Zugspitzultratrail 2019 – Aber ich wollte doch …

Vor dem Lauf

Es ist vor dem Start des Zugspitzultras 2019 viel passiert, sodass ich ein sehr langes „vor dem Lauf“ verfassen möchte. Ich glaube, das wird das längste „vor dem Lauf“ – Kapitel, das ich je verfasst habe.

Es gibt Momente, die alles verändern. Von so einem Moment mag ich erzählen. Sina, Niklas, Dominik und ich sitzen in Dominiks Auto. Wir fahren gerade nach Grainau, was an Garmisch-Partenkirchen grenzt und der Austragungsort von dem Zugspitzultra ist. Wir sind zwischen München und Garmisch-Partenkirchen, also kurz vor dem Ziel, als dieser besagte Moment eintritt. Wir vier erhalten alle zeitgleich eine SMS Nachricht mit dem Inhalt, dass unsere Starts verlegt worden sind. Niklas und Sina starten lediglich früher. Dominik und ich starten ursprünglich auf den 80, bzw. 100 km des Zugspitzultras. Bei uns bedeutet die Verlegung des Starts, dass wir nur noch 65 km laufen werden. Die 80 und 100 km entfallen vollständig. Mein erster Gedanke ist: Ade, mein 100 km Vorhaben. Ich gestehe es mir in diesem Moment noch nicht ein, und es wird auch noch Tage dauern, aber ich bin enttäuscht und traurig. Wenigstens findet der Lauf statt, nicht wie 2012 beim New York Marathon, wo ich schon vor Ort war und der Lauf entfallen ist.

Dennoch bin ich traurig. Juliane lief ihn zweimal und es war vor vielen Jahren, als sie meinte: „Willst du nicht auch mal die 100 km laufen?“ und ich immer meinte: „Bloß nicht. Ich bleibe bei den 65 km.“ Zweimal war ich nun die 65 km Supertrail Strecke gelaufen und jetzt hatte ich meine Meinung geändert. Jetzt wollte ich diese 100 km rund um die Zugspitze laufen. Doch das Schicksal, das Unwetter und was auch immer der Meinung war, dass es nicht 2019 sein soll. Jetzt sollte ich also zum 3. Mal die 65 km laufen? Dann … mache ich mal das Beste draus und komme irgendwie ins Ziel.

Als wir nach 8 oder 9 Stunden Fahrt, viele Staus waren inklusive, endlich ankommen, treffen wir Daniel. Mit ihm trainiere ich unter anderem für den Hermannslauf. Zu fünft holen wir unsere Startunterlagen ab, gehen zur Pasta Party und hören uns das Streckenbriefing mit all den notwendigen Änderungen an. Ein schweres Unwetter bedroht das Rennen. Wann es kommt und wie heftig es wird, ist unklar. Es kann schon ab Nachmittags da sein, Notfallpläne seien schon vorbereitet. So sei es denn, auf geht’s.

Nächster Morgen. Wir müssen früh die Wohnung verlassen, da unser Bus gegen 6 Uhr uns zum Start bringen soll. Bei der Bushaltestelle trennen wir uns. Niklas und Daniel starten über die 39 km Distanz und Dominik, Sina und ich eben über die 65 km. Um 5:57 Uhr sitzen wir im Bus und fahren nach Österreich zum Start des Zugspitz Supertrail 2019. Es wird zudem Sinas erster offizieller Ultralauf und das gleich über 65 km und 3000 Höhenmeter. Ich ziehe meinen Hut davor. Ich war vor exakt 3 Jahren in der identischen Situation und ich weiß, was vor ihr liegt und wie schwer es werden kann.

Beim Start angekommen, stellten sich Dominik und ich uns für die Toilette an. Das spannende ist, dass es mein neuer Rekord ist, um für eine WC anzustehen: Sage und schreibende 45 Minuten wird es dauern. Und dies ist ein symptomatisches Beispiel dafür, wenn drei Startfelder zu einem Feld zusammengeführt werden, aber gefühlt die Sanitären Einrichten u.a. diese Kapazität nicht verkraften. Ich verstehe, dass dies viele Herausforderungen birgt und ich bin froh, dass es überhaupt einen Start gibt, aber ideal war der Beginn dieses Tages für mich nicht. Dominik und ich gehen nach der WC Aktion zum Einchecken in den Startblock.

