Hollenmarsch 2019 – Wenn ein 55 km Ultra zum Training wird

Vorgeschichte

Was ist alles seit der Brocken Challenge passiert? Ich war spontan auf dem Ibbenbürener Klippenlauf, ich lief in Paderborn den Osterlauf. Ich stellte eine neue Bestzeit auf dem Hermannslauf auf (2:15:57h). Danach lief ich spontan bei dem Preußisch Oldendorfer Volkslauf. Das große Ziel ist im 1. Halbjahr aber der Zugspitzultra 100 km Lauf mit 5450 Höhenmeter im Juni.

Ich empfand es als sinnvoll einmal einen Trainings-Ultra zwischen 50 und 60 km zu laufen. Auf die Idee, dass ich mich beim Hollenmarsch anmelde, brachte mich meine Arbeitskollegin Kathrin, die dort die 100 km zum vierten Mal wandern möchte.

Und da ich mich ja gerne von neuen Läufen begeistern lasse, habe ich mir gedacht: Cool die haben eine 55 km Strecke. Zeitlich passt es auch perfekt in meinen Trainingsplan. Also auf geht es!

Vor dem Start – 25. Mai 2019

Es ist 7:30 Uhr. Kathrin ruft mich an, sie ist ungefähr bei Kilometer 65 von ihrer Wanderung und hat die Nacht geschafft. Wir reden kurz miteinander. Ich drücke ihr die Daumen für den Rest ihrer 100 km Wanderung beim Hollenmarsch. Ich mache mich kurz danach fertig und fahre zum Lauf. Vor Ort treffe ich einen Trainingspartner, mit dem ich seit Jahren mich für den Hermannslauf gemeinsam vorbereite: Daniel. Er läuft den Marathon, als Trainingslauf für den Zugspitzultra – Basetrail XL (39 km mit gut 1800 Höhenmeter). Er wird am Ende gesamt 3. auf dem Marathon werden und ungefähr 3:25h benötigen für den Marathon mit den gut 1100 Höhenmetern. Wir holen unsere Startnummern ab und ziehen uns für den Lauf entspannt um und gehen zum Start. Da fällt mir auf: Ich habe meine Flaschen im Auto gelassen. Es heißt zwar, man benötige sie nicht unbedingt, aber es sollte warm werden. Alleine für den psychologischen Effekt eine dabeizuhaben, war es mir schon wichtig wenigstens eine mitzuführen.

So rannte (!) ich , ja sprintete richtig, zum ca. 1 km entfernten Parkplatz, da ich nur noch 12 Minuten bis zum Start hatte. Die Steigung war nicht ohne und so ging mein Puls schon gut hoch (Für die Experten: Zone 5, anaerob). Ich nahm schnell die Flasche aus dem Auto und rannte zurück. Ich kam 2 Minuten vor dem Start am Startblock an und musste mich komplett hinten einsortieren. Das war alles andere als ein idealer Anfang. Ich wollte mir für die gut 1400 Höhenmeter mit 55 km lange Strecke knapp 6 Stunden Zeit nehmen. Schließlich sollte dies ein Trainingslauf sein.

Ich konnte gerade noch durchatmen, als der Startschuss schon viel…

Der Lauf

Ich laufe los und überhole erst einmal einige Läuferinnen und Läufer. Sina hatte mir noch eine Sprachnachricht geschickt, auf die ich zumindest kurz eingehen wollte, bevor ich stundenlang durch die Gegend laufe. Es muss von außen sehr seltsam gewirkt haben, dass ich nach nicht einmal 1 km mein Handy aus dem Laufrucksack zücke und ihre Sprachnachricht abhöre, nur um dann direkt im Anschluss eine aufzunehmen.


