal ist es eben schlecht gelaufen. Dieser Bericht soll über das Scheitern gehen. Okay, ich gebe es direkt zu, scheitern ist hier wohl das falsche Wort und dennoch werde ich es verwenden. Ich scheiterte, eben weil ich mein Ziel nicht erreicht habe. Aber wovon ich genau rede, folgt nun.

Vor dem Start
Vor dem Start suchen Sina und ich nach Sven und finden ihn nicht. Dafür treffen wir Ariane. Die kam mit einem Fahrrad und einem kompletten Verpflegungsprogramm. Hunger? Durst? Nicht mit ihr! Sie wollte an mehreren Stellen auf uns warten und entsprechend anfeuern. So sollte es auch kommen und dazu gleich mehr.

Sina und ich gehen in unsere Startblöcke, begleitet von Ariane. Einer meiner ersten Gedanken im Block: Es ist warm. Mist. Den Start der Marathonläufer um 9 Uhr hatten Sina und ich noch gesehen. Da diskutierten wir schon darüber, dass die Temperatur kritisch wird. Unser Start soll um 10:45 Uhr sein. Wir werden also in die Mittagshitze rein laufen. An einem warmen und sonnigen Tag zu laufen, ist an sich schön. Nicht aber, wenn man 2 Wochen vorher noch bei Minusgraden und voller Winterlaufmontur gelaufen ist. Ich glaube mich zu erinnern, dass die Temperatur binnen 2 Wochen um mehr als 30 Grad angestiegen ist. Ich ahnte schon, dass es für mich und wahrscheinlich auch für manch anderen ziemlich anstrengend werden dürfte, weil so ein Temperaturwechsel als Läufer in so kurzer Zeit doch anspruchsvoll zu verkraften ist. Ich habe zumindest damit öfter meine Probleme.

Wir, Sven, Sina und ich, hatten an dem Tag unsere Ziele. Sven wollte unter 2:00h beim Halbmarathon bleiben. Sina unter 1:45h und ich unter 1:30h. Eines möchte ich direkt vorweg nehmen: Dieser Blogeintrag wird kein Happy End haben. Ich meine, der Untertitel verrät es schon: „Die Entscheidung zu Scheitern“.

Die Bedingungen
Es gibt ingesamt 5 Blöcke, die alphabetisch durchnummeriert sind. Im Block A sind die Schnellsten des Feldes und in Block E sind die Langsamsten des Feldes zu finden. Ich stehe im B Block des Hannover Halbmarathons. In Block A und B stehen unter anderem die Teilnehmer_innen der deutschen Meisterschaft im Halbmarathon.
Ich ärgere mich, dass ich mich über den Verein nicht angemeldet habe. Aber so ist das manchmal, insbesondere, wenn die Entscheidung an diesem Lauf teilzunehmen so kurzfristig gefallen ist. Erst fünf Tagen vor dem Start nahmen wir das Angebot von Sven an. Er bot uns zwei Startplätze an, die eben kurzfristig frei wurden. Sina und ich hatten eigentlich beschlossen nicht an diesem Lauf teilzunehmen. Hier geht wirklich ein Dankeschön an Sven, der wie verbissen immer wieder fragte und eben mit dem Angebot von zwei Karten kurz vor dem Start uns überzeugte.
Das sollte der erste schnelle Halbmarathon seit vier Jahren für mich werden. Ich hatte also mein altes Ziel ausgepackt. Ich wollte unter 1:30h bleiben und das zum ersten Mal. Wer nicht wagt, ist schon gescheitert. An diesem Punkt lag es also schon einmal nicht.

Tapering? Pah! Dafür habe ich keine Zeit. Ich hatte schon drei Wettkämpfe in den letzten 15 Tagen gemacht: Ibbenbürender Klippenlauf (sehr gute Zeit gelaufen), Paderborner Osterlauf (neue persönliche Bestleitung über 10 km aufgestellt) und der A33 Autobahnlauf über 10,2 km, wo ich Sina pacte.

Fazit: Läuft! Ich würde sagen, ich hatte die besten Voraussetzungen um mein Ziel anzugreifen und gepaart mit diesem herrlichen Wetter waren es geradezu ideale Bedingungen. Ich hoffe, ihr liest den Sarkasmus in dem aktuellen Abschnitt heraus.