Der Lauf

Wenige Minuten vor dem Start sind Sina, Dominik und ich im Startbereich und jeder hat andere Ambitionen. Dominik möchte eine gute Zeit laufen, Sina und ich wollen nur ins Ziel kommen. Irgendwie. Irgendwann. Hauptsache innerhalb des Cut-Offs von 15 Stunden. In diesem Moment hoffe ich, dass meine Magenprobleme, die ich 2017 auf diesem Lauf hatte, sich nicht wiederholen würden.

Der Startschuss fällt und wir laufen los. Ich kenne die Strecke und weiß mittlerweile, wie ich meine Kraft einteilen muss und wie ich den Lauf angehen sollte. So laufe ich los und es geht auch den ersten Berg hoch. Als ich fast oben ankomme, gibt es die erste Streckenänderung des Tages. Die letzten Meter hoch zum ersten Gipfel, dem Scharnitzjoch, ist etwas kürzer aber leider dadurch steiler. Alle kämpfen sich Schritt für Schritt hoch.

Oben angekommen, beginnt der erste Downhill mit Schnee. Meine Erinnerungen an den Zugspitzultra 2016, wo ich im Schnee stürzte und der vierten Etappe des Transalpine Runs, wo ich auch deswegen stürzte, werden wach. Ich ärgere mich über die bevorstehenden Meter, dass es so rutschig ist und ich mich so unsicher fühle. Doch nach einigen Metern beschließe ich mich auf meinen Po zu setzen und einfach herunterzurutschen, was zu meiner persönlichen Überraschung wirklich gut läuft. Der Po ist zwar nun nass und kalt, aber ich bin nach einigen Minuten am unteren Ende des Schneefeldes angekommen.

Der restliche Downhill läuft für meine Verhältnisse echt gut. Ich kann viel, beinahe alles laufen und das mit meinen erheblichen, auch technischen Defiziten im Downhill. Es erscheint mir, dass mein Training dies gut aufgefangen hat, denn ich habe Downhill laufen auch trainiert. So erreiche nach 2:37h den ersten Verpflegungspunkt (VP5; die Nummerierung orientiert sich an der 100 km Strecke). Das Problem ist nur: Es ist so eng, so beklemmend. Überall wird gedrückt, geschoben und der VP ist einfach völlig überfüllt. Es fühlt sich wie eine Massenabfertigung auf engstem Raum an. Ich beeile mich, will schnell wieder raus und weiterlaufen. Als ich wieder auf der Strecke bin, habe ich wieder Platz, fühle mich wohl und kann endlich weiterlaufen. Erholsam war dieser Verpflegungspunkt aber leider nicht.

Ich laufe schnell weiter. Jetzt wird es für 10 km relativ flach bleiben. Ich ziehe leicht mein Tempo an und hoffe, dass ich gut bis zum VP 6 durchkomme. Zwischendurch treffe ich Dirk, den ich beim Zugspitzmarathon 2016 kennenlernte. Er wollte heute seinen ersten 100 km machen, doch das klappt aus bekannten Gründen nicht. Wir unterhalten uns und trennen uns nach gut 2 km wieder. Ich bin zügig in VP6 angekommen, esse und trinke kurz etwas, fülle meine Vorräte auf und gehe ein Stück bergauf und esse dabei weiter. Ich komme gut weiter und habe dann doch ein kleines Tief. Das geht nach nicht einmal 10 Minuten weg. Und dann stehe ich schon im VP 7. Gute 32 km liegen nun schon hinter mir.