Als der erste Berg anfängt, ist das alles erledigt. Ich stecke das Handy weg und lasse mich erst in diesem Moment auf den Lauf ein. Die sonst nachdenklichen Minuten im Startblock sind ja auch entfallen. Ich ärgere mich etwas über mich selbst.
Es geht steil bergauf, aber das Berglaufen bereitet mir Freude und Spaß und nimmt mir den Ärger. Ich bin heute ganz sicher nicht der Schnellste, aber das muss ich auch nicht.
Irgendwann endet die erste Steigung und es wird angenehm flach und zwischendurch geht es auch wieder runter. Ich erfreue mich an der Landschaft und der teils weiten Aussichten. Ich laufe fast am ersten Verpflegungspunkt vorbei, bremse und trabe ein, um in Ruhe zu Essen und zu trinken. Naja, ich möchte das zumindest. Aber viele Läufer nehmen sich einen Becher und rennen weiter, wie ich es von einem Straßenmarathon kenne. Oh warte… Da sind ja Marathonläufer im Feld. Diese Hetze stresst mich sehr. So beeile ich mich am Verpflegungspunkt mehr, als ich es ursprünglich wollte. Ich ärgere mich darüber, wollte ich es doch ruhig angehen und verspreche mir selbst, ab dem zweiten Verpflegungspunkt wirklich runterzufahren. Das ist ein 55 km Trainingslauf! Nicht mehr und nicht weniger.

Der Anfang des 55 km Laufes ist eine 14 km Runde, bevor ich fast wieder beim Start-/Ziel vorbeilaufe. Die Landschaft ist wirklich schön, steile Anstiege, weite Aussichten, auch mal kurz über eine Wiese laufen oder an einem Bach entlang. Ich kann nicht leugnen, das sich einmal daran dachte im Allgäuer Raum zu sein. Doch, das bin ich natürlich nicht, sondern neben Bödefeld.
Als ich fast das Start / Ziel wiedersehe, biege ich vorher ab und Laufe beim zweiten Verpflegungspunkt ein. Ich erkundige mich, wann der nächste Verpflegungspunkt kommen soll. Ich erhalte, ehrlich gesagt etwas patzig, die Antwort: „Wieso fragt das jeder nach? Mensch, das musst du doch selber wissen! Du läufst doch hier.“ Ich bin im ersten Moment etwas irritiert. Ich überlege einen Augenblick und antworte: „Dann möchte ich gerne einen konstruktiven Vorschlag machen: Hängt doch einfach ein Schild hier hin – Bis zum nächsten VP sind es X km. – Dies wird häufig bei anderen Ultraläufen gemacht.“ Ich bedanke mich noch für Speis und Trank, drehe mich um und sehe, wie zwei Marathonläufer sich einen Becher im Sprint nehmen und weiterlaufen. Ich seufze, atme tief durch und laufe weiter.

Es wird kurz danach recht steil, sodass ich mehrmals mich entscheide zu gehen. Kurz vor dem dritten VP unterhalte ich mich mit einem Läufer, der gerade seinen ersten Marathon läuft. Wir gehen einen der steilen Stücke gemeinsam hoch. Ich frage ihn, wieso er sich einen anspruchsvollen Marathon als ersten aussucht. Das sei eher ungewöhnlich und er erzählt mir, wie er zum Laufen kam, merkte, dass die Straße nichts für ihn sei und deswegen lieber Trails läuft.
Nach der Steigung sind wir direkt im dritten Verpflegungspunkt. Er nimmt sich einen Becher und läuft weiter und ich esse und trinke kurz, bevor ich ebenfalls wieder durchstarte. Hier trennen sich unsere Wege.
Nach einem langen Waldstück folgt eine steile Wiese, die wie eine Skiabfahrt auf mich wirkt. Als ich oben ankomme, wird es endlich für eine längere Zeit flacher. Dann verlasse ich den Wald und laufe sehr, sehr lange eine Straße bergab.

Ich bin mittlerweile auf die Wanderer aufgelaufen, die den Marathon oder die 55 km wandern. Viele klatschen und jubeln uns Läufer*innen an, was sich toll anfühlt und motiviert. Ich versuche zurück zu jubeln und zu klatschen. Kurz danach kehre in den 4. Verpflegungspunkt nach 28 km ein. Halbzeit!

