Transalpine-Run 2016 – Von Garmisch-Partenkirchen (Deutschland), über Österreich nach Brixen (Italien) – Teil 3 von 3

Was war bisher passiert? Eine Zusammenfassung der ersten fünf Etappen.
Die ersten beiden Tage verliefen für Juliane und mich weitestgehend nach Plan und ohne Zwischenfälle. Seit Tag 3 erhielten wir ein Adoptiv-Mitglied: Dominik. Er schloss sich uns an. Die dritte Etappe verschlechterte mein Gesundheitszustand, da mein Fußgelenk angeschlagen war, durch mehrmaliges Umknicken. Ab Tag 4 wurde es ebenfalls schwerer für Juliane, da ihre Knie Probleme machten. Ebenfalls erhielt ich einen Sonnenbrand der abartig schlimm war. Nur Dominik schien völlig immun gegen diese Wehwechen zu sein. Er lief bärenstark bei uns mit und gut durch. Mit der fünften Etappe betraten wir Italien und somit fehlten nur noch zwei Etappen bis zum Ziel in Brixen, Italien.

09. September 2016, Etappe 6: Passeiertal – Sarntheim

An diesem Morgen erwachte ich und war direkt sehr nervös. Wie immer in den letzten Tagen, war ich der erste beim Frühstück. An keinem anderen Tag, als an diesem war und wurde mir direkt bewusst, wie ich gefangen von meiner Anspannung war. Ich spürte wie viel Druck ich mir machte. Ich sah mir das Streckenprofil der sechsten und siebten Etappe an und sagte mir: Wenn du es heute schaffst, dann bist du so gut wie durch. Mir war klar, dass ich von außen betrachtet, sehr angespannt wirken musste. Ehrlich gesagt, habe ich mich selbst nicht wieder erkannt. Aber dieser sechste Tag machte mir auch klar, dass meine Nerven komplett blank lagen. Ich musste mich enorm zusammenreißen, um es mir nicht zu sehr anmerken zu lassen. Ich denke, dass ich diesem Anspruch nicht gerecht wurde und scheiterte. Ich gehe Rückblickend davon aus, dass alle meine Anspannung bemerkt hatten und wahrscheinlich es nicht verstanden. Mein Fußgelenk tat zwar nicht weh, aber es war völlig instabil. Ich hatte selbst beim normalen Gehen überhaupt keine Stabilität mehr. Das merkte ich daran, dass der Fuß einfach wabbelig war und ich nicht druckvoll auftreten konnte. Ich hatte keine Kraft und irgendwie schlackerte er von links nach rechts. Das ist jetzt nicht ganz richtig und völlig übertrieben, aber ich versuche es irgendwie in Worte zu fassen. Vielleicht wäre es besser gewesen, Juliane direkt einzuweihen, wie ich mich fühlte, aber ich entschied mich dagegen. Die Situation war schon vorbelastet, eben dadurch, dass ich die letzten Tage immer rumstresste wegen den Cut-Off Zeiten und ich wollte aus Rücksicht die Klappe halten. Ich wollte kein Mitleid und vor allem, wollte ich sie nicht noch länger damit nerven, wie ich mich fühlte. Die Zeit vom VP2 zum VP3 war einfach sehr knapp für meine körperlichen Verhältnisse bemessen und es sollte ein fast ausschließlich anspruchsvoller, technischer Downhill sein. Ich schlich am fünften Tag schon die Berge runter. Ich wusste, dass ich heute noch langsamer sein werde.
Bevor ich zum Shuttle ging, kümmerte ich mich noch um meinen Sonnenbrand auf meinen Armen. Das war wirklich nicht feierlich, denn diese waren einfach knall rot. Ich entschloss mich für einen zweifachen Schutz. Zuerst cremte ich die Arme mit Sonnenschutzfaktor 50 ein, was wirklich unangenehm war. Dann nahm ich Armlinge, die im „Goddie-Bag“ beilagen und von Gore gesponsert wurden. Die Naht der Armlinge brannte sich in meine Arme und es dauerte einige Minute bis der leichte Schmerz nachließ. Aber es musste so sein. Es sah scheiße aus, aber meine Haut war mir wichtiger.
Es gab mehrere Shuttles zum Startbereich und ich nahm den ersten, damit ich, wie immer, bei Uli mich rechtzeitig tapern lassen konnte. Mittlerweile fühlte ich mich alleine, was ganz klar auch an mir lag. Ich machte keine Witze und Sprüche mehr, sprach fast gar nicht mehr und distanzierte mich von immer mehr von anderen Leuten. Ich wollte niemanden nerven, denn es reichte, wenn ich mich schon mit meiner eigenen Art nervte.