Ich gehe am Verpflegungspunkt vorbei und ins Lokal, um mir eine Fanta zu holen. Doch ich werde angeschrien, ja angeschrien: „Sie bekommen nur etwas, wenn sie sich hinsetzen. Wir verkaufen hier nichts am Tresen. Also setzen Sie sich oder gehen Sie weg.“ Ich bleibe ruhig, denke daran, wie andere in den Jahren zuvor etwas bekommen haben, schüttle den Kopf und sage nur „Ich gehe. Schönen Tag noch.“ So etwas Unfreundliches habe ich noch nie erlebt. Ich gehe zum Verpflegungspunkt zurück und mache meine Routine. Allerdings muckt mein Magen etwas. Er kommt mit der Ernährung von dem Lauf einfach nicht zurecht. Ich merke, wie ich kaum noch etwas Essen kann und ich fürchte mich vor dem, was da noch vor mir liegt. Dunkle, böse Erinnerungen von 2017 kommen hoch, wo ich völlig abgeschmiert bin. Meine Hoffnung zerbröselt sich zu Staub. Ich atme tief und traurig ein, seufze und sagte mir „Es geht weiter.“ Doch nach gut 1-2 km geht es mir nicht mehr so gut. Ich fühle mich platt, die Hitze drückt unangenehm. Ich schleppe mich dann irgendwann, irgendwie nach vorne.

Nach einiger Zeit komme ich an einer Alm vorbei und es gibt ein Schild auf dem steht: „Selbstbedingung“. Ich lächle und kehre ein. Zum ersten Mal in meinem Leben während eines Laufes kehre ich irgendwo ein. Ich hole mir eine Fanta, 0,4 l und setze mich auf eine Bank und genieße die Aussicht. Ich trinke sonst nie Fanta. Wirklich, aber ich habe durch Zufall auf einem vergangenem Lauf gemerkt, dass ich sie gut verkrafte und den Zucker gut gebrauchen kann. Ich sehe am Nachbartisch Läufer, die sich unterhalten. Einige haben hier aufgegeben, einige wollen gleich weiter. Ich trinke die Fanta aus, stell mein Glas auf das Tablett zur Abgabe und laufe nach gut 5 Minuten weiter.


Einige Minuten später laufe ich neben einem Läufer her. Wir unterhalten uns fast 3 km lang. Am Ende des Gesprächs fühle ich mich super. Ich habe ein richtiges hoch und laufe wie verrückt plötzlich dem VP8 entgegen, den ich nach gut 7 Stunden erreiche. Erneut kehre ich ein, nehme eine kleine Fanta, setze mich hin, trinke in Ruhe aus. Dann folgt die übliche Routine am VP und es geht weiter. Ein guter Halbmarathon liegt nur noch vor mir. In aller Regel benötige ich für diesen gute 5 Stunden. Und so soll es auch diesmal sein.

Ich gehe den letzten Berg rauf (gute 7 km mit 1400 Höhenmeter). Das wirklich anstrengende ist die Kuhglocken der Zuschauer. Du hörst sie und denkst: „Super, ich bin gleich oben!“ und eine halbe Stunde später bist du es erst. Das zerrt sehr an meinen Nerven. Und irgendwann erreiche ich den VP9. Jetzt habe ich mein größtes Tief während des Laufes. Es geht mir gar nicht gut. Ich hatte sehr mit mir zu kämpfen. Es dauert fast 15 Minuten, bis ich aufstehe und weiter krieche. Ja das Wort kriechen passt wirklich gut. Der letzte Rest des Anstieges kostet mich viel Kraft. Mental habe ich nicht eine Sekunde an das Aufgeben gedacht, aber es ist unheimlich anstrengend und meine Akkus sind leer. Dass ich schon seit VP 7 kaum etwas essen kann, macht sich nun deutlich bemerkbar. Auf halbem Weg bleibe ich stehen, stelle mich an den Rand, um anderen nicht im Weg zu sein. Ich nehme ein Gel und das kann ich ganz gut aufnehmen. Warum ich keines am letzten Versorgungspunkt genommen habe? Keine Ahnung.

