Zugspitzultra Supertrail 2017 – Ein Lauf, wo Leid und Freud nah beieinander sind

Vorweg ist mir eines wichtig zu erwähnen: Leiden gehört unweigerlich zum Laufen. Egal, ob jemand zur S-Bahn sprintet, auf 3000 m alles gibt, auf 10 Km an seine Grenzen geht, einen Marathon absolviert oder gar Ultraläufe macht. Irgendwann, irgendwo kommt ein Tal und wenn dies erfolgreich durchschritten ist, kann es wieder besser werden. Es muss aber nicht besser werden. Es kann auch einfach Scheiße bleiben. Dann bleibt nur die Frage: Kann ich das ertragen und aushalten oder nicht. Die Antwort ist ausschlaggebend, ob das Ziel erreicht wird. Es gab sicher Läufer_innen, die vergleichbares an diesem Tag durchlitten haben. Einigen ging es schlimmer, anderen vielleicht besser. Ich selbst hatte bei diesem Lauf, dass erste Mal mich dazu entschieden, dass ich am Ende bin und meine Grenzen erreicht habe, aufhöre und den Lauf abbreche und mein erstes DNF (Did not Finish) in Kauf nehme. Ich erzähle euch nun, wie es dazu kam und ich den Lauf trotzdem erfolgreich beendete.
Und ich merkte, wie noch nie zuvor, dass Ultraläufer_innen nicht nur auf sich selbst aufpassen, sondern auch auf andere. Diese Gemeinschaft ist wertvoll.

Freitag, 16. Juni 2017
Dominik, ein erfahrener Ultraläufer den ich bei den Sudbrackläufern in Bielefeld kennen gelernt habe, und ich fuhren von Bielefeld aus in 700 km mit dem Auto nach Garmisch-Partenkirchen. Gegen 14 Uhr waren wir im Hotel, gegen 15:15 Uhr trafen wir Juliane, die ich seit dem Herbst letzten Jahres zwar häufig sprach, aber nicht persönlich wiedergesehen hatte. Ich war so froh, sie nach all der Zeit wieder neben mir sitzen zu haben und nicht nur am Telefon zu hören. Es war Pasta-Partyzeit und wir saßen und aßen Nudeln. Bis zu jenem Moment, als ich etwas bemerkte. Stellt euch hier bitte eine dramatische Musik vor. Sie hatte ihr Armband vom Berlin Marathon 2015 nicht mehr um, ich hingegen schon. Okay, ihr fragt euch nun, warum ist das so dramatisch? Sie schlug auf dem Transalpine Run 2016 eine Wette vor. Nimmt sie es zuerst ab, darf sie nochmal zum Hermannslauf antreten. Wenn ich es zuerst abnehme, darf ich nochmal zum Frankfurt Marathon an die Startlinie. Sie hat keine Lust auf den Hermannslauf und ich keine auf den Frankfurt Marathon. Da ich nun die Wette gewonnen habe, freue ich mich auf den Tag, wo sie mit mir an der Startlinie des Hermannslaufes steht, wahrscheinlich 2018. Sie war völlig fassungslos, dass sie ihre eigene Wette vergessen und das Band einfach abgenommen hatte.


Ich traf auch Dom, der Juliane und mich beim Transalpine-Run begleitet hatte, sowie seine Brüder Joschi und Benni und auch seine Eltern. Benni startete über die 100 km, Dom über die 80 und Joschi über die 64 km.

Bei der Pasta Party gesellten sich auch Björn und Daniel zu uns, mit denen ich im zweiten Winter in Folge zusammen für den Hermannslauf trainiert hatte. Die beiden wollten den Basetrail XL (39 km mit 1900 Höhenmetern) laufen. Ihr Ziel war es in unter 5 Stunden diesen Lauf zu absolvieren. Auch Anna gesellte sich zu uns, die gleich für ihren ersten Ultra den 100 km Zugspitzultra festlegte. Auch die Jungs von exito (vgl. Zugspitzmarathon 2016 und Zugspitzultra 2016) traf ich nach der Pasta Party wieder. Ich traf so viele bekannte Gesichter an diesem Abend, dass ich unmöglich alle aufzählen kann, ohne dabei einige Person zu vergessen. All die Personen wiederzusehen, war einfach eine schöne Sache. Ich realisierte hier zum ersten (von zwei Malen an diesem Wochenende), dass ich wirklich viele Läufer_innen die letzten Jahre kennen gelernt hatte. Über diesen Umstand war und bin ich wirklich froh. Mein erstes Ziel des Zugspitzultras (ZUT) Wochenende war hiermit erledigt. Ich hatte gehofft, dass das ZUT Wochenende sich wie ein Familientreffen anfühlen würde. So und nun schnell zurück zum Hotel in Garmisch-Partenkirchen und ab ins Bett, den in wenigen Stunden sollte es losgehen.

Samstag, 17. Juni 2017
Aufgestanden, frisch gemacht und los geht zum Parkplatz P1 in Grainau. Von dort aus durften wir erst einmal 2 km zum Bus-Shuttle gehen, der uns nach Leutasch-Weidach in Österreich bringen sollte. Vor den Shuttle Bussen trafen wir Juliane wieder. Wir stiegen gemeinsam ein und fuhren los. Alles war recht entspannt. In Österreich angekommen trafen wir Joschi, der von den Klöppel Brüdern die 64er Distanz lief.

Nach einem Gang aufs Klo, einigen Foto-Sessions ging es zur Check-In Kontrolle mit der zentralen Frage: Habe ich die Pflichtausrüstung dabei, um starten zu dürfen? Die Antwort nach der Kontrolle war: Ja.
Während der gesamten Phase traf ich weitere Leute, die ich zuvor kennen gelernt hatte. Unter anderem sprach mich Dirk an. Dirk lernte ich auf dem Zugspitzmarathon kennen. Er gehörte damals auch zu den letzten, die überhaupt noch im Juli 2016 die Zugspitze hoch steigen durften.

Der Lauf
Km 0 bis Km 16 (Verpflegungspunkt 5)
Juliane, Dominik und ich starteten um 9:00 Uhr relativ entspannt. Im großen Unterschied zum letzten Jahr, wusste ich nun was vor mir lag. Dieser Lauf sollte der dritte von vier Läufen werden, den ich nur aus Freude am Laufen machen wollte. Die ersten Kilometer waren flach und leicht zu laufen. So kamen wir recht schnell bis Km 4, wo das Laufen in ein Wandern überging, da es zu steil wurde. Hier traf ich einen weiteren Dirk, den ich beim Teutoburger Waldmarathon kennen gelernt hatte.


Er machte Fotos, ich machte Fotos und andere machten Fotos an dieser einen schönen Aussicht. Wir quatschten kurz und ich zog weiter. Dominik war einige Meter vor mir, Juliane einige Meter hinter mir. Als ich oben ankam, musste das jährliche Scharnitz Joch Foto gemacht werden und wir zogen weiter. Juliane lief sofort schnell den Downhill runter und es war das letzte Mal das ich sie während des Laufes sah. Ich kann kein Downhill laufen und akzeptierte diesen Umstand einfach und blieb locker. Auch Dominik kam den Berg besser runter.


Ich lernte beim Abstieg wieder mehrere Personen kennen, denn irgendwie kommt man oft einfach so ins Gespräch. Der Abstieg kam mir dieses Jahr leichter vor, wohl weil der Weg nicht so rutschig und schlammig war, wie das Jahr zuvor. Irgendwann ertönte es hinter mir „Ich wusste, dass ich dich beim Downhill kriege“. Joschi rief dies zu mir. Ich musste lachen und rief zurück „Das ist jetzt keine Überraschung.“ Ich spielte damit auf den Umstand an, dass er Juliane und mich auf dem Transalpine Run 2016 immer am Downhill überholte.

Ich kam am Fuße an und konnte nun wieder ordentlich laufen. Der Weg zur ersten Verpflegungsstation (VP) war ein Forst-/Waldweg wie ich ihn vor meiner Haustür hatte. Da sie für die 100 km Läufer_innen durchnummeriert wurden, war meine erste Verpflegungsstation (VP). die Nr. 5.

Km 16 (Verpflegungspunkt 5) bis Km 26 (Verpflegungspunkt 6)
An der VP5 traf ich Dominik wieder, der auf mich gewartet hatte. Ich hörte, dass Juliane wohl schwer gestürzt sei. Joschi war auch noch beim VP, verließ ihn aber kurz nachdem ich ihn erreichte. Ich füllte meine Flaschen auf, trank etwas, aß etwas und fühlte mich gut. 2:30h waren bisher vergangen und 16 von gut 64 km abgelaufen. Dominik schloss sich mir wieder an und so liefen wir locker nach VP 6. Da die Strecke weitestgehend flach war, konnten wir diese 10 km sehr gut laufen. Es fühlte sich wie ein heimischer Waldlauf an. Wir liefen zwischen einer 5:30 min/km und 6:00 min/km.
Irgendwo bei Km 19 holten Dominik und ich den Joschi mit seinem Laufpartner ein. Bei Km 20 überholte uns der erste Läufer von der 80er Strecke. Der hatte bei nur einer Stunde mehr Zeit schon 20 km gute 1300 Höhenmeter mehr in den Beinen.
Und dann kamen wir in die Leutasch-Weidach Geisterklamm und langsam begann es. Ich fühlte mich nicht mehr so gut und nahm etwas Tempo raus und meinte zu Dominik, er könne ruhig sein Tempo machen. Er lief auch etwas vor. An der Klamm selbst, machte ich ein Foto und trabte weiter. Bis hierhin war ich ungefähr bei Km 25. Plötzlich bekam ich starke Kopfschmerzen, Magenschmerzen und ich fühlte mich schummerig. Ich dachte, bis zum VP 6 ist es nicht mehr weit, bis dahin ziehe ich erst einmal durch. Doch es ging mir immer schlechter. Ich erreichte gerade so den VP 6. Katja, eine Asics Frontrunnerin, die ich beim Transalpine Run kennen gelernt hatte, empfang mich, machte ein Foto und erklärte mir, dass Juliane gut durchläuft, trotz ihres Sturzes wohl nichts wildes hat. Ich war erleichtert zu hören, dass es ihr gut ging.

Ich musste mich erst einmal hinsetzen, da mein Kreislauf weg war. Dominik wartete und kam auf mich zu. Ich war in diesem Moment sehr mit mir selbst beschäftigt. Wieso leide ich so? Was ist los? Ich aß, ich trank. Die Speicher waren definitiv nicht leer. Kraft war da, Muskeln waren in Ordnung. Woher kamen diese Defizite? Ich verspeiste etwas Wassermelone und Orangen, denn die ging bisher immer. Ich fand keine Antwort. Ich hatte gut 1:45h Vorsprung vor dem Cut-Off, aber der sollte heute keine Rolle spielen. Ich bat Dominik ab hier ohne mich weiterzulaufen. Ich wollte alleine sein und erst einmal mich selbst ergründen. Ich wollte kein schlechtes Gewissen haben, dass ich ihn aufhielt oder er immer auf mich warten musste. So zog er mit Joschi und dessen Laufpartner Bernd los.

Km 26 (Verpflegungspunkt 6) bis Km 31 (Verpflegungspunkt 7)
Ich blieb noch sitzen und dachte einen Moment weiter nach. Als mir immer noch kein Grund einfiel, wieso es mir so ging, stand ich auf. Es hilft nichts, ich hab noch einiges vor mir und der nächste VP ist nur 5 km entfernt. Ich wanderte fast die gesamte Strecke nach VP 7, obwohl sie teilweise gut laufbar gewesen wäre. So verlor ich zwar keine Zeit, ich gewann aber auch keine. Es ging mir aber langsam wieder besser. Das ruhigere Tempo tat mir gut. Die Einsamkeit, das fokussieren auf mich, halfen mir enorm. Nach 4:45h Stunden traf ich mit besserer Verfassung beim VP 7 ein. Ich traf Dominik hier kurz, der schon fast dabei war weiter zulaufen.

Als Dominik los lief, setzte ich mich zu Joschi. Er sprach mir gut zu und gab mir einen Schluck von seiner Fanta. Ferner berichtete er mir, dass sein Laufkollege Bernd und er auch Magenprobleme haben. Ich erkundigte mich nach Dom und Benny, seinen Brüdern. Er hatte bisher nur etwas von Benny gehört. Der sei bei VP4 und es ginge ihm nicht so gut.

Km 31 (Verpflegungspunkt 7) bis Km 43 (Verpflegungspunkt 8)
Joschi, Bernd und ich liefen gemeinsam los. Schon nach einigen hundert Metern erkannte ich, dass das keinen Sinn machte. Ich ließ die beiden ziehen und wollte wieder alleine sein. Ich wollte mein Tempo laufen oder wandern und meinen Magen schonen, sofern das überhaupt möglich war. Es ging mir wieder schlechter. Berg runter quälte ich mich zum Traben, weil ich wusste, dass es irgendwie gehen musste, aber je länger ich trabte, umso schlechter ging es mir. Ich sprach in dieser Phase mit niemand und wollte es auch nicht. Die Idee diesen Lauf aus Spaß und Freude zu laufen, war hier faktisch vorbei. Am Ende des bergab Stückes kam ich bei Schloss Elmau an.

Ich zwang mich förmlich die paar flachen hundert Meter zu joggen, weil ich wusste, dass gleich ein längerer bergauf Abschnitt kam, wo ich eh wandern konnte. Genau beim Wechsel zwischen flach und bergauf fühlte ich mich wieder wie an VP 6. Ich beschloss mich auf die nächste Bank zu setzen und zu pausieren, sofern eine kam. Ich sollte Glück haben. Ich setzte mich und packte ein Gel aus und nahm es zu mir. Nach nicht einmal 3 Minuten war ich schon wieder unterwegs und es ging mir erheblich besser. Mein Magen beruhigte sich, die Kopfschmerzen gingen auch zurück. In diesem Moment wurde mir auch langsam klar, was mein Problem war: Ich kam mit der Hitze nicht zurecht. Der kleine Anstieg war im Wald, wo viel Schatten war und es kühler wurde, tat mir sehr gut. Das Gel führte dazu, dass ich wieder etwas Kraft bekam.
Ich stieg weiter langsam auf und musste am Ende an einer Hütte vorbei, wo viele Wanderer leckere Dinge zu sich nahmen. Wahrscheinlich erschien mir in dieser Phase einfach alles als sehr lecker. Ich war schon ein wenig neidisch, muss ich gestehen.
Es ging weiter in Richtung VP8. Es folgte ein Abschnitt, wo es keinen Schatten mehr gab und mein Unwohlsein wieder zunahm. Das bestätigte meine Vermutung, dass die Hitze mir zu schaffen machte. Ich erinnere mich, dass ich letztes Jahr hier gut laufen konnte, aber dazu hatte ich jetzt nicht die Möglichkeit. Jedes Antraben führte unweigerlich dazu, dass mein Magen sich sofort meldete. So war es ständig ein zügiges Wandern wechselnd mit langsames traben. Ich traf eine Läuferin, die erste Person seit VP7 mit der ich sprach. Sie beklagte sich, dass ihr die Hitze zu viel sei und sie an ihrer Grenze wäre und wohl aussteigen werde. Wir redeten kurz, ich versuchte sie zu motivieren weiter zu machen, dass der letzte Anstieg wunderschön sei und es sich lohnen würde. Wir trennten uns, da ich etwas zügiger unterwegs war.

Ich mochte diesen Abschnitt schon 2016, da er einfach wunderschön ist. Ich verfluchte den Umstand, dass es keinen Schatten gab und die Sonne mich weiter brutzelte, aber ich ging weiter. Schritt für Schritt. Ich traf ein polnisches Pärchen, die ich darum bat ein Foto von mir zu machen. Auch sie klagten über die Heftigkeit der Berge, dass sie das so nicht erwartet hatten und über die Hitze.
Irgendwann kam endlich der Downhill im Wald, auf den ich so lange gewartet hatte. Abkühlung und lockeres bergab joggen. Hier, ungefähr bei km 40 überholte mich der 1. Mann aus dem 100 km Rennen. Er rannte förmlich und er hatte schon 37 km mehr in den Beinen, sowie 2500 Hm. Ich fand das sehr beeindruckend.
Dann endlich erreichte ich die Klamm vor VP8. Was für ein wunderschöner Ort. Nachdem 2016 dort alle Bilder nur Müll waren, wollte ich dieses Jahr unbedingt ein gelungenes Foto machen. Gesagt getan. Nun kam der letzte kleine Aufstieg hoch zur VP8. Alle um mich herum quälten sich dort hoch. Katja kam mir entgegen, machte ein Foto und munterte mich auf. Juliane ginge es wohl gut, sie sei mehr als eine Stunde vor mir. Puh, wenigstens sie scheint gut durchzukommen!

Ich erreichte endlich die VP 8 und in dem Moment brach Dominik brach auf. Er schien einen Laufpartner gefunden zu haben. Ich freute mich, dass es ihm gut ging. Schließlich hab ich ihn überredet mit hierhin zukommen. Und dann kam Joschi mir zielstrebig entgegen und sagte etwas, was ich nicht erwartet hatte.
Joschi offenbarte mir, dass sein Laufpartner Bernd aussteigt. Er hat massive Magenprobleme und könne nicht mehr. Joschi sei faktisch auch am Ende, hätte auch Magenprobleme, wolle aber irgendwie nicht aufgeben. Er suche jemanden, der ihn bis zum Gipfel motiviert. Ich zögerte nicht und sagte ja, ohne zu wissen, ob ich es selbst packen werde. Ich versuchte etwas zu essen, doch mehr als einen Bissen in eine Wassermelone und einen losen bissen in eine viertel Orange war mir nicht möglich.
Ich füllte hier meine Vorräte auf und ging zur Medical Crew. Meine Arme wurden rot und mein Gesicht spannte. Ich ahnte, dass ich schon einen Sonnenbrand hatte. Ich fragte nach, ob ich nicht etwas Sonnencreme bekommen könnte. Offiziell hatten sie keine, doch ein Helfer hatte privat etwas dabei, das er mit gab. Besser etwas eincremen, als gar nicht, dachte ich mir.
Ich holte Joschi ab, der auf einer Bank saß und noch um mehr Pause bittete, doch ich sagte, wir müssten weiter. Ich war der festen Überzeugung, dass es nichts brachte das weitergehen hinaus zu zögern. Er hatte schon 20-30 Minuten und ich hatte für mich auch ausreichend Pause gehabt. Dachte ich.

Km 43 (Verpflegungspunkt 8) bis Km 51 (Verpflegungspunkt 9)
Wir wanderten los und bergab joggten wir auch kurz. Plötzlich wurden meine Magenbeschwerden immer schlimmer. Jedes Mal, wenn wir auch nur leicht berghoch gingen, atmete ich besonders schwer und mein Magen rebellierte. Ich fühlte mich schon nach wenigen Minuten nicht mehr gut. Auf einem flachen Stück kurz nach VP 8 brauchte ich die erste Pause. Joschi wartete auf mich. Als es sich in mir beruhigt hatte, gingen wir weiter. Auf dem Anstieg wuchs unsere Gruppe um Lukas, den wir beide dort erst kennen lernten. Doch relativ früh beim Anstieg bemerkte ich, dass nichts mehr ging. Ich hatte nicht nur mental einen Durchhänger, die Schmerzen und die Übelkeit nahmen stetig zu. Irgendwann bei Km 49, gute 2 km vor dem VP9 setzte ich mich an ein Gebüsch und auf einen Stein mit den Worten: „Ich kotze gleich. Ich muss ein Gel nehmen. Wenn ich das nicht in mich rein bekomme, war es das. Ich bin am Ende meiner Kräfte.“ Joschi sprach mir gut zu und beide warteten auf mich. Ich war sehr langsam in allem was ich nun tat. Ich nahm meinen Rucksack ab und packte mein Gel aus. Ich öffnete es und nahm nur einen kleinen Tropfen und schluckte ihn runter und sofort kam es zu einem heftigen Würgereiz, der zum Glück nicht zum Erbrechen führte. Ich pausierte, holte Luft und wartete, bis es sich beruhigte hatte. Ich nahm nach 2 oder 3 Minuten den nächsten Tropfen vom Gel. Als ich bemerkte, dass Lukas weiter ging, meinte ich zu Joschi er solle sich Lukas anschließen. „Geh davon aus, dass ich mich bei VP9 disqualifizieren lasse und aussteige. Ich kenne die Strecke durch 2016 und werde sicher in 2-3 Stunden beim nächsten VP erst ankommen“, sagte ich zu Joschi. Joschi haderte mich sich. Ich sagte ihm, er brauche kein schlechtes Gewissen haben. Alles sei in Ordnung, ich wäre nicht böse, sondern hätte eher selbst ein schlechtes Gewissen, wenn ich ihn hier aufhalten würde. So ging er mit Lukas weiter und ich war alleine.
Ich nahm sehr, sehr langsam das Gel zu mir. Es liefen gute 20 Personen an mir vorbei und fast alle fragten, ob ich Hilfe bräuchte. Auf Deutsch oder Englisch antwortete ich immer, dass man mir nicht helfen könne. Ich hätte sehr schlimme Magenprobleme und bräuchte eine Pause und würde an VP9 wohl aussteigen. Ich musste wie ein Häufchen Elend ausgesehen habe, da einige mich sehr mitleidig ansahen. In diesem Moment war ich wirklich fest im Entschluss, dass ich aufgebe und aussteige.
Als ich das Gel komplett gegessen hatte, wartete ich nochmal 5-10 Minuten. Ich wollte meinem Magen die Zeit geben, die er wohl bräuchte. Fast eine halbe Stunde saß ich nun auf dem Stein. Als ich minutenlang zitterte, weil ich so fror, stand ich auf, nahm meinen Rucksack und ging langsam weiter.

Nur kurz danach lernte ich Patrick kennen, der gerade eine kleine Pause gemacht hatte. Er schloss sich mir an und wir gingen zu zweit den Berg hoch. Alleine das Reden mit ihm tat mir gerade gut. Mein Magen beruhigte sich, ich fühlte mich wieder besser und war zumindest mit ein wenig Energie gesegnet. Allerdings trank ich fast nichts mehr, denn bei jedem Schluck drehte mein Magen sofort wieder durch. Die Zeit verging, es wurde Abend und somit endlich kühler. Meine Kopfschmerzen ließen nach und mein Kreislauf stabilisierte sich.
Wenige Meter vor der VP9 bat ich jemanden von der Bergwacht ein Foto von mir zu machen. Ich meinte zu ihm, dass ich ja nicht mehr so viel Zeit hätte, denn der Cutoff käme immer näher, doch er meinte, ich hätte genügend Zeit und bräuchte mir keine Sorgen machen. Er machte ein Foto von mir und ich bedankte mich und ging weiter.

Ich kam an die VP 9 und sah mich um. Meine Getränkeflaschen am Körper waren faktisch noch voll. Nachfüllen musste ich somit gar nichts. Ich nahm mir ein kleines Stück Wassermelone, biss einmal rein, merkte sofort, dass mein Magen nicht wollte und ließ es sein. Alles andere was noch im Angebot war, sah lecker aus, aber war für mich undenkbar. Ich war keine zwei Minuten am VP 9. Ich hatte ja kurz vorher eine längere Pause gemacht und brauchte nicht noch eine. In diesem Moment stellte sich für mich nicht die Frage, ob ich aufhöre oder weitermache. Es ging mir zwar schlecht, aber ich konnte es ertragen. Solange ich es ertragen kann, solange mache ich weiter. Außerdem hatte ich noch 5 Stunden für 12 km. Selbst mit sehr vielen extra Pausen, sollte das machbar sein, dachte ich.

Km 51 (Verpflegungspunkt 9) bis Km 58 (Verpflegungspunkt 10)
VP 9 und VP 10 waren identisch. Es musste im Grunde eine 6 km lange Schleife gelaufen werden. Da ich am VP 9 weder Juliane, noch Joschi oder Dominik gesehen hatte, ging ich davon aus, dass alle schon weg waren. So lief ich los. Okay, es war zügiges wandern. Zu mehr war ich nicht mehr in der Lage. Vor nicht mal 30 Minuten beschloss ich aufzuhören und jetzt sagte ich einfach nichts. Rückblickend bin ich der festen Überzeugung, wäre ich bei einem VP und nicht an einem Busch gewesen, wäre ich tatsächlich ausgestiegen. Da ich aber irgendwo an einem Busch saß, hatte ich wohl genügend Zeit, um meine Meinung zu ändern.

Nun fehlten mir noch knappe 400 Höhenmeter bis zum Gipfel des zweiten Berges. Bei dem Aufstieg sah ich in der Ferne jemanden der nicht sehr frisch aussah. In einer Kurve sah sich diese Person zu mir um, und guckte wieder weg, nur um dann sofort geschockt zu mir zu gucken. Es war als wenn du Person denkt: „Warte mal, was macht der denn hier?“ Ich holte nach und nach diese Person ein und es war Joschi. Als das passierte umarmten wir uns und er sagte zu mir „Ich kann nicht mehr.“ und ich antwortete „Ich sagte doch, ich treib dich zum Gipfel. Du bist im Downhill stark. Runter wirst du es schaffen.“ Ich überspielte damit meine eigene Erschöpfung, keine Frage. Ich erklärte ihm, dass es mir gerade – naja – geht und ich mich auch nicht gut fühle. Dann kamen wir gemeinsam an dem „Noch 10 km“ Schild vorbei und jubelten.

Joschi machte seine Musik an und wir gingen hoch bis zum Wendepunkt bei der Alpspitze. Dort war auch die Bergwacht, eingepackt in großen Decken und sitzend in bequem aussehenden Stühlen. Ich rief laut zur Bergwacht „MOIN MOIN“. Einer antwortete sogar in hamburgischen Dialekt und ich verneinte lachend, dass ich von der Küste käme. Ich sei Ostwestfale und dort würde man es auch noch gerade sagen, was der eine von der Bergwacht lachend bestätigte.

Joschi und ich klatschten uns ab und die Bergwacht meinte, dass es jetzt eigentlich nur noch bergab gehen würde. Das ist natürlich nicht gerade meine Paradedisziplin, aber zumindest Joschi hatte es nun geschafft. Wir stiegen ab zu VP 10. In dem Moment kam Patrick erneut und ich erfuhr, dass er und Joschi sich schon kannten. Bis kurz vor VP 10 waren wir eine kleine Gruppe und wurden von zügigen 100 und 80 km Läufer_innen überholt. Bei der VP 10 angekommen, ging ich zur Verpflegung. Ich musste wieder nichts an meinen Vorräten auffüllen, da ich nichts getrunken hatte. Ich bat darum mir einen kleinen Schluck von der Tomatensuppe zu geben. Es war wirklich nur ein Schluck, nicht mehr wie 1,5 Eßlöffel und das war mein Abendessen. Vorsichtig schlürfte ich die warme Suppe. Es tat gut etwas zu bekommen, aber mehr wollte ich meinem Magen nicht zumuten. Ich hatte das letzte Mal bei VP 7 richtig gegessen und natürlich merkte ich das.

Km 58 (Verpflegungspunkt 10) bis Km 64 (Ziel)
Joschi saß in einer Decke neben mir und wir unterhielten uns kurz. Als wir nach 3, 4 Minuten aufstanden, um weiter zu gehen, fragte er mich, ob es okay sei, dass er sein Tempo bergab machen könnte. Ich meinte nur „Auf jeden Fall. Seh‘ zu, dass du ins Ziel kommst und dich ausruhen kannst.“ Er schien erleichtert und lief los. Ich ging erst einmal langsam los und holte Luft und sah in den Himmel und dann auf die Uhr. Ich bezweifelte gerade, dass ich im hellen den Abhang noch vollständig runter käme.

In dem Moment wurde ich aus meinen Gedanken gerissen. Jochen von exito (vgl. Zuspitzmarathon 2016 oder ZUT 2016) begrüßte mich mit den Worten „running-barthelomeo. Mensch, das ist ja toll, dass ich dich noch sehe. Komm geh ein wenig und ich mach ein Foto von dir.“ Gesagt, getan. Er nutzte meinen Instagram Namen als Rufnamen in dem Moment, was mich zum Schmunzeln brachte. Wir redeten kurz und er berichtete mir, dass seine Jungs gut auf der 100 km Strecke unterwegs seien und top Zeiten erreichen werden. Er fragte noch, wie es bei mir läuft und ich sagte nur, dass ich ins Ziel kommen werde und das ich vor allem Magenprobleme habe. Wir verabschiedeten uns und ich ging weiter.
Der letzte Abstieg. Was soll ich dazu noch sagen, was ich nicht schon in den alten Blogartikel gesagte habe? Er war einfach anspruchsvoll und wird nicht mein Lieblingsabschnitt werden. Zumindest war es trocken. Ich stieg langsam ab und mit einigen, die mich überholten, quatschte ich kurz. Kurz vor dem „Noch 4 km Schild“ musste ich mein Kopflicht auspacken, denn es wurde dunkel.

Es folgte das noch 3 km Schild und mit ihm neue Gesprächspartner und neue Themen. Die letzten 2 km waren auf einer flachen Straße in Grainau und führten durch die Stadt. Somit waren alle Höhenmeter im positiven und negativen absolviert. Diesen Abschnitt nutze ich zum lockeren Auslaufen. Ich war nicht schnell, aber ich lief. Jeder der mir entgegenkam, wirklich jede und jeder applaudierte und feuerte einen an, nachts nach 22 Uhr. Es war so, als wenn das ganze Dorf entspannt den Samstagabend verbringe und einfach alle Läufer_innen anfeuern würde.
Noch 1 km. Je näher ich zum Ziel kam, umso mehr Leute traf ich, umso mehr wurde angefeuert. Und dann kamen die letzten 300, 400 m und ich wusste, dass es vorbei war. 150 m vor dem Ziel wurde schon einmal die Nummer automatisch beim Vorbeilaufen eingescannt, so dass der Sprecher wusste, wer einläuft. Und ich hörte die Ankündigung meines Namens und ich lief zur Ziellinie, holte Luft, sprang über sie hinweg und schrie mir die Seele aus dem Leib. Ich war so überglücklich es geschafft zu haben, obwohl ich mich entschieden hatte aufzugeben.

Nach dem Ziel
Juliane war die erste die mir persönlich gratulierte mit den wundervollen Worten „Herzlichen Glückwunsch und drück nicht so fest. Du bist total verschwitzt und das ist nicht so schön.“ Ja, da kam es wohl über mich, dass ich meine Freude noch nicht kanalisieren konnte.
Essen konnte ich noch nichts und sollte ich an dem Abend auch nicht mehr. Meine Zielverpflegung war ein süßer Tee, auf den mein Magen nicht so ansprechen wollte. Ich ging dann zu Joschi, um mit ihm kurz zu reden. Er war bei seiner Familie und es ging ihm sichtlich schlechter als mir. Er war 20 Minuten vor mir im Ziel gewesen. Wir umarmten uns und bedankten beieinander. Ich redete kurz mit den Eltern von Joschi und erkundigte mich ein letztes Mal nach Dom und Benni. Benni war wohl bei VP8 und Dom bei VP9. Beide hatten ihre Probleme und beide bissen sich durch.
Ich setzte mich zu Juliane und Dominik und wir redeten. Joschi hatte Juliane gesagt, dass ich aussteige als er bei VP9 und sie bei VP 10 war. Sie wollte das erst nicht glauben und dachte er meine einen anderen Daniel. Doch ich bestätigte, dass er mich meinte. Ich erzählte davon, wie es mir erging und warum ich jetzt immer noch nichts esse und auch nichts essen kann. Wir unterhielten uns über vieles, ihren Sturz, den Rennverlauf eines jeden. Auch Anna war ein Thema, da sie in dem Moment beschlossen hatte den 100 Km Lauf an der VP 6 zu beenden. Nach kurzer Zeit meinte Dominik, dass ihm kalt wäre und er ins Hotel möchte. Schließlich wartete er schon eine Stunde auf mich. So standen wir auf und ich holte mir eine Apfelschorle, die ich auf dem Weg zur Finishershirt Abholung austrank. Wir holten uns das Shirt und gingen zurück ins Hotel. Dafür mussten wir erst einmal knapp 2 km gehen, um den Parkplatz P1 zu erreichen, auf dem mein Auto stand. Nicht, dass ich nicht schon ausreichend gelaufen wäre.

Im Hotel angekommen wurde nur noch schnell geduscht und geschlafen. Als ich schon schlief, liefen Dom und Benni ins Ziel ein. Ich führ meinen Teil musste am nächsten Morgen 700 km mit dem Auto zurück nach Hause fahren. Am nächsten Morgen telefonierte ich kurz mit Björn, der mir berichtete, dass er und Daniel ebenfalls erfolgreich ihren 39 km Base XL Lauf beendeten.
In einer Woche geht es mit dem vierten von vier Läufen unter dem Motto „Freude am Laufen“ weiter: Mein dritter Biggeesee Marathon.

Und die letzten 4 Km:

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Ein Kommentar zu Zugspitzultra Supertrail 2017 – Ein Lauf, wo Leid und Freud nah beieinander sind

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