Ich fülle meine Flaschen auf und esse etwas von meinem eignen Proviant. Nach dem Verpflegungspunkt geht es erst einmal bergauf und die Zeit nutze ich zum Essen.
Habe ich schon einmal darüber philosophiert, dass ich es toll finde, wenn Verpflegungspunkte kurz vor einer Steigung sind? Der Vorteil ist einfach, dass ich es gut verkrafte, bergauf zu gehen und dabei zu Essen. Der Zeitverlust, sofern er mal notwendig wäre, ist dabei eher gering, als wenn man sofort im flachen Gelände laufen würde.
Es folgen Wiesen und Waldwege die eine gewisse Ruhe ausstrahlen. Die Aussicht ist von hier aus toll. Ich gucke über kleine Dörfer und weite, grüne Wälder. Es geht nun vermehrt bergauf, wobei dass meiste sehr gut zu laufen ist. So geht es vorbei, durch enge Sträucher, über Wurzeln und an Wanderern vorbei. Insgesamt herrscht eine wirklich gute Stimmung auf der Strecke. Gute 5 km später komme ich zum Schild der Schilder. Hier muss jeder für sich entscheiden: Laufe ich heute einen Marathon oder einen Ultra.

Ich biege nach rechts ab, wo alle Ultraläufer und Wanderer über 55 km lang müssen. Natürlich schaue ich, wer von den Läufer*innen nach links oder rechts abbiegt. Alle biegen in Richtung Marathon ab, nur ein älterer Herr biegt in Richtung des Ultras ab. Jetzt heißt es: Den vor mir liegenden Weg muss ich in die eine Richtung laufen, mich später einfach umdrehen und exakt so bis zu dieser Gablung zurücklaufen. Ich erhalte ungefähr zu diesem Zeitpunkt von Kathrin die Information, dass sie mit ihren 100 km durch ist und im Ziel angekommen ist, nach 18 Stunden und 50 Minuten. Herzlichen Glückwunsch an dieser Stelle!

Die Stimmung auf der Ultradistanz ist toll und sehr abwechslungsreich. Ich sehe sehr müde, erschöpfte Gesichter, die die 83 oder 100 km wandern. Ich sehe aber auch motivierte, fröhliche Menschen, die jubeln, glücklich oder einfach gut gelaunt sind. So laufe ich vielen Wanderern entgegen. Unter den Läufern gibt es nicht viel zu berichten. Mich überholt ein älterer Herr, wahrscheinlich weit über 60 Jahre, der wirklich Tempo macht. Der bleibt aber bald bei einer Parkbank stehen und zieht sich in Windeseile ein frisches T-Shirt an. In dem Moment überhole ich ihn und bemerke, wie er mir ansieht, mit einem Blick der sagt: „Gleich hole ich dich wieder ein.“
Irgendwann kommt mir der erste Läufer von den 55 km entgegen. Und ich denke mir: Oh, ich könnte ja mal zählen, wie viele vor mir sind. Doch soviel zu zählen war da nicht. Bei einigen kann ich die Nummer nicht erkennen, daher vermute ich, das einige der Läufer auch die 83/100 km Läufe bestreiten.
Dann muss ich erneut eine Art Skiabfahrt hoch Wandern. Die laugt mich ziemlich aus.