Dann schaue ich nach oben und bewege mich in diese Richtung. Oben angekommen geht es jetzt im Grunde nur noch bis ins Ziel bergab, was nicht meine Spezialität ist. Ich lasse es laufen, zumindest wenn der Magen nicht meckert. Ich erreiche VP 10 und danach ist es im Grunde nur noch eine Wanderschaft bis ins Ziel. Auf keinem Zugspitzultra zuvor bin ich so viel nach dem letzten Versorgungspunkt gegangen wie bei diesem. Es geht einfach nichts mehr. Erwähnte ich, dass meine Akkus leer sind? Ich bin in einem Tief, aus dem ich kaum noch rauskomme. Ich setze einen Schritt nach dem anderen und weiß, dass Ziel kommt näher.

Das Ziel und danach

Nach 12:18h erreiche ich mit großer Erleichterung und Erschöpfung das Ziel. Ich bin glücklich, dass ich es geschafft habe. Später am Abend fragt mich Niklas, ob ich an diesem Tag die 100 km geschafft hätte? „Vielleicht“, ist meine Antwort und füge noch hinzu: „Mit wesentlich mehr Kampf vielleicht schon.“

Ich sitze im Ziel mit Daniel, Dominik und Niklas. Wir besprechen uns und reden etwas über unsere Eindrücke, unsere unterschiedlichen Läufe. Niklas und Dominik haben ihre Ziele erreicht. Niklas erlebte seinen ersten alpinen Traillauf und Dominik lief eine hervorragende Zeit. Daniel ist das Rennen zu schnell angegangen und stieg am Verpflegungspunkt 9 aus. Ich schlage vor, dass wir Sina 1 km vor dem Ziel empfangen und anfeuern sollten. Gesagt, getan. Wir gehen dem Starterfeld entgegen und wir feuern jeden an. Es wird dunkel und irgendwann ruft uns eine Stimme zu „Ich bin es, hey Leute! LEUTE!“ und dann ist sie schon fast vorbei. Wir haben Sina im Dunkeln nicht erkannt. Ich renne ihr hinterher und versuche vor ihr im Ziel zu sein, um ihren Einlauf zu sehen. Dafür muss ich allerdings „außen rum“ laufen, da ich durch das eigentliche Ziel nicht laufen möchte. Es gelingt mir. Zwei Sekunden bevor sie über die Ziellinie läuft, stehe ich da und empfange sie. Woher ich plötzlich diese Kraft nahm? Keine Ahnung. Sina hat es geschafft und sie beendete ihren ersten, offiziellen Ultralauf erfolgreich. Das ist eine große Leistung ihrerseits!

Bis auf Sina sitzen wir auf dem Balkon der Ferienwohnung und reden. Plötzlich beginnt ein heftiges Gewitter über uns herzuziehen. Es ist eine Stunde nach dem Zielschluss. Man kann und muss hier Plan B ein großes Kompliment aussprechen: Sie haben einfach alles richtig gemacht.

Tage später. Ich sitze zu Hause, vor meinem PC und denke und reflektiere den Lauf. Ich merke, dass ich doch tief in mir enttäuscht bin, dass die 100 km nicht stattgefunden haben. Ich öffne einen Webbrowser und suche nach einem zeitnahen 100 km Lauf und finde ihn. Dieser ist nur noch wenige Tage entfernt und eine Anmeldung ist nur noch vor Ort möglich. Ich bespreche mich mit Sina. Sie gibt mir ihren Segen und unterstützt mich. Ich maile den Veranstalter an und frage nach der Wahrscheinlichkeit einer Nachmeldung. Die Antwort kommt direkt (sinngemäß): „Jeder der anreist und sich vor Ort nachmeldet, ist dabei!“ Die konkreten Planungen nehme ich direkt in Angriff. Ich hoffe das mein nächster 100 km Ultralauf nun funktionieren wird. Ich kann die restlichen Tage an beiden Händen abzählen, bis ich an der Startlinie des 100 km Thüringen Ultralaufes stehen werde.

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