Das Rennen
Der Startschuss fällt und ich laufe los. Ich nehme mir eine Pace von 4:09min pro Km vor. Das entspricht einer Zielzeit von 1:27:30h ca. Ihr denkt, dass ist zu schnell? Nein! Auf Basis meiner aktuellen Leistungen ist das realistisch.

Die ersten 5 Km laufe ich fast genau in der Pace und benötige 20:46 min. Also liege bis auf eine Sekunde exakt in meinem Plan. Ich muss aber ehrlicherweise sagen, ich quäle mich. Schon beim dritten absolvierten Kilometer dachte ich: „Das wird heute nichts.“ Ich spüre es: Es ist mir zu warm und es läuft nicht rund. Mimimi. Natürlich hätte ich versuchen können mir einzureden, dass es schon wird und ich es schaffen werde. Aber tief in mir weiß ich es schon beim beim dritten Km: Das wird nichts! Dennoch denke ich mir, ich probiere es. Bis Km 10 ziehe ich die Pace durch und gucke, wie es mir geht und sehe weiter. Vielleicht habe ich bis dahin einen Rhythmus und es geht mir gut? Vielleicht brauche ich einfach nur einige Kilometer bis es läuft. Das ist der einzige Strohhalm an den ich mich Kralle. Fotos mache ich in dieser Phase keine mehr. Warum trag ich sie eigentlich mit mir rum?
Die Sonne brennt von oben und von unten strahlt der Asphalt zusätzlich die Wärme zurück. Na super, denke ich mir. Warum bin ich hier? Warum tue ich mir das an? Achja … ich will unter 1:30h laufen.

Zwischen Km 5 und Km 10 setzt mir die Hitze zu. Die Strecke ist nicht so pralle, die Stimmung nur punktuell gut und Schatten ist Mangelware.
Mein erstes und einziges Highlight in dieser Rennphase habe ich ungefähr bei Km 7. Ich freue mich Ariane zu sehen. Sie macht ordentlich Stimmung und bejubelt mich. Sie hält ein Schild hoch. Noch nie hat jemand ein Schild am Streckenrand für mich hochgehalten. Weiß sie das eigentlich? Ich tippe nicht. Ich freue mich richtig darüber und ziehe daraus tatsächlich Kraft. Doch die wenigen Meter Freude können nicht über das Leid der anderen Kilometer hinweg täuschen. Ich kann kaum einen Meter genießen. Ich versuche die Pace zu halten, doch … ach ich möchte es nicht schön reden. Ich kann es nicht. Es ist echt ein großer Mist. Nach 42:04 min erreiche ich die Km 10 Marke. Für eine Zeit unter Sub 1:30h würde das immer noch reichen. Doch die Zweifel werden immer größer. Hier laufe ich auf das Schlussfeld des Marathons, die schon bei Km 25 sind. Die durften einige Schleifen mehr laufen, daher ist es überhaupt erst möglich, so schnell auf das Schlussfeld aufzulaufen, schließlich sind sie 1:45h früher gestartet. Ich sehe in ihren Gesichtern, wie sie leiden und kämpfen. Ich empfinde aufrichtiges Mitleid für sie. Ich habe in diesem Moment nicht unbedingt Lust einen Marathon laufen zu wollen. Denke ich das gerade wirklich? Ich? Der den Marathon als Herausforderung so liebt? Ja! Meine grundsolide Motivation hat sich an den Rand gesetzt, natürlich dort wo Schatten ist, und winkt mir jetzt hinterher.
In diesem Moment habe ich folgenden Gedanken: „Was mache ich hier eigentlich? Geh mal einen Schritt zurück und reflektiere die Situation.“ Ich denke nach und frage mich: Was möchte ich und was ist mir wichtig? Ich möchte Gesund ins Ziel kommen und mir ist eine neue persönliche Bestleitung auf der Halbmarathonstrecke wichtig. Noch wichtiger ist der Hermannslauf, der in drei Wochen nach diesem Halbmarathon sein wird. Mir wird bewusst, dass ich mein Ziel erreichen kann, doch auf Kosten meiner Gesundheit und/oder Fitness. Die Hitze ist gefährlich und wer weiß, wie sehr sie mir zusetzt. Schließlich laufe ich gerade am Limit. Diese Reflektion dauert ungefähr 1,5 Km. Meine Entscheidung war endgültig zwischen dem 11. und 12. Kilometer. Ich nehme sofort das Tempo raus und reduzierte meine Laufgeschwindigkeit auf eine 4:50 min/km Pace. Die Pace bei der ich im Training auch auf flacher Strecke im GA1 (Grundlagen Ausdauer Stufe 1. Sowas wie ein lockerer Lauf, der nicht anstrengend ist) laufen kann. Es geht mir nicht gut und gerade ist mir meine Gesundheit am wichtigsten. Ich bin traurig, aber nicht deprimiert, als ich das Tempo rausnehme. Ich denke, dass es eben nicht der Tag sein soll. Mein Tag wird sicher kommen, an dem ich dieses Ziel erreiche, nur eben nicht heute. Das ist meine Entscheidung, eben an meiner Zielsetzung zu scheitern. Ich atme tief durch und versuche erst einmal meinen Puls runterzubekommen und meinen Zustand zu verbessern.
Bei Km 12,5 überholt mich der offizielle 1:30h Paceläufer. Ich schaue ihn mir an und bin wieder traurig. Es gibt da diese eine Sekunde, wo ich direkt wieder antreten möchte, um mein Ziel doch zu erreichen. Ich habe mich aber entschieden. Ich spüre, wie ich leicht nicke, um mir zuzustimmen. So lasse ich ihn ziehen, schweren Herzens.
Kurz nach diesem Moment kommt der nächste Verpflegungspunkt. Ich greife zu Wasser und einem Isogetränk und gehe. Ich brauche dieses Gehen, um nicht in die Versuchung zu verfallen, wieder schneller zu laufen. Ich möchte den 1:30h Pacer aus meinem Blickfeld verlieren. Außerdem soll diese kurze Gehpause mir helfen, meinen Puls runterzubekommen und mich etwas zu erholen. Nach einigen Schritten im Gehen, trete ich wieder meine 4:50 Pace an. Ich beschließe meine Kamera wieder raus zu holen und einige Fotos zu machen.

