23. Marburger Nachtmarathon 2022 – 10 Jahre Sub 4 Marathon

Vor dem Rennen

Vor zehn Jahren im Jahre 2012 lief ich hier beim Marburger Nachtmarathon meinen ersten Sub 4 Stunden Marathon. Warum ich überhaupt hier einst war? Naja, eine Freundin von mir, Juliane, überzeugte mich nach Marburg zu kommen. Sie wohnte und studierte zu dieser Zeit hier und ich dachte, es wäre ein guter Moment den Lauf mit einem Besuch bei ihr zu verbinden. Der Bericht kann hier nachgelesen werden: ( Marburger Nachtmarathon von 2012 )

Ich hatte Lust in diesem Sommer (also 2022) irgendwo einen Marathon zu laufen. Einen Ultra schloss ich aktuell aus, da ich an meiner Grundschnelligkeit arbeite und daher nicht zu lang laufen wollte.

Nachdem ich zu Hause alles klären konnte, mietete ich mir einen Zeltplatz für eine Nacht beim Ziel und meldete mich beim Lauf wenige Stunden vor der Schließung der Online-Anmeldung an. Das war an einem Sonntagabend, 5 Tage vor dem Startschuss.

Ich reiste mit dem Zug nach Marburg, baute mein Zelt auf einer Zeltwiese auf, holte mir meine Startunterlagen und spazierte danach erst einmal zur Startlinie, damit ich später am Nachmittag entspannt den Weg dorthin finden konnte. Es ist 10 Jahre her, dass ich das letzte Mal hier war und ich musste mich in Marburg erst einmal orientieren.

Start

Eine gute halbe Stunde vor dem Start gehe ich erneut zur Startlinie in der Altstadt, diesmal in Laufkleidung. Ich treffe auf dem Weg ein paar Läufer, mit denen ich ins Gespräch komme. Der eine läuft seinen ersten Marathon, der andere ist ein erfahrener Läufer und hat eine grobe Vorstellung, was er an diesem Tag als Zeitziel erreicht möchte. Wir gehen gemeinsam zum Start und quatschen die ganze Zeit miteinander. Als wir beim Start ankommen, trennen sich unsere Wege. Die anderen wollen eher weiter hinten starten und haben sich zudem mit Freunden hier verabredet.

Ich beschließe etwas weiter vorne im Feld zu starten. Der Start ist auf einem Platz vor dem Rathaus und es füllt sich schnell. Mit jeder Minute wird es immer knapper mit dem eigenen Platz. Zwischen all der Motivationsmusik kommt die Durchsage, dass wir insgesamt 1500 Starter:innen sind, davon versuchen sich gute 100 am Marathon. Mein erster Gedanke ist, dass es recht eng/voll auf den ersten ein bis zwei Kilometern werden könnte.

Es ist 19:00 Uhr und der Startschuss fällt. Vor mir und um mich herum stürmen die Läufer:innen los. Die meisten nehmen am Halbmarathon teil. Es gibt viele Staffeln im Rennen, die sich leicht an den zusätzlichen Schildern am Rücken erkennen lassen. Ich werde förmlich umgerannt und werde durch den Zog des vorderen Feldes mitgerissen. Ich spreche hier von einer 4 Minuten pro Kilometer Pace. Gut, es geht bergab, aber dennoch ist das für mich viel zu schnell. Eine Marathonzeit von deutlich unter 3 Stunden, kann ich nicht laufen.

Die erste Schleife – Start bis 11 Kilometer

Der erste Kilometer geht bergab. Schneller als in meiner Erinnerung liegen die engeren Altstadtgassen hinter mir und die Straße wird breiter. Ich habe endlich ein wenig Platz und kann entspannter laufen. Ich nehme etwas Geschwindigkeit raus, kontrolliere meinen Puls und laufe in meinem Tempo weiter. Einige Halbmarathonläufer:innen oder Staffelläufer:innen sprinten an mir vorbei. Sollen sie ruhig machen, denke ich mir. Ich erkenne die Halbmarathonläufer:innen an ihrer Startnummer, die mit einer anderen Zahl als die der Marathonläufer:innen beginnt.