Und irgendwann erreiche ich den Wendepunkt. Eine Frau bittet mich über eine Matte zu gehen und dann umzudrehen. Gesagt, getan. Ich sei wohl jetzt als 55 km Läufer registriert, meint sie. Da ich nun im Wendepunkt bin, endet auch meine Zählung. Ich schätze mich so auf Platz 10 ein und bin überrascht davon. Ich vermute einfach, dass die meisten den Marathon laufen und die 55 km eher weniger Teilnehmer hat (So ca. 60 sollten es auf den 55 km gewesen sein.).
Ich schaue mir den Verpflegungspunkt an, doch außer eine meiner Flaschen aufzufüllen, mache ich nichts und greife wieder zu meiner Eigenverpflegung. Versteht mich nicht falsch, die Verpflegung ist in Ordnung, nur es gibt gerade nichts, was ich vom Angebot essen möchte.
Ich laufe zurück und damit in Richtung des Ziels. Der Moment hat wirklich etwas von „jetzt geht es nach Hause“. Es geht mir eigentlich recht gut, obwohl es warm ist. Nun laufe ich vielen Läufer*innen entgegen, die die 55 km anpacken und hinter mir sind. Es gibt mir schon ein Gefühl davon „gejagt“ zu werden. Der ältere Läufer überholt mich kurz nach dem Verpflegungspunkt und dreht sich ein/zweimal zu mir um, als wenn er prüft, ob er vor mir bleiben kann. Doch an den Anstiegen muss er gehen, wo ich noch laufen kann. Und so kommt es, dass ich ihn zum letzten Mal an dem Tag sehe, als ich ihn ungefähr nach 43 km überhole.
Ein paar Anstiege später, ich bin schon an der Weggablung für die Marathon- und Ultraläufer*innen wieder vorbei, überhole ich schnell wandernd einige 83/100 km Wanderer, die überrascht sind, wie zügig ich sie überhole. Über diesen Kommentar kommen wir ins Gespräch. Ich verweise auf den älteren Herren, der jeden Moment da sein sollte und direkt hinter mir ist. Dem zolle ich meinen höchsten Respekt und den sollten sie erst recht bejubeln. Sie merkten an, dass sie das machen wollen. Wir verabschieden uns, denn der Anstieg ist vorbei und ich laufe weiter.
An der letzten Verpflegung, es sind 5 km bis zum Ziel, laufe ich einfach vorbei. Meine Flasche ist noch gefüllt, ich fühle mich gut und ich habe zur Not noch Essen im Rucksack. Somit gibt es keinen Grund für mich hier stehenzubleiben.

Ich bin ungefähr 3 km vor dem Ziel, als ich eine kurze, steile Passage schnell hochgehe. Um mich herum sind Familien, die die 14 km mit ihren Kindern wandern. Ein Mädchen, sicher nicht älter als 12, fragt mich: „Du bist doch ein Läufer. Wieso läufst du nicht?“ Ich entgegne nur: „Weil es manchmal nicht sinnvoll ist zu laufen. Hier zu laufen kostet viel Kraft und ich bin schon über 50 km unterwegs.“ Damit begnügt sie sich und ruft nach ihrer Mutter, die gute 30 m weiter vorne ist, dass sie nicht mithalten kann und man doch bitte auf sie warten möge.
Als ich noch 2 km vor mir habe, sagt ein Vater zu seinem Sohn: „Wie kann man nach über 50 km noch laufen?“ Darauf antworte ich nicht. Was soll man da auch noch sagen? Mein Gefühl kurz vor dem Ende ist es, dass scheinbar wir Läufer umfassend von den Wanderern begutachtet werden.

Gute 1,5 km vor dem Ziel entscheide ich mich zu einem Schlussspurt, da ich wohl noch unter 5:30h bleiben kann. Ich springe den letzten Downhill richtig runter und eine Gruppe von 83/100 km Wanderer sehen mich völlig irritiert an, als sie Rückwärts den Berg heruntergehen.
Ich laufe zügig weiter und sehe, dass es zeitlich doch sehr knapp wird und erhöhe zum Ende hin noch einmal mein Tempo. Kurz vor dem Ziel sehe ich auf meine Uhr und weiß, dass es um wenige Sekunden noch klappt. Ich atme tief durch und bin sehr glücklich. Mit so einer Zeit habe ich nicht gerechnet. Zu meiner Freude gibt es ein Malzbiergetränk in der Zielverpflegung. Ich setze mich auf eine Bank und neben mir sitzt ein Läufer der die 83 km lief. Wir stoßen an und unterhalten uns eine gute Viertelstunde über die Strecke, den Lauf und unsere Ziele und Pläne in den nächsten Wochen. Nach dieser erholsamen Pause gehen wir getrennte Wege.

Ich gehe erst einmal duschen und mache mich frisch, nur um anschließend in einer Schlange zu stehen, und meine Urkunde abzuholen. Ich bin doch sehr gespannt, welchen Platz es am Ende wurde. Es wurde der 6. Platz und ein 2. Platz in der Altersklasse. Mit einem breiten Grinsen und viel Freude gehe ich zum Auto und fahre nach Hause.
Dieser Lauf wird mir in guter Erinnerung bleiben. Schön war es!

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