Es dauert gute zwei Km bis es mir wirklich besser geht. Ich sehe mir die Menschen um mich herum an. Sie leiden ebenfalls. Einige schreien vor Schmerzen durch Krämpfe. Sie humpeln an den Rand und dehnen ihre Waden. Andere gehen resigniert und mit gesenktem Kopf. Andere sehen völlig fertig und erschöpft aus. Fast niemand scheint die Hitze locker hinzunehmen. Die meisten hatten mit der Hitze Probleme.
Und irgendwann, als ich mich eben umsehe, so zwischen Km 14 und 15 erblicke ich eine Person, die ich kenne: Stefanie Strate. Eine herausragend gute Läuferin, die ich mehr vom Sehen und wenigen Wortwechseln kenne. Wir sind immer mal wieder auf den gleichen Läufen oder Meisterschaften gewesen. Sie geht auf dem Bürgersteig und entgegengesetzt der Laufrichtung.
Ich rufe ihr zu, was los sei und ob sie Hilfe braucht. Sie dreht sich zu mir um, erkennt mich und kommt zu mir. Ich gehe ihr entgegen, so dass ich niemanden auf der Strecke behindere und bleibe am Rand des Bürgersteiges stehen.
Stefanie erklärt sich, dass sie Magenkrämpfe hat und aufgegeben hat. Wir reden kurz. Ich erkläre, dass ich locker ins Ziel laufen werde. Seit Km 11 ist der Wettkampf für mich vorbei und ich möchte nur noch Gesund und heile ankommen. Ich biete ihr an, sie bis ins Ziel zu begleiten. Mir sei die Zeit völlig egal und daher auch meine Pace und zu zweit ist es oft einfacher. Außerdem, wenn sie schon bis hier gekommen ist, sind es ja nur noch sechs Km bis zur Finishermedaille. Sie schaltet Ihre Uhr wieder an und wir laufen gemeinsam los. Wir reden im Grunde zuerst über unser beider Scheitern an unseren großen Zielen. Ihr Ziel war noch wesentlich ambitionierter und geht schon in Richtung 1:20h. Wir haben beide bemerkt, dass sehr viele aus dem A Block aufgegeben habe, darunter auch Favoriten auf den deutschen Meistertitel. Das ist kein Trost, aber auf jeden Fall eine Bestätigung, dass eben sehr viele ihre Probleme haben und eben nicht nur wir beide.

Wenn jemand neben mir läuft, dem es schlecht geht, dann schweige ich, oder erzähle Anekdoten, um die Person abzulenken. Ich frage sie, was ihr lieber sei. Reden! Alles klar, dass bekomme ich hin. Schließlich geht es mir mittlerweile wieder gut. Mein Puls ist im GA1 Bereich und ich fühle mich wieder gut. Ja ich könnte jetzt wieder deutlich schneller laufen. Somit erzähle ich Anekdoten vergangener Tage und sicher auch einigen Mist. Ich frage zwischendurch auch, wenn es sie nervt, solle sie es sagen. Ich mache das primär nur, damit sie abgelenkt sei. Aber es stört sie nicht.
Wir treffen bei Km 18 auf Ariane, die wie wild anfeuert, wieder ein Schild hoch hält und uns Mut macht und bejubelt. Ach wie schön. Ich freue mich riesig! Dieses Mal kann ich dieses Anfeuern noch mehr genießen. Ich rufe ihr zu, dass ich mein Ziel aufgegeben haben, ganz bewusst. Ich erkundige mich auch bei Ariane nach Sina. Die läuft wohl recht ordentlich, meint Ariane.

Dann sind Stefanie und ich wieder in unserem Gespräch vertieft. Irgendwann sagt sie zu mir: „Schon seltsam. Andere Mühen sich so sehr ab und wir laufen hier entspannt den Lauf zu Ende und das in einem Bereich, der schon an sich ordentlich ist. Wir dürfen uns eigentlich nicht beschweren.“ Damit hat sie Recht und dennoch hatten wir andere Ziele und können sie an diesem Tag nicht erreichen. Dies ist unser Weg zumindest ins Ziel zu kommen.
Die letzten Kilometer sind recht kurzweilig. Wir laufen locker und entspannt ins Ziel, klatschen uns mit einem High Five ab und wissen: Der Tag ist gelaufen. Im Ziel scheint Stefanie zufrieden zu sein, dass sie zumindest den Lauf beendet hat. Sie bedankt sich, dass ich sie dazu motivieren konnte. Ich denk mir: Juhu, wenigstens hab ich wohl eine gute Tat an diesem Tag vollbracht.


Im Ziel warte ich auf Sina. Sie schafft auch ihr gesetztes Ziel nicht: Es ist ihr zu warm. Und Sven mit seinem Ziel von einer Zeit von unter 2 Stunden? Auch er schafft es um wenige Sekunden nicht. Grund: Die Wärme.
Im Ziel höre ich viele Sirenen von Rettungswagen, dass mir schon Bange wird. Als ich auf Sina warte, wird gefühlt jede zwei Minuten erklärt, dass die ersten 50 m nach dem Ziel für die Rettungskräfte seien, um direkt zu helfen und man solle direkt weitergehen.

Fazit
Und jetzt? Der Moment ist gekommen, wo sich der Kreis dieser Geschichte schließt. Ich habe viel über diesen Lauf zu sagen gehabt und doch irgendwie auch nicht. Ich hätte schließlich auch nur schreiben brauchen: Zum Sport gehören Erfolge und genauso Niederlagen. Ich finde aber, der Sport lehrt uns mit diesen Niederlagen umzugehen. Gute Zeiten bei Wettkämpfen sind bei weitem nicht alles. Schließlich geht es beim Sport, oder in meinem Fall dem Laufen, um so viel mehr. Zum Beispiel um Freundschaft, Hilfsbereitschaft, Verbundenheit und Zusammengehörigkeit, dass füreinander und miteinander Fiebern und Bangen. All das und mehr findet ihr nämlich auch in diesem Bericht.

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