Als ich die Ruhe finde, denke ich meine Situation einmal kurz durch. Ich habe im Grunde zwei Probleme: 1. Mein Trainer weiß nicht, dass ich heute hier laufe. Eigentlich passt dieser Lauf überhaupt nicht in meinen Trainingsplan und 2. ich habe seit knapp zwei Monaten keine längere Einheit jenseits der 25 km gelaufen. Ich bin aber der Meinung, dass ich durchaus in der Lage bin einen Marathon zu laufen. Solange sind meine letzten Ultra- und Marathonläufe noch nicht her.

Plötzlich fällt mir ein Läufer auf. Er wird deutlich langsamer. Als ich ihn überhole, zieht er plötzlich sein Tempo an, wechselt in den Sprintmodus und läuft nun einige Meter vor mir. Ich atme tief durch und denke mir, bleib ruhig Daniel. Entspann dich und genieße den Lauf in deinem Wohlfühltempo.

Die ersten Trommler:innen und Zuschauer, die Stimmung machen, erscheinen nun an der größeren Straße. Ein Gefühl von einem belebten Stadtlauf kommt auf. Als ich die Innenstadt verlasse, stellt sich Ruhe ein. Nur das schwere Atmen einiger, sowie die Schritte sind zu hören. Meiner Meinung nach ist der Marburger Marathon eine tolle Halbmarathonstrecke, aber eine weniger akzeptable Marathonstrecke, weil die zweite Schleife später eben dreimal durchlaufen wird. Das kann man mögen, hängt aber von der Schleife ab. Ich finde die erste Schleife deutlich netter, als eben die zweite Schleife. Daher genieße ich diese erste Runde sehr und mache besonders viele Fotos.

Die Straßen, auf denen ich laufe, sind abgesperrt. Ich habe knapp vier Kilometer absolviert. Der erste Verpflegungspunkt liegt hinter mir und es geht an Einfamilienhäusern vorbei. Es wirkt wie ein Dorf, durch das ich laufe. Am Ende der aktuell zu laufenden Straße ist ein Kreisverkehr. Wer sich zuvor fragte, wo all die Autos warten müssen, der bekommt hier die Antwort. Eine lange Schlange an wartenden Autos steht dort. Ich denke mir: Ach man, ich bin ja weiter vorne im Feld, liebe Autofahrer:innen. Da kommen noch sehr, sehr viele Läufer:innen nach mir. Einige schauen in ihren Autos sichtlich genervt. Verübeln kann ich es ihnen nicht. Ich bin froh, gerade nicht in einem der Autos zu sitzen, sondern hier laufen zu dürfen. Es folgt eine Brücke und damit kreuzen wir alle zum ersten Mal in diesem Lauf die Lahn. Die Autos reihen sich hier immer noch aneinander. Nachdem die Lahn überquert wurde, geht es für mich zurück nach Marburg. Die erste halbe Schleife ist somit absolviert. Mir erscheint das Schloss von Marburg auf der rechten Seite auf einem Hügel. Es ist ein angenehmer Orientierungspunkt bei diesem Lauf, da ich so immer weiß, wie weit es mit zum Ziel noch ist.

Vor mir erscheint erneut der Läufer, der los sprintete, als ich versucht habe ihn nach gut zwei Kilometern zu überholen. Als er mich erneut erblickt, wiederholt er das gleiche Schema. Er sprintet los und versucht vor mir zu bleiben. Warum, weiß ich nicht. Viele andere haben ihn ebenfalls überholt und da konterte er nicht. Sein Vorsprung hält nicht lange. Ich merke ihm eine gewisse Erschöpfung an, da er sehr zügig wieder an Tempo verliert. Als ich dann wieder bei ihm bin und überhole, versucht erneut vor mir zu bleiben. Er atmet mittlerweile schwer. Ich ziehe nicht meine Laufgeschwindigkeit an, sondern verbleibe in einem konstanten Tempo. Er läuft erst kurz vor mir, danach neben mir und lässt sich dann zurückfallen. Ich sehe ihn an diesem Abend nicht mehr wieder. Ich wünsche ihm, dass er gut und sicher ins Ziel gekommen ist.

Nach ungefähr 8 Kilometern erreiche ich den zweiten Verpflegungspunkt. Ich greife kurz zu etwas Wasser, da es immer noch recht warm ist und sehe zu, nichts von meinem Laufrhythmus zu verlieren. Es läuft gut und ich fühle mich wohl. Irgendwie ist es plötzlich auf der Strecke leer. Ich weiß nicht wieso, aber irgendwie ist seit dem Verpflegungspunkt kaum jemand da. Das ändert sich erst nach gut 500 weiteren Metern.

Als ich zurück nach Marburg laufe, nehmen die Zuschauer:innen an der Strecke wieder zu, die jubeln, klatschen und treiben mich und die anderen voran. Ich schaue nach links und rechts und bedanke mich bei allen, die an der Strecke feiern. Meist mache ich dies, indem ich selbst klatsche, die Hand dankend hebe oder mein Daumen nach oben zeigt um zu sagen: Ihr seid toll, danke. Ein Wechsel von Schatten, Silhouetten von Gebäuden und Bäumen unterstützt durch die langsam untergehende Sonne bringt mir besondere Eindrücke an diesem Abend. Ich genieße die Atmosphäre des schönen Wetters und der Stimmung an der Strecke. Zudem sind überall Streckenposten, die immer wieder mir ein Gefühl von ‚Du kannst dich nicht verirren. Wir passen auf.‘ geben. Der Lauf ist auf jeden Fall sehr gut organisiert.

Es geht über Kopfsteinpflaster, unter Brücken, vorbei an Fachwerkhäusern und durch ein Café direkt an der Lahn. Die Stimmung hier ist besonders gut und motivierend. Ich merke auch wie mich das schneller macht und möchte mich kaum zum Bremsen mahnen. Ich mache es aber dann doch. So kann ich länger die Stimmung genießen, denke ich mir. Ich schaffe es kaum alle Eindrücke einzusaugen, da erreiche auch schon den Hirsefeldsteg. Das ist eine kleine Brücke, über die ich heute dreimal laufen werde. Dieser Steg ist direkt am Stadion, in dem auch das Ziel ist.

Hiermit beginnt auch die zweite Schleife. Die Brücke ist in zwei Hälften geteilt. Auf der einen Seite alle, die heute eine Distanz bewältigen wollen und auf der anderen Seite all jene, die gerade nicht laufen. Ich komme direkt nach der Brücke zum Wechselpunkt der Staffelläufer. Als Einzelläufer darf ich links laufen. Hier ist auch noch einmal richtig viel los und richtig Stimmung.

Die zweite Schleife – Runde 1/3 – Kilometer 11 bis 21

Kurz danach erreiche ich den ersten Verpflegungspunkt in der zweiten Schleife. Ich trinke schnell etwas und laufe weiter. Was nun folgt, ist ein langer, gerader Streckenabschnitt. Auch wenn ich es nicht sehe, weiß ich doch, dass es gute drei bis vier Kilometer geradeaus geht. Zum Teil geht es auch an einer Landstraße entlang, aber zu dieser Zeit ist der Betrieb auf der Straße überschaubar. Ich hole einige Staffelläufer ein und bin irritiert. Sollte die nicht eher mich überholen? Ich schaue auf meine Uhr und sehe, dass ich im grünen Bereich laufe. Sogar einige Halbmarathonläufer überhole ich, die mich zu Beginn stehen ließen und förmlich los rannten. Sie scheinen einen Preis für ihr anfängliches Tempo zu bezahlen, denn sie sehen recht erschöpft aus. Auch einen Marathonläufer in einem hellblauen Trikot überhole ich. Ich werde ihn später noch besser kennenlernen. Wie ich viel später an diesem Tag erfahren werde, ist sein Name Michael. Verbleiben wir einfach jetzt schon bei seinem Namen.

Irgendwann sitzt ein Trupp Streckenposten auf dem Bürgersteig und winkt mit einer Fahne und ruft den anderen und mir zu „Ihr seid super und müsst da lang“. Gesagt, getan. Ich biege links ein und sehe, wie zwei Kinder aus einem Fenster heraus anfeuern. Dann fallen mir Kilometermarkierungen auf. Jeder Kilometer ist auf dem Boden vermerkt. Ich stelle mir vor, wie ich in der letzten Runde hier entlang laufen werde und nur noch die hohen Zahlen für mich relevant sind. Doch bis dahin wird es noch etwas dauern.

Ich passiere einen weiteren Verpflegungspunkt und laufe links, um eine Kurve und sehe eine kleine Gruppe an Personen vor einem Haus sitzen. Dort hängt auch ein Banner und ich könnte schwören, die saßen da schon vor zehn Jahren.

Ich grüße alle und laufe zügig weiter. Ich erinnere mich an 2012 und daran, dass es nun eher sonnig wird und ich zwischen offenen Feldern laufen werde. Mir fällt auf, dass das Teilnehmerfeld mittlerweile wirklich sehr weit auseinander gezogen ist. Bei ungefähr Kilometer 16 muss ich eine kleine Schleife laufen. Es ist der kurze Moment den Leuten in die Augen zusehen, die bis dahin kurz vor oder nach mir laufen. Mit diesen Eindrücken renne ich zurück nach Marburg. Dabei ist das Schloss wieder in meinem Blick in der Ferne und ich beobachte es, wie langsam aber stetig größer wird.

Bei Kilometer 18,5 steht ein großer Trupp Trommler und ich freue mich über die Motivation und Unterhaltung bei der sonst ruhigen Atmosphäre zu diesem Zeitpunkt. Wenige Meter dahinter ist auch der Verpflegungspunkt vom THW.

Ich erinnere mich zu meiner Überraschung recht gut an diesen Abschnitt. Es geht danach kurz an einer Straße entlang und dann weiter auf einem Fahrradweg zurück zum Stadion und somit zum Ziel. Ein Mann fragt mich, ob ich den Halbmarathon oder Marathon laufe. Ich antworte, dass es heute der Marathon sei, den ich laufen werde. Es ist Michael und dann überholt er mich zu diesem Zeitpunkt. Er läuft so zügig, dass ich mir erneut klarmachen muss mein Tempo einfach weiterzulaufen. Ich finde es schon fast witzig, wie ich mich immer wieder disziplinieren muss, um nicht mitgerissen zu werden. Ich passiere meinen Zeltplatz, denke an die Matratze und die Leckereien zur Belohnung im Zelt, lächle kurz und laufe weiter. Das Stadion nähert sich schnell, ich blicke hinein und sehe, wie einige gerade bejubelt werden, als sie die Ziellinie überlaufen.

Es ist mental schon nicht ganz ohne an einem Ziel vorbeizulaufen und zu wissen, dass man gerade einmal die Hälfte absolviert hat, wo andere schon fertig sind.

Ich werde von einem Streckenposten aus meinen Gedanken gerissen und darauf hingewiesen, dass ich bitte links abbiegen müsse. Ich laufe erneut über den Hirsefeldsteg nach gut 1:37h und weiß, dass ich nun einen weiteren Halbmarathon laufen darf. Mein Ziel ist es eine 3:55h an diesem Tag zu laufen, da ich 2012 eine 3:57h lief und habe dafür noch 2:18h Zeit.

Die zweite Schleife – Runde 2/3 – Kilometer 21 bis 31,5

Ich erinnere mich sehr gut an 2012, als ich an diesem Punkt war. Damals macht es mir sehr zu schaffen, dass die Strecke plötzlich leer war. Ich war darauf nicht vorbereitet, dass ich damals beinahe alleine war. Ich bin beinahe wieder alleine, aber dieses Mal hatte ich mich darauf vorbereitet. Dieses Mal habe ich zehn Jahre mehr Marathon- und Ultramarathonerfahrungen. Ja, dieses Mal sollte es mental kein Problem sein, alleine zu laufen.

Die Sonne steht seid der letzten Runde schon merklich tiefer, aber die Stimmung an dem Staffel-Wechselpunkt ist weiterhin top. Kurz nach dem Verpflegungspunkt sehe ich Michael wieder vor mir und überhole ihn erneut auf diesem Abschnitt. Ich weiß nicht warum, aber scheinbar fühle ich mich auf diesem Abschnitt wohler oder komme besser mit ihm klar. Die Schatten sind länger geworden und viel Sonne bekomme ich nicht mehr ab. Da die Sonne nicht mehr so drückt, finde ich die Runde wesentlich entspannter zu laufen. Ich mache in dieser Phase keine Bilder und genieße die Monotonie des Laufschrittes und Atmens. Das ist etwas, was ich vor zehn Jahren noch nicht konnte. Ich überrunde auch einige aus dem hinteren Halbmarathonfeld, die jetzt ungefähr bei Kilometer 13/14 sind. Die meisten feuere ich an, oder klatsche ihnen zu, um ihnen etwas Motivation zu geben.

Ungefähr bei Kilometer 26 laufe ich erneut in die „Extra Hin/Zurück-Schleife“, doch dieses Mal ist diese deutlich länger. Am Umkehrpunkt dieser Schleife wird auf einer Liste notiert, dass ich vorbeigelaufen bin. Ich sehe auf meinem Rückweg, wie Michael einen kleinen Abstand zu mir hat und mir näher kommt. Weiter geht es in Richtung „Ziel“, mit dem Blick des Schlosses in der Ferne. Dieses ist mittlerweile nur noch eine dunkle Form auf einem Hügel in der Ferne. Mental rutsche ich in eine Phase rein, wo mir klar wird, dass diese zweite Runde die schwerste für mich ist. Wobei es mir wirklich gut geht, auch mental. Die erste bot das gesamte andere Feld und es waren viele Läufer:innen, um einen herum. Die letzte Runde ist für mich die „Heimweg“ Runde, die ins Ziel fühlt, doch diese Runde fühlt sich plötzlich an wie ein „Füller-Runde“ ohne größeren Mehrwert, außer dass die Kilometer abgespult werden.

Ich höre Schritte hinter mir und merke, wie Michael sich langsam nähert. Doch bis er mich erneut hier überholt, dauert es noch einen kurzen Moment. Zuerst passieren wir die Trommler, den THW Verpflegungspunkt und biegen auf den Weg in Richtung Ziel ein. Irgendwo hier spätestens sehe ich seinen Rücken vor mir. Seine Überholung ist diesmal auch früher als in der letzten Runde.

Ansonsten passiert nichts mehr auf der Runde. Ich blicke erneut in das Stadion bei Kilometer 31 und sehe, wie weiterhin einige Halbmarathonläufer:innen jubelnd das Ziel erreichen und sich feiern lassen. Ich blicke auf meine Uhr. Nach 2:28h lasse ich das Stadion erneut hinter mir. Ein Streckenposten ruft mir zu „Halte dich links!“ Und antworte einfach „Danke. Mache ich. Zum letzten Mal heute!“ Auf meiner Uhr stehen 31,5 km als absolviert und ich passiere die Hirsefeldsteg zum dritten und letzten Mal an diesem Tag. Auf geht es! Die letzten 10,7 Kilometer liegen vor mir.

Die dritte Schleife – Runde 3/3 – Kilometer 31,5 bis ins Ziel

Langsam wird es dunkler. Die Sonne ist nicht mehr wirklich am Himmel zu sehen und das restliche Tageslicht erhellt die Strecke immer weniger. Ich bleibe ab jetzt bei den größeren Verpflegungspunkten immer einige Sekunden stehen, um kurz etwas in Ruhe zu trinken. Abschließend nehme ich mit etwas Wasser und kippe es mir auf den Kopf. Das tut gut.
Warum ich überhaupt kurz stehen bleibe? Ich meine … ich habe noch 1:25h Zeit für knapp 11 Kilometer. Mir ist klar, dass ich mein 3:55h Ziel verwerfen kann und schaue einfach, was am heutigen Tag möglich ist. Diese letzte Runde, der „Heimweg“, soll einfach Spaß machen.

Zum dritten Mal überhole ich Michael auf dem „Hinweg“ diese Runde. Innerlich denke ich mir, dass wir uns gleich sowieso auf dem Rückweg sehen werden.

Ansonsten bin ich fast alleine. Ich sehe nicht einmal in der Ferne noch groß andere Läufer:innen, passiere bei gut 35,5 Kilometer den Verpflegungspunkt, trinke zwei Becher und drehe mich dabei um und sehe keinen Michael. Ich bedanke mich bei allen im Verpflegungspunkt und wünsche ihnen einen schönen Abend. Jetzt fühle ich mich ein klein wenig einsamer. Ich laufe weiter, vorbei an den tollen Menschen in ihren Stühlen und weiß, dass mein Lauf gleich schon vorbei ist. Als ich die 36er-Marke auf dem Boden erblicke, schaue ich auf die Uhr. 2:53h steht dort. Also sollte ich in unter 3:25h im Ziel sein. Das scheint mir ein nettes Ziel zu sein. Schließlich bin ich hier aus dem vollen Training heraus, ohne zu tapern, ohne explizite Vorbereitung. Ich bin sowieso schon froh, dass es so gut läuft.

Ich laufe zum letzten Mal in die Schleife und erblicke schräg gegenüber die 3. Frau im Gesamtfeld. Sie müsste hier knapp einen Kilometer vor mir liegen. Als ich den Wendepunkt erreiche, wünsche den Wettkampfrichtern einen schönen Abend, als ich sie passiere. Sie rufen mir zu „Ah, es ist ja deine letzte Runde. Viel Spaß noch.“

Ich sehe Michael, wie er mir entgegenläuft. Der Abstand ist etwas größer als in der Runde zuvor. Ich überlege mir, wann er mich wohl gleich wieder einholt?

Bei Kilometer 39,5 machen die Trommler weiterhin Stimmung und ich beklatsche sie dafür. Am Verpflegungspunkt des THW bleibe ich kurz stehen, trinke etwas und drehe mich um, doch ich sehe niemanden und bin irritiert. Wo bleibt Michael? Schnell kippe ich mir den Rest Wasser auf den Kopf und konzentriere mich auf die letzten 2,5 Kilometer.

Die Kilometermarkierungen 40, 41 lasse ich hinter mir. Ja, ich werde langsamer, dennoch fühlt es sich immer noch gut an hier zu laufen. Die verschiedenen Streckenposten beklatschen und bejubeln mich und fragen „Geht es ins Ziel?“ und ich bejahe es freudig jedes Mal. Darauf hin wird ihr jubeln noch lauter und energischer und es folgt ein „Glückwunsch schon einmal!“. Ich bedanke mich bei ihnen.

Plötzlich erblicke ich eine Läuferin vor mir. Sie macht sich die Schuhe zu und ich denke mir: Ist das ärgerlich, so kurz vor dem Ziel. Es ist die dritte Frau im Gesamtfeld. Ich überhole sie kurz und plötzlich sprintet sie einfach locker an mir vorbei und ich habe nicht den Hauch einer Chance mitzuhalten. Kurz danach, ungefähr bei Kilometer 41,5 steht sie erneut am Rand der Strecke. Ich bin ein wenig irritiert, aber denke mir nicht viel dabei. Erneut passiere ich sie und erneut sprintet sie kurz danach an mir vorbei als würde sie gerade einen 400 m Sprint machen. Da das Stadion schon Reichweite ist, versuche ich ihr zu folgen, aber ich kann einfach nicht einmal ihren Antritt mitgehen. Sie legt da an Tempo vor. Ich bin von ihrer Kraft und Sprintleistung nach fast 42 km ein wenig beeindruckt.

Wir biegen beide ins Stadion ein und ich schaffe es hier ungefähr den Abstand zu ihr zu halten. Ich drehe mich ein letztes Mal um, weil ich erwartet hatte, dass mich jemand auf den letzten Metern einholt, doch ich erblicke ihn nicht. So laufe ich ins Ziel und bin sehr froh, als ich die Uhr auf Stopp drücke und eine 3:23h auf der Uhr erblicke. Ich juble und freue mich und bin völlig erleichtert. Dass es so gut läuft, habe ich nicht erwartet. Wirklich nicht. Ich erhalte meine Finisher-Medaille und gehe zuerst zum Verpflegungspunkt im Ziel.

Das Warten in der Kälte

Was danach passiert, lässt sich kurz zusammenfassen. Die beiden Läufer, die ich vor dem Start kennenlernte, habe ich nicht wieder angetroffen. Ich hoffe, sie haben ihre Ziele erreicht. Ich habe im Ziel gesehen, dass ich Platz 3 in meiner Altersklasse erreicht habe und habe mich sehr gefreut und beschlossen auf die Siegerehrung zu warten. Leider hatte ich all meine warmen Kleidungssachen im Zelt. Laut Aussage der Verantwortlichen im Ziel, sollte die Siegerehrung schnell vollzogen werden, und somit lohnte es nicht erst zum Zelt zu gehen, ggf. zu duschen und zurückzukommen. Doch ungünstigerweise dauerte es viel länger als zuvor gesagt. Ich wurde immer wieder mit 10-15 Minuten vertröstet. Michael, der gute zwei Minuten nach mir ins Ziel kam, wurde in seiner Altersklasse zweiter und wartete ebenfalls. Wir unterhielten uns und hier lernte ich seinen Namen kennen. Zwischendurch drehte ich später Kreise im Stadion, um wieder warmzuwerden. Auch setze ich mich in die Sporthalle, um mich dort aufzuwärmen.

Gegen 23:30 Uhr begann die Siegerehrung und ich nahm schon mit etwas Stolz meine Urkunde an. Ich drückte dabei Michael mein Handy in die Hand, um dies festzuhalten. Nachdem ich für ihn auch Fotos von der Siegerehrung gemacht hatte, verabschiedeten wir uns und ich ging zum Zelt. Dabei bejubelte ich all jene, die gerade dabei ins Ziel liefen. All diese Läufer:innen liefen schon fast fünf Stunden.

Als ich geduscht, aufgewärmt und im Zelt auf meiner Matraze lag, dachte ich über den Tag noch einmal. Ich gönnte mir die eine oder andere Leckerei, an die ich zuvor schon auf der Strecke dachte. Es war für mich eine Reise in alte Erinnerungen und sie hat mir auch neue Erinnerungen beschert. Es war auf jeden Fall schön, wieder in Marburg gelaufen zu sein. Mir fehlte jedoch was, um dieses zehnjährige „Sub 4 Marathon“-Jubiläum beim Marburger Nachtmarathon noch mehr zu feiern.

Juliane. Du hast gefehlt.

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