Maintal Ultratrail – Deutsche Meisterschaft im Ultratrail 2018

Samstag, 14.07.2018
Der Wecker klingelt gegen 4:55 Uhr. Wer Ultraläufer sein möchte, muss sehr häufig, sehr früh aufstehen. In einigen Stunden werde ich mir wünschen, dass es noch früher gewesen wäre. Es soll an diesem Tag 28 Grad heiß werden. Mindestens.
Ich bin hier mit Dominik. Das Hotel hat uns Läufern, mehrere haben hier übernachtet, einen Raum zum Frühstücken zur Verfügung gestellt. Ich komme als einer der Letzten und gehe als einer der Ersten. Ich habe um die Uhrzeit wenig Hunger und ich brauche noch etwas Zeit, um meinen Rucksack zu packen, denn es gibt eine geforderte Pflichtausrüstung, die es gilt mitzuführen. Als alles fertig ist, setze ich mich auf das Bett, nehme einen bedruckten Zettel und gucke mir ein letztes Mal die Strecke an: 64,5 Km, 1700 Höhenmeter sind zu bestreiten. Ich folge mit meinem Blick dem Streckenverlauf. Die Strecke verfügt über viele Steigungen und Gefälle und wenige Abschnitte sind wirklich flach. Mein Ziel für diesen Tag ist es im Mittelfeld zu laden. Ja die Top 50% wären ein schönes Ziel, denke ich mir. Schließlich sind es deutsche Meisterschaften und zudem werde ich nicht volles Tempo laufen, doch dazu gleich mehr.
Dominik kommt zurück in das Zimmer und packt auch seine letzten Sachen in seinen Rucksack. Wir brechen auf und sind gegen 6:20 Uhr auf dem Parkplatz.

Alles ist gut ausgeschildert und ebenfalls schnell erreichbar für uns. Als Dominik und ich in das Stadion eintreffen, beginnt das Briefing für die Strecke. Es wird auf einige Besonderheiten hingewiesen, sowie auf Sicherheitsaspekte eingegangen. Die meisten dieser Hinweise kennt aber jeder, sofern er nicht zum ersten Mal einen Ultralauf bestreitet.

Wir geben unsere Kleiderbeutel ab und checken in den Startblock ein. Unsere Pflichtausrüstung wird überprüft und erst dann dürfen wir in den Startblock. Viele, ja auch ich, schießen einige Fotos. Dominik und ich gucken uns um, ob wir wen erkennen. Was man halt so macht, um die Zeit bis zum Start totzuschlagen. Die Erkenntnis, ja vom Sehen kennen wir einige, doch viele wirken sehr mit sich selbst beschäftigt. So vergeht die Zeit und irgendwann, um kurz vor 7:00 Uhr werden wir zum Start gerufen.

Alles drängt sich zur Startlinie und es ist plötzlich sehr eng und ich habe nur noch wenig Platz für mich.

Start bis Verpflegungspunkt 2
Alle zählen gemeinsam von Zehn runter. Der Startschuss fällt und wir laufen los. Dominik und ich klatschen uns nach 100 m ab und ich laufe vor. 75% Puls, das Tempo was dabei abfällt, soll es heute sein. Ich möchte es nicht übertreiben, noch überpacen. Der Berlin Marathon soll mein Leistungshöhepunkt im Herbst werden. Dies ist der letzte Ultralauf vor Berlin und somit auch ein guter, extrem langer Lauf. Dazu kommt noch die Hitze. Ich befürchte, dass ein Überpacen am Anfang unweigerlich zum Absturz führen kann, wenn es heiß wird und die Reserven schnell nachlassen.

Die ersten Kilometer sind geprägt von viel Wald, Singletrails und einem kühlen Wetter. Gut, es ist kurz nach Sieben Uhr. Wie heiß sollte es da schon sein? Nach gut 3,5 Km verlaufe ich mich das erste Mal an diesem Tag. Gute 200 m kommen oben drauf. Ich bin an diesem Tag nicht der erste, dem das passiert und mir passiert es auch nicht zum letzten Mal. Die Strecke ist gut, aber eben nicht hervorragend markiert.

Nach 4,5 Km sehe ich ein Schild „Noch 60 Km“ und denke mir: Oh nein. Ich mag nicht wissen, was vor mir liegt, sondern nur daran denken, was ich habe. Doch genau dieser Umstand wird mich noch einige Male beschäftigen.