Als ich beim Medi-Zelt ankam, gab es schon eine längere Schlange, obwohl es noch geschlossen war. Die Schlange vor dem Zelt wurde eh jeden Tag länger. Auch die Verletzungen wurden teilweise immer schlimmer. Vor mir war jemand mit einem gebrochenen Zeh. Einer der Sanitäter kam kurz vorbei und fragte einen Läufer „Na wie fühlst du dich heute?“ und dieser antwortete nur „Es ist hier nur noch eine Materialschlacht. Machen wir uns nichts vor.“ Ich musste bei der Äußerung schmunzeln, denn ich stimmte ihm zu. Als ich dran kam, guckte sich Uli meinen Fuß an und gab mir auch für den sechsten Tag grünes Licht zum Laufen. Ich stellte mich an den Startblock C und wartete auf Juliane und Dominik. Die Grundstimmung war an diesem Tag für mich eine ganz andere, als noch die Tage zuvor und dann ging es los.
Die Taktik änderte sich gefühlt nicht mehr. Wir standen vorne im Block C und wollten zügig raus. Schnell den Berg hoch und hoffen, dass das Zeitpolster nach VP2 ausreichte, um VP 3 zu erreichen. Der Weg zur VP 1 verlief nach Zeitplan. Wir holten knappe 50 Minuten heraus. Kurz nach der VP 1 waren wir über 2000 Hm und sollten nun auch für die nächsten 15 Km nicht mehr unter diese Höhenmarke fallen. Der flache Abschnitt zwischen VP 1 und VP 2, denn ich unbedingt laufen wollte, konnten wir nicht laufen. Wir waren wieder auf das B Feld beim Anstieg aufgelaufen und die Leute gingen weitestgehend. Dafür konnte ich nun die Aussichten genießen und diese waren phänomenal. Ihr müsst euch vorstellen, dass wir auf einem Höhenwanderweg liefen, der nur so breit war, dass man nicht einmal nebeneinander laufen konnte. Gespickt von Wurzeln und Steinen, musste man zudem sehr gut aufpassen. Wir hatten perfektes Wetter und es führte dazu, dass wir einen weiten, wundervollen Ausblick hatten. Es war, wie ich schon so oft sagte, einfach nur wow und machte mich immer wieder sprachlos.

Als wir VP 2 erreichten, hatten wir nur 58 Minuten Vorsprung vor dem Cut-Off und in meinem Kopf begann das Rechnen. Mir war klar, dass es sehr knapp werden könnte, sobald es wieder runter ging. Wir hatten abgesprochen, dass wir nur kurz an der VP 2 verweilen, um erst bei der VP 3 eine größere Pause einlegen wollten. Wir liefen zügig raus und es wurde direkt sehr steil, so steil, dass selbst die Profis diesen Anstieg bis auf 2650 m lediglich schnell gingen und nicht liefen.
Wir krochen hoch, immer im leichten Zick-Zack, immer höher in noch steinigeres Gefilde. Dominik hatte ein Tief und musste schwer kämpfen. Er wollte auch für sich sein und ließ sich etwas zurück fallen. Am Ende des steilen Anstieges kam nicht der erwartete Gipfel, sondern es wurde richtig interessant. Wir mussten nun klettern, gute 80 Höhenmeter. So zog ich mich Stück für Stück durch spitzes Gestein hoch bis wir endlich oben auf dem Gipfel ankamen. Auch wenn wir keine Zeit hatten, so wollten wir alle kurz durchatmen und die Aussicht genießen.


Nach wenigen Minuten stiegen wir ab und es wurde schlimmer als gedacht. Der Downhill war für mich eine riesige Katastrophe. Ich knickte etliche Male um. Ein dauerhafter Schmerz setzte sich im getaperten Fußgelenk ein, der auch nicht mehr wich. Getrieben vom Zeitdruck und all den Gefühlen, wollte ich nur weiter und irgendwie VP 3 erreichen. Entgegen jeder Vernunft der letzten Tage beschloss ich keine Pause einzulegen. Diese Kilometer bis zur VP 3 waren für mich die größte Qual. Ich war körperlich und vor allem Mental komplett an meiner Grenze. Juliane blieb immer wieder stehen und schrie mir zu „Sieh doch Daniel, wir haben noch genügend Zeit um Bilder zu machen.“ Ich hatte ihr nicht erklärt, wie ich mich fühlte und wie es mir ging, aber solche Beruhigungen halfen mir gerade überhaupt nicht. Im Gegenteil, sie machten alles schlimmer. Körperlich fühlte ich mittlerweile eine tiefe Erschöpfung wie noch nicht zuvor an einem der vorigen Tage. Ich spürte aufkommende Krämpfe, Ermüdung und den inneren Drang stehen zu bleiben und einfach aufzuhören. Die leichten Anstiege zwischendurch führten immer wieder zu einem Brennen in meinen Beinmuskeln. Alles in mir stellte sich quer, alles wollte nicht mehr. Ich sagte den anderen, dass sie bitte nicht mehr auf mich warten sollten und einfach die Cut-Off mitnehmen sollten, für den Fall, dass ich es nicht mehr schaffe. Ich war sehr langsam und wir verloren immer mehr Zeit und die 58 min Vorsprung schmolzen dahin. Auf dem halben Weg zur VP 3 waren wir nur noch knappe 35 Minuten vor dem Cut-Off. Sprich, wir hatten knapp die Hälfte unseres Polsters auf dem halben Weg eingebüßt.



Doch Juliane und Dominik blieben bei mir. Juliane und ich gerieten verbal sehr aneinander und stritten uns lautstark. Joschi, ein Bruder von Dominik, war zufälligerweise bei uns und beruhigte die Situation mit klaren Worten: „Streiten könnt ihr euch im Ziel. Beruhigt euch und kommt mal runter.“ Dominik hingegen verhielt sich genau richtig für mich und sorgte mit seiner natürlichen Art dafür, dass ich mich nach weiteren 3 km wieder fangen konnte. Wie ich schrieb, lagen meine Nerven komplett blank und ich ahnte schon, dass ich an diesem Tag es sehr schwer haben würde, mich unter Kontrolle zu halten. Welche Art Dominik hatte, damit ich mich wieder fangen konnte? Das bleibt unter jenen, die Anwesend waren. Auf jeden Fall war ich der Zweite in unserer Gruppe, nach Dominik, mit einem Tiefpunkt an diesem Tag. Ich stabilisierte mich. Der Kopf spielte langsam wieder mit und sagte: Jetzt komm runter und bring es nach Hause! Das Brennen in den Beinmuskeln ließ langsam nach und der Schmerz im Fußgelenk legte sich langsam. Es war, als wäre irgendein Knoten geplatzt.
Zwischendurch trafen wir die Frau wieder, die in am Ende der 5. Etappe einen Meter hinter mir stürzte. Sie hatte also nicht aufgegeben und lief noch weiter. Es gab den Verdacht auf einen Bruch in der Hand. Sie entschied sich sofort in Brixen ein Krankenhaus aufzusuchen und irgendwie es bis dorthin auszuhalten.
Dann endlich sah ich in der Ferne VP 3, auch wenn noch ein kleiner Downhill vor uns lag. Ich eilte so schnell ich konnte hinter den anderen her. Der Weg war abschüssig mit Pflastersteinen mit einer Neigung von sicher mehr als 20%. Wegen meines Fußes musste ich deswegen höllisch aufpassen.

Und dann, oh mein Gott, ENDLICH liefen wir über die Zeitmatte und erreichten den letzten VP vor dem Ziel mit knapp 25 Minuten Vorsprung vor dem Cut-Off. Wir hatten es geschafft. Wir nahmen uns sicher knapp 10 Minuten Zeit und aßen ordentlich, tranken ordentlich und liefen entspannter weiter. Am Ausgang der VP 3 war einer der Ärzte und guckte sich jede Läuferin und jeden Läufer sehr genau an. Wir schnackten kurz mit ihm und zogen weiter. Kurz danach entschuldigte ich mich für das Drama und das meine Nerven blank lagen. Der Abschnitt nach der VP 3 war eher flach und dadurch, dass ich mich langsam wieder fing, entspannte sich auch die Atmosphäre im gesamten Team. Ich spürte eine unfassbare Erleichterung in mir und es wurde mir zum ersten Mal bewusst, dass wir gemeinsam den Transalpine-Run schaffen könnten.


Doch der Weg von der VP 3 bis ins Ziel sollte sich etwas Ziehen. Zwar liefen wir nun vermehrt in einem Wald und hatten meist gute Forstwege unter den Füßen, jedoch hatte jetzt Juliane ihren Tiefpunkt. Beim letzten Downhill des Tages, kurz vor dem Ziel, versagten Ihre Knie und sie hatte sehr zu kämpfen. Somit hatte jeder bei uns im Team während der sechsten Etappe seinen Tiefpunkt. Dominik und ich liefen wieder etwas vor und warteten immer wieder auf sie. Wie am vierten Tag, wollte sie nun etwas Ruhe für sich haben und es einfach irgendwie ertragen.

Am Ende schafften wir erfolgreich die Etappe mit 33,6 km nach gut 7:48h. Ich erinnere mich, wie wir zu dritt einliefen und Steph, die Kamerafrau und kleine Trösterin, erst Juliane interviewte und dann sogar mich. Ich habe versucht kurz zu erläutern was in mir vorging. Wir gingen in den Verpflegungsbereich, wo es eine der leckersten Wassermelonen in meinem Leben gab und einen extrem guten Käse. Glaubt mir, ich habe so unfassbar viel gegessen. Danach ging ich zum Info-Stand von PlanB, um zu erfahren, wie wir ins Hotel kommen konnten. Neben mir standen zwei Frauen, die vor mir dran kamen. Sie schmissen ihre Nummern auf den Tisch und sagten: Wir wollen den Transponder-Chip abgeben. Wir wollen nicht mehr. Wir können nicht mehr. Wir haben keine Lust mehr und beenden den Lauf hier und jetzt. Sie erhielten den Pfand zurück, sowie die Startnummer, jedoch ohne Transponder und gingen wortlos weg. Ich war völlig sprachlos, aber es gab wohl Teams, die selbst nach sechs erfolgreichen Etappen aufgaben.
Danach ging es weiter ins Hotel mit dem Shuttle, der auch in Sarntheim gut funktionierte, wenn auch mit etwas Wartezeit. Im Hotel angekommen, bemerkten wir, dass wir mit Dominik und seiner gesamten Familie in einem Hotel waren. Ich war hellauf begeistert über diesen Umstand. Da wir heute sehr spät und sehr knapp ins Ziel kamen, blieb bis zur Pasta-Party kaum mehr Zeit als für eine kurze Dusche. Das Wasser brannte immer noch leicht auf meinen Armen, aber es war nicht mehr ganz so schlimm wie am Vortag im Passeiertal. Puh! Eincremen und Armlinge haben wirklich etwas gebracht.
Bei dem Streckenbriefing wurden eine Änderung bekannt geben. Der letzte von zwei Gipfeln auf der siebten Etappe wurde nur umlaufen, jedoch nicht bestiegen. Der Grund war, dass es eine Gewitterwarnung gab und daher man zum Schutz den Gipfel meiden wollte. Das bedeutete für uns knapp 200 Höhenmeter weniger, jedoch 1-2 km mehr zum Laufen. Dadurch musste auch die VP 3 zu einem tieferen Punkt verlegt werden und der war noch weiter entfernt. Zwischen VP 2 und VP 3 lagen nun fast 17 km, also fast die halbe Distanz des morgigen Tages. Das könnte hart werden.
Nach eben jener Pasta-Party und dem Streckenbriefing setzten wir uns noch in die Hotel-Lobby, um mit Dominik und seinen Brüdern zu quatschen. Auch Sandra, von den Asics Frontrunntern saß mit dabei. Bei dem Gespräch mit ihr und den anderen bemerkte ich, wie viel hundertfach entspannter ich gegenüber dem Morgen war. Sandra hatte wohl auch bemerkt, dass ich sehr angespannt war und ich erklärte mich ihr mit wenigen Worten. Ich fühlte mich das erste Mal seit längerem richtig gut und im Einklang mit mir. Natürlich musste die letzte Etappe erst erfolgreich gelaufen werden, doch ich war voller Zuversicht. Als wir alle Zusammensaßen besprachen wir die Taktik für den Morgen. Die Taktik für den letzten Tag war dieselbe, wie an den Tagen davor auch: Hohes Tempo beim Anstieg und versuchen schnell nach VP 3 zu kommen und hoffen den Cut-Off zu meistern. Von Dominiks Brüdern waren noch Joschi und Benjamin in der Lobby. Wir quatschen über zukünftige Läufe und Projekte. Es war schön einfach entspannt sich zu unterhalten und nicht an den Transalpine-Run zu denken. Was mich abschließend an diesem Tag beeindruckte, war der Umstand, dass Dominik nach der Pasta-Party sich noch eine Pizza bestellte und sie komplett aufessen konnte. Ich hätte das niemals geschafft und war tief beeindruckt.
Am Abend erfuhr ich, dass nur noch ungefähr 200 Teams im Rennen sind. Jeder Dritte war schon ausgeschieden. Unglaublich. Ich erinnerte mich an den Start der ersten Etappe und an meinen Blick durch die Menge der Starter. Jeder Dritte kam wirklich nicht einmal bis nach Sarntheim. Mich stimmte dies nachdenklich. Ich ging darauf hin ins Bett und beendete diesen Tag.

10. September 2016, Etappe 7: Sarntheim – Brixen
Ich stand auf und entdeckte, dass mein linkes Fußgelenk geschwollen war. Verdammt, dass sah wirklich übel aus. Ich seufzte und war gespannt, was Uli dazu heute sagen würde. An diesem Morgen, war das Ankleiden, wie ein kleines Ritual. Wie am ersten Tag, zog ich am letzten Tag mein Vereinstrikot an. Ich hatte genau zwei eingepackt, für genau diesen Zweck. Diese letzte Etappe wollte ich meinem Verein widmen, dem TV Löhne-Bahnhof e.V..
Ich ging zum Frühstück und war diesmal nicht der erste. Als ich mit dem Essen fertig war, ging ich an den Tisch zu Dominik und seiner Familie. Als ich hörte, dass einige von Ihnen vorher zum Arzt oder zum Physiotherapeuten mussten, fragte ich, ob sie einen Platz im Auto frei hätten, da ich auch zum Arzt müsste. Ich war froh, dass sie das bejahten. Der Shuttle in Sarntheim fuhr so spät, dass es knapp geworden wäre, vorher noch zu Uli zu gehen. Sogar Dominik, der für mich unverwundbare, musste sich beim Physiotherapeuten sich tapern lassen. Ich vermutete, dass nun so langsam fast jeder sein Päckchen zu tragen hatte.
Als ich bei Uli saß, zeigte ich ihm das Gelenk und meinte „Na, wie sieht es aus? Darf ich noch einmal? Heute ist es geschwollen, ich bin Gestern sehr oft umgeknickt.“ Er atmete schwer und tastete alles ab. Am Ende sagte er: „Heute wird es wohl noch mal gehen.“ Ich glaube, jede andere Antwort hätte ich auch ignoriert und missachtet. 36 km vor dem Ziel hätte ich nicht mehr aufgegeben. Aber mit dem Segen von ihm, fühlte ich mich auf jeden Fall besser. Ich lächelte nach der Antwort und er lächelte zurück und ergänzte: „Wenn du wieder zu Hause bist, solltest du es unbedingt kontrollieren lassen.“ Ich stimmte dem zu (Was ich unmittelbar getan habe!). Als er fertig war, sagte ich: „Vielen Dank Uli. Für alles.“ Er nickte, wünschte mir alles Gute für die letzte Etappe und wir verabschiedeten uns voneinander.
Ich verließ das Medi-Zelt zum letzten Mal. Ich holte Dominik bei den Physiotherapeuten ab. Er ließ sich das Sprunggelenk tapern, da es etwas gelitten hatte. Juliane kam nicht und so stellten sich Dominik und ich uns schon einmal in den Block C, da es nur noch wenige Minuten bis zum Start waren. Plötzlich tauchte neben uns Cindy und Geo auf. Sie hatten es bis hier hin geschafft. Es war immer noch sehr eng für sie. Den VP 3 der 6. Etappe hatten sie nur um sehr wenige Minuten gerade noch so erreicht. Heute wollten sie sich vorne reinstellen, um gleich schnell rauszulaufen. Irgendwie kam mir diese Strategie bekannt vor. Wirklich sehr knapp vor dem Startschuss kam Juliane und musste sich erst durch den Checkin kämpfen und dann durch den gesamten Startblock, da wir sehr weit vorne standen und der Block komplett gefüllt war. Und dann fiel der Startschuss. Auf geht es nach Brixen und die letzte 36 km lange Etappe. Wahrscheinlich ist in acht Stunden alles vorbei.

Wir liefen leicht bergauf bis wir von einer Straße links abbogen und direkt auf einem Single-Trail waren. Da alle Blöcke gleichzeitig gestartet waren, führte dies sofort zum Stillstand. Wir standen wirklich und mussten warten. Dann kam eine schmale Treppe und nach der Treppe konnten wir endlich weiterlaufen. Ich weiß noch, dass ich kurz danach während des Laufens meinen Rucksack runter nahm und noch im Laufen mir ein Blasenpflaster aus dem Rucksack holte. Als ich eines hatte, setzte ich mich hin, zog mein Schuh aus und klebte mir das Pflaster an den großen Zeh. Ich spürte einen wunden Punkt und ich wollte nicht, dass es jetzt noch schlimmer wird. Juliane lief während dessen weiter. Sie hatte gar nicht bemerkt, dass ich weg war und Dominik war noch hinter uns, da er beim Stau irgendwie noch stärker geblockt wurde. Diese Aktion führte am Ende jedoch dazu, dass Juliane zurück zu mir lief und Dominik wieder aufschloss. So liefen wir wieder zu dritt weiter.

Der Weg bis zur ersten VP war vergleichbar mit dem Hermannslauf. Mal ging es leicht hoch und runter. Wir liefen auf guten, breiten Forstwegen und konnten ein hohes Tempo im Verhältnis zur Cut-Off Zeit laufen. Mit knapp 55 Minuten Vorsprung zum Cut-Off erreichten wir die Verpflegungsstelle 1. Landschaftlich war es im Grunde ein Waldlauf mit schönen Ausblicken ins Tal.
Auf dem Weg zum VP2 wurde es landschaftlich abwechslungsreicher. Bäche, Singletrails, Steinformationen wechselten sich ab und boten ein alpineres Bild. Was mir auf jeden Fall in Erinnerung bleibt ist der Moment, als ich mit nur einem Meter Abstand hinter einer Kuh gehen musste, weil sie den Singletrail komplett ausfüllte. Sie ließ sich eine Menge Zeit und es staute sich sehr stark hinter mir. Die Leute riefen, und versuchten die Kuh zu scheuchen, aber der Kuh war alles egal. Das Scheuchen erklang in unterschiedlichsten Sprachen. Ich hörte deutsch, englisch und spanisch und italienisch. Als der Singletrail einmal kurz breiter wurde, stellte sich die Kuh an die Seite und wir konnten alle passieren. Dennoch dauerte die Aktion sicherlich gute 5 Minuten und führte bei allen zur Erheiterung, Gelächter und einer unvergesslichen Anekdote.


Nach einer kurzen Fotosession und mit knapp 1:25h Vorsprung erreichten wir die VP2. Auf Grund der Streckenänderung sollten wir nun fast 17km keine Verpflegungsstation mehr haben. Ich füllte reichlich meine Vorräte auf und wir liefen nach einer Runde Suppe, Nüssen und Obst weiter.
Jetzt ging es weiter bergauf zum höchsten Punkt des Tages auf knapp 2450m. Dort standen die pinken Puschel Mädels und Jungs und feuerten uns an. Ich weiß, dass ich es nicht zeigen konnte, wie froh und happy ich war sie zu sehen. Das geht an euch: Danke für euren Beistand an jedem der sieben Tage!

Nach dem Anstieg wurde der darauf folgende Abstieg technisch anspruchsvoll. Ich war wie immer sehr, sehr langsam, aber es ging mir gut. Ich versuchte mich auf das wesentliche zu konzentrieren und das war: Komm heile an, bzw. mach nicht alles kaputter. Ich knickte das eine oder andere Mal um, doch es war nicht vergleichbar mit den beiden Tagen zuvor.



Als es flacher wurde, konnte ich mein Tempo wieder hochfahren. Zwischendurch kamen wir an einer Hütte vorbei, bei der wir einen kurzen Stop einlegten für eine Klopause. An der Hütte erfuhren wir, dass wohl angeblich die Cut-Off Zeiten für VP 3 und das Ziel aufgehoben wurden. Wer VP 2 erfolgreich passierte, durfte den Lauf beenden. Danach ging es weiter. Wir konnten erneut gut laufen. Dominik eilte zwischendurch vor. Er wollte sich noch einmal richtig auspowern. Leider übertrieb er es etwas. Als wir ihn einholten, meinte er, dass er es doch ein ticken zu schnell angegangen war. Kurz danach erreichten wir ein handgeschriebenes Schild:
<- 237 km Garmisch-Partenkirchen | Brixen 10 km ->
Wir hielten kurz inne und wir machten Fotos. In dem Moment stand ich zum ersten Mal den Tränen nah. Soweit bin ich also schon gekommen? Ich weiß nicht, ob es den anderen beiden auch so ging. Wir liefen weiter. Ich bekam langsam immer mehr Durst und hatte kein Wasser und keine Elektrolyte mehr. Meine knapp 1,8 l sollten für mich nicht reichen. Verdammt!
Wir liefen erst einmal weiter. Es waren noch knappe 3 km bis zum letzten Abstieg. Der Abstieg sollte die gesamten letzten sieben km bis ins Ziel und knapp 1400 Höhenmeter Abstieg bedeuten. Ich hörte im Vorfeld schon, dass dieser Abstieg es noch einmal wirklich in sich haben sollte. Mein Fußgelenk freute sich nicht. Julianes Knie freute sich nicht und Dominiks Sprunggelenk freute sich nicht.
Kurz vor dem Abstieg überholten uns Cindy und Geo. Sie wirkten sehr fokussiert und wollten den Lauf nur noch beenden, irgendwie. Als der Abstieg anfing, überholten wir die Dame, die an Tag 5 kurz hinter mir gestürzt war. Ihre Hand sah immer schlimmer aus, aber sie biss die Zähne zusammen und wollte nur noch ins Ziel. Wir unterhielten uns kurz und verabschiedeten uns voneinander.
Der Anfang des Abstiegs war für mich brutal. Es war ein Singletrail mit sehr großen Steinen, die wie große Treppenstufen wirkten. Es war nur alles sehr uneben. Zudem hörten wir in der Ferne ein grollen von Donner und der Himmel zog langsam zu. Ich stieg übervorsichtig ab, indem ich die Stöcker vor mich hielt, abstützte und dann die Füße langsam und mit Bedacht nachzog. Als wir unter der Baumgrenze waren, gab es Waldwege und Forstwege. Dort konnte ich wieder besser laufen, jedoch wurde es für Juliane schwieriger. Dominik zapfte eine natürliche Wasserquelle an und besorgte mir so frisches Wasser, denn ich hatte mittlerweile sehr viel Durst. Einen halben Liter später ging es mir deutlich besser.

Nach gut 20 weiteren Minuten erreichten wir die VP 3. Dort angekommen, bestätigten sie offiziell, dass was uns einige Läufer_innen auf der Strecke schon sagten: An VP 3 und im Ziel gibt es kein Cut-Off mehr. Jeder der bis hier hinkam, durfte ins Ziel und sollte offiziell gewertet werden. Dennoch wollte ich nun keine Stunde hier Pause machen, sondern im Ziel, weinen, freuen, duschen und feiern. Genau in dieser Reihenfolge! Wir machten zwar eine ausgiebige Pause, doch da wir alle ins Ziel wollten, liefen wir nach einigen Minuten entspannt los.
Knappe 5 km lagen vor uns, die aus Wiesen, Waldwegen, Forstwegen und Straßen bestand. Wir nutzten die Zeit zum Reden. Wir waren einer Meinung, dass wir zum einen froh waren, dass der Lauf gleich zu Ende ist. Auf der anderen Seite waren wir traurig, dass eben der Lauf gleich vorbei ist. In uns dreien gab es viele gemischte Gefühle.
Bei dem noch 1 km Schild gingen wir, obwohl es nur sehr leicht bergab ging und Asphalt war. Es war Ideal zum Laufen. Ich bemühte mich die anderen zu motivieren, zumindest den letzten Kilometer zu laufen. Wir hatten alle Schmerzen und wir waren alle fertig, aber es war der letzte, wundervolle Kilometer! 1000 m und damit ungefähr nur noch 500 Schritte pro Bein. Die anderen knirschten mit den Zähnen, schmunzelten und liefen los.



Und so liefen wir die Straße runter, gefolgt von einer Unterführung. Diese führte uns direkt in die Innenstadt von Brixen, wo das Ziel lag. Und dann kam dieser eine besondere Moment. Nach 7:22h liefen wir über die Ziellinie. Wir umarmten uns, wir freuten uns. Die Familie von Dominik kam vorbei und beglückwünschte uns. Viele Kameras fotografierten uns und der Moderator erzählte etwas über uns. Wir erhielten, wie jeder der diese Etappe lief, die Finisher-Medaille. Was für ein Moment. Es war unser Moment. Es bleibt unser Moment. Unvergesslich. Ewig.

10. September 2016 – Die Party
Auf dem Weg zum Hotel traf ich noch Geo. Er berichtete, dass Cindy und er es geschafft haben. Ich freute mich und wir gratulierten uns gegenseitig. Im Hotel angekommen legte ich erst einmal alles ab und atmete tief durch und las den letzten Brief. Letzen Brief? Ja, dazu komme ich gleich in der Danksagung. Doch ich musste erst diesen „letzten Brief“ lesen, bevor ich duschen ging. Als Juliane und ich etwas geruht hatten und frischer dufteten als noch im Ziel, gingen wir zur After-Party, wo es die Finisher-Shirts für alle offiziellen Finisher gab.

Dabei passierten wir den Platz, wo die Ziellinie stand, denn es wurde schon kräftig abgebaut. Kurz danach lief mir Uli über den Weg, bei dem ich mich noch einmal herzlich bedanke für seine Hilfe und bei Karsten. Ach ich bedankte mich bei so einigen Personen und ich war einfach nur glücklich. Es gab für mich als Vegetarier sehr leckeren Käse zum Abendessen und die nicht Vegetarier bekamen ein gebratenes Hühnchen. Ich kann nur sagen: Der Käse war super! Es folgten die Siegerehrungen und die Auszeichnungen. Nach diesem feierlichen Akt begann die Finisher-Shirt-Übergabe. Jeder wurde namentlich aufgerufen. Juliane und ich gingen hin und erhielten unsere Shirts. Wir machten zu zweit Fotos und wir machten danach mit Dominik Fotos zu dritt.


Nachdem alle ihr Shirt erhielten, tanzten wir auf der Bühne für ein riesiges Gruppenfoto. Danach stießen alle an, tanzten, feierten, redeten, freuten sich über den Erfolg und trauerten über jene, die es nicht schafften.
Und „irgendwann“ (*zwincker*) ging ich zurück zum Hotel, ohne Juliane, die noch länger feiern wollte. Ich war ziemlich durch und sehnte mich nach einem Bett. Auf den Rückweg traf ich noch Steph sowie einige Frontrunnter an einem Café und setzte mich kurz dazu. Wir quatschten ein wenig und später, als der Eigentümer des Cafés darauf hinwies, dass er eigentlich schon zu hätte, beschlossen die anderen weiter zu ziehen. Ich hingegen ging in mein Bett.

11. September 2016 – Epilog
Am nächsten Morgen hörte ich, dass die Gruppe, die weiter gezogen war, eine tolle Nacht verlebt hatte. Sie wurden vom dem Eigentümer des Cafés sogar begleitet. Sowas kann ich mir in Deutschland einfach nicht vorstellen.
Nach dem Frühstück gingen wir alle getrennte Wege. Ich ging zum Bahnhof, jetzt mit meinen beiden Reisetaschen. Ich fuhr mit dem Zug nach Hause. Zum Glück musste ich nur zweimal Umsteigen (München und Hannover). In den knapp 10 Stunden Zugfahrt schlief ich sehr viel, denn ich war total erledigt. Zum Glück hatte ich noch Urlaub und nutzte diese Tage nach der Ankunft zum Schlafen. Erst zu Hause empfand ich eine tiefe Erschöpfung. Es faszinierte mich, wie sehr ich unter Strom gestanden haben muss und wie sehr mich das gepusht hatte. Ich war über mich selbst erstaunt.
Es folgten Wochen der stetigen Aufarbeitung von Gefühlen, Erinnerungen und Selbsterkenntnissen. Dieser Prozess ist bis heute nicht abgeschlossen und beschäftigt mich immer mal wieder. Die Resultate dieses Prozess werde ich hier nicht notieren. Nur soviel: Der Lauf hat mich charakterlich verändert, nachhaltig. Es kann sein, dass ich irgendwann den TAR noch einmal laufe, aber ich weiß es noch nicht. Jetzt kommen erst einmal andere Laufprojekte.

Danksagungen (sind immer sehr wichtig!)
Zu allererst möchte ich dem Mensch danken, der Schuld für diese Aufteilung des Blogartikels hat: Katja. Sie schrieb mir einen großen Brief, den ich am Vorabend der ersten Etappe öffnen durfte. Er enthielt drei weitere kleinere Briefe, die ich nach der 2., 5. und 7. Etappe öffnen durfte.

Ich möchte ihr für so vieles danken. Fangen wir mal mit den Briefen an. Für mich war es immer eine große Freude die Briefe zu öffnen und zu lesen. Es war hart nicht vorher als erlaubt sie zu öffnen. Doch umso erstaunter war ich, dass sie immer die richtigen Worte fand. Das hat mir verdammt viel bedeutet und war ein großer Halt. Das ständige Warten vor dem Monitor und das Mitfiebern möchte ich an dieser Stelle ebenfalls erwähnen. Am meisten muss ich ihr für das Verständnis danken, dass sie aufgebracht hat, damit ich soviel trainiere konnte, um eine Woche durch die Alpen zu laufen. Sie musste dafür viel auf mich verzichten. Ohne ihre große Unterstützung wäre es ein ganz anderer Transalpine-Lauf geworden.
Als zweites möchte ich Juliane danken, dass sie stets meine Macken und Kanten akzeptiert und immer noch mit mir laufen möchte. Ich bin froh, dass wir das gemeinsam erlebt haben und teilen können. Danke, dass du solch verrückte Ideen mitmachst!
Dann möchte ich der WhatsApp-Support Gruppe danken, insbesondere Ariane, die dort mit Katja eine Art Live Ticker daraus gemacht haben. Der Zuspruch, die lieben Worten, dass Daumen drücken von meiner Familie und Freunden waren immer gut, etwas wunderbares und hat mir sehr geholfen. Ich hoffe, euch haben die Bilder, Eindrücke gut gefallen und ein wenig unterhalten.
Ich möchte der Familie Klöppel, insbesondere Dominik danken, die immer aufmunternde und unterstützende Worte fanden. Dafür, dass ich ihre Bilder hier verwenden und einbetten durfte und ich freue mich auf ein Wiedersehen. Es war schön euch kennen lernen zu dürfen!
Ich möchte auch Steph dafür danken, dass sie an manchen Tagen mit den richtigen Worten meine Stimmung aufhellen ließ. Danke!
Auch möchte ich den Asics Frontrunnern danken, dafür dass sie mich freundlich aufgenommen haben und für einige wirklich gute Gespräche.
Ich möchte meinen Verein danken, der immer einen guten Ratschlag hat, ein paar liebe Worte und ein offenes Ohr. Danke für alles, für all die Jahre!
Ich kann nicht jeden einzelnen namentlich aufführen, daher wenn du dich angesprochen fühlst und bisher nicht hier stehst: Ich habe euch nicht vergessen und danke für eure Untersützung und Anteilnahme!
Und abschließend freue ich mich darüber, dass DU, liebe/r Leser_in, es bis hier hin geschafft hast. Der Blog ist sehr lang und ihn bis hierhin zu lesen, war hoffentlich kurzweilig.
Wenn man den Transalpine-Run läuft, ist eines sicher: Ich war nie alleine und das ist ein verdammt schönes Gefühl!

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