Wittekindsweg – Ein Bericht über eine Fatest Known Time (FKT) 2020

Vor dem Start

Ich schließe eine Autotür von innen und es ist zwischen 5 und 6 Uhr morgens am 19.07.2020. Ich sitze auf einer Rückbank. Vor mir sitzt William am Lenkrad und fährt in Richtung Osnabrück. Auf dem Beifahrersitz sitzt Sara und neben mir ihr Vater, Sven. Eigentlich ist Sven daran ein stückweit Schuld, dass wir hier zusammen sitzen. Wie es dazu kam? Das berichte ich später. Mir ist eines sehr wichtig direkt zu sagen: Ohne diese drei Menschen wäre dieser Tag wahrscheinlich so in der Form nicht möglich gewesen. Vielen Dank an Euch für Euren Einsatz, Eure Zeit und Geduld. Euer Einsatz ist unbezahlbar gewesen.

Wir fahren nach Osnabrück. Mein Ziel ist es heute den gesamten Wittekindsweg bis nach Porta Westfalica zu laufen. Dieser Wanderweg ist 95,8 km lang und teils sehr hügelig mit gut 2500 Höhenmeter. Der Start ist in Osnabrück am Rathaus und das Ziel ist in Porta Westfalica unterhalb des Kaiser-Wilhelm-Denkmals. Ich möchte diesen Wanderweg nicht nur laufen. Ich möchte daraus ein FKT machen. Eine „Fastest-Known-Time“. Also im Grunde möchte ich einen Streckenrekord laufen. Daher habe ich diese Strecke auf der FKT Seite eingereicht (Der Link dazu ist am Ende des Berichtes.) und nachdem mein Vorschlag angenommen wurde, begannen die letzten Planungen.

Wir kommen gegen 6:30 Uhr in Osnabrück an, verlassen das Auto und gehen zu Fuß zum Rathaus, denn dort beginnt die Strecke des Wittekindsweges. Ich kenne die Strecke nicht und bin diese zuvor nicht vollständig gelaufen oder gewandert. Mein Navigationsgerät ist meine Laufuhr, die dank eines GPX-Tracks hoffentlich den Weg kennt.

Ich werde diesen Bericht in fünf Kapiteln aufteilen, die jeweils sich an den offiziellen fünf Wanderetappen orientieren. (Vergleiche: https://www.wanderkompass.de/Deutschland/Wittekindsweg.html)

Etappe 1 – Kilometer 0 bis 17,4

Es ist ca. 6:48 Uhr als ich auf den Startknopf meiner Uhr drücke. Es ist eine seltsame Startuhrzeit und ein seltsames Gefühl sich selbst den Startschuss zu geben. Es ist ein noch seltsameres Gefühl drei Menschen hinter sich zu lassen, die extra mich hier hingebracht haben und mich nun den ganzen Tag begleiten werden. Ich laufe los, motiviert, wach und unsicher, da ich den Weg nicht kenne. Ich hoffe, dass die Technik mitspielt, ansonsten bleiben mir nur die offiziellen Markierungen.

Ich habe ansonsten diesen Lauf akribisch geplant. Es gibt fest von mir zwölf geplante Verpflegungs- und Treffpunkte mit Sara, William und Sven. Der erste sollte nach gut 11,1 km kommen. Meine Idee war, erst einmal Osnabrück hinter mir zu lassen. Es ist noch angenehm kühl am morgen und doch soll es schwül und warm werden. Das ist ein Wetter, mit dem ich gar nicht so gut zurechtkomme.

Schon nach wenigen Schritten blicke zum ersten Mal auf meine Uhr. Der Weg führt mich zwischen Gebäuden entlang, wo ich mich direkt frage: „Bin ich hier richtig?“ Ich folge dem Weg, der mich über eine Brücke laufen und einen Bach folgen lässt. Es geht weiter durch eine Siedlung, einen Park, einen Friedhof, auf dem ich mich verlaufe. Wer markiert eine Wanderoute über einen Friedhof? Ich verstehe es nicht, vor allem kann ich meinen Weg nur korrigieren, dank des GPX-Tracks auf meiner Uhr. Ich habe wohl mindestens eine Markierung auf dem Friedhof nicht gesehen. Auf dem Friedhof laufe ich langsam und gehe fast, aus Respekt gegenüber dem Ort. Ich bin ein wenig fassungslos, dass die Route hier entlang führt. Als ich den Friedhof verlasse, laufe ich wieder an. Es wird grüner und ruhiger. Damit meine ich nicht die Hektik oder die Lautstärke einer Stadt. Es ist Sonntag und gerade mal 7 Uhr morgens, da ist auch eine große Stadt wie Osnabrück noch eher im Schlafzustand.

Ich meine, dass der Streckenverlauf ruhiger wird. Es gibt weniger Kurven und Kreuzungen. Ich kann mich eher auf das Laufen konzentrieren und muss nicht so sehr auf den Verlauf der Strecke achten. Ich besinne mich das erste Mal nach gut 3 Kilometern auf das Laufen. Hier und da sehe ich ein Hund mit seinem Herrchen oder Frauchen, doch ich bin weitestgehend alleine. Außer Hundebesitzer*innen sehe ich nur sehr selten mal ein Auto. Mit jedem Kilometer habe ich das Gefühl die Stadt immer mehr zu verlassen und damit beginnt mehr und mehr mein Abenteuer. Für mich nimmt die Stadt immer das Gefühl von einem Laufabenteuer. Jetzt bin ich in der Natur und habe noch weit über 90 Kilometer vor mir. Eine eigentlich für mich unvorstellbare Distanz. Daher besinne ich mich gedanklich nur auf die Strecke bis zum ersten Verpflegungspunkt nach gut 11 Kilometern.

Ich verlaufe mich aus Unaufmerksamkeit noch zwei weitere Male, bevor ich die Stadt Osnabrück hinter mir lasse. Es geht an Feldern und Wäldern entlang und am Bach/Fluss ‚Nette‘ entlang. Ich sehe Bauernhöfe, an denen ich vorbeilaufe und höre Kirchenglocken die läuten. Die Strecke wandelt sich fast jeden Kilometer vollständig. Kaum sehe ich Felder, folgt ein Waldabschnitt, ein Landstraßenabschnitt und wieder ein Waldabschnitt. Es ist phasenweise richtig idyllisch, was ich gar nicht für diesen ersten Abschnitt erwartet habe.

Nach gut 9 km passiere ich eine Wassermühle und ein Café. Dort treffe ich auf einen älteren Herrn, der ohne Begleitung ein wenig sich bewegt. Er spricht mich an, ich drehe mich um und laufe langsam rückwärts. Wir kommen kurz ins Gespräch, als ich seine erste Frage beantworte, dass ich auf dem Wittekindsweg unterwegs sei. Er erzählt mir, dass er schon dreimal die gesamte Route innerhalb von jeweils drei Tagen gewandert sei. Er fragt mich, wie viel ich heute denn schaffen möchte. Ich berichte ihm, dass ich sie nun vollständig am Stück laufe und wahrscheinlich einem halben Tag benötige. Ich habe das Gefühl, dass er mir nicht glaubt. Wir verabschieden uns und ich drehe mich wieder um und laufe in meinem alten Tempo weiter. Ich passiere eine „Kids-Bar“ und muss stehen bleiben. Ich finde das total witzig. Wäre diese Bar geöffnet, ich glaube ich hätte mir ein Getränk gekauft. Sowas ist witzig, toll und irgendwie bin ich traurig, dass dies kein Sonder-Verpflegungspunkt geworden ist.

Als ich die ersten 10 Kilometer absolviert habe, weiß ich, dass ich schon fast am Verpflegungspunkt bin und erfreue mich an dem Gedanken die Support-Crew gleich wiederzusehen. Ich weiß noch, wie ich Sven einst anrief und meinte: „Hey. Ich laufe einen FKT, also einen Streckenrekord auf einer bekannten Strecke. Wie sieht es aus? Glaubst du, dass Laufsport Andreas daran ein Interesse an einer solchen Aktion hat? Mein Ziel ist schließlich in Porta Westfalica und fast vor eurer Tür.“ Und er antwortete sinngemäß „Wenn, dann machen wir es richtig. Wir supporten dich als Crew vom Laufladen aus!“ Der Rest ist im Grunde Geschichte. Ich plante den Tagesverlauf und Sara, Sven und William beschlossen mich zu begleiten und früh morgens mich sogar nach Osnabrück zu fahren.

Als ich die Straße zum Verpflegungspunkt laufe, sehe ich die drei schon, wie sie auf mich warten und schon von der Ferne anfeuern. Ich freue mich und laufe in den aufgebauten Verpflegungspunkt. Ich verbleibe nur kurz und trinke und esse schnell etwas. Nach nicht einmal drei Minuten bin ich wieder auf dem Weg. Ich denke über den nächsten Abschnitt nach und merke, dass mir der Gedanke gefällt schon in wenigen Kilometern die erste offizielle Etappe von fünf abschließen zu können.

Die Strecke verläuft an der Ortschaft Rulle entlang. Dafür laufe ich auf einem Singletrailpfad entlang und zu meiner rechten Seite sehe ich jedoch direkt die Straße und Gebäude. Es geht in einen Wald und an Feldern vorbei. Zwischenzeitlich muss ich auch eine längere Zeit an einer Landstraße weiterlaufen. Es ist der wahrscheinlich der langweiligste Abschnitt des gesamten Tages. Dass wohl spannendste sind irgendwann im nirgendwo die frei laufenden Hühner die mich unbekümmert beobachten, wie ich an ihnen vorbeilaufen.

Die nächsten Kilometer sind zügig gemeistert, da die Strecke relativ leicht zu laufen ist. Ich komme zu einer Hütte, die ungefähr das Ende der ersten Etappe markiert. So wirklich sicher bin ich mir nicht, aber meine Uhr sagt mir, dass ich nun 17,4 km hinter mir liegen. Ich bleibe stehen und mache ein Foto von einer Hütte. Ich atme tief durch und blicke nach vorne. Gleich folgt eine Rechtskurve, die mich endlich in Richtung Osten führen wird und damit in Richtung des Ziels. Als ich weiterlaufe, horche ich in mich hinein. Ich fühle mich gut und so könnte es gerne weitergehen. Es ist mittlerweile 8:27 Uhr.

Ab der zweiten Etappe sollte es hügliger und somit das Streckenprofil anspruchsvoller werden. Diese erste Etappe war sicherlich die einfachste und kühlste Etappe. Die kühlste Etappe? Da es zudem noch sehr warm werden soll, mache ich mir auch dahingehend etwas Sorgen. Wärme / Hitze und meine Wenigkeit mögen sich nicht so sehr.

Etappe 2 – Kilometer 17,4 bis 36,1

Nach der Kurve komme ich an einzelnen Häusern vorbei. Ich sehe lebende Hühner und Vögel aus Blech. Es wirkt wie etwas Kunst im Wald. Ich bleibe kurz stehen und sehe es mir an, bevor ich weiter laufe. Der Abschnitt wird matschiger und jeder Schritt ist anstrengender als noch auf der ersten Etappe. Da es mehrere kleine Bodenwellen gibt, bekomme ich gerade keinen Laufrhythmus hin und laufe entweder leicht bergauf oder leicht bergab. Ich eile mich, um zum Verpflegungspunkt zwei zu kommen.

Während dessen im Versorgungspunkt 2 bei ca. 19,5 km. Sven, Sara und William berichten mir, dass sie sich ein Frühstück besorgt haben und wie ich später erfahren werde, wärmt William sich auf, um mich entspannt begleiten zu können. Ich erreiche den zweiten Verpflegungspunkt. Ich schnappe mir etwas zu trinken, etwas Essen und William und dann geht es auch schon weiter. Wir verlassen den zweiten Verpflegungspunkt gegen 8:45 Uhr und laufen los.

Sven und Sara packen direkt alle Sachen zusammen. Sie haben wohl nicht so viel Zeit bis zum nächsten Verpflegungspunkt.

Schon nach wenigen hundert Metern merke es direkt: Es ist angenehm nicht alleine zu sein. William und ich reden die gesamte Zeit. Daran merken wir beide, dass wir nicht am Limit laufen und im entspannten Bereich laufen. Der Abschnitt verläuft primär durch die Wälder. Ein Fuchs läuft vor uns Weg und einige Rehe kreuzen knapp unseren Weg. Immer wieder sehen wir Hütten, die zum Verweilen einladen.

Doch wir laufen weiter durch Wälder, vorbei an Steinen aus der Jungsteinzeit. Auf einem Stein ist ein interessantes Gesicht gemalt. William und ich bleiben kurz stehen, lesen die Informationstafel flüchtig und laufen danach weiter. Kultur und Bildung am frühen Morgen.

Als wir ein Naturfreundehaus passieren, ist mir klar, dass es kein Kilometer mehr bis zum nächsten Verpflegungspunkt ist. Die letzten Kilometer vergingen wie ein Fingerschnippen und ich bin froh, dass William und ich uns ein wenig unterhalten konnten. Am nächsten Verpflegungspunkt gibt es einen fliegenden Wechsel zwischen William und Sara.

Sie begleitet mich nun für die nächste Etappe. Wir laufen gemeinsam durch Feldwege und Waldwege. Danach verlaufen wir uns, weil mein GPX-Track uns ins Unterholz schicken möchte, wo sehr dichter Wald aber kein erkennbarer Weg ist. Es sieht danach aus, als wenn es hier einst einen Weg gegeben hat, der aber nun seit einigen Jahren nicht mehr existiert. Notiz an mich: Der GPX-Track scheint völlig veraltet zu sein. Wir laufen 200 m zurück und wählen einen anderen Weg und kommen nach nochmal 200 m wieder auf die Strecke. Das war ein kleiner Extra-Umweg. Kurz danach sehen wir zwei Figuren mit Mund-/Nasenmasken und Kleidung, die aus Holz gebaut sind. Ist das nun weitere Kunst im Wald?

Danach folgt ein Abschnitt, der wesentlich anstrengender ist, weil er viele Höhenmeter hat. Sara und ich reden zu dieser Phase nicht viel, da wir beide uns auf die Anstiege konzentrieren. Das positive ist doch, dass geteiltes Leid, halbes Leid sei. An diesem Gedanken halte ich fest.

Kurz vor dem Versorgungspunkt kommt ein sehr anspruchsvoller Berg, den wir beide in kleineren Abschnitten wandern. Als wir den vierten Verpflegungspunkt erreichen, liegt der knackige Berg hinter uns und ich habe 32,6 km bewältigt.

Ab nun nehmen die Straßenabschnitte deutlich ab und vor mir liegen fast nur noch Waldstrecken. Daher wechsle ich nun meine Straßen-Schuhe gegen Trail-Schuhe.

Ein Drittel der Strecke liegt nun hinter mehr. Ich bin allerdings auch schon 3,5 Stunden auf den Beinen. Ich verlasse den Verpflegungspunkt und bin wieder allein. Es geht vorwiegend erst einmal bergab. Hier laufe ich meinen schnellsten Kilometer des Tages. Ich laufe ein Stück die B65 entlang, danach muss ich einer Landstraße folgen, die kein Bürgersteig hat. Ich habe ein wenig Sorge an einer Landstraße zu laufen, wo die Autos ein hohes Tempo anschlagen und es kaum eine Schutzzone für mich gibt. Aber die offiziellen Markierungen sagen mir sehr klar: „Lauf hier lang!“ Und genau das mache ich. Ich mache innerlich drei Kreuze als ich endlich die Landstraße verlassen darf. Die zweite Etappe endete um 10:40 Uhr Mitten im Nichts. Wer bitte denkt sich diese komischen Etappengrenzen aus? Wo soll man hier denn übernachten? Ich meine an der B65 lief ich an einem Hotel vorbei.

Etappe 3 – Kilometer 36,1 bis 55,6

Im Grunde laufe ich ständig einen Schotterweg zwischen Felder und Wäldern entlang. Es geht gefühlt endlos gerade aus und es wird immer wärmer und es gibt keinen Schatten. Ich kann sagen, dass ich mein erstes kleines Tief erlebe, da die Sonne mich grillt.

Ich laufe hier Schritt für Schritt und bemühe mich stetig weiterzukommen. Aber ich muss immer wieder kurz gehen und quäle mich. Das ist gerade kein Spaß, keine Freude und kein Vergnügen. Natürlich gibt es schöne Momente, schöne Ausblicke in die Natur und diese erfreuen mich. Aber ich sage es ganz ehrlich. Ich hatte auf diesem Abschnitt keine Lust. Doch das ist es ja, was einen Ultraläufer zu einem Ultraläufer aus macht: Einfach weiterlaufen und über die Krise hinweg laufen. Ein Tief kann immer kommen und es kommt nicht immer alleine. Als ich den ersten Marathon beende, habe ich schon 4:35 Stunden auf der Uhr.

Mein Ziel in unter 11 Stunden zu bleiben scheint wie meine Motivation zu zerfließen und mir ist schon klar, dass ich es nicht mehr schaffen werde. Dennoch will ich das Ziel in Porta Westfalica erreichen, irgendwie. Notfalls krieche ich auf allen vieren ins Ziel. Sven, Sara und William sprechen mir gut zu und machen wir Mut. Es sind erneut gute 9 Kilometer zum nächsten Verpflegungspunkt. Als ich trinke und mich etwas setze, fällt mir auf, wie die Pausenzeiten deutlich länger werden. Das ist bei mir nie ein gutes Zeichen. Wir unterhalten uns und ich jammere und ich gehe mir schon selbst etwas auf den Sack. Es gibt eine WhatsApp Gruppe von Leuten, die mir folgen und live einige Updates bekommen. Ich bin zu diesem Zeitpunkt nicht bereit mir einzugestehen, dass es nicht rund läuft und schreibe daher nichts davon in diese Gruppe. Dann kommt ein Herr aus dem gegenüberliegenden Lokal und spricht uns darauf an, dass wir da keine Flagge (von Laufsport Andreas) hießen dürfen und doch besser gehen sollten. Dies sei ein Parkplatz für eine Gaststätte, die keine Fremdwerbung dulde. Sven springt sofort dem Mann entgegen und erklärt, dass wir gleich sowieso weg sind und die Flagge mir helfen soll, die Verpflegungspunkte zu finden. Ich nehme diesen Moment, als Anreiz aufzustehen und weiterzulaufen.

Ich sag es euch, der Streckenverlauf wird immer anspruchsvoller. Die Halbzeit des Tages überquere ich nach 5:15 Stunden. Ich bin mir aber sehr sicher, dass es ich nun deutlich mehr Zeit für die zweite Hälfte benötigen werde. Das liegt insbesondere an dem Streckenprofil, welches nun anspruchsvoller wird. Es ist vergleichbar mit der Brocken-Challenge, wo die erste Hälfe der 80 Kilometer eher leicht zu laufen ist und die zweite Hälfe hart wird. Aber das mag ich an dem Streckenverlauf von Osnabrück nach Porta Westfalica. In dieser Form ist die Strecke einfach etwas knackiger, weil der harte Teil zum Schluss kommt.

Es folgen mehrere kurze, steile Anstiege. Einen Abschnitt, wo ich mal wieder runterlaufen kann, gibt es erst einmal nicht. Immerhin sehe ich die ersten Menschen auf der Strecke, seit ich Osnabrück verlassen habe. Da ist ein Mountainbiker, der an einem Aussichtspunkt steht und in die Ferne blickt, oder ein Läufer, der mich freundlich grüßt.

Als es irgendwann wieder etwas bergab geht, freue ich mich darüber. Ich weiß, dass ich bald zu den Dinosaurierspuren kommen werde. Je näher ich diesem Highlight komme, umso mehr sehe ich vereinzelte Familien mit Kindern, die auf dem Weg dorthin sind. Ich passiere Informationsschilder und einen aufgebauten Dinosaurier. Für die Spuren aber hätte ich die Strecke verlassen müssen. Das werde ich an diesem Tag jedoch nicht machen. Meine Devise ist hier klar: Ich laufe keine zusätzlichen Meter.

Nach dem aufgebauten Dinosaurier sind es nur noch wenige hunderte Meter, bis zum Versorgungspunkt. Als ich diesen erreiche, sind 52 km absolviert. Ich begrüße das Support-Team mit den Worten „Willkommen im Ultrabereich. Jetzt geht es erst richtig los.“ Wir unterhalten uns kurz. Ich setze mich, trinke und esse. Es ist mittlerweile sehr warm geworden und die Wärme macht mir zu schaffen. Sven reicht mir die Streckenplanung und ich studiere den Höhenverlauf, sowie besondere Punkte, auf die ich achten muss. Sven sagt mir, dass ich jetzt ungefähr 20 Minuten hinter dem Zeitplan bin, um 11 Stunden zu erreichen.

Ich verlasse nach der Pause zum ersten Mal den Verpflegungspunkt nicht laufend, sondern gehend. Es geht direkt ordentlich einen Berg hinauf und ich möchte mich etwas schonen und meinem Magen etwas Zeit zum Verdauen geben. Zum letzten Mal liegen nun 9 Kilometer zwischen zwei Verpflegungspunkten. Nach gut 200 m trabe ich langsam an. Schnell bin ich nicht, aber ich komme voran.

Vor mir liegt sicher einer der langsamsten und schwersten Abschnitte. Kurz nach dem Versorgungspunkt erreiche ich die 55,6 km Marke und beende damit die dritte Etappe von den fünf Etappen an diesem Tag. Es ist gegen 13:20 Uhr und ich bin gute 6,5 Stunden am Laufen.

Etappe 4 – Kilometer 55,6 bis 78

Etappe 4… Ich meine, ich ahne … nein mir ist absolut klar, dass dies nun die heftigste Etappe ist. Dieser Gedanke zieht mich runter. Ich mache einfach dumme Anfängerfehler, dass ich so denke. Doch die Wärme, die Sonne und die alles drum herum verstärken diesen Gedanken und bremsen mich. Ich müsste es doch eigentlich besser wissen, sagt ein Gedanke in mir. Viele Menschen sehe ich auf dem aktuellen Abschnitt nicht. Mal ein Mountainbiker, mal einen Wanderer, aber es sind nie wirklich viele Leute. Es wird erst deutlich mehr als ich zum Bismarckturm komme. Viele Sparziergänger und Freunde des Picknicks versammeln sich hier.

Ich laufe in Gedanken vor mich hin, quäle mich über die Strecke und durch die erhebliche Wärme. Und dann… BÄM! Ich realisiere eine SiL Markierung. Ich kreuze gerade die Laufstrecke vom Silvesterlauf in Rödinghausen. Der Silvesterlauf an dem ich schon sicher gute zehnmal teilgenommen habe. Ich bleibe stehen und muss davon ein Foto machen und es in der erwähnten Gruppe sofort teilen. Ich weiß auch sofort, auf welchem Abschnitt der SiL-Runde ich mich befinde. Ich freue mich sehr und möchte diese Freude teilen. Alleine dieser Umstand, diese drei weißen Buchstaben auf einem Baum geben mir für einige Kilometer einen richtigen Anstoß. Ich fühle mich wie ausgewechselt. Ich renne gerade förmlich, weil ich mich so freue. Wohl wissend, dass es sich später rächen könnte. Kurz danach laufe auf einem Singletrail, der Parallel zu einer Waldautobahn (breiter Schotterweg) verläuft. Als ich die 59 km Marke passiere, wird mir klar, dass der nächste Verpflegungspunkt nicht mehr fern ist und es nun fast nur noch bergab geht.

Ich lasse es locker laufen und freue mich auf die Verpflegung, die bei km 61 kommen soll. Kurz vor dem Verpflegungspunkt ist eine Baustelle und ich muss erst einmal schauen, wie ich nun weiterkomme, da die Straße komplett gesperrt ist. Zum Glück gibt es einen sehr kleinen Weg für Fußgänger, der extra angelegt wurde. Ich werde bei dem siebten Verpflegungspunkt von alten Bekannten überrascht, die extra erschienen sind, um mich zu überraschen und anzufeuern. Jessica und Sven, vielen Dank das ihr da ward. Ich verweile etwas länger, da ich mich gerne unterhalten möchte und auch es würdigen möchte, dass sie extra angereist sind. Doch nach einigen Minuten muss ich weiter, denn schließlich möchte ich das Ziel erreichen. Wahrscheinlich war dies meine längste Verweildauer an einem Verpflegungspunkt. Ab jetzt liegen nur noch 4 bis 6 km zwischen den restlichen Verpflegungspunkten. Was ein Glück! Dies motiviert mich, da ich endlich in kleineren Schritten denken kann. Ich laufe weiter. Ich nutze die Gelegenheit und mache keine Fotos und bin bemüht zügig und kontrolliert den nächsten Abschnitt durchzulaufen. Dies gelingt mir auch und ich erreiche kurz danach schon den achten Verpflegungspunkt nach 67 km (Kalle Wart): Dort wartet neben dem Support-Team mein Onkel Frank und mein Cousin Max. Die beiden werden mich auf dem nächsten Abschnitt begleiten und Sara kommt ebenfalls ein zweites Mal mit. So sind wir nun sogar zu viert. Dass ich nicht mehr allein bin, hilft mir enorm.

Auch wenn es direkt ordentlich bergauf geht, fühle ich mich viel besser, kräftiger und muss nicht mehr so sehr mit mir selbst kämpfen. Schnell erreiche ich die 70 km Marke. Langsam kommt das Gefühl in mir auf, dass ich mich dem Ziel nähere. Mein Tief scheint entgültig verschwunden zu sein. Wir unterhalten uns zu viert und tauschen uns aus. Ich frage mich, was mein Cousin und Onkel denkt. Sie haben mich schließlich noch nie auf einem Ultra gesehen, geschweige denn begleitet. Nach 71,5 km erreichen wir gemeinsam den neunten Verpflegungspunkt und kreuzen die B239.

Dies bedeutet für mich „Ich bin so langsam in meiner alten Heimat“. Hier wird mich mein Onkel, mein Cousin und Sara verlassen und William begleitet mich zum zehnten Verpflegungspunkt. Wir laufen nach einer kurzen Pause los. Da wir uns ebenfalls viel unterhalten, komme ich viel besser mit der Distanz zurecht. Ich gehe zwar auch mal zwischendurch, aber wir laufen einen großen Teil der Strecke. Unser Hauptthema ist das Ultralaufen und das ist es gar nicht so schnell und stressig ist, wie ein Straßenmarathon. William ist über diesen Umstand sichtlich überrascht. Ich berichte von meinen Erfahrungen, dass es beim Ultralaufen eben um etwas anderes geht, als immer am Limit zu laufen. Ultralaufen ist entspannter und die Zeit ist für mich eben nicht immer das Wichtigste. Die Zeit ist auch viel relativer, eben da man meist sehr viele Stunden unterwegs sei.

Er kann sich auch vorstellen einen Ultra zu laufen. Wir reden über die Einstiegsmöglichkeiten und mögliche Ziele. Natürlich ist das Jahr 2020 ein besonderes, in dem aktuell kaum bis keine Ultraläufe angeboten werden können. Doch umso mehr kann es als Vorbereitungsjahr genutzt werden, um in dem Jahr 2021 anzugreifen. Wir reden viel über ihn und seinen Beruf. Ich bin froh, dass er viel erzählt und ich zuhören kann. Ich habe so schon den ganzen Tag mit mir selbst gekämpft und insbesondere mit der Wärme. Da ist es schön einfach jemand zu lauschen und sich mit etwas anderem Mental zu beschäftigen. Die Kilometer verfliegen schnell und wir erreichen den zehnten von mir geplanten Verpflegungspunkt bei Kilometer 78. Dieser Verpflegungspunkt bedeutet auch, dass ich um 16:53 Uhr die schwerste und anspruchsvollste Etappe hinter mir gelassen habe.

Es ist auch die Etappe, für die ich wohl am längsten gebraucht habe. Ich bin nun 10 Stunden auf den Beinen und habe noch 18 Kilometer vor mir. Ich schließe dieses Kapitel ab und blicke nach vorne. Nun kommen Abschnitte, die ich teilweise kenne, eben da sie auch ein stückweit Heimat bedeuten. William erklärt, dass er mich gerne noch ein weiteres Stück begleiten möchte. Ich bin über diesen spontanen Beschluss froh.

Etappe 5 – Kilometer 78 bis 95,8 (Ziel)

Als ich den Verpflegungspunkt mit William verlasse, ist Sven schon in großer Vorbereitung für das Finale an diesem Tag und das hat es in sich. Ab dem elften Verpflegungspunkt habe ich Leute bei mir, die mich bis ins Ziel begleiten. Ich bin im jetzt schon dankbar, dass sich das Support-Team so ins Zeug hängt. Ich kämpfe Kilometer um Kilometer weiter auf der letzten und fünften Etappe. William und ich unterhalten uns weiter, wenn auch nicht soviel, wie zuvor. Das liegt auch an mir. Ich brauche einen kurzen Moment Ruhe. Es ist kein tief oder ein konkretes Problem, was mich beschäftigt. Es ist einfach nur der Wunsch einen kurzen Moment Ruhe zu haben und einfach diese zu genießen. Manchmal benötige ich so eine Phase, um in mich hineinzuhören. Dabei versuche ich festzustellen, ob es irgendwo zwickt, oder wie es um meine Kräfte steht. Mein Fazit lässt sich so zusammenfassen: Es ging mir schon besser, aber das Ziel werde ich erreichen. Nach dem Moment der Ruhe reden wir weiter.

Es folgt ein Wechsel aus Gehen und Laufen. Landschaft? Die ist mir gerade egal. Es geht nur nach vorne und dahin ist mein Blick gerichtet, um die Streckenmarkierungen zu sehen. Es ist faszinierend, wie sehr diese Markierungen einen ins Auge springen, wenn man stundenlang nichts anderes getan hat, als darauf zu achten. Natürlich habe ich den GPX-Track auf der Uhr, doch der ist während des Tages immer nebensächlicher geworden.

Etwas später erreichen wir den vorletzten und elften Verpflegungspunkt. Sven sagt mir, dass mir gleich die ersten entgegenkommen. Ich bin glücklich, dass zu hören. Sven berichtet auch, dass die drei Supporter langsam auch platt vom Tag sind. Support leisten sei eben auch sehr kräftezehrend, erläutert er weiter. Ich habe daran keinen Zweifel und dachte mir im Vorfeld sowas schon. Meine Pause ist nicht lang und geht zügig weiter. Ich möchte die anderen Begleiter nicht warten lassen.

Ich erhalte auch von einer weiteren Unterstützerin, Marina, die Nachricht, dass sie nun am Ziel ist und mir entgegenläuft. Dass sie extra angereist ist, ehrt mich. Ihr müsst wissen. Sie supportete in der Nacht schon eine Freundin in Osnabrück und ist extra hier hingefahren, anstand direkt nach Hause zu fahren. Wie viele Menschen an diesem Tag an mich denken und unterstützen, überwältigt mich. Richtig realisieren kann ich es in diesem Moment nicht. Ich verlasse allein den Versorgungspunkt und habe einen kurzen Moment für mich allein. Es überkommt mich ein wenig plötzlich, denn ich könnte fast heulen vor Erschöpfung. Ich halte dies aber alles zurück. Ich mag manchmal meine emotionale Seite, die besonders hervorkommt, wenn ich erschöpft bin. Sie zeigt mir, dass ich eben auch kämpfen kann.

Ich lasse in meiner Supporter-Chat-Gruppe alle wissen, dass der zweite Marathon an diesem Tage erfolgreich beendet wurde. Dann geht es direkt bergauf. Ich entscheide mich zu laufen, denn ich möchte nicht, dass die anderen merken, wie k.o. ich in diesem Moment bin. Ich wechsle in den Laufschritt und kurz danach kommen mir die ersten beiden schon entgegen: Heiner und Mirko. Die Beiden legen ein ganz schön ordentliches Tempo vor. Ich laufe einen 6 min/km Schnitt. Das habe ich schon seit Stunden nicht mehr getan. Sie motivieren mich auf verschiedensten Ebenen. Ihre Worte, sowie ihre gute Laune erhellen meine Stimmung. Ich beiße die Zähne zusammen und ich bin überrascht, wie gut ich diese Geschwindigkeit zu diesem Zeitpunkt laufen kann. Ich fühle mich so, als hätte ich Pacemaker. Ich entschuldige mich einige Male, dass ich das Gefühl hätte sie zu bremsen und nicht ganz so zügig laufen könne, wie sie es ggf. nun noch könnten. Doch sie beruhigen mich und meinen, dass es okay sei. Es geht ja darum mich in meiner Geschwindigkeit zu begleiten.

Kurz vor dem Lokal „Zum wilden Schmied“ stoßen Maren, Nicole und Marina zu uns. Nun laufen wir zu sechst gemeinsam bis ins Ziel weiter.

Es sind noch gute 5,5 km bis zum Ziel, als wir den letzten Verpflegungspunkt beim Lokal „Zum wilden Schmied“ erreichen. Alle stehen dort im Kreis und warten auf mich. Ich hingegen sitze auf einem Stuhl. Ich entschuldige mich, dass ich mich hingesetzt habe, aber meine Beine seien nun nach 90 km müde. Ich bekomme viel Verständnis, aber ich fühle mich dennoch irgendwie komisch als einziger zu sitzen. Als ich bereit bin weiter zu laufen, geht es los. Jetzt beginnt der wohl schönste Abschnitt. Ich meine das nicht landschaftlich, sondern emotional. Die Erschöpfung ist wie weggeblasen. Natürlich bin ich müde, aber es ist mir nun egal. Das Ziel ist in greifbarer Nähe und fünf Menschen begleiten mich nun. Sven, Sara und William bauen den Verpflegungspunkt schnell ab, da sie sich nun zügig auf den Weg zum Ziel machen, um alles vorzubereiten. Vor allem William und Sara wollen mich den letzten Kilometer mit der Kamera begleiten.

Diese Art der Unterstützung ist unglaublich und fühle mich zutiefst geehrt, glücklich und dankbar so etwas erleben zu dürfen. Von nun an und bis ins Ziel genieße ich jeden Moment, jeden Schritt und jeden Meter. Dieser Abschnitt mit so vielen wundervollen Menschen ist am Ende des Tages viel zu kurz. Schnell ist das Kaiser-Wilhelm-Denkmal erreicht. Es folgt ein 1,5 km langer, wirklich anspruchsvoller Downhill. Er ist insbesondere deswegen anspruchsvoll, weil meine Beine durch sind und nun alle ein hohes Tempo anschlagen.

Wir rennen förmlich den Berg zum Ziel hinab. Hin und wieder scheren Mirko und Heiner aus und sorgen dafür, dass ich eine freie Laufbahn habe und niemand in meinen Laufweg springt. Marina rennt schon einmal vor und baut mit Sven ein kleines Ziel auf. Sara und William stoßen beim Denkmal zu und begleiten mich den Berg mit der Kamera hinab. Und dann bin ich unten auf dem Parkplatz angekommen. Meine Uhr piept, dass der Track erfolgreich und vollständig beendet wurde. Das heißt: Ich habe das Ziel erreicht. Zufälligerweise haben Sven und Marina an der Stelle die Ziellinie aufgebaut, wo meine Uhr piept.

Ziel. Ende. Aus. Vorbei. Jubel.

Um 19:42 Uhr beende ich den FKT (Fasted-Known-Time) und schließe damit die 95,8 km Strecke auf dem Wittekindsweg ab. Ich bin der Erste, der dies so offiziell durchführte und bin somit auch der Inhaber des Streckenrekords und des FKTs. Es ist für mich nicht zu begreifen. So viele haben mich dabei unterstützt dies wahrzumachen und dabei insbesondere die drei Supporter, die mich den ganzen Tag begleitetet: Sven, Sara und William. Ein tiefer und besonderer Dank geht an euch. Ihr seid ein hervorragendes Supporter Team.

Ein Dank geht auch an die Menschen, die mich immer ein kleines Stück begleitet haben: Meinen Onkel Frank, meinen Cousin Max, Heiner, Mirko, Nicole, Marina und Maren. Ihr seid wunderbar und habt mir viel Kraft gegeben und geholfen.

Als Marina mich nach sogar noch nach Hause bringt und ich nicht mit der Bahn fahren muss, bin ich noch dankbarer. Wir unterhalten uns ein Wenig über den FKT, sowie über Gott und die Welt, wie man so schön sagt.

Am Ende steige ich aus einem anderen Auto aus, als ich am morgen eingestiegen bin. Es ist schon ein stückweit verrückt, was ich an diesem Tag erlebt habe. Es wird lange dauern, bis ich es verarbeiten habe.

Ich werde diesen Tag nicht vergessen. Eines habe ich aber direkt verstanden: So ein Tag, so eine Erfahrung ist unbezahlbar.

Offizielle Website vom FKT: https://fastestknowntime.com/route/wittekindsweg-germany

Falls irgendwann jemand schneller sein sollte, würde mein Name dort wahrscheinlich nicht mehr stehen. Daher habe ich einen Screenshot für diesen Bericht erstellt und ihn als Beweis hier hinterlegt:

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8. Ballon – A – Thon – Finale

Ich fahre auf den Parkplatz des 8. Ballon – A – Thons. Ich parke, steige aus dem Auto und atme tief ein und aus. Es liegt das FINALE in der Luft. Es ist ein Teil des Mottos dieser Woche. Der andere Teil des Mottos ist „Back to the roots“. Das liegt wohl an zwei wesentlichen Gründen. Zum einen war der erste Ballon – A – Thon in einer anderen Ecke von Bönen, zum anderen wohnt der Organisator, Jan-Philipp, hier irgendwo an der Strecke.

Ich öffne den Kofferraum und entnehme erst einmal ein Foto. Die Aufgabe der Woche ist es, dass jeder ein Foto von sich auf eine Fotowand hängen soll. Das Foto sollte auf einem Ballon – A – Thon aufgenommen worden sein. Ich pinne mein Foto an die Wand, die zu diesem Zeitpunkt fast leer ist. Nachdem ich mir die restlichen Fotos angesehen habe, mache ich mich für das Laufen bereit. Ich nehme unter anderem dafür eine Wasserflasche für die erste Runde mit. Wieso das wichtig ist, erfahrt ihr viel später im Bericht.

Der Lauf, 30.05.2020

Die Sonne scheint vom blauen Himmel. Auch wenn es noch recht angenehm ist, dürfte es heute richtig warm werden. Offiziell beginnt der Lauf heute erst um 8:00 Uhr. Es ist 6:12 Uhr, als ich mich auf dem Whiteboard eintrage. Ich stehe schon hier, weil ich Jan-Philipp fragte, ob ich heute früher starten dürfe und er dies bejahte. Meine Frau ist hochschwanger und ich möchte möglichst früh zu Hause sein und ich habe vor einige Kilometer zu laufen.

Ich drücke auf meine Uhr und es erklingt ein Piepen, was mein Startschuss ist. Das ist er, der 8. und letzte Ballon – A – Thon. Wie immer folge ich zuerst der orangen Runde. (Hinweis Die Halbmarathon Runde ist in beide Richtungen markiert. Einmal ist sie mit orangen und entgegengesetzt mit grünen Pfeilen markiert.) Ich merke, wie das Laufen der letzten Wochen in meinen Beinen steckt. Sie sind müde und die ersten Schritte fallen mir schwer. Ich spüre einen inneren Stress, möglichst schnell zu laufen, dass ich zumindest diese eine Runde erfolgreich beenden kann, bevor ich spontan nach Hause aufbrechen müsste. Ich frage mich direkt, ob es eine gute Idee war überhaupt heute hier zu laufen, denn meine Gedanken sind primär bei meiner Frau. Aber ich wünschte mir diesen Lauf heute, denn ich brauche ihn für mich. Ja, dass ist egoistisch, aber ich möchte mich von all den lieb gewonnen Menschen auch verabschieden.

Die ersten Kilometer sind grün und wenige Höfe sorgen für farbliche Abwechslung. Es gibt Blumenwiesen, Wälder und schon früh erste weite Aussichten über die Felder in die Ferne hinweg. Als meine Uhr zum vierten Mal piept, weil ich einen Kilometer abgeschlossen habe, passiere ich ein Ortsschild „Bönen“. Ich laufe durch eine Ortschaft durch. Weitestgehend sind hier 1-Familienhäuser zu sehen, doch es ist nichts los. Viele Jalousien sind noch unten und die meisten Menschen scheinen hier, gegen 6:30 Uhr noch zu schlafen. Ich kann das nachvollziehen, aber es ist wundervoll so früh an einem sommerlichen Morgen zu laufen.

Die Straße durch die Ortschaft führt mich zu einer Kirche, wo ich zuvor eine kleine und enge Passage durchquere. Rund um diese Kirche sind schöne, renovierte Fachwerkhäuser zu sehen. Eine Reihe von Kindern bemalten Steinen liegt um die Kirche herum. Es ist ein erstes, kleines Highlight auf dieser Strecke.

Danach passiere ich eine Ampel und folge einer leicht bergab gehenden Straße immer gerade aus durch die Ortschaft. Es ist friedlich. Ich sehe niemanden und komme am Ende der Straße zu einer Schule, die ich umlaufe.

Danach führt mich die Strecke über Abzweigungen durch einen kleinen Tunnel durch, der unterhalb des Bönener Bahnhofes führt. Zusehen ist hier die typische Graffitikunst. Ich laufe, nach einigen Treppenstufen, an den Gleisen entlang. Hier ist viel Schatten und es wirkt dadurch frischer und kühler. Nach dem Bahnhof schneide ich die Innenstadt / Fußgängerzone. Ich blicke einmal kurz rein und sehe viele kleinere Geschäfte, doch die Route führt mich direkt wieder davon fort, vorbei an Supermärkten. Hier sehe ich einen Hund mit seinem Besitzer, die mich mit fragendem Blick ansehen. Es wirkt wie ein „Wieso läufst du um diese Uhrzeit freiwillig?“

Ich laufe einen kleinen und schmalen Weg hinein, der mich direkt zum Förderturm führt. Ich denke, dies ist ein zweites kleines Highlight der Strecke heute. Hier werde ich etwas Zick-Zack geführt und es gibt kleinere Schleifen rund um den Turm, die gelaufen werden wollen.

Nach dem Förderturm folge ich der Strecke an einer Straße und Baustelle entlang und vorbei an einer Kleingärtneranlange. Am Ende biege ich links auf einen Weg ein, der einfach gerade, schattenlos und gefühlt endlos wirkt. Ich denke hier das erste Mal in Ruhe über die letzten Wochen nach. Es fühlt sich mittlerweile normal an gegen 4 Uhr aufzustehen, um irgendwo anders um 6 Uhr zu laufen. Es entstehen viele Fragen nach dem, was ab dem „morgen“ wohl sein wird und was sich alles ändern wird. Ich beschließe, dass ich über den Morgen ab morgen nachdenken werde. Für mich ist jetzt das Heute wichtig. Ich brauche diesen heutigen Tag. Das war auch der Grund wieso meine Frau mich ziehen ließ. Ich brauche für mich diesen Abschluss, die Möglichkeit vielen Menschen auf Wiedersehen zu sagen.

Ich werde aus den Gedanken gerissen, als ich sehe, dass dort ein Schild mit einem Startpunkt für eine 5 km Laufrunde ist. Ich bin wohl auf dem Seseke Weg, von dem ich zuvor noch nie gehört habe. Ich passiere ein paar hunderte Meter später einen gelben Luftballon und mache ein Foto. Er markiert ungefähr die Halbzeit der gesamten Runde. Es folgt eine Straße ohne viel Schatten mit einem kleinen Weg zwischen Bäumen. Ich sehe auf die Uhr und weiß, dass ich von der Distanz her nun auf dem Rückweg bin.

Danach kreuze ich Bahngleise an einem Übergang. Der darauf folgende Weg führt mich in Richtung einer Siedlung. So laufe ich links von mir an dieser Siedlung vorbei. Rechts von mir ist ein Rapsfeld mit vielen blühenden Mohnblumen.

Mehr als 14 km liegen hinter mir und ich habe keine andere laufende Person gesehen. Ich sehe in der Ferne einen Wald und weiß, dass ich dort gleich hineinlaufen werde. Woher ich das weiß? Ich habe mir den Streckenverlauf am Vorabend genau angesehen. Ich wollte mich nicht noch einmal wie letzte Woche sechsmal verlaufen.

Ich laufe in den Trimm-Dich-Wald. Die morgendliche Stimmung ist wunderschön. Die Sonnenstrahlen kämpfen sich durch die Bäume und es wechseln sich Licht und Schatten künstlerisch ab. Die Luft ist gefühlt ganz frisch und unverbraucht. Es ist ein morgendlicher Duft, der mir angenehm vorkommt. Ich atme tief ein und werde sogar etwas schneller. So treibt es mich hinter den orangen Punkten und Pfeilen her. Ich laufe an einem Teich vorbei, der für mich das dritte Highlight auf der Runde ist. Genau hier kommen mir die ersten zwei Läufer des Tages entgegen. Wir grüßen uns und folgen unseren Wegen.

Als ich zu einer Treppe im Wald komme, laufe ich diese Stufen geschwind hinauf. Kurz danach kommen mir Marina und Frank entgegen. Welch fröhliche und schöne Überraschung. Wir bleiben stehen und unterhalten uns. Nachdem wir uns über unsere Pläne ausgetauscht haben, folgen sie den grünen und ich den orangen Pfeilen weiter. Ich bin mir sicher, dass ich die Beiden heute erneut treffen werde. Ich werde damit recht und nicht recht haben. Ich erkläre es gleich, was ich damit meine, denn es hat auch etwas mit der Wasserflasche zu tun.

Nach dem Wald führt mich ein Weg zu einer Landstraße. Diese Landstraße ist für mich der anstrengendste Abschnitt an diesem Tag. Ein Traktor meint mich fast schneiden zu müssen. Ein Bulli und ein Auto sind der Meinung, dass Abstand zu einem Läufer überbewertet wird. Ich mache drei Kreuze, als ich die Straße verlasse und etwas später auf einem Feldweg unterwegs bin. Ich merke, wie der Stress der letzten Minuten sich abbaut.

Es folgt ein langer, gerader Fahrradweg. Der Smilie der Woche ist diesmal einer, der mir die Zunge rausstreckt. Das kann ich auch, es sieht nur niemand. Ein Foto mache ich von der Aktion nicht. Es gibt Dinge, die nur in der Situation komisch sind.
Ich mag Züge sehr gerne und ich habe etwas Ahnung was Züge betrifft und umso mehr bin ich überrascht an zwei Achsen vorbeizulaufen. Sie sind angemalt, als seien sie von einer alten Dampflok der dritten Epoche. Aber das kann auch nur Kunst sein. Ich laufe weiter, vorbei an einem Spielplatz. Als ich die 20 km passiere, rufe ich meine Frau an und frage nach, wie die Lage zu Hause sei. Sie bruncht gerade bei ihren Eltern. Es sei nichts Besonderes und ich solle jetzt den Lauf genießen. Sie beendet das Telefonat mit „Ich melde mich schon, wenn was ist. Du hast dich auf diesen Lauf so gefreut, also entspann dich und genieß ihn!“.

Wenige Meter vor dem Ende der ersten Runde kommen mir Torsten und Reinhard entgegen. Sie seien gerade gestartet. Wir unterhalten uns und sind am Ende der Meinung, dass wir nochmal sprechen werden, da wir uns sicher später sehen werden.

Als ich das Ende der ersten Runde erreiche, ist es ca. 8:15 Uhr. Einzelne Läufer*innen sind gerade dabei zu starten oder das Whiteboard zu lesen. Ich sehe Jan-Philipp und wie er einige Luftballons aufbläst. Er dekoriert den Ziel- und Startbereich. Wir sprechen kurz, als ich meinen Rucksack auffülle. Meine eine Wasserflasche ist völlig leer und ich fülle sie wieder auf. Ich nehme für die zweite Runde diesmal zwei Wasserflaschen mit. Auch wenn ich hier am Start/Ziel fast einen Liter trinke, erwarte ich, dass ich den einen Liter am Mann benötigen werde, schließlich wird es spürbar wärmer.

Für die zweite Runde werde ich den grünen Pfeilen folgen und so versuchen den Marathon zu vollenden, wie ich es bisher auf allen Ballon – A – Thons geschafft habe. Es ist 8:22 Uhr, als ich loslaufe. Ich laufe erneut an dem Spielplatz vorbei und bemerke diesmal, dass er wie ein Bahnhof mit einem Zug aufgebaut ist. Ich frage mich, ob die Bahn und/oder ein Bahnhof hier eine besondere Rolle spielen. Kurz danach folgen die beiden Achsen einer Lok. Hier überhole ich auch ein Läuferduo, die kurz vor mir losliefen. Erneut passiere ich den Smilie und finde es lustig, dass der Schatten eines meiner Beine wie eine Nase bei dem Smilie wirkt. Nennen wir es einfach „Kunst“. Das sind die verrückten Ideen, die mir kommen, wenn ich einen Lauf eher versuche zu genießen und nicht auf die Zeit achte.

Es geht zur Landstraße und ich mache innerlich drei Kreuze, als ich diese zum zweiten Mal hinter mir lasse. Es geht weiter in den Trimm-Dich-Wald. Auf dem Weg in den Wald bemerke ich, wie es warm wird und ziehe meine Weste aus. Ich denke in dem Moment, dass ich sie im Auto hätte liegen lassen können.

Ich laufe die ersten Kilometer der zweiten Runde sehr zügig. Meine Beine sind nicht mehr müde, doch die innerliche Unruhe „schnell“ die Runde zu beenden, damit ich potenziell schnell nach Hause zu meiner Frau komme, peitschen mich voran. Richtig entspannend ist es heute nicht. Am Teich hole ich sogar Torsten und Reinhard ein. Sie wundern sich, dass ich schon bei Ihnen bin. Tja, was soll ich sagen?

Als ich den Wald verlasse, sehe ich in der Ferne den Förderturm. Er wird von nun an mein Fixpunkt, bzw. mein Dreh- und Angelpunkt der Runde werden. Ich sehe, wie ich mit ihm schnell entgegenkomme, nur um dann an dem Bahnübergang stehen bleiben zu müssen. Ich weiß nicht wie lange ich dort stehe. Es sind sicherlich 3, 4 Minuten bevor ich weiterlaufen darf und die Schranken sich erheben.

Es ist ein komisches Gefühl als Läufer vor einer Bahnschranke mitten auf einer Straße zu stehen, insbesondere weil es keinen Bürgersteig gibt. Ich bin froh, dass auf meiner Seite kein Auto kommt. Ich fühle mich gerade fehl am Platz, weiß aber auch nicht, wie ich damit umgehen soll. Nach dem Bahnübergang folge ich den Weg durch das Grün.

Als ich den gelben Ballon passiere, weiß ich, dass ich nun die halbe Runde abgeschlossen habe. Kurz danach laufe ich auf dem Seseke Weg. Hier merke ich, wie die Sonne unangenehm von oben drückt. Ich trinke immer mehr und bin froh, dass ich zwei Wasserflaschen dabei habe.

Nach 33,5 km taucht Gabi vor mir auf. Wir machen unser wöchentliches Foto, wie wir es seit dem 4. Ballon – A – Thon immer gemacht haben. Sie folgt den orangen Pfeilen und plant einen Marathon. Daher werden wir uns sicher später noch sehen.

Ich bin fast an den Schleifen und Zick-Zack-Weg beim Förderturm. Der Abschnitt ist jedoch sehr gut markiert und so ist es nicht schwer die richtigen Abzweigungen zu nehmen.

Ich passiere den Bahnhof in Bönen und folge der Strecke weiter in die Ortschaft. Die Straße geht nun leicht bergauf und ich merke, den leichten Anstieg schon deutlich. Ich bin bemüht mit einem rhythmischen Laufschritt der Straße zu folgen.

Als ich bei der Kirche ankomme, werde ich von einer Anwohnerin und einem Anwohner gefragt, was das für ein Lauf sei. Ich erläutere ihnen das Konzept des Ballon – A – Thons. Sie finden das Konzept toll. Die Anwohnerin wollte sich auf den Balkon setzen und dem Treiben etwas verfolgen. Der Anwohner berichtet, dass er selbst Marathonläufer war. Als er erfährt, dass ich aus Bielefeld bin, sprechen wir etwas über den Hermannslauf, den er wohl einige Male lief. Wir verabschieden uns und ich laufe erneut durch die kleine Gasse durch.

Nach der Ortschaft wird es wieder deutlich grüner. Die letzten 3,5 km sind teilweise an oder in einem Naturschutzgebiet. Es gibt endlich einen erholsamen Schatten und ich merke, wie ich den Schatten bewusst suche.

39, 40, 41 km. Es geht gefühlt so schnell, dass ich nach einem kleinen Waldstück bei der Blumenwiese schon den Parkplatz in der Ferne sehe. Viele Autos reflektieren die Sonne und blitzen so deutlich sichtbar auf.

Als ich auf den Parkplatz einlaufe, begrüßt mich Jan-Philipp, der immer noch am Dekorieren ist, und jubelt mir zu und beglückwünscht mich zum Marathon. Er fragt mich, wie es mir geht. Ich sage ihm, dass ich nichts dagegen hätte jetzt aufzuhören. Mir fehle jedoch eine Runde, um ein Mara-Loon zu werden. Das bedeutet, dass ich in den 8 Wochen, mindestens 16 Runden gelaufen bin. Sprich im Schnitt ein Marathon pro Woche. Da ich aber nur an sieben Wochen teilnahm, muss ich zwei vollständige Runden extra laufen. Eine vollständige Runde lief im Rahmen des „Rennsteig at Home“ in Ascheberg beim 5. Ballon – A – Thon. Damit komme ich auf 7 * 2 + 1 = 15 Runden. Nun fehlt mir diese eine letzte Runde. Er meint sinngemäß: „Ja dann auf!“ Ich gehe zu meinem Auto. Es ist fast 10:30 Uhr. Ich trinke viel, esse etwas und erhole mich und nehme mir viel Zeit in dieser Pause. Auf meine zwischendurch verschickten Sprachnachrichten hat meine Frau nicht einmal reagiert. Sie bruncht wohl immer noch entspannt. Also werde ich in die dritte Runde starten.
Ich fülle meine beiden Flaschen mit Wasser auf. Ich nehme sogar noch einen halben Liter Kokoswasser mit, sodass ich für die dritte Runde 1,5 l Wasser am Mann habe. Ich befürchte, dass ich sie wegen der Wärme gebrauchen werde.

Als ich mich im Whiteboard eintrage und meine letzte Runde beginne, folge ich zum letzten Mal den orangen Pfeile. Wenn es etwas gibt, was ich mir wünsche, dann das es eine richtige Abschiedsrunde wird, nach der ich mich so sehr sehne und ich so sehr für mich brauche. Ich hebe meinen Fuß zum ersten Schritt und dann beginne ich sie: Meine insgesamt 16. Runde. Die Runde, die mich in die Sonderwertung eines „Mara-Loon“ bringen soll und meine Abschiedsrunde wird. Ich fühle mich melancholisch.

Abschiedsrunde – How to become a Mara-Loon

Schon nach wenigen hundert Metern kommen mir Torsten und Reinhard entgegen. Wir grüßen uns und rufen uns etwas zu, als wir aneinander vorbeilaufen. Ich drehe mich um und sehe, wie Reinhard stehen bleibt. Ich tue es ihm gleich. Er verabschiedet sich und wünscht meiner Frau und mir alles Gute. Ich danke ihm und wir hoffen irgendwann einander wiederzusehen. Wenn er wüsste, was er in diesem Moment gutes getan hat. Ich laufe zu einem roten Smilie, der genau guckt, wie ich gerade.

Gefühlt ist die Blumenwiese noch höher als am Morgen. Aber wahrscheinlich kommt mir das nur so vor. Es geht durch einen kleinen Waldabschnitte, weiter in Richtung des Naturschutzgebietes.

Zwei Läufer kommen wir dabei entgegen und sind positiv überrascht, dass ich schon in meiner dritten Runde bin. Ich laufe nur wenige hundert Meter weiter, bis eine vierer Gruppe mir zuruft „Du schon wieder“. Wir reden kurz miteinander, wir lachen und laufen unseren Wegen weiter.

Bevor ich in die Ortschaft laufe, treffen sich Nils und ich uns wieder. Wir bleiben stehen und reden miteinander. Dazu gesellen sich Frank und Kerstin, die gerade zufälligerweise vorbeikommen. Die Minuten vergehen und ich laufe nicht einen Meter. Die Runde beginnt so, wie ich sie mir erhofft habe. Ich kann mich von all jenen verabschieden, die mit entgegenkommen oder mit denen ich in den letzten Wochen mehr als nur wenige Sekunden gesprochen habe.

Meine Melancholie schwindet und ich folge der Straße durch die Ortschaft, vorbei an den Fachwerkhäusern und den Kirchen. Direkt dahinter bleibe ich an einer Ampel stehen. Auf beiden Seiten warten Läufer*innen, dass es grün wird. Als die Ampel auf grün wechselt, ruft einer laut „HA! Wie sie alle plötzlich ihre Uhren wieder starten.“ Alle lachen und fühlen sich sicher ertappt. Ich fühle mich auf jeden Fall ertappt.

Auch auf dem Weg weiter durch die Ortschaft, erlebe ich nur freundliche, gut gelaunte Läufer*innen. Wir tauschen Begrüßungen aus, wir lachen und wir witzeln. Ich fühle mich gut, ja gar beruhigt. Es ist fast wie im Drehbuch. Nach 48 km treffe ich Sandra und Christian wieder. Wir bleiben stehen, unterhalten und verabschieden uns. Seit dem 4. Ballon – A – Thon haben wir uns fast immer gesehen und fast immer Worte gewechselt. Es ist nicht mal ein Drittel meiner letzten Runde gelaufen und ich fühle mein Vorhaben schon fast als abgeschlossen. Sie fragen mich beide, ob ich auch am Montag nochmal da sein werde. Ich sage, ich wäre es gerne, doch ich kann dies nicht meiner schwangeren Frau antun. Unser Kind könnte jeden Tag kommen und das sie mich heute gewähren lässt, dafür bin ich ihr schon sehr dankbar. Am Montag, der Pfingstmontag 2020, wird Jan-Philipp ein Dankeschön von Kerstin und Frank erhalten. Sie haben Spenden von allen gesammelt und werden dies Jan-Philipp überreichen. Er selbst weiß zu diesem Zeitpunkt noch nichts davon, doch fast alle / viele auf der Strecke wissen davon nichts.

Als ich weiterlaufe, holt mich Danny ein. Wir haben schon in den letzten Wochen immer mal wieder kurz miteinander gesprochen, doch ich hatte ihn bisher nicht erwähnt. Es folgt für mich eine kleine Prämie auf den Ballon – A – Thon – Läufen. Ich laufe das erste Mal nicht alleine. Wir werden uns die nächsten gut 2 km teilen. Wir unterhalten uns, primär sehr privat und nicht alles muss hier im Detail erläutert werden. Doch ich freue mich, dass wir ungefähr das gleiche Tempo laufen.

Ich wäre auch gerne noch länger mit ihm gelaufen, doch ich bleibe bei 51 km stehen, mache Fotos und erhalte ein Lob für diesen Blog. Ich danke euch für die lobenden Worte. Es ist immer wieder eine gute Sache, wenn ich eine Rückmeldung erhalte.

Ich sage Danny, er könne ruhig weiterlaufen. Ich werde mich hier und da noch mit anderen unterhalten und Fotos machen. Ja, wir verabschieden uns voneinander und er läuft weiter.

Und es folgt der Abschnitt, den ich am meisten gefürchtet habe. Das lange Stück ohne Schatten. Jetzt ist es fast Mittag und die Sonne steht hoch und es ist sehr warm geworden. Ich laufe recht langsam, um es nicht zu übertreiben. Und dann kommt mir Marina entgegen. Sie läuft heute einen Marathon. Ihren vierten überhaupt und in den letzten fünf Wochen. Diese verrückte Frau! Das meine in einem positiven Sinne.

Wir unterhalten uns ausführlich und über privatere Themen. Ich sage ihr, dass ich Frank nicht getroffen habe, nachdem sie meint, er wäre vor ihr. Mir wird eines in diesem Moment sehr klar. Erst war da die Bildung einer Gemeinschaft und daraus entwickelte sich etwas Familiäres und das in diesen außergewöhnlichen Zeiten. Es ist einfach etwas Schönes, was bewahrt werden sollte. Wir verabschieden uns voneinander. Sie folgt den grünen und ich den orangen Pfeilen.

Die nächsten Kilometer sind eher ruhig. Immer mal wieder gibt es kurze Gespräche mit anderen Läufer*innen und Ruhephase. Als ich die 52 km passiere, spreche ich eine weitere Sprachnachricht für meine Frau ein. „Ich sei auf der zweiten Hälfte der Runde und laufe nun zurück.“ Das ist der Moment, der mich endlich zur Ruhe kommen lässt. Endlich verliere ich die Anspannung und kann es einfach vollends genießen. Es geht den grünen Weg zurück und bei den Bahnschranken fällt mir diesmal auf, dass ich ja direkt gerade aus laufen könnte und direkt beim Förderturm wäre. Der Durchgang ist mir gar nicht zuvor aufgefallen. Diesmal sind die Schranken oben und ich kann direkt passieren.

Ich fühle mich gut, und leere gerade meine zweite Wasserflasche. Ich habe noch 7 km und damit ein drittel der Runde vor mir. Erinnerungen vom 2. Ballon – A – Thon kommen in mir hoch und das ich damals zu wenig Wasser auf der Runde dabei hatte. Genau aus dieser Erfahrung heraus, habe ich heute jede Runde einen halben Liter mehr mitgenommen. Es ist gut zu wissen, dass ich nochmal 0,5 l Kokoswasser im Rucksack habe.

Als ich in den Trimm-dich-Wald einlaufe treffe ich Gabi. Wir bleiben stehen und verabschieden uns in Ruhe. Mir wird langsam zum Ende dieser Runde klar, dass ich nun mich von den meisten Menschen tatsächlich in meiner letzten Runde verabschieden konnte. Als ich durch den Wald laufe, bin ich alleine und nachdenklich. Es ist genau das, was ich gerade brauche. Besser hätte ich mir die letzte Runde nicht wünschen können.

Der Wald ist kühl, schattig und gibt mir Kraft, die jedoch direkt beim Verlassen des Waldes verpufft. Die letzten 4 km sind hart. Sehr hart. Ich quäle mich schon fast. Die Landstraße ist doof, der Feldweg danach hat keinen Schatten und der Fahrradweg auch nicht mehr. Es ist sehr warm geworden und mein Kokoswasser ist fast leer. Ich kann diesen letzten Absatz mit einem Mimimi zusammenfassen.

Die Frage nach dem Tief bei einem Ultralauf stellt sich nicht. Es stellt sich nur die Frage, wann es kommt. Bei mir ist es nun der Fall. Ich mache einfach weiter und denke mir, dass dieses Tief sicher bald endet.

Und es endet, gute 1000 m vor dem Ziel. Ich mobilisiere meine letzten Kräfte und gleite fast ins Ziel. Dass ich kaum noch Schatten habe, ist eine unschöne Sache. Es ist aber nicht zu ändern. Im Auto liegen weitere Getränke und daher brauche ich jetzt auch nichts mehr. Und meine Beine haben noch Kraft und daher laufe ich einfach.

Bunte Luftballons begrüßen mich. Jan-Philipp hat scheinbar fleißig weiter dekoriert und ist fertig geworden. Ich gehe zum Whiteboard und trage meine Zieluhrzeit ein. Ich habe heute auch eine Nettozeit, ohne Gespräche und ohne Pause gestoppt. Daher fühlte ich mich auch an der Ampel so ertappt. Ich wollte wissen, wie viel Zeit alleine für das Verabschieden und Reden und die Pausen zwischen den Runden in Anspruch nimmt. Es ist fast eine Stunde zusammen gekommen, die zwischen meiner Netto-Zeit auf der Uhr und Brutto-Zeit auf dem Whiteboard liegen. Eine Stunde, voller wertvoller Erinnerungen, Emotionen und die es wert waren investiert zu werden. Es geht an diesen Tag, um mehr als nur ungefähr 63000 Schritte zu tätigen. Es geht für mich vor allem darum Abschied zu nehmen, da ich nicht weiß, wann ich die Anderen wiedersehen werde. Dass ich Mara-Loon geworden bin, ist in diesem Moment für mich völlig nebensächlich.

Epilog – Abschied nehmen

Manchmal glaube ich, da sitzt ein Drehbuchautor und ich bin ein Teil einer Serie und merke es nicht. Irgendwie fühlt sich das wie ein Happy End an. Ein Feeling-Good Moment. Ich sitze im Kofferraum und erhole mich, trinke etwas. Ich wollte schon fast nach Hause fahren, bis mir meine Frau schrieb „Es ist alles ruhig. Entspanne dich weiter!“ Ich erhole mich, sammle Kräfte für die Rückfahrt. In dem Moment beginnt etwas Besonderes. Etliche Leute laufen ein. Marina kommt an, Danny ist schon da, Torsten und Reinhard beenden auch ihren Marathon.

Marina leiht mir sogar einen Stuhl und so bilden wir an diesem Tag einen Sitzkreis und quatschen einfach. Marinas Freund Frank fehlt, der in dem Moment in seiner dritten Runde ist. So habe ich zwar recht gehabt und Marina wiedergesehen, jedoch hatte ich auch unrecht, da ich an diesem Tag Frank nicht mehr getroffen habe. Ich erfuhr später, dass er zu wenig Wasser auf seiner 3. Runde mit hatte und dadurch einige Probleme bekam. Ich fühle mit ihm und die Erinnerungen an den 2. Ballon – A – Thon kommen erneut in mir hoch. Auch wenn ich die erste Runde mit einer Wasserflasche auskam, war es für mich sehr sinnvoll drei Flaschen in der letzten Runde zu haben.

Zurück zur kleinen geselligen Runde. Wir unterhalten uns mit den Leuten die einlaufen oder weiterlaufen. Wir applaudieren den Leuten zu. Aber wir sitzen primär und reden einfach, als wäre es das normalste der Welt, obwohl wir alle uns erst in den letzten Wochen auf den Ballon – A – Thons kennengelernt haben. Irgendwann sind plötzlich zwei Stunden vergangen und die Runde löst sich auf.

Es ist genau das Ende der Ballon – A – Thon Reihe und die letzte Runde, die ich mir so sehr gewünscht habe und die ich so dringend gebraucht habe. Doch nun ist es Zeit erst einmal Abschied zu nehmen. Ich hoffe sehr, dass ich euch bald alle wiedersehen werde.

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7. Ballon – A – Thon – Sechs

Ich verlasse um halb sechs das Haus und befinde mich auf dem Weg zum 7. Ballon – A – Thon. Das Motto diese Woche ist „Jetzt geht’s erst richtig los“. Ich lasse die letzten Wochen Review passieren. Dies wird mein sechster Ballon – A – Thon werden. Ich bin überrascht, wie die Wochen vergehen. Mir wird bewusst, dass ich nun in den letzten sechs Wochen gute 600 Kilometer gelaufen bin und kann es selbst nicht glauben.

Ich erreiche das Schloss in Hagen-Hohenlimburg und parke auf dem Wanderparkplatz, steige aus und sehe, dass ich fast neben Marina und Frank geparkt habe. Das geht schnell mit dem Wiedersehen von bekannten Gesichtern. Ich freue mich, denn ich kann gleich Marina beweisen, dass ich ihre Kritik mir zu Herzen genommen habe. Als ich es anspreche, sieht sie mich erst fragend an. Sie meinte, ich würde ja immer nur in Hoka Kleidung laufen. Ich meinte, das stimmt nicht. Also zog ich für diese Woche einfach mal andere Sachen an, die mir mehr oder weniger in die Hände fallen. Ich nehme meinen Rucksack und meine Trailstöcke aus dem Auto. Die Stöcker nehme ich nur zur Sicherheit mit, da ich nicht weiß wie technisch es wird. Schließlich kann ich aus Angst vor dem Umknicken (Siehe die drei Berichte zum Transalpine Run) nicht wirklich Downhill laufen. Ich schnüre mir die Stöcke an den Rucksack und mache abschließend ein Selfie mit Marina und Frank. Wir unterhalten uns und dabei berichte ich, dass ich meiner Frau sagte, dass ich den Marathon heute in unter sechs Stunden schaffen möchte. Dann gehen wir zum Whiteboard, bevor es auf die 21,5 km Runde mit guten 850 Höhenmeter geht. Als ich kurz vor dem Whiteboard eintreffe, kommt mir Jan-Philipp entgegen, der meint, dass ich ihn wohl einholen werde. Da bin ich mir nicht so sicher, da mir Erinnerungen an Arnsberg hochkommen. Ich kenne schließlich die Strecke nicht.

Der Lauf – Samstag, 23. Mai 2020

Am Whiteboard warte ich auf zwei Herren, die sich gerade bereit machen und sich eingetragen habe. Frank läuft vor mir los und folgt den grünen Pfeilen in die eine Richtung. Ich trage mich an diesem Tag in die sechste Zeile auf dem einem Board ein. Danach laufe ich in die entgegengesetzte Richtung, indem ich den orangen Pfeile folge. Marina ist erst vor mir und entscheidet sich dann mich vorbeizulassen. Die ersten hunderte Meter gehen recht steil einen Asphaltweg bergab. Als wir beide fast gleichzeitig am Fuße des Gefälles ankommen, geht es direkt auf einen Singletrail. Gefühlt kommt der wie aus dem Nichts. Das ist auch der Moment, wo ich Marina aus dem Blick verliere.

Ich kämpfe mich den Berg hoch und atme schwer. Machen wir uns nichts vor, dieser Anstieg ist nicht ohne. Ich laufe gerne Höhenmeter und vor allem bergauf, aber ich war nicht darauf eingestellt, dass es so schnell, so anspruchsvoll wird. Der Singletrail wird immer enger und ich muss gebückt laufen, damit die Äste mir nicht eine Backpfeife verpassen. Ich komme nach knapp zwei Kilometern auf einem Forstweg an. Ich zücke mein Handy und spreche, wohlgemerkt noch schwer atmend, meiner Frau eine Sprachnachricht und das ich gut angekommen bin und entschuldige mich, dass ich so schwer atme. Ich habe mich nicht getraut mir jemals diese Nachricht wieder anzuhören.

Die Strecke flacht hier ab und ich bekomme langsam wieder etwas Luft und einen lockeren Laufschritt. Die Dächer die eben noch auf meiner Blickhöhe waren, sind nun deutlich unter mir gelegen. Mit einem guten Gefühl, schon die ersten Höhenmeter geschafft zu haben, folgen meine Füße weiter dem Weg.

Was danach folgt, macht mir große Freude. Es ist erneut ein Singletrail, der einen angenehmen weichen Waldboden hat und zwischen durch Matschpfützen vorzuweisen hat. Hier kommt mir ein Läufer entgegen, den ich direkt frage, ob er sich verlaufen hätte. Ich bin schon irritiert jemanden am Ende der grünen Runde zu erblicken. Er verneint dies und meint, er sei schon seit halb sechs am Laufen und beende gleich seine erste Runde. Das Singletrailstück führt mich auf den Abschnitt, der wir die Mitte einer Acht ist. Hier läuft jeder zweimal pro Runde entlang.

Nach gut 4,5 Kilometer stehe ich vor einer Abzweigung, die ich zuerst als solche nicht erkenne. Es ist kaum ein Weg auszumachen. Ich folge dem Weg und entscheide mich schon nach wenigen Metern, als ich bemerke, dass es ein teils technischer Downhill ist, die Stöcker auszupacken und mich damit zu sichern. Ich bin jetzt schon froh, dass ich sie dabei habe.

Je weiter ich dem Downhill folge, umso besser kann ich ihn laufen, weil der technische Anspruch sinkt. Doch ich lasse mir insgesamt Zeit. Bleibe auch mal stehen, genieße die ersten Aussichten.

Der Downhill endet an einer Straße, der ich folgen darf. Ich ziehe kurzzeitig mein Tempo an und freue mich laufen zu können. Der Abschnitt endet sehr schnell und es geht auf einem Trailweg erneut weiter. Und dann stehe ich vor ihm und lache laut. Da ist er: Der Arschlochberg Teil 2 (Arnsberg, der 4. Ballon – A – Thon lässt grüßen!).

Ich laufe teilweise diesen Berg hoch, wohl wissend, dass da gleich eine Markierung sagt: „Einmal umdrehen und wieder runterlaufen.“ Ich stoße mich mit den Stöcken ab und laufe, wie ich zuletzt einen solchen Anstieg beim Transalpine Run hoch. Vor mir wandert ein weiterer Läufer den Berg hoch. Ich frage mich, was der Läufer denkt, als ich an ihm vorbei springe. Vielleicht so etwas wie „Wieso läuft der?“

Am Ende des Berges erwartet mich eine Aufgabe. Es liegt ein Buch vor einer Tanne. Ich hebe es auf und lese den Text. Jeder soll in das Buch schreiben, was er nach dem Anstieg denkt. Meine Gedanken und Worte seht ihr ja auf dem Bild. Ich reiche das Buch weiter an den anderen Läufer, der wartend hinter mir steht und schleiche sehr vorsichtig den Berg runter. Jetzt bin ich schon ein zweites Mal froh, dass ich die Stöcker dabei habe, denn sie geben mir in dem Moment Halt und Sicherheit. Als ich unten ankomme, schaue ich in den Weg zurück, wo ich zuvor herkam und erblicke niemanden. Ich habe gehofft, dass ich Marina nochmal sehe, doch sie ist wohl noch ein paar Meter außerhalb meiner Sichtweite.

Gut gelaunt folge ich weiter der Markierung. Der nächste Anstieg lässt nicht lange auf sich warten. Diesmal ist es wieder anstrengender. Irgendwann fällt mir auf, dass ich eine Mountenbike Line hochlaufe. Ich frage mich, wie es wohl ist hier runter zu laufen. Das werde ich wohl in meiner zweiten Runde herausfinden.

Als ich den Anstieg absolviert habe, bleibe ich stehen. Ich schaue nach links und rechts und genieße die Fernsicht. Ich frage mich, ob ich wirklich in Hagen bin. Doch die Strecke bleibt schwierig zu laufen.

Es geht über quer liegende Bäume, unebenen Boden und vor allem es geht ständig leicht bergauf. Ich frage mich, wann es endlich mal wieder bergab geht. Es ist ein Wechsel zwischen Laufen und schnellem Wandern, was mich in dieser Phase nach vorne bringt.

Es wechselt sich immer wieder das Bild ab. Mal laufe ich im Wald und dann habe ich wieder weite Aussichten. Meine Uhr berichtet mir irgendwann, dass ich nun 10 km absolviert habe. Ich verlasse in den Moment einen Waldabschnitt und blicke nach links in die Ferne. Ich träume etwas und genieße die Natur. Plötzlich laufe ich neben zwei Pferden vorbei und frage mich, was ich heute noch alles sehen werde. Zum Beispiel der Bauernhof, der direkt vor mir ist. Aber wieso sehe ich keine Markierung mehr? Ich schaue auf die Uhr und sehe, dass ich mich ordentlich verlaufen habe. Bei dem letzten Waldstück hätte ich beim Verlassen nach rechts orientieren müssen. Wie gut, dass mein Blick nach links die Aussicht genossen hat.

Ich laufe gute 200, 300 m zurück und kehre auf den markierten Weg zurück. Dort kommt mir Frank entgegen. Wir treffen uns damit ungefähr auf der Hälfte der Runde. Er weist mich darauf hin, dass es gleich für mich richtig bergauf geht. SUPER… Wann geht es mal bergab?

Wir verabschieden uns laufen weiter. Doch es geht endlich erst einmal für mich bergab. Hier kommen mir einige Läufer entgegen, die nach einem Pfeil suchen und froh sind, dass ich ihnen entgegenkomme. Jemand hat wohl einige Markierungen entfernt. Ich treffe kurz danach eine Läuferin, die auf fehlende Pfeile hinweise. Sie meint, davon hätte sie auch schon gehört. Ich bin überrascht, wie schnell sich das herumspricht. Aber ich tippe, dass in der Chatgruppe wohl die Informationen schnell fließen.

Es folgt wieder ein bergauf Stück. Es offenbaren sich große Wiesen, Ausblicke und es fühlt sich beruhigend an. Ich fühle mich gut. Im Nachhinein muss ich klar sagen, ich fühle mich besser, als es auf so manchen Bildern aussieht. Klar, niemand sagte, dass es leicht wird, aber ich genieße den Moment und die Strecke. Ich merke umso mehr, wie sehr es mir fehlt in den Alpen zu laufen.

So drücke ich mich den Anstieg mit den Stöckern hoch, vorbei an Höfen und wenigen bewohnten Häusern. Kurz danach treffe ich Torsten und Reinhard sowie Kerstin und Frank. Wer den Moment aus ihrer Sicht sehen möchte: Hier ist das Video, dass unser Treffen festhielt: https://www.youtube.com/watch?v=TKRdsXcrQHE

Es geht weiter und es folgt ein bergab Stück, dass mich zwingt über Stämme und Äste zu klettern. Ich krieche da eher drüber. Danach geht es weiter bergab. Nur einmal so nebenbei: Wieso gibt es keine flachen Abschnitte? Es geht nur bergauf oder bergab. Zurück zum aktuellen bergab – Abschnitt.

Ach endlich es mal einfach laufen lassen. Ich komme zu einer Kreuzung, sehe einem Pfeil und folge dem Downhill. Dieser Weg lässt sich wirklich gut laufen. Es ist fast zu schön um wahr zu sein. Mit großen Schritten laufe ich weiter und schaue auf die Uhr und erstarre. Verlaufen! Es ist zu schön, um wahr zu sein. Ich blicke hinter mich und sehe einen Anstieg. Es formt sich ein Gedanke: Dann gibt es heute einige Extrahöhenmeter! Also laufe ich bis zur Kreuzung zurück. Ich sehe, dass der Pfeil den einen danebenliegenden Weg meinen könnte. Gut, dann nehme ich halt den anderen Weg.

Einige Grüße und freundliche Läuferinnen und Läufer später bin ich auf dem einem Stück was sozusagen die Mitte der acht symbolisiert und laufe es zurück. Ich erblicke am Ende eine andere Mountenbike Line, die ich nun hochlaufen darf. Yeah! Und nur mal so in den Raum gefragt: Geht wieder oder immer noch bergauf?

Als ich beim passieren eines Mountenbikes inklusive des Fahrers den Gipfel erreiche, erkenne ich, dass es kein Gipfel ist und es einfach nur flacher bergauf geht. Dort treffe ich Gabi. Wir grüßen uns kurz und tauschen uns aus. Ich zücke mein Handy und sie reagiert mit einem: „Wie jede Woche?“ Und ich lächle und meine „Klar!“.

Nach dem kurzen Gespräch bringen mich meine Beine weiter und ich bemerke, dass ich gut vorankomme und folge dem Forstweg. Einige hundert Meter später sehe ich auf die Uhr und gucke in den Himmel und es entgleitet mir ein Schrei: „MAAAAAAAAN!“ Ich drehe mich um und laufe zurück. Ich habe mich nun zum dritten Mal verlaufen und stelle fest, dass ich eine Abzweigung übersehen habe, die bergauf führt. Dreimal habe ich mich nun verlaufen. Ich ärgere mich über mich selbst und ich beschließe erstmal zügiger zu laufen und diesen Ärger über mich selbst gleich zu verarbeiten. Nach ein paar hundert Metern ist die Welt wieder in Ordnung und ich bin wieder gut gelaunt.

Mir kommen wieder einige Läufer*innen entgegen, grüßen freundlich und wechseln ein paar Worte. Nach einigen weiteren Laufmetern treffe ich Jan-Philipp, der Organisator und er fragt, wieso ich ihn nicht einhole. Ich berichte ihm, dass ich mich dreimal verlaufen hätte. Dann trennen sich unsere Wege. Was jetzt folgt, ist ein Wechsel zwischen Forstwegen und erneut sehr schönen Singletrails. Ich laufe recht zügig und erfreue mich wieder an dem Moment und der Strecke, den Aussichten. Wenn jetzt noch blauer Himmel wäre, wäre es perfekt. So blicke ich ständig in die Ferne oder nach Hagen-Hohenlimburg und bin überrascht, wie weit über den Häusern ich noch bin.

Wie aus dem Nichts taucht plötzlich vor mir die Zeittafeln auf. Geschafft! 22,5 km zeigt mir meine Uhr. Ich trage mich direkt ein und laufe zum Auto. Dort fülle ich meine Vorräte auf und rede mit anderen, die ebenfalls gerade ihre Runde beendet haben und sich auf eine zweite Runde vorbereiten.

Nach nicht mal zehn Minuten folge ich schon den grünen Pfeilen und beginne meine zweite Runde. Es geht zurück über die Forstwege und den Singletrails. Ich finde den Anstieg gleich viel leichter zu laufen. Nach 24 km treffe ich Marina wieder, die sich mit zwei Männern zusammenschloss. Die drei beenden bald ihre erste Runde. Ich frage sie, ob sie eine zweite Runde angehen wird, was sie verneint. Wir machen ein Foto und trennen uns wieder. Kurz danach werde ich von Spaziergängern angehalten, die mit ihrem Hund unterwegs sind. Sie erkundigen sich neugierig, was heute los sei, denn sie hätten auch die Whiteboards entdeckt. Ich berichte Ihnen von den Streckenempfehlungen und sie finden die Idee toll.

Ich laufe an der Stelle vorbei, an der mich zuletzt verlaufen habe. Diesmal bleibe ich an dieser Stelle auf dem rechten Pfad und bin erleichtert. Es fühlt sich wie ein kleines Pflaster an, oder wie etwas Trost. Ich bin mir sicher, dass ich mich jetzt nicht mehr verlaufen werde. Schließlich kenne ich jetzt die Runde.

Es geht zurück in den Wald, die eine Mountenbike Line entlang und schon sind einfach so sechs Kilometer vergangen. Einfach so. Die grüne Laufrichtung läuft sich bisher sehr viel angenehmer.

Bei 29 Kilometern treffe ich Torsten und Reinhard wieder. Wir unterhalten uns lange, fast 10 Minuten über Torstens unglücklichen Umstände und das er letzte Woche nicht teilnehmen konnte, über unsere alten Läufe und welche T-Shirts wir tragen und sonst noch über das eine oder andere. Ich mag diese Unterhaltungen mit den Beiden. Irgendwann reiße ich mich los. In meinem Hinterkopf schwebt immer noch das Vorhaben unter sechs Stunden zu bleiben.

Dann trennen wir uns und folgen jeweils unseren Markierungen. Egal ob es gerade bergauf oder bergab geht, ich laufe und erlebe diese „grüne“ Runde als sehr kurzweilig. Etwas später lasse ich gut gelaunt auch die zweite Stelle hinter mir, an der ich mich verlief. Es bleibt einfach ein gutes Gefühl. Ich klettere über Geäst sowie Stämme und klettere nun dafür bergauf. Dann passiert nicht viel, denn ich bin weitestgehend alleine unterwegs. Ich erreiche die wenigen Häuser und freue mich auf die Wiese, die danach folgen müsste.

Dann komme ich zu einer Kreuzung und sehe dort mehrere Markierungen für Wanderwege. Ich kann meine Uhr gerade nicht richtig lesen und beschließe gerade aus zulaufen. *Zonk Melodie* Ich bleibe nach 20 m stehen und bin mir sofort sicher, dass dies nicht der Weg ist. An der Kreuzung umlaufe ich einen Traktor, der mitten auf der Kreuzung steht und folge einem anderen Weg. Ich bin mir sicher, dass ich diesmal richtig bin … *Zonk Melodie erklingt erneut* Eine Frau ruft mir zur „Sie müssen zurück und dahinten nach rechts abbiegen! Sie stehen vor unserem Innenhof. Da ist kein Durchgang.“ Ich rufe zurück: „Vielen Dank und entschuldigen Sie bitte. Ich wollte nicht stören.“ Wir verabschieden uns in der Ferne. Ich folge dann endlich den richtigen Weg. Mein „Ich verlaufe mich“-Counter ist nun bei vier.

Endlich geht es wieder über diese Wiesen mit dem schönen Ausblick. Diese Strecke, insbesondere dieser Abschnitt ist meiner Meinung nach einfach schön.

Und ich genieße das runterlaufen. Ich kann es selbst kaum glauben, was ich da gerade denke. Doch mir ist auch bewusst, dass der nächste Anstieg nicht lange auf sich warten lässt. Gibt es überhaupt richtig flache Abschnitte heute? Ich denke eher nicht. Beim nächsten Anstieg hab ich gute 33 km auf der Uhr und ich beschließe etwas zu Essen. Ich habe das Gefühl, dass ich Hunger bekomme. Bei leichten Nieselregen, mitten im grünen Wald auf einem Anstieg, esse ich genüsslich, was ich mir zuvor in der Pause in den Rucksack packte. Als das Ende des Anstieges erreicht ist, laufe ich sehr langsam weiter, damit mein Magen erstmal in Ruhe arbeiten kann.

Vor mir tauchen zwei Reiterinnen auf, die mir auch dankbarer Weise etwas Platz machen, nachdem ich mich vorsichtig angekündigt hatte. Kurz danach treffe ich Frank auf der Hälfte der Runde wieder. Er meint, dass die orange Richtung kaum laufbar sei. Ich stimme ihm zu. Die grüne Runde mache mir auch viel mehr Spaß und fühle sich nicht so an, als würde es ständig bergauf gehen. Er stimmt mir zu, dass ihm die grüne Runde ebenfalls besser gefällt.

Wir folgen wieder jeweils unseren Markierungen. Ich lasse es laufen und folge entspannt einem Weg. Es sieht alles so heimelig aus, ja gerade zu als, wenn ich auf einem Abenteuer bin und versteckte Wege suche. Instinktiv gucke ich regelmäßig auf die Uhr und bleibe stehen. Ich könnte jetzt zur letzten Kreuzung zurücklaufen, oder gute 50 m durch das dornige Unterholz robben. Ich überlege kurz und komme zum Entschluss: Unterholz! Als ich mit großen Schritten und elegant, wie ein Klotz Holz was einen Abhang runterfällt, mich an den dornigen Sträuchern vorbeibewege, hinterfrage ich mich selbst wieso ich mich heute so häufig verlaufe. Als ich auf dem richtigen Weg bin erhöht sich mein Verlauf-Counter auf fünf. Doch mein Glück des richtigen Weges hält nur 400 m. Ich erreiche eine Kreuzung… Ach verkürzen wir das: Das ist das Verlaufen Nummer sechs! Erneut nach 100 m umdrehen, lächeln, zurücklaufen und den richtigen Weg wieder finden. Gesagt, getan.

Und dann endlich erreiche die eine Mountenbike Line, bei der ich mich fragte, wie sie wohl runterzulaufen sei. Ohne Furcht umzuknicken, springe ich sie fast runter. Ich nutze zwar meine Stöcker, doch so ein Gefühl bei einem Downhill hatte ich seit vielen Jahren nicht mehr. Es großartig hier zu laufen. Ich nehme den ganzen Schwung mit und renne den gesamten Anstieg runter. Ich passiere drei Wanderinnen und Wanderer, die die Streckenempfehlung des Ballon – A – Thon folgen. Ich renne weiter und die Kilometer zerbröseln unter meinen Füßen und plötzlich stehe ich vor dem Arschlochberg. Diesmal muss ich kräftig kämpfen, um ihn zu erklimmen.

Ich nehme am Ende des Berges das Buch, trage etwas Zweites ein und steige wieder ab. Dabei treffe ich Nils, der mir erst berichtet, dass er diese Beiträge liest. Ich frage ihn, ob er diesmal mit dabei sein möchte und er meint sinngemäß: „Klar.“ Ich zücke mein Handy und mache ein Foto von uns. Wir unterhalten uns noch kurz, bevor ich aufbreche und diesen wundervollen Berg mit den Stöckern runterwandere.

Als ich den Weg am Fuße des Arschlochberges erreiche, laufe ich weiter. Meine Uhr sagt mir, dass ich immer noch auf einen Kurs von unter sechs Stunden sei. Ich nehme ein gutes Tempo auf.

Doch dann treffe ich erneut Torsten und Reinhard und wir verquatschen uns. Als ich aufbreche und wir uns für heute verabschieden, kommt Frank. Er lief doch die zweite Runde entsprechend der orangen Markierung und nun folgt er der grünen Markierung? Ich frage ihn und er berichtet mir, dass er sich verlaufen hätte, und zwar richtig. Er kam erst bei dem Buch auf dem Arschlochberg raus. Ich fühle in dem Moment mit ihm. Ich verlief mich zwar nicht so stark, aber dafür sechsmal. Wir vergleichen unsere Kilometerstände, da er die Sorge hat nicht auf die 42 km zu kommen, für zwei vollwertige Runden. Ich beruhige ihn und sage ihm, dass ich wohl bei 44 Kilometer rauskommen werde und er hat nur einen Kilometer weniger auf der Uhr.

Ich teile ihm auch mit, dass ich weiterhin versuchen werde unter sechs Stunden zu bleiben. Er meint, er geht es lockerer an. Für ihn sei es nur wichtig, dass er die 42 km voll bekommt. Als ich eine höhere Schrittfrequenz angehe, sagt er, er würde es lockerer angehen und mich ziehen lassen. Wir verabschieden uns.

Und dann laufe ich wie der Wind… zumindest gefühlt. Es geht nun mehrere Kilometer immer leicht bergab. Ich renne und wechsel zum ersten Mal in eine Art Wettkampfmodus auf dem Ballon – A – Thon und dabei renne ich nur gegen die Uhr, die Jan-Philipp aufgestellt hat.

Bei 40,5 km bleibe ich kurz stehen, da ich Kerstin und Frank wiedertreffe. Wir unterhalten uns kurz. Die Zeit muss einfach sein und die nehme ich mir auch. Für solche Momente bin ich ja primär hier. Ich ziehe meinen Hut vor den Beiden. Da laufen sie 100 km in der Woche zuvor und jetzt einen sehr anspruchsvollen Marathon. Chapeau!

Und was dann passiert ist wie eine Heilung. Ich laufe den Singletrail bergab in einem Tempo und mit einer Sicherheit, die mich selbst überrascht. Was ist mit den erwähnten Matschpfützen? Pah ich renne voll durch. Angst umzuknicken? Verschwunden. Seit 4 Jahren fühle ich mich nicht mehr sicher und habe eine Blockade immer stabil im Tritt zu bleiben, wenn ich bergab laufe. Es scheint, dass ich meine negativen Erfahrungen und damaligen Verletzungen durch die Downhills vom Transalpine Run 2016 langsam überwinde und verarbeite. Ich wünschte eine gute alte Freundin und meine damalige Begleitung vom besagten Lauf wäre jetzt da und würde das sehen. Liebe Juliane, ich wünschte, du hättest mich in diesem Moment begleitet.

Die Beine werden jetzt durch den Kraftakt müde, doch ich halte die Geschwindigkeit und renne so lange und so weit wie ich kann und erlebe dabei eine riesige Lauffreude, die mich ständig antreibt. Ich muss zwischendurch auch wieder gebückt laufen, denn der letzte Singletrail des Tages wird wieder eng und die Äste hängen immer noch auf der Höhe meines Gesichtes.

Tja. Wenn da nicht der letzte Anstieg gewesen wäre. Ich laufe und wandere ihn abwechselnd hoch. Als ich den Parkplatz erreiche, sehe dort Marina auf einem Stuhl sitzend. Sie ruft mir etwas zu, was ich gar nicht wirklich verstanden habe, weil ich mich so auf das Laufen konzentriere. Ich rufe ihr zu „Dein Mann hat sich verlaufen. Er kommt gleich und ist hinter mir. Vielleicht braucht er etwas Trost.“ Dann blicke ich fest in Richtung des Whiteboards und beiße die Zähne zusammen.

Als ich das Whiteboard erreiche und die Uhrzeit sehe, juble ich… aber nur innerlich. Für alles andere habe ich gerade keine Luft und Kraft. Ich habe es geschafft und blieb auf unter 6 Stunden. Ich hole Luft und erhole mich kurz. Nachdem ich meine Zieluhrzeit eingetragen habe, mache ich noch ein kurzes Finisher-Selfie. Erleichtert gehe ich zurück zum Auto, wo mir Frank entgegenkommt. Auch er wird es unter sechs Stunden schaffen und seinen Marathon erfolgreich beenden.

Ich unterhalte mich hintereinander auf dem Parkplatz noch mit Frank, Marina, Gabi, Sandra und Christian. Hätten wir eine Diskussionsgruppe gehabt, wären wir mit mir zu sechst gewesen. Das sind zudem alles Personen, über die ich schon in den vergangenen Berichten schrieb. Es freut mich, dass ich so viele nette Menschen durch diese Laufreihe kennengelernt habe. Ich packe nebenbei meine Ausrüstung ins Auto. Ich denke, die Trailstöcker waren nicht notwendig für die Strecke. Ich bin aber dennoch froh, dass ich sie dabei hatte. Diese Strecke gehört nun zu meinen Favoriten der Ballon – A – Thon Reihe. Es ist auf jeden Fall ein Glanzstück der Reihe und wahrscheinlich die bisher schönste und anspruchsvollste Strecke. Wieder einmal geht mein Dank an Jan-Philipp und seiner Streckenempfehlung. Einfach unglaublich, was er erneut an Zeit und Kraft investiert hat.

Nach über einer Stunde guter Gespräche steige ich in mein Auto. Wieder kommt die Frage in mir auf, ob ich nächste Woche zum Abschluss beim großen Finale dabei sein kann. Doch dies ist nun noch ungewisser als die Woche zuvor. Wir werden es alle sehen. Jetzt geht es aber erst einmal vom Ballon – A – Thon nach Hause und das schon zum sechsten Mal.

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6. Ballon – A – Thon – Einfach tierisch …

Ich sitze in meinem Auto und fahre diesmal nur 55 Minuten bis zum Ballon – A – Thon Nummer 6. Das Motto dieser Woche ist „Uns gehts gut“. Am Ende meiner Route erreiche ich eine Ortschaft. Mein Navigationsgerät ist schlau und führt mich direkt in eine Sackgasse, von der ich den Parkplatz sehe, auf dem ich hätte stehen dürfen. Ich bin also am Parkplatz vorbeigefahren. Ich hoffe das Kapitel verlaufen findet nicht mehr statt, denn das Verfahren habe ich schon auf meiner Habenseite.

Der Lauf, Samstag, 16.05.2020

Es ist die gewohnte Routine an Beginn eines Ballon – A – Thons. Ich ziehe mich um, packe meinen Rucksack und gehe zum Whiteboard. Ich notiere meinen Namen und meine Startuhrzeit und sehe, dass da Kerstin und Frank stehen mit einem Eintrag von Freitag, 21 Uhr. Warte mal… was? Was haben die beiden vor? Ich bin neugierig und hoffe die Beiden zu treffen. Jan-Philipp hatte die Idee einer Grußtafel, an der schon die ersten Grüße hängen. Möglichst viele sollten einen Gruß mitbringen und dort hinhängen. Nur von mir wird an diesem Tag keine Grußbotschaft hängen. Der Fluch des „Ich vergesse mindestens eine Sache pro Ballon – A – Thon zu Hause“ begleitet mich auch diese Woche. Es ist wie erwähnt eine gewohnte Routine an diesem morgen. Aber hey, diesmal habe ich an alles andere gedacht, was ich in den Wochen zuvor vergessen habe. So etwas nenne ich Fortschritt.

Es ist 7:11 Uhr und ich folge am Ende des Parkplatzes dem orangen Pfeil. Die ersten Schritte an diesem Morgen fallen mir schwer. Die vielen Laufkilometer der letzten Woche offenbaren sich langsam in Form einer Müdigkeit. Seit der Woche des 2. Ballon – A – Thon, der zudem mein erster war, halte ich bewusst einen Streak. Das bedeutet, dass ich jeden Tag laufe. Ich denke, sobald die Ballon – A – Thon – Serie vorbei ist, werde ich den Streak wahrscheinlich beenden. Aber es hilft mir jeden Tag bewusst zu machen, in welch außergewöhnlichen und unvergesslichen Phase ich mich aktuell befinde. Das dies sehr viel Kraft kostet, merke ich in diesem Moment.

Die ersten 3 km sind einfach toll. Ein Wald, eine Allee, eine Herde Schafe, ein sonniger Morgen und ein kleines Dorf erfreuen mich direkt zu Beginn des Laufes. Wenn ich in der Sonne laufe, wärmt es mich und ich merke wie die Müdigkeit in meinen Muskeln langsam zurückweicht. Ich bleibe häufig stehen und mache Fotos. Die Luft ist klar und der landschaftliche Charakter ähnelt gar nicht dem von Ascheberg, eine Woche zuvor.

In Ascheberg lief ich ebenfalls viel an Feldern entlang, doch dort sah die Strecke oft gleich aus. Hier wirkt die Landschaft lebendiger, ja einladender. Zudem sind heute alle Wege entweder Wanderwegen oder Fahrradrouten. Allein durch die kleineren Siedlungen gibt es eine erste Abwechslung. Es kommen Erinnerungen an alte Läufe hoch. Vergleiche zu vereinzelten Abschnitten mit dem Thüringen Ultra oder der Brocken Challenge kommen mir in den Sinn. Vielleicht verstärkt das mein Gefühl, dass mir auf Anhieb die Strecke besser gefällt als jene von Ascheberg, eine Woche zuvor.

Es folgen Kühe und Pferde auf Weiden, die an der Strecke liegen. Hier scheint viel Viehhaltung zu existieren. Nach gut fünf Kilometern geht es einen kleinen, leichten Anstieg hoch. Das Windrad scheint mein Ziel zu sein und so laufe ich diesen Anstieg bestmöglich hoch. Dabei stellte ich mich auf eine sehr flache Runde ein.

Ha… schon wieder ein Luftballon. Jan-Philipp der Organisator hat die Strecke diesmal mit einigen Luftballons gespickt. Mein erster Gedanke: Er entwickelt sich auch als Organisator von Woche zu Woche weiter. Die Strecken sind besser markiert, oder sehr gut ausgesucht. Dazu folgt nun diese Woche: Dekorationen an der Strecke.

Direkt nach dem letzten Luftballon sehe ich das Smilie auf der Straße. Diese Woche hat es Sternenaugen. Noch denke ich mir in dem Moment des Laufens nichts dabei. Als ich diese Zeilen schreibe, ist es Montag der 19.05.2020 und er postete diesen Smilie in die Chatgruppe zusammen mit einem Bild von der Strecke des 7. Ballon – A – Thons. Ich stelle hiermit die Vermutung auf, dass dies aktuell das Lieblingssmilie von dem werten Herrn ist.

Die Strecke führt die Straße weiter entlang und ich laufe weiter der Sonne entgegen. Mir ist somit klar, dass ich noch nicht auf dem Rückweg bin. Auf die Uhr schaue ich nur, um mich zu vergewissern, dass ich auf der richtigen Route bin. Laufzeit? Pace? Das ist mir alles egal an diesem Tag. Ich bin sehr früh auf der Strecke und mir wird klar, dass ich wohl vor Kilometer 10 oder 11 niemanden sehen werde. Ich hoffe auf irgendjemanden, der mir entgegenkommt und vielleicht ungefähr zur selben Zeit gestartet ist.

Abgesehen von den Tieren ist es bisher ein einsamer Lauf, der mir viel Raum zum Nachdenken gibt. Ich habe nicht damit gerechnet, dass ich beim 6. Ballon – A – Thon noch dabei bin, und mir wird klar, dass jede weitere Woche ungewisser wird, ob ich es noch schaffe teilzunehmen.

Und so schleicht sich eine leichte Melancholie in meine Gedanken ein. Der Grund, der mich daran hindern könnte, weiter den Ballon – A – Thon zu laufen, ist ein schöner. Wie ich schon im Bericht zum 2. Ballon – A – Thon schrieb, werde ich Vater und das ist etwas wundervolles (An mein Zukunfts-Ich: Ich hoffe, du denkst jetzt nicht „Wenn du bloß geahnt hättest… 😉 )“. Ich denke über einiges nach, was dieses Thema betrifft. Unabhängig davon wird mir eine Erkenntnis bewusst. Ich werde die Ballon – A – Thons vermissen, wenn diese Laufreihe endet oder für mich vorzeitig vorbei ist. Ich kann nur erahnen, was Jan-Philipp hier an Kraft und Zeit investiert hat und umso dankbarer bin ich ihm, ACH VERDAMMT. Warum habe ich diese blöde Grußbotschaft zu Hause vergessen. ARGH.

Als ich weiter laufe, erkenne ich am Horizont zwei Personen. Ich habe damit gerechnet, dass mir jemand entgegenkommt, nicht aber, dass ich jemanden einhole. Ich bin mir erst unsicher wer es ist und erkenne die Personen erst kurz vorher: Kerstin und Frank sind es! Als Frank bemerkt, dass ich auflaufe, springt er mit seiner Kamera zur Seite und filmt. Wir grüßen uns und als die Kamera aus ist, drehe ich mich um und Laufe rückwärts. Ich spreche sie darauf an, ob sie wirklich schon seit 21 Uhr unterwegs sind. Sie bejahen es und Frank verweist auf Kerstin, dass diese heute ihren ersten 100 km Lauf macht. Sie seien nun in der vierten Runde und es wäre in der Nacht sehr kalt gewesen. Ich bin beeindruckt und mir fehlen etwas die Worte. Ich versuche meine Anerkennung irgendwie zum Ausdruck zu bringen. Ich verabschiede mich danach, drehe mich wieder um und laufe normal weiter. (Wer sich ihren Bericht ansehen möchte, kann dies hier sich ansehen: https://www.youtube.com/watch?v=qnciqCQAn0g )

Ich bemerke, dass die Sonne erst neben mir ist und kurze Zeit später hinter mir. Also bin ich nun auf dem Rückweg. Es wird wesentlich lebendiger auf der Strecke, da mir immer mehr weitere einzelne Läufer*innen mir entgegenkommen.

Auch sehe ich weitere Kühe am Wegesrand oder Luftballons, die an Bäumen hängen. Die Kilometer fühlen sich bisher stets kurzweilig an. Ich kann gar nicht mehr ordentlich rekapitulieren, was ich alles für Eindrücke hatte.

Nach 15 km sehe ich eine Herde Pferde, die friedlich frühstücken und mich beobachten. Wenige Meter nur später treffe ich auf Reinhard, der mir von Torsten Unglück berichtet. Lieber Torsten, wenn dies hier liest: Gute Genesung!

Wir unterhalten uns über die letzte und diese Woche, Torsten und über die Eindrücke des Erlebten auf dem Ballon – A – Thon. Es vergehen sicher gute fünf Minuten, bis wir uns trennen und jeder von uns weiterläuft. Ich folge dabei weiter den orangen Pfeilen und er den grünen.

Wer glaubt, dass es alle Tiere waren, die es an der Strecke zu entdecken gab, der irrt! Bei Kilometer 16 gab es noch eine Herde von Kühen, die das taten, was bisher fast alle Tiere taten: Essen! Ich bekomme ebenfalls etwas Hunger, doch mein Auto ist noch 5 km vor mir. Ich folge weiter einer langen, geraden Straße mit der Sonne im Rücken.

Bei Kilometer 17 sehe ich Jan-Philipp und Marina wieder. Ich freue mich beide wiederzusehen. Wir unterhalten uns ebenfalls fast fünf Minuten miteinander, bevor es weiter geht. Vielleicht könnte ja eine Sonderwertung eingeführt werden: „Der Quatscha-Loon“ oder der „Talk-A-Loon“.

Und dann komme ich zu einem Höhepunkt des tierischen Tages. Ich stehe vor diesen Kühen bei Kilometer 18,5 und denke: „Was machen die da? Ist das der Misthaufen der Glückseligkeit?“ Leider werde ich diese Frage nicht beantwortet bekommen und wahrscheinlich ist das auch gut so. Mit einem breiten Grinsen treibt es mich weiter in Richtung des Endes der ersten Runde.

Auf den „letzten“ Metern der ersten Runde treffe ich Gabi wieder. Ihr könnt euch denken, was wir kurz uns unterhalten haben. *hust* Talk-A-Loon *hust*. Dies entwickelt sich langsam zur Routine. Seit dem 3. Ballon – A – Thon reden wir miteinander und es wirkt auf mich stets vertrauter. Hier ein kurzer Nachtrag: Sie lief letzte Woche einen Ultra mit drei Runden.

Der letzte Kilometer geht erneut durch den Wald. Ich finde dieses Stück ebenfalls sehr schön, auch wenn mir die ersten drei Kilometer persönlich besser gefallen haben. Nach dem Wald sehe recht schnell den Parkplatz und laufe zu meinem Auto. Es ist Halbzeit an diesem Tag. Auf dem Parkplatz unterhalte ich mich mit einigen, die ebenfalls an ihren Autos stehen. Sie werden gleich in ihre jeweils erste Runde starten.

Nach einer kurzen Pause gehe ich zum Whiteboard, um mich einzutragen. Da dort zwei Personen sich vor dem Whiteboard unterhalten, bitte ich darum, dass ich kurz etwas Platz haben könnte, um mich eintragen zu können. Sie gehen einen Schritt zur Seite. Man weist mich darauf hin, dass das Board doch schon voll sei und da kein Platz mehr wäre. Eine dritte Person meint dann, dass ich wohl schon eine Runde absolviert hätte. Ich muss lächeln und trage in meiner Zeile meine erste Zieluhrzeit ein, was von einem „ACHSO! Du hast schon eine Runde absolviert“ dann begleitet wird. Wir wünschen uns viel Spaß auf den jeweiligen Runden und ich starte in meine zweite Runde. Es ist 9:11 Uhr. Nun folge ich den grünen Pfeilen und laufe somit die Runde andersherum.

Es geht zurück durch den Wald, wo mir niemand entgegen kommt. Etwas später bei dem Misthaufen der Glückseligkeit sehe ich, das keine Kuh mehr dort liegt. Nein, jetzt fressen sie alle. Na dann, guten Hunger. Ich laufe kurz weiter, bis ich erneut einen roten Ballon sehe. Hing der in der ersten Runde auch schon dort?

Als ich den roten Ballon passiere, laufen mir Kerstin und Frank entgegen. Sie werden wohl zu diesem Zeitpunkt sicher gute 82/83 km absolviert haben. Ich applaudiere und rufe ihnen zu „Sehr stark!“

Ich laufe erst an einer Gedenktafel vorbei, dann einen Feldweg entlang bis ich wieder auf einer Straße laufe. Ich atme tief ein und bewege mich der Sonne wieder entgegen. Hier kommen mir Läufer*innen entgegen, die jubeln, grüßen, winken und sehr gut gelaunt sind. Sowieso ist die Stimmung heute bei den meisten sehr freundlich, entspannt und gelassen. Es ist irgendwie auch herzlicher, familiärer als die Wochen zuvor. Ich kann das schlecht in Worte fassen.

Es geht wieder an Kühen und Pferden vorbei, die mittlerweile mich gar nicht mehr beachten. Ich erreiche eine Bank auf dem ein weißer/silberner Ballon ist. Ich setze mich dazu und mache erst einmal gefühlt 100 Fotos. Eines der wenigen halbwegs gelungenen Fotos hat es in diesen Bericht geschafft. Ich halte einfach mal fest, dass dieser Ballon nicht fotogen ist. Vielleicht hätte ich meinen Stift zücken müssen und einen Smilie darauf malen sollen. Leider komme ich auf solche Ideen erst viel später.

Es wird immer wärmer und ich frage mich, wie es ist hier zu laufen, wenn es deutlich wärmer wäre. Es dürfte wohl unangenehm sein, ist mein Fazit. Zum Glück ist es kurz nach 10 Uhr und entsprechend erträglich. Ich bemerke ein Paar vor mir und laufe auf sie auf. Als ich sie passiere, wechseln wir kurz einige Worte. Was jetzt folgt, ist eine Phase der Einsamkeit und Stille. Da ist nichts, als ich die 30 km passiere.

Da sind keine Tiere am Rande der Wege, keine Menschen, keine Spaziergänger oder Läufer*innen. Ich höre einige Vögel zwitschern aber sonst ist da nur mein eigener Atem und das Klatschen meiner Schuhe auf den Asphalt. Das geht ca. ein Kilometer so. Ich fühle mich gut und erfreue mich am Laufen, doch irgendwie fehlt etwas. Es fehlt die Stimmung, die ich am Anfang der zweiten Runde noch spürte. Ich frage mich: ‚Ist es nicht das Motto „Uns geht es gut“?‘ Ja das ist es. Also möchte ich das genauso ausdrücken. Ich bleibe kurz stehen und zücke mein Handy. Kopfhörer habe ich nicht dabei und ich entscheide mich als kleine „Jukebox für gute Stimmung“ am Ende meiner 2. Runde weiterzulaufen.

Es gibt ein Lied, dass dies für mich gerade sehr passend erscheint. Das erste Lied, das ich anmache, ist ein Cover von den Foo Fighters – Learning to fly. Interpretiert von Rockin‘ 1000 (Könnt ihr euch hier ansehen: https://www.youtube.com/watch?v=JozAmXo2bDE ). Ich fand die Aktion 2015 so toll, wo 1000 Musiker ein Lied gemeinsam sangen, um die Foo Fighter um ein Konzert zu bitten. Das Video drückt für mich ein sehr positives Lebensgefühl, Gemeinschaftsgefühl und Glück aus, dass ich an diesem Tag schon so empfunden habe.

Ich folge den Straßen und der Streckenführung und lasse meine Playlist einfach weiter spielen. Der erste Läufer kommt mir kurz vor 34 Kilometern entgegen und grüßt mir zu. Der zwei bejubelt mich, wahrscheinlich wegen der Musik und ich bejuble ihn. Wir lachen und laufen weiter. Natürlich mache ich mir Sorgen, dass sich jemand beklagen könnte, aber ich sage mir auch, dass jemand oft nur einen kurzen Moment davon gestört werden dürfte und der Ballon – A – Thon ist kein Wettkampf oder Volkslauf. Und so laufe ich als Jukebox weiter.

Bei Kilometer 36 sehe ich kurz Gabi wieder und wir reden kurz über den Tag und verabschieden uns. Jetzt kommen wesentlich mehr Läuferinnen und Läufer entgegen. Die Lieder wechseln und die meisten reagieren eher entspannt und positiv auf mich, als sie merken, dass da Musik läuft. Einige scheinen es zu feiern und einige ignorieren es einfach.

Ich laufe jedoch mit einem Dauergrinsen die Strecke entlang, dass ganz das Motto des Tages ausdrückt „Uns gehts gut“. Ich genieße den Moment, den ich da gerade erlebe. Es geht zurück durch die Dörfer. Die Anwohner grüßen mich zu meiner Überraschung auch und ich grüße zurück. Niemand beschwert sich. Okay, so laut die Musik nun nicht. Als mir Reinhard erneut entgegenkommt, mache die Musik kurz aus, damit ich ihn besser verstehen kann. Er fragt mich, ob ich auf den letzten Meter sei und ich bejahe es und wünsche ihm eine gute zweite Runde. Wir verabschieden uns und werden uns vielleicht nächste Woche wiedersehen.

Die Kilometer ziehen an mir einfach so vorbei. Gefühlt könnte ich ewig laufen. Es ist einfach spannend, wie es läuft, wenn man positiv eingestellt ist. Bei Kilometer 40 sehe ich erneut die Schafherde. Ich frage mich, ob die sich überhaupt bewegt haben. Ich mache schnell ein Foto und folge der Allee und einem kurzen Singletrail. So komme ich zügig dem Ziel des Tages näher.

Etwas später erreiche ich eine Informationstafel. Ich nehme mir die Zeit die Infotafel durchzulesen und laufe erst danach weiter in Richtung des letzten Waldabschnittes.

In dieser Phase sehe ich wieder wesentlich weniger Läufer*innen bis ich im letzten Waldabschnitt des Tages bin. Dort kommt mir Jan-Philipp entgegen. Als ich ihn sehe, bleibe ich stehen und warte auf ihn. Als ich bemerke, dass er mich ansieht, blicke ich übertrieben um mich herum und sehe ihn ernst an. Er schaut mich erwartungsvoll an und ich beginne damit einige alberne Tanzbewegungen zu der Musik zu machen. Wir lachen beide und folgen unseren Pfeilen. Es braucht manchmal nicht viele Worte.

Ich zücke mein Handy und beschließe, dass das letzte Lied des Tages wieder „Learning to Fly“ sein soll. Ich verlasse den Wald und grüße noch einige, die mir entgegenkommen. Hier werde ich auch gefragt, von älteren Herren vom 2. Ballon – A – Thon, ob das Kind schon da wäre, was ich verneine. Dann laufen wir unseren Wegen entsprechend weiter. Ich erreiche den Parkplatz und freue mich den Marathon abgeschlossen zu haben. Vor dem Whiteboard stelle die Musik aus und erblicke Marina, die an ihrem Auto steht. Ich rufe zu ihr, dass ich kurz noch zu ihr kommen werde. Ich trage meine letzte Zielzeit ein und beende meinen heutigen Lauf.

Ich gehe zu Marina und wir wechseln noch einige Worte. Sie startet gleich in ihre zweite Runde. Es ist ihr dritter Marathon in der dritten Woche in Folge und ach ja… auch überhaupt! Sie gehört auch zu diesen positiv verrückten und sympathischen Menschen. Ich erkundige mich nach ihrem Freund Frank, der wohl gerade auf der Strecke unterwegs ist. Als sie in ihre Runde startet und ich zum Auto gehe, um mich für die Rückfahrt fertig zu machen, beginnt ein weiteres Gespräch mit einer Ultraläuferin. Sie berichtet mir von einem 6h Stundenlauf in Werl und das sie diesen Lauf mitorganisiert. Es folgt ein langes, spannendes Gespräch aus dem ich erst viel später losreißen kann, weil ich langsam meine Heimfahrt antreten muss. Abschließend mache ich ein Foto vor der Grußwand und lese mir die Grüße durch. So viele nette Worte sind dort zu lesen. Ich ärgere mich noch mehr, dass ich meine Worte zu Hause gelassen habe.

Ich steige in mein Auto und denke einen Moment lang nach, bevor ich den Zündschlüssel umdrehe. Ich lasse verschiedene Momente vom Tag noch einmal Review passieren. Die Tiere, die Sonne, die Stimmung die Menschen, die ich wiedergesehen habe. Meine Eindrücke enden mit der Tanzeinlage bei Jan-Philipp im Wald. Ja, manchmal braucht es nicht viele Worte, auch wenn das vielleicht im Widerspruch mit diesem Bericht steht.

Ja es geht mir gut. Ich lächle bei dem nachfolgenden Gedanken, den ich bewusst nicht zu Ende denken werde, weil ich mich nicht für ein Satzende entscheiden möchte. Das soll jeder für sich selbst zu Ende denken.

Dieser 6. Ballon – A – Thon war einfach tierisch … *dreht den Zündschlüssel um*.

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5. Ballon – A – Thon – Gemeinschaft

*Ring Ring* Es folgt ein Schlag auf den Wecker und ein Stöhnen. Ich mache das Licht an und sehe die Uhrzeit. Es ist Samstag, der 09. Mai 2020 und es ist 4:00 Uhr.

Der 5. Ballon – A – Thon hat den Untertitel #gemeinsameinsam . Wer die letzten Berichte zu den vorigen Ballon – A – Thon – Läufen gelesen hat, dem brauch ich nicht mehr diesen Untertitel erläutern. Allen anderen sei es empfohlen die vorigen Laufberichte zum Ballon – A- Thon zu lesen. 😉

So stehe ich auf, packe meine Laufsachen und sehe zu, dass ich spätestens gegen kurz vor 5 Uhr im Auto sitze. So bin ich auf dem Weg nach Ascheberg, wo diese Woche die Strecke liegt. Es ist zudem eine Ultralaufwoche. An diesem Tag wäre der WHEW 100 km Ultralauf gewesen, auf dem ich ebenfalls angemeldet war. Doch die Durchführung ist im Moment nicht möglich. Daher bot Jan-Philipp an, der Organisator der Ballon – Laufreihe, auf dem 5. Ballon – A- Thon früher und länger das Whiteboard aufzustellen. Unabhängig davon hatte ich zuvor mir eine Rennsteig-At-Home Startnummer besorgt und den lokalen Vereinen, die den Rennsteig ermöglichen, dafür eine Spende zukommen lassen. Daher dachte ich: Gut, dann laufe ich halt die 75 km an diesem Tag auf der Streckenempfehlung des 5. Ballon – A – Thons.

Ich sagte zu meiner Frau am Vortag, dass ich gerne spätestens um 6:30 Uhr auf der Strecke sein möchte, denn es soll warm werden und ich werde sicher einige Stunden laufen. Als ich ankam, kamen mir die ersten Läufer schon entgegen. Ich dachte ich sei früh, aber ich war bei weitem nicht der Erste.

Der 5. Ballon – A – Thon

Zu meiner Überraschung laufe ich um 6:29 Uhr wie geplant los und empfinde die äußeren Bedingungen als angenehm. Es ist sonnig, kühl und ruhig. Die heutige Runde besteht aus einer A-Schleife (12 km) und einer B-Schleife (9,5 km). Beide zusammen müssen erlaufen werden, damit eine Runde absolviert werden kann. Die Kühe schauen mir zu und ihre Blicke verfolgen mich für einige Meter.

Ich bin ehrlich gesagt müde und die nur vier Stunden Schlaf sind für mich nicht ausreichend. Ich stelle mir die Ultradistanz einmal in meinem Kopf vor, wenn ich an einer Startlinie stehe. Das benötige ich als mentale Vorbereitung, eben damit ich weiß was vor mir liegt. Doch heute bemerke ich erst gute 2 km nach dem Start, dass ich das nicht gemacht habe. Ich hoffe tief in mir, dass meine Müdigkeit verfliegt, denn ich werde jetzt wohl doppelt so lange laufe, wie ich geschlafen habe.

Ich mag lange, gerade Strecken. Ich mag es, wenn ich nicht viel nachdenken muss und es einfach laufen lassen kann. Genauso beginnt der 5. Ballon – A- Thon. Ich laufe eine Straße entlang, dann geht es nach gut 2 km auf einen Forstweg, nur um dann wieder einer Straße zu folgen. Es gibt kaum Markierungen, doch die Strecke ist dank Navigation leicht zu folgen. Dass es keine Markierungen gibt, liegt daran, dass der Organisator am Vortag sein Vorhaben abgebrochen hat, da es Flüchtige eines Unfalls gab, die in der Ecke unterwegs waren. Er wollte wohl Verwechslungen mit seiner Person umgehen.

Nach gut vier Kilometern laufe ich durch einen Wald. Hier ist es noch etwas kühler als auf der Straße und ich erreiche am Ende des Waldweges eine weitere Straße. Dort kommen mir die ersten Läuferinnen und Läufer entgegen. Darunter ist auch Jan-Philipp der mir zuruft, dass ab jetzt alles markiert sei.

Die frischen Markierungen führen mich zurück in den Wald, wo es wesentlich dunkler ist. Die Sonne bricht noch nicht durch. Als ich durch den Waldabschnitt laufe, passiere einen Hochsitz. Einen Moment lang zucke ich zusammen und überlege, ob ich sie erneut zählen soll, was eine Aufgabe auf dem letzten Ballon – A – Thon war. Den Gedanken verwerfe ich aber und laufe weiter.

Als der Wald hinter mir liegt, stehe ich an einer Landstraße. Ich bin etwas überrascht, als ich dieser folgen soll. Ich laufe langsamer und vorsichtiger, da ich Autos erwarte, die ein höheres Tempo haben könnten. Ich vermute, dass es doch gleich irgendwo und ganz plötzlich erneut in einen Wald gehen wird. Die Markierungen bestätigen meine Vermutung. Es ist ein Off-Trailabschnitt und dieser ist hervorragend markiert.

Ich verlasse den Wald, laufe an einem Hof vorbei und betrete erneut einen kurzen Waldabschnitt. Als ich das Licht und Schattenspiel bemerke, beschließe ich ein Foto von diesem Moment zu machen. Es ist diese morgendliche, frühe Atmosphäre die ihren eigenen Charme hat. Glücklicherweise ist meine Müdigkeit aktuell verflogen und ich bin hell wach.

Was nach dem Wald folgt lässt sich leicht beschreiben. Folge der Straße. Es geht im Grunde immer gerade aus. Ich sehe auf meiner Uhr, dass ich nun gute 8 km von der orangen A Schleife absolviert habe. Mir wird klar, dass ich nun auf dem Rückweg bin. Hier kommen wir auch weitere vereinzelnde Läufer entgegen. Wir grüßen uns und folgen unseren Wegen. Ich genieße es in diesem Moment gegen die Sonne zulaufen

In dieser ersten Runde ist auf der Strecke wenig los, denn ich sehe fast niemanden. Aber es verwundert mich nicht. Immerhin ist es gerade mal 7:10 Uhr. So folge ich der langen, geraden Straße. Die Strecke ist dieses Mal nicht so abwechslungsreich, wie die beim 4. Ballon – A – Thon. Aber nachdem ich letzte Woche kaum Ruhe gefunden habe, ist diese Strecke für eine Ultramarathondurchführung wesentlich entspannter und auch leichter. Die ganze Strecke wirkt auf mich wie ein „Cool Down“ zu Arnsberg. Das nennt man wohl Abwechslung.

Der 2. Ballon – A – Thon war bergig, der 3. war flach und am Kanal, der 4. war sehr bergig und der fünfte ist nun wieder flach. Ich frage mich, wie nun wohl der 6. wird. Ich lasse den Gedanken vorerst fallen und besinne mich auf den aktuellen Lauf.

Plötzlich kehre ich in die Straße des Whiteboards ein und sehe viele Autos. Ich bin überrascht wie voll es mittlerweile geworden ist. Auf der Strecke merkte ich davon bisher nichts. Ich schaue auf den Boden und bin hinsichtlich der Markierung verwirrt. Ich dachte ich laufe eine 8, wenn ich die A- und B-Schlaufe laufe. Doch ich muss für die orange B-Schleife erst zurücklaufen. Der Gedanke gefällt mir nicht. Ich entscheide mich dagegen und auch wenn ich gerade eine orange A-Schleife lief, so folge ich der Markierung für die grüne B-Schleife. Dafür werde ich dann bei der grünen A-Schleife, die orange B-Schleife laufen, um das wieder auszugleichen.

Die B Schleife beginnt da, wo die A-Schleife aufgehört hat. Lange Straßen, die fast immer gerade aus verlaufen. Ich laufe an einer Baumreihe mit einem Bach vorbei und sehe links und rechts erst Felder und später Pferde und Kühe gefolgt von noch mehr Feldern. Die B – Schleife ist kürzer und einfacher gestrickt. Die ersten gut 3 oder 4 Km nach einer Querung einer Bundesstraße muss ich nicht groß irgendwo Abbiegen. Ich sehe in der Ferne ein kleines Waldstück und bemerke, wie mich die Pfeile dorthin führen. Hier wird es auch abenteuerlich. Es gibt einen schmalen Pfad, der mich durch den Wald führt. Ich kann hier kaum Laufen, da die Brennnesseln und Disteln wirklich „stichhaltige Argumente“ besitzen, sodass ich eher vorsichtig gehe.

Nach diesem kurzen Abenteuer geht es weiter. Über einen Pfad mit Tonscherben und einem Hochsitz folge ich anschließend kurz einem Feldweg. Dann geht es wieder auf eine Straße und gerade aus führt. Zwar folgt noch hier und da eine Kreuzung aber ich kann es gut laufen lassen. Zum Ende der Runde laufe ich auf ein Läuferpaar auf und grüße sie kurz. Dann geht es weiter zu dem Whiteboard und somit dem Ende meiner ersten Runde. Ich bin erneut überrascht, wie viele Autos hier mittlerweile stehen. Ich frage mich, wo sich alle verstecken, weil ich einfach niemanden sehe. Aber vielleicht sind die anderen in der A-Schleife und ich sehe sie nur nicht?

Ich trage meine 1. Runde ein und laufe weiter zum Auto. Es ist Zeit für eine kurze Pause. Ich esse etwas und trinke reichlich. Gerade das Essen ist einfach wichtig auf einem Ultralauf. Da es nicht möglich ist viel zu verdauen, muss zumindest ich kontinuierlich immer etwas essen. Ich möchte nun diese Runde exakt Rückwärts laufen. Also beginne ich mit der orangen B-Schleife.

Mir fallen Punkte auf, die mir zuvor nicht aufgefallen sind. Hier ein Graben mit Weiden, dort eine Bank mit Kreuz und Blumen. Es wirkt alles so einladend zum Pausieren und zum Verweilen aus. Doch ich laufe weiter. Ich erreiche den kurzen Feldweg, wo mir ein Läufer mit seinem Hund entgegenkommt. Ich denke einen Moment an meinen Hund, doch die Kleine ist noch nicht so weit, dass sie einen Halbmarathon laufen kann. Dafür muss sie noch etwas mehr trainieren.

Es geht weiter in den abenteuerlichen Waldabschnitt und dann folgt die lange, gefühlt endlose Straße zwischen den Feldern.

Ich finde, dass die Strecke immer noch sehr leer ist. Ich erblicke niemanden und die tierischen Zuschauer am Rande des Weges scheinen zu frühstücken und interessieren sich nicht mehr für einen Laufenden.

Und es passiert sonst einfach mal nichts. Kurz vor dem Ende der B-Schleife kommen mir einige Läufer*innen entgegen. Wir grüßen uns und laufen entsprechend weiter. Am Ende dieser kleinen Schleife sehe ich eine Stute mit ihrem Fohlen und bleibe stehen. Ich finde das schon sehr süß, wie es seiner Mutter hinterherläuft.

Ich blicke zu meiner Linken und sehe die Autos und weiß, dass ich dort mich erneut verpflegen kann. Ich reiße mich von dem Anblick des Fohlens los und sehe zu, dass ich zum Auto komme. Es folgt eine kurze Verpflegungsphase und einige Läufer*innen, die mein Auto passieren, grüßen mich und wir tauschen ein bis zwei Sätze aus. Ich erhalte Lob für meinen letzten Blogeintrag und bedanke mich. Ich meine es so, als ich antworte, dass ich mich freue. Es ist doch schön, wenn ich durch diese Beiträge anderen etwas Unterhalten oder eine Freude machen kann.

Ein Läufer fragt mich, wie lange ich heute laufen werde. Ich meine nur, dass ich mind. 75 km schaffen möchte, wegen dem Rennsteig-At-Home. Wie viel ich denn schon geschafft hätte, ist seine nächste Frage. Das ist eine wirklich gute Frage, denke ich mir. Ich schaue auf die Uhr. Gute 30 km, entgegne ich. Worauf hin ein „Also einen Marathon hast du noch vor dir.“ als Antwort folgt. Diese Erkenntnis macht mir selbst etwas Angst. Ich schüttel den Gedanken von mir ab, was noch vor mir liegt. Ich schmeiße alles wild ins Auto, nehme noch einen Schluck Wasser und packe mir eine Wasserflasche für Unterwegs ein. Als ich loslaufe, kommt mir Gabi entgegen, von der ich unter anderem auch im Bericht zum 4. Lauf der Reihe schrieb. Wir unterhalten uns miteinander. Als kurzer Nachtrag: Sie lief beim 4. Ballon – A – Thon keinen Halbmarathon, sondern zwei Runden und somit einen Marathon. Warum wir uns in der zweiten Runde nicht gesehen haben, könnte daran liegen, dass sie sich etwas verlaufen hatte. Für diesen Ballon – A – Thon plane sie bis zu drei Runden, sprich einen Ultralauf.

So geht es für mich weiter. Es folgt die grüne A-Schleife. Wieder geht es die Straßen entlang. Bei Km 31,5 sehe ich einen Ballon an einer Bank und ich bin mir sicher, dass dieser zuvor noch nicht gehangen hat, oder ich war wegen der Müdigkeit einfach nicht aufmerksam. Immer mehr Läufer kommen vereinzelnd mir entgegen doch eine Phase beginnt, in der ich nur wenige Fotos machen werde.

Als ich zu den Waldpassagen komme, sehe ich eine Frau, die ihr Fahrrad so quer stellt, dass ich nicht dran vorbeilaufen kann. Der erste Satz, der fällt ist „Wissen Sie eigentlich was Sie machen?“ Ich beschließe ruhig und sachlich zu bleiben und antworte schlicht: „Ich laufe alleine. Das ist erst einmal erlaubt.“ Darauf hin erhalte ich im aggressiven Tonfall Hinweise, was ich alles nicht dürfe. Ich höre mir alles an. Sie holt wohl ihren Mann (?) dazu, der mir sehr sachlich und ruhig erklärt, dass aktuell Brutzeit ist und das der Wald vor mir ein ausgewiesenes Schutzgebiet sei. Er erlaubt es mir, sowie den Anderen an diesem Tag da langzulaufen. Ich bedanke mich für die Aufklärung und die Erlaubnis. Ich frage nach, ob ich woanders langlaufen solle oder mich entsprechend anders verhalten solle. Der Landwirt / Eigentümer sagt, dass ich ruhig nun dem Weg folgen soll und mich nicht entsprechend anders verhalten muss. Nun sind die Rehe sowieso fort, daher würde es an der Situation nichts ändern.

Als wir uns verabschieden, bedanke ich mich erneut für die Aufklärung und Erlaubnis. Ich werde sehr nachdenklich und überlege, wie ich jetzt damit umgehen solle. Ich möchte nicht durch mein Laufverhalten eine gewisse Situation verschlimmern oder gar negativ auffallen. Das wirft ja auch ein schlechtes Licht auf alle anderen, die laufen.

Als ich die eine Waldpassage hinter mir lasse und an einer Landstraße entlang laufe, kommen mir von einer Seitenstraße andere Läuferinnen und Läufer entgegen. Ich frage sie, ob sie umgeleitet wurden, was sie bejahen. Sie sollten nicht mehr durch den einen Waldabschnitt laufen, sagte wohl die Tochter des Landwirts.

Ich laufe erst einmal weiter und bin überrascht wie sehr mich das Thema beschäftigt. Ich beschließe zwar hier und da ein Foto zu machen, aber wirklich frei und gelöst fühle ich mich nicht. Ich beschließe, dass ich die eine Waldpassage nicht mehr laufen werde, auch wenn ich die Erlaubnis habe. Die nächsten A-Schleifen werde ich die Straße entlang laufen, in der die anderen Läuferinnen und Läufer für mich rauskamen.

Ich beende die zweite vollständige Runde und habe damit einen Marathon absolviert. So bleiben mir heute noch 33 km. Ich trage mich auf dem Whiteboard ein und gehe zu meinem Auto. Ich setze mich in den Kofferraum und verpflege mich. Es wird Zeit für den restlichen Lauf das Thema mit dem Wald abzuschließen. Ich habe für mich eine Entscheidung getroffen. Es ist wohl mehr Aktionismus, als eine sinnvolle und tief durchdachte Handlung. Dennoch fühle ich mich mit dem Entschluss besser und nach einem Marathon bin ich eher selten noch mental auf voller Höhe, um tief durchdachte Handlungen zu durchdenken.

Nach ein paar Minuten im Kofferraum fühle ich mich gestärkt die nächsten 12 Kilometer anzugehen. Diesmal soll es die orange A-Schleife werden. Es wird mittlerweile deutlich wärmer, aber noch macht mir die Wärme weniger zu schaffen. Ich versuche zügig voranzukommen, da ich befürchte, dass sich dieser Umstand noch ändern wird und die Hitze unangenehm werden könnte. Doch schon nach 5 km auf der zweiten Runde treffe ich beiden wieder, die ich auf dem Arschlochberg auf dem 4. Ballon – A – Thon traf. Diesmal erkundigte ich mich nach ihren Namen: Sandra und Christian. Wir tauschen uns über den Lauf aus und reden auch so noch kurz miteinander. Dann verabschieden wir uns, denn sie laufen gerade die A-Schleife und folgen den grünen Markierungen.

Kurz danach schaffen es Reinhard und Torsten und ich im zweiten Anlauf an diesem Tag ein Foto zu machen. Den ersten Anlauf gab es beim eben erwähnten Fohlen, doch ich wollte zum Auto und die beiden starteten gerade ihre B-Schleife. Günther gesellt sich ebenfalls dazu und so entstand bei ca. 50 Kilometer unser vierer Selfie. Auch ihre Namen erfuhr ich heute, auch wenn wir uns an diesem Tag oder in den Wochen zuvor schon grüßten und kurz unterhielten. Kaum hatten wir uns verabschiedet, traf ich zwei Kilometer später Frank und Kerstin. Die Treffen folgen so schnell aufeinander, dass ich beschloss diesen Blockeintrag „Gemeinschaft“ zu nennen. Ich hatte in meinem Bericht zum 4. Ballon – A – Thon davon geschrieben, dass es nun eine Gemeinschaft gibt und ich habe es mehr denn je auf diesem Lauf gemerkt. Daher ist es schon schade, dass nur noch drei Läufe folgen. Machen wir uns nichts vor. Die Ballon – Laufreihe ist da, wo ich mich an diesem Tag bei ca. 50 km befinde: Auf dem Weg in Richtung Ziel.

Kurze Zeit später erreiche ich mein Auto. Ich erhole mich kurz und entscheide, dass ich abschließend den grünen Markierungen der B-Schleife folge. Die lange Straße zwischen den Feldern war besonders knackig, da es doch mittlerweile warm geworden ist und die Sonne drückt. Ein letztes Mal gehe ich durch den abenteuerlichen Waldabschnitt, vorbei an dem Hochsitz an dem Pfad voller Tonscherben.

Doch nach dem Wald geht es genauso weiter, wie vor dem Wald: Sonne und kein Schatten. Ich versuche zu beißen und freue mich, als ich eine Läuferin vor mir erblicke. Ich laufe zu ihr auf. Nicht ganz alleine zu sein, gibt mir Kraft. Als ich sie überhole, reden wir kurz. Die Wärme tut ihr ebenfalls nicht gut. Immerhin ist sie in ihrer ersten Runde am heutigen Tag und hat noch die A-Schleife vor sich.

Als ich weiter laufe, fällt mir mehrmals die Ballon – A – Thon Nummer hinten aus der Halterung am Rucksack. Der Wind hat zugenommen und einmal fällt sie sogar in einen Graben. Sagen wir so, einen Graben herunterklettern und sich zu bücken ist nach über 60 km nicht mehr ganz so leicht. Ich falte die Nummer und stecke sie mir in die freie Tasche vorne vor der Brust. Als ich beim Auto ankomme, fühle ich mich platt. Ich laufe dennoch eine kleine Extraschleife bei den Autos, da ich ja etwas abgekürzt hatte in der letzten A-Schleife. Einige schauen mich fragend an und ich erkläre es kurz mit den Worten „Ich bin da an einer Stelle zu kurz gelaufen.“ Nachdem die 63,3 auf meiner Uhr erscheint trage ich mich auf dem Whiteboard ein und mache eine fast 15 minütige Pause.

Es fällt mir schwer mich zu erheben und zum letzten Mal die grüne A-Schleife zu bewältigen, doch es klappt. Irgendwie. Ich laufe los und merke, wie es mir schwerfällt mein altes Tempo aufzunehmen. Aber wer hetzt mich? Niemand. Und so laufe ich Meter für Meter die langen, sonnigen Straßen entlang.

Nichts passiert, außer das ich in einem schattigen Abschnitt etwas hin und her laufe, um so 600 m extra auf der Uhr zu haben, da ich ja durch eine Waldpassage nicht laufe. Lieber laufe ich in der Runde irgendwo einige Meter mehr, als das ich es bei den Autos machen müsste. Das wäre für mich mental herausfordernder. Ich fühle mich das erste Mal seit den frühen Morgenstunden müde. Ich folge der Straße und mir fällt auf meiner Alternativroute eine kleine Kapelle bei einem Gutshof auf. Es scheint, als wäre diese Region recht gläubig.

Tja und dann … Und dann in einem Waldabschnitt treffe ich Marina. Ich muss ehrlich sagen, dass ich nicht mehr weiß wie wir ins Gespräch kamen, aber wir reden. Sicher gute 5 Minuten. Diese verrückte Läuferin. Eine Woche zuvor lief sie ihren ersten Marathon und nur wenige Tage später macht sie ihren zweiten. Sie ist ebenfalls auf ihren letzten Kilometern.

Am Ende bedanke ich mich für den kurzen Plausch und auch dafür, dass sie mir neue Kraft dadurch gegeben hat. Ich fühle mich plötzlich so positiv und laufe los. Okay … die Pace ist dieselbe wie vor dem Treffen mit Marina, aber es fühlt sich weniger anstrengend an. Ich lasse die Wälder hinter mir und bin auf meinen letzten drei Kilometern. Die Läuferin, die ich zuvor in meiner B-Schleife einholte, sehe ich hier wieder. Als ich sie passiere, bekräftigen wir einander, dass die Wärme mittlerweile unangenehm ist.

Ich laufe gut weiter bis ich bei Km 73 auf Jan-Philipp und Yvonne treffe. Er ist ebenfalls auf seinen letzten Kilometern und wird am Ende 77 Km abgelaufen haben. Yvonne selbst wird die 100 km an diesem Tag voll machen. Wir unterhalten uns kurz und dann breche ich auf. Ich möchte jetzt einen Abschluss finden.

So geht es ziemlich unspannend gerade zu ins „Ziel“. Nur wenige Meter vor dem Whiteboard piept meine Uhr zum 75. mal. Punktlandung. Ich notiere auf dem Whiteboard, dass ich nur die A-Schleife in meiner vierten Runde gelaufen bin und meine Gesamtdistanz. Mein Lauf ist beendet und ich gehe ein letztes Mal zu meinem Auto und setze mich in den Kofferraum. Wo jetzt eigentlich der Bericht enden sollte, passiert nun etwas, womit ich nicht gerechnet habe. Liebe Leute … es gibt einen Epilog.

Epilog

Als ich da so in meinem Auto sitze, setzt sich plötzlich Torsten und Marina dazu. Auch ihr Freund Frank gesellt sich zu uns. So sitzen wir mit viel Abstand zueinander und unterhalten uns in gegebener Distanz. Torsten sitzt am Rande des Grabens, Marina und Frank sitzen in der Nähe eines anderen Autos. Wir tauschen uns über den Tag, die Laufreihe und andere Läufe aus. Eine Stunde wird diese Unterhaltung dauern, bis wir sie auflösen. Im Grunde fehlte nur noch ein Lagerfeuer in unserer Mitte.

Ich stelle fest, dass alle irgendwie enger zusammenrücken und sich besser kennenlernen ohne das wir physisch näher rücken; ganz im Sinne von #gemeinsameinsam . Alle sind darauf bedacht, dass was wir da haben zu bewahren und nicht zu verlieren. Ich glaube, so sollte es auch sein …

… in einer Gemeinschaft.

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4. Ballon – A – Thon – Einfach nur Liebe

Es ist Freitag, der 01. Mai 2020 und 5:00 Uhr als mein Wecker klingelt. Ich stehe auf, mache mich fertig und verlasse gegen 6:10 Uhr das Haus. Ich beschließe, dass ich während der Fahrt frühstücke, nur damit ich früher möglichst früh den 4. Ballon – A – Thon laufen kann. Das Motto dieser Woche ist „Zwischen Liebe und Hass“. Ich bin gespannt, was mich erwartet. Anhand meines Titels wisst ihr schon, wie es wurde: „Einfach nur Liebe“. Doch wie ich zu dieser Erkenntnis kam, berichte ich euch hier.

Ich komme früh an. 7:25 Uhr zeigt mir meine Uhr. Ich ziehe mich um, packe meinen Rucksack und stelle fest: Ich habe meine Trinkflaschen zu Hause gelassen. Die erste Frage, die ich mir selbst stelle ist, wie dumm ich eigentlich sein kann? Wie gut, dass ich eine ganz normale 0,5 l Flasche Wasser dabei habe. Die packe ich meinen Rucksack und trinke noch ordentlich vor, obwohl ich keinen Durst habe. Na das fängt ja schon gut an.

Es gibt diese Woche drei Aufgaben, die jeder während des Laufens lösen soll: Ein Buch finden, Hochsitze zählen und das Motto der Woche für sich interpretieren. Mit diesem Blogeintrag sollte die letzte Aufgabe mehr als ausführlich beantwortet sein. Ich trage mich auf das Whiteboard ein und warte bis meine notierte Zeit (7:41 Uhr) auf der Uhr erscheint. Dann laufe ich los. Wie immer folge ich zuerst orange, wo doch die grüne Runde als „einfacher“ gilt, laut den Hinweisen.

Orange Pfeile weisen mir den Weg vorbei an meinem Auto und dann direkt zu einer Steigung. Es folgen erste kleine Aussichten. Ich habe Glück mit dem Wetter und genieße die morgendliche Ruhe auf der Runde. Ich höre die Vögel und genieße die Einsamkeit.

Doch dann schlägt mein Herz höher. Nach nicht einmal 1,5 km verlaufe ich mich. Zwar nur gute 200 m, aber immerhin. Ich laufe zurück und versuche den verpassten Pfeil zu finden. Dieser zeigt mitten ins Unterholz. Muss ich da etwa Querfeld ein laufen, wo kaum noch ein Weg sichtbar ist? Ich laufe einige Meter durch das Unterholz und der nächste Pfeil sagt ganz eindeutig: „Junge, da ist ein Bach und jetzt rüber da!“
Moment … WAS?
„Ach und die Böschung musst du direkt wieder hoch. Such dir selbst einen Weg.“
Meine erste Reaktion: …
Meine zweite Reaktion: Ich gucke respektvoll zum Bach und folge den Pfeilen. Bis ich nach insgesamt 2,5 km die erste weite Aussicht genießen kann.

Ich bin begeistert. Was für ein Anfang und ich habe vielleicht 10% der Runde gesehen. Es geht weiter, bis runter zu einem Singletrail, der an einem Fluss entlangführt. Ich klettere über Baumstämme und folge dem wirklich schmalen Weg.

Dieser endet unter einer Brücke und ich finde das Buch, welches gefühlt wie in der Dokumentation zum Barkley Marathon in einem Tunnel liegt. Ich gestehe, ich habe den Text erst in der zweiten Runde richtig gelesen. So schaue ich in das Buch und handhabe es so, wie beim Barkley Marathon üblich ist und ziehe mir entsprechend der Startnummer die Seite 105 heraus. Ich böser Rebell. Hätte ich den Text nur aufmerksamer gelesen. (Die Startnummer entspricht auf dem Ballon – A – Thon für alle immer dem Datum!)

Das Buch liegt unter einer Brücke, die mich direkt dazu zwingt erneut einen Bach zu queren. Einige Meter später habe ich die 4 km voll und bin so geflasht von diesen 4 km, dass ich meine überschwängliche Freude darüber in der entsprechenden Gruppe zu dem Wochenende teile.

Es geht weiter und es folgt ein langer Anstieg. Erst geht es ordentlich nach 4 km bergauf und dann leicht und stetig auf einem Forstweg. Ich verspüre eine innere Unruhe, ausgelöst von großer Freude und Begeisterung, die kaum bändigen ist. Der Weg geht nur gerade aus und ich bin froh, dass ich deswegen meinen Kopf kurz abschalten kann. Ich verfalle in eine Monotonie des Laufens, die mir innere Ruhe gibt und mich etwas beruhigt. Ich zähle nebenbei alle Hochsitze, die ich sehe und es sind viele.

Erneut komme ich zu einem Abschnitt, der Querfeld ein geht. Orange Pfeile oder Punkte? Sehe ich nicht mehr und bin über die Karte und Navigation meiner Uhr froh, die mich sicher auf dem Weg hält. Mir kommt eine Frau entgegen. Sie hätte sich verlaufen und suche den Weg. Sie laufe grün. Ich sage ihr, dass es „dahinten“ grüne Pfeile zu sehen sein sollten und zeige in Richtung des langen Trailpfades aus dem ich zuvor kam. Später lese ich am Ende meiner ersten Runde auf dem Whiteboard, dass es nur 14 km bei ihr wurden. Ich werde dann denken „Wie schade, bei einer so großartigen Runde.“

Dann geht es zurück auf einen Forstweg, dem es nun wieder gute 1,5 km gilt zu folgen. Jedoch ist dieser Abschnitt welliger und gar nicht so leicht zu laufen. Nach 8,5 km kommt aber ein eigenes kleines Abenteuer. Die Pfeile zeigen erneut zu einer Querfeldeinpassage. Es deutet sich erneut eine Off-Trail Passage an. Wir sind mittlerweile drei Läufer, da zwei auf mich aufgelaufen sind.

Wir laufen in den Wald und finden keine orangen Pfeile und Punkte mehr. Wir entscheiden uns, dass der GPX-Track auf unseren Uhren sagt: Der Weg geht unten am Bach entlang. Also klettern wir runter zum Bach. Wir schleichen am Rande des Baches entlang, immer kurz davor richtig nasse Füsse zu bekommen. Nach 50 m stellen wir fest, dass die Navigation nun meint, wie müssten zurück auf den Hügel, weg vom Bach. Ja was den nun?

Also klettern wir auf allen vieren einen extrem steiles Stück rauf und sehen nach wenigen Metern wieder einen orangen Punkt. Zum Glück. Wir gehen langsam und behutsam, da keiner von uns einordnen kann, ob das Stück laufbar ist. Die Blätter lassen mich teils tief einsinken und nicht immer komme ich flach mit dem Fuss auf dem Boden auf. Es ist mir zu gefährlich jetzt hier zu laufen, da die Gefahr des Umknickens, gerade bei meiner Historie (Siehe Transalpine-Run Bericht Teil 1-3) doch zu groß ist. Dies ist mein mit Abstand langsamster Kilometer an diesem Tag: 14:19 min erfahre ich durch meine Uhr. Aber es war auch ein kleines Abenteuer, dass es definitiv wert war.

Nachdem das Stück bezwungen ist und ich den Off-Trail verlasse, folgt eine anspruchsvolle bergauf Schlammstraße. Der Schlamm klebt direkt an meinem Schuhwerk und jeder Laufschritt auf diesem Berg fällt mir schwerer und ist kräftezehrend. Aber ich laufe es hinauf, zumindest so gut es geht. Am Ende dieses Anstieges wechselt der Untergrund zu normalen Schotterweg und meine Schuhe klopfen den Schlamm mit jedem Schritt ab und die Schuhe erlangen ihr „Normalgewicht“ zurück.

Kurz danach sehe ich dutzende gefällter Bäume. Es sieht wie ein Kahlschlag aus. Dieser Anblick macht mich etwas traurig. Dieser schöne Wald liegt zu meinen Füssen. Doch dann geht es wieder von jeglichen Weg ab. Ich hüpfe über Stöcker an einem Zaun entlang, bis endlich eine Straße unter meinen Füßen ist und ich laufen kann.

Ich kann laufen. So richtig laufen. Ein Wunder. Meine Beine bewegen sich immer schneller und ich genieße die wenigen hundert Meter bis ich zu einem Abschnitt komme, der mich komplett ausbremst. Dornen, Büsche und ich mittendrin und mittendurch. Was für eine unglaubliche Strecke, was für eine Kraft und was für eine Zeit Jan-Philipp hier investiert hat, um dies auszukundschaften und zu planen. Chapeau! Ich laufe runter, erneut über Wald und Wiese, bis ich unten auf einer Straße ankomme. Erneut laufe ich wie verrückt. Die ersten Läuferinnen und Läufer kommen wir entgegen und antworten auf mein „Der Abschnitt ist hart“ mit „Der andere Abschnitt ist es auch.“ Alles klar!

Dann geht vieles Schlag auf Schlag. Die Filmer Kerstin und Frank kommen wir entgegen ( Hier ihre Folge zum 4. Ballon – A – Thon: https://www.youtube.com/watch?v=ZQUhQLyISZI ). Kurz danach treffe ich Jan-Phlipp, dem ich auch meine ersten Eindrücke schildere. Er fragt mich abschließend nach meiner heutigen Rundenanzahl und ich entgegne ihm : „Zwei.“ Es geht weiter durch Forst und Waldwege. Ich finde, dass es sich jetzt wie ein guter Traillauf laufen lässt. Ich komme gut voran und grüße die mir entgegenlaufenden Läuferinnen und Läufer.

Eine darunter ist Gabi. In meinem Bericht zum 3. Ballon – A – Thon berichtete ich von einer Dame, die ich mehrmals traf und mit ihr redete. Sie berichtet mir, dass sie den Bericht gelesen hatte. Ich schlage ihr vor ein gemeinsames Bild zu machen und das ich sie entsprechend erwähnen werde. Gesagt Gabi, getan! Bis wahrscheinlich zum 5. Ballon – A- Thon. Ich hoffe du hast die Runde genossen. Denn wir haben uns an diesem Tag nicht mehr getroffen.

Dann geht es nach 16,5 km einen Berg hoch. Die Anderen werden ihn später den „Arschlochberg“ taufen. Denn wer oben ankommt, erkennt, dass es direkt wieder heruntergeht auf dem exakt selben Weg. Ich stehe hier sicher 4 bis 5 Minuten, weil ich vermute, dass hier ggf. noch ein Buch versteckt ist. Ich finde keines und folge somit der Strecke weiter. Es geht auf Forst- und Waldwegen weiter. Ich versuche immer noch die Hochsitze zu zählen und bin mir sicher, dass ich schon einige übersehen habe. Die Wege führen mich zu einem Downhill, wo einige Bäume quer Liegen. Ich klettere über und krieche unter den Bäumen her, nur um dann irgendwann an ihnen auf einer kleinen Erhöhung vorbeizulaufen. Ich erreiche erneut eine Straße. Ich würde jetzt gerne einfach schreiben können: „Und dann laufe ich 5 km weiter bis die erste Runde erledigt ist.“ Aber so etwas gibt es bisher nicht. Nur nach wenigen Metern, und ich war gerade wieder angelaufen, muss ich erneut einen Bach queren und erhalte erneut nasse Füße. Egal! Ich laufe weiter, verlaufe mich direkt hinter dem Bach und sehe im Augenwinkel wie andere an einer Stelle den Hang runterlaufen, der jetzt hinter mir liegt.

Erneut laufe ich zurück, den Hang hoch und finde den Weg. BOAH! 19 km und auf dieser Runde ist soviel passiert. Doch ich schiebe den Gedanken zur Seite. Ich muss weiter und mich auf den Downhill-Wurzelpfad konzentrieren, erneut unter der Brücke mit dem Buch her, wieder einen Bach queren, nur um dann am Singletrail nicht auszurutschen und sicher über die Bäume zu klettern. Ich habe gar keinen freien Kopf. Diese Strecke, Leute wirklich … Diese Strecke ist ein Meisterstück!

Die letzten zwei Kilometer sind weniger anspruchsvoll. Es geht noch einen Anstieg hoch aber ich kann endlich wieder etwas abschalten. Ich kann durchatmen und meine Gefühle, Emotionen und Gedanken sortieren.

Diese Runde hat viel abverlangt. Ich komme zu einer Weggablung, die mir zeigt: Gleich bist du da. Ich folge weiter der orangen Markierung und erreiche das Whiteboard. Anders als die Wochen zuvor trage ich mich zuerst ein und gehe dann zum Auto. Es ist 10:21 Uhr. Ich habe für diese erste Runde 2:40 h benötigt. Wo ist die Zeit geblieben? Ich bin völlig perplex, wie kurzweilig diese Runde ist. Ich laufe zum Auto, trinke extrem viel und nehme noch eine zweite kleine Flasche mit. Wer weiß, wann ich sie brauchen werde. Ich stelle mich auf fast 3 Stunden für den 2. Halbmarathon ein und laufe nach fast 10 Minuten los. Diesmal folge ich der grünen Markierung, die laut der Informationstafel, die einfachere sein soll.

So lasset die zweite Runde beginnen. Es geht nach einem kleinen Anstieg erst einmal bergab und wieder den Singletrail am Fluss entlang. Auch wenn ich jetzt diesen Abschnitt zum dritten Mal laufe, ist er weiterhin einfach wundervoll und nicht langweilig. Es wird nur anstregend über die quer liegenden Bäume zu klettern.

Unter der Brücke reiße ich mir eine zweite Seite raus. Diesmal lese ich den Text und reiße eine Seite von vorne heraus. Dann geht es den Wurzelpfad wieder hoch, nur damit ich gleich wieder runterlaufen kann und komme zur nächsten Bachquerung.

Den Weg voller Bäume nehme ich diesmal geschickter und weiß nun wie ich sinnvoll den Weg erklimmen kann. Dann geht es quer durch den Wald und auf einen Forstweg. Da ist er wieder, der Arschlochberg. Dort sehe eine Läuferin und einen Läufer. Da wir uns am Kanal beim 3. Ballon – A – Thon kurz sprachen, wechseln wir auch hier einige Sätze und machen zur Erinnerung ein Foto.

Der nächsten Kilometer passiert wirklich mal nichts und ich brauche diese Erholung. Der Weg bis zum Möhnesee ist einsam und ruhig und genau das tut mir gut. Nun kenne ich die Runde und ich merke, wie ich weniger auf die Markierungen achte und nun es eher laufen lassen kann.

Die Kilometer verstreichen und laufe diesmal mit mehr Ruhe am Möhnesee entlang. Ich erkenne diesmal das Smilie mit den Herzaugen.

Ich laufe den Weg hoch und schiebe mich erneut durch das Dickicht und Unterholz und frage mich immer noch, wie unser Organisator auf solche Wege kommt.

Ich laufe weiter. Gefühlt ist diese zweite Runde viel ruhiger und entspannter für mich. Der Matschweg ist bergab genauso besch… eiden zu laufen, wie er es auf der ersten Runde war.

Wieder geht es durch den Off-Trailabschnitt, der in der Hinrunde zu einem Abenteuer wurde. Nun sehe ich viel mehr grüne Punkte und Pfeile und erfreue mich daran, dass es mir nun klar ist, wo es ungefähr lang geht. Ich gehe hier den Abschnitt, da ich vorsichtig bin. Ich denke darüber nach, dass diese Strecke wirklich gut zu laufen ist, wenn man die Strecke gut kennt. Das merke ich schon jetzt in meiner 2. Runde.

Und jetzt kann ich den Satz doch noch verfassen: Die nächsten Kilometer gibt es nicht viel, was ich berichten kann. Ich laufe Kilometer für Kilometer und erreichte irgendwann wieder die lange Strecke, die Kilometerlang gerade aus geht. Nur dieses Mal verläuft sie bergab und ich lasse es locker laufen. Ich mache auch deutlich weniger Fotos, zähle mehr Hochsitze und achte mehr auf mich, den Lauf und die Landschaft.

Gute vier Kilometer vor meinem Tagesziel treffe ich Frank wieder. Er filmt, ich fotografiere. Wir reden kurz, tauschen und aus und ich habe das Gefühl, dass wir ungefähr dieselbe Meinung über die Strecke haben.

Zum letzten Mal laufe ich unter der Brücke her und stoße mich am Kopf. Passiert. Die Beule wird schon verheilen. Ein letztes Mal genieße ich den Singletrail am Fluss. Zum letzten Mal laufe ich einen Anstieg hoch.

Beim Querfeldeinweg an den Baumstümpfen vor der letzten Bachquerung treffe ich Jan-Philipp wieder. Wir unterhalten uns kurz. Ich lobe ihn für die Strecke und sage ihm unter anderem „Das ist keine Strecke für Anfänger. Die Runde ist sehr anspruchsvoll.“ Und er antwortet mit einem Schmunzeln: „Ich habe auch nie geschrieben, dass sie für Anfänger sei.“ Punkt für dich! Ich sage ihm noch, dass ich diesmal als meinen Untertitel „Einfach nur Liebe“ wählen werde. Richtig erläutern werde ich es ihm nicht an diesem Punkt. Im Grunde ist es aber einfach: Die Strecke zerrt an mir. Sie ist anspruchsvoll, verlangt viel körperlich, aber auch mental von mir ab, da ich mich insbesondere sehr konzentrieren musste. Zudem ist sie wunderschön und gibt einem sehr viel an Lauffreude.

Als ich die 41 km überschreite, merke ich wie ich immer müde werde. Das mit der Müdigkeit fing schon bei Kilometer 38 / 39 an. Jeder Schritt fällt mir schwer. Es gleicht einem Prozess, der auch genauso auf jedem anderen Lauf mit beliebiger Länge hätte sein können: Der letzte Kilometer ist oftmals ein schwerer. So laufe ich die letzten Wellen, grüße die letzten Läufer die mir entgegenkommen und sehe zu, dass ich schnell das Whiteboard erreiche.

Ich treffe Daniel, der aus Minden kommt. Wir kennen uns schon etwas länger vom Laufen. Er ist überrascht, dass ich k.o. wirke. Sein Begleiter an diesem Tag sagt was von „Es ist 13:09“. Die Zeit merke ich mir und ruhe mich erstmal aus. Wir unterhalten uns über die Strecke, die hinter mir und vor ihm liegt. Ich sage ihm abschließend, dass die Strecke super ist, er sich freuen kann, dass sie noch vor ihm liegt und dann trage ich mich ein und verabschiede mich von ihnen, da sie loslaufen.

Ich gehe zum Auto und trinke etwas, esse Schokolade und belohne mich. Abschließend ziehe ich mir einen dicken Pulli und eine Jacke an. Als ich mich wieder besser fühle, gehe ich zum Whiteboard und verfasse abschließend wenige Dankesworte auf dem restlichen Platz, den ich noch habe. Mit einem Lächeln entschwinde ich in die Heimat. Fest mit dem Gedanken, dass wenn es nächste Woche noch möglich sein wird, ich auch den 5. Ballon – A – Thon laufen werde. Ich bin mir sicher, dass ich 33 Hochsitze gezählt habe. Doch später erfahre ich bei der Auflösung, dass es wohl 42 gewesen sein müssen.

Als ich nach Hause fahre, kommen mir viele abschließende Gedanken. Ich erinnere mich daran, wie ich auf dem 2. Lauf noch schrieb, dass es um Gemeinsamkeit in der Einsamkeit gehe. Bei meinem Bericht zum 3. Lauf notierte ich, dass ich das Gefühl von Normalität hatte, wo eigentlich keine ist. Jetzt beim 4. Lauf muss ich sagen, dass sich beides langsam verfestigt. Ich habe versucht mit diesem Bericht zu zeigen, dass ich immer mehr Menschen treffe und sie kennenlerne. Sie sind langsam keine Fremden mehr. Wir grüßen uns, wir tauschen uns kurz aus. Es gibt, meiner Meinung nach, jetzt eine Gemeinschaft. Es gibt durch diese Laufreihe eine gewisse Normalität. Ich freue mich auf jedes Wochenende, um hier zu laufen, um ein Teil davon zu sein. Alles das sind auch Emotionen, die ich mit diesem heutigen Tag erfahren durfte.

Lieber Jan-Philipp. Um deine Aufgabe abzuschließen: Hier geht es nicht „zwischen Liebe und Hass“. Diese 4. Strecke, dein Einsatz. Tja, was bleibt mir da nur noch zu sagen?

Einfach nur…

Liebe.

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3. Ballon – A – Thon – Was will man mehr

Ich stehe morgens auf und die ersten Worte, die ich an diesem Morgen von meiner Frau höre, sind: „Ich begleite dich definitiv heute zum Lauf und unterstütze dich. Ich kann im Auto etwas für meine Arbeit machen und zudem mit dem Hund am Wasser spazieren gehen.“ Sie bietet sogar noch an, dass sie fährt. Ich bedanke mich und denke nur: Was wünscht man ich als Läufer mehr? Ich kann mein überraschendes Glück kaum fassen.

So geht es auf zum 3. Ballon – A – Thon mit dem Motto „Sonne und Meer, was will man mehr“

Als Sina und ich ankommen und aus dem Auto aussteigen, startet eine Läuferin gerade und grüßt freundlich und wir ebenso zurück. Ich ziehe mich um und packe meine sieben Laufsachen und gehe zur Zeittafel. Ich warte noch, bevor ich mich auf der Zeittafel eintrage. Es tragen sich gerade drei Herren ein und ich versuche ihnen ausreichend Platz zu lassen. Als sie nacheinander loslaufen, wünschen wir uns viel Spaß.

Der Lauf, 25.04.2020

Zwei Minuten später verabschiede mich von Sina und laufe um 08:41 Uhr los. Es ist kühl und ich entscheide mich erst einmal etwas dicker einzupacken. Armlinge und Weste sollen mich ausreichend wärmen. Ich habe ein mulmiges Gefühl, denn ich letzte Woche hatte ich zum Ende hin sehr zu kämpfen. Es gilt das Motto: „Locker laufen und genießen.“ Eine der beiden Vorsätze hielt rückblickend nicht lange an.

Ich laufe für mich gefühlt locker los. Nach einem Kilometer bin ich schon am Kanal und sehe das Wasser. Es motiviert mich, spornt mich an. Ich schaue auf meine Uhr und sehe eine fünf Minuten pro Kilometer Pace und denke mir…

„Du Idiot bist viel zu schnell. Du wirst wieder zum Ende sehr zu kämpfen haben. Du weißt es doch besser.“ Doch ich habe richtig Lust zu laufen und denke mehr: „Egal, genieß es, solange du kannst. Zudem Sina dabei, die dich mit den richtigen Worten motivieren kann.“ Nach gut zwei Kilometern kommt mir ein Boot entgegen. Ich laufe über die Brücke und dann hinter dem Boot her und denke mir: „Ach so ein Pacemaker-Boot wäre schon nett.“ In diesem Moment wusste ich nicht, dass ich dieses Boot wiedersehen würde.

Es dauert nicht lange bis ich unerwarteterweise den Kanal verlasse und Wegen entlang laufe, die ich sonst wahrscheinlich übersehen hätte. Ich komme schon nach wenigen Metern am Fluss ‚Lippe‘ raus.

Nach gut 5 km laufe ich einem Kraftwerk vorbei. Ein langer, schmaler Weg liegt vor mir und endet auf einer kleinen Straße. Hier kommen mir die ersten Läufer entgegen. Es ist eine angenehme, freundliche Stimmung. Jeder grüßt sich und manchmal folgt ein „Viel Spaß noch.“ Das Gefühl von Zusammengehörigkeit, welches ich schon auf dem 2. Ballon – A – Thon gespürt habe, ist hier direkt wieder spürbar.

Die Zeit und die Strecke verfliegen förmlich. Schon nach 7 Kilometern denke ich, dass sie sehr abwechslungsreich ist. Nachdem ich eine Straße gekreuzt habe, taucht ein Schwanen-/Ententeich neben mir auf. Danach geht es zurück auf den Weg am Kanal. Hier treffe ich die Dame wieder, die startete, als Sina und ich ankamen. Wir reden kurz miteinander über die Strecke und über den Lauf, bis nach einigen Metern wieder jeder sein Tempo läuft. Ich laufe weiter am Kanal entlang. Allerdings schaue ich mehr auf die grünen Flächen und die Lippe als auf den Kanal. Ich mach unzählige Fotos und genieße den Blick in die Ferne.

Es ist schon komisch, als ich dann irgendwann mal wieder zum Kanal meinen Blick schweifen lasse. Mir kommen Läuferinnen und Läufer entgegen, darunter auch Kerstin und Frank, die dem Moment filmen (Ihr Film zum 3. Ballon – A – Thon: https://www.youtube.com/watch?v=9_DlZgMq444 ). Kurz danach erblicke ich das Boot wieder. Es sind jetzt gut 8,5 km in meinen Beinen, als ich das Boot von Kilometer 2 wiedersehe. Mein Pacemaker-Boot. So mag ich es taufen und benennen. Ich gucke auf die Uhr und sehe, dass noch laut GPX-Track eine Zeit lang noch am Kanal laufen werde. (PX-Track: Eine Datei, die die Strecke repräsentiert und mit der meine Uhr mich navigieren kann) Ich habe in diesem Moment einen ziemlich dummen Gedanken, den ich keine zwei Sekunden später genauso dumm umsetze: Ich möchte dieses Boot überholen. Gesagt, getan.

Ich laufe schneller und freue mich über die Challenge des Tages. Erst denke ich, dass ich gerade mal so die Geschwindigkeit von dem Boot halten kann und bin überrascht, dass es mir doch gelingt es einzuholen. Der nächste Gedanke, der mich ereilt ist: „Oh je, die zweite Runde wird wirklich hart werden.“

Ich verlasse den Kanal, denn die Strecke geht rechts ab. Ich laufe an einem Forellenhof vorbei, wo Angler ihrem Hobby frönen. Es geht weiter zwischen grünen Feldern entlang. Ich laufe erneut an der Lippe entlang, über Wiesen und freue mich über diese abwechslungsreiche Strecke. Zwischendurch kommen mir die drei Läufer von der Zeittafel / Start entgegen. Sie laufen entgegengesetzt und folgen der grünen Markierung. Wir tauschen uns kurz aus und merken an, dass die jeweilige andere Hälfte der Strecke schön sein wird. Ich freue mich.

Es geht über die zweite Brücke und wieder zurück in Richtung von Start und Ziel. Ich stelle mich auf einen langen Lauf entlang des Kanals ein, bis plötzlich ein Pfeil nach rechts weist und ich eine Treppe hinunterlaufe. Es folgt ein kleiner Pfad, der mich direkt in einen Wald führt. Es offenbart sich eine kleine Waldrunde, in der ich über einen Hügel steigen darf und über eine Wiese weiterlaufen kann. Am Ende der Waldschlaufe sehe ich Jan-Philipp. Ich bedanke mich bei ihm für die wieder tolle Streckenempfehlung.

Es geht wieder zurück an den Kanal und erneut denke ich: „Jetzt wird es nur den Kanal entlang gehen. Halb in diesem Gedanken versunken, kommt mir ein Läuferduo entgegen. Die meinen zu mir, ich bräuchte doch nicht so schnell rennen. Mir fällt in dem Moment keine Antwort ein. Okay, ich bin zügig, aber ich fühle mich wohl und freue mich daran so zu laufen, wie ich es mag. Nach knapp 19 km geht es zu meiner Überraschung vom Kanal weg und wieder in den Wald.

Hier kommen mir einige Läuferinnen und Läufer entgegen, sowie auch zwei Fahrradfahrerinnen, die einen Läufer begleiten. Es ist teilweise eng, doch es geht irgendwie. Als ich den Waldabschnitt verlasse, habe ich schon 20,5 km auf der Uhr und weiß, gleich bin ich wieder bei Sina.

Als ich das Auto erreiche, ziehe ich meine Weste und Armlinge aus. Es ist mittlerweile warm geworden. Da ich letzte Woche am Ende ohne Wasser dastand, nehme ich dieses Mal 1,5 Liter mit. Zwei Flaschen trage ich vorne am Rucksack und nochmal eine weitere Flasche im Rucksack. Ich befürchte vor allem, dass es zudem nun schwer wird, bei den Dummheiten der ersten Runde. Lieber habe ich diese Woche lieber zu viel als zu wenig Wasser dabei. Hedda, unsere Hündin freut sich zudem sehr, dass ich wieder da bin. Sie bekommt auch eine kurze Kuscheleinheit. Nachdem ich für die zweite Runde bereit bin, laufe ich zur Zeittafel und sehe erneut Frank und Kerstin und bitte Sie um ein kurzes Selfie. Ich bemerke erst später in ihrem Film, dass sie das alles aufgenommen haben. Ich musste mir dann das Foto in Ruhe ansehen und erkenne jetzt nun deutlich, dass die Kamera zu sehen ist.

Es geht weiter zur Zeittafel und trage mich nun ein. Dann laufe kurz zu Sina zurück und starte in die zweite Runde mit der Zusage, dass ich bemüht sein werde, dass diese schneller als die erste sein wird, damit sie nicht so lange warten muss. Dann denke ich mir, dass die Aussage sehr gewagt und wahrscheinlich dumm war. Nun habe ich aber einen Grund mehr zügig zu laufen.

Für die zweite Runde folge ich der grünen Markierung und verlaufe mich direkt. Das könnt ihr unten in der eingebetteten Aufzeichnung sehen. Es ist eher ein kleiner Umweg, aber sicher keine Abkürzung, sondern mehr so ein paralleler Weg, den ich für 200 m ca. folge. Ich überlege kurz Querfeld einzulaufen, entscheide mich aber dagegen und werde mit einem Pfad zurück auf die reguläre Strecke belohnt. Erst geht es durch den Wald, dann geht es zurück an den Kanal.

Am Kanal kommt mir die Dame entgegen, die gestartet ist, als ich ankam. Wir reden kurz noch zwei Sätze miteinander und wünschen einander abschließend einen schönen Tag. Sie wird somit gleich ihre Runde beenden. Danach kommen noch vereinzelte Läuferinnen und Läufer mir entgegen. Es folgt die Waldrunde, wo ich einen Läufer treffe und ihn passiere.

Es folgt der Erdhügel, den ich diesmal von der anderen Seite erklimmen darf und kurz darauf die Treppen… *seufz* Treppen … Wenn ich eine dritte Runde angehen würde, hätte ich heute die orange Richtung gewählt, nur damit ich die Treppen hinuntergehen kann. Nach gut 28 km sehe ich meine dritte Brückenüberquerung vor mir. Ich laufe auf die Brücke und mache in Ruhe Fotos. Mir fällt hier auf, dass sich auch langsam die Wolkendecke ein klein wenig öffnet und es sonniger wird.

Es geht von der Brücke runter und wieder die Wiese entlang. Hier treffe ich den Läufer mit den zwei Damen auf dem Rad wieder. Wir unterhalten uns kurz und er berichtet, dass er heute einen Marathon laufen möchte. Ich wünsche ihm viel Erfolg und unsere Wege trennen sich wieder. Ich schaue auf die Uhr. Wenn ich mein Wort gegenüber Sina halten möchte, muss ich um 12:38 Uhr wieder an der Zeittafel sein. Nach aktuellem Stand muss ich dafür jeden Kilometer in unter 5:30 min pro Kilometer laufen. Ich entschließe mich mit der Natur, um mich herum abzulenken.

Ich passiere die 30 km. Wieder kommt es mir so vor, als wenn ich teilweise durch ein Idyll laufe. Ich bleibe häufig mit meinem Blick in der Landschaft hängen und verfalle in Gedanken. Ich merke, wie sich die Vorfreude auf diese Laufempfehlung, sich gerade in Energie umsetzt. Letzte Woche, beim 2. Ballon – A – Thon, saß ich bei Kilometer 30 auf einer Bank und seufzte, dass mein Wasser ausgeht und merkte, dass ich erschöpft war. Heute renne ich förmlich dahin. Ich frage mich selbst, wieso der Kontrast so stark ist.

Eine Antwort darauf, die mich selbst überzeugt, finde ich nicht. Ich akzeptiere es einfach, wie es ist. In dem Moment sehe ich, wie ich erneut an dem Forellenhof vorbeikomme. Diesmal bleibe ich stehen, stelle mich so hin, dass man etwas sehen kann und mache ein Foto davon. Ich drehe mich wieder in Richtung der grünen Markierung um und folge dem Streckenverlauf.

Vor mir laufen zwei Damen, die am Ende des Weges ankommen und nun den Kanal vor sich haben. Ich erkenne, dass sie sich fragen, wie es nun lang geht. Da ich nur noch 15 m hinter ihnen bin, rufe ich einfach „Links“. Sie bedanken sich und ich wünsche ihnen noch einen schönen restlichen Lauf.

Als meine Uhr zum 33. mal piept, zücke ich mein Handy und schicke Sina eine Sprachnachricht. Es seien nur noch 10 km und ich wäre bald wieder bei ihr. Ich passiere Läuferinnen und Läufer und wir unterhalten uns kurz. Ich werde nach dem Lauf Sina berichten, dass ich viel öfter Gespräche / Unterhaltungen in der 2. Runde geführt habe, als in der ersten Runde. In der ersten Runde war es oft noch ein Grüßen. Unterhaltung ist vielleicht nicht das richtige Wort, waren es doch meist nur 4-5 Sätze.

Es geht wieder an dem Schwanenteich vorbei, weiter auf dem Straßenabschnitt, der dann auf dem Singletrail entlang des Kraftwerkes entlangschlängelt. Ich warte auf den Moment, wo ich einbreche, wo ich mich schlecht fühle oder dass mein Wasser ausgeht, doch all dies tritt heute nicht ein.

Auf diesem Abschnitt sehe ich viele weitere Läuferinnen und Läufer wieder, die ebenfalls auf der zweiten Runde sind, oder mich von Anfang ihrer ersten Runde sahen. Ich höre, dass ich ja schnell unterwegs sei oder ob ich noch eine zweite Runde Laufen wollen würde. Das empfinde ich als schönes Kompliment. Ich antworte, dass ich wirklich schon in der zweiten Runde bei Kilometer 37 sei und mich auf das Ziel freue. Auch nach dieser Phase finde ich es bestätigend, dass es viel mehr Unterhaltungen gibt. Wieder denke ich an letzte Woche zurück und finde immer mehr, dass sich immer mehr nach Gemeinsamkeit in der Einsamkeit sehnen. Ich finde das schön und aufbauend oder gar etwas tröstend. Es stärkt mein Gefühl von Normalität, wo es keine gibt.

Ich sehe einen Angler an der Lippe, der einfach sein Ding macht. Ich folge dem Weg weiter. Ein letztes Mal bleibe ich an der Lippe stehen, genieße den Moment und mache Bilder. Die Sekunden nehme ich mir. Ich atme tief ein und aus und laufe weiter zum Kanal. Mental beginnt nun der härteste Abschnitt. Als ich am Kanal entlang laufe, sehe ich den Ausgang zum Ziel. Ich muss aber erst noch einen guten Kilometer zur letzten Brücke des Tages laufen, um dann auf der anderen Seite zurückzulaufen. Hier hilft mir der Gedanke sehr, dass ich Sina sagte, dass ich bemüht sei, die zweite Runde schneller zu laufen. Ich merke, dass seitdem ich 40 Kilometer in den Beinen habe, müde werde. Ich beiße aber die Zähne zusammen. Ich sehe auf die Uhr und weiß, dass wenn ich es nun locker durchlaufe, mein Wort halten kann. Wenn ich jedoch nun zügig laufe, könnte ich sogar noch eine ordentliche Zeit für mich herauslaufen. Ich mag dumme Ideen. Es ist nun ein Mix aus Ehrgeiz und Willen. Dieser fehlte mir letzte Woche völlig.

Als ich auf der anderen Seite bin, sehe ich zwei der Läuferpaare wieder, die ich zuvor passierte. Ich winke ihnen zu und sie winken zurück. Erneut bleibe ich jeweils kurz stehen und fotografiere sie aus der Ferne. Nicht immer bin ich schnell genug, das Winken noch auf das Bild zu bekommen.

Als ich sehe, dass ich noch 1,5 km vor mir habe, spreche ich erneut eine Sprachnachricht für Sina ein und sage ich, dass ich es schön finden würde, wenn sie bei den Zeittafeln stehen würde, um mich zu empfangen. Dann starte ich meinen Endspurt.

Ich lasse meinen Blick ein letztes Mal über den Kanal schweifen und biege dann ab, um zu den Zeittafeln zu kommen. Auf der „Zielgeraden“ läuft mir Jan-Philipp entgegen. Er ist am Anfang seiner erneuten dritten Runde. Wir grüßen uns und wünschen uns alles Gute. Ich sehe Sina sowie Hedda und laufe an ihnen vorbei. Ein Läufer kommt mir entgegen und schaut mich irritiert an, als ich voller Freude juble, als ich die Uhr am rechten Board erblicke. Doch bevor ich irgendwas schreibe oder Weiteres sagen kann, muss ich mich erstmal ausruhen und gehe einige Meter. Ich habe mein Wort gegenüber Sina einhalten können und erhalte dafür erst einmal einen Kuss. Dann gehe ich zur Zeittafel und trage die Zeit ein: 12:30 Uhr. Ein Marathon-Finish nach 3:49 Stunden.

Es war wieder eine tolle Streckenempfehlung. Ich habe den Lauf und den Tag richtig genossen. Ich habe mich gefreut wieder Menschen zu sehen, die ich eine Woche zuvor gesehen habe und auch neue Gesichter und Menschen kennenzulernen. Und am meisten, freue ich mich, dass Sina dabei war, trotz ihrer Umstände.

Was will man mehr.

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13. Thüringenultra 2019 – 100 km – Schlaflos durch Thüringen

Vor dem Start
Ich gehe ins Bett. Es ist 23:35 Uhr. Bis ich an diesem 05. Juli 2019 einschlafen werde wird es wohl schon um Mitternacht sein. Ich bin nervös, gedankenversunken und überhaupt nicht müde und in gut 4,5 Stunden ist der Start. Ja … der Start zu meinem zweiten 100 km Lauf ist nachts um 04:00 Uhr. Schließlich ist der Zugspitzultra 100 km ausgefallen und dies ist mein kurzfristiger Ersatz. Kurzfristig deswegen, weil ich nur wenige Tage zuvor mich zu diesem Lauf sehr spontan entschieden habe.

Es ist 02:00 Uhr und mein Wecker klingelt, nach gut 2 Stunden Schlaf. Ich stehe auf, ziehe mich um, denn ich hatte alles fein säuberlich neben meinem Bett hingelegt. Sina erwacht und wird mich zum Start fahren, damit ich noch etwas im Auto schlafen kann. Sina und ich schlafen gute 45 Minuten vom Startort entfernt in einer Pension, wo wir unsere Hündin Hedda gekauft haben. So kann Hedda ihre Eltern und eine ihrer Schwestern wiedersehen und etwas mit ihnen spielen. Sina fährt so durch Thüringen über verschiedene Dörfer, mitten durch das Nichts bis wir den Startbereich ungefähr gegen 3:00 Uhr erreichen.

Dort wartet schon Dominik. Die meisten Läufer*innen frühstücken. Ich esse nur wenig, da ich irgendwie keinen Hunger habe. Was ehrlich gesagt vor einem Ultra nie eine gute Idee sein kann.

Das Rennen, 06. Juli 2019

Der Start ist um 4:00 Uhr. Eigentlich mag ich es früh zu starten, weil ich in Folge nicht so spät am Tag im Ziel sein werde. Aber um 04:00 Uhr bin ich noch nie gestartet. Es ist nach dem Start sehr ruhig auf der Strecke. Oft höre ich sonst die Leute sich unterhalten, aber jetzt erklingt nur das Atmen und die Laufschritte.

Das Feld zieht sich schnell auseinander und ich bin zwar nicht alleine, aber irgendwie gefühlt schon. Um mich herum sind andere Läufer*innen mit einem Abstand von +/- 10 m, aber ich selbst Laufe alleine.
Kleinere Waldstücke werden mit indirektem LED-Licht ausgeleuchtet, sodass es gerade so reicht, den Weg gut zu sehen. Da haben die Organisatoren Erfahrung und mitgedacht, ist schnell mein Gedanke.


Langsam geht die Sonne auf und es wird heller. Ich genieße diese Morgendämmerungsstimmung und erfreue mich daran. Als ich gegen 4:53 Uhr den ersten Verpflegungspunkt nach gut 10 km erreiche, ist es schon taghell. Ich bin fasziniert, wie gut die Helfer*innen drauf sind. Es ist noch vor 5 Uhr morgens und die Leute helfen, sind aufmerksam und stehen hier freiwillig, um mir und anderen Getränke und Essen zu reichen. Ich bedanke mich, laufe weiter und bin zutiefst von ihnen beeindruckt.

Laut der Streckenkarte soll es ab jetzt bis Kilometer 40 viel bergauf gehen. Puh! Na dann mal (r)auf! Ich laufe meist allein die Forstwege und einige Singletrails entlang. Es ist leicht bewölkt und etwas windig. Die Zeit vergeht und ich erreiche nach und nach verschiedene Verpflegungspunkte. Teilweise gibt es weite, schöne Aussichten, an denen ich mich erfreue. Es ist eine der Phasen auf einem Ultralauf wo nichts passiert, außer das man läuft. Ich mag diese Besinnung auf das Wesentliche im Laufsport. Es sind Stunden, die einfach vergehen und ich nur laufe. Ich freue mich über die Einfachheit dieser Phase, wenn es keine Probleme gibt und es im wahrsten Sinne einfach läuft. Ich frage mich, wo Dominik wohl sei? Ich vermute, dass er weit vor mir sein dürfte.

Bei Kilometer 35 laufe ich mit einem Mann aus Taiwan (glaube ich?!) zusammen. Wir unterhalten uns auf Englisch und tauschen uns über unsere Erfahrungen aus. Ich frage ihn, was ihn zum Thüringen Ultra führt. Das sei nun sicher nicht ein Lauf, der in Asien sehr bekannt sein dürfte. Er erzählt mir, dass er gerne und öfter in Deutschland ist, auch weil seine Frau hier studierte und aktuell in Deutschland arbeitet, nicht unweit von diesem Lauf entfernt. Er hätte über Bekannte eine Empfehlung für diesen Lauf bekommen. Wir unterhalten und weiter und er berichtet mir, dass er seine Zeit in Europa aktuell gut nutzt, um mehrere, teils sehr verschiedene Ultras zu laufen. Ich finde solche Geschichten immer spannend und dies führte dazu, dass die Kilometer mit ihm sehr kurzweilig sind.

Nach Km 43 trennen sich unsere Wege auf meinen Wunsch hin. Ich möchte sein Tempo nicht weiter mitgehen, auch wenn ich es könnte. Wir verabschieden uns und laufen jeweils unseren Lauf weiter. Ich sehe einfach die Gefahr am heutigen Tag, dass ich irgendwann schwächeln werde und ein höheres Tempo könnte ich am Ende teuer bezahlen. Ich fühle mich nämlich müde. Die kurze Nacht fordert ihren Preis ein. Mir ist zu jedem Zeitpunkt klar, dass ich den Lauf erfolgreich beenden kann. Ich weiß auch, dass es hier um nichts geht, außer irgendwie ins Ziel zu kommen.


Es folgt ein langer Downhill, der mich leider nicht wirklich wach macht. Ich habe hier mein erstes Tief des Tages. Ich krieche bergab, wo ich eigentlich hätte gut laufen können, aber es nicht zu ändern. Irgendwann komme ich endlich beim Verpflegungspunkt bei Kilometer 55 an. Noch bevor ich beim Verpflegungspunkt einlaufe, denke ich mir: „Ich brauche eine Pause. Eine richtig lange Pause!“ Ich fülle meine Vorräte auf. Ich esse und trinke viel, als plötzlich jemand von hinten auf meine Schulter klopft. Ich drehe mich um und realisiere erst einmal nicht, wen ich da sehe: Dominik.

Er berichtet mir, dass er bis kurz vor diesem Verpflegungspunkt in den Top 3 war und dann merkte, dass er das Rennen zu schnell anging und eingebrochen ist. Damit er seine Kräfte für ein anderes Rennen sparen kann, hört er an diesem VP auf. Er hoffe, dass ich das Rennen zumindest beenden würde und ich antworte ihm, dass das keine Frage sei, sondern nur wann ich die Ziellinie übertreten werde, wäre eine spannende Frage. Ich berichte ihm, dass müde sei und mich jetzt schon durchkämpfe. Ich denke nicht an das Aufgeben. Dominik und ich verabschiedeten uns. Ich verlasse mit Essen in der Hand den Verpflegungspunkt.

Es folgte nun ein langer bergauf Abschnitt, und für mich bietet es sich immer an, am Anstieg noch in Ruhe zu Essen. Der Zeitverlust ist am Anstieg nie so hoch, wenn ich erst kurz gehe und dabei esse. Das war zu mindestens meine Theorie, basierend auf meiner Erfahrung von vorigen Läufen. Doch es wird langer Marsch. Knapp 6 Stunden bin ich nun unterwegs und ich versuche nach vorne zu schauen. Es ist kurz nach 10 Uhr morgens und ich habe einen knappen Marathon vor mir. Dass ich schon fast 1,5 Marathons hinter mir habe, ist mir in dem Moment selbst nicht wirklich bewusst.

Als ich endlich „oben“ ankomme, freue ich mich innerlich, denn so hoch wird es im Rennen nun nicht mehr gehen. Primär geht es ab Kilometer 62 bis ins Ziel vorwiegend bergab. Oben angekommen finde ich auch einen neuen Gesprächspartner. Dank ihm, komme ich wieder in einen guten Lauffluss und erfreue mich am Gespräch. Er berichtet mir, dass er eine Woche zuvor einen 100 Meilen (ca. 161 km) Rennen gelaufen sei und heute die 100 km spontan läuft. Ich denke mir: „Wie sympathisch, dass es immer ein wenig verrückter geht.“ Ich will mich hier aber nicht distanzieren. Wer weiß, ob ich selbst irgendwann mal sowas verrücktes machen werde. Ich kann es nicht ausschließen.

Sina meldet sich zwischen durch, dass sie sich nun auf den Weg macht, um mich an einem der nächsten Verpflegungspunkte abzufangen. Das stellt sich aber als nicht so leicht heraus. An den ersten Verpflegungspunkten schreibe ich ihr, dass ich stets vorbeilief, ohne sie zu sehen. Das letzte Mal, dass ich so eine Nachricht schreiben muss, ist bei Km 71.

Kurz nach 72 km laufen wir als Dreiergruppe. Meine beiden Begleiter kennen sich und spornen sich zu einer gewissen Zielzeit an. Sie werden stetig schneller und ich beschließe bei Km 75 die beiden ziehen zu lassen, ähnlich wie schon zuvor bei dem Herren aus Taiwan. Ich möchte das erhöhte Tempo nicht mitlaufen und ich fühle mich dazu einfach zu müde.

Beim Verpflegungspunkt bei Kilometer 76 erblicke ich Sina und freue mich sehr. Sie steht am Rand mit Hedda und blickt zu mir. Es tut mir gut, sie da zu sehen. Ich sehe wie einige Läufer am Rand des Weges im Gras sitzen, essen, trinken und eine Pause genießen. Ich fülle meine Flaschen auf und nehme mir etwas zu Essen auf die Hand und gehe einige Meter mit Sina. Wir tauschen uns aus und ich berichte ihr in Kürze, wie es mir geht und wie es bisher so lief. Schließlich liegt ja noch ein Viertel des Laufes vor mir. So ein Lauf ist rückblickend wirklich wie ein gutes Buch, welches in mehreren Kapiteln aufgeteilt ist. Hier und jetzt fängt mein letztes Kapitel an.

Das letzte Kapitel: Sommer, Sonne, Hitze mit Erschöpfung, Bäh und ein verständnisloser Hund

Es ist mittlerweile wirklich warm geworden. Die Strecke ist stets gut ausgezeichnet. Es geht durch Wälder, mal durch kleinere Straßen, zwischen Feldern entlang. Es wird lebhafter mich herum. Das liegt nicht an den Läufer*innen. Von denen sehe ich kaum noch jemanden. Aber es gibt mehr Wanderer oder einfach Leute die da sind.

Kurz vor Kilometer 86 beim muss ich ein Waldstück hochgehen. Am Ende komme ich zu einer Treppe. Sie hat nur wenige Stufe, aber es regt mich auf. Ich fühle mich in diesem Moment wehleidig, müde, erschöpft und einfach Bäh! Ich bin innerlich wie ein kleines quengeliges Kind. Gute 250 m später am Verpflegungspunkt kommt mir ein Gedanke: „Hallo liebes Tief Nummer 2!“ Das erklärt vieles. Ich sitze wie ein Häufchen Elend im Verpflegungspunkt und die Helfer*innen reichen mir Essen und Getränke. In solchen Momenten will ich nichts Hinterfragt wissen. Ich will nicht hören, „Willst du das wirklich?“ oder „Hör doch auf!“ oder „Das wird schon wieder. Kopf hoch.“ Ich möchte einfach nur meine Ruhe haben und innerlich mit mir ringen. Das gehört für mich dazu. So eine Stimmung habe ich nicht auf jedem Ultra, aber der innere Kampf ist für mich ganz klar ein Teil des Ultralaufes. Ich bin froh, dass niemand diese Äußerungen fragt oder sagt. Sina ist einfach nur da und lässt mich in Ruhe. Und genau das brauche ich im Moment. Sie begleitet mich nach fünf Minuten ein paar Schritte, bis ich sage, dass ich nun weiterlaufen werde. Es gibt allerdings nun kaum noch einen Wald, sondern nur noch Sommer, Sonne, Hitze und keinen Schatten.

Ich laufe weiter. Ein Schritt nach dem anderen trägt mich nach vorne und ich freue mich so dem Ziel immer näher zu kommen und tatsächlich komme ich am nächsten Downhill aus meinem Tief heraus. Ich fühle mich plötzlich gut. Ich laufe immer schneller. Wieso kann ich das jetzt gerade? Wieso ging das vor 10 Minuten noch nicht? Ich kann es mir selbst nicht erklären. Den nächsten Anstieg nehme ich wie ein junges Reh und überhole knapp zehn Personen, einfach so. Alle schauen mich ungläubig an und ich verstehe es auch nicht. Ich ergebe mich selbst dem Moment. Ich denke nicht daran, dass wahrscheinlich schnell ein drittes Tief kommt. Mein einziger Gedanke gerade ist, dass ich so nun einige Kilometer gut machen werde. Bei Kilometer 92 sehe ich Sina und Hedda wieder. Ein Läufer sitzt in einem Stuhl am Verpflegungspunkt und ein zweiter, leerer Stuhl steht daneben frei. Ich setze mich zu dem Läufer und quatsche mit ihm. Es stellt sich heraus, dass neben mir der einzige Läufer sitzt, der jeden Thüringen Ultra bisher gefinisht hat. Respekt. Ich stehe einige Minuten später auf und verabschiede mich von Sina und Hedda. Später wird mir Sina ein Foto geben, auf dem Hedda verständnislos hinter mir herblickt, ganz nach dem Prinzip: „Warum läufst du weg?“ Es folgt ein Abschnitt mit viel Straße zwischen den Feldern. Die Sonne drückt und ich denke nur daran einfach bald das Ziel zu erreichen.

Nach 95 km stehen Frauen und Männer mit Puscheln und feuern wie Cheerleader jeden an. Ich unterbreche meinen Laufschritt und ihren Jubeltakt mitzugeben und mitzufeiern. Sina kommt fast zu spät, da ich die letzten Kilometer so gut durchkam, dass sie mit dem Auto kaum mitkommt, denn sie muss ja jedes Mal einen Parkplatz suchen und dann zur Strecke gehen. Ich verpflege mich in diesem Party-VP ein letztes Mal. Es sind jetzt noch 5 Kilometer bis ins Ziel und ich habe noch sechs Stunden bis zum Cut-Off.

Ich verabschiede mich recht schnell von Sina und meine zu ihr, dass sie nicht zum VP bei Kilometer 98 kommen soll, sondern direkt zum Ziel fahren soll. Es gehe mir ganz ok und ich würde jetzt versuchen möglichst viel zu laufen, um bald im Ziel anzukommen. Schließlich bin ich bis hier hin bin schon 12 Stunden unterwegs.

Ich habe nur noch das Ziel vor Augen und laufe so gut und so schnell ich noch kann. Das bedeutet im Schnitte 7 bis 8 min pro Kilometer. Es geht ehrlich gesagt gar nichts mehr. Den VP bei Km 98 passiere ich. Alle jubeln und ich tue es nach, doch jegliches Essen und Trinken lehne ich ab. Ich will nur noch ins Ziel. Ich bedanke mich aber und gehe nun die letzten zwei Kilometer an. Doch dann nach gut 98,5 km ist die Luft raus. Mein Kopf will nicht mehr. Ich bin irgendwo innerorts auf einer gefühlt endlos langen, geraden Straßen und wechsle ins Gehen. Das wird so gute 1200/1300 m so gehen. Erst 200 m vor dem Ziel finde ich wieder ins Laufen und nehme den Rest locker und überquere die Ziellinie. Mein zweiter 100 Km ist absolviert und damit erfolgreich beendet. Ich erhalte eine Medaille und gehe zu Sina. Ich muss mich setzen, muss erst einmal vor Erleichterung weinen, dass ich es geschafft habe. Dann gehe ich zu einem Baum und lege mich auf den Boden und lehne mich an den Baum und schlafe sofort ein. Nach einer halben Stunde erwache ich und blicke neben mich und traue meinen Augen nicht. Da heiratet ein Paar direkt im Ziel. Das ist eine witzige und coole Idee, finde ich.

Ich stehe auf und gehe zur Dusche, stelle mich an. Wobei hier eine Stuhlreihe steht und jeder immer einen Stuhl weiter nach vorne geht, wenn jemand aus den Duschen rauskommt. Als ich frisch geduscht im Auto sitze und Sina mich nach Hause fährt, beginne ich erst so langsam den Tag zu verarbeiten und zu begreifen, was ich da geleistet habe. Der Lauf ist wirklich toll, mit vielen grandiosen Helfern und schöner Natur. Einige Wochen später erhalte ich mein Finisher-Shirt mit einem Stern. Jeder Stern bedeutet ein Finish auf dem Thüringenultra. Ich frage mich selbst, wann ich versuchen werde, mir meinen 2. Stern zu verdienen.

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2. Ballon – A – Thon – Ein Gefühl von Gemeinsamkeit in der Einsamkeit

Als ich vom Ballon – A – Thon ein Video auf Youtube sah (dieses hier: https://www.youtube.com/watch?v=6zOEM5YmHSo ) war mir sofort klar: Ich werde auf dem 2. Ballon – A – Thon starten und seit November endlich mal wieder die 42,195 km laufen.

Was ist der Ballon – A – Thon? Es sind acht Läufe an acht aufeinander folgenden Wochenenden auf acht unterschiedlichen Streckenempfehlungen. Die Strecken sind markiert und können auch nach dem jeweiligen Wochenende belaufen werden. An dem jeweiligen Wochenende gibt es Whiteboard auf denen man sich, mit einem selbst mitgebrachten Stift, eintragen kann. Es gilt dabei die Start-Uhrzeit, sowie die jeweiligen Ziel-Uhrzeiten der Halbmarathonrunden. Es müssen streng die Regeln im Umgang des Landes NRW eingehalten werden. Also maximal zu zweit laufen, etc. Die Strecke selbst ist in beide Richtungen markiert: In die eine Richtung ist es in Orange mit Sprühkreide markiert und in die andere Richtung in grün. Ich trug mich in eine Liste von Interessierten ein und erhielt einen GPX – Track im Vorfeld, sowie eine digitale Urkunde nach dem Lauf. Ein GPX – Track ist eine Datei, die die Strecke enthält und mit der ich in der Lage bin, mich entlang der Strecke zu navigieren.

Start, 18.04.2020

Ich komme gegen 8:45 Uhr auf dem per E-Mail mitgeteilten Parkplatz an. Mit mir erreichen drei weitere Herren den Startpunkt. Zwei werden zusammen laufen, ein Herr wird danach und mit Abstand auf die Strecke gehen und ich werde als letztes loslaufen, einfach, weil ich am längsten brauche, bis ich bereit bin.

Um 9:04 Uhr laufe ich los, nur um direkt wieder zum Auto zu laufen. Ich habe was im Auto vergessen. Also lege ich eine 180 Grad Kehrtwende ein und laufe erst gegen 9:08 Uhr wirklich los. Aber ich möchte das auf dem Whiteboard nicht korrigieren. Warum auch? Auf geht es. Ich laufe zügig los, wirklich zügig. Aber ich habe Bock, so richtig Freude, obwohl ich im Grunde wie immer in diesen Tagen alleine Laufe. Alleine das Gefühl, dass auf dieser Strecke eine oder zwei Handvoll Leute ebenfalls laufen geben mir das Gefühl von Gemeinsamkeit in der Einsamkeit, was ich seit vielen Wochen im Laufen vermisse. Ich weiß durch das Whiteboard, dass die beiden Personen aus dem oben verlinkten Video ebenfalls auf der Runde sind und frage mich, ob ich sie vielleicht sehen werde.

Die Strecke selbst geht erst über Straßen und durch Wald und Wiesen. Ich folge den orangen Markierungen und laufe somit im Uhrzeigersinn. Es wird knappe 6 km dauern bis ich überhaupt einen anderen Läufer sehe. Wir grüßen uns, als wir uns entgegenkommen. Bis dahin sehe etliche Hunde und Spaziergänger. Also ist das zumindest wie immer. Ich beklage mich nicht, denn ich habe ja auch einen Hund. Ich laufe durch eine Siedlung und darf dann einen ewig langen geraden Feldweg folgen. Es wird 3 oder 4 km lang stetig ganz leicht bergauf gehen. Ich laufe aber durch die Felder. Es ist ruhig, entspannt und ach, was bin ich froh hier zu sein. Es gibt fast immer weite Aussichten und einfach mal irgendwo anders laufen zu können, etwas anderes sehen zu können, tut mir einfach gut.

Nach knapp der halben Runde komme ich zu dem Paar aus dem verlinkten Video und freue mich. Ich überhole sie, bedanke mich für die Empfehlung und das Aufmerksam machen auf diesen Ballon – A – Thon und wünsche Ihnen noch viel Spaß. Ich kam sogar ins aktuelle Video: (Link: https://www.youtube.com/watch?v=17drejbR6AE )

Es geht weiter durch einen Waldabschnitt, vorbei an Kühen und Rapsfeldern und über Feldwege. Dann folgt eine gefühlte Umrundung eines Golfplatzes. Jeder Ballon – A – Thon hat ein Motto. Das Motto in dieser Woche war: „Zeit für ein paar Birdies.“ Jetzt war auch klar, was damit gemeint ist.

Bei diesem Golfplatz gibt eine kleine Extraschleife, die gelaufen werden muss. Hier ist es sehr staubig und technisch. Es ist ein knackiger Anstieg und Downhill. Ich treffe hier den Organisator Jan-Philipp. Ich danke ihm für die Streckenempfehlung, und dass er das hier so organisiert hat. Zu diesem Zeitpunkt habe ich gute 17 km auf der Uhr und bin damit schon eher am Ende meiner ersten Runde und er ist am Anfang seiner zweiten Runde. Jede Runde entspricht einem Halbmarathon. Die Strecke ist wesentlich technischer in diesem Abschnitt als es auf den Bildern aussieht. Hier werde ich mich auch einmal für vielleicht 150 m verlaufen. Die Kombination aus dem GPX Track und den Markierung ist zusammen recht gut. Ich habe selbst nur einmal nicht aufgepasst, weil ich auf den Boden geachtet und dadurch eine Abzweigung übersehen habe. Danach geht es gut bergab, bis ich „unten“ auf einer Straße ankomme und in Richtung des Ziels laufe.

Der Herr, der vor mir auf die Strecke ging, läuft mir entgegen und meint, er hätte sich verlaufen. Ich schaue auf meinen GPX Track und sage, dass wir richtig seien. Wir laufen mit Abstand zueinander weiter die Straße entlang und sehen dann die Markierung, die meine Aussage bestätigt. Wir trennen uns danach, da ich einige Fotos machen möchte. Zeitstress habe ich keinen. Warum auch? Ich möchte hier einfach nur Laufen und die Zeit genießen. Kurz danach geht es durch eine Siedlung und die erste Runde ist absolviert.

Bevor ich jedoch mich auf dem Whiteboard eintrage, fülle ich meine Flaschen im Rucksack auf und esse etwas. Die drei Herren vom Anfang der ersten Runde sitzen jeweils in ihrem Auto. Sie fragen mich, ob ich ebenfalls nächste Woche wieder dabei wäre. Ich sage, wahrscheinlich ja. Das käme aber auf meine Ehefrau an, schließlich würde ich in gut fünf / sechs Wochen Vater werden und da läge meine Top-Priorität. Wenn es ihr gut gehe und alles noch problemlos sei, dann wäre ich wohl wieder dabei. Da sie selbst Ultraläuferin ist, verstehe sie meinen Laufdrang zum Glück. Die drei Herren verstehen das und wir sagen erstmal: „Bis nächste Woche.“

Nach der Verabschiedung laufe zum Whiteboard und trage gute 10 Minuten später meine Zielzeit ein. Es ist eigentlich mehr meine Startzeit für die neue Runde. Dieses Mal laufe ich die Runde gegen den Uhrzeigersinn und folge der grünen Markierung. Die Gründe sind vielseitig: Ich will erst den blöden Berg belaufen haben und den nicht nochmal am Ende hochkriechen, zum anderen hoffe ich Dinge zu entdecken, die ich vorher nicht gesehen habe.

Das dauert auch keinen Kilometer bis ich plötzlich eine Steinreihe entdecke oder völlig neue Aussichten wahrnehme. Der Berg hoch zum Golfplatz ist nun allerdings noch schlimmer. Ich schicke meiner Frau eine Sprachnachricht mit einem Zwischenbericht und robbe mich irgendwie den Berg hoch. Ich freue mich auf den Moment, wo ich weiß, dass es nun wieder am Golfplatz bergab geht. Doch mit mir geht es auch langsam bergab. Nach dem Golfplatz stehe ich irgendwo auf einem Waldpfad und nehme mein erstes und einziges Gel an diesem Tag. Ich merke, wie ich hier, bei Km 28, langsam mit der Wärme und der Müdigkeit kämpfe.

Bei km 30 kommen wir zwei Läufer entgegen. Sie laufen auf der anderen Straßenseite, doch wir machen jeder für uns eine Laola-Welle. Es ist ein schönes Gefühl der Freude. Kurz danach setze ich mich auf eine Parkbank und sehe, wie die beiden in der Ferne den Hügel hochlaufen, den ich eben noch runterlief. Ich sitze hier und trinke etwas, entspannt und ruhig. Bis mir auffällt, dass mein Wasser knapp wird.

Kurz danach laufe ich weiter, wieder an den Kühen vorbei. Wieso sind wir eigentlich nicht vorher die Kälber aufgefallen? Ich laufe entlang der 3, 4 km geraden Strecke, die nun stetig leicht bergab geht. Hier entdecke ich ein Smilie, was mir beim ersten Mal auch nicht auffiel.

Es war eine gute Entscheidung auch anders herum zu laufen. Bei Kilometer 36 sehe ich ein Plastikmännchen. Mit dem mache ich erst ein Selfie. Kurz danach treffe ich erneut Jan-Philipp, der mittlerweile seine dritte Runde läuft, wo ich dabei bin, meine zweite zu Beenden.

Bei Kilometer 39 sind meine Wasserflaschen leer und ich bin k.o. und sitze auf einer Parkbank. Mal wieder. Mein Kopf macht mir einen Strich durch die Rechnung. Ich weiß, dass jetzt noch drei km folgen, die einfach keinen Schatten haben. Ich laufe irgendwann los und juble mir selbst alle 100 bis 200 m im stillen zu. Das funktioniert auch ziemlich gut, bis ich schließlich das Ziel sehe.

Ich trage mich zum letzten Mal am Whiteboard ein und trabe zu meinem Auto. Dann setze ich mich alleine in den Kofferraum und gönne mir irgendwas zu trinken, was mir gerade in die Hand fällt und freue mich über den Tag. Ich freue mich, dass ich einfach einen Marathon gelaufen bin und etwas mit anderen gemeinsam gemacht zu haben, obwohl ich 99% der Zeit alleine war. Ich gucke in die WhatsApp Gruppe und lese, wie andere von der Strecke berichten und Fotos schicken, wo sie gerade sind. Es ist ein zarter Geschmack von Normalität.

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Zugspitzultratrail 2019 – Aber ich wollte doch …

Vor dem Lauf

Es ist vor dem Start des Zugspitzultras 2019 viel passiert, sodass ich ein sehr langes „vor dem Lauf“ verfassen möchte. Ich glaube, das wird das längste „vor dem Lauf“ – Kapitel, das ich je verfasst habe.

Es gibt Momente, die alles verändern. Von so einem Moment mag ich erzählen. Sina, Niklas, Dominik und ich sitzen in Dominiks Auto. Wir fahren gerade nach Grainau, was an Garmisch-Partenkirchen grenzt und der Austragungsort von dem Zugspitzultra ist. Wir sind zwischen München und Garmisch-Partenkirchen, also kurz vor dem Ziel, als dieser besagte Moment eintritt. Wir vier erhalten alle zeitgleich eine SMS Nachricht mit dem Inhalt, dass unsere Starts verlegt worden sind. Niklas und Sina starten lediglich früher. Dominik und ich starten ursprünglich auf den 80, bzw. 100 km des Zugspitzultras. Bei uns bedeutet die Verlegung des Starts, dass wir nur noch 65 km laufen werden. Die 80 und 100 km entfallen vollständig. Mein erster Gedanke ist: Ade, mein 100 km Vorhaben. Ich gestehe es mir in diesem Moment noch nicht ein, und es wird auch noch Tage dauern, aber ich bin enttäuscht und traurig. Wenigstens findet der Lauf statt, nicht wie 2012 beim New York Marathon, wo ich schon vor Ort war und der Lauf entfallen ist.

Dennoch bin ich traurig. Juliane lief ihn zweimal und es war vor vielen Jahren, als sie meinte: „Willst du nicht auch mal die 100 km laufen?“ und ich immer meinte: „Bloß nicht. Ich bleibe bei den 65 km.“ Zweimal war ich nun die 65 km Supertrail Strecke gelaufen und jetzt hatte ich meine Meinung geändert. Jetzt wollte ich diese 100 km rund um die Zugspitze laufen. Doch das Schicksal, das Unwetter und was auch immer der Meinung war, dass es nicht 2019 sein soll. Jetzt sollte ich also zum 3. Mal die 65 km laufen? Dann … mache ich mal das Beste draus und komme irgendwie ins Ziel.

Als wir nach 8 oder 9 Stunden Fahrt, viele Staus waren inklusive, endlich ankommen, treffen wir Daniel. Mit ihm trainiere ich unter anderem für den Hermannslauf. Zu fünft holen wir unsere Startunterlagen ab, gehen zur Pasta Party und hören uns das Streckenbriefing mit all den notwendigen Änderungen an. Ein schweres Unwetter bedroht das Rennen. Wann es kommt und wie heftig es wird, ist unklar. Es kann schon ab Nachmittags da sein, Notfallpläne seien schon vorbereitet. So sei es denn, auf geht’s.

Nächster Morgen. Wir müssen früh die Wohnung verlassen, da unser Bus gegen 6 Uhr uns zum Start bringen soll. Bei der Bushaltestelle trennen wir uns. Niklas und Daniel starten über die 39 km Distanz und Dominik, Sina und ich eben über die 65 km. Um 5:57 Uhr sitzen wir im Bus und fahren nach Österreich zum Start des Zugspitz Supertrail 2019. Es wird zudem Sinas erster offizieller Ultralauf und das gleich über 65 km und 3000 Höhenmeter. Ich ziehe meinen Hut davor. Ich war vor exakt 3 Jahren in der identischen Situation und ich weiß, was vor ihr liegt und wie schwer es werden kann.

Beim Start angekommen, stellten sich Dominik und ich uns für die Toilette an. Das spannende ist, dass es mein neuer Rekord ist, um für eine WC anzustehen: Sage und schreibende 45 Minuten wird es dauern. Und dies ist ein symptomatisches Beispiel dafür, wenn drei Startfelder zu einem Feld zusammengeführt werden, aber gefühlt die Sanitären Einrichten u.a. diese Kapazität nicht verkraften. Ich verstehe, dass dies viele Herausforderungen birgt und ich bin froh, dass es überhaupt einen Start gibt, aber ideal war der Beginn dieses Tages für mich nicht. Dominik und ich gehen nach der WC Aktion zum Einchecken in den Startblock.

Der Lauf

Wenige Minuten vor dem Start sind Sina, Dominik und ich im Startbereich und jeder hat andere Ambitionen. Dominik möchte eine gute Zeit laufen, Sina und ich wollen nur ins Ziel kommen. Irgendwie. Irgendwann. Hauptsache innerhalb des Cut-Offs von 15 Stunden. In diesem Moment hoffe ich, dass meine Magenprobleme, die ich 2017 auf diesem Lauf hatte, sich nicht wiederholen würden.

Der Startschuss fällt und wir laufen los. Ich kenne die Strecke und weiß mittlerweile, wie ich meine Kraft einteilen muss und wie ich den Lauf angehen sollte. So laufe ich los und es geht auch den ersten Berg hoch. Als ich fast oben ankomme, gibt es die erste Streckenänderung des Tages. Die letzten Meter hoch zum ersten Gipfel, dem Scharnitzjoch, ist etwas kürzer aber leider dadurch steiler. Alle kämpfen sich Schritt für Schritt hoch.

Oben angekommen, beginnt der erste Downhill mit Schnee. Meine Erinnerungen an den Zugspitzultra 2016, wo ich im Schnee stürzte und der vierten Etappe des Transalpine Runs, wo ich auch deswegen stürzte, werden wach. Ich ärgere mich über die bevorstehenden Meter, dass es so rutschig ist und ich mich so unsicher fühle. Doch nach einigen Metern beschließe ich mich auf meinen Po zu setzen und einfach herunterzurutschen, was zu meiner persönlichen Überraschung wirklich gut läuft. Der Po ist zwar nun nass und kalt, aber ich bin nach einigen Minuten am unteren Ende des Schneefeldes angekommen.

Der restliche Downhill läuft für meine Verhältnisse echt gut. Ich kann viel, beinahe alles laufen und das mit meinen erheblichen, auch technischen Defiziten im Downhill. Es erscheint mir, dass mein Training dies gut aufgefangen hat, denn ich habe Downhill laufen auch trainiert. So erreiche nach 2:37h den ersten Verpflegungspunkt (VP5; die Nummerierung orientiert sich an der 100 km Strecke). Das Problem ist nur: Es ist so eng, so beklemmend. Überall wird gedrückt, geschoben und der VP ist einfach völlig überfüllt. Es fühlt sich wie eine Massenabfertigung auf engstem Raum an. Ich beeile mich, will schnell wieder raus und weiterlaufen. Als ich wieder auf der Strecke bin, habe ich wieder Platz, fühle mich wohl und kann endlich weiterlaufen. Erholsam war dieser Verpflegungspunkt aber leider nicht.

Ich laufe schnell weiter. Jetzt wird es für 10 km relativ flach bleiben. Ich ziehe leicht mein Tempo an und hoffe, dass ich gut bis zum VP 6 durchkomme. Zwischendurch treffe ich Dirk, den ich beim Zugspitzmarathon 2016 kennenlernte. Er wollte heute seinen ersten 100 km machen, doch das klappt aus bekannten Gründen nicht. Wir unterhalten uns und trennen uns nach gut 2 km wieder. Ich bin zügig in VP6 angekommen, esse und trinke kurz etwas, fülle meine Vorräte auf und gehe ein Stück bergauf und esse dabei weiter. Ich komme gut weiter und habe dann doch ein kleines Tief. Das geht nach nicht einmal 10 Minuten weg. Und dann stehe ich schon im VP 7. Gute 32 km liegen nun schon hinter mir.

Ich gehe am Verpflegungspunkt vorbei und ins Lokal, um mir eine Fanta zu holen. Doch ich werde angeschrien, ja angeschrien: „Sie bekommen nur etwas, wenn sie sich hinsetzen. Wir verkaufen hier nichts am Tresen. Also setzen Sie sich oder gehen Sie weg.“ Ich bleibe ruhig, denke daran, wie andere in den Jahren zuvor etwas bekommen haben, schüttle den Kopf und sage nur „Ich gehe. Schönen Tag noch.“ So etwas Unfreundliches habe ich noch nie erlebt. Ich gehe zum Verpflegungspunkt zurück und mache meine Routine. Allerdings muckt mein Magen etwas. Er kommt mit der Ernährung von dem Lauf einfach nicht zurecht. Ich merke, wie ich kaum noch etwas Essen kann und ich fürchte mich vor dem, was da noch vor mir liegt. Dunkle, böse Erinnerungen von 2017 kommen hoch, wo ich völlig abgeschmiert bin. Meine Hoffnung zerbröselt sich zu Staub. Ich atme tief und traurig ein, seufze und sagte mir „Es geht weiter.“ Doch nach gut 1-2 km geht es mir nicht mehr so gut. Ich fühle mich platt, die Hitze drückt unangenehm. Ich schleppe mich dann irgendwann, irgendwie nach vorne.

Nach einiger Zeit komme ich an einer Alm vorbei und es gibt ein Schild auf dem steht: „Selbstbedingung“. Ich lächle und kehre ein. Zum ersten Mal in meinem Leben während eines Laufes kehre ich irgendwo ein. Ich hole mir eine Fanta, 0,4 l und setze mich auf eine Bank und genieße die Aussicht. Ich trinke sonst nie Fanta. Wirklich, aber ich habe durch Zufall auf einem vergangenem Lauf gemerkt, dass ich sie gut verkrafte und den Zucker gut gebrauchen kann. Ich sehe am Nachbartisch Läufer, die sich unterhalten. Einige haben hier aufgegeben, einige wollen gleich weiter. Ich trinke die Fanta aus, stell mein Glas auf das Tablett zur Abgabe und laufe nach gut 5 Minuten weiter.


Einige Minuten später laufe ich neben einem Läufer her. Wir unterhalten uns fast 3 km lang. Am Ende des Gesprächs fühle ich mich super. Ich habe ein richtiges hoch und laufe wie verrückt plötzlich dem VP8 entgegen, den ich nach gut 7 Stunden erreiche. Erneut kehre ich ein, nehme eine kleine Fanta, setze mich hin, trinke in Ruhe aus. Dann folgt die übliche Routine am VP und es geht weiter. Ein guter Halbmarathon liegt nur noch vor mir. In aller Regel benötige ich für diesen gute 5 Stunden. Und so soll es auch diesmal sein.

Ich gehe den letzten Berg rauf (gute 7 km mit 1400 Höhenmeter). Das wirklich anstrengende ist die Kuhglocken der Zuschauer. Du hörst sie und denkst: „Super, ich bin gleich oben!“ und eine halbe Stunde später bist du es erst. Das zerrt sehr an meinen Nerven. Und irgendwann erreiche ich den VP9. Jetzt habe ich mein größtes Tief während des Laufes. Es geht mir gar nicht gut. Ich hatte sehr mit mir zu kämpfen. Es dauert fast 15 Minuten, bis ich aufstehe und weiter krieche. Ja das Wort kriechen passt wirklich gut. Der letzte Rest des Anstieges kostet mich viel Kraft. Mental habe ich nicht eine Sekunde an das Aufgeben gedacht, aber es ist unheimlich anstrengend und meine Akkus sind leer. Dass ich schon seit VP 7 kaum etwas essen kann, macht sich nun deutlich bemerkbar. Auf halbem Weg bleibe ich stehen, stelle mich an den Rand, um anderen nicht im Weg zu sein. Ich nehme ein Gel und das kann ich ganz gut aufnehmen. Warum ich keines am letzten Versorgungspunkt genommen habe? Keine Ahnung.

Dann schaue ich nach oben und bewege mich in diese Richtung. Oben angekommen geht es jetzt im Grunde nur noch bis ins Ziel bergab, was nicht meine Spezialität ist. Ich lasse es laufen, zumindest wenn der Magen nicht meckert. Ich erreiche VP 10 und danach ist es im Grunde nur noch eine Wanderschaft bis ins Ziel. Auf keinem Zugspitzultra zuvor bin ich so viel nach dem letzten Versorgungspunkt gegangen wie bei diesem. Es geht einfach nichts mehr. Erwähnte ich, dass meine Akkus leer sind? Ich bin in einem Tief, aus dem ich kaum noch rauskomme. Ich setze einen Schritt nach dem anderen und weiß, dass Ziel kommt näher.

Das Ziel und danach

Nach 12:18h erreiche ich mit großer Erleichterung und Erschöpfung das Ziel. Ich bin glücklich, dass ich es geschafft habe. Später am Abend fragt mich Niklas, ob ich an diesem Tag die 100 km geschafft hätte? „Vielleicht“, ist meine Antwort und füge noch hinzu: „Mit wesentlich mehr Kampf vielleicht schon.“

Ich sitze im Ziel mit Daniel, Dominik und Niklas. Wir besprechen uns und reden etwas über unsere Eindrücke, unsere unterschiedlichen Läufe. Niklas und Dominik haben ihre Ziele erreicht. Niklas erlebte seinen ersten alpinen Traillauf und Dominik lief eine hervorragende Zeit. Daniel ist das Rennen zu schnell angegangen und stieg am Verpflegungspunkt 9 aus. Ich schlage vor, dass wir Sina 1 km vor dem Ziel empfangen und anfeuern sollten. Gesagt, getan. Wir gehen dem Starterfeld entgegen und wir feuern jeden an. Es wird dunkel und irgendwann ruft uns eine Stimme zu „Ich bin es, hey Leute! LEUTE!“ und dann ist sie schon fast vorbei. Wir haben Sina im Dunkeln nicht erkannt. Ich renne ihr hinterher und versuche vor ihr im Ziel zu sein, um ihren Einlauf zu sehen. Dafür muss ich allerdings „außen rum“ laufen, da ich durch das eigentliche Ziel nicht laufen möchte. Es gelingt mir. Zwei Sekunden bevor sie über die Ziellinie läuft, stehe ich da und empfange sie. Woher ich plötzlich diese Kraft nahm? Keine Ahnung. Sina hat es geschafft und sie beendete ihren ersten, offiziellen Ultralauf erfolgreich. Das ist eine große Leistung ihrerseits!

Bis auf Sina sitzen wir auf dem Balkon der Ferienwohnung und reden. Plötzlich beginnt ein heftiges Gewitter über uns herzuziehen. Es ist eine Stunde nach dem Zielschluss. Man kann und muss hier Plan B ein großes Kompliment aussprechen: Sie haben einfach alles richtig gemacht.

Tage später. Ich sitze zu Hause, vor meinem PC und denke und reflektiere den Lauf. Ich merke, dass ich doch tief in mir enttäuscht bin, dass die 100 km nicht stattgefunden haben. Ich öffne einen Webbrowser und suche nach einem zeitnahen 100 km Lauf und finde ihn. Dieser ist nur noch wenige Tage entfernt und eine Anmeldung ist nur noch vor Ort möglich. Ich bespreche mich mit Sina. Sie gibt mir ihren Segen und unterstützt mich. Ich maile den Veranstalter an und frage nach der Wahrscheinlichkeit einer Nachmeldung. Die Antwort kommt direkt (sinngemäß): „Jeder der anreist und sich vor Ort nachmeldet, ist dabei!“ Die konkreten Planungen nehme ich direkt in Angriff. Ich hoffe das mein nächster 100 km Ultralauf nun funktionieren wird. Ich kann die restlichen Tage an beiden Händen abzählen, bis ich an der Startlinie des 100 km Thüringen Ultralaufes stehen werde.

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