Das erste Mal gehe ich nach gut 6 km, da der erste knackige Anstieg ansteht. Ich könnte hier hoch laufen, doch ich und alle anderen um mich herum sparen sich die Kräfte. Zu meiner Überraschung gibt es sehr technische Abschnitte.
Es folgt zur Belohnung ein toller Singletrail oberhalb des Mains. Wunderschön, urig und super zu laufen, trotz der leichten Steigung. Bei Km 9 esse ich im Laufen etwas aus meinem Proviant, da bald die erste Verpflegung kommt. Da kann ich mit etwas Wasser das Essen gut nachspülen. Anders als auf bisherigen Ultras möchte ich diesmal keine größeren Pausen machen. Der Wald endet in den Weinbergen, wo der erste Verpflegungspunkt bei Km 10 wartet. Dort angekommen, fülle ich in einem für mich hohem Tempo meine Flaschen auf und laufe schnell weiter. Ich benötige nicht einmal eine Minute, bevor ich schon wieder am Laufen bin. Ich bin überrascht, weil eine Läuferin den Verpflegungspunkt komplett auslässt und einfach durchgelaufen ist.

Es geht zeitnah zurück in den Wald. Plötzlich kommt ein sehr technischer Downhill, der weit mehr als 20 Prozent Gefälle hat. Von hinten ruft einer „Ahhhhh Achtung!“ und stolpert den Berg runter. Ich schleiche hier eher entlang. Auf dem flachen Abschnitt danach laufe ich auf ihn auf und frage ihn, ob alles okay sei, er habe ziemlich panisch geschrien. Es gehe ihm gut. Ob ich denn vom Straßenmarathon käme, da ich so vorsichtig den Berg runter gelaufen sei. Ich erzähle ihm, wie ich meine Bänder beim Transalpine Run 2016 strapaziert hätte und seit dem eher vorsichtig bei Downhills sei.
Wir quatschen etwas. Ich lasse ihn beim nächsten technisch, steinigen Downhill vor und hole im flachen wieder auf. Wir setzen unser Gespräch fort. Danach folgt ein langer, stetiger Anstieg, den ich gut laufen kann. Hier werde ich den Läufer zum letzten Mal sehen. Beim Anstieg überhole etliche und setze mich leicht ab. Bei Km 14 gibt es eine Streckenteilung: Die 30 Km Strecke geht gerade aus, die Ultrastrecke muss eine scharfe Linkskurve laufen, an einem Feld entlang.


Die Strecke ändert sich zum ersten Mal. Es gibt weniger Waldwege und dafür mehr Wege entlang von Feldern und Weinbergen. Das bedeutet aber auch, weniger Schatten und mehr direkte Sonne. Ich bin ab dieser Phase und ungefähr ab Km 16 alleine. Anders kann ich das nicht sagen. Vor mir in der Ferne sehe ich mal einen Läufer und hinter mehr sind es meist zehn, jedoch als Gruppe und auch in der Ferne.

Bei Km 19 laufen wir eine Wiese herunter, auf denen Grabsteine stehen. Ich bin etwas irritiert, ob ich hier richtig bin, doch die Streckenmarkierung passt. Es folgen ein kurzer Waldweg und zwei Teiche bis ich den zweiten Verpflegungspunkt erreiche. Hier wird den Frauen ihr jeweiliger Platz zugerufen. Mit mir läuft die 10. Frau und danach direkt die 11. Frau ein.

Verpflegungspunkt 2 bis Verpflegungspunkt 5
Bevor ich am Verpflegungsstand zu Ende getrunken habe, sagt ein Helfer zu mir, dass es direkt recht steil werden würde. Es wird direkt steil nach einem Verpflegungspunkt? Perfekt, denke ich mir. Ich nehme mir noch etwas zu Essen auf die Hand und gehe direkt los. Bergauf? Da kann ich gehen und dabei in Ruhe essen. Ich husche zügig den Anstieg hoch und nach wenigen hundert Metern endet der Anstieg und parallel bin ich mit dem Essen und Trinken fertig. Ich laufe an und nach einem sehr kurzen flachen Stück, geht es erst bergauf und direkt wieder runter. Von solchen Wellen liegen nun einige vor mir.

Ich laufe irgendwo bei Km 22 einen Schotterweg entlang und sehe einen Läufer bergab gehend, beinahe humpelnd. Ich frage ihn, ob er Hilfe braucht und ob alles soweit okay sei? Er dreht sich zu mir, lächelt und bekräftigt, dass es ihm gut gehe. In dem Moment sehe ich, dass er seine Startnummer gefaltet in der Hand trägt. Ich nicke ihm zu und wünsche ihm noch alles Gute.
Es folgt ein langer Abschnitt bei den Weinfeldern und dieser beglückt mit einer Aussicht in die Ferne oder über den Main. Ich laufe im Moment auf Asphalt und in der Sonne. Da es erst halb Zehn ist, als ich die ersten 25 Km Marke auf meiner Uhr passiere, ist es noch erträglich. Mein Puls ist in Ordnung und so laufe ich zufrieden weiter.
Die Zeit verfliegt und die Kilometer ebenfalls. Ich sehe wie die 9. bis 12. Frau regelmäßig ihre Platzierungen tauschen. Ich laufe an ihnen vorbei oder werde mal von ihnen überholt. Das ist neben der Aussicht das einzig Spannende in diesem Abschnitt.

Es ist diese Phase bei einem Ultrarennen, wo ich darauf warte bis zu einem gewissen Kilometerstand zu kommen. Bei einem kurzen Rennen ist der Start- und der Zieleinlauf eben viel dichter beieinander. Bei einem Ultra ist es eher so: Der Start ist spannend, weil zumindest ich immer ein wenig aufgeregt bin. Es folgt viel und lange Laufen und wahrscheinlich auch Qual. Irgendwann wird es wieder spannender wenn es zum Ziel geht. Daher brauche ich bisher bei Ultralaufen eine wunderschöne Landschaft, oder eben eine Begleitung, was mich auch zwischendurch ablenkt. Ich könnte nun auch davon berichten, wie es mir manchmal ergeht, wenn ich plötzlich gefühlt erwache und mich frage: Wo sind die letzten Kilometer hin? Bin ich sie wirklich gelaufen? Das ging ja schnell vorbei. Es ist dann so eine Form von einfach Laufen und völliges entspannen dabei. Das passiert mir leider auf fremden Strecken nicht, daher grundsätzlich auf einem Ultrawettkampf nicht. So heißt es also nun: Viel und lange Laufen, bei einer wenigstens schönen Landschaft.

Zurück zum Lauf. Bei Km 27 laufe ich in eine Schleife rein und sehe, wie ein Läufer die Schleife verlässt. Ich frage mich, wie lang diese Schleife wohl sein wird? Gespräche führe ich nicht. Ich bin in dieser Phase allein und für mich. Ich laufe die Weinberge entlang, muss eine kleine Treppe hinauf gehen und tauche seit langem in einen Wald ein. Und dann stehe ich plötzlich direkt am Verpflegungspunkt 3 bei Km 31,5.

Die Hälfte des Rennens ist beinahe geschafft. Ein Helfer hakt meine Nummer ab und trägt mich in eine Liste ein, dass ich eben diesen Punkt passiert habe. Ich esse, trinke und laufe kurz danach weiter. Neben dieser Verpflegung sitzt ein Läufer auf einer Parkbank und ruht sich aus. Einen Moment überlege ich es ihm gleich zu tun, doch ich entscheide mich dagegen und laufe weiter.
Die Strecke verläuft weiter durch den Wald. Es ist beinahe ein Abschnitt, wo der Singletrail kaum zu erkennen ist, so schmal und teils verwachsen ist es hier.

Ich muss mich enorm anstrengen, um nicht Weg zu verlieren. Am Ende dieses Abschnittes sind wir zu viert. Zwei weitere Läufer und eine Läuferin begleiten mich nun, oder ich sie?! Wir unterhalten uns, laufen bewusst gemeinsam. Mir hilft es, mich einfach etwas mit anderen zu unterhalten. Es motiviert mich und es fühlt sich befreiend an, eben auch einen Abschnitt nicht alleine zu sein. Wir verlassen gemeinsam die Schleife. Ich sehe wie einige Läufer und Läuferinnen jetzt in die Schleife rein laufen. Meine Uhr sagt mir: Km 35. Die Schleife ist also 7 bis 8 Km lang. Ich gucke mit etwas Mitleid zu all jenen, die jetzt gerade erst in diese Schleife laufen. Schließlich wird es immer wärmer.
Kurz nach der Schleife verlaufen wir uns alle, jedoch nur gute 100 m. Wir ärgern uns und laufen bis Km 36 gemeinsam weiter, bis die Läuferin kurz vor läuft „I need a hero“ mitsingt, da sie Musik hört, und wir drei anderen es abfeiern. Wir lachen zu viert. Danach teilen wir uns auf und die Läuferin setzt sich als erste ab und läuft vor. Die anderen beiden Herren nehmen ihr persönliches Tempo auf. Einer läuft vor mir, der andere bleibt hinter mir.
Bei Km 38 beginnt eine Tiefphase, in der ich viel gehen muss. Seit Km 36 laufe ich in der prallen Sonne. Es ist mittlerweile halb elf durch und die Sonne brennt vom Himmel. Als bei Km 38 steile Anstiege beginnen, bin ich demotiviert und k.o.. Ich denke nicht daran aufzuhören, aber ich habe in diesem Moment einfach keine Lust mehr. Ich wünsche mir einen Podcast, Musik, irgendwas, was mich ablenkt von der Hitze. Doch nichts dergleichen führe ich mit mir. Das Zirpen der Grillen ist das einzige was ich höre.
Ich gehe zügig, aber ich gehe. Ein älterer Herr, den ich auf mindestens 60, eher 65 Jahre alt schätze, lässt mich einfach stehen. Ich habe keine Chance im zu folgen, so leicht läuft er diesen Berg hoch. Ich hoffe, dass ich auch einmal in dem Alter noch so sportlich bin. Bis Km 40 kämpfe ich, bis ich endlich an den Verpflegungspunkt 4 ankomme, nach gut 4 Stunden und einigen Minuten.
Mir wird bewusst, dass noch 24 Km vor mir liegen und der Kampf jetzt schon begonnen hat. Die Hitze ist mittlerweile sehr unangenehm. Ich fülle meine Flaschen auf und esse Wassermelone mit Salz. Abschließend bedanke ich mich und gehe erst einmal kurz den nächsten Anstieg hoch.

Es geht bergauf. Der einzige Läufer auf Sichtweite isst und trinkt ebenfalls, als er hochgeht. Als es flach wird, laufe ich an und er geht weiter. Es beginnt genau mit diesem Moment für mich eine neue, lange, sehr einsame Phase in diesem Lauf. Ich sehe niemanden vor und hinter mir. Ich bin im Wald, laufe viele Kurven und spüre die Wärme. Es ist mittlerweile 11:30 Uhr und es ist einfach nur noch heiß. Das erträgliche wird langsam unerträglich. Irgendwo bei Km 44 werde ich seit langem überholt von zwei Läufern, die bergauf ein Stück laufen, was ich gehe. Ich frage mich, wo ich im gesamten Feld liege? Mittelfeld oder doch ganz am Ende? Ich entsinne mich zurück an Km 34, als ich aus der langen Schleife raus lief und noch einige Läufer_innen reinliefen. Am Ende des Feldes sollte ich nicht sein.

Als es wieder flach wird, laufe ich den anderen beide hinterher. Ich werde den Abstand zu ihnen nicht verkürzen, denn ich habe mit der Hitze meine Probleme. So versuche ich jedoch auch den Abstand nicht größer werden zu lassen. Die Strecke führt in der knallen Sonne und auf Aspahlt ohne viel Schatten etliche Km entlang, bis ich irgendwann mit leeren Flaschen und einem trockenem Mund den fünften Verpflegungspunkt erreiche.

Verpflegungspunkt 5 bis Ziel
Beim Verpflegungspunkt 5 gibt es den ersten Cut-Off. Wer es bis hierhin geschafft hat, hätte maximal 8 Stunden für die 48 Km benötigen dürfen. Ich brauchte 5:15h und liege somit 2:45h vor eben diesem Cut-Off. Dreiviertel des Laufes ist geschafft und gute 16 Km liegen vor mir. Für diese 16 Km habe ich insgesamt noch 5:45h Zeit bis zum Cut-Off. Ich trinke ohne Pause direkt mehrere Becher mit Getränken weg, fülle meine Flaschen auf, streue mir Kochsalz auf den Handrücken und lecke ihn mit wenig Freude ab. Das Salz ist bitter notwendig, damit ich den Verlust durch meinen Schweiß kompensieren kann. Ich esse erneut etwas Wassermelone und trabe nach zwei Minuten weiter. Ich lasse kurz die letzten Kilometer Review passieren. Mir wird klar, dass ich auf den letzten 10 Km viel eine richtige Mimimi-Phase durchlebt habe. Ich nehme mir vor, diese Phase zu beenden. Nach diesem Gedanken laufe ich motiviert und energisch weiter.
Ich laufe einiges bergab, nur direkt alles erneut bergauf zu gehen. Wie ich schon sagte, es gibt eine menge Wellen, die entspanntes Laufen wirklich schwer machen. Es folgen erneut lange Sonnenabschnitte, aber endlich auch Schattenabschnitte.
Bei Km 52 bleibe ich stehen. Ein Läufer sitzt im Schatten und schaut mich verwirrt an. Ich erkundige mich, ob er Hilfe braucht, ob es ihm gut geht. Es gehe ihm sehr schlecht, meint er. Er beende den Lauf und habe seiner Frau schon bescheid gegeben. Sie würde ihn bald hier abholen. Ich meine zu ihm, dass er noch 12 Km vor sich habe und dafür über 5 Stunden Zeit hätte. Das könne er gehen! Er hält eine Sekunde inne. Ich sehe, wie er kurz überlegt, nur um dann diesen Gedanken zu verwerfen. Er höre ganz sicher auf. Ich wünsche ihm eine gute Erholung. Er nickt und wünscht mir einen guten restlichen Lauf.

Ich habe das Gefühl, dass der Lauf wieder dynamischer wird, denn überhole mal einen Läufer und werde dann wieder von einem anderen überholt.
Es folgen Singletrails im Wald und immer häufiger kurze Gespräche mit anderen Läufern. Primär bestehen unsere Dialoge aus Motivations- und Mut machenden Sätzen wie z.B. „Komm, lauf weiter.“ Oder „Bleib dran. Zu zweit ist es nicht so hart.“
So geht es weiter bis Km 57, wo der letzte Verpflegungspunkt 6 auf mich wartet. Ich nehme mir zu essen, nehme mir zu trinken und setze mich auf eine Wasserkiste. Es ist unbequem, aber es ist mir gerade das liebste. Bin ich noch an den ersten Verpflegungspunkten freudig und zügig durchgelaufen, bin ich hier langsam am Ende meiner Kräfte. Ich wollte doch alle Verpflegungspunkte schnell passieren, doch ich kann ehrlich gesagt nicht mehr. Ich genieße diese kurzen Pausen zu sehr. Über 6:25h bin ich nun unterwegs. 7 Km liegen noch vor mir. Es ist mittlerweile fast halb eins und die Sonne brennt von oben herab. Ich bin froh, dass ich aus meiner Mimimi Phase wirklich raus gekommen bin. Ich beginne keine, was wäre wenn Spielchen. Es ist, wie es ist und alle müssen hier durch. Ich pausiere fast 4 Minuten, bevor ich weiter laufe. Das Aufstehen fällt mir nicht schwer, sondern das Weiterlaufen. Ich verabschiede mich und mache das, was ich immer in solchen harten Momenten mache: Ich laufe einfach weiter, bei 28 Grad, in der Sonne an diesem Sommertag. Verrückt könnte der eine oder andere meinen. Vielleicht ist es das ein wenig, aber ich finde es ist viel verrückter jetzt nicht mehr zu laufen. Ich bin froh, dass ich über eine gute mentale Stärke verfüge.
Es geht weiter. Die nächsten Anstiege laufe ich sogar wieder. Die Kraft kommt langsam wieder, so paradox, wie das klingt. Es geht sogar zum ersten Mal durch eine Siedlung und ich bekomme das Gefühl, dass das Ziel wirklich nicht mehr fern ist.

Ich sehe das „Noch 5 Km“-Schild. Ab hier sollen nun die Kilometerschilder jeden Kilometer kommen. Ich komme an einem Haus in der erwähnten Siedlung vorbei, wo eine Frau sich in ihrem Garten auf einen Liegestuhl bequem gemacht hat. Sie schlürft wahrscheinlich irgendwas Kaltes und feuert alle an. Kurz danach geht es einen sehr schmalen Feldweg steil hinunter, nur um vor einem Edeka raus zu kommen. Ich bin wirklich, wirklich versucht da rein zu gehen und mir etwas Kaltes zu kaufen. Doch, ich denke mir ebenfalls: Es ist nicht mehr weit. Direkt hinter dem Edeka, kommt ein sehr steiles bergauf Stück. Mein Gedanke in diesem Moment ist: „Die meinen das jetzt nicht ernst, oder?“ Doch der Abschnitt weicht nicht und ich gehe ihn hinauf. Ich erinnere mich an die Streckenkarte, die ich mir am Morgen auf dem Bett noch einmal angesehen hatte. Ich weiß, dass gleich ein langer Downhill kommt und spare mir die Kraft.

Die nächsten Kilometer fliegen an mir vorbei. Ich laufe um eine 5:30min Pace und laufe den Downhill runter. Hier überhole ich etliche andere Läufer, die fast alle nur noch gehen oder humpeln können. 1,5 Km vor dem Ziel geht es wieder in die pralle Sonne und es geht ein letztes Mal leicht bergauf. Hier beschließe ich nichts mehr zu riskieren und gehe gute 100 m. Die letzten 700 m sind im Wald und vorwiegend flach. Als ich in den Wald laufe, drehe ich mich um und schaue, ob Dominik mich noch einholt. Erfahrungsgemäß überholt mich immer ein Sudbrackläufer kurz vor dem Ziel. Doch ich sehe ihn nicht und frage mich, wann er wohl einläuft und vor allem, ob es ihm gut geht? 200 m vor dem Ziel laufe ich in das Stadion und freue mich riesig es geschafft zu haben.

Dort steht Dominik am Rand, geduscht und in Alltagskleidung. Er feuert mich an und mir wird klar, dass er das Rennen nicht beendet hat und abbrach. Wir geben uns ein High Five und ich springe ins Ziel. Dort bleibe ich stehen und verharre eine Sekunde.

Im Ziel
Erwartungsvoll werde ich von der Jury und einer Frau mit einer Medaille angeguckt, weil ich einfach stehen bleibe. Ich sage nur „Fertig.“ Ich muss in diesem Moment gestrahlt haben, denn ich werde nach dem Wort von allen angelächelt. Ich bekomme die Medaille und muss mich erst einmal setzen, weil ich erschöpft bin. Dominik kommt zu mir und er berichtet mir, dass er nach 10 Km aufgegeben hat und zurückging, da er einige Probleme hatte. Er wartete 3,5 Stunden auf mich. Nach etwas Verpflegung und einer Dusche fahren wir zurück. Wir kommen am Edeka vorbei und ich bitte ihn dort anzuhalten. Wir gehen kurz rein und ich kaufe mir irgendetwas kaltes, welches ich vorab ins Auto packe. Doch bevor wir weiterfahren, stellen wir uns für ein paar Minuten an die Strecke und feuer die Läuferinnen und Läufer an, die gerade vorbei laufen. Einer bleibt sogar stehen und fragt, ob es die Medaille für die Ultraläufer gibt, die ich gerade noch um den Hals trage. Ich sage ihm: „Ja das ist sie. Noch 4,5 Km, davon ist das meiste gut laufbar liegen vor dir! Du schaffst das!“ Er lächelt, nickt und läuft weiter. Danach steigen wir ins Auto und fahren in die Heimat.
Es fällt mir schwer, mich in diesem Moment zu freuen, da ich Dominik meine Freude nicht zu sehr aufdrücken möchte, schließlich war es nicht sein Tag. Aber als ich am Abend zu Hause war, schaute ich noch mehrmals meine Finisher-Medaille an und damit meine erste Teilnahme an einer deutschen Meisterschaft.

Einen Tag später sehe ich die Ergebnisse und weiß, dass ich alle meine Ziele erreicht hatte. Ich war im Mittelfeld gelandet, was wie ich es mir erhofft hatte. Ich wurde 11. von 22 in meiner Altersklasse und 94 von 192 im gesamten Feld. Ich lief in den Top 50%! Was ich ebenfalls an den Ergebnissen sehen konnte, war das fast jeder vierte es nicht ins Ziel schaffte. Ich vermute, die Hitze hat da eine gewisse Mitschuld. Ich hoffe, dass es beim Berlin Marathon Mitte September nicht ganz so heiß